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Full text of "Öffentliche Gesundheitspflege 7.1922 U California"

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Öffentliche Gesundheitspflege. 

Braunschweig : Friedrich Vieweg und Sohn, 

http://hdl.handle.net/2027/ucl.b3063908 


HathiTrust 



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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 


Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. A. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Höpfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Cöln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Cöln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.); Reg.- und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrlg (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.- Ing. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 

herausgegeben von 

Prof. Dr. R. Abel und Dr. S. Merkel; ; 

Geh. Obermedizinalrat Obermedizi na Irart“ - '• - V . ^ ; 

Jena Nürnberg" - 


Siebenter Jahrgang. 1922 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 



Braunschweig 

Drude und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Mkt.-Ges. 

19 2 2 


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Alle Rechte Vorbehalten 



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Jahresübersicht. 


a) Aufsätze. 

Seite 


Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. Von Regierungs*Medizinalrat 

Dr. M. Thumm, Lcipzig*Dösen.181 

Altersinterpolation, Uber, bei Kindermessungen und über ein neues Ver* 
fahren derselben. Von Prof. Dr. Lampart und Medizinalrat Dr. med. 

et phil. Bachauer in Augsburg. (Mit 3 Abbildungen).361 

Arzt, Der öffentliche, und die öffentliche Gesundheitspflege. II. Von Ober* 

medizinalrat Dr. Moritz Henkel, Garmisch. 1 


Arzt und Jugendamt. Von Prof. Dr. Krautwig, Köln. (Vortrag, gehalten 

am 21. Mai 1921 auf dem Bevölkerungspolitischen Kongreß der Stadt Köln) 81 
Desinfektionsverfahren mit Blausäure, Das. Von Kreisarzt Dr. Wolf in 

Cassel. (Zusammenfassende Übersicht II).126 

Diphtherie, Uber den Verlauf der, in Schöneberg von 1909 bis 1921. Von 
Dr. Lucia Hahn, Schulärztin im Bereich des Gesundheitsamtes Schöne* 

berg. (Mit fünf Abbildungen).267 

Ehevermittelung, Uber geschäftsmäßige und amtliche. Von Dr. med. 

Fetscher. [Aus dem Hygienischen Institut der Technischen Hoch* 

schule Dresden. Direktor: Prof. Dr. Ph. Kuhn].109, 157 

Ernährungslage, Unsere, nach dem Kriege nach Untersuchungen in öffent* 
liehen Speiseanstalten. [Aus dem Hyg. Institut der Universität Königs* 
berg i. Pr.] Von Dr. W. E. Hilgers, Assistent des Instituts. (Mit 

einer Abbildung).221 

Gebürtigkeit, Die, und Sterblichkeit der Kinder in Heidelberg in den ver* 

schiedenen sozialen Schichten. Von E. G. Dresel und Fr. Fries . . 289 
Geschlechtskrankheiten, Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes 

zur Bekämpfung der. Von Landesrat Dr. Karl Vossen in Düsseldorf 231 
—, Prinzipienfragen bei den Gesetzentwürfen zur Bekämpfung der. Von 

Dr. med. Dreuw in Berlin.117 

Gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit beim Jugendamt, Die. Von Rechtsrat 

Dr. Ammann, Vorstand des Jugendamtes Heidelberg. 37 

Gesundheitspflege, Chronik der. Arbeits* und Gewerbehygienc. Von Ober* 

medizinalrat Dr. Franz Spaet in München.204 

—,-. Infektionskrankheiten. Von Obermedizinalrat Dr. Franz Spaet 

in München.131 

—, — —. Leibesübungen. Von Privatdozent Dr. Gerhard Wagner in 

Danzig. 92 

—, — —. Leibesübungen. Von Dr. Gerhard Wagner, Direktor des 

Hygienischen Instituts der Freien Stadt Danzig.408 


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IV Jahresübersicht. 


Seite 

Gesundheitspflege, Chronik der. Rassenhygiene und Vererbungslehre. Von 

Sanitätsrat Dr.W. Weinberg in Stuttgart.238 

—,-. Säuglings* und Kleinkinderfürsorge 1921/22. Von Prof. Dr. Sieve* 

king in Hamburg.348 

—,-. Schulhygiene. Von Stadtschuloberarzt Dr. Rudolf Bändel in 

Nürnberg.168 

— f -. Wohnungsfürsorge und Wohnungspolitik. Von Prof. Dr. A. Korf f* 

Petersen, Berlin.314 

Gesundheitspolitik, Zur. Von Stadtarzt Dr. Ernst Neumann, Neumünster 217 

Hygienischen Volksbelehrung, Die Technik der. Von Medizinalrat Dr. 

G. Seiffert, München.374 


Laboratorien, Einrichtung und Aufgabe gewerbeärztlicher. [Aus dem 
Laboratorium für gewerbliche Medizin und Hygiene des bayerischen 
Landesgewerbearztes.] Von Medizinalrat Dr. G. Seiffert in München 405 
Lungenkranke, Ärzte und Fürsorge für. Die Entwicklung in Köln vom Be* 
ginn der Fürsorge bis heute. [Aus dem Gesundheitsfürsorgeamt der 
Stadt Köln. Leiter: Beigeordneter Prof. Dr. Krautwig.] Von Dr. 

Vonessen, Stadtarzt.387 

Morbidität, Die, in den Städten des Kreises Rössel 1918, beurteilt an Hand 
der Lebensmittelatteste. [Aus dem Hygienischen Institut der Universität 

Jena.] Von Dr. Ilse Lembke.335 

—, —, in der Stadt Detmold 1916 bis 1919. [Aus dem Hygienischen Institut 

der Universität Jena.] Von Dr. Reinhold Otto.397 

Morbiditätsstatistik, Zur. (Vorbemerkungen zu den Aufsätzen der DDr. 

J. Lembke, F. Köster und R. Otto.) Von Prof. Dr. Abel in Jena 329 
„Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg.“ Von Dr. Felix Burkhardt in 

Dresden. (Bemerkungen zu dem Aufsatz von F. Winkler).166 

Schularztwesens, Die Entwicklung des deutschen, in den letzten 25 Jahren. 

Ein kurzer Rückblick von Dr. Poe Ich au, Schularzt in Charlottenburg 73 
Schulhygienische Untersuchungen an Schülern der Oberprima des Gym* 
nasiums, Realgymnasiums und der Oberrealschule zu Gießen über 
optische Merkfähigkeit für geometrische Figuren unter besonderer 
Berücksichtigung der Ermüdungsfrage. Von Dr. med. Johannes Müller. 
[Doktordissertation. Aus dem Hygienischen Institut zu Gießen.] Mit 


einer Abbildung. 49 

Sozialen Hygiene, Chronik der. Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungs* 
politik (einschließlich Mutterschafts* und Säuglingsfürsorge). Von 

Dr. Alexander Elster, Berlin.26, 64 

-,-. V. Organisation und Studien der Sozialen Hygiene. Von 

Dr. Alexander Elster, Berlin.275 

Statistik und Vererbung beim Menschen. Von Sanitätsrat Dr. W. Wein* 

berg, Stuttgart.253 

Sterblichkeit in Oberschlesien in den Jahren 1909 bis 1918, Die. Von Prof. 

E. Jacobitz. (Mit einer Abbildung).300 

Tuberkulose, Saisonarbeit und. [Aus dem Laboratorium für Gewerbliche 
Medizin und Hygiene des Bayerischen Landesgewerbearztes.] Von 

Dr. F. Koelsch und Dr. G. Seiffert .325 

Tuberkuloseerkrankungsstatistik, Versuch einer, für die Stadt Münster 
während der Jahre 1918/19. [Aus dem Hygienischen Institut der Uni* 

versität Jena.] Von Dr. FriedrichKoester .366 

Unehelichen Kindes, Ein weiterer Beitrag zum Problem des. Von Prof. 

Dr. Hans Reiter in Rostock.145 

Wohnungsbaues, Vorschläge zur Finanzierung des. Von Henriette Fürth 

in Frankfurt a. M. 15 


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Jahresübersicht. 


V 


b) Besprechungen. 

Seite 


Abderhalden. Das Recht auf Gesundheit und die Pflicht, sie zu erhalten. 

(Kisskalt*Kiel).143 

Ascher. Vorlesungen über ausgewählte Kapitel der sozialen Hygiene. 

(Abel). 36 

Ascoli. Grundriß der Serologie. (Abel).360 

Bacmeister. Die hausärztliche Behandlung der Lungentuberkulose. (Für» 

bringer» Römhild).283 

Bauer,. Fischer und Lenz. Menschliche Erblichkeitslehre. Grundriß der 
menschlichen Vererbungslehre und Rassenhygiene. Bd. 1. (Weinberg» 

Stuttgart).177 

Bevölkerungspolitischen Kongreß, Bericht der Verhandlungen des, (sollte 
heißen Kongresses!) der Stadt Köln vom 17. bis 21. Mai 1921. Heraus* 
gegeben vom Gesundheitsfürsorgeamt (warum nicht Gesundheitsamt?) 

der Stadt Köln. (Weinberg»Stuttgart).353 

Beyer. Gesundheit und gewerbliche Arbeit. (Dr. Sauerteig). 35 

Beyli. Fragen der Wohnungspolitik. (Korff»Petersen»Berlin).355 

Beythien. Volksernährung und Ersatzmittel. (V. Ludwig).420 

Biesalski. Leitfaden der Krüppelfürsorge. (Lehmann»Jena).420 

Bischoff. Ernährung und Nahrungsmittel. (Abel).288 

Breul. Uber Tuberkulose im Mittelstand nebst Vorschlägen zu einer Er» 
Weiterung der Bekämpfungsmaßnahmen. (Fü rb rin ge r» Heilstätte, Röm» 

hild). 176 

Brezina. Internationale Übersicht über Gewerbekrankheiten der Kultur» 

länder über die Jahre 1914 bis 1918. (Dr. Lehmann»Jena).179 

Caesar. Über die Verbreitung der Trichinose in Deutschland während 

der Jahre 1910 bis 1913. (Solbrig»Breslau).356 

Chajes. Kompendium der sozialen Hygiene. (Dresel»Heidelberg) ... 143 
Czerny. Die Bekämpfung der Kindertuberkulose. (Solbrig»Breslau) . . 142 
Denkschrift über die gesundheitlichen Verhältnisse des deutschen Volkes 

im Jahre 1920/21. Herausgegeben vom Reichsgesundheitsamt. (Abel) 250 
Dietrich. Das Bäderwesen im besetzten Rheinland. (V. Ludwig) . . . 357 
Derselbe und Kaminer. Handbuch der Balneologie, medizinischen Klima» 

tologie und Balneographie. (Abel).288 

Derselbe und Lennhoff. Ausgewählte Kur» und Badeorte Österreichs 

und Bayerns. (Solbrig»Breslau).356 

Dresel. Die Ursachen der Trunksucht und ihre Bekämpfung durch die 

Trinkerfürsorge in Heidelberg. (Flaig» Berlin).107 

Eberstadt. Das Wohnungswesen. (Abel).251 

Elster. Das Konto des Alkohols in der deutschen Volkswirtschaft. (Abel) 419 


Fassbender. Das epidemische Auftreten der Grippe und der Encephalitis 


lethargica in Preußen im Jahre 1920 und die gegenseitigen Beziehungen 

der beiden Krankheiten. (Reichert» Jena). 34 

Fenkner. Die Tuberkulosefürsorge auf dem Lande. (Solb rig» Breslau) . 142 
Derselbe. Die Stellung der Hausfrau im neuen Deutschen Reich. 

(Dr. Sauerteig).178 


Fischer, A. Tuberkulose und soziale Umwelt. 


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(Abel). 30 

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VI 


Jahresübersicht. 


Seile 


Fischer, R. Hygiene der chemischen Großindustrie. 3. Teil: Organische 

Betriebe. (Abel).144 

Gesundheitsfürsorge, Blätter für. (Abel).359 

Gesundheitsfürsorgetag, Bericht über den ersten Deutschen, in Berlin am 
25. Juni 1921. (Sieveking«Hamburg).141 

Gesundheitswacht. Gemeinverständliche Schriften zur Pflege der Gesund« 

heit und körperlichen Ertüchtigung des deutschen Volkes. (Abel) . . 360 
Gesundheitswesen, Das, des Preußischen Staates in den Jahren 1914 bis 1918. 

(M. Pistor). 71 

— —,-— in den Jahren 1919 und 1920. (M. Pistor).419 

Glaubitt. Ernährungszustand der Bevölkerung in Preußen im Jahre 1920. 

(Solbrigsßreslau).•.143 

G re im er. Handbuch des praktischen Desinfektors. Ein Leitfaden für den 

Unterricht und ein Nachschlagebuch für die Praxis. (Lehmann«Jena) 354 
Grober (unter Mitwirkung von Dietrich und zahlreichen Mitarbeitern). 

Das deutsche Krankenhaus. (Abel).358 

Grotjahn. Leitsätze zur sozialen und generativen Hygiene. (Weinberg« 

Stuttgart). 107 

Derselbe und Kriegei. Bibliographischer Jahresbericht über soziale 
Hygiene, Demographie und Medizinalstatistik über das Jahr 1920. 

(Abel). .359 

Gruber«Mainz. Uber Gesittung, Alkoholismus und Geschlechtsleben. 

(Solbrig« Breslau).356 

Gumprecht. Prophylaxe der Infektionskrankheiten. (Abel).180 

Hahn. Die Reformation des Heilwesens. (Solbrig«Breslau).142 

Halb fass. Grundlagen der Wasserwirtschaft. (Abel).180 

Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914,18. (Hage«Jena) 420 

Hayek (Innsbruck). Das Tuberkuloseproblem. (Lommel«Jena).418 

D*Herelle. Der Bakteriophage und seine Bedeutung für die Immunität. 

(Reichert«Jena).419 

Helm. Der Stand der Tuberkulosebekämpfung im Frühjahr 1922. (Abel) 359 

Herzfeld, Elisabeth. Beiträge zum Aufklärungsunterricht in der Mädchen« 

fortbildungsschule. (Dresel« Heidelberg).179 

Hirsch. Das ärztliche Heiratszeugnis. (Ph. Kuhn«Dresden).176 

Derselbe. Die Fruchtabtreibung. (Weinberg«Stuttgart).178 

Hoepfner. Grundbegriffe des Städtebaues. (Korff«Petersen«Berlin) . 285 
Ickert (Mansfeld). Können durch Benutzung gebrauchter Moorwannen« 

bäder Krankheiten übertragen werden? (Solbrig«Breslau).287 

Derselbe. Uber den Wert der Typhusschutzimpfung, ermessen an dem 

Typhus in den Regierungsbezirken Stettin und Köslin. (Hage«Jena) . 355 
Juckenack. Zur Reform der Lebensmittelgesetzgebung. (Abel) .... 108 
Derselbe. Die deutsche Lebensmittelgesetzgebung, ihre Entstehung, Ent« 

Wicklung und künftige Aufgabe. (Abel).108 

Klein. Krankheit, Vererbung und Ehe. (Weinber g«Stuttgart).354 

Klut. Untersuchung des Wassers an Ort und Stelle. (Abel).180 

Kolle«Hetsch. Die experimentelle Bakteriologie und die Infektionskrank« 

heiten. (Abel).358 

Korach. über die Kommunalisierung der Prostituiertenfürsorge in Berlin. 

(Solbr ig« Breslau).350 

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Jahresübersicht. 


VII 

Seite 


Kraus und P. Uhlenhuth. Handbuch der mikrobiologischen Technik. 

(Abel)..360 

Krohne. Die Neuauflage des Hebammenbuches. (Dr. Sauerteig) . . . 36 

Lämel. Einführung in die schulärztliche Tätigkeit. (Abel).287 

Ländliche Kleinkinderfürsorge. (Sieveking«Hamburg).141 

„Landaufenthalt für Stadtkinder 1 *. Jahresbericht 1920 des Vereins (Sieve« 

king«Hamburg). 72 

—-. Jahresbericht 1921 des Vereins. (Lehmann«Jena).354 

Landes'Gesundheitsamtes, Dritter Jahresbericht des, über das Gesundheits« 

wesen in Sachsen auf die Jahre 1914 bis 1918. (Abel).359 

Legge und Goadby. Bleivergiftung und Bleiaufnahme. (Lehm ann« Jena) 35 

Loewit und Bayer. Infektion und Immunität. (Abel).360 

Luther, Mitzlaff, Stein. Die Zukunftsaufgaben der deutschen Städte. 

(Abel).396 

Muckermann. Kind und Volk. (Weinberg« Stuttgart). 36 

Nassauer. Des Weibes Leib und Leben in Gesundheit und Krankheit. 

(Engelhorn« Jena).108 

Nissle. Richtlinien und Vorschläge für einen Neuaufbau der Kräfte und 

Leistungen unseres Volkes. (Solbrig«Breslau).355 

Nowack (Cottbus). Beobachtungen bei einer Pockenepidemie im Land« 

kreise Gelsenkirchen 1919/1920. (Sol brig «Breslau).287 

Psychopathenfürsorge, Bericht über die zweite Tagung über, in Köln am 

17. und 18. Mai 1921. (Dresel«Heidelberg).357 

Public Health, A Half Century of, Jubilee Historical Volume of the 

American Public Health Association. (K. Hintze«Leipzig).284 

Rau. Die Geschlechtskrankheiten allgemeinverständlich dargestellt. 

(D r e 8 e 1«Heidelberg).286 

Ringling. Die Urquellen gesunden Nerven« und Seelenlebens, des Willens 

und des Glückes. (Dresel«Heidelberg).285 

Rubner, v. Gruber, Ficker. Handbuch der Hygiene. Bd. 5: Nahrungs« 

mittel. (Abel).360 

Salomon (Alice) mit S. Wronskv. Leitfaden der Wohlfahrtspflege. 

(Abel). 359 

Siemens. Einführung in die allgemeine Konstitutions« und Vererbungs« 

pathologie. (Weinberg« Stuttgart).106 

Simon (Frankfurt a. M.). Spätrachitis und Hungerosteopathie. (Solbrig« 

Breslau).287 

Societe des Nations, Section d’Hygiene. (Abel) . 214 

Solbrig. Anleitung über Wesen, Bedeutung und Ausführung der Des« 

infektion. (Lehmann« Jena). ..178 

Spaet. Der Fürsorgearzt. (Kisskalt«Kiel).143 

Standfuss. Bakteriologische Fleischbeschau. (Ludwig Bitter«Kiel) . . 252 
Statistische Jahresübersicht über die Bevölkerungsbewegung im Kanton 

BasebStadt 1920 . 288 

Stehr. Grundlegung zur sozialen Hygiene und Politik. 1. Bd.: Die Ent« 

Wicklung der Gefühle und das Glück. (Dresel« Heidelberg).286 

Strehl. Die Kriegsblindenfürsorge. (Dresel«Heidelberg).357 

Teleky. Die Bleifarbenverwendung zu Anstreicherarbeiten. Ihre Gefahr 

und deren Verhütung. (Lehm ann« Jena).179 

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V1J1 


Jahresübersicht. 


Seite 

180 


Thumm. Die Kaliwerke und ihre Abwässer. (Abel) ... .. 

Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung. (Solbrig* 

Breslau). 214 

Volksgesundheits* und Volkswohlfahrtspflege im Freistaat Sachsen 1922, 

Einrichtungen auf dem Gebiete der. (Abel). . . . 396 

Volksernährung, Die. Veröffentl. aus dem Tätigkeitsbereich des Reichs* 

ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Heft 1 u. 2. (Abel) 358 
Walter. Die Sozialhygiene in ihrem Verhältnis zur Weltanschauung und 

Ethik. (Dresel* Heidelberg).179 

von Wiese. Einführung in die Sozialpolitik. (Abel).144 

Wlassak. Grundriß der Alkoholfrage. (Abel).359 

Wutschutzabteilung, Bericht über die Tätigkeit der, am Hygienischen Institut 
der Universität Breslau vom 1. April 1918 bis 31. März 1920. Von 
Dr a Loewenhardt und Dr. Lubinski. Übersicht über die in Preußen 
im Jahre 1919 bekannt gewordenen Bißverletzungen durch tolle oder 
der Tollwut verdächtige Tiere. (Solbrig*Breslau).357 


c) Kleinere Mitteilungen. 

Alkoholverbotes, Uber die Stimmung der Bevölkerung gegenüber der Herbei* 

führung eines gesetzlichen.324 

Aus dem Berichte des Schweizerischen'Gesundheitsamtes über das Jahr 1921 252 

Bibliothek für populäre Vorträge.252 

Ergänzungslehrgang für Fürsorgerinnen.216 

Europäische Sanitätskonferenz im Warschau am 20. bis 28. März 1922 . . 216 

Krankenversicherung 1915. 36 

Soziale Zahnheilkunde.216 

Sozialhygienische Akademie Charlottenburg.288 

Sterblichkeit, Wird die, vor vollendeter Aufzucht durch Geschwisterzahl 

und soziale Lage der Eltern beeinflußt? Dritte Mitteilung.396 

Tagesordnung für die Jahresversammlung des Deutschen Vereins für öffent* 

liehe Gesundheitspflege. 214 

Tagesordnung für die 10. Versammlung der Vereinigung Deutscher Schul* 

und Fürsorgeärzte.215 

Tagesordnung für die 18. Jahresversammlung des Deutschen Vereins für 

Schulgesundheitspflege.215 


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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 


Unter Mitwirkung von 


Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonn£ (München); Dr. A. Elster (Bfcrlin^JPrfeddrtaü);} r . 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 

Prof. Dr. Kißkalt (Kiel): Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.); Reg.- und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr. -Ing. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.- Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 


herausgegeben von 


Prof. Dr. R. Abel und Dr. S. Merkel 

Geh. Obermedizinalrat Obermedizinolrat 

Jena Nürnberg 

Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Wahrung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 1 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 







Druck und Verlag 

Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. 

Braunschweig 1922 




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Inhalt des ersten Heftes. 


. v Daer*’ öftehtliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. Von 
. Obenrfetlizinalrat Dr. Moritz Henkel, Garmisch. 1 

. • \ mm * •• # 

*VbwÄJögd**zur Finanzierung des Wohnungsbaues. Von Henriette 

Fürth in Frankfurt a. M.15 

Chronik der Sozialen Hygiene: Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungs- 
polltik (einschließlich Mutterschafts- und Söuglingsfürsorge). Von 
Dr. Alexander Elster, Berlin.26 


Besprechungen: 

Chr. Fassbender: Das epidemische Auftreten der Grippe und der 
Encephalitis lethargica in Preußen im Jahre 1920 und die gegen¬ 
seitigen Beziehungen der beiden Krankheiten. (Reichert-Jena) 34 
Thomas M. Legge und W. Goadby; Bleivergiftung und Blei¬ 
aufnahme. (Dr. Lehmann-Jena).35 

Alfred Beyer: Gesundheit und gewerbliche Arbeit (Dr. Sauerteig) 35 
Otto Krohne: Die Neuauflage des Hebammenbuches. (Dr. Sauer¬ 
teig) . 36 

H. Muckermann: Kind und Volk. (Weinberg-Stuttgart) .... 36 
Ascher: Vorlesungen über ausgew&hlte Kapitel der sozialen Hygiene. 

(Abel).36 

A. Fischer: Tuberkulose und soziale Umwelt. (Abel).3& 

Kleinere Mitteilungen: 

Krankenversicherung 1915.36 



Beiträge werden nur noch dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert . 








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Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 1. 


Der öffentliche Arzt 

und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 


Von Obermedizinalrat Dr. Moritz Henkel, Garmisch- , 


In dem ersten Teile meiner in dieser Zeitschrift gegebenen Da rlegur» jjßfi J ) 
habe ich zum Schluß die Bestrebungen der jüngsten Zeit behandelt, Fürsorge«, 
Wohlfahrtsämter zu errichten, organische Einrichtungen zu treffen, in welchen 
der öffentliche Arzt, der Amtsarzt, eine leitende Stelle erhalten soll. Ich 
habe der Gesundheitskommissionen gedacht, wie sie bereits vor Jahrzehnten 
in verschiedenen deutschen Staaten ins Leben gerufen wurden, — freilich 
in ein schwächliches, oft kurzes Leben und Dasein, weil diesem noch dazu 
etwas verwickelt zusammengesetztem Leibe die Seele fehlte. 

Diese Seele muß der Amtsarzt seinl 

Der „Schrei nach dem Amte“, nach dem Gesundheits« oder Medizinal* 
amte aus den Reihen der amtlichen Ärzte hat eine gewisse Berechtigung. 
Auch die Forderung, daß der Amtsarzt dabei in leitender Stellung tätig 
sein soll. Er muß vor Allen tätig sein! • 

Für ein solches Amt, sei es organisiert wie es will, muß ein richtiger 
Grund gelegt sein. Es muß zum mindesten in jedem Amtsbezirk eine 
Amtsperson sein, welche mit allen sanitären Verhältnissen des Bezirkes 
vertraut ist, welche sie aus eigener Anschauung als Fachmann kennt und 
auf Grund dieser Kenntnisse Ton und Richtung angeben kann für die 
Tätigkeit der Organisation. Zur Person der Vorstandschaft des Amtes 
gehört auch die Sache, ein geordnetes Material, eine Aufzeichnung, eine 
Zusammenstellung der bestehenden sanitären Zustände, um wirksam einzu* 
setzen, die Schäden zu erkennen, Abhilfe anzubahnen. 

Dieses für die öffentliche Gesundheitspflege und deren Betrieb unent* 
behrliche Material hat der berufene Gesundheitsbeamte zu liefern, zu 
ordnen und zu mehren. Er muß seinen Amtsbezirk nach allen Seiten hin 
aufs genaueste kennen. 

Wenn man die Dienstanweisungen unserer Bezirks* und Kreisärzte 
betrachtet, so muß man ohne weiteres anerkennen, daß die Richtpunkte 
hierfür gegeben und die Umrisse gezeichnet sind in einzelnen Abschnitten 
und Vorschriften. Die Ortsbesichtigungen treffen am genauesten das Ziel, 
dem wir mit aller Kraft zustreben müssen; sie können die fruchtbarsten 
Ergebnisse liefern. 

Trotzdem fehlt es bisher meistens an der bewußten vollständigen 
Initiative des Amtsarztes. Keineswegs nur aus Schuld des letzteren. 
Wenn derselbe in dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege nicht 
voll beschäftigt ist, so liegt es am Mangel der Organisation, der Mittel, der 
Geschäftseinteilung und Ausführungsbestimmungen. Es gehört ja zu einem 


l ) Vgl. Jahrg. 1921, S. 253. 

Öffentliche Gesundheitspflege 1^22. 

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2 


Moritz Henkel, 


• • 
• • 
• • 


solchen Werke Einsicht und Takt, Erfahrung und „Diskretion“! Aber ohne 
die auf Grund genauester ununterbrochener eifrigster persönlicher Unter* 
suchungen gewonnenen Kenntnisse und aktenmäßige amtliche Ordnung 
kann der Amtsarzt nicht der Leiter und Berater sein, welchen ein solches 
Sanitätsamt, eine Gesundheitskommission oder irgendwelche ständige Wohl* 
fahrtseinrichtung bedarf. Er muß Land und Leute kennen! 

ln einem merkwürdigen Gegensatz zu diesem hygienischen Manko 
steht, daß wir nach maßgebenden staatlichen Begriffen auch vollbesoldete 
.•und nicht;\otlbfesoldete Kreisärzte in Preußen haben. Es soll das entschieden 
••auch VoHltefcChäftigt und rficht vollbeschäftigt bedeuten. Wenn der Amts* 
•:#*$•?“■: unbeirrt ‘durch Einschränkungen der Verwaltungsbehörden —, mit 
* •«feti’Tiöingetf MttVdln ausgestattet, seine Zeit auf die Bearbeitung der sanitären 
Verhältnisse in der dargelegten Weise verwendet, so gibt es nirgends mehr 
einen nicht vollbeschäftigten amtlichen Arzt. Die Fülle der einzelnen Sparten 
ist eine so reichliche, daß sie die ganze Arbeitskraft in Anspruch nimmt. 
Man darf aber nicht die meisten Fälle erst als „Aufgaben“ an sich heran* 
kommen lassen — zur Begutachtung auf behördliche Veranlassung! Nur 
der kann Berater in vollem Umfange sein, der in eigener amtspersönlicher 
Eigenschaft den ganzen Bezirk kennt. 

Aus diesem Gedankengang, aus diesen Erwägungen möchte ich an einigen 
der wichtigsten Gegenstände aus der Fülle des Stoffes erläutern, wie der Amts* 
arzt seine Aufgaben erfassen, seine Erfahrungen verwerten kann und soll. 
Zunächst 


von der Ernährung. 

Amtsärztlich haben wir unsere Forschungen und Untersuchungen zu 
beziehen auf die allgemeine Ernährung der Bevölkerung nach Berufsart, 
Sitten und Gewohnheiten; auf die Ernährung der Säuglinge und Kinder; 
auf den Verkehr mit Nahrungs* und Genußmitteln, im besonderen Milch, 
Fleisch, Getränke; Marktpolizei, Schlachthäuser. Alkoholmißbrauch und 
dessen Bekämpfung. 

Nach den bisherigen staatlichen Vorschriften der Dienstanweisungen 
haben sich die Amtsärzte im wesentlichen der verwaltungspolizeilichen 
Überwachung und der Belehrung zu widmen. Das erste Erfordernis, die 
Vorbedingung, ist aber die genaue Kenntnis der Ernährung der Bevölkerung 
im Amtsbezirk. Nur diese Kenntnis gewährt vollen Einblick in das Leben 
des Volkes und hilft auch zu anderweitigen sanitären Beratungen und 
Verordnungen. 

Es war mir vergönnt, meine medizinischen Studien an der Universität 
München zu einer Zeit zu pflegen, in welcher Voit und Pettenkofer und 
ihre Schule die Forschungen über die menschliche Nahrung in gründlichster, 
ausgedehntester Weise betrieben und zu Ergebnissen kamen, welche den 
Boden der menschlichen Ernährungslehre noch heute und für die Zukunft 
bilden. Was auch daran bemängelt wurde, der feste Grund der Lehre 
wurde nicht erschüttert. Namentlich für die deutschen Verhältnisse sind 
die Zahlen und Werte, wie sie Voit festlegte, voll und ganz zutreffend. 
Denn es handelt sich nicht darum, wie man unter eigenartigen Umständen 
noch leben kann, sondern wie man sich im Durchschnitt am besten und 
zweckmäßigsten ernährt. Es wurde darauf hingewiesen, wie sich die Ost* 
asiaten und Afrikaner, wie sich Trappisten und Vegetarier mit ihrer Nahrung 


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Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. 11. 


3 


„unübertrefflich“ im besten körperlichen Gleichgewicht halten. Gewiß ist 
es belehrend, wenn wir die Eigenart anderer Völker und Zonen kennen 
lernen. Vor allem aber sollen wir die Ernährung unseres Volkes studieren. 

Solange die Welt besteht und Volksgemeinschaften, haben die Führer 
des Volkes auf die Ernährungsweise geachtet und Regeln und Gesetze 
gegeben, die aus dem Bedürfnis und der Erkenntnis entsprangen, daß nach 
der vorgeschriebenen Art die Gesundheit erfahrungsgemäß am besten gewahrt 
wird. Die Erfahrung von Jahrtausenden ist es, welche die Menschheit* lehrte, 
sich richtig zu ernähren. Wir müssen aus der Art, wie sich unser Volk 
seit unvordenklichen Zeiten ernährt, auch unsere Schlüsse ziehen. Die 
Wissenschaft hat uns deutlich gemacht, warum der Nordländer Massen 
von Tran verzehrt, während dem Südländer Früchte genügen, warum unsere 
„schweren“ Holz* und Feldarbeiter soviel Schmalz brauchen und so große 
Mengen von Speisen ohne Beschwerden verzehren. 

So treten wir heran an die Beobachtung der Ernährung der Bevölkerung 
in dem uns anvertrauten Amtsbezirk. Wir ziehen Vergleiche mit den 
Ergebnissen der physiologischen Forschung, mit den Zuständen anderer 
Gegenden, und gewinnen eine Fülle hygienischer Gesichts* und Richtpunkte. 
Und Befriedigung empfinden wir, wenn wir qus eigener Anschauung die 
Richtigkeit der wissenschaftlichen Forschung und Lehren bestätigt finden 
in der alt überkommenen Lebensweise des Volkes, die es sich zugerichtet 
hat seit Jahrhunderten. 

Hygienische Vorteile, hygienische Schäden können auf solche Weise 
zutage kommen und wieder zu Änderungen und Verbesserungen führen. 

Die Bewertung der Nahrung nach dem Eiweißgehalt und nach ihrem 
Verbrennungswert hat sich nicht nur für die Ernährung des Menschen 
Eingang verschafft, sie ist auch die Richtschnur für die rationelle Ernährung 
unserer Haustiere geworden. „Die Landwirte rechnen nach dem Eiweiß* 
gehalt und dem Stärkewert des Futters“ (Frank). 

Man darf behaupten, daß die Ergebnisse und Folgerungen aus den 
Arbeiten der Münchener Schule im wesentlichen durch die Erfahrungen der 
Wissenschaft und des Lebens ihre volle Bestätigung gefunden haben, und 
daß gerade die Kriegsverhältnisse der letzten Zeit den Beweis der Richtig* 
keit für unsere Bevölkerung erbracht haben. 


-__ —-- - - - - — 

- 





1 

Eiweiß ' 

« ! 

Fett 

g 

Kohle? 
hydrate 
g i 

(Kal.) 

Nach Voit soll der mittlere Arbeiter täglich 




bekommen. 

118 

56 

500 

3054 

Ein schwerer Arbeiter. 

165 

100 

447 

3357 

Nach Moleschott ein mittlerer Arbeiter . . . 

130 

86 

404 

2970 

Nach Förster. 

Voit und Pettenkofer fanden in der Kost des 

132 

81 

458 

3172 

kräftigen Arbeiters. 

137 

170 

352 

3586 

Payer bei englischen Arbeitern. 

140 

34 

453 

2747 

t , „ französischen Arbeitern. 

138 

80 

522 

3450 

Souch bei einem irischen Arbeiter. 

130 

25 

1330 (!) 

6218 

Steinhei bei angestrengtem Bergmann .... 

133 

113 

634 

4195 

Koenig bei einem deutschen Bauernkriecht . . 

137 

55 

542 

3295 

Ranke bei einem altbayerischcn Bauernknecht . 

143 

108 

788 

4821 

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1* 

Original fro-m 

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4 


Moritz Henkel, 


Bekanntlich fand man bei schwer arbeitenden südlichen und asiatischen 
Völkern weit geringere Eiweiß* und Fettmengen zur Erhaltung ihres Körper* 
bestandes und ihrer Arbeitskraft nötig. Dagegen wurde die Kost amerikani* 
scher Arbeiter noch reichlicher als die europäische gefunden; sie schien 
besonders fettreich und zählte bei einem kräftigen Mechaniker 5126, bei 
einem Maschinenmeister 5638, bei einem Ziegelmeister 6466 Kalorien! 

Es gibt zweifellos nach den einzelnen Erdgegenden erstaunliche Ver* 
schiedenheiten. 

Die Ernährung des ländlichen Arbeiters im Erdinger Gau 
am Beginn des 20. Jahrhunderts. 

Während einer ununterbrochenen 20 jährigen ärztlichen Tätigkeit in 
der oberbayerischen Landstadt Erding und deren weiter Umgebung hatte 
ich auch wiederholt und lange die amtsärztlichen Geschäfte zu besorgen. 
Der große und bevölkerte Bezirk hat neben dem bürgerlichen Gewerbe 
und Handwerk ausschließlich landwirtschaftliche Arbeiter, einen wohl* 
habenden Bauernstand, welchem der ganze Grund und Boden, Felder, 
Wiesen und Wälder, gehört. Es ist ein Teil der „Kornkammer“ Bayerns. 
Alle Betriebe sind auf die Landwirtschaft eingestellt. Das Volk bearbeitet, 
seit Jahrhunderten eingesessen, die angestammte Erde in gleichmäßiger 
unermüdlicher Weise, lebt in regelmäßiger gewohnter Art und hängt mit 
Leib und Seele an dem alten Brauch, wozu ganz vornehmlich die reichlich 
bemessene Kost gehört. 

1. Es wurden in einer Reihe von Tabellen (10) Berechnungen der 
wöchentlichen Kost mit Speisezettel niedergelegt. Sie wurden ausgearbeitet 
auf Grund genauester Erkundigungen, verläßlicher und gewissenhafter 
Angaben. Ich untersuchte so die gewöhnliche (Winter*) Kost in Bauern* 
' höfen, in einem Pfarrhof, einem Mühlanwesen und einem ländlichen Gast* 
haus, den Arbeiter in besondere Rücksicht nehmend, dann die Sommer* 
kost, die Nahrung während der sommerlichen strengsten Arbeitszeit 
(Getreide* und Heuernte). 

Das Ergebnis der Berechnungen aus den Tabellen, die ich des Raum* 
anspruchcs wegen hier nicht bringen kann, ist: 



Tabellen 

Eiweiß 

Fett 

Kohle* 

hvdrate 

Kalorien 



3 

6 

3 

; 

I. 

Bauernhof im Winter. 

. . . 171,0 

98,0 

872,9 ] ) 

5209,0 

II. 

»t »» •> . 

. . . 148,8 

99,3 

784,0 

4748,4 

III. 

M »t fl T T T , 

. . . 158,2 

152,8 

816,0 ’) 

5458,7 

IV. 

Pfarrhof im Winter. 

. . . 137,6 

101,0 

688,0 ’) 

4366,2 

V. 

Mühlanwesen im Winter .... 

. . . 152,2 

112,7 

768,3 *) 

4863,2 

VI. 

Gasthaus im Winter. 

. . . 122,7 

124,2 

615,6 ’) 

4223,2 

VII. 

Bauernhof im Winter. 

. . . 135,3 

160,3 

793,8 r ) 

5345,2 

VIII. 

ft (Erntezeit). 

. . . 194,7 

259,6 

838,3 ') 

6734,9 

IX. 

tf „ 

. . . 237,0 

185,9 

1092,9 l ) 

4 7427,4 

X. 

Gasthaus (Sommerzeit). 

. . . 150 5 

155,8 

595,8 l ) 

4586,6 

»» 

„ (Erntezeit). 

. . . 185,5 

155,8 

817,8 ’) 

5562,4 


*) Der Alkohol des Bieres kommt hei den Kalorien in geringen Ansatz (gleieh 
den Kohlehydraten). 


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Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 


5 


2. Physiologisch*chemische Erläuterung der Kostsätze. Der 
Durchschnitt aus den Kostsätzen ergibt für die gewöhnliche Kost: 

196,5g Eiweiß, 121,2g Fett, 762,8g Kohlehydrate; 

für die Kost während der schweren sommerlichen Erntearbeit: 

196,3 g Eiweiß, 189,3 g Fett, 854,2 g Kohlehydrate. 

Diese Kost erscheint als eine überreichliche, und es steigen Zweifel 
auf, ob das der Wirklichkeit entspricht. Die Beobachtungen und körper* 
liehen Wägungen lehren, daß eine Überernährung nicht stattfindet. 

Das Eiweiß ist für mäßige und schwere Arbeit mehr als hinreichend, 
das Fett tritt mit großen fetten Zahlen auf, die Kost ist im buchstäblichen 
Sinne geschmalzen. Die Kohlehydrate sind sehr beträchtlich zugemessen. 

Die Leute sind durch Generationen gewöhnt, von Jugend auf ihren 
Magen zu füllen; ein sehr erweiterungsfähiger Magen ist das Erbteil des 
altbayerischen Stammes. Ich möchte ihn deshalb nicht eine „ewige Krank* 
heit“ nennen. Es zeigt eine gute Anpassung der Rasse an die reichen 
Produkte des Landes, und die Arbeit und Arbeitskraft ist eine ansehnliche! 

Das Verhältnis der stickstoffhaltigen zu den stickstofflosen Bestand* 
teilen der Nahrung ist im Durchschnitt der Winterkost 1:7,2, in der 
Erntekost 1 :6,7. Es ist das über die für unser Land angenommene Norm 
von 1:5, hängt aber mit der Menge der Nahrung zusammen, welche nun 
einmal gereicht wird. Im gleichen Verhältnis ist auch das Gesamtquantum 
der Nahrung — weit über 2000 g! 

Das Verhältnis des animalen zum vegetabilischen Eiweiß ist bei der 
gewöhnlichen Kost 1:2,2; in der Arbeiterkost des Pfarrhofes erreicht es 
1 : 1,9; in der Erntekost 1 : 1,5. 

Legt man als Norm 1 : 1,8 zugrunde, so ist diese im allgemeinen nicht 
ganz erreicht, im Sommer aber (zur Erntezeit) überschritten. Für eine 
Bauernkost ist es ein gutes Verhältnis. Die Leute haben keine Neigung 
zum krassen Vegetarismus und leben nicht schlecht. 

Das Verhältnis des Fettes zu den Kohlehydraten ist gewöhnlich 1: 6,5, 
in der Erntezeit 1:4,3; wenn man 1:5 als Norm betrachten will, etwas 
ungünstiger, zur Ernte noch günstiger als das normale Mittel. 

Die Erntekost ist fett, sehr fett; aber auch im Winter ist die Kost 
der teilweise schwere Holzarbeit verrichtenden Arbeiter im sogenannten 
Holzlande (Tabelle III, VI, VII) fett (1:5,3, 1:5,0, 1:5,2), während die 
reinen Ackerbauern der Getreidefläche (Tabelle I, II, IV, V) das Ver* 
hältnis 1:8,9, 1:7,9, 1:6,8, 1:6,8 aufweisen. Die Holzknechte von Beruf 
im Gebirge leben auch sehr fett. 

Die Fleischration beträgt im Durchschnitt der gewöhnlichen Winter* 
kost 163,8 g; im Pfarrhof ist sie am höchsten mit 253,5 g. Am Freitag 
halten die Leute ohne Ausnahme Fasttag, d. h. sie enthalten sich des 
Fleischgenusses. Voit verlangte im allgemeinen ein Mindestmaß von 230 g. 
An erhebliche Fleischmengen ist der altbayerische Bauer zu Hause seit 
Jahrhunderten nicht gewöhnt; in ärmeren Gegenden erhält der Land* 
bewohner nur an heiligen Tagen und Zeiten Fleischgerichte. Im Sommer 
ist die Fleischration eher geringer — 149,6 g im Durchschnitt. Da ist das 
Schmalz vorherrschend, . das Fleisch schwerer zu beschaffen und weniger 
haltbar. Die Brotration beträgt in der gewöhnlichen Kost im Durchschnitt 


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Original fram 

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6 


Moritz Henkel, 


511,5g; sie ist am geringsten im Pfarrhof (351,8 g), am höchsten im Bauern« 
hof des Holzlandes mit 631g und in der Mühle (612 g); die Mühlknechtc 
haben auch schwere Holzarbeit zu verrichten! Im Sommer steigt die tägliche. 
Brotration um weniges (548 g), Das höchst zulässige Maß nach Voit (750 g) 
wird nirgends erreicht. 

Die Kartoffelration (Rohgewicht) ist im Durchschnitt der gewöhnlichen 
Kost 426,3 g. Es zeigen sich große Schwankungen. Die Mitte nimmt der 
Pfarrhof ein (353,6 g) — in medio virtus —, in den Bauernhöfen sind 
höhere Zahlen (über 500 g), in der Mühle der geringste Kartoffelverbrauch. 
In der Kost des Sommers verschwindet die Kartoffel fast ganz. Die Kartoffel« 
ration ist im allgemeinen eine mäßige. 

Der Alkohol der Nahrung ist nicht von Bedeutung, d. h. der in der 
täglichen Kost zugewiesene Alkohol! Im Winter durchschnittlich 8g. In 
der Erntezeit, die Zeit der größten Gaben, 60 g im Mittel. 

Kalorien: Entsprechend den großen Mengen der Nahrungsmittel und 
deren hohem Nährwert, insbesondere dem starken Fettgehalt, ist auch die 
Kalorienmenge der Kost eine sehr bedeutende. Als Durchschnitt der 
gewöhnlichen Nahrung berechnen sich 4887,6 Kalorien, für die Erntezeit 
6150 Kalorien; im höchsten Kostsatz werden 7427 Kalorien erreicht! 

3. Die Art und Zubereitung der Speisen. Fleisch: In Fleisch 
hat der Bauer und seine Dienstboten — auf dem Lande mit dem schönen 
patriarchalischen Namen „Ehehalten“ bezeichnet — für den gewöhnlichen 
Hausbedarf, und nur von diesem ist hier gesprochen, keine große Auswahl. 
Rindfleisch, d. h. Kuhfleisch, bildet fast die einzige Fleischsorte, welche auf 
den Tisch kommt. Daneben höchstens geräuchertes Schweinefleisch (Ge« 
seichtes) von alten, sehr fetten Schweinen, viel seltener geräuchertes Rind« 
fleisch. Das Fleisch wird in Wasser gekocht — gesotten. In die Suppe 
kommen die Knödel (davon später). Außer diesem Fleisch sind auch 
Kutteln (Kaldaunen) anzuführen, welche ab und zu als sogenanntes Vor« 
essen gegeben werden in einer Art Ragout, Tunke, mit Fett und Mehl 
bereitet. 

Milch: Von weiteren tierischen Produkten sei zunächst die Milch 
erwähnt, welche als Vollmilch zu Milchsuppe, Käse, auch als Tunke ver« 
abreicht wird. Die abgerahmte Milch wird zur Bereitung der Knödel und 
der verschiedenen Mehlspeisen, die saure Milch als Tunke und Beigabe zu 
Kartoffeln und Mehlspeisen benutzt, desgleichen die Buttermilch zu Suppen 
und Mehlspeisen. 

Butter wird seltener benutzt, fast nur das „Butter«Schmalz“, welches 
zu den Suppen — aufgeschmalzene Wassersuppe, Brotsuppe, Brennsuppe — 
kommt und den Mehlspeisen Fett und Glanz verleiht. Schmalz ist die 
Hauptsache, die Seele der bäuerlichen Küche, der Gradmesser des Luxus 
in der gewöhnlichen Hauskost. Seiner Bereitung nach darf es als reines 
volles Fett bezeichnet werden! Rindsfett kommt weit seltener zur Ver« 
wendung. 

Die Eier werden als solche (gekocht) nicht genossen, nur als Zutat 
bei feineren Knödeln und Mehlspeisen genommen. 

Mehl wird in Brot und Mehlspeisen genossen. Als tägliches Brot 
kommt nur Roggenbrot in Betracht. Weizenbrot wird höchstens bei besseren 
Knödeln und bei Suppen verwendet oder zum Kaffee genossen. 


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Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 


Suppen: Aufgeschmalzene Brotsuppe. Rp.: 2 Liter Wasser, 1 kg 
Roggenbrot, 30 g Schmalz. In kochendes Wasser wird geschnittenes oder 
gewürfeltes Brot hineingeworfen, darüber Schmalz gegossen. 

Brennsuppe. Rp.: 2 Liter Wasser, 110g gröberes Weizenmehl, 40g 
Schmalz. Ein „braunes Einbrenn“, von Fett und Mehl hergestellt, wird in 
Wasser verrührt, dazu Zwiebel gesetzt. Das Ganze eine Viertelstunde lang 
offen gekocht. 

Mehlspeisen: Für die alltäglichen Mehlspeisen wird auch zumeist 
Roggenmehl verwendet. Weizenmehl in den feineren Küchen nur zu fest« 
täglichen Gerichten. Die Mehlspeisen sind die Hauptsache im bäuerlichen 
Kostsatz; sie gut zu bereiten, ist die Kochkunst der Bäuerin. Das Fleisch 
kam in früheren Zeiten fast gar nicht, auch jetzt im Verhältnis zu der 
Leistungsfähigkeit eines Bauernmagens in geringer Gabe auf den Tisch. 
Wir wollen daher die Mehlspeisen, wie sie in unseren Speisenzetteln sich 
finden, näher betrachten. 

Die Knödel — in Nordbayern Kloße — „das königlich bayerische 
Landgericht“ von Wiel nicht mit Unrecht benannt, sind das tägliche Brot 
der höheren bäuerlichen Kulturstufe. Brot bereiteten sich die Bajuvaren 
sicher schon vor Alters in primitiven Ofen von Stein und Lehm auf der 
Wanderung. Als sie eintraten in der Menschen Hütten und sich gewöhnten 
an (relativ) sanfte Sitten, kochten sie Knödel. 

Der gewöhnliche Werktagsknödel (schwarzer Knödel) wird aus Roggen« 
brot, Roggenmehl, in besseren Küchen auch gröberem Weizenmehl und 
abgerahmter Milch bereitet. Rp.: Zu 16 Knödeln 1,75 kg Roggenbrot, 
1,5 kg Mehl und 2 Liter abgerahmte Milch. Ein fertiger Bauernknödel hält 
etwa 300 g an Gewicht und rund 20 g Eiweiß, 2 g Fett und 120 Kohlehydrate. 
Der weiße Knödel (Sonntagsknödel) wird aus Wecken oder Semmelbrot, 
Weizenmehl und abgerahmter Milch bereitet. Nun zu den Schmalzgerichten! 

Schmalznudeln: Nach dem Knödel die wichtigste der nationalen 
Speisen! Rp.: 6 kg Roggenmehl, 2 kg Schmalz, geringer Zusatz von ab* 
gerahmter Milch. Das Mehl wird mit Hefe und Milch zum Teige geformt, 
die Masse einige Stunden stehen gelassen, dann in der üblichen Form 
(runden Scheiben von 12 cm und mehr im Durchmesser) in schwimmendem 
Schmalz gebacken. Bei jeder Sud (Abteilung) werden sie kunstgerecht mit 
Wasser (zur Erhöhung des Wohlgeschmackes auch mit Butter) „gespritzt“. 

Stichnudeln (auch Dampfnudeln). Rp.: 4kg Roggenmehl, 6 Liter ab* 
gerahmte Milch und 250 g Schmalz. Das Mehl wird mit Hefe versetzt und 
mit abgerahmter Milch zu einem Teige geformt; der Teig ein paar Stunden 
stehen und „gehen“ gelassen. Dann teilt man ihn in eckige oder runde 
Leibchen von „Schmalznudelgröße“. Die Stücke werden in einem zugedeckten 
Kessel in abgerahmter Milch unter Zusatz von Schmalz gekocht. 

Fingernudeln. Rp.: 2,9kg Roggenmehl, 300g Kartoffeln und 1050g 
Schmalz. Das Mehl wird gewöhnlich mit Kartoffeln, auch nur mit Wasser, 
zu einem Teige angemacht. Von diesem Teige werden durch Auswalken 
und Abschneiden lange, dünne, wurmförmige Nudeln hergestellt und in 
einem Kessel mit Schmalz gekocht. 

Rohrnudeln. Rp.: 4kg Weizenmehl, 0,25 kg abgerahmte Milch und 
50 g Schmalz. Das Mehl wird mit Hefe versetzt und mit abgerahmter 
Milch zu einem Teige geformt. Dieser Teig kommt in das mit Schmalz 


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8 


Moritz Henkel, 


geschmierte Bratrohr und wird herausgebacken. Die Masse kommt entweder 
abgeteilt als viereckige Nudeln (Pflastersteinform) oder als Ganzes auf 
den Tisch. 

Kirchweihnudeln (auch bayerische Nudeln): Mit Hefe, Milch und 
Mehl wird ein kleines „Dampferl“ angemacht und etwa eine Stunde stehen 
gelassen. Damit wird der Teig, der aus feinem Weizenmehl, Milch, Eiern, 
auch saurem Rahm besteht, zubereitet. Die Masse geht in einigen Stunden 
auf! Dann werden in typischer, fast kugelrunder Form die Nudeln in 
schwimmendem Schmalz unter Butter* und Wasserspritzung gesotten. Das 
Höchste der Kochkunst! 

Schucksenkücheln. Rp.: 3kg Roggenmehl, 1 kg Schmalz und 1 Liter 
abgerahmte Milch. Das Mehl wird mit Hefe und Milch (auch Buttermilch) 
zu einem festen Teige angemacht und zwei Stunden stehen gelassen. Dann 
wird der Teig auf dem Brette ausgewalkt und kurze Zeit (einige Minuten), 
in längliche Fladenform gebildet, in schwimmendem Schmalze herausgekocht 
(abgedeckt gebacken). Die Kücheln kommen als hohlaufgetriebene, rings 
gebräunte, ovale, über 20 cm lange „Schucksen“ heraus. 

Kartoffelkücheln. Rp.: 8kg Roggenmehl, 7,5kg Kartoffeln und 
3 kg Schmalz. Roggenmehl wird mit Hefe und Kartoffeln angemacht, der 
Teig ein paar Stunden stehen gelassen. Dann in ähnlicher Form wie die 
Schucksen, nur etwas kleiner, in schwimmendem Schmalze herausgebacken. 

Hauberkücheln. Rp.: 2kg Roggenmehl, 1 Ei und 500g Schmalz. 
Roggenmehl wird mit Wasser und Ei zu einem Teig angemacht; der Teig 
in Portionen, wie sie mit einem Eßlöffel gefaßt werden können, in Schmalz 
rasch gebqcken. 

Teigschmarren (Mehlschmarren). Rp.: 1kg Roggenmehl, 2,5 kg 
Weizenmehl, 5 Liter abgerahmte Milch und 1 kg Schmalz. Das Mehl wird 
mit abgerahmter Milch verrührt, dann eine gute halbe Stunde mit Schmalz 
gekocht, mit dem Scharrer zerkleinert, als „Schmarren“ aufgetragen. 

Topfenschmarren. Rp.: 2,5 kg Topfen, 1,5 kg Roggenmehl und 1kg 
(Brand*) Schmalz. Der Teig wird aus Topfen und Roggenmehl bereitet, 
dann mit Schmalz im Kessel oder in der Pfanne gekocht, mit dem Scharrer 
zerkleinert und gewendet. 

Kartoffelschmarren. Rp.: 4,2kg (Roh*) Kartoffeln, 1,5 kg Roggen* 
mehl und 1 kg Schmalz. Roggenmehl und zerdrückte gekochte Kartoffeln 
werden zu einem Teige gemengt. Die Masse wird in Schmalz eine gute 
halbe Stunde gekocht, dann zerkleinert (zerstoßen). 

Paunkerl (auch Butterpaunkerl). Rp.: 3 Liter Buttermilch, 3,5 kg Roggen* 
mehl, 1 kg Schmalz (Butter). Buttermilch wird in einem Kessel (Pfanne) 
heiß gemacht, dann über dem Feuer Mehl hineingekocht. Von dieser 
Masse werden kleine (1 cm dicke, einige Zentimeter lange) Paunkerl gedreht 
und in Schmalz eine Viertelstunde lang geröstet. 

In ähnlicher Weise werden Kartoffel* und Topfenpaunkerl bereitet. 
Topfenstenken haben etwas größere Form und wepden in Schmalz gebacken. 

Gemüse: Die Kartoffeln werden, wie ersichtlich, zu mannigfachen 
Mehlspeisen verwendet; auch zu Suppen (mit abgerahmter Milch und 
etwas Schmalz), zu Gemüse (mit etwas Schmalz oder Butter), zu Tunken 
(mit Einbrenn, Fett und Mehl). Dann „in Montur“ zu den Zwischen* 
mahlzeiten. 


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Der öffentliche Ar/t und die öffentliche Ciesundhcitspflegc. 11. 


9 


Von den Gemüsearten ist in erster Linie das Nationalgemüse Sauer» 
kraut zu nennen, das, zu Rindfleisch und Knödeln genossen, die gemeine 
Mittagsmahlzeit bildet. Es fehlt in keinem ländlichen Haushalt; es wird 
mit etwas Fett und Mehl bereitet. 

Ein seltenes Gemüse ist Blaukraut. Bodenrüben, Kohlrabi (Kohlrüben), 
bayerische Rüben werden als Tunke (mit etwas Schmalz oder Einbrenn) 
bereitet. 

Auch Obst wird gedörrt zu Tunken verwendet. Im allgemeinen ist 
aber der Obstgenuß ein geringer. Die Pflege der Obstbäume war bisher 
in den Getreidegauen eine mangelhafte. Auf und zwischen Getreidefeldern, 
auch auf Wiesen liebt der Bauer keinen Baum,'und zu rationeller Pflege 
und Aufzucht findet er keine Zeit. In den letzten Jahrzehnten ist das 
besser geworden, vorzüglich dank der Propaganda durch landwirtschaftliche 
und Obstbauvereine. 

Erbsen werden zu Erbsensuppe, auch Erbsenbrei benutzt — mit Ein» 
brenn bereitet; doch ist der Verbrauch der Hülsenfrüchte ein geringer. 

Im Sommer werden auch grüner Salat, namentlich der beliebte Kopf» 
salat, Staudensalat, dann Rettich und Gurkensalat verabreicht, bereitet mit 
etwas öl oder Fett, Essig und Gewürz. 

Getränke: Als Getränk dient (außer Wasser) an gewöhnlichen 
Arbeitstagen Nachbier (Scheps) in mäßiger Quantität — 1 Liter auf die 
Person im Tag. Es ist, kühl aufbewahrt, ein sehr erfrischendes, etwas 
prickelndes, leicht säuerliches hellgelbes Getränk, zum Durstlöschen in der 
Sommerhitze geeignet! ' Zur Erntezeit gibt es allermeist Bier, das aus den 
Braustätten Erdings und der Marktflecken in guter Qualität bezogen wird. 
Andere Getränke sind nicht zur Bauernkost zu zählen. Der Genuß von 
Wein und Schnaps ist selbst in festlichen Zeiten gering. 

4. Ländlich»Sittlich. An den Werktagen hat der bäuerliche Haus» 
halt regelmäßig fünf Mahlzeiten — Frühstück, Vormittagsbrotzeit, Mittags» 
mahlzeit, Nachmittagsbrotzeit und Abendmahlzeit. Der körperlich anhaltend 
tätige Mensch bedarf dessen. Die reichste und schwerste Mahlzeit ist die 
Abendmahlzeit. Das Frühstück wird 5 bis 6 Uhr morgens eingenommen, 
die beiden „Brotzeiten“ um 9 Uhr vormittags und 3 Uhr nachmittags, die 
Mittagsmahlzeit zwischen 11 und 12 Uhr, die Abendmahlzeit nach 6 Uhr 
abends. 

Das Frühstück besteht aus Suppen (geschmalzene Brotsuppe, Brenn» 
suppe, Milch» und Mehlsuppe). 

Zu den Brotzeiten gibt es Brot, Kartoffeln, Nachbier. 

Mittags ist die „Ordinarikost“ Suppe mit Knödeln, Rindfleisch und 
Sauerkraut. Diese Kost kommt fast täglich auf den Tisch mit Ausnahme des 
Freitags, der als „Fasttag“ jede Fleischspeise ausschließt. An Stelle des Rind» 
fleisches kann auch geräuchertes Fleisch, mitunter „Kuttebvoressen“ treten. 

Abendmahlzeit: Des Abends tritt die von der Bäuerin bereitete 
Schmalzkost in ihre Rechte. In dem echten alten Bauernhof macht sich 
eine regelmäßige Erscheinung geltend, die auch in den Speisezetteln hervor» 
tritt. Am Samstagabend werden Nudeln oder Kücheln mit reichlichstem 
Fettgehalt — gewöhnlich die Schmalznudeln — in größerer Menge her» 
gestellt. Von diesem Gebäck erhalten außer der ergiebigen Mahlzeit die 
Knechte und Mägde (Oberknecht 4, Dirne 3 und Bub 2 Stück) zu freiem 


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10 


Moritz Henkel, 


Gebrauch. Unter diesen Umständen war die Kostberechnung, etwas 
schwierig. Ich bemühte mich, das plus auszuschalten, da die Dienstboten 
häufig am Sonntag zu ihren Angehörigen Nudeln bringen. Ein Teil des 
Überschusses muß aber doch gerechnet werden, da am Sonntage eben 
deshalb weniger gereicht wird, auch die Brotzciten in Wegfall kommen. 

Nährwert der gekochten Bauernkost. 




Gehalt an 




Eiweiß 

Fett 

Kohlehydrate 


Fleischbrühe. 

0,5 

0,5 


_ 

Gekochtes Rindfleisch. 

34,1 

7,5 

_ 

_ 

Gekochtes Schweinefleisch. 

26,1 

33,0 

— 

— 

Geselchtes Schweinefleisch. 

30,0 

36,0 

— 

— 

Kuttelvoressen. 

14,5 

36,3 

11,3 

(3) 1 ) 

Kartoffelwassersuppe. 

1,5 

0,8 

9,0 


Erbsenwassersuppe .. 

2,6 

2,1 

8,0 

— 

Aufgeschmalzene Weißbrotsuppe . . . 

1,7 

1,5 

13,0 

— 

Aufgeschmalzene Schwarzbrotsuppe . . 

1.8 

1,0 

16,5 

(4) 

Buttermilchsuppe. 

4,7 

3,8 

8,9 

(3) 

Geriebene Teigsuppe. 

1,9 

1,7 

9,1 

(3) 

Brennsuppe . 

1,0 

3,1 

5,3 

(3) 

Milchkaffee mit Zucker. 

2,3 

2,5 

1,3 

6,7 

(2) 

Gewöhnlicher Knödel. 

7,8 

44,1 

(6) 

Weißer Knödel. 

8,2 

1,2 

47,2 

(2) 

Fingernudeln. 

6,8 

20,1 

42,6 

(2) 

Kartoffelfingernudeln. 

7,0 

21,7 

43,6 

(2) 

Rohrnudeln. 

7,6 

5,2 

43,0 

(2) 

Stichnudeln.. 

5,6 

4,0 

36,4 

(5) 

Kartoffelnudeln. 

5,6 

38,4 

41,8 


Schmalznudeln.. 

6,9 

17,1 

38,6 

' (3) 

Kartoffclkücheln. 

5,5 

14,2 

32,9 

(2) 

Haubenkücheln .. 

7,6 

18,2 

46,6 


Sauerkücheln.. . . . 

6,6 

21,2 

36,3 

— 

Schucksenkücheln . 

7,1 , 

17,6 

39,7 

(4) 

Teigschmarren. 

7,0 ! 

13,6 

34,0 


Kartoffelschmarren. 

4,5 

17,0 

33,2 

(4) 

Topfenschmarren. 

21,6 j 

23,6 

21,5 


Butterpaunkerl. 

7.0 

14,7 

33,8 

— 

Kartoftelpaunkerl. 

6,5 

14,8 

41,7 

— 

Topfenpaunkerl. 

16,8 

26,6 

28,2 

(2) 

Topferstenken. 

21,1 

28,3 

18,0 

(2) 

Gekochte Kartoffeln. 

4,0 

0,3 

2,6 

40,0 


Kartoffeltunke. 

1,2 

9,6 

— 

Kartoffelgemüse. 

4,6 

1,5 

47,8 

— 

Kartoffelsalat.. 

4.7 

2,9 

i 45,6 

— 

Sauerkraut . 

0,9 

2,3 

4,8 

(4) 

Blaukraut. 

1,5 

3,5 

| 4,9 


Kohlrabitunke. 

«1,1 

1.1 

1 5,2 

— 

Obsttunke. 

0,5 

0,1 

> 14,7 

— 

Bodenrübentunke. 

0,7 

1,5 

| 5,1 

(3) 

Kopfsalat. 

1,4 

4,0 

2,2 


Rettichsalat. 

2,0 

1,8 

8,4 

— 

Gurkensalat. 

1,2 

2,1 

2,3 

— 


l ) Durchschnitt aus (3) Berechnungen. 


Am Sonntag verändert sich die Situation gewaltig! In der Frühe gibt 
es Milchsuppe oder Kaffee mit Weißbrot. Mittags gibt es meist bessere 
Knödel zu Rindfleisch und Kraut. Nachmittags geht der Knecht zum Bier, 
auch die Dirne sättigt sich anderswo auf Besuch (im „Heimgarten“), wo 


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Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 11 

sie Kücheln mitbringt und Kaffee und andere Zuspeisen empfängt. Zu 
Hause ist deshalb für Sonntag abends nur Suppe zur Verfügung. Die 
männlichen Arbeiter kehren meist erst später heim. 

-Wenn man die mannigfachen Gelegenheiten in Betracht zieht, wo auch 
die Dienstboten im Wirtshause oder bei der Freundschaft und Verwandtschaft 
„futtern“, so kann man den berechneten Kostsatz nicht zu hoch finden! 

Im allgemeinen ist der patriarchalische Zug anzuerkennen, daß die 
Dienstherrschaft, der Bauer (und die Bäuerin) sich an der Kost des Gesamt* 
hauses regelmäßig beteiligen. Die richtigen Bauersleute halten (mit ihren 
Kindern) keinen eigenen Tisch. Die Eheleute teilen die Kost der Ehehalten. 
Daß die Bäuerin sich ab und zu einen Kaffee erlaubt, fällt als Ausnahme, 
welche die Regel bestätigt, nicht ins Gewicht. 

In der Zeit der strengen Erntearbeit wird die Schmalzkost noch 
reichlicher bemessen, so daß die menschliche Kraftmaschine mit Kalorien 
im Übermaß gespeist erscheint. Beim Erntegeschäft gibt es Bier statt 
Scheps, an Stelle des ständigen Sauerkrautes treten die (grünen) Salate. 

Außer dem Hause. Der konservative Zug der bäuerlichen Be* 
völkerung zeigt sich unverkennbar in der Regelmäßigkeit und Gleichheit der 
Küchenprodukte, die sich bis zur Einförmigkeit steigert: Knödel, Sauerkraut 
mit Rindfleisch, Nudeln in der Hauptsache. Wenn aber des Dienstes gleich* 
gestellte Uhr nirgends genauer als im stillen Bauernhof am einfachen 
Werktage tickt und regiert, ändert sich das gründlich, wenn der Bauer und 
der Knecht die Schwelle des Hauses zur Feierzeit verläßt. 

Der Bauer kann sichs leisten, daß er täglich, vielleicht ein bis zwei 
Stunden zum Nachbar Wirt geht und seinen Abendschoppen nimmt. Ge* 
wohnlich tun das die „alten Herren“ der Bauernschaft. Der gut gestellte 
„Austrägler“, Austragsbauer, der seinen Hof übergeben hat und auf dem 
Altenteil lebt, gehört zur Abendgesellschaft beim Wirt, in welcher er 
langsam und bedächtig seine Kenntnisse auskramt und sie noch viel 
langsamer bereichert im Verkehr mit dem Hilfslehrer, dem Gendarm, dem 
Postboten, Gemeindediener und Hausierer. Mit einziger Ausnahme des 
Verschwenders geht er aber vor Gebetläuten heim. 

Des Sonntags und Feiertags sitzt die Wirtsstube der Ortseingesessenen 
voll, und Bauer und Knecht weilen einträchtig am gleichen Tisch bis spät 
in die Nacht. Da wird es lauter. Da kreisen die Humpen, und wenn die 
Alteren und Verheirateten heimgegangen, gibt es auch zuweilen eine solenne 
Keilerei mit Fürsorge für mildernde Umstände. Glücklicherweise hat der 
Gebrauch des Messers gegen die früheren „guten alten“ Zeiten bedeutend 
abgenommen. 

Wenn der ländliche Arbeiter im Gasthause sitzt, verzehrt er auch 
andere Speisen. Auf seinem Hofe hat der Bauer das Kalbfleisch nur in 
lebendem Zustand. Es dient nur zur Aufzucht und zum Verkauf. Zu 
Hause Kalbfleisch als Nahrung zu bereiten, kommt ihm nicht bei. Auch 
Eier ißt er nicht. Im Wirtshause ist Braten und Wurst sein Begehr. Beim 
Wirt wird Samstags geschlachtet, je nach der Jahreszeit auch Schweine* 
fleisch oder Lamm (Lampl). Es gibt eine Auswahl von Würsten (Bratwürste, 
Weißwürste, Blut* und Leberwürste, Stockwürste und dünn und dick Ge* 
selchte). Es werden die verschiedensten Teile des Tieres als Braten und 
Voressen zubereitet. 


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12 


Moritz Henkel, 


Bei dem Wirte des Ortes (in taberna loci) geschieht aber gewöhnlich 
alles noch mit gehörigem Maß und Ziel. Wer nicht ein Verschwender ist, 
will auch nicht dafür gelten. Je weiter aber der Bauer fährt, desto üppiger 
wird seine Lebensweise. Und wenn er am Schrannentage mit Gespann bei 
seinem Bräu* oder Stammwirt in Erding einkehrte, wurde nicht gespart. 
Doch hat auch hierin die nivellierende Zeit viel Einfluß geübt. 

In den verflossenen Jahrhunderten war der Landmann dem Wechsel 
von Drangsalen unterworfen, wie wir es uns heute kaum mehr vorstellen 
können. Kaum erholte er sich mit Hab und Gut von den Schrecknissen 
des Krieges und Raubes, von Mißwachs und Nöten, so kamen neue Feinde 
menschlicher und elementarer Gewalt. Er konnte nicht zur Ruhe kommen. 
Es war eine unter den hochmögenden und würdevollen Stellen allgemein 
verbreitete Meinung, für das Landvolk sei in der Weltordnung begründet: 
rustica gens optima flens — pessima ridens. Übermütig sollte der Bauer 
nicht werden! Dieser war in der Kultur und in der Genußsucht noch weit 
zurück. Noch im Beginn des 19. Jahrhunderts war auf Bauernhöfen kaum 
Sonntags ein Stückchen Fleisch zu finden. Auf solche Zustände sind noch 
manche urwüchsige Gebräuche zurückzuführen. 

Bei der Einkehr in der Stadt wurden Berge von Bratwürsten, Braten 
aller Gattung, Milzwurst in Gestalt einer Schlummerrolle, multum und 
multa vertilgt, und noch erkleckliche Reste mit nach Hause genommen. 

Im Zeichen des Verkehrs und der bürgerlichen Freiheit hat sich das 
mehr ausgeglichen. 

Wie es bei Hochzeiten, Kindstaufen, Leichenschmäusen und ähnlichen 
Gelegenheiten zugeht, gehört nicht hierher. Es gab da Auswüchse, welche 
sogar behördliche Einschränkungen veranlaßten. 

Nicht zu vergessen sind aber die heiligen Zeiten, die der Bauer zu 
Hause feiert. Da hält Herr und Knecht strenge darauf. Letzterer läßt 
es sich nicht bieten, wenn an dem oder jenem festlichen Abend, wo nach 
Tradition bestimmte Nudeln aufgetragen werden, einfache Kücheln er* 
scheinen. Da gibt es Murren und Ausstand! 

Das höchste Fest, der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit, ist die 
„Kirchweihe“, der „Kirta“. Das Fest währt zwei Tage und gewährt die 
Fülle aller leiblichen Genüsse. Sein mathematisches Zeichen ist oc „un* 
endlich 44 , im bayrischen Dialekt „gnua 44 oder „grad gnua 44 genannt. Da 
könnte man keine Kostmaße festsetzen, denn cs gibt keine. Am Kirchweih* 
sonntag früh vor der Kirche gibt es Schnaps — sonst nicht gebräuchlich — 
und Kaffee. Nach der Kirche wird „angezapft 44 : Bier — bis zum Abend 
„gnua oo 44 ! Suppe mit feinen weißen Knödeln, Würste, Voressen, Braten, 
Schweinefleisch, selbst Gänse, Enten, Hühner — verschont wird nichts. 
Nur die Kochkunst der regierenden Bäuerin setzt die Grenzen; das Un* 
gewohnte macht mitunter Schwierigkeiten. Dazu die Kirchweihnudeln vom 
feinsten Mehl, nach allen Regeln mit größtem Fleiße in schwerer Menge 
hergestellt. Die beste Stadtköchin kann sie nicht so bereiten! 

So sitzen die Edlen der Nation, ein geschlossener Bauernbund, bis zur 
Nacht um den großen Tisch in der reingefegten Stube, meist lautlos mit 
Verzehren und |Verdauen beschäftigt, auch etwas Karten spielend, ganz 
unter sich. Wenn der Arzt am Nachmittage durch die stillen Dorfreihen 
fährt, sieht er durch die blanken Fenster nichts als Bauernrücken. 


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Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 13 

Am zweiten Tage geht es nach dem Mittagtisch auseinander. Da wird 
zu anderen auf den Kirta gezogen. Es kommen Kirchweihgäste von nah 
und fern. Mancher intime und geschäftliche Handel wird geschlossen. 
Es waltet ein glücklicher Stern; im Zeichen oo wirst du siegen. 

5. In vorstehendem sollte ein lebendiges Bild der Ernährung des ein* 
heimischen ländlichen Arbeiters gegeben werden, wie es dem zuständigen 
öffentlichen Arzte klar und bekannt sein soll. Ich möchte noch ergänzend 
beifügen drei Kostsätze des Personals eines Brauerei* und Okonomieanwesens 
der Kleinstadt, des Sitzes der Behörden. In diesem Betriebe sind Bräu* 
knechte, Ökonomiearbeiter und weibliches Hausgesinde beschäftigt. 

Das Ergebnis der Berechnungen meiner Tabellen ist: 


Angestellte im Erdingcr Brauhaus 

Eiweiß 

Fett 

| Kohlehydrate j 

Kalorien 

1. Braugehilfen. 

256,8 

81,4 

944,3 

6665,6 

2. Ökonomiearbeiter. 

212,6 

121,6 

912,8 

5937,6 

3. Weibliches’Hausgesinde . . . . 

144,7 

73,8 

384,2 

2975,6 


In den Kalorien ist der Wärmegehalt des Alkohols gleich dem der 
Kohlehydrate eingerechnet. Die Bräugehilfen erhalten Werktags 8 Liter, 
des Sonntags 9 Liter Bier! Die Ökonomiearbeiter Werktags 4 Liter Nach* 
bier, Sonntags 3 Liter Bier. Die weiblichen Dienstboten des Hauses täglich 
1 Liter Bier. 

Bei Betrachtung dieser Kostsätze fällt vor allem der Bierkonsum, das 
Bierquantum der Bräuknechte auf. Aus meiner Studentenzeit kann ich mich 
noch folgenden Vorfalles erinnern. Bei den Beobachtungen und Forschungen 
Voits und seiner Mitarbeiter über die menschliche Ernährung wurden als 
lebendes Material eine Reihe von Personen aller Stände beigezogen. Als 
nun auch Bräuknechte vom Pschorr und Löwen auf ihren „Stoffwechsel“ 
und ihren Ernährungsstand geprüft werden sollten, brachte die Angabe 
eines derselben, daß er seit mehr als zehn Jahren täglich mindestens 
12 Liter Bier — sehr häufig weit mehr — zu sich nehme, Entsetzen und 
Verwirrung hervor. Sein „Haushalt“ brachte alle Theorien in Verlegenheit, 
denn er sah nicht nur vollgenährt aus, er schien auch gesund! Daß es 
einer so treiben kann, zeigte die Erfahrung; diese wies aber auch tausend* 
fähig nach, daß das Übermaß schädlich wirkt. Denn kein Stand und 
Gewerbe lieferte beständig so viel Lungenschwindsüchtige, wie das Bräu* 
gewerbe, zu welchem doch die kräftigsten und stämmigsten Burschen be* 
nötigt werden. Es gibt ja „Naturen von Eisen“, die Jahre lang eine ver* 
kehrte Lebensweise wohl vertragen. Die Mehrzahl nimmt schweren Schaden. 
Jahre hindurch konnte ich beobachten, wie solche Trinker langsam aber 
sicher dem Verfall entgegengehen. So lange sie fest essen, geht es noch. 
Über kurz oder lang kommt das verhängnisvolle Stadium, in welchem fast 
nur getrunken wird, und das führt zum Ende! 

Schon bei den ländlichen Arbeitern kommt es vor, daß sie von den 
ihnen gereichten Kücheln, namentlich Samstags und Sonntags, ihren An* 
gehörigen und Bekannten zukommen lassen. Noch mehr tritt dieser Um* 
stand bei den Bräugehilfen in Erscheinung. Sie überlassen, ja verkaufen 
mitunter Bier, auch Brot, wofür ihnen Marken zugewiesen sind. Der 
Brauherr kümmert sich nicht, wieviel der Einzelne wirklich genießt. 


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14 Moritz Henkel, Der öffentliche Arzt und die öffentliche Gesundheitspflege. II. 


Man könnte hieraus schließen, daß manches unserer Kostsätze zu 
hoch gegriffen sei; es ist schwierig, alles genau auszuscheiden. Erwägt 
man aber, daß alle diese Arbeiter und Dienstboten wiederum im Wirts® 
hause und bei verschiedenen Anlässen außer der Arbeitsstelle Speisen und 
Getränke genießen, die nicht in unsere Berechnungen fallen, so darf man 
die Darstellung unserer Verhältnisse als richtig anerkennen. 

Die Gaben im Bräuhause erinnern an die Fleischtöpfe Ägyptens. Ein 
wohlbestellter Brauherr hält auch seine Leute gut! Er selbst mit Weib 
und Kind lebt „noblig“ — leben und leben lassen! Er hat Standes® 
bewußtsein, und nicht selten wandelt er als „Universal®Lipom“ zur Reklame 
für seinen guten alten Stoff durch die Straßen. 

Man muß die Altbayern im allgemeinen schon Vielesser nennen. 
Sie haben weite gute Mägen. Noch ehe die Leibesübungen und der Sport 
bei den Städtern und der gebildeten Bevölkerung einsetzte, hat sich in 
ländlichen Kreisen das Wettessen einer Beliebtheit erfreut. In manchen 
Lokalblättern wurde vermeldet, wie unter gespannter Aufmerksamkeit der 
Zuschauer solche Wetten in Fleischgerichten aller Art, besonders in Würsten, 
ausgetragen wurden. Seltener in Getränken. 

Die Bürger, die handel® und gewerbetreibenden Kleinstädter, welche im 
Durchschnitt nicht so anstrengende und anhaltende körperliche Arbeit zu 
leisten haben wie die Landleute, haben weniger Fette und mehr Fleisch* 
speisen. Gemüse liebt der Altbayer wenig. Er besitzt nicht das rechte 
Verständnis hierfür. Wenn der Geschäftsmann des Abends in seinen 
„Gesellschaftstag“ geht und der Kundschaft halber auch essen muß, so 
ist sein Gericht ein mächtiges Stück Braten, neben dem sich das Gemüse 
als Beigabe in einer Art von Senfschüsselchen bescheiden ausnimmt. 

Wie anfangs benannt, sind es die Ernährungsverhältnisse bei Beginn, 
in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, welche ich aus eigener An* 
schauung im regsten ständigen Verkehr mit der Bevölkerung als praktischer, 
als Anstalts* wie auch als amtlicher Arzt beobachtet und hier be* 
schrieben habe. 

Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, wie es nunmehr, in und 
nach dem Kriege, geworden ist. Auch in den kleineren ländlichen Kreisen 
ist gar manches knapper geworden. Die trinkfesten Bierkieser konnte 
man zusammenklappen sehen, denn der Stoff wurde dünner und spärlicher, 
und wer nicht unmittelbar an der Quelle von „Milch und Honig“ saß, litt 
unter Mangel und Teuerung. 

Immerhin hat unter diesem langwierigen und gewaltigsten aller Kriegs* 
züge und unter dessen Folgen die echte eingesessene ländliche Bevölkerung 
in bezug auf die Ernährung und die wirtschaftlichen Verhältnisse weniger 
gelitten als in den früheren Weltkriegen. Unsere Landwirtschaft ist ein 
mächtiger Faktor des Staatswesens geworden, und bei der wichtigen vor* 
dringlichen landwirtschaftlichen Arbeit durfte auch die Ernährung des 
Arbeiters nicht Schaden leiden. 

Er hat durchgehalten ohne die strenge Markenrationierung des Städters; 
ohne Schmalz geht es nicht! So hoffen wir, daß aus der Kornkammer und 
dem Betriebe des Landmannes in besseren friedlichen Zeiten dem ganzen 
Volke Wachstum und Gedeihen fort und fort ersprieße! 


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Vorschläge zur Finanzierung des Wohnungsbaues. 

Von Henriette Fürth in Frankfurt a. M. 


Unter den verschiedenen Plänen, die darauf abzielen, unsere Innen* 
Wirtschaft trotz der Bedrängnis von außen aufrecht zu erhalten oder 
wiederaufzubauen, nimmt die dem Wohnungsneubau zugewandte Sorge einen 
hervorragenden Platz ein. 

Man geht dabei von der zutreffenden Erwägung aus, daß hier der 
Punkt ist, von dem aus einmal einem bitteren Notstände abgeholfen, zum 
anderen aber unser Wirtschafts* und Arbeitsleben aus der heutigen Lähmung 
gelöst und zu innerer Gesundung und organischem Eigenleben gebracht 
werden könne. 

Die in diesem Betracht zu leistende Arbeit ist unendlich kompliziert 
und verantwortungsvoll. Gegeben ist der Bedarf an Neubauten. Gegeben 
ist auf der anderen Seite eine Armee von Arbeitslosen, die zu einem nicht 
unbeträchtlichen Teile vom Baumarkt aufgenommen werden, zu einem 
weiteren Teile durch die reihefolgend sich auftuende allgemeine Belebung 
des Arbeitsmarktes versorgt werden könnte. Gegeben ist endlich die 
Möglichkeit der Materialbeschaffung. Aber: die Baustoffe sind zu teuer. 
Alle Baustoffe, die auf ihrem Produktionswege der Kohle bedürfen, sind 
nahezu unerschwinglich. Ob und wieweit diese Überteuerung der Baustoffe 
unvermeidbar ist, soll in anderem Zusammenhänge erörtert werden. 

Jedenfalls muß gebaut werden, und zwar unverzüglich. Einmal, weil 
Wohnungsmangel und Wohnüngselend zu einer kaum wiedergutzumachenden 
Gefahr für die Gesundheit und Sittlichkeit und damit den ganzen Kultur* 
stand unseres Volkes zu werden drohen. 

Zum anderen, weil wir uns unter allen Umständen und um jeden Preis 
dazu aufraffen müssen, von einem sicheren Punkte aus unsere Wirtschaft 
wieder in geordneten Gang zu bringen. Das wird dann der Fall sein, 
wenn es uns gelingt, den mehr als 2 Millionen Arbeitern, die vor dem 
Kriege im Baugewerbe und seinen Annexen beschäftigt waren, lohnende 
Arbeit zu geben. 

Es erübrigt sich, an dieser Stelle weitläufig auseinanderzusetzen, wie 
durch die Belebung des Baumarktes auch alle anderen unmittelbaren oder 
mittelbaren Bau* und Werkzeugindustrien angeregt würden. Wie weiterhin 
die voll arbeitenden und angemessen entlohnten Arbeiter eine ganz andere 
Kaufkraft entfalten können, als der Kurzarbeiter oder der auf seine Unter* 
Stützung gestellte oder durch die produktive Erwerbslosenfürsorge kärglich 
versorgte Arbeiter. 

Die so gegebene Steigerung der Kaufkraft wird reihefolgend alle 
anderen dem Lebensunterhalt dienenden Erwerbszweige beleben. Die Nach* 
frage nach Arbeitskräften wird auch hier steigen und manchen, der jetzt 
im unproduktiven Verwaltungsdienst das Gnadenbrot der Städte und 
sonstiger Verwaltungskörper ißt, dazu veranlassen, die lohnendere Be* 
schäftigung im freien Arbeitsmarkt aufzusuchen. 


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16 


Henriette Fürth, 


Damit aber diese ganze schöne Zukunftsmusik mehr sei als eine bloße 
Milchmädchenrechnung, muß geprüft werden, ob und auf welche Weise 
die Mittel zu beschaffen wären, die trotz der hohen Baustoffpreise das 
Bauen von preiswerten Wohnungen möglich machen könnten. Ein Erlaß 
des Reichsarbeitsministers vom 7. Januar 1921 betr. „Die Förderung des 
Wohnungsbaues mit den Mitteln der produktiven Erwerbslosenfürsorge 
weist in diese Richtung“ (Reichs * Arbeitsblatt, Nr. 9, 1921, S. 324 f.). An 
sich begrüßenswert, können die dort getroffenen Bestimmungen nur unter 
erheblichen Modifikationen zu dem Werkzeug im Kampf gegen Arbeits* 
losigkeit und Wirtschaftsstockung werden, das sie ihrer ganzen Natur nach 
zu sein vermöchten. Besonders bedenklich erscheint die Bestimmung, daß 
Reich und Länder nur in bescheidenstem Umfang Mittel der Erwerbslosem 
fürsorge für den Wohnungsbau zur Verfügung stellen sollen. „Aus der 
großen Zahl von Bauvorhaben, die eine öffentliche Hilfe verlangen, wird 
ein kleiner Bruchteil ausgewählt werden müssen, dem diese Hilfe in 
der Form der produktiven Erwerbslosenfürsorge zugewendet werden' kann.“ 

Auf diesem Wege kommen wir nicht weiter, selbst wenn die an gemein* 
nützige Baugesellschaften und Genossenschaften zu gewährenden Darlehen 
und Zuschüsse sich auf das 2 l / 2 fache der Ersparnis an Arbeitslosen* 
Unterstützung belaufen. Die Verordnung sagt hier mit Recht, daß der 
Arbeitslohn heute weniger für den Umfang der Bausumme bedeutet als 
die Baustoffe. Nach dem anzunehmenden 2% fachen Satz wären auf den 
Kubikmeter umbauten Raumes zu gewähren: 

Ortsklasse...A B C D und E 

70 60 55 50 M. 

„Dabei ist der umbaute Raum vom Fußboden des Erdgeschosses bis 
zur Oberkante des Hauptgesimses zu berechnen.“ 

Nun stellt sich heute (nach mir vorliegenden Berechnungen einer sehr 
umsichtig arbeitenden gemeinnützigen Baugesellschaft) in der Ortsklasse A 
der Kubikmeter umbauten Raumes auf 249 M. für den reinen Bau, auf 
299,30 M. einschließlich Unkosten und Gartenanteil. Das ist bei einem 
Friedenspreise von 18 M. für den Kubikmeter umbauten Raumes das 13,85* 
bzw. das 16,63 fache des Friedenspreises. In die Praxis übertragen würde 
der von seiten des Arbeitsministers vorgesehene Zuschuß von 70 M. auf 
den Kubikmeter umbauten Raumes rund ein Viertel der benötigten Bau* 
summe repräsentieren. Damit ließe sich wenig anfangen und wenn dies 
Wenige nun gar nur einem kleinen Bruchteil von Bauten zugeführt werden 
kann, so ist damit der Beweis erbracht, daß eine großzügige Wohnbauaktion 
sich auf dieser schmalen Grundlage nicht zu entfalten vermag. 

Sollen die Genossenschaften und gemeinnützigen Baugesellschaften in 
die Lage gesetzt werden, in genügendem Umfang zu bauen, so müssen 
weit umfangreichere Mittel zu denkbar günstigsten Bedingungen bereit* 
gestellt werden. 

Das könnte dadurch geschehen, daß man die alten Wohn* 
bauten die Kosten für die neu zu erstellenden mittragen ließe. 
Einen solchen Weg schlägt der Gesetzentwurf „Uber die Erhebung einer 
Abgabe zur Förderung des Wohnungsbaues“ ein. (Vgl. „Der Heimatdienst“, 
Jahrg. 1, Nr. 16, vom 20. März 1921 „Maßnahmen zur Wiederbelebung der 
Bautätigkeit“; vgl. auch Gesetz vom 26. Juni 1921, Reichsgesetzblatt, S. 773.) 


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Vorschläge zur Finanzierung des Wohnungsbaues. 


17 


Er sieht die Erhebung einer allgemeinen Abgabe von den Nutzungs* 
berechtigten, also Mietern wie Eigentümern, solcher Gebäude vor, die vor 
dem 1. Juli 1918 fertiggestellt waren. Die Abgabe soll 5 Proz. des jähr* 
liehen Nutzungswertes (Mietwertes) der Gebäude oder Gebäudeteile nach 
dem Stande vom 1. Juli 1914 betragen. Hierzu haben die Gemeinden 
weitere 5 Proz. Zuschläge zu erheben. 20 Proz. des Ertrages der Abgabe 
soll an das Reich zur Bildung eines Ausgleichsfonds abgeliefert werden.“ 
Da ein Gesetzentwurf des Reichsrates vorliegt, ist einstweilen ein Notgesetz 
angenommen worden, betr. „die vorläufige Förderung des Wohnungsbaues“, 
vom 12. Februar 1921 (Reichs«Arbeitsblatt, Nr. 11, 1921; Reichsgesetzblatt, 
S. 175), das die Länder verpflichtet, „zur Förderung des Wohnungsbaues in 
den Jahren 1921 und 1922 zusammen mindestens einen Betrag von 30 M. 
auf den Kopf der Bevölkerung aufzuwenden.“ Zur Deckung sollen die 
Länder für die Rechnungsjahre 1921 bis längstens 1940 eine Abgabe von 
den Nutzungsberechtigten solcher Gebäude erheben, die vor dem 1. Juli 
1918 fertiggestellt sind. Von den Ausführungsbestimmungen interessieren 
uns für unsere Zwecke nur die über Gewährung und Berechnung der 
Darlehen. Es sollen nur Wohnungsbauten mit 70, höchstens (bei Vorsorge 
für kinderreiche Familien) 80 qm Grundfläche pro Wohnung berücksichtigt 
werden. — Zur Sicherung der Darlehensforderung ist an dem Baugrund« 
stück eine Hypothek zugunsten einer von der obersten Landesbehörde zu 
bestimmenden Stelle zu bestellen (Beihilfehypothek, § 9). Die Gesamt* 
herstellungskosten und die Mieten (Mietwerte) der mit Beihilfen unter* 
stützten Wohnungen sind behördlich nach Anordnung der obersten Landes* 
behörde festzusetzen“ (§ 10). „Die Mieten (Mietwerte) sind alle 5 Jahre, 
wenn nicht schon vorher dazu Anlaß ist, nachzuprüfen und erforderlichen* 
falls nach Lage des örtlichen Mietmarktes neu festzusetzen“ (§ 11). Unter 
§14 werden dann noch verschiedene Vorbehalte betr. Rückforderung der 
Beihilfe in solchen Fällen gemacht, in denen die Bestimmungen über Ver* 
wendung und Leistung nicht innegehalten werden. 

Dies Notgesetz ist dem Hauptentwurf vorzuziehen. Es könnte zweck* 
mäßig dahin ergänzt werden, daß man den Gemeinden bis auf anderweitige 
Regelung das Recht zubilligte, daneben noch örtliche Mietzuschläge zu 
Zwecken des Wohnungsbaues zu erheben. Es sei uns gestattet, am Bei* 
spiel einer Großstadt den ungefähren Ertrag eines solchen etwa 10 proz. 
Mietzuschlags zti errechnen. In Frankfurt a. M. wurden am 31. Dezember 
1920 107 242 Wohnungen gezählt. (Ich entnehme diese und die folgenden 
Daten noch unveröffentlichten Mitteilungen des Statistischen Amtes der 
Stadt Frankfurt, und nehme den Anlaß wahr, dem Leiter des Statistischen 
Amtes, Herrn Direktor Busch, an dieser Stelle für seine bereitwillige 
Unterstützung zu danken.) 


Davon mit 1 (heizbaren) Zimmer 



w ** »* 

„ 3 



„ 4 



5 



„ 6 



„ 7 u. 8 



0 u. m. 



öffentliche Gesundheitspflege 1^22. 


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. 7 083 

. 34 806 
. 35 775 
. 14018 

. 7 626 

. 3 948 

. 2 554 

. 1 432 

107 2-12 
2 

Original fram 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 


















18 


Henriette Fürth, 


Von den im Jahre 1919 bezogenen Wohnungen ergaben die 


1 Zimmerwohnungen einen durchschnittlichen Mietwert von 


2 

3 

4 

5 

6 u. mehr 


297 M. 
459 „ 
681 „ 
1091 „ 
1726 „ 
2942 „ 


Ergänzend ist hier zu bemerken, daß diese Zahlen errechnet sind auf 
Grund der im Jahreslauf neubezogenen Wohnungen. Der sich dabei 
ergebende Durchschnitt ist eher zu niedrig, da einmal die besseren Woh* 
nungen nur ausnahmsweise zur Neuvermietung kamen. Ferner weil die 
miteinbezogenen entlegenen Vororte niedrigere Mietsätze haben und inner* 
halb der Stadt ziemlich viel alte Wohnungen von minderer Beschaffenheit 
dazwischen sind. Es ist also ohne weiteres anzunehmen, daß die meist 
bezahlten Mieten höher liegen, wobei noch außer Ansatz bleibt, daß auf 
Grund heimlicher Verabredungen nicht selten eine höhere Miete als die 
amtlich zugelassene und gemeldete bezahlt wird. Aus alledem erhellt, daß 
die für den 31. Dezember 1920 auf Grund der vorstehenden Ziffern mit 
92 823 722 M. (865 M. durchschnittlich pro Wohnung) errechnete Gesamt* 
aufwendung für Miete in Frankfurt a. M. nur als eine niedrigste Mindest* 
Ziffer anzusehen ist, so daß wir, wenn wir daraufhin den zu erwartenden 
Ertrag eines lOproz. Mietzuschlags mit 10 Millionen Mark ansetzen, damit 
in der Tat nur einen von der Wirklichkeit weit überholten Betrag erhalten. 
Zu diesen 10 Millionen würden auf Grund der fortgeschrittenen Bevölkerungs* 
Ziffer, die am 1. März 1921 469189 Köpfe ergab, der Landeszuschuß von 
30 M. pro Kopf der Bevölkerung mit rund 14 Millionen Mark in Summa 
24 Millionen Mark für Wohnungsbauten verfügbar werden. 

Wir werden in anderem Zusammenhänge nachzuweisen versuchen, was 
ein solcher Betrag für die Wohnungsbautätigkeit bedeuten könnte, d. h. 
wieviel Wohnungen von der im Gesetz vorgesehenen Größe und Beschaffen* 
heit damit erbaut werden könnten, wollen aber zuvor näher auf ein von 
mir im Februar 1920 („Frankfurter Volksstimme“, Nr. 41): „Allgemeine 
Wirtschaftslage und Wohnungspolitik“ vorgeschlagenes und den zuständigen 
Reichsstellen unterbreitetes Projekt eingehen. Ich verlangte dort eine Ver* 
doppelung der Friedensmieten. Davon sollten 35 Proz. dem Vermieter 
verbleiben, 65 Proz. den Städten zugeführt werden. Heute, nach Jahres* 
frist 1 ), liegen die Verhältnisse so, daß man dem Vermieter, wenn er mit 
Steuern, Reparaturen usw. zurechtkommen soll, mindesters 50 Proz. dieser 
Mietsteigerung zubilligen müßte. Eine einschlägige amtliche Publikation 
(„Die Besiedlung des Frankfurter Stadtgebietes und die Befriedigung des 
Wohnbedürfnisses der Bevölkerung“, 11. Heft der Beiträge zur Statistik 
der Stadt Frankfurt. Frankfurt 1919) bezieht sich auf das Jahr 1910. 
Damals wurden in Frankfurt 91 762 Wohnungen mit einem Gesamtmietwert 
von 61 Millionen Mark und einem Durchschnittswert von 670 M. pro 
Wohnung festgestellt. Im Jahre 1895 wurden für 48 802 Wohnungen 

*) Die Arbeit, im März 1921 abgefaßt, gelangte durch widrige Umstände nicht 
früher zum Druck. Eine Reihe von Angaben dürften daher durch die Entwickelung 
der Verhältnisse überholt sein. Sie wurden aber belassen, da der Grundgedanke 
meiner Vorschläge unberührt bleibt und die Einzelangaben nur entsprechend zu 
modifizieren wären. (Anm. d. Verf.) 


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Original from 

UNIVERS1TY OF CALIFORNIA 







Vorschläge zur Finanzierung des Wohnungsbaues. 


19 


28 Millionen Mark oder pro Wohnung 573 M. Jahresmiete verausgabt. 
Zwischen 1895 und 1910 hat sich demnach eine Mietsteigerung von 
16,75 Proz. vollzogen. Da nun im Jahre 1906 eine allgemeine, im Jahre 
der Finanzreform 1909 sich noch verstärkende Teuerung einsetzte, müssen 
wir unterstellen, daß auch die Wohnungsmieten diesem Zug nach oben 
gefolgt sind, und müssen das um so mehr, als ein Vergleich der Mietquote 
von 1919, zu einer Zeit also, zu der die Steigerung der Mieten noch nicht 
erheblich war und vielfach noch die erniedrigten Kriegsmieten bezahlt 
wurden, mit der von 1910 ergibt, daß zwischen diesen Terminen eine 
Mietsteigerung von 195 M. = 29,1 Proz. sich vollzogen hatte. Die Be* 
völkerung ist zwischen 1910 und 1914 von 414 576 auf rund 445 000 vor 
der Mobilmachung oder um rund 30 500 Köpfe gestiegen. Unter Zugrunde* 
legung einer durchschnittlichen Kopfzahl der Haushaltungen mit Anstalten 
von 4,56, ohne Anstalten von 4,41, würde das für heute eine Zahl von 
106 634 Wohnungen ergeben. Es betrug aber schon am 31. Dezember 1920 
die Zahl der Wohnungen 107 242. Wenn wir nun diese 107 242 Wohnungen 
unter Außerachtlassung der heute tatsächlich gezahlten Mieten mit dem 
Mietdurchschnitt von 1910 in Höhe von 670 M. multiplizieren, so kommen 
wir auf einen Mietertrag von 71,8 Millionen Mark. Die in Wirklichkeit 
an dem vorgenannten Termin gezahlte Miete belief sich auf 92,8 Millionen 
Mark. Es hat also zwischen 1914 und heute bereits eine tatsächliche 
Steigerung der Mieten um 31 Millionen Mark = 43 Proz. stattgefunden. 
So mindert sich die von mir verlangte 100proz. in eine nur noch 57 proz. 
Erhöhung auf Friedensmiete. Der Gesamtmieteingang würde sich danach 
auf rund 144 Millionen Mark stellen. Von der Mieterhöhung von rund 
72 Millionen Mark auf Friedensmiete müßten nunmehr nicht, wie mein 
erster Plan vorsah, 35 Proz., sondern mindestens 50 Proz. dem Vermieter 
zugebilligt werden, d. h. noch 7 Proz. mehr als er heute schon bekommt. 
Die restlichen 50 Proz. mit 36 Millionen Mark würden der Stadt ver* 
bleiben. So könnte die Stadt an Stelle der oben von uns errechneten 
24 Millionen, über eine sichere Jahreseinnahme von mindestens 36 Millionen 
Mark für den Wohnungsneubau verfügen. Hinzu käme der heute schon 
und ohne Inkrafttreten des Mietsteuergesetzes gewährte Bauzuschuß des 
Staates aus dem 400 Millionenfonds, der sich beispielsweise für Frankfurt 
und das Jahr 1921 auf 7 Millionen Mark beläuft, denen aus eigenen Mitteln 
der Stadt 2 1 / 3 Millionen Mark zugefügt werden müssen. Bei Realisierung 
meines Vorschlages stünde sonach der Stadt ein jährlicher Baufonds von 
36 Millionen Mark plus 9 1 / 3 Millionen Mark, zusammen also rund 45 1 / 3 Millionen 
Mark, zur Verfügung. Damit ließe sich neben dem Regiebau die Unter* 
Stützung von gemeinnützigen Baugesellschaften und Genossenschaften in 
beachtlichem Umfang bewerkstelligen. 

Nach den mir vorliegenden Kostenvoranschlägen der Frankfurter Aktien* 
baugesellschaft für kleine Wohnungen stellt sich der Kubikmeter umbauten 
Raumes auf rund 300 M. (299,30 M.). — Das Projekt sieht den Bau von 
80 Wohnungen vor. In 10 Häusern sollen drei verschiedene Typen von 
Wohnungen erstellt werden. Der Durchschnittspreis einer Wohnung wird 
sich auf ungefähr 81 000 M. stellen. Soll nun die Miete der Neuwohnungen 
nicht wesentlich höher sein als die der alten . so müßten die Bauherren, 
die früher für den Kubikmeter umbauten Raumes etwa 18 M. verausgabt 


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2 * 

Original fram 

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20 


Henriette Fürth, 


haben, unter der Voraussetzung, daß sie die Mietsätze für die zu erbauenden 
Wohnungen mit dem dreifachen Betrag der Friedensmietc ansetzten, ihren 
Berechnungen einen Eigenaufwand von höchstens 54 M. für den Kubikmeter 
umbauten Raumes zugrunde legen. Das wären 18 Proz. der benötigten Bau» 
summe. Das übrige müßte auf dem Wege des zwar zu amortisierenden, 
aber im übrigen zinslosen Darlehens beschafft werden. Es könnten sonach, 
mit Hilfe der 45,33 Millionen Mark plus 18 Proz. — 53,5 Millionen Mark 
jährlich 655 Wohnungen erstellt werden. Das ist ansehnlich, aber nicht 
ausreichend. Es wäre daher noch nach neuen Geldquellen Umschau zu 
halten. Auch hierfür seien die Verhältnisse der fraglichen Frankfurter 
Baugesellschaft herangezogen. Ihre Friedensmieten hielten sich 30 bis 
40 Proz. unter dem ortsüblichen Durchschnittspreise der gleichet Wohnungs* 
klasse. Eine vergleichende „Darstellung der gemeinnützigen Bautätigkeit 
in Frankfurt“ (Prof. Dr. Ernst Cahn, Verlag für Förderung des Arbeiter* 
Wohnungswesens. Frankfurt 1915, S. 18) ergibt, daß die Gesellschaft mit 
ihren Mietpreisen selbst noch hinter den übrigen Gemeinnützigen Bau* 
gesellschaften mit Ausnahme des Preußischen Staates zurückblieb. Eine 
allgemeine Verdoppelung der Mieten würde an dieser Relation nichts ändern; 
es würde ganz im Gegenteil der absolute Unterschied zwischen den Normal* 
mietsätzen und denen solcher Gemeinnützigen Baugesellschaften noch stärker 
zutage treten. So wäre es nicht unbillig, die glücklichen Mieter dieser 
billigen Wohnungen etwas mehr als die Allgemeinheit zur Kostendeckung 
des Wohnungsneubaues heranzuziehen. Voraussetzung für eine solche 
Sonderbelastung wäre, daß trotzdem die zu zahlenden Mieten noch unter* 
halb der durchschnittlich für die gleiche Wohnungsklasse gezahlten Normal* 
mieten verblieben. Im Falle der von uns herangezogenen Gesellschaft 
würde ein Aufschlag von, sagen wir 10 M. monatlich auf jede Wohnung 
ohne Unterschied der Preis* und Größenklasse etwa das folgende Bild 
ergeben: Die durchschnittliche Friedensmiete der Gesellschaft stellte sich 
für eine Wohnung von zwei Zimmern und Zubehör bei 34 qm Fläche auf 
15 M., bei 42,8 qm auf 22 M., bei 40,7 qm auf 21 M. monatlich (städtischer 
Normalsatz 344 M. jährlich — 28,66 M. monatlich). Für eine Wohnung 
von drei Zimmern und Küche 60 qm auf 35 M. oder zwei Zimmer mit 
Wohnküche auf 23 bis 32 M. monatlich. Größen von 45 bis 59 qm (städtischer 
Durchschnitt 521 M. jährlich = 43,42 M. monatlich. A. a. O., S. 106). Bei der 
vorgeschlagenen Verdoppelung der Friedensmieten plus 10 M. pro Wohnung 
würden sich demnach die Mietsätze auf 30 bzw. 42 und 46 bis 64 M. 
monatlich belaufen. Das bedeutet aber, daß sie immer noch um 17 bzw. 
23 M. billiger wären als die allgemeinen Sätze und selbst bei einem Auf* 
schlag von 10 M. pro Wohnung unter den Normalsätzen bleiben würden. 

Für die Mieter wäre der Sonderaufschlag eine gerechte und Vergleichs* 
weise leicht zu tragende Auflage. Darum leicht zu tragen, weil trotz der 
vorgeschlagenen Erhöhung von 100 Proz. plus 10 M. die Miete nicht wie 
vordem Vs bis 1 /' 4 und mehr des Einkommens, sondern höchstens 5 bis 
8 Proz. beanspruchen würde. Interessante Belege in dieser Richtung liefert 
eine vergleichende Darstellung der Beziehung zwischen Einkommen und 
Wohnungsmiete im 11. Heft der Beiträge zur Statistik der Stadt Frank» 
furt a. M. (Dr. Aug. Busch, Die Besiedlung des Frankfurter Stadtgebietes 
und die Befriedigung des Wohnbcdürfnisses der Bevölkerung, Frankfurt 1919). 


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Vorschläge zur Finanzierung des Wohnungsbaues. 


21 


Wir finden dort (S. 150 ff.) eine Zusammenstellung, aus der hervorgeht, daß 
von 60 880 Wohnungsinhabern, die bis zu 300 M. Staatssteuer zahlten (900 bis 
10500 M. Einkommen), 11 242 == 18,5 Proz. weniger als 1 / 5 ihres Ein* 
kommens, 16 173 = 26,5 Proz. 1 / 5 bis ’/< und 33 465 = 55 Proz. über % für 
Miete verausgabten. 

Damit man nun nicht unterstelle, daß diese hohen Mietaufwendungen 
etwa von den Bessersituierten gemacht worden seien, lasse ich die folgende 
Aufstellung, der die Einkommenstufen von 1500 bis 1800 M. als Durch* 
schnittssatz für nach dem damaligen Einkommenstand gutverdienendc 
Arbeiter und Angestellte zugrunde liegen. Danach zahlten von 9045 Mietern 
dieser Einkommenstufen: 


664 Mieter 

= 

7,3 Proz. bis 250 M. 

Miete = 

14,0 Proz. 

des Einkommens 

805 „ 

= 

8.9 

300 „ 

= 

10*13 M 


667 

= 

7.3 „ 

350 ,, 

„ == 

19,4 „ 


901 

= 

9.9 „ 

400 „ 

<t = 

->-> ~> 

— ft 


877 „ 

= 

9,7 ., 

450 „ 

== 

25,0 ,. 


1318 

= 

14,5 „ 

500 „ 

== 

28.0 ., 

»t ,, 

877 

= 

9,7 „ 

550 „ 

= 

30,5 „ 


1014 

= 

11.2 „ 

600 „ 

M = 

33 Fa ,. 


483 „ 

= 

5,3 ., 

650 „ 

„ = 

36,0 „ 

„ „ 


Die übrigen 1439 Mieter dieser Einkommensklasse (15,9 Proz.) zahlten 
erheblich höhere Mieten, vereinzelt bis zu 100 Proz. ihres Einkommens. 
Wir lassen sie daher außer Betracht. 

Wir alle wissen, daß heute ein Mehrfaches dieser Einkommen bezogen 
wird. Während nach den Ausweisen der Ortskrankenkasse Frankfurt a. M 
im Jahre 1915 22 000 von 75 574 (28,6 Proz.) männlichen Mitgliedern ein 
Verdienst von 6 M. und mehr hatten, und 1916 nur 29 546 von 76169 
(38,8 Proz.) täglich 6 M. und mehr verdienten, beträgt der in diesen Tagen 
herabgesetzte ortsübliche Tagelohn für männliche Arbeiter über 21 Jahre 
immer noch 17,50 M. (Es bedarf für den Kundigen keines weiteren Nach* 
weises dafür, daß dieser Satz nur als Minimalverdienst angesehen werden 
kann.) 

Mit alledem ist der Nachweis erbracht, daß die von uns für gemein* 
nützige Baugesellschaften verlangten zusätzlichen 10 M. pro Wohnung und 
Monat in den vorliegenden und allen ähnlich gelagerten Fällen von den 
Mietern unschwer getragen werden.können. Für die gemeinnützigen Gesell* 
schäften aber würden sie die Wiederaufnahme der heute völlig erlahmten 
Bautätigkeit ermöglichen. 

Im Falle der mehrerwähnten Baugesellschaft, die über 1628 Wohnungen 
verfügt, würde der Zehnmarkzuschlag eine Jahreseinnahme von 205 360 M. 
bedeuten, und es der Gesellschaft ermöglichen, vorliegende Baupläne ohne 
übermäßige Inanspruchnahme öffentlicher Mittel zur Ausführung zu bringen. 
Erweisen wir das am konkreten Beispiel: Die Gesellschaft plant den 
Neubau von 80 Wohnungen mit einem Kostenaufwand 6 532 672 M. — Die 
Einnahme von 205 360 M. aus der Zehnmarksteuer ergibt mit 6 Proz. 
kapitalisiert den Betrag von 3 423 000 M. und setzt danach die Gesellschaft 
instand, bei einer Darlehnsbank oder der Landcsversicherungsanstalt ein 
Darlehen von 3 500 000 M. aufzunehmen, dessen Verzinsung und Amorti* 
sation auf diese Weise von vornherein gesichert wäre. Zu diesen 3500000 M. 
könnte die Gesellschaft, wie wir in anderem Zusammenhänge nachgewiesen 


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22 


Henriette Fürth, 


haben, für den Kubikmeter umbauten Raumes aus eigenen Mitteln 54 M. 
oder bei den errechneten 21 822 cbm rund 1 100 000 M. hinzufügen. Die 
restlichen 1900000 M. wären als zinsloses, aber zu amortisierendes Darlehen 
aus den oben gekennzeichneten gemeindlichen oder staatlichen Mitteln zu 
entnehmen, und zwar in folgender Zusammensetzung: 

Bei heute schon für solche Zwecke aus dem 400*Millionenfonds bereit* 
gestellten 70 M. pro Kubikmeter umbauten Raumes würden 21 822 x 70 
= 1 327 540 M. zuzüglich des Drittels der Stadt mit 442 513 M. in Summa 
1 770 000 oder rund 1 800 000 M. für die 80 Wohnungen zur Verfügung 
stehen. Die dann noch verbleibenden 110 000 M. könnten auf Anleihe 
genommen werden, für deren Verzinsung die Mehreinnahme an Mieten aus 
alten Wohnungen aufkäme. In allen diesen Fällen würde sich der aus 
öffentlichen Mitteln benötigte Zuschuß für eine Wohnung auf rund 24 000 M. 
herabmindern. Auf diese Weise könnten noch eine ganze Anzahl Wohnungen 
mehr erstellt werden als wir zuvor angenommen hatten, und man könnte 
damit rechnen, daß in etwa 4 bis 5 Jahren dem dringendsten Wohnungs* 
bedürfnis Genüge getan sein würde und wir wieder zu Normalzuständen 
gelangen könnten. (In Frankfurt lagen nach dem Bericht des Wohnungs* 
amtes am 1. Februar 1921 insgesamt 7320 Wohnungsgesuche vor, von denen 
3185 = 43,5 Proz. als dringend bezeichnet waren.) Doch ergibt ein Ver* 
gleich der Kopfzahl der Bevölkerung (bei 470000 Einwohnern 107242 Woh* 
nungen oder auf eine Wohnung 4,4 Köpfe), daß ein nicht unwesentlicher 
Teil dieser Gesuche von Leuten herrührt, die zwar behaust sind, aber eine 
Verbesserung der Wohnung anstreben und sich daher melden. Man darf 
daher annehmen, daß der wirkliche Wohnungsmangel sich nicht wesentlich 
höher als auf die Zahl der Dringlichkeitsfälle beziffert. 

So weit, so gut. Nun aber heißt es, zu den Bedenken Stellung nehmen, 
die sich der von uns vorgeschlagenen Ermöglichung des Neubaues von 
Wohnungen durch eine den Altwohnungen aufzuerlegende Sondersteuer von, 
wie wir gezeigt haben, 57 Proz. entgegentürmen. Den ersten und gewichtig* 
sten Einwand, daß eine solche Mehrbelastung von den Mietern nicht getragen 
werden könne, haben wir bereits durch den Hinweis entkräftet, daß früher 
die Miete 1 / 5 bis 1 / 3 und mehr des Einkommens beanspruchte, heute 5 bis 
8 Proz. Aber selbst wenn wir unterstellen, daß dieser im Vergleich zu 
anderen Preissteigerungen kleine Aufschlag von den Festbesoldeten nicht 
getragen werden könnte und eine entsprechende Erhöhung der Bezüge zur 
Folge haben müßte, so würde das eine Erhöhung dieser Bezüge um etwa 
1,5 Proz. (vgl. Durchschnittsmietsätze von 1910 und 1919) erfordern. Das 
fällt gegenüber allem anderen kaum ins Gewicht und wird unter Umständen 
durch das Sinken der allgemeinen Indexziffer ausgeglichen. 

Aber, so wird weiter eingewandt, Miete ist gleich Grundrente und 
bedeutet demnach im Gegensatz zu der möglichen Labilität des gesamten 
Lebenshaltungsmarktes ein Erstarren der Lebenskosten auf dem durch die 
Mietserhöhung neugeschaffenen höheren Niveau. Diese Unterstellung ist 
zutreffend und doch nicht beweisend. Es soll nicht bestritten werden, daß 
eine Erhöhung der Friedensmieten um 100, das will sagen der heutigen 
Mieten um 57 Proz., die Festlegung der gesamten Lebenshaltung auf einem 
neuen und höheren, sagen wir ruhig gegen die Vorkriegszeit um 100 Proz. 
höherem Preisniveau bedeuten würde. Das heißt aber in die Sprache der 


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Vorschläge zur Finanzierung des Wohnungsbaues. 


23 


Tatsachen übersetzt, daß, um die Friedensrelation zwischen Mietquote und 
anderen Ausgabeposten herbeizuführen, diese Ausgaben und demgemäß auch 
die Einnahmen (unter Zugrundelegung der Friedenssätze), die ersteren um 
etwa 500 bis 700 Proz., die letzteren um mindestens 200 bis 300 Proz. 
zurückgehen müßten. Da die Entwertung des Geldes sich aber nicht nur 
bei uns vollzogen hat, sondern eine Allgemeinerscheinung von Weltbedeutung 
ist, müssen wir die Festsetzung der Altmieten auf das Doppelte des Friedens? 
preises geradezu als ein Minimum bezeichnen, und darauf gefaßt sein, daß 
die Entwickelung dabei nicht stehen bleiben und allmählich wieder einen 
gerechten Ausgleich zwischen den einzelnen Positionen der Lebenshaltung 
herbeiführen wird. In bezug auf den für die Bestimmung der Grundrente 
ausschlaggebenden, nicht zu Wohn?, sondern zu Produktionszwecken ver? 
wandten Boden hat sich diese Ausgleichung bereits dahin vollzogen, daß 
z. B. die Pachtverträge für Garten? und Ackerland sich um das Zweieinhalb? 
fache erhöht haben. Da aber, wie gezeigt wurde, für unsere Neubauzwecke 
mit einer Auflage von 100 Proz. auf die Friedens?, d. h. mit einer solchen 
von 57 Proz. Friedenszuschläge auf die heutigen Mieten auszukommen 
ist, können wir diese etwaigen Entwickelungstendenzen hier außer Betracht 
lassen. 

Nun könnte weiterhin und mit Recht eingewandt werden, daß eine 
völlige und dauernde Umstellung auf die heutigen Bau? und Baustoffpreise 
in ganz anderem Sinne als die Verdoppelung des Friedensmietsatzes der 
älteren Häuser die Preise der gesamten Lebenshaltung dauernd auf einer 
ungesunden Höhe und damit eine durchgreifende Gesundung unserer Ver? 
hältnisse im Sinne eines langsamen Preisabbaues hintanhalten würde. Gegen 
diese in der Tat zu befürchtende Entwickelüngsmöglichkeit ist an erster 
Stelle das Genossenschaftswesen mobil zu machen. Es sind bereits hoffnungs? 
volle Ansätze in dieser Richtung vorhanden. Ihre Träger sind die sozialen 
Baubetriebe, die in gemeinnützigem Zusammenwirken der Hand? und Kopf? 
arbeiter des Baugewerbes der Sozialisierung Vorarbeiten. Es forderten (aus 
A. Ellinger, „Die Sozialisierung des Baugewerbes“, Dachdeckerzeitung, 
Nr. 14): 


Ort 

Gegenstand 

Der billigste 
Privat* 
Unternehmer 

Soziale 

Weniger 

in 

der Ausschreibung 

Baubetriebe 

Mark 

Dozent 

Pforzheim 

Tischlerarbeiten für 

städtische Siedlungs? 
häuser. 

240 000 

160 000 

80 000 

50 

Krefeld 

Straßenbauarbeiten . . 

487 000 

237 000 

250 000 

51 

Bonn 

Tiefbauarbeiten.... 

300 000 

206 000 

294 000 

143 

Weimar 

Zimmerarbeiten . . . 

658 400 

630 042 

28 358 

94 

n 

Maurerarbeiten .... 

115 847 

65 279 

50 568 

74 

n 

Dachdeckerarbeiten . . 

10 598 

4 780 

5 818 

122 

Landsberg a. d. 
Warte 

Erd?, Maurer? und 
Zimmererarbeiten. . 

511524 

372 945 

138 579 

37 


Die vorstehenden Zahlen sind in der Hauptsache einer Schrift ent? 
nommen, die unter dem Titel: Das deutsche Bauprogramm 1920 bis 1924 im 
Industriebeamtenverlag des Bundes der technischen Angestellten erschienen ist. 
Der Verfasser, Architekt Heinrich Kaufmann, Mitglied der Sozialisierungs? 
kommission, entwickelt darin ein großzügiges Programm, nach dem in der 


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24 


Henriette Fürth, 


Zeit bis 1924 1% Millionen neuer Wohnungen erstellt werden sollen. Von 
den auf 118 Milliarden Mark berechneten Gesamtkosten sollen 45 Milliarden 
durch eine Reichsbauanleihe beschafft werden, und zwar aus einer, wenn 
erforderlich von einer gewissen Einkommensgrenze ab zwangsmäßig einzu* 
hebenden Bargeld» und weiter aus einer in Bauland, Materialien, Geräten, 
Ziegeleien, Zementfabriken, Sägewerken, Transportmitteln usw. bestehenden 
sogenannten Naturalanleihe. So sympathisch dabei auch der Gedanke des 
sozialisierten und gemeinnützigen Betriebes ist, so wenig kann ich mich für 
die Zwangsanleihe begeistern. Eine Zwangsanleihe muß verzinst werden. 
Wie das geschehen könnte, ohne daß man zu horrenden Mietsätzen für 
die neuen Wohnungen käme, ist mir unklar. So gibt cs, nach meinem 
Dafürhalten, nur zwei Möglichkeiten, um zu bauen und zugleich die Mieten 
für die Neubauten auf einer erschwinglichen Höhe zu halten. Die eine: 
daß man auf dem Wege der Zwangsauflage den Besitzenden einen Teil 
ihres Reichtums zu Bauzwecken beschlagnahmt. Nach allen vorliegenden 
Erfahrungen ist dieser Weg auf absehbare Zeit ungangbar und darum aus* 
sichtslos. Der andere, und wie mich dünkt durchaus gangbare und auch 
gerechte Weg, ist der, die unter günstigen Bedingungen entstandenen Wohn* 
bauten die Neubaulasten mittragen, sie mithelfen zu lassen, daß 
die neuen Mieten nur unwesentlich höher sein müssen, als die 
der vor 1918 erstellten Wohnungen. 

Es wird sich bei Durchführung einer solchen Maßnahme zweifellos ein 
allgemeiner Sturm der Entrüstung erheben. Sehr zu Unrecht. Wer das 
Problem nach allen Seiten durchdenkt, muß zu dem Schluß kommen, daß 
nichts gerechter sein kann, als die vorhandenen gebrauchsfertigen Sachgüter 
an den Lasten der neu zu schaffenden mittragen zu lassen. Andere im 
Privatbesitz befindliche Sachgüter, wie Kleider, Möbel, Kunstgegenstände, 
Wäsche, Hausgerät, haben die Preisbewegung nach oben in der Weise mit* 
gemacht, daß z. B. bei Versteigerungen für sie ein Mehrfaches des An* 
schaffungswertes erzielt wird. Freilich wird diese Aufwärtsbewegung in 
bezug auf die älteren Häuser erfreulicherweise schon darum nicht statt* 
finden können, weil ja der Mehrerlös an Miete nicht in die Tasche des 
Besitzers, sondern in die der Allgemeinheit fließt und dem Zwecke der 
Beförderung des Wohnungsneubaues unter allen im Gesetz vorgesehenen 
Sicherheiten gegen mißbräuchliche Verwendung, willkürliche Mietfest* 
Setzung usw. unter Verbot der Weiterveräußerung an Private zugeführt 
werden muß. 

Endlich sei noch einmal daran erinnert, daß diese, wir wollen sic 
trotz der Unpopularität des Ausdrucks ruhig einmal Mietsteuer nennen, 
das Haushaltsbudget des einzelnen mit einem Mehrbetrag von höchstens 
1 % Proz. des Gesamteinkommens belasten müßte. Würde nun nach unserem 
Vorschläge dieser Mehrbetrag in Form von Lohn* und Gehaltszuschlägen 
vergütet, so würde das, vorausgesetzt, daß die Friedensmiete einer Klein* 
wohnung 30 M., die heutige nach dem von uns für Frankfurt nachgewiesenen 
Aufschlag 46% M. und die neue Miete demnach 60 M. monatlich betrüge, 
ein Mehr von 13% M., für das Jahr 162 M. und für die Arbeitsstunde, 
das Jahr zu 300 Arbeitstagen ä 8 Stunden = 2400 Stunden gerechnet, 
von 6,7 Pf. bedeuten. Diese für den Augenblick gewiß nicht gering anzu* 
schlagende Erhöhung könnte aber und würde nach unseren zu Eingang 


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Vorschläge zur Finanzierung d*s Wohnungsbaues. 


25 


gemachten Darlegungen zum Auftakt der Wiederbelebung des gesamten 
Wirtschaftslebens, damit zur Steigerung unserer Leistungsfähigkeit und 
Kaufkraft, d. h. aber unserer Import* und Exportmöglichkeit, zur Erstarkung 
unserer Valuta und Auslandsgeltung, d. h. aber zur Rückkehr zu einiger* 
maßen normaler abbauender Preis* und Lebensgestaltung werden. 

Aber nun erhebt sich eine schwerwiegende Einwendung: Das ganze 
von uns entwickelte Programm setzt .voraus, daß das Reich auf die Miet* 
Steuer in der geplanten Form verzichte. Wird es dazu bereit sein? Zur 
Beantwortung dieser Frage soll uns ein Blick auf das helfen, was bisher 
aus Reichsmitteln gebaut wurde. Der Vertreter der Reichsregierung hat 
unlängst im Reichstage mitgeteilt, daß bisher insgesamt fast 2 Milliarden Mark 
aus öffentlichen Mitteln für „verlorene Zuschüsse“ zu den Baukosten an 
Mietwohnungen und Siedlungshäusern gegeben wurden. Davon sind 
21000 Notwohnungen und sollen neben 40 000 erstellten noch weitere 
13 000 Dauerwohnungen bezuschußt werden. Nach den von uns begründeten 
Vorschlägen könnte man in Frankfurt jährlich 655, einschließlich der vor* 
geschlagenen Sondersteuer von 10 M. pro Monat und Wohnung in all den 
Fällen, in denen die Miete beträchtlich unterhalb des Normalsatzes bleibt 
2220, im Mittel also wohl 1500 Dauerwohnurigen erstellen. Frankfurt zählt 
etwa 470 000 Einwohner, umfaßt also, wenn wir eine Reichsbevölkerung 
von 60 Millionen annehmen, ungefähr den 130ten Teil der Reichs* 
bevölkerung. Würde unter den gleichen Voraussetzungen überall gebaut, 
so ergäbe das eine Jahreserstellung von rund 200000 neuen Dauerwohnungen, 
so daß bei dem jetzt vorhandenen Bedarf von etwa 840 000 Neuwohnungen 
und den für die nächsten Jahre zu erwartenden von insgesamt 640 000, 
zusammen 1% Millionen, neuen Dauerwohnungen innerhalb der nächsten 
7 Jahre eine Ausgleichung von Wohnungsbedarf und Vorrat zu erwarten 
wäre. 

Einen anderen Vorzug unseres Planes erblicke ich darin, daß das Opfer 
der Mieterhöhung leichter getragen werden wird, wenn es nicht in eine 
unkontrollierbare Reichskasse, sondern in die der Kontrolle leichter zu* 
gänglichen Kassen der Selbstverwaltungskörper fließt. Nicht davon zu 
reden, daß es die Initiative der Selbstverwaltungskörper, aber auch ihr 
Verantwortlichkeitsgefühl mächtig anregen würde, wenn Recht und Pflicht 
des Wohnungsneubaues ihrer Kompetenz unterstellt würden. Endlich liegt 
die Erstarkung der Selbstverwaltungskörpcr zweifellos in der Linie des 
unitarischen Reichsgedankens. 

Die vorstehenden Ausführungen wollen nicht mehr sein als ein Beitrag 
zur Erörterung der Gesundungsmöglichkeiten unserer Volkswirtschaft und 
damit unseres Volkstums. In diesem Sinne seien sie zur Diskussion gestellt. 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 

Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungspolitik (einschl. Mutterschafts: 

und Säuglingsfürsorge). 

Von Dr. Alexander Elster, Berlin. 

In unserem letzten Bericht über diesen Gegenstand (diese Zeitschrift 
1920, S. 241 ff.) konnte ein kurzer Überblick über die Menschen Verluste im 
Weltkriege und einige Ziffern aus deutschen Städten, aus Preußen und aus 
Frankreich gegeben werden. Über die Rückeinstellung auf den Friedens« 
zustand und die Beeinflussung der Bevölkerungsbewegung durch die politi* 
sehen Ergebnisse des Krieges konnte noch kein Material vorliegen. Jetzt 
beginnt dies sich darzustellen, und es ist daher von lebhafterem Interesse, 
das vorgelegte Zahlenmaterial in seinen Hauptzügen zusammenzustellen und 
dadurch die Unterlagen für die Beurteilung der sozialbiologischen Folgen 
des Weltkrieges zu geben. 

Die Bevölkerungsbewegung im Deutschen Reich im Jahre 1920 
und im ersten Vierteljahr 1921 wird im Septemberheft von „Wirtschaft 
und Statistik“ mitgeteilt. Danach betrugen die Promilleziffern für das 
Deutsche Reich (ohne Württemberg und Mecklenburg): 


der Heiraten der Geburten I der Sterbefälle 


auf 1000 Einwohner 

1913, erstes Quartal . . 6,21 28,81 ' 16,82 

1920, „ „ . . 12.-10 1 29,52 20,37 

1921, „ „ . . 10,44 27,86 15,65 

Die Geburtenzahl belief sich in den fünf Vierteljahren vom 1. Januar 
1920 bis 31. März 1921 (wieder ohne Württemberg und Mecklenburg) auf 
424 741, 390 878, 377 780, 368 242, 409 353. Die starke Zunahme der 
Heiraten, die schon im August 1919 ihren Anfang genommen hat, ist auf 
die Zahl der Geburten bisher ohne Einfluß geblieben. Im zweiten und 
dritten Vierteljahr 1920 und im ersten Vierteljahr 1921 war die Sterblich* 
keit geringer als vor dem Kriege. Die Zahl der Sterbefälle belief sich 
im ersten Vierteljahr 1921 auf 229 997, im ersten Vierteljahr 1920 auf 
293160. Auf solche Weise wird doch allerdings in jedem Vierteljahr 
durchschnittlich ein Geburtenüberschuß von 100 000 bis 200 000 erzielt, 
was freilich noch recht wenig ins Gewicht fällt gegenüber einem Kriegs* 
Verlust von 2 Millionen Gefallenen, 800 000 infolge der Hungerblockade 
Gestorbenen, 3,6 Millionen Nichtgeborenen, 5,5 Millionen mit den ent* 
rissenen Gebieten Verlorenen. So kommt Deutschland jetzt auf eine Be* 
völkerungszahl von rund 60 Millionen, während es bei normaler Forts 
entwicklung auf 72 Millionen Menschen gekommen wäre. Die ungünstige 
politische und wirtschaftliche Lage beschränkt aber jetzt mehr, als alle 
anderen Faktoren dies tun würden, den Anfang der Gesundung, der sich 
in den oben gegebenen Zahlen dartut. Die Beobachtung, daß während 


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Alexander Elster, Chronik der Sozialen Hygiene. 


27 


eines Krieges der Knabenüberschuß größer wird, ist auch diesmal wieder 
gemacht worden. Nach Dr. Lucht (Zeitschr. d. Preuß. Statist. Landes* 
amts, Jahrg. 1920, Abt. 1 u. 2) war das Geschlechtsverhältnis der 
Geborenen für Knaben im Deutschen Reich: 1913: 106,00, 1914: 106,22, 
1915: 106,03, 1916: 107,12, 1918: 107,32. Weitere Zahlen (also auch für 
die Nachkriegszeit) liegen mir noch nicht vor. Diese Zahlen aber, denen 
eine gleiche Tendenz in den neutralen Ländern nicht gegenübersteht, 
scheinen darauf zu deuten, daß das entscheidende Moment psychologischer 
Natur ist. 

Die Zahlen der Ehescheidungen beliefen sich im Deutschen 
Reich auf: 



absolut 

1913 

17 835 

1918 

13 344 

1919 

22 022 


j auf 100000 Einwohner 

26,6 

20,6 

36,2 


Uber den Geburtenüberschuß in Preußen können folgende amt* 
liehe Ziffern mitgeteilt werden: 


Zeitraum 

Geburten* 

Geburtenüberschuß 

Ziffer 

absolut 

auf 1000 Einwohner 

1913 

1 209 385 

+ 552 961 

+ 13,28 

1919 

827 335 

+ 177 986 

+ 4,50 

1920 

1 021 645 

+ 398 679 

+ 10,34 


Es heirateten im ersten Vierteljahr 1920 23,66 auf 1000 der Bevölkerung, 
im zweiten 33,39 Prom., im dritten 25,99 Prom., im vierten 32,64 Prom. 
Nach den letzten Ziffern scheint es, als ob der Höhepunkt der Heiratslust 
nunmehr überschritten ist. 

Da die Wiederkehr halbwegs normaler Verhältnisse bei den Geburten 
erst % Jahre nach Schluß der wirklichen Kriegszeit wirken konnte, ist 
die Geburtenziffer in den beiden ersten Vierteljahren von 1919 noch 
äußerst niedrig gewesen (rund 15 Prom.); sie ist dann im dritten Viertel* 
jahr auf 22,69 Prom. und im vierten sogar auf 30,69 Prom. gestiegen, so 
daß sich als Jahresdurchschnitt 20,91 Prom. ergeben hat; die Jahresziffer 
stand damit jedoch noch stark unter derjenigen des Jahres 1913 (25,03 Prom.). 
1920 setzte sie im ersten Vierteljahre mit 29,07 Prom. ungefährt dort ein, 
wo sie im Jahre 1919 geendet hatte. Es folgten im zweiten Vierteljahr 
26,74 Prom., im dritten 25,82 Prom., im vierten 24,79 Prom., so daß der 
Durchschnitt der vier Quartale 26,60 Prom. ist. Man erhält damit für das 
erste Kalenderjahr, in dem auch für die Geburten der volle Friedenszustand 
wirkte, eine Geburtenziffer, die zwar hoch über der der Kriegsjahre, aber 
unter der der früheren Friedenszeit steht. 

Die Sterbeziffer des Jahres 1920 erreichte die des Jahres 1919 nicht 
ganz und war nur wenig höher als die des Jahres 1913. Die höhere 
Geburtenziffer des Jahres 1920 gegenüber der von 1919 hat bei ungefähr 
gleicher Sterbeziffer zur Folge, daß der Geburtenüberschuß des Jahres 1920 
den von 1919 weit übertrifft. Der Friedensgeburteniiberschuß schwankte 


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28 


Alexander Elster 


in den letzten 20 Jahren zwischen 16 und 13 Prom. (einmal 1911 12,2 Prom.), 
mit sichtlich abnehmender Entwicklungsrichtung. 1913 hatte die Ziffer 
13,28 Prom. betragen. 

Eine sehr starke Verschiebung hat der Anteil der beiden Geschlechter an 
der Bevölkerung erfahren. Die männliche Bevölkerung sank von 1914 bis 1919 um 
5,64 Proz., während die weibliche um 1,11 Proz. stieg. Zwei Provinzen zeigen im 
Gegensatz hierzu eine Zunahme der männlichen Bevölkerung, nämlich Ostpreußen mit 
0,15 Proz. und Westpreußen * Posen mit 1,91 Proz.; ganz unbedeutend ist ferner der 
Rückgang der männlichen Bevölkerung in Pommern mit 0,39 Proz. Diese noch auf* 
zuklärendc Erscheinung hat vielleicht darin ihren Grund, daß in diesen rein land* 
wirtschaftlichen Provinzen schon ein Rückstrom stellungslos gewordener Industrie* 
arbeitcr und ein gewisser Zuzug von Flüchtlingen bäuerlichen Standes aus dem Ausland 
stattgefunden hat. Im ganzen preußischen Staate kamen im Jahre 1910 auf 100 Männer 
102,14 Frauen; dieser Frauenüberschuß von 2,14 Proz. ging bis zum Jahre 1914 auf 
1,92 Proz. zurück, stieg aber, wie zu erwarten war, bis 1919 erheblich, nämlich auf 
9,04 Proz. Nachdem inzwischen die Kriegsgefangenen zurückgekehrt sind, wird er 
vielleicht rund 7,0 Proz. betragen. Die größte Zahl von Frauen auf 100 Männer wies 
1910 Niederschlesien mit 109,80 auf, die kleinste Westfalen mit 95,0; 1919 hatte die 
größte Zahl Berlin mit 119,59, die kleinste wiederum Westfalen mit 101,97 Frauen. 

In Bayern stellen sich die Zahlen für die Eheschließungen, Geburten und Sterbe* 
fälle im ersten Quartal der Jahre 1914 bis 1920, wie folgt: 



Ehe« 

Schließungen 

Gehurten 

Sterhcfallc 

Stcrbefällc 
im ersten 
Lebensjahre 

Geburten« 
Überschuß 
(mehr; weniger) 

1914 

11 480 

51 300 

33 625 

9186 

+ 17 676 

1915 

5 054 

51323 

43 335 

9522 

+ 7 988 

1916 

6 668 

31 416 

38 290 

6362 

— 6 874 

1917 

7 119 

31762 

39 447 

5526 

— 7 685 

1918 . 

8 064 

29 121 

35 735 

5213 

— 6 614 

1919 

21 276 

29 166 

34 629 

6273 

— 5 463 

1920 

23 626 

55 791 

32 843 

7591 

+ 22 948 


Von Interesse dürften auch die Ziffern einer Großstadt sein. So ist 
jetzt die Bevölkerungsbewegung in Berlin im Jahre 1920 zu übersehen. 
Es ist die Zahl der Eheschließungen 1920 mit 28 369 fast der des Vorjahres 
gleichgeblieben (28 383), erhöht hat sich dagegen die Zahl der Lebend¬ 
geborenen mit 33 469 gegenüber 27 829 im Jahre 1919. Die Todesfälle sind 
mit 30 982 ungefähr die des Vorjahres geblieben (31 307). Die Säuglings* 
Sterblichkeit (über diese siehe weiter unten) hat sich jedoch erhöht. 

Bemerkenswert ist die im Laufe der Zeit immer stärker gewordene 
Verstädterung der Bevölkerung im Deutschen Reiche. Es wurden 
gezählt (siehe Wirtschaft und Statistik 1921 , S. 493) in Gemeinden mit 
. . . . Einwohnern: 


Jahr 

Bis 2000 
Kinwohner 

2000 bis 5000 
Kinwohner 

3000 bis 20000 
Kinwohner 

20 0<jo bis 100000 
Kinwohner 

über 100000 
Einwohner 

1871 

26 219 352 

5 086 625 

4 588 364 

3 147 272 j 

1 968 537 

1890 

26 185 241 

5 935 012 

6 481 473 

4 829 202 i 

5 997 542 

1910 

25 954 587 

7 297 770 

9 172 333 

8 677 955 

13 823 348 

1919 

22 590 848 

6 743 187 

8 153 556 

7 752 838 

15 009 270 


Namentlich der Zuwachs der großen Städte fällt hierbei auf, der selbst 
dann noch — durch den Krieg hindurch — anhält, wo alle anderen Orts* 
klassen infolge eines Gesamtrückganges der Bevölkerung von 64 925 993 
(1910) auf 60 249 609 (1919) Einbuße erlitten haben. Der Anteil der Ein* 
wohnerschaft der Großstädte (über 100 000 Einwohner) an der Gesamt* 
bevölkerung stieg von 21,3 Proz. im Jahre 1910 auf 24,9 Pro/, im Jahre 1919. 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


29 


Auch aus dem Auslande liegen neuere Daten über die Bevölkerungsbewegung 
vor. In Frankreich ergibt die Entwickelung das folgende Bild: 


Jahr Geburten Todesfälle Geburtenüberschuß 


1913 

604 811 

587 445 

+ 17 366 

1914 

594 222 

647 549 

— 53 327 

1915 

387 806 

655 146 

— 207 340 

1916 

315 087 

607 742 

— 292 655 

1917 

343 310 

613 148 

269 838 

1918 

399 041 

788 616 

— 389 575 

1920 

834 411 

674 621 

+ 159 790 


Insgesamt schätzt man den Geburtenausfall für Frankreich auf annähernd 
1.5 Millionen. 

Auffallend ist die große Zahl der Eheschließungen, die sich im Jahre 1920 
gegenüber dem Jahre 1913 fast genau verdoppelt haben: 623869 gegenüber 312036. 
Auf 1000 Einwohner kommen 19 Geburten, 17 Todesfälle und 32 Eheschließungen. 

In Nordfrankreich war ja (nach Untersuchungen von Dr. B. Brandt) seit 1880 
die Einwohnerzahl in der Mehrzahl der Ortschaften unterschritten und der Menschen« 
verlust der letzten Jahrzehnte hatte durchschnittlich 25 Proz. betragen, auf Grund von 
Kinderarmut, Abwanderung, Sucht nach frühem Rentnerdasein und anderen Alters« 
erscheinungen eines Volkes, das den Höhepunkt seiner Kultur anscheinend über« 
schritten hat. 

Bei der letzten Volkszählung 1913 hatte Deutschland 67 Millionen Einwohner, 
Frankreich aber 39 Millionen. Die Einwohnerzahlen in den beiden Ländern ent« 
wickelten sich in den letzten Jahren folgendermaßen: In Deutschland stieg die 
Bevölkerung 1881 bis 1895 um 9,5 Proz., 1891 bis 1901 um 14,3 Proz., 1901 bis 1911 um 
14,9 Proz. und in Frankreich in denselben Zeitabschnitten um 2,0 Proz., 1,6 Proz.,und 
nochmals um 1,6 Proz. Im Verlaufe von 30 Jahren stieg die Bevölkerungszahl in 
Deutschland um 44 Proz., in Frankreich dagegen um etwas mehr als 5 Proz. 

Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung des Geburtenüberschusses in den 
Jahren seit dem Beginn des Jahrhunderts in den bisherigen fünf europäischen 
Großstaaten: 



Deutschland 

österreich«Ungarn 

England 

Frankreich | 

Italien 

1901 

15,0 Proz. 

12,5 Proz. 

10,9 Proz. 

1,9 Proz. 

10,6 Proz. 

1905 

13,2 „ 

8,5 „ 

11,5 „ 

1.0 

10,7 „ 

1910 

13,6 „ 

11,9 „ 

11,0 „ 

1,8 

13,4 „ 

1912 

12,7 „ 

12,0 „ 

10,0 „ 

1,5 

14,2 ,, 

1913 

12,4 ., 

10,0 

9,8 

1,1 

12,9 „ 


Während die bevölkerungspolitischen Aussichten der in den Krieg verwickelten 
Staaten immer trüber werden, hat in den nordischen Staaten die vor dem Kriege 
sich zeigende Tendenz zur Geburtenabnahme sich nach dem Kriege in eine Geburten« 
Zunahme verwandelt. Nach der allgemeinen Staatszählung vom 1. Februar 1921 hatte 
Dänemark 3268897 Einwohner — am 1. Februar 1916 2921362 Einwohner —, von der 
jedoch 163404 auf das durch Abtretung erworbene Gebiet Schlcswig«Holsteins entfallen. 
Die natürliche Bevölkerungszunahme seit 1916 beträgt 184 131 oder 6,31 Proz. gegen« 
über einer Vermehrung um 5,95 Proz. in der Zeit 1911 bis 1916. Im Durchschnitt der 
Jahre 1911 bis 1921 beläuft sich der natürliche Zuwachs auf 1,26 Proz. jährlich. 

In Norwegen ergab die letzte Volkszählung eine Einwohnerzahl von 2 046 306 gegen« 
über von 2391782 von 1910. Die Zunahme ist demnach in Norwegen 10,6 Proz. oder 
im Jahresdurchschnitt 1,06 Proz. • 

Die Volkszählung in G roßb ritannien (England mit Wales und Schott« 
land), die am 19. Mai v. J. durchgeführt wurde, zeigt die höchste bisher erreichte 
Bevölkerungsziffer. Gegenüber der jetzt erreichten Gesamthöhe der Bevölkerung von 
42 767 530 (20430623 männliche, 22336907 weibliche) wurden 1911 im ganzen gezählt 
40831 396 (19754447 männliche, 21076949 weibliche), was einer Zunahme von 1 936 134 
Einwohnern entspricht. Diese Zunahme ist hauptsächlich in England und W ales /u 
verzeichnen, während die Bevölkerung von Schottland sich kaum veränderte. Aber 
diese Vermehrung erreicht kaum die Hälfte derjenigen, die man 1911 verzeichnen 
konnte, und ist geringer als alle Bevölkerungszunahmen seit 1811. Groß «London 
vermehrte sich von 7 251358 im Jahre 1911 auf 7 47610S in diesem Jahre. 


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30 


Alexander Elster, 


Die Bevölkerung der englischen Kolonien hat durch einen großen Geburten* 
Überschuß und durch die Einwanderungen einen in den letzten Jahrzehnten riesenhaften 
Aufschwung genommen, der allerdings durch die Kriegsjahre beeinflußt wurde. Die 
Zunahme der Bevölkerung in den drei größten englischen Kolonien, Australien, Neu* 
Seeland und Kanada entwickelte sich in den letzten drei Jahrzehnten wie folgt: 


Australien . . . . 
Neuseeland . . . 
Kanada . . . . . 

Zusammen: 


1881 


1891 



2 306 700 
489 900 
4 324 800 


3 241000 
626 700 

4 833 300 


3 824 900 
772 700 
3 371300 


4 568 700 
1 008 500 
7206 600 


7121400 8 701 000 9 968 900 | 12783800 


Das bedeutet eine Zunahme von insgesamt 80 Proz. Der Geburtenüberschuß 
betrug für Australien 1871 25 Proz., 1910 18,3 Proz., 1914 9,2 Proz.; für Neuseeland in 
denselben Jahren 30,0 Proz., 16,0 Proz. und 17,0 Proz. Aus Kanada liegen darüber 
keine genauen Zahlen vor, man schätzt jedoch den Geburtenüberschuß für die Jahre 
1901 bis 1910 auf 19,1 Proz. In der Südafrikanischen Union betrug der Geburten* 
Überschuß 1910: 23,7 Proz., 1913: 213 Proz., 1914: 20,4 Proz. 1 ). 

In den Vereinigten Staaten von Amerika hat die letzte Volkszählung im 
Jahre 1920 eine Bevölkerungszahl von 117859358 Personen ergeben, davon entfallen 
auf die überseeischen Besitzungen 12148738 Personen. Gegenüber der Zählung vom 
Jahre 1910, die für das Mutterland eine Bevölkerung von 91972266 fcststellte, ergibt 
demnach die neueste Zählung eine Zunahme von 13738354 Personen oder 1,39 Proz. 
jährlich. In den Jahren 1900 bis 1910 war die Bevölkerung um jährlich 1,90 Proz. 
gewachsen, so daß das jetzige Ergebnis eine Verschlechterung bedeutet. Wertvolle 
Daten gibt Fr. Prinzing in den „Sozialhygienischen Mitteilungen“ (Karlsruhe, 
Oktober 1920, S. 109 ff.), der dort die Bevölkerungsbewegung in Europa und in Amerika 
vergleicht. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, daß der Altersaufbau in Amerika, 
das ein Einwanderungsland ist, anders aussieht, ein Männerüberschuß besteht, eine 
Wanderungsauslese stattfindet und nicht alles von der Geburtenziffer allein abhängt. 
Diese ist in den einer Betrachtung zugänglichen Registrationsstaaten (20 an der Zahl) 
verhältnismäßig klein (in Mittel* und Südamerika dagegen groß), aber die Sterblichkeit 
ist gering, so daß der Geburtenüberschuß immer noch beträchtlich ausfällt: in den 
einzelnen Staaten der U. S. A. von 5,2 (Maine) bis 20,3 (Utah) auf 1000 Einwohner, 
Durchschnitt: 10,16, während diese Ziffer lautet in Argentinien 20,0, Chile 8,7, 
Guatemala 17,6, Mexiko — 1,6, Paraguay 48,5, Uruguay 18,9, Venezuela 7,5. 

Uber die Säuglingssterblichkeit in Deutschland sind die Zahlen 
für 1919 amtlich bekannt gegeben. Danach kommen auf 100 Lebendgeborene 
Gestorbene des ersten Lebensjahres: 


Eheliche j Uneheliche I Überhaupt 


Knaben. 14,3 ! 26,9 15,8 

Mädchen. 11,7 22,8 13,1 

Überhaupt. 13,0 25,0 14,5 


Letztere Ziffer (14,5) lautete für 1918: 15,4, 1916: 13,6, 1914: 16,4, 
1912: 14,7, 1910: 16,2, 1905: 20,5, 1901: 20,7. 

In den einzelnen deutschen Ländern betrug die Ziffer 1919: Preußen 
14,4, Bayern 18,1, Sachsen 13,0, Württemberg 13,2, Baden 13,7, Thüringen 
12,9, Hessen 11,0. 

Die Säuglingssterblichkeit betrug in Preußen in den Jahren 1911 
bis 1918: 

l ) Eine eingehende Darstellung der Bevölkerungsbewegung der englischen Kolonien 
vor und in dem Weltkrieg gibt C. Döring im Archiv für Soziale Hvgiene und 
Demographie, Bd. 14 (1021), S. 07 ff. 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


31 



- — — 

— 


- 

— 

-- - 



in den 
Städten 

auf dem 
Lande 

im Staat 


in den 
Städten 

i 

auf dem 
Lande 

im Staat 

l 

t 

1911 

187,0 

186,0 

186,4 

1915 

140,7 

160,5 

1 152,0 

1912 

141,6 

148,7 

145,6 

1916 

128,2 

138,7 

134,0 

1913 

144,5 

153,2 

149,5 

1917 

144,0 

150,8 

147,9 

1914 

159,7 

166,9 

i 163,8 

1918 

144,4 

155,6 

150,7 


Da die Geburtenziffer in dem betrachteten Zeitraum von 30,2 Prom. 
auf 15,1 Prom. gesunken ist und sonst deren Sinken von der gleichen Er* 
scheinung bei der Säuglingssterblichkeit begleitet wird, ist das Stehenbleiben 
der Säuglingssterblichkeitsziffer als eine ganz beträchtliche Erhöhung der 
Säuglingssterblichkeit anzusehen. Diese würde noch weiter gestiegen sein, 
wenn nicht gleich mit Beginn des Krieges eine verstärkte Fürsorge für 
Säuglinge und werdende und stillende Mütter eingesetzt hätte. Diese hatte 
Erfolg, weil bereits in der Vorkriegszeit auf die Bekämpfung der Säuglings* 
Sterblichkeit ein Hauptaugenmerk gerichtet worden ist, und weil weiter die 
geringen anfallenden Mengen von Kuhmilch durch die Kriegswirtschaft 
möglichst den Säuglingen und deren Müttern zugeführt wurden. Dies 
geschah auf Kosten anderer Altersklassen („Volkswohlfahrt“, Nr. 8 vom 
15. April 1921, S. 196/97). 

In Bayern war nach den Feststellungen des Statistischen Landesamts 
gegenüber dem Geburtenrückgang die Minderung der Säuglingssterblichkeit 
unbedeutend. Auf den verminderten Bestand an Säuglingen bezogen, ergab 
sich statt einer Abschwächung vielmehr eine Verschärfung der Lebens* 
gefährdung für die Säuglinge, die sich im Jahre 1919 bei Wiederzunahme 
der Geburtenziffer noch weiter steigerte, wie folgende Gegenüberstellung 
zeigt: 


Geburten auf 1000 der mittleren 
Bevölkerung 


Gestorbene Säuglinge 
auf 1000 im ersten Lebensjahre 
befindliche Kinder 


1913 

29,4 

1916 

16,3 

1919 

22,6 


19.7 

21.8 

25,1 


Während hiernach die Geburtenziffer von 1913 bis 1919 von 29,4 auf 22,6 
auf 1000 der Bevölkerung oder um 23,13 Proz. fiel, ist dje Säuglings* 
Sterblichkeit von 19,7 auf 25,1 Prom. oder um 27,41 Proz. gestiegen. 

Noch deutlicher wird dieser ungünstige Stand der Säuglingssterblich* 
keit des Jahres 1919 an der Hand der Sterblichkeitstafeln, die von Monat 
zu Monat das Absterben der Lebendgeborenen darstellen. Nach dieser 
Methode kamen in Groß*Berlin, wie das städtische Statistische Amt in 
Berlin nachwies, auf 1000 Lebendgeborene des Jahres 1913 135,7 im ersten 
Lebensjahre gestorbene Kinder, dagegen im Jahre 1919 153,5. Für Bayern 
stellt sich nach dieser Methode die Säuglingssterblichkeit des Jahres 1919 
auf 177,57, also beträchtlich höher als für Groß*Berlin. Besonders gefährdet 
erscheint der erste Altersmonat: in Groß*Berlin starben auf 1000 der den 
ersten Altersmonat Überlebenden 51,98. in Bayern 67,60. 

Ergänzend hierzu sei über die Säuglingssterblichkeit in Groß*Bcrlin (aus der 
Arbeit von Ehrler in den Jahrb. f. Nat.*Okon. 1921, S. 436 ff) die Tabelle über die 
Jahre 1913 bis 1919 mitgeteilt: 


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32 


Alexander Elster, 


ln 1000 der Lebendgeborenen der Sterblichkeitstafel sind 


Jahr 

die das erste Altersjahr 
Überlebenden 

die im ersten Altersjahr 
Ciestorbcnen 

die letzteren Ziffern 
in Prozenten von 1913 

1913 

864,3 

135,7 

100,0 

1914 

847,5 

152,5 

112,4 

1915 

868,3 

131,7 

97,1 

1916 

881,0 

119,0 

87,7 

1917 

852,2 

147,8 

108,8 

1918 

852,6 

147,4 

108,6 

1919 

846,5 

153,5 

113,1 


Die mitgeteilten Zahlen bestätigen die schon a priori einleuchtende 
Notwendigkeit pfleglichster Behandlung der Volkskraft in dem 
niedergetretenen Deutschland, eine pflegliche Behandlung, die schon vor 
der Geburt, dann bei der Geburt und alsbald nach der Geburt die größten 
Aufgaben zu erfüllen hat. Betrachten wir zunächst, was auf sozial* 
hygienischem (medizinischem) Gebiete an neuen Wünschen und Vorgängen 
zu berichten ist, um alsdann auch zu den sozialpsychoiogischen (Wirtschaft* 
liehen) Gesichtspunkten und Maßnahmen überzugehen. 

Sozialhygienisch ist zunächst vom Säuglingsschutz und der 
Säuglingsfürsorge zu sprechen. 

Auf dem Kongreß für Säuglingsschutz, der Anfang Dezember 1920 
im preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt im Beisein der Regierungs* 
Vertreter fast aller deutschen Länder stattfand, gedachte der Vorsitzende, 
Präsident des Reichsgesundheitsamtes Geh. Rat Dr. Bumm, des zehn* 
jährigen Bestehens der Deutschen Vereinigung für Säuglingsschutz. Durch 
die Folgen des Krieges und der Hungerblockade stehen wir vor einem 
unabsehbaren Kinderelend. Die Tagesordnung brachte an erster Stelle 
einen eingehenden Bericht von Prof. Rott über „Wandlungen und neue 
Ziele der Mutter*, Säuglings* und Kleinkinderfürsorge“. Dr. Tugendreich 
empfahl eine das ganze Reich umfassende Gesundheitsstatistik auf 
Grund einer besonderen „Musterungsanweisung“. Eine Besserung des Not* 
Standes erwartet Dr. Fischer (Karlsruhe) von einer gesetzlich eingeführten 
Familienversicherung. Die Ärzte Dr. Engel (Dortmund), Dr. Langer (Berlin) 
und Prof. Dr. Ri et sc hei (Würzburg) sprachen über die Bekämpfung der Rachitis, 
Tuberkulose und hereditären Lues. Die drei Ärzte waren sich darin einig, 
daß eine erfolgreiche Bekämpfung dieser Kinderkrankheiten nur in der voll* 
ständigen Erfassung sämtlicher infizierten und gefährdeten Kinder erfolgen 
kann und daß gerade unter den heutigen schwierigen Verhältnissen die 
Hygiene des Säuglings* und Kleinkindesalters einer wesentlichen Aufbesserung 
bedarf. Beratend und aufklärend auf die Bevölkerung einzuwirken, sei die 
erste Aufgabe der offenen Säuglings* und Kleinkinderfürsorge. Die besondere 
Schwierigkeit liege allerdings darin, daß es sich bei all diesen Krankheits* 
erscheinungen im wesentlichen um Schäden handle, die aus der allgemeinen 
LJngunst der Lebenshaltung in den Großstädten im Gefolge der heutigen 
Notlage entstehen. Die Tätigkeit der Fürsorgestellen müsse sich in Nach* 
forschungen der Fürsorgeschwestern bei Hausbesuchen und Zuführung der 
gefährdeten Kinder in ärztliche Behandlung teilen. Die Bekämpfung könne 
nur durch Belehrung, allgemeine hygienische Maßnahmen und Immunisierung 
erfolgen. Dr. Iloffa (Barmen) sprach über den „Wiederaufbau der Milch* 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


33 


Versorgung“. In weiten Teilen Deutschlands herrsche bekanntlich eine 
bedrohliche Milchknappheit, durch die Gesundheit und Leben unseres 
Nachwuchses ernstlich gefährdet werden. Der Redner warnte dringend 
vor einer übereilten Aufhebung der Zwangswirtschaft der Milch, da es da* 
durch zu einem Zusammenbruch der gesamten Milchwirtschaft mit unüber« 
sehbaren Folgen für Gesundheit und Leben der Kinder kommen könne. 
Sollte es doch dahin kommen, so müsse den Städten und Industriegemeinden 
durch ein Sondergesetz das Recht verliehen werden, eine gerechte Ver* 
teilung der Milch innerhalb des Gemeindegebietes vorzunehmen und auf 
eine gesunde Preispolitik und hygienische Behandlung der Milch hinzuwirken. 

Der Kongreß für Säuglingsschutz nahm einstimmig eine Entschließung 
an, die schärfsten Einspruch erhebt nicht nur gegen die Deutschland zu* 
gemutete Ablieferung von 800000 Milchkühen an die Entente, sondern 
auch gegen jede sonstige Abgabe von Tieren, durch welche die Versorgung 
des deutschen Volkes, insbesondere seiner Kinder, mit Milch, Fleisch und 
sonstigen tierischen Erzeugnissen noch weiter beeinträchtigt würde. Zugleich 
richtete der Kongreß angesichts der furchtbaren Gefährdung der unschuldigen 
Kinder den dringenden Appell an die Reichsregierung und die Menschen* 
freunde des Auslandes, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bei der 
Entente den Verzicht auf jene unmenschliche Forderung zu erwirken. 

Das Kaiserin*Auguste*Viktoria*Haus zur Bekämpfung der Säug* 
lingssterblichkeit im Deutschen Reich hat auf Grund neuer, von der Regierung 
genehmigter Satzungen nunmehr die Bekämpfung der Kleinkinder* 
Sterblichkeit auch offiziell in seinen Arbeitsplan aufgenommen. Die 
Anstalt führt jetzt die Bezeichnung: Kaiserin*Auguste*Viktoria*Haus, Reichs* 
anstatt zur Bekämpfung der Säuglings* und Kleinkindersterblichkeit, sie unter* 
steht der unmittelbaren Aufsicht des Preußischen Wohlfahrtsministeriums. 
Trotz der Not der letzten sechs Jahre konnte sie mit Hilfe des Reiches, 
der Länder und privater Spenden ihren Betrieb uneingeschränkt aufrecht* 
erhalten und zum Teil sogar noch ausdehnen. 

In diesem Zusammenhänge ist weiter namentlich des neuen preußischen 
Entwurfs eines Hebammengesetzes zu gedenken. Dieser Entwurf ist 
der Preußischen Landesversammlung vorgelegt und am 30. September 1920 
dem Ausschuß für Bevölkerungspolitik überwiesen worden. Den amtlich 
angestellten Bezirkshebammen und den in Entbindungs* und Krankenhäusern 
tätigen soll nach dem Entwurf künftig die Hebammentätigkeit Vorbehalten 
sein. Die Zahl der Bezirkshebammen soll möglichst eingeschränkt werden, 
um den Beamtinnen eine gesicherte wirtschaftliche Stellung zu gewährleisten, 
die im Verein mit gründlicher Ausbildung einen Grundpfeiler der Leistungs* 
fähigkeit und Gewissenhaftigkeit bildet. Auch für eine möglichst gleich* 
mäßige Verteilung der Hebammen über die Stadt* und Landbezirke soll 
Sorge getragen werden. Die Anstellung der Bezirkshebammen soll durch 
den Kreis als öffentlich rechtlicher Verband erfolgen, und zwar entweder 
im Beamtenverhältnis oder durch Privatdienstvertrag. Die Annahme von 
Gebühren für die einzelne Hilfeleistung verbietet der Gesetzentwurf den 
Hebammen ausdrücklich. Die Kosten der Anstellung sollen die Kreise 
nicht aus den allgemeinen Steuern decken, sondern durch Erhebung von 
Gebühren für die Inanspruchnahme der Geburtshilfe. Die Krankenkassen, 
die den Versicherten zu baren Geldleistungen für die Hebammentätigkeit 


öffentliche Gesundheitspflege 1 922 . 


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ie iresundheitsptlcge 

v Goegu 


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34 


Alexander Elster, Chronik der Sozialen Hygiene. 


bei Schwangerschaftsbeschwerden und Entbindungen verpflichtet sind, haben 
einen Pauschalbetrag an den Kreis zu entrichten, wenn eine Bezirkshebamme 
in Anspruch genommen worden ist. Der Ausbildung der Hebeammen 
dienen die Provinzialhebammenstellen und neu zu errichtende Kreishebammen» 
stellen. Für eine gründliche und sachgemäße Berufsausbildung der künftigen 
Hebammen soll weitgehendst Sorge getragen werden. Ihre Zulassung wird 
auch fernerhin von einer Prüfung und einem behördlichen Befähigungs« 
nachweis abhängig gemacht. Außerhalb Preußens zur Berufsausbildung 
berechtigte Hebammen bedürfen zu ihrer Anstellung in Preußen einer be* 
sonderen Genehmigung des Wohlfahrtsministeriums. 

Durch die Parlaments« und Ausschußbeschlüsse ist insbesondere ein 
sozial wichtiger § 1 in den Entwurf gekommen, der lautet: Jeder Frau in 
Preußen steht Hebammenhilfe zu. Diese erstreckt sich auf Beratung in 
der Schwangerschaft, Hilfe bei Störungen in der Schwangerschaft, Hilfe bei 
der Geburt, Versorgung der Wöchnerin im Wochenbett und der Neu* 
geborenen sowie auf Beratung über die Pflege und das Stillen der Kinder. 

Da ferner um die Beamteneigenschaft der Hebammen lebhaft gestritten 
wurde, hat man eine Gliederung vorgeschlagen in a) Bezirkshebammen, die 
als Beamtinnen angestellt sind, b) Bezirkshebammen, die durch Dienst« 
vertrag angenommen sind, c) Hebammen, die im Dienste einer Entbindungs* 
oder Krankenanstalt stehen. Auch an der ursprünglich beabsichtigten 
Gebührenfreiheit hat man wegen der Schwierigkeiten der Deckungsfrage 
nicht festhalten zu sollen geglaubt, sondern im Ausschuß vorgeschlagen, 
bei der Geburt eines lebenden Kindes eine Gebühr zu erheben. Unter 
die Pflichten der Hebammen ist auch noch die „Förderung der natürlichen 
Ernährung der Säuglinge“ im Gesetzestext aufgenommen worden. Auch 
sonst hat der Regierungsentwurf vielfache Abänderungen durch den Aus* 
schuß erfahren, z. B. bezüglich der Anstellungs* und Kündigungsbedingungen 
der Hebammen (vgl. Drucks, d. Preuß. Landesvers. Nr. 3885 A und B 
und 4073). 

(Schluß folgt in Heft 2.) 


Besprechungen. 

Chr. Fassbender. Das epidemische Auftreten der Grippe und der En* 
cephalitis lethargica in Preußen im Jahre 1920 und die gegenseitigen 
Beziehungen der beiden Krankheiten. Nach den amtlichen Berichten 
bearbeitet. Veröffentl. der Medizinalverwaltung. 40 S. Bd. 13, Heft 8. Berlin, 
Rieh. Schoetz. Brosch. 6,60 M. 

Wenn auch die Ausführungen des Verf. wegen der Lücken des ihm als Grundlage 
dienenden amtlichen Materials keinen Anspruch auf Vollständigkeit machen können, 
so versteht es der Autor doch, beachtenswerte Ergebnisse aus den behördlichen Be* 
richten herzuleiten. — Der westliche Teil Preußens war auffallend stärker heimgesucht 
als der östliche. Die Stadtbevölkerung litt bei der Epidemie 1920 mehr als die Land* 
Bevölkerung, während es 1918 oft umgekehrt war. ln Preußen wurden 70000 Fälle 
von Erkrankungen gemeldet, die wohl aber nur als die Schwerkranken anzusehen sind. 
Die Mortalität stellte sich 1920 geringer als 1918. Das L'rteil des Verf., daß die Grippe 
die kontagiöseste aller menschlichen Erkrankungen sei, ist wohl etwas subjektiv. Eine 
Immunität entsteht durch Übcrstchen der Erkrankung nicht, eher eine Überempfindlich* 
keit. Die häutigste Komplikation war die Pneumonie. WeibFelix und Widal wurden 
öfter positiv befunden. ln 25 Proz. der Fälle konnten Pfeiffcrbazillen festgestellt 
werden; ihre ätiologische Rolle ist daher strittig. Vielleicht ist der Bazillus nur in 


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Besprechungen. 


35 


Symbiose mit anderen Keimen pathogen. Als Therapeutika werden Trypaflavin und 
Diphtherieserum-erwähnt, beide ohne besonderen Erfolg. 

Über die Encephalitis teilt der Verf. mit, daß der erste Fall und ebenso die 
Höchstzahl der Erkrankungen in den Regierungsbezirk Trier fielen. Der Höhepunkt 
der Lethargica entsprach zeitlich dem der Grippe. Die Mortalität schwankte zwischen 
22,8 und 56 Proz. in den einzelnen Bezirken. Die Kontagiosität war sehr gering. 
Niemals kamen auch nur zwei Fälle in einer Familie vor. Das Krankheitsbild zeigte 
die mannigfaltigsten Formen. Als Hauptsvmptomc sind Erregungszustände und Be* 
wußtseinstrübungen zu nennen. Die pathologisch*anatomischen Veränderungen bc* 
standen makroskopisch in feinsten Blutungen in die weiße Substanz, mikroskopisch 
traten perivaskuläre Plasmazelleninfiltrate hervor. Als Erreger nahm man anfangs ein 
durch französische Kolonialtruppen eingeschlepptcs Virus an. Die Angaben von 
Prof. Hilgermann, Protozoen von der Art der Leishmaniosen gefunden zu haben, 
schien diese Vermutung zu bestätigen. Dementsprechend bestanden im Regierungs* 
bezirk Trier die Bekämpfungsmaßnahmen in Ungeziefervertilgung und Schlußdesinfektion. 
Uber die Beziehungen zwischen Grippe und Encephalitis kommt Verf. zu dem Ergebnis, 
daß ein Zusammenhang beider Erkrankungen unbestreitbar sei. Reichert (Jena). 


Thomas M. Legge und W. Goadby. Bleivergiftung und Bleiaufnahme, 
(übersetzt von Dr. Hans Katz, herausgegeben von Dr. Ludwig Teleky.) 
372 S., 6 Abbild., 2 Tafeln. Schriften aus dem Gesamtgebiet der Gewerbe* 
hygiene, N. F., Heft 7, Teil 1. Berlin, J. Springer, 1921. Brosch. 87 M. 

Mangels eines zusammenfassenden deutschen Werkes über alles das, was unter 
den Begriff „Bleivergiftung“ fällt, haben sich Teleky und Katz der schwierigen Auf* 
gäbe unterzogen, die Veröffentlichungen zweier englischer Autoren, die auf dem Gebiete 
der Bleieinwirkungen auf den menschlichen Körper theoretisch und praktisch große 
Erfahrungen haben, zu übersetzen und herauszugeben. In dem Werk ist in über* 
sichtlicher Form die Bleiaufnahme und «Vergiftung des Körpers behandelt. Von einem 
geschichtlichen.Uberbiick und der Chemie des Bleies ausgehend, folgen wir den Autoren 
über die Ätiologie und Symptomatologie, sowie die Behandlung der Bleierkrankungen 
zu den pathologischen Veränderungen, von der Statistik zu den Vorkehrungen gegen 
Bleivergiftungen und den Beschreibungen der einzelnen Bleibetriebe. Als Anhang ist 
der Schrift vom Herausgeber noch eine Aufstellung aller deutschen und österreichischen 
Gesetze und Verordnungen in bezug auf das Bleigewerbe beigegeben. Allen denen, 
die eingehend mit dem Stoff zu tun haben oder sich dem genauen Studium der Blei« 
erkrankungen widmen wollen, kann dies Buch nur empfohlen werden. 

Dr. Lehmann (Jena). 


Alfred Beyer. Gesundheit und gewerbliche Arbeit. Ein Beitrag zur Er* 
Weiterung und Organisation des Gesundheitsschutzes der Arbeitnehmer. Aus 
den Veröffcntl. aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung, 13. Bd., 5. Heft. 
Berlin, Rieh. Schoetz, 1921. Brosch. 24 M. 

Das Buch ist fesselnd geschrieben und hält den Leser von Anfang bis zum Ende 
in Spannung. Da, wo von der Einwirkung der englischen Hungerblockade auf die 
Massen die Rede ist, wirkt es geradezu dramatisch. In zehn Kapiteln werden die 
Aufgaben der Gewerbeärzte abgehandelt und ihre Rechte und Pflichten den teehni* 
sehen Aufsichtsbeamten gegenüber abgegrenzt. Der Verf. hat sich ziemlich weite 
Ziele gesteckt, zu deren Erreichung freilich eine ganz besondere Vorbildung notwendig 
ist. Mit großem Freimut werden die Mängel der bisherigen Behandlung des Stoffes 
aufgedeckt, aber auch Mittel und Wege gezeigt, wie diesen Mängeln abzuhclfen sei. 
Die Forderung, daß sich der neue Gesundheitsbeamte mit Hilfe der Errungenschaften 
der Physiologie und angewandten Psychologie in die Seelen der Arbeiter hineinfühlen 
und vor allem ihre Stimmung berücksichtigen müsse, sind unter den heutigen Ver* 
hältnissen sehr beherzigenswert. Seine Ansicht, daß die Politik der Gegenwart eine 
Ernährungspolitik sein müsse, da nur durch eine bessere Ernährung die Arbeitsfähig* 
keit und «freudigkeit und damit die Produktivität gehoben werden könne, hat etwas 
Bestechendes, ebenso seine Meinung von der Einwirkung einer Reihe von toxischen 
Substanzen auf das Zentralnervensystem, durch die das Gefühlsleben krankhaft ver* 
ändert wird. Der Gewerbearzt hat sich deshalb mit einem ganz neuen Gebiete zu 
befassen, mit der Feststellung der persönlichen Eignung gerade für die Betriebe, welche 
hohe Anforderungen an ihre Arbeiter, an bestimmte Organe oder Organgruppen stellen. 
Die Prüfung der Einzustellendcn auf die Funktionstüchtigkeit dieser Organe ist eine 
der wichtigsten Aufgaben der heutigen Gewerbehygiene, denn auch sie soll sich nicht 
darauf beschränken, Mittel anzugeben, wie Gewerbekrankheiten zu heilen, sondern 


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36 


Besprechungen. 


wie sie zu verhüten sind. Es würde zu weit führen, näher auf die einzelnen Ab* 
schnitte des Buches einzugehen. Die Forderungen, die dort aufgestellt werden, sind 
wert, daß sie im Original nachgelesen werden. Das Buch sei nicht nur Amtsärzten, 
sondern allen Ärzten, die mit Fabrikbetrieben zu tun haben, wärmstens empfohlen. 

Dr. Sauerteig. 


Otto Krohne. Die Neuauflage des Heba^mmenbuches. Aus den Veröffenti. 
aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung, 13. Bd., 3. Heft. Berlin, Richard 
Schoetz, 1921. Brosch. 5 M. 

Die Stellung des Verf. als Ministerialrat im Ministerium für Volkswohlfahrt und 
Referent für das Hebammenwesen Preußens bürgt dafür, daß die wesentlichen Ab* 
weichungen in der Neuauflage in gründlicher Weise besprochen sind. Die Abhandlung 
ist deshalb allen, die sich rasch über diese Abweichungen orientieren wollen, zu 
empfehlen. _ Dr. Sauerteig. 

H. Muckermann. Kind und Volk. 4. Aufl. 1. Vererbung und Auslese. 2. Gc* 
staltung der Lebenslage. 208 u. 210 S. Freiburg, Herder, 1921. Zusammen 
40,50 M. 

Das vorliegende Buch hat die wesentlichsten Tatsachen und Forderungen der 
Vererbungslehre, wie der Bevölkerungslehre und der Lehre von der Fruchtbarkeit und 
der Säuglingssterblichkeit in überaus klarer und fesselnder Darstellung des Bevölkerungs* 
Problems zusammengefaßt. Er kommt am Schlüsse zu dem Ergebnis, daß eine Harmonie 
zwischen Erbanlagen und Lebensbedingungen nicht durchsetzbar ist ohne eine ver* 
änderte Lebensauffassung und Lebenshaltung, die den Individualismus überwindet, mit 
dem Willen zur naturtreuen, d. h. auf dem Selbststillen beruhenden Normalfamilie zu 
verbinden. Diese Lebensauffassung kann nur die christliche Religion bieten, deren 
positive Bedeutung er gegen Grotjahn in Schutz nimmt. Trotzdem hier also in 
letzter Linie eine Tendenzschrift vorliegt, ist die Darstellung der biologischen und 
soziologischen Tatsachen durchaus objektiv. Weinberg (Stuttgart). 


Ascher. Vorlesungen über ausgewählte Kapitel der sozialen Hygiene. 
Veröffenti. aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung, Bd. 12, Heft 8. 184 S. 

Berlin, R. Schoetz, 1921. Brosch. 18 M. 

Die zwölf Vorlesungen geben einen Überblick über die Ziele und die wichtigsten 
Arbeitsgebiete der sozialen Hygiene. Das Werk bildet so ein kurzes Lehrbuch der 
Sozialhygiene. Es ist, ohne neues zu bringen, geschickt und anregend geschrieben. 

- Abel. 


A. Fischer. Tuberkulose und soziale Umwelt. Sozialhygienische Abhandlung 
Nr. 4. 20 S., 30 Tabellen. Karlsruhe, C. F. Müller, 1921. 7,20 M. 

An der Hand von 30 statistischen Darstellungen, unter denen eine größere Zahl 
badischen Verhältnissen entnommen ist, sucht Verf. darzutun, daß bei der gesetzlichen 
Regelung der Tuberkulosebekämpfung nicht nur Anzeigepflicht, Ausbau der Heilstätten* 
behandlung, Ausdehnung der Fürsorgestellen zu beachten seien. Vielmehr kämen für 
erfolgreiche Tuberkulosebekämpfung noch in Betracht: Niedrighaltung der Lebens* 
mittelpreise, Einschränkung der Frauenarbeit, Untersuchung der Kinder und Behandlung 
erkrankter (Familienversicherung), gewerbehygienische Maßnahmen, Wohnungsverbesse* 
rung, hygienische Belehrung aller Volksschichten. Abel. 


Kleinere Mitteilungen. 

Krankenversicherung 1915. Nach der Statistik des Deutschen Reiches, Bd.294, 
betrug 1915 die Zahl der reichs* und landesgesetzlich gegen Krankheit Versicherten 
14,76 Millionen oder 21,7 v. H. der Reichsbevölkerung. Auf die 2785 Ortskrankenkassen 
und die 5487 Betriebskrankenkassen entfielen davon 8,3 und 3,3 Millionen Personen. 
508 Millionen Mark Einnahmen der Kassen standen 422,5 Millionen Mark Ausgaben 
gegenüber. Fast neun Zehntel der Ausgaben betrafen Krankheitskosten. Sie betrugen 
26,88 M. auf ein Mitglied. Es entfielen auf Krankenbehandlung 28,1 v. H. der Ausgaben, 
auf Arznei und Heilmittel 13,3, auf Krankenhauspflege 14,0, für Krankengeld 35,5, für 
Wochen«, Schwangeren* und Stillgeld 4,9, für Hausgeld 1,2, für Sterbegeld 2,8 v. H. 
An Vermögen besaßen alle Kassen Ende 1915 zusammen 472 Millionen Mark. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt«-Ges, in Braunschweig. 

Die Hygiene des Wassers 

Von 

Prof. Dr. A. Gärtner 

Gesundheitliche Bewertung, Verbesserung und Untersuchung der Wässer. 
Ein Handbuch für Ingenieure, Wasserwerksleiter, Chemiker, 
Bakteriologen, Medizinalbeamte 

Mit 93 Abbildungen und 11 Tafeln. XXII, 952 S. gr. 8° 

Jt 90,—, geb. Jt 106,— 

MassenerKranKungen 

durch Nahrungs- und Qenußmittelvergiftungen 

Von 

Prof. Dr. Georg Mayer 

Mit 6 eingedruckten Abbildungen. 66 S. gr.8 # . Jt 6,— 


Verlag von Friedr« Vieweg & Sohn AKt»-Ges M Braunschweig 


Prof. Dr. C, Porno, Davos 

Studie über Licht und Luft des Hochgebirges 

Mit 78 Tabellen sowie 11 Abbild, im Text und 19 im 
Anhang. Vlll, 153 S. gr. 4°. 1911. Kart. Jt 60,—. 

Physik der Sonnen - und Himnielsstrahlung 

Mit 16 Abbildungen im Text und auf Tafeln. VIII, 126 Seiten. 8°. 1919 
. Geheftet Jt- 18,—, gebunden «^24,—. 

(Die Wissenschaft , Bd. 63) 


Klimatologie im Dienste der Medizin 

Mit 11 Abbildungen. IV, 74 Seiten. 8°. 1920. Preis Jt 14,-. 

(Sammlung Vieweg, Heft 50) 




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Sämtliche Preise erhöhen sich um den Vcrlagszuschlag von 30 Proz. 


o 

























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Vorkommen 
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Chemische Beschaffenheit und Untersuchungsmethoden 

in physikalischer, chemischer, bakteriologischer und biologischer Hinsicht 


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Entwässerung von Städten. Selbstreinigung der Gewässer. 
Abwässer und ihre Reinigung. Mineralwässer 


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O. An kl am, P. Borinski, A. Luerssen, B. Proskauer, A. Reich, G. Schikorra, C. Weigelt 

herausgegeben von 

Dr. H. BUNTE 

Geheimer Rat, Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe 


Mit 450 Abbildungen. VI, 1274 Seiten, kl.4 0 . 1918. Preis geb. 152 ,— 


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versinnlicht durch einfadie Versuche 


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treibende usw. 

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Bearbeitet von 

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Königsberg i. Pr. 

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Vierte verbesserte Auflage 
(16.—20. Tausend) 

Mit 74 Abbild., XII, 450 Selten, gr. 8 °. 1919. 
gebunden M. 28,— 


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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. fl. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.); Reg.-und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-Ing. Stubben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 


herausgegeben von 



Prof. Dr. R. Abel 

Geh. Obermedizinalrat 
Jena 


und Dr. S. Merkel 

Obermedizinalrat 

Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 2 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 







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Druck und Verlag 

Friedr. Vieweg «St Sohn flkt.*Ges 

Braunschweig 1922 













Inhalt des zweiten Heftes. 


Seite 

Die gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit beim Jugendamt. Von Rechtsrat 

Dr. Ammann, Vorstand des Jugendamtes Heidelberg.37 

Schulhygienische Untersuchungen an Schülern der Oberprima des Gym¬ 
nasiums, Realgymnasiums und der Oberrealschule zu Gießen über 
optische Merkfähigkeit für geometrische Figuren unter besonderer 
Berücksichtigung der Ermüdungsfrage. Von Dr. med. Johannes 
Müller. (Doktordissertation. Aus dem Hygienischen Institut zu 


Gießen.) Mit einer Abbildung.49 

Chronik der Sozialen Hygiene: Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungs¬ 
politik (einschließlich Mutterschafts- und Säuglingsfürsorge). (Schluß 
aus Heft 1.) Von Dr. Alexander Elster, Berlin ..64 

Besprechu ngen: 

Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates in den Jahren 1914 

bis 1918. (M. Pistor) .71 

Verein Landaufenthalt für Stadtkinder, 4. Jahresbericht für 1920. 
(Sieveki ng-Hamburg).72 

Kleinere Mitteilungen.- . . . 72 



Beiträge werden nur nach dem festen Honoraitarif dieser Zeitschrift honoriert . 































Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 2. 


Die gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit 
beim Jugendamt. 


Von Rechtsrat Dr. Ammann, Vorstand des Jugendamtes Heidelberg. 

Wenn man den Versuch unternimmt, die gesundheitsfürsorgerische 
Tätigkeit beim Jugendamt klarzulegen, so erkennt man sofort, daß man 
erst die Vorfrage beantworten muß: Was ist ein Jugendamt? Erst 
dann kann man zeigen, wie nun bei dem Jugendamt Gesundheitsfürsorge 
stattfindet, in welcher Weise die gesundheitliche Fürsorge in den Gesamt« 
Organismus des Amtes und in den Kreis seiner Aufgaben eingegliedert ist. 

Das Jugendamt ist, um es kurz zu sagen, der Mittelpunkt und 
die planmäßige Zusammenfassung aller Kräfte, die schon bisher 
auf dem Gebiete der Jugendwohlfahrt gearbeitet haben. Die 
Träger der Jugendwohlfahrtsbestrebungen haben im Laufe der geschieht« 
liehen Entwicklung gewechselt. Ich will darauf verzichten, diesen Ent« 
wicklungsgang im einzelnen zu schildern und nur feststellen, daß seit dem 
Ende des letzten Jahrhunderts Staat, Gemeinden, Kirche und Schule, die 
politischen Parteien und Gewerkschaften und eine unübersehbare Zahl von 
privaten, meist konfessionellen Vereinen, auf dem Gebiete der Jugend« 
Wohlfahrt gearbeitet haben. Trotz dieser großen Anstrengungen, die von 
verschiedensten Seiten her gemacht wurden, hatte sich schon vor dem 
Kriege die Erkenntnis durchgerungen, daß die bisherige Jugendfürsorge an 
inneren Mängeln krankte, daß sie von Grund aus neu geformt und geordnet 
werden mußte, wenn sie der vielgestaltigen Jugendnot unserer Zeit gerecht 
werden soll. 

Der Weltkrieg hat diese Erkenntnis noch vertieft. Ich brauche nicht 
weiter auszuführen, wie verhängnisvoll der Krieg auf die körper« 
liehe und seelische Entwicklung der deutschen Jugend ein« 
gewirkt hat. Wir sehen die furchtbaren Folgen der Hungerblockade in 
der erschreckenden Zunahme von Rachitis, Skrofulöse und Tuberkulose 
und in der abnehmenden Widerstandskraft der Kinder gegen Erkrankungen 
aller Art. In den sachverständigen Kreisen hat man die Zunahme der 
Tuberkulosensterblichkeit in den Großstädten auf 90 bis 100 Proz. geschätzt. 
Die Quäkeruntersuchungen haben uns in allen Städten das gleiche trostlose 
Bild geschwächter und zerstörter Jugendkraft gezeigt. Untergewichte bis 
zu 20 Pfund, Zurückbleiben des Wachstums um mehrere Jahre wurden in 
zahlreichen Fällen festgestellt. Auf dem bevölkerungspolitischen Kongreß 
in Cöln im Sommer dieses Jahres hat Stadtarzt Prof. Dr. Krautwig die 
Befürchtung ausgesprochen, daß in etwa 10 Jahren fast jede deutsche 
Familie in irgend einem Gliede durch Tuberkulose bedroht sein wird, 
wenn es nicht gelingt, das Wohnungs«, Wäsche« und Ernährungselend zu 
überwinden. 


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Ammann, 


Der körperlichen Gefährdung steht die sittliche Verwahrlosung 
der Jugend nicht nach. Sie hat einen solchen Grad erreicht, daß wir, 
die wir in der Praxis der Jugendfürsorge darin stehen, oft nahe daran 
sind, den Mut und die Hoffnung zu verlieren. Wir sehen in grauenvolle 
Abgründe sittlicher Verwahrlosung, und nur der Glaube an den guten 
Kern unserer Jugend und die Erkenntnis von den inneren Zusammenhängen 
der gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sittlichen Jugendnot halt in diesem 
Kampfe aufrecht. 

Alle diese Tatsachen haben das öffentliche Gewissen aufgerüttelt, so 
daß heute die Pflege der Jugendwohlfahrt zur Volkssache geworden ist. 

Der größte Mangel der bisherigen Gestaltung lag in der 
wähl* und planlosen Jugendfürsorgegesetzgebung und in der Zer* 
Splitterung der bisherigen Behördenorganisation. Ein Beispiel aus 
dem Leben mag einen Begriff von der Vielgestaltigkeit der Bestimmungen 
und dem wirren Nebeneinander der mit Jugendfürsorge befaßten Behörden 
geben: Ein uneheliches Kind, das auf Kosten der Armenbehörde in fremde 
Pflege gegeben ist, stand nach den bisherigen Gesetzen in Fürsorge folgender 
Behörden: 1. des Vormundschaftsgerichts, 2. seines Vormunds oder des 
städtischen Berufsvormunds, 3. des Gemeindewaisenrats, 4. des zuständigen 
Ortsarmenverbandes, 5. der Polizeibehörde. Daneben bemühten sich viel* 
leicht noch verschiedene Fürsorgevereine um das Wohl des Kindes. Jede 
dieser Behörden und Vereine hat ihre verschiedenen Unterorgane und 
Pfleger, die eine Menge Arbeitskraft vergeuden, mit dem Erfolg, daß 
eigentlich keine einzige Stelle über die persönlichen Verhältnisse des Kindes 
wirklich Bescheid wußte, daß oft nicht einmal der Aufenthalt des Kindes 
oder seiner Mutter mit Sicherheit zu ermitteln war. Daß bei einer solchen 
Verfahrenheit der Organisation eine individuelle Fürsorge für das Kind 
natürlich fast ausgeschlossen ist, liegt auf der Hand. Auch hierfür ein 
Beispiel aus der Praxis: Ein uneheliches Kind wandert von einer ländlichen 
Pflegestelle zur anderen, oft hält es nur wenige Wochen, selten mehrere 
Monate in derselben Pflegestelle aus. Der Armenrat bezahlt regelmäßig 
das Pflegegeld, die Polizeibehörde wacht peinlich darüber, daß jeder Pflege* 
Wechsel auch vorschriftsmäßig zur Anzeige gelangt, aber welche Behörde 
forschte bisher nach dem Grunde des häufigen Pflegewechsels? In zahl* 
reichen Fällen ständigen Pflegewechsels hat das Jugendamt festgestellt, daß 
eine nie behandelte und dadurch chronisch gewordene Blasenschwäche des 
Kindes der Grund war, weshalb die Pflegeeltern das Kind nach kurzer 
Zeit immer wieder abschoben. Wer wundert sich, wenn solch ein Kind 
in verbitterter Gesinnung großwächst und sich später in bewußten Gegen* 
satz zu der Gesellschaft stellt, die ihm weder Gesundheit, noch Heimat, 
noch Familie zu schaffen vermochte? 

Darum mußte ein Organ geschaffen werden, das im sozialen 
Geiste der Einzelfürsorge nur für das Wohl der Jugend zu sorgen 
hat. Dieses Amt ist das Jugendamt. Solche Jugendämter wurden schon vor 
dem Kriege in verschiedenen Großstädten, wie Hamburg, Lübeck, Bremen, 
Berlin, Frankfurt a. M., Dresden, Leipzig, Mainz, Mannheim, eingerichtet. 
In Baden bestehen heute städtische Jugendämter in Mannheim, Heidelberg, 
Karlsruhe, Baden-Baden, Pforzheim, Offenburg und Freiburg. Im Jahre 1918 
hat das preußische Abgeordnetenhaus den Entwurf eines Jugendwohlfahrts* 


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Die gcsundhcitsfürsorgcrischc Tätigkeit beim Jugendamt. 


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gesetzes angenommen, der für das ganze Land die Einrichtung von Jugend» 
Ämtern vorsah. Nachdem auch Württemberg durch ein Jugendamtsgesetz 
und ein Gesetz über die Berufsvormundschaft vom 8. Oktober 1919 noch 
einmal versucht hatte, die Jugendfürsorge landesgesetzlich zu regeln, hat 
jetzt das Reich die Führung übernommen. Die neue Reichs» 
Verfassung hat in Art. 7, Ziff. 7 und in Art. 9, Ziff. 1 die Zuständigkeit 
des Reichs für die Aufgaben der Mutterschafts«, Säuglings«, Kinder» und 
Jugendfürsorge und für die Pflege der schulentlassenen Jugend verankert. 
In Ausführung dieser Verfassungsbestimmungen wurde der Entwurf eines 
Reichs« Jugendwohlfahrtsgesetzes ausgearbeitet, der jetzt vom Reichsrat 
durchberaten und teilweise geändert ist und in allernächster Zeit auch 
vom Reichstag verabschiedet werden wird. 

Nach diesem Gesetzentwurf müssen für den Bezirk der unteren Ver» 
waltungsbehörde Jugendämter als Einrichtungen der Selbstverwaltung 
errichtet werden. In Preußen werden daher grundsätzlich die Kreise Jugend» 
amtsbezirke werden. In Baden, wo die untere Verwaltungsbehörde, das 
Bezirksamt, nicht Selbstverwaltungskörper ist, muß die Landesgesetzgebung 
noch nähere Bestimmungen treffen. Jedenfalls können größere Städte selb» 
ständige Jugendämter einrichten. Zur Sicherung der Einheitlichkeit des 
Verfahrens sind die Jugendämter in jedem Lande zu einem Landes» 
jugendamt zusammenzufassen. Die ursprünglich vorgesehene Krönung der 
ganzen Organisation durch ein Reichsjugendamt ist vom Reichsrat ab« 
gelehnt worden. 

Die Aufgaben der Jugendämter bewegen sich im wesentlichen in 
vier großen Bahnen. Sie dienen der Bekämpfung der geistigen, 
körperlichen, sittlichen und wirtschaftlichen Jugendnot. Man 
unterscheidet danach Gesundheitsfürsorge, sittliche oder Erziehungs» 
fürsorge und wirtschaftliche Fürsorge der Jugendämter. Die Jugend» 
not kann auf zwei Arten bekämpft werden, entweder unmittelbar und 
individuell, indem man sich der einzelnen gefährdeten Jugendlichen an» 
nimmt, oder mittelbar und generell, indem man allgemein alle Bestrebungen 
unterstützt, die darauf hinzielen, die gesamte deutsche Jugend zu gesunden 
und sittlich starken Persönlichkeiten zu erziehen. Hiernach unterscheidet 
man die Jugendfürsorge, also die Arbeit an der gefährdeten Jugend, und 
die Jugendpflege, die vorbeugende Arbeit an der gesamten Jugend. Der 
Begriff Jugendpflege wird auch oft zu Unrecht beschränkt auf die Arbeit 
an den schulentlassenen Jugendlichen. 

Es liegt nun der Gedanke sehr nahe, daß dieser Vierteilung der Aufgaben 
entsprechend, auch die Arbeit der Jugendämter sich vollzieht und danach 
ihr Tätigkeitsgebiet geordnet ist. Wäre dies der Fall, dann wäre die Dar« 
Stellung der gesundheitsfürsorgerischen Tätigkeit beim Jugendamt sehr leicht; 
sie würde zusammenfallen mit einer Schilderung der Arbeitsweise der Ab» 
teilung des Jugendamtes für gesundheitliche Fürsorge. Das ist aber tat» 
sächlich nicht möglich, so wenig sich das einzelne Kind in ein körperliches, 
ein geistiges, ein sittliches und ein wirtschaftliches Kind vierteilen läßt. Das 
Leben führt uns immer soziale Sammeltatbestände zu, bei denen 
bald die eine, bald die andere Seite der Jugendnot überwiegt. 

Hinzu kommt weiter ein geschichtliches Moment. Die Jugend» 
fürsorgearbeit der Vergangenheit hat in der Praxis vier fest bestimmte 


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Ammann, 


Fürsorgeformen geschaffen, aus welchen sich die einzelnen Zweige der 
Fürsorgearbeit erst heraus entwickelt haben. Diese vier Grundsäulen, auf 
denen auch heute noch das Gebäude der Jugendfürsorgearbeit ruht, sind: 
das Pflegekinderwesen, die Berufsvormundschaft, die Fürsorge* 
erziehung und der Gemeindewaisenrat. Wenn diese geschichtlichen 
vier Grundformen der Fürsorgearbeit als Säulen bezeichnet wurden, so muß 
die gesundheitliche Fürsorge, um im Bilde zu bleiben, mit dem Efeu ver* 
glichen werden, der sich um diese Säulen herumrankt. 

Ich will nun versuchen. Ihnen zu zeigen, wie sich aus dem Pflege* 
kinderwesen die gesundheitliche Säuglings*, Kleinkinder* und Schulkinder* 
fürsorge herausentwickelt hat und wie z. B. die Berufsvormundschaft in 
engster Verbindung mit allen diesen Arten der gesundheitlichen Fürsorge 
arbeitet. 

Das Pflegekinderwesen, welches man in manchen Gegenden Deutsch* 
lands auch als Halte*, Kost* oder Ziehkinderwesen bezeichnet, regelt die 
Unterstellung der in fremde Pflege gegebenen Kinder unter eine behördliche 
Aufsicht. Das Reichs* Jugendwohlfahrtsgesetz unterstellt alle in fremde 
Pflege gegebenen Kinder unter 14 Jahren, mit Ausnahme der ehelichen 
Kinder, die bei nahen Verwandten untergebracht sind, der Aufsicht des 
Jugendamtes. Warum hat man die Pflegekinder einer behördlichen Auf* 
sicht unterstellt? Vor allem aus dem Grunde, weil sie in besonderem 
Maße gesundheitlich gefährdet waren. Die Erfahrungen in größeren Städten 
hatten gezeigt, daß zahllose Kinder in den ersten Lebensjahren der Ver* 
nachlässigung zum Opfer fielen und daß die Sterbeziffer der Pflegekinder 
eine bedeutende Höhe erreichte. Niemals wird genau festgestellt werden 
können, in welchem Umfange die sogenannte Engelmacherei Opfer gefordert 
hat. Aber die Tatsache steht unzweifelhaft fest, daß vor Einführung der 
Pflegekinderüberwachung zahlreiche Frauen Kinder von leichtsinnigen Müttern 
gegen hohes Entgelt in Pflege nahmen und die Kinder dann durch mangel* 
hafte Pflege und Ernährung verkümmern und zugrunde gehen ließen. In 
vielen Fällen war es wohl auch nicht gerade verbrecherische Absicht, aber 
vollständige Gleichgültigkeit und Unkenntnis der untersten Grundlagen einer 
vernünftigen Säuglingspflege, die zum Tode oder dauernden Siechtum der 
Pflegekinder führte. Die Aufsicht wurde zunächst als rein polizeiliche und 
im Laufe der Zeit dann als gesundheitliche Fürsorge ausgestaltet, die jetzt 
überall durch Ärzte und pflegerisch vorgebildete hauptamtliche oder ehren* 
amtliche Fürsorgeschwestern und Kinderpflegerinnen ausgeübt wird. In 
Baden ist die Überwachung der Pflegekinder noch nicht sehr alt. Ein 
badisches Gesetz von 1882 ließ die Anordnung der Überwachung der 
Kinder unter 7 Jahren zu. Auch konnte durch den Bezirksarzt nach 
diesem Gesetz Personen, welche die Kinder in bezug auf Schutz, Aufsicht, 
Verpflegung oder ärztlichen Beistand verwahrlosen, die entgeltliche Ver* 
pflegung von Kindern unter 7 Jahren untersagt werden. In den größeren 
Städten wurden Ende des 19. Jahrhunderts orts* oder bezirkspolizei* 
liehe Vorschriften über das Pflegekinderwesen erlassen. 

Die Überwachung der Pflegekinder wird in der Weise ausgeübt, daß 
zunächst die gewerbsmäßige Erziehung und Pflege von Kindern von einer 
Erlaubnis des Jugendamtes abhängig gemacht wird, und daß ferner 
die Pflegekinder fortgesetzt durch Außenbeamte des Jugendamtes und 


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Die gesundheitsfürsorgerischc Tätigkeit beim Jugendamt. 


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ehrenamtliche Jugendpflegerinnen überwacht werden. Das Jugendamt 
kann die Verpflegung eines Kindes auch nachträglich noch verbieten, wenn 
das körperliche, geistige oder sittliche Wohl des Kindes es erfordert. Die 
Ermittlungen erstrecken sich auf die Persönlichkeit der Pflegeeltern und 
auf die Wohnungsverhältnisse. Bei der Prüfung der persönlichen Eignung 
kommen neben den erzieherischen Gesichtspunkten vor allem auch gesund» 
heitsfürsorgerische Umstände in Betracht. Wenn die Pflegemutter oder 
der Pflegevater an ansteckenden Krankheiten, wie offene Tuberkulose oder 
Syphilis leiden, wenn die Pflegeeltern derart alt und gebrechlich sind, daß 
sie nicht mehr imstande sind, dem Kinde die erforderliche Pflege zu geben, 
so wird die Erlaubnis versagt. In Hamburg werden erbsyphilitische Säug» 
linge an solche Pflegemütter vergeben, die selbst syphilitisch waren, aber 
jetzt in ordentlichen Verhältnissen leben und keine Kinder haben. Dagegen 
wird wohl nirgends eine ärztliche Untersuchung der Pflegeeltern selbst ver» 
langt, weil hier leicht das Bessere ein Feind des Guten werden könnte und 
die Pflegeeltern sich durch die Unbequemlichkeit der Untersuchung von 
der Aufnahme von Pflegekindern abhalten ließen. Dagegen müssen in den 
meisten Städten, so auch in Heidelberg, alle Pflegekinder unmittelbar 
nach der Anmeldung ärztlich untersucht werden. Selbstverständlich 
erstrecken sich die Erhebungen auch auf die Familie, die wirtschaftlichen 
und sittlichen Verhältnisse. Regelmäßig wird ein Strafregisterauszug erhoben. 
Früheren Prostituierten wird das Halten von Pflegekindern nicht grundsätzlich 
versagt. Wenn ein solches Mädchen sich mit einem unbescholtenen Mann 
verheiratet und jahrelang einwandfrei gelebt hat, so wird ihr unter Um» 
ständen die Erlaubnis erteilt. Von den Wohnungen wird verlangt, daß sie 
hell, trocken und ausreichend geräumig sind. Auch die Art der Belegung 
der Räume ist genau zu untersuchen. Leider müssen zurzeit große Zu» 
geständnisse an die herrschende Wohnungsnot gemacht werden. 

Die ärztliche und gesundheitliche Überwachung der Pflegekinder ist in 
Heidelberg in der ortspolizeilichen Vorschrift über das Pflege» 
kinderwesen festgelegt, die im wesentlichen mit den entsprechenden 
Vorschriften anderer badischer Städte übereinstimmt. Danach haben die 
Verpfleger Kinder unter einem Jahr jeden Monat, in der Zeit vom 15. Mai 
bis 15. September halbmonatlich, Kinder von 1 bis 2 Jahren jeden zweiten 
Monat, Kinder vom vollendeten zweiten Lebensjahre ab bis zu ihrem Schul» 
eintritt vierteljährlich dem vom Jugendamt bezeichneten Arzt vorzustellen. 
Kränkelt das Kind, so ist ohne Verzug die Hilfe des Arztes anzurufen. 
Der Arzt ist berechtigt, auch ohne Aufforderung das Kind in der Wohnung 
zu besuchen, seine Anordnungen sind sorgfältig zu beachten. Dabei ist 
besonders wichtig, daß nach der vom Jugendamt erwirkten Neufassung 
dieser Vorschrift nicht nur die unehelichen Kinder in fremder 
Pflege, sondern alle unehelichen Kinder ohne Ausnahme, auch 
wenn sie bei ihrer Mutter oder deren Verwandten untergebracht sind, der 
Überwachung unterstellt sind. 

Aus dieser gesundheitlichen Überwachung der Pflegekinder hat sich 
die Säuglings» und Kleinkinderfürsorge herausentwickelt. Die guten 
Erfolge der ärztlichen Überwachung gefährdeter Säuglinge und Kleinkinder 
mußten dazu anspornen, den Segen der ärztlichen Aufsicht auch einem 
größeren Kreise von Kindern zugute kommen zu lassen. Diese Entwicklung 


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Ammann, 


hat sich zuerst auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge vollzogen, indem 
man allgemein Säuglingsberatungsstunden einführte, zu denen die Mütter 
aller Stände unentgeltlich Zutritt haben. Die Fürsorgeschwester, die von 
jeder Geburt eines Kindes durch das Standesamt benachrichtigt wird, 
begibt sich in die Wohnung der Wöchnerin und fordert sie zu regelmäßigem 
Besuch der Beratungsstunde auf. Bei der Anmeldung des Kindes wird der 
Mutter vom Standesamt ein Merkblatt über zweckmäßige Pflege und Er* 
nährung des Säuglings in die Hand gedrückt. Die Fürsorgeschwester über* 
wacht dann genau die Ausführung der ärztlichen Anordnungen der Beratungs* 
stunde. Macht sie Wahrnehmungen, daß das Kind von seinen Eltern 
gesundheitlich schwer vernachlässigt wird, so meldet sie den Fall dem 
Jugendamt, das dann durch Warnung und äußerstenfalls durch Entziehung 
der elterlichen Gewalt eingreift. Die Fürsorgeschwester steht den stillenden 
Müttern mit Rat und Tat zur Seite, belehrt sie über ihre Ansprüche auf 
Reichswochenhilfe und vermittelt ihnen unter Umständen städtische 
Stillprämien. In vielen Städten vermittelt das Jugendamt die Gewährung 
von Zusatznahrung an stillende Mütter, Schwangere und Säuglinge. 

Ein besonders wichtiger Zweig der Säuglingsfürsorge der Jugendämter 
ist die Pflege der Beziehungen zu den Anstalten der Säuglings* 
fürsorge. Das Jugendamt hat hier die Aufgabe, ein planmäßiges Ineinander* 
greifen dieser Anstalten vorzubereiten, ihnen in allen Schwierigkeiten helfend, 
beratend und fördernd zur Seite zu stehen. Wir stehen hier vor einer 
sehr ernsten Lage. Die meisten Säuglingsheime haben schwer um ihr wirt* 
schaftliches Dasein zu kämpfen. In Heidelberg mußte die Stadtverwaltung 
wiederholt helfend eingreifen und hat z. B. im Jahre 1920 Zuschüsse von 
über 30 000 M. geleistet. Die Verhandlungen des Jugendamtes mit den 
Säuglingsheimen bewegten sich meist auf der Grundlage, daß zunächst 
versucht wurde, durch Erhöhung des Pflegegeldes zu helfen. Aber auch 
das hat seine Grenze. Wird das Pflegegeld über einen gewissen Betrag 
erhöht, so entstehen Schwierigkeiten, wenn das Jugendamt den Rückersatz 
von auswärtigen Armenverbänden beitreiben will. Auch ziehen sich dann 
die Mütter zurück, weil sie nicht in allen Fällen die öffentliche Armen* 
pflege in Anspruch nehmen wollen. Dadurch würde aber gerade das 
Gegenteil von dem erreicht, was durch die Errichtung solcher Anstalten 
erstrebt wurde. Es blieb also kein anderer Ausweg als die Gewährung 
städtischer Zuschüsse. 

Die Errichtung rein städtischer Säuglingsheime ist heute wegen der 
Kostenfrage fast unmöglich. Die Stadt arbeitet verhältnismäßig teurer als 
ein privater Verein. In Mannheim, wo im Jahre 1920 vier private Säuglings* 
heime von der Stadt übernommen wurden, hat sich der Personalaufwand 
in diesen Anstalten schon bald nach der Übernahme in städtische Ver* 
waltung auf das Vierfache erhöht. Das Defizit der Stadt beläuft sich bei 
den Säuglingsheimen auf etwa eine halbe Million. Bei Neuerrichtung solcher 
Heime durch private Anstalten muß darauf gesehen werden, daß sie möglichst 
nicht als reine Säuglingsheime, sondern als Säuglings* und Mütterheime 
ausgestaltet werden, damit die Verbindung von Mutter und Kind möglichst 
lange erhalten bleibt und damit den Müttern das Stillen ermöglicht wird. 
Die Mitarbeit der Mütter hat übrigens auch wirtschaftliche Vorteile für 
das Heim und verbilligt den Betrieb. Die Praxis hat weiter gezeigt, daß 


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Die gesundheitsfürsorgerischc Tätigkeit beim Jugendamt. 


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konfessionell geleitete Mütterheime der disziplinären Schwierigkeiten bei 
den Müttern besser Herr werden als interkonfessionelle Anstalten. Auch 
der Leiter der badischen Landesanstalt für Säuglingsfürsorge, Prof. Lust 
in Karlsruhe, hat diese Auffassung kürzlich bestätigt. 

Wie sich nun aus der Überwachung der Säuglinge in Pflegestellen die 
Säuglingsfürsorge herausentwickelt hat, so wird von den Jugendämtern auch 
die Ausdehnung der ärztlichen Überwachung der Kleinkinder 
über den Kreis der überwachungspflichtigen Kinder hinaus auf alle Klein« 
kinder angestrebt. Die schulärztliche Untersuchung hat gezeigt, daß ein 
großer Teil der Schulrekruten gesundheitlich nicht als einwandfrei bezeichnet 
werden kann. Geht man den Ursachen dieser erschreckenden Tatsache nach, 
so findet man, daß die gesundheitliche Minderwertigkeit nur in wenigen 
Fällen auf ererbte Krankheiten zurückzuführen ist, sondern in den meisten 
Fällen durch Krankheiten im Kleinkindesalter erworben ist. Während im 
Säuglingsalter noch die Ernährungsstörungen hauptsächlich das Leben des 
Kindes bedrohen, ist das Kleinkind neben Rachitis und Tuberkulose haupt* 
sächlich durch die große Gruppe der ansteckenden Krankheiten gefährdet, 
wie Masern, Keuchhusten, Scharlach, Diphtherie mit ihren Nachkrankheiten. 
Die Eltern erkennen vielfach den Krankheitszustand des Kindes nicht oder 
nicht rechtzeitig und können ihn als Laien oft auch gar nicht erkennen. 
Es steht weiter fest, daß die Sterblichkeit der Kleinkinder in den einzelnen 
sozialen Schichten große Unterschiede aufweist. Diese Tatsache beweist 
deutlich, daß durch entsprechende wirtschaftliche und gesundheitliche Maß« 
nahmen hier noch viel zu erreichen ist. In einer Statistik über die Sterblich* 
keit der Kleinkinder in Bremen finden sich folgende Zahlen. Von 1000 
lebenden Kindern starben im Kleinkindesalter: 


In der Gruppe der Wohlhabenden. 28 Kinder 

„ „ „ des Mittelstandes. 92 

., „ „ der Minderbemittelten. 262 „ 


Die statistischen Ergebnisse werden sich heute nach der sozialen Um* 
Schichtung wahrscheinlich anders gestalten. 

Die Kleinkinderfürsorge ist daher eine zwingende Notwendig* 
keit. Der Mangel der gesundheitlichen Fürsorge für das Kleinkind ist ein 
Raubbau an dem Kapital, welches wir für Säuglings* und Schulkinder* 
fürsorge auf wenden. Die Jugendämter erstreben deshalb die Schaffung 
von Kleinkinderberatungsstellen möglichst im Anschluß an die Säug* 
lingsberatungsstellen. Diese Kleinkinderberatungsstellen sollen den Klein* 
kindern aller Volkskreise offenstehen; sie sollen aber nicht selbst behandeln, 
sondern sich auf die Aufklärung der Eltern und die Erteilung von Rat* 
schlagen beschränken und die Kinder ihrem Hausarzt oder den zuständigen 
klinischen Anstalten überweisen. Es ist leider Tatsache, daß die Fürsorge* 
stellen bei den praktischen Ärzten mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet 
werden, weil die Ärzte befürchten, daß durch solche Einrichtungen ihnen 
kranke Kinder entzogen werden. Wer Einblick in das Wesen der Beratungs* 
stunden hat, weiß, daß gerade das Gegenteil der Fall ist, nämlich daß 
Kinder den Ärzten zugewiesen werden, die ohne die Beratungsstellen kaum 
den Arzt aufgesucht hätten. 

Die Kleinkinderberatungsstelle muß natürlich in engster Verbindung 
mit der Tuberkulosen* und Krüppelfürsorge und mit sämtlichen sozialen 


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Ammann, 


Fürsorgeeinrichtungen arbeiten, dann wird sie die Brücke bilden, auf der 
wir das Kind ungefährdet von der Säuglingsfürsorge in die Schulfürsorge 
hinübergeleiten. 

Hier in Heidelberg wurde eine Kleinkinderberatungsstelle mit gewissen 
Beschränkungen in der Luisenheilanstalt eingerichtet. Die Beratungsstelle 
ist zwar nicht allgemein zugänglich, sondern die Fürsorgeschwestern des 
Jugendamtes oder andere soziale Fürsorgeorgane müssen die gefährdeten 
Kleinkinder der Beratungsstunde zuweisen. Immerhin ist damit eine 
erhebliche Ausdehnung der Fürsorge über den Kreis der reinen Pflege* 
kinder erreicht und man gewinnt auf diesem Wege Erfahrungen über die 
Zweckmäßigkeit eines weiteren Ausbaues der Beratungsstelle. 

Auf dem Gebiet der halboffenen Kleinkinderfürsorge, die das 
Kind nur für Stunden aus der mütterlichen Familie entfernt und beaufsichtigt, 
pflegt das Jugendamt die Beziehungen zu den Kleinkinderschulen, 
*bewahranstalten und *horten, die zum großen Teil von der Stadt 
subventioniert werden. Die Jugendämter streben hier eine engere Fühlung 
an. In vielen Städten werden die Anstalten fortlaufend durch ärztlich oder 
pädagogisch geschulte Mitglieder des Jugendamtsausschusses besichtigt. 
Auch erstreben die Jugendämter eine intensivere ärztliche Aufsicht über 
diese Anstalten, die in manchen Städten den Stadt* oder Schulärzten über* 
tragen wurde. In Heidelberg besteht für die Behandlung aller Fragen der 
Säuglings* und Kleinkinderfürsorge ein Unterausschuß des Jugend* 
amtsausschusses, in dem die Direktoren der Luisenheilanstalt und der 
medizinischen Poliklinik, der Bezirksarzt, ein Sozialhygieniker, ein Sach* 
verständiger für Krüppelfürsorge, der Stadtschularzt und ein Vertreter des 
ärztlichen Vereins, sowie weitere sachverständige Persönlichkeiten vertreten 
sind. Der Aufwand der Stadt Heidelberg für Säuglings* und Kleinkinder* 
fürsorge einschließlich der Subventionen für die Kleinkinderanstalten ist 
für das Rechnungsjahr 1921 auf 134 800 M. geschätzt. 

An die Kleinkinderfürsorge schließt sich organisch die Schulkinder* 
fürsorge an. Sie liegt in den größeren Städten in den Händen der Stadt* 
Schulärzte. Das Jugendamt arbeitet vor allem auf zwei Gebieten mit, in 
der Fürsorge für nichtvollsinnige, epileptische und krüppelhafte 
Kinder und in der Erholungsfürsorge. Bei der Unterbringung nicht* 
vollsinniger Kinder erfüllt das Jugendamt alle Aufgaben, die nach dem 
badischen Gesetz über die nichtvollsinnigen Kinder, welches später auch 
auf die krüppelhaften Kinder ausgedehnt wurde, der Gemeinde zugewiesen 
sind. Die Jugendämter vermitteln die ambulante oder dauernde Behandlung 
in entsprechenden Anstalten, z. B. in der orthopädischen Klinik, dem 
Landeskrüppelheim, den Idiotenanstalten usw. Sie regeln die Kostenfrage 
und erzwingen bei böswilligem Widerstand der Eltern die Unterbringung 
durch Antrag auf Entziehung der elterlichen Gewalt gemäß § 1666 des 
Bürgerlichen Gesetzbuches. 

Die Erholungsfürsorge hat sich in den letzten Jahren zu einem 
besonders großen Arbeitsgebiet der Jugendämter ausgewachsen. Auch die 
Erholungsfürsorge hat sich in gewissem Sinne aus dem Pflegekinderwesen 
heraus entwickelt. Schon früher haben die Städte für ihre Armenmündel 
Heil* und Erholungskuren auf städtische Mittel bewilligt. Der Weltkrieg 
hat die Städte gezwungen, in großzügiger Weise den Kreis dieser Kinder 


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Die ycsundheitsfürsorgerischc Tätigkeit beim Jugendamt. 


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zu erweitern, die Erholungsfürsorge ganz von der Armenfürsorge loszutrennen 
und Hunderttausende, ja Millionen für diese Zwecke zur Verfügung zu 
stellen. Die Erholungsfürsorge ermöglicht den erholungsbedürftigen Kindern 
einen Kuraufenthalt in einer Erholungsstätte, in Ferienkolonien, auf dem 
Lande oder im Auslande. Die Unterbringung auf dem Lande ist in den 
letzten Jahren sehr zurückgegangen. Neben sehr erfreulichen Erfolgen sind 
doch auch Fälle bekannt geworden, in denen die untergebrachten Kinder 
übermäßig zur Landarbeit ausgenutzt wurden. Deswegen gewinnt die Unter« 
bringung in geeigneten Erholungsheimen gesteigerte Bedeutung. Hier in 
Baden ist es vor allem das Heuberg«Unternehmen, das den Jugendämtern' 
eine große Sorge abgenommen hat. 

Das Verfahren bei der Erholungsfürsorge ist in folgender Weise 
geregelt: 

Die Kinder werden durch den städtischen Schularzt untersucht 
und ausgewählt. Bei der Vorbereitung und Ausführung der Transporte 
wirken die Erholungsfürsorgestelle des städtischen Jugendamtes, deren 
Leitung einer Dame übertragen ist, die Verbände der evangelischen 
inneren Mission und der katholischen Caritas und zahlreiche ehren« 
amtliche Helferinnen mit. Die Eltern werden durch das Jugendamt je 
nach ihren wirtschaftlichen Verhältnissen zu den Kosten ganz oder teilweise 
herangezogen. Bei besonderer Bedürftigkeit übernimmt die Stadt die Kosten 
in voller Höhe. Die Stadt ist bemüht, auch von der Ortskrankenkasse, 
der Landesversicherungsanstalt, der Kriegshinterbliebenen« und Kriegs« 
beschädigtenfürsorge und anderen Organisationen Beihilfen zu der Erholungs« 
fürsorge zu erwirken. Neuerdings übernehmen die Fürsorgestellen für 
Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene bei Kindern der in ihrer Für* 
sorge stehenden Familien 4 /e der Kosten, wenn die Stadt das weitere Fünftel 
übernimmt. Durch diese erfreuliche Stellungnahme ist es ermöglicht, den 
Kriegswaisen und den Kindern der Kriegsbeschädigten weitgehende Berück« 
sichtigung bei der Erholungsfürsorge zuteil werden zu lassen. 

Das Jugendamt hat in diesem Jahre zum ersten Male den Versuch 
einer Ausdehnung der Erholungsfürsorge auf Kleinkinder gemacht, 
und wie ich wohl sagen darf, mit Erfolg. Es ist klar, daß die Kleinkinder 
nur in der Nähe der Stadt und der Eltern untergebracht werden können; 
es ist aber dringend notwendig, daß mit dem Vorurteil gebrochen wird, 
als ob nur die Schulkinder eine Erholungsfürsorge notwendig hätten. In 
beschränktem Umfange wurden dieses Jahr auch Schulentlassene in 
Erholungsheime entsandt. 

Erwähnen möchte ich noch die Mitarbeit des Jugendamtes bei 
der Quäkerspeisung, die die sonstigen gesundheitlichen Maßnahmen 
wirksam unterstützt. Die Auswahl der Kinder erfolgt auch hier durch den 
Schularzt, bisher nach den von der Gesellschaft der Freunde festgesetzten 
Indexziffern. Das Jugendamt organisiert in Zusammenarbeit mit der Schule 
und einem Stab von ehrenamtlichen Kräften die Herstellung, den Transport 
und die Verteilung der Speisen und den Einzug der Gebühren. Vor allem 
aber führt es der ärztlichen Untersuchung ständig neue Fälle aus der offenen 
Fürsorge zu. 

Ganz ebenso wie das Pflegekinderwesen steht auch die Tätigkeit der 
Berufsvormundschaft in ständiger engster Verbindung mit der Gesund* 


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Ammann, 


heitsfürsorge. Die Berufsvormimdschaft ist herausgewachsen aus der Er* 
kenntnis, daß die Einzelvormünder die Interessen der unehelichen Kinder 
nicht genügend zu wahren in der Lage sind. Dieses Versagen der Einzel* 
Vormünder gegenüber den unehelichen Kindern wurde in der ersten Zeit 
nach der Geburt, also in der Zeit der größten Schutzbedürftigkeit, besonders 
verhängnisvoll. Der ungünstige Gesundheitszustand und die geringe Lebens* 
fähigkeit der unehelich Geborenen spricht hier eine deutliche Sprache. 

Das Reichs*Jugendwohlfahrtsgesetz weist jetzt dem Jugendamt 
die Amtsvormundschaft über alle unehelichen Kinder zu, und gibt 
ihm das Recht, sich für alle aus öffentlichen Mitteln versorgten 
Minderjährigen als Berufsvormund besonders bestellen zu lassen. Die 
Berufsvormundschaft hat zunächst die Aufgabe, alle Unterhaltsansprüche 
der unehelichen Kinder gegen die Erzeuger wirksam zu betreiben. Was 
hier bisher nicht geschehen ist, will ich nur an einem einzigen Beispiel 
aus der Heidelberger Praxis aufzeigen: Die Berufsvormundschaft wurde mit 
Wirkung vom 17. November 1920 eingeführt. Bis 1. Juli 1921 waren durch 
die Tätigkeit der Berufsvormundschaft bereits 137 663 M. Unterhaltsgelder 
beigetrieben, obwohl die Mehrzahl der Prozesse noch nicht bis zum Urteil 
vorgeschritten war. 

Neben dieser Unterhaltsbetreibung hat die Berufsvormundschaft aber 
auch eine fürsorgerische Seite, sie ist wie jede Vormundschaft ein 
Vertrauens* und Fürsorgeverhältnis zu dem Mündel, dessen Wohl sie mit 
allen Kräften zu fördern sucht. Die Berufsvormundschaft zieht deshalb 
ihre schützende Hand nicht von dem Kinde zurück, bis es sittlich gefestigt 
und erwerbsbefähigt ist. Aus diesem Grunde ist der Berufsvormundschaft 
auch die Berufsberatung und der gewerbliche Jugendschutz an* 
gegliedert. Auf dem ganzen Wege von der Geburt bis zur Volljährigkeit 
des Mündels arbeitet der Berufsvormund in der gesundheitlichen Fürsorge 
Hand in Hand mit dem Arzt. Er sorgt dafür, daß das Kind aller Wohl* 
taten und Einrichtungen der Säuglings* und Kleinkinderfürsorge teilhaftig 
wird; kommt es zur Schule, so vermittelt er, wenn erforderlich, Erholungs* 
fürsorge oder Quäkerspeisung oder ein Heilverfahren. Wird das Kind aus 
der Schule entlassen, so prüft er, in Zweifelsfällen zusammen mit dem 
Arzt oder Psychiater, die Geeignetheit der gewählten Berufsart. 

Auch bei der Fürsorgeerziehung ist der Arzt der ständige unent* 
behrliche Mitarbeiter des Jugendamtes. Zunächst bei der Vorbereitung 
der Entschließung über die Einleitung des Fürsorgeerziehungsverfahrens. 
Hier liegt dem Arzt vor allem die Aufgabe ob, die körperlichen und fceeli* 
sehen Ursachen der Verwahrlosung zu erforschen und Vorschläge über die 
Art der Unterbringung des Kindes in Familien oder Anstalten zu machen, 
ln Heidelberg arbeitet auf diesem Gebiet besonders segensreich die heil* 
pädagogische Beratungsstunde für schwer erziehbare und psychopatische 
Kinder, welcher alle geeigneten Kinder aus der offenen und geschlossenen 
Fürsorge überwiesen werden. In zweifelhaften Fällen werden die Kinder 
in dem städtischen Kinderheim Siebenmühlenthal, der bisher einzigen heil* 
pädagogischen Erziehungsanstalt Badens, einige Zeit beobachtet. Der 
badische Staat plant jetzt die Einrichtung zweier Psychopatenheime in 
Sinsheim und Flehingen. Nach § 13, Abs. 5 der badischen Fürsorge* 
erziehungsordnung ist in allen Fällen ein Arzt zuzuziehen und, wenn 


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Die gesundheitsfürsorgerischc Tätigkeit beim Jugendamt. 


47 


Anzeichen für eine krankhafte geistige Veranlagung oder Entwicklung 
vorliegen, ein psychiatrischer Sachverständiger. 

Wenn ich zu Anfang als vierte Grundsäule der Jugendfürsorgearbeit 
den Gemeindewaisenrat bezeichnet habe, so muß ich ergänzend noch 
sagen, daß der Gemeindewaisenrat die Einzelvormünder in ihrer Amts* 
führung zu überwachen hat, und daß daher die Übertragung der Aufgaben 
des Gemeindewaisenrats auf das Jugendamt es ermöglicht, daß das Amt 
seine Fürsorge auf eine große Anzahl von Familien ausdehnt, die sonst 
seiner Aufsicht entzogen wären. Für die Zusammenarbeit des Gemeinde* 
waisenrats mit dem Arzt in der gesundheitlichen Fürsorge gilt dasselbe, 
was ich von der Berufsvormundschaft und der Fürsorgeerziehung aus* 
geführt habe. 

Damit glaube ich ein ungefähres Bild von der gesundheitsfürsorgerischen 
Tätigkeit beim Jugendamt gegeben zu haben, und kann davon absehen, 
noch die zahlreichen anderen Tätigkeitsgebiete des Jugendamtes zu schildern, 
bei denen die gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit mehr in den Hintergrund 
tritt, wie die Adoptionsvermittlung, die Mitarbeit bei der Bekämpfung 
der Auswüchse des Kinos und der Schundliteratur. Die Aufgaben der 
sogenannten Jugendpflege sind bis jetzt von den wenigsten Jugendämtern 
in Angriff genommen worden. Es ist aber zweifellos, daß auch bei der 
Jugendpflege Arzt und Erzieher in gleicher Weise zu Wort kommen müssen. 

Zum Schluß sollen noch zwei grundsätzliche Organisations* 
fragen besprochen werden, die die beteiligten Fachkreise im letzten Jahre 
besonders lebhaft beschäftigt haben. Zunächst die Frage: Wie sollen 
Gesundheits*, Wohlfahrts* und Jugendämter in ihrem Tätigkeits* 
gebiet gegeneinander abgegrenzt werden? Der erste deutsche Ge* 
sundheitsfürsorgetag, der am 25. Juni 1921 in Berlin stattfand, forderte 
die Errichtung von kommunalen Gesundheitsämtern und die Loslösung 
der sozialhygienischen Jugendfürsorge von der Organisation des 
Jugendamtes und Übertragung der Gesundheitsfürsorge auf das Gesund* 
heitsamt. Prof. Krautwig teilte auf dieser Tagung die gesamte Fürsorge 
für hoffende und stillende Mütter, Wöchnerinnen, Säuglinge und Kleinkinder 
in der offenen, halboffenen und geschlossenen Form, ferner die gesundheit* 
liehe Schulkinderpflege, insbesondere die Erholungsfürsorge und die Fürsorge 
für lungen* und geschlechtskranke Kinder dem Gesundheitsamt zu. 

Nach dem, was ich zu Eingang ausgeführt habe, brauche ich meinen 
persönlichen Standpunkt zu der Streitfrage kaum mehr auseinanderzusetzen. 
Es ist nach meiner Überzeugung praktisch undurchführbar, die 
gesamte gesundheitliche Fürsorge vom Jugendamt loszutrennen 
und dem Gesundheitsamt zu übertragen, ohne daß eine Zer? 
Splitterung der Jugendfürsorgearbeit, ein Gegen* oder Aneinander? 
vorbeiarbeiten entsteht. Das ist ja der Hauptvorzug der Jugendämter, 
daß sie die verschiedenen Zweige der Jugendfürsorge in sich zusammen* 
fassen, so daß jeder Mann und jede Frau im Volke weiß, es gibt eine 
Stelle, wo man sich in aller Jugendnot hinwenden kann. Es ist selbst* 
verständliche Pflicht des Jugendamtes, dem Arzt bei allen gesundheits* 
fürsorgerischen Fragen entscheidenden Einfluß einzuräumen. Es ist auch 
nichts dagegen einzuwenden, wenn alle Maßnahmen, die generell auf die 
gesundheitliche Förderung der gesamten Jugend oder größerer 


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Ammann, 


Gruppen in einer Stadt hinzielen, vom Jugendamt auf das Gesundheitsamt 
übertragen werden. So kann wohl die Erholungsfürsorge, die Quäkerspeisung, 
die gesundheitliche Säuglings«, Kleinkinder« und Schulkinderfürsorge, soweit 
sie sich in allgemeinen Maßnahmen, wie Abhaltung von Beratungsstunden, 
Reihenuntersuchungen usw. erschöpft, dem Gesundheitsamt überwiesen 
werden. Alle Maßnahmen aber, die sich im Wege der Einzelfürsorge mit 
dem einzelnen gefährdeten Kind befassen, müssen beim Jugendamt bleiben 
oder mindestens vom Jugendamt ihren Ausgang nehmen, da hier allein die 
Kanäle der offenen und geschlossenen Jugendfürsorge einmünden, da hier 
allein die Mittel vorhanden sind, um die sich anhäufenden sozialen Sammel« 
tatbestände nach allen Richtungen zu bearbeiten. Dies gilt vor allem bei 
der Fürsorge für diejenigen Kinder, die kraft gesetzlicher Vorschrift der 
besonderen Aufsicht des Jugendamtes unterstehen, wie Uneheliche, Pflege* 
kinder, vom Haushalt der Eltern getrennte eheliche Kinder, sittlich ver* 
wahrloste, obdachlose, nicht vollsinnige, dauernd krüppelhafte Kinder usw. 

Solche Kinder muß das Gesundheitsamt, ehe es sie in Behandlung nimmt, 
dem Jugendamt zuweisen, damit hier der Jugendfürsorgefall als Ganzes - 
geprüft wird und je nach dem Ergebnis der Prüfung die erforderlichen 
Maßnahmen, ‘wie z. B. Fürsorgeerziehung, Entziehung der Elternrechte, 
polizeiliches Pflegekinderverbot, Erwirkung oder Erhöhung der Unterhalts* 
rente, Einrichtung einer Schutzaufsicht, Einweisung in eine Heilanstalt usw. 
eingeleitet werden können. Selbstverständlich wird das Jugendamt das 
Kind, in dringenden Fällen sofort, dem Gesundheitsamt zur ärztlichen 
Behandlung wieder überweisen, wenn eine solche erforderlich ist. 

Mit dem gleichen Recht, vielleicht sogar mit höherem Recht, könnte 
man dem Jugendamt auch die Erziehungsfürsorge abnehmen und eigene 
Erziehungsämter, etwa bei den Schulen, einrichten. Damit würde man nur 
die ganze geschichtliche Entwicklung wieder zurückschrauben, die eben 
aus der Vielheit zur Einheit, aus der Zersplitterung zur Zusammenfassung 
geführt hat. 

Damit beantwortet sich auch die zweite Streitfrage, ob der Arzt oder 
der Erzieher oder der Verwaltungsbeamte die leitende Stellung 
im Jugendamt haben soll. Die richtige Antwort auf die Frage müßte 
eigentlich lauten, daß der Vorstand eines Jugendamtes Arzt, Erzieher und 
Verwaltungsbeamter sein muß. Da wir aber in Deutschland solche Universal* 
genies nicht besitzen, und seit dem unglücklichen Ausgang des Krieges arm 
geworden sind an soziabinteressierten Persönlichkeiten, so bleibt keine andere 
Möglichkeit, als daß die Leiter der Jugendämter und der Wohlfahrtsämter 
aus der Reihe der Ärzte, der Erzieher und der Verwaltungsbeamten genommen 
werden. Pflicht des jeweiligen Vorstandes eines Jugenamtes ist es dann, 
die in der Leitung nicht vertretenen Faktoren zu engster Mitarbeit heran* 
zuziehen. In dieser Lösung erblicke ich einen besonderen Vorzug. Gehen 
Sie die Geschichte der Jugendfürsorge zurück, so sehen Sie Menschen aller 
dieser Berufsarten als Bahnbrecher für neue Fortschritte. Was sie zu 
Pionieren in der Jugendfürsorgearbeit machte, das war nicht allein ihr 
Fachwissen, sondern das warm und sozial empfindende Herz, die lodernde 
Liebe zur Jugend, und so haben sie sich gegenseitig wirksam ergänzt und 
bereichert. Das sollte doch auch ein Wegweiser für die künftige Gestaltung 
der Jugend* und Wohlfahrtsämter sein. Darum nicht gegeneinander, 


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Die gesundheitsfürsorgerische Tätigkeit heim Jugendamt. 


49 


sondern miteinander, der Arzt, der Erzieher, der Jurist, der 
Volkswirtschaftler. So allein werden wir die Hydra der deutschen 
Jugendnot siegreich überwinden. Dem furchtbaren Wort des englischen 
Philanthropen: „Es ist tragisch, als deutsches Kind geboren zu sein“, wollen 
wir zuversichtlich und mutig das Gelöbnis entgegensetzen: 

Alles für unsere Jugend! 


[Doktordissertation. Aus dem Hygienischen Institut zu Gießen.] 


Schulhygienische Untersuchungen 
an Schülern der Oberprima desGymnasiums, Realgymnasiums 
und der Oberrealschule zu Gießen über optische Merkfähig¬ 
keit für geometrische Figuren unter besonderer Berück¬ 
sichtigung der Ermüdungsfrage. 

Von Dr. med. Johannes Müller, z. Zt. in Hannover, Stadtkrankenhaus I. 

(Mit einer Abbildung.) 

Im Jahre 1916 veröffentlichte Sommer im „Jahresbericht über Neurologie 
und Psychiatrie“ eine Reihe von Versuchen, die er an dem bekannten 
Rechner, Dr. Rückle, gemacht hatte, um dessen optisches Gedächtnis zu 
untersuchen. Sommer wählte zu diesem Zwecke 25 Figuren, die im 
wesentlichen den von Rybakow (ursprünglich Bernstein) angegebenen 
entsprechen. Im Anfang des Jahres 1920 erschien eine Arbeit von Gerster 1 ), 
der die gleichen Versuche mit fünf Patienten der Gießener Psychiatrischen 
Klinik [Fall 1: Psychogene Neurose, Fall 2: Paranoia, Fall 3: Kriegs* 
beschädigter (Kopfschuß), Fall 4 und 5: Schwachsinn] angestellt hatte. 
Aus diesen Versuchen ergab sich, welchen Einfluß pathologische Verände* 
rungen auf d^s Reproduktionsvermögen auszuüben vermögen. Neuerdings 
hat Noebel 2 ) an Gesunden Untersuchungen über Form und Lage einer 
Rybakowschen Figur in ihrer Beziehung zur Häufigkeit ihrer Reproduktion 
angestellt. 

Um zu sehen, ob die Ermüdung auf das Reproduktionsvermögen von 
Einfluß sein könnte, suchte ich durch Schulversuche festzustellen, wie sich 
die Reproduktionsverhältnisse vor und nach dem Unterricht an einem 
Schultage, sowie im Vergleich zu Anfang und Ende der Woche gestalten. 
Wir wissen aus früheren Versuchen zahlreicher Hygieniker, Ärzte und 
Pädagogen — ich nenne nur Sikorski 3 ), Hopfner 4 ), Laser 6 ), Burger* 


*) Gerster, Klinische Untersuchungen über das optische Gedächtnis. Dissert. 
Gießen 1920. 

2 ) Noebel, Die Bedeutung von Form und Reihenfolge bei der Verwendung einer 
Figurentafel zur Untersuchung des optischen Gedächtnisses. Dissert. Gießen 1920. 

3 ) Sikorski, Annales d’hygiene publique 1879, V, 2, p. 458. 

4 ) Hopfner, Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane 1803, 
VI. S. 191. 

5 ) Laser, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 1894, Bd. 7, S. 2 und 207. 


Öffentliche Gesundheitspflege 19 22 . 

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50 


Johannes Müller, 


stein 1 ), Griesbach 2 ), Schnyten 3 ), Wagner 4 ), Sakaki 6 ) und Abel* 
son 6 ) —, daß der Schulunterricht, namentlich wenn er mit Vollstunden 
betrieben, d. h. auf 50 bis 60 Minuten ausgedehnt wird, und keine genügenden 
Erholungspausen zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden liegen, eine 
beträchtliche Ermüdung mit sich bringt, die mit der Länge des Unterrichts 
am Tage anzusteigen pflegt und von der Art der Fächer, der Methode des 
Lehrers, dem Schülermaterial, der Lage des Unterrichts in bezug auf Vor* 
und Nachmittag wesentlich abhängig ist. Außerdem wissen wir, wie ins* 
besondere Schnyten und Griesbach 7 ) sowie Steinhaus 8 ) nachwiesen, 
daß die Ermüdung an ein und demselben Tage bis zum Unterrichtsschluß 
am Vormittag wächst, und andererseits, daß, nachdem durch die Mittags* 
pause mehr oder weniger Erholung hervorgerufen wurde, während des 
Nachmittagsunterrichts wieder ein Anstieg der Ermüdung einzutreten pflegt. 
Ja, es hat sich herausgestellt, daß vielfach auch gegen Ende der Woche 
die Ermüdung einen höheren Grad erreicht, als zu Beginn oder in der 
Mitte der Woche. Griesbach hat den Verlauf der Ermüdung ein ganzes 
Semester lang verfolgt, Schnyten sogar über ein Jahr, und durch diese 
Versuche hat sich herausgestellt, daß am Schluß des Semesters oder des 
Schuljahres bei sehr vielen Schülern ein Maximum der Ermüdung eintrat. 
Vom schultechnischen Standpunkte aus, sowie aus unterrichtshygienischen 
Gründen wird daher der Schulunterricht durch kürzere oder längere Ferien 
von Zeit zu Zeit unterbrochen. Was für die Schüler gilt, hat auch für 
den Lehrkörper Geltung. Bei meinen Untersuchungen, die nur drei Wochen 
umfassen, handelt es sich ausschließlich um Morgenunterricht, da in den 
betreffenden Lehranstalten wissenschaftlicher Nachmittagsunterricht gar 
nicht oder nur in sehr beschränktem Maße abgehalten wurde. Aber nicht 
nur in unterrichtshygienischer Hinsicht, sondern auch in psychologischer 
Hinsicht schien es nicht ausgeschlossen, mittels der genannten Versuche 
wichtige Aufschlüsse zu erhalten. 

Die Versuche wurden im Gymnasium, Realgymnasium und der Ober* 
realschule mit gütiger Genehmigung der Herren Direktoren unternommen. 
Ich beschränkte die Versuche auf eine Klasse, und zwar auf die Oberprima 
der drei Anstalten. Im Gegensatz zu Sommer, Gerster und Noebel, 
die 25 Figuren reproduzieren ließen, gebrauchte ich zu meinen Versuchen 
nur 20 Figuren, da zum Vergleich mit den Ergebnissen parallel laufender 
Versuche mit jüngeren Schülern — worüber von anderer Seite berichtet 
wird — die Beschränkung auf 20 Figuren geeigneter erschien. Damit die 
wachsende Übung und die Erinnerung den Einfluß der Ermüdung nicht 
allzusehr verwischen sollte, auch um die Beaufsichtigung der Schüler zu 
erleichtern, benutzte ich einen Wechselrahmen: Dieser bestand in einer 

*) Burgerstein, Zeitschrift für Schulgesundheitspflege 1891, S. 544 und 607. 

*) Griesbach, Archiv für Hygiene 1895, Bd. 24, S. 124; Gesunde Jugend, Bd. 8, 
Verhandlungsheft. 

3 ) Schnyten, Bericht des 1. Internat. Kongresses für Schulhygiene, Bd. 2, S. 189; 
Archives de Psychologie 1903, I. u. II. 

4 ) Wagner, Sammlung von Abhandlungen aus dem Gebiet der pädagogischen 
Psychologie und Physiologie, Bd. 1, Heft 4. 

5 ) Sakaki, Internat. Archiv für Schulhygiene, Bd. 1, Heft 1. 

6 ) Abelson, Ebenda, Bd. 5, S. 347. 

7 ) Griesbach, Verhandlungsheft, S. 255. 

H ) Steinhaus, Zeitschrift für Sehulgesundheitspfiegc 1907, S. 535. 


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Schulhygienische Untersuchungen. 


51 


dunkel kolorierten Tafel von 40 cm Höhe und 48 cm Breite, in deren 
parallele Leisten 20 Pappscheiben in Quadratform von 9 cm Seitenlange, 
auswechselbar, in vier Reihen angeordnet werden konnten. Auf den weißen 
Pappscheiben waren die Figuren, fast die ganze Größe derselben einnehmend, 
in schwarzer Tusche mit 3 mm dicken Linien aufgezeichnet. Da sich heraus« 
stellte, daß das Auswechseln der Rybakowschen Figuren nicht ausreichte, 
um den störenden Einfluß der Erinnerung von vorhergehenden Versuchen 
auszuschalten, habe ich neue Figuren, ähnlich den Rybakowschen, hinzu« 
konstruiert, um eine größere Variation zu ermöglichen. (Siehe Tafel.) 



Die Tafel habe ich den Schülern bei stets gleichmäßig guter Beleuchtung, 
unter Berücksichtigung kurzsichtiger Schüler, die entsprechend umgesetzt 
wurden, 3 Minuten lang exponiert, und dann habe ich 3 Minuten Zeit zur 
Reproduktion gewährt. Während die übrigen Experimentatoren eine be« 
stimmte Zeit zur Reproduktion in der Regel nicht festsetzten, habe ich 
dafür eine bestimmte Zeit deswegen gewählt, um einerseits den Unterrichts« 
betrieb und andererseits die Schüler nach Schluß des Unterrichts nicht 


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52 


Johannes Müller, 


unnötig aufzuhaiten. Vor Beginn der Versuche wurden die Schüler genau 
angewiesen, die Figuren nach Form und Lokalisation in das zugehörige 
Feld 'richtig in die Quadrate eines Blankoformulars einzuzeichnen. Die 
Schüler wurden eindringlich vor einem Hilfesuchen beim Nachbarn gewarnt, 
besonders wurde ihnen die völlige Zwecklosigkeit einer solchen Fälschung 
vor Augen geführt. 

Im allgemeinen zeigten sich die Schüler auch verständnisvoll und legten 
guten Eifer an den Tag. Die Versuche wurden zu Beginn, in der Mitte 
und am Ende der Woche vor und nach dem Unterricht in gleicher Weise 
an den drei genannten Anstalten unternommen. Bei der Beurteilung wurde 
auf vollständige Richtigkeit in der Form, dazu gehört auch die richtige 
Stellung im Quadrat, z. B. ob ein Dreieck mit der Spitze nach oben, unten, 
rechts oder links gerichtet richtig nachgezeichnet wurde, sowie auf Lokali* 
sation in das zugehörige Feld geachtet. Dementsprechend habe ich die 
Einteilung in folgende Rubriken gewählt: 

a) Gesamtzahl der gezeichneten Figuren 1 ). 

b) Vollkommen richtig wiedergegebene Figuren. 

c) Nach Form (einschl. Stellung im Quadrat) falsch gezeichnete, aber 
richtig lokalisierte Figuren. 

d) Falsch lokalisierte, aber nach Form (einschl. Stellung im Quadrat) 
richtig gezeichnete Figuren. 

e) Nach Form (einschl. Stellung im Quadrat) falsch gezeichnete und 
falsch lokalisierte Figuren. 

f) Gesamtzahl der teilweise oder ganz falsch wiedergegebenen Figuren. 
Rubrik c + d + e. 

g) Ausgelassene Figuren. 

Um eine für Vergleiche anschaulichere Rechnung zu ermöglichen, habe 
ich die Ergebnisse in bezug auf die Gesamtzahl der Figuren (20) prozentual 
umgerechnet, so daß sich beispielsweise bei 18 Figuren 90 Proz. ergeben 
würden. Da nicht alle Schüler einer Klasse, aus verschiedenen Gründen, 
bei allen Versuchen zugegen sein konnten, habe ich, der Einheitlichkeit 
wegen, diejenigen Schüler, die ein* oder mehrmals fehlten, aus meinen 
vergleichenden Berechnungen eliminieren müssen. So habe ich im Gymnasium 
von den 21 Schülern der Oberprima nur 17, im Realgymnasium von 22 Schülern 
nur 14 und in der Oberrealschule von 17 Schülern nur 11 in Betracht 
ziehen können. 


1. Versuchsreihe (Gymnasium). 

Versuch I. Montag, 30. August 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

17 Schüler. Durchschnittsalter 18 Jahre. 

Resultat in Prozenten. 

a | b | c _ \ d ! c j _ f ^ 1 g 

Klassendurchschnitt . . 74 | 54 | 5 j 14 ' 1 20 , 26 

l ) Diese Rubrik ist der Vollständigkeit halber mit eingesetzt, wenn auch ihre 
Bedeutung hinter den folgenden Rubriken b) bis e) zurückstellt, weil sie sich sowohl 
aus richtigen, wie aus falschen zusammensetzt. 


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Schulhygienische Untersuchungen. 


53 


Es folgen fünf Lehrstunden, und zwar: 


8 

„ 30 „ 

n 9 

. 15 „ 

9 

. 25 „ 

- 10 

„ 10 „ 

10 

„ 25 „ 

„ 11 

* 10 „ 

11 

„ io „ 

„ 11 

„ 50 „ 


Französisch 

Mathematik 

Griechisch . 


Übersetzung 
Gleichungen gelöst 

Übersetzung 


Versuch II. Montag, 30. August 1920, 11 Uhr 50 Min. vormittags. 
Resultat in Prozenten. 









54 


Johannes Müller, 


den vorangegangenen Unterricht. Auch das Lokalisationsvermögen hat 
gelitten (Spalte d). Andererseits sind allerdings weniger Formfehler gemacht 
worden (Spalte c). Also ist auch hier eine Ermüdung mit Sicherheit nicht 
erkennbar. Im einzelnen zeigt sich bei 9 Schülern eine Abnahme und bei 
7 Schülern eine Zunahme der richtig gezeichneten Figuren. Pro Kopf ist 
bei diesen 7 Schülern die Differenz zwischen dem Morgen* und Mittags* 
versuche bezüglich der richtigen Figuren aber durchschnittlich größer als 
bei den 9 Schülern. Es ist ferner zu bemerken, daß ein Schüler, derselbe 
wie im Vorversuch, im Gegensatz zum Klassendurchschnitt (s. auch S. 53 
und 55) auch wieder einen Rückgang seiner anfangs besonders guten 
Leistung zu verzeichnen hat. 


Versuch V. Sonnabend, 4. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 

__ a 1 b !_ c ' ü e ^ j g 

Klassendurchschnitt . . 64 48 7 6 3 16 \ 36 


Da der Einwand erhoben werden könnte, daß sich bei den vorher* 
gehenden Versuchen der Einfluß der Erinnerung zu deutlich geltend'gemacht 
hätte, waren zu diesem Versuche größtenteils neue Figuren genommen 
worden. Als Reaktion darauf zeigte sich eine bedeutende Verschlechterung 
des Ergebnisses (Spalte a bzw. g und b). Was die Fehler anbelangt, so 
hat die Zahl der Formfehler (Spalte c) zugenommen, während die Zahl 
der Lokalisationsfehler abgenommen hat (Spalte d). Da von den „alten“ 
Figuren 33 Proz., von den „neuen“ Figuren 40 Proz. schätzungsweise als 
schwieriger angesehen werden dürften, die Aussagen der Schüler bestätigten 
diese Annahme, so ist wohl das schlechtere Resultat in erster Linie auf 
die teilweise größere Kompliziertheit der angewandten Figuren zurückzu*, 
führen. Außerdem mag aber auch eine Ermüdung, die durch die Wochen* 
arbeit erzeugt worden ist, mitspielen. 

Es schließen sich fünf Lehrstunden an: 


7 Uhr 40 Min. bis 8 Uhr 25 Min. Deutsch .... Vortrag 

8 „ 30 „ „ 9 n 15 „ Geschichte ... 

9 „ 20 „ „ 10 „ 10 „ Physik.Experimente 

!?:?»: :!! : so ;1 Uteio ub.r„ t2 on g 

Versuch VI. Sonnabend, 4. September 1920, 11 Uhr 45 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 


a ! b c i d , e f g 

Klassendurchschnitt . . 73 54 9 6 4 19 27 


Es wurden die gleichen, jedoch umgestellten Figuren benutzt, wie am 
Morgen. Schon zeigt sich wieder die, Wirkung der Erinnerung, sowohl in der 
Zahl der überhaupt, als auch in der Zahl der richtig gezeichneten Figuren 
(Spalte a bzw. g und b), so daß auch hier keine Ermüdung kenntlich 
wird. Allerdings hat die Zahl der formal und total falsch gezeichneten 
Figuren zugenommen (Spalte c und e). Im einzelnen haben 9 Schüler 
mehr und 7 Schüler weniger Figuren richtig gezeichnet als beim vorigen 


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Schulhygienische Untersuchungen. 


55 


Versuche. 2 Schüler wurden während des Unterrichts besonders stark 
beansprucht, von diesen hatte der eine trotzdem, vielleicht infolge be* 
sonderer Willensanspannung, ein besseres, der andere, an den die letzte 
Stunde erhöhte Anforderungen stellte, ein schlechteres Resultat zu ver* 
zeichnen. 

Rückblickend auf alle sechs Versuche läßt sich feststellen, daß sich 
infolge des starken Einflusses der Erinnerung oder Übung eine Wirkung 
der Ermüdung an den Mittagen nicht geltend macht, wohl aber am Wochen* 
Schluß gegenüber Anfang und Mitte der Woche. In gleicher Richtung 
deutet die Zunahme der formal falsch gezeichneten Figuren (Spalte c). 
Andererseits zeigt sich aber eine Abnahme der fehlerhaften Lokalisation 
im Verlauf der Woche (Spalte d). Die Lokalisation dürfte aber wohl 
keine so wichtige Rolle bei der optischen Merkfähigkeit spielen, wie die 
Form, obgleich nicht außer acht gelassen werden darf, daß bei manchen 
Personen das Formengedächtnis, bei anderen das Lokalisationsgedächtnis 
mehr ausgeprägt sein kann. Im einzelnen zeigte nur ein Schüler nach dem 
Unterricht regelmäßig eine Abnahme seiner Leistung, während ein anderer 
Schüler nach dem Unterricht, wohl infolge der Erinnerung, regelmäßig eine 
bessere Leistung aufwies. Ein Schüler, der von Versuch I bis V ein ständiges 
Zurückgehen seiner Resultate zu verzeichnen hatte, erzielte bei Versuch VI 
eine Besserung seines Ergebnisses. — Im übrigen zeigt das allgemein noch 
gute Ergebnis am Ende des Unterrichts sowie auch der Woche, trotzdem 
sich hier eine Ermüdung bemerkbar zu machen scheint, daß in dieser Klasse 
von einer Überlastung mit Arbeit nicht die Rede sein kann. 

Der Durchschnitt aus den sechs Versuchen beträgt für die Gesamtzahl 
aller gezeichneten Figuren 74 Proz., für die richtig gezeichneten Figuren 
55 Proz. 

Das beste Ergebnis erreichte ein Schüler mit 77 Proz. richtiger Figuren, 
das schlechteste Ergebnis zeitigte ein Schüler mit 23 Proz. richtiger Figuren. 
Auf Ermüdung kann aber das schlechte Resultat des letzteren nicht zurück* 
geführt werden, da er von vornherein schlecht reproduziert hat, näher liegt 
es, mangelhaften Formensinn und schlechtes Gedächtnis für das Versagen 
verantwortlich zu machen. Das Alter hat keinen nachweisbaren Einfluß 
auf das Resultat der Proben. Sowohl der beste wie der schlechteste Schüler 
hatte das Durchschnittsalter von 18 Jahren. 

Wenn es nach Binet und Simon 1 ) zutrifft, daß Merkfähigkeit und 
Reproduktionsvermögen für Figuren und Gegenstände pnit der Energie der 
geistigen Vorgänge wächst und somit in Beziehung zur „Reife und Richtung 
der Intelligenz“ steht, so dürften die hier angewandten Figuren, insbesondere 
unter Berücksichtigung der Übereinstimmung mit der Beurteilung seitens 
der Schule, zur Intelligenzprüfung nicht ungeeignet erscheinen. (Was hier 
betreffs des Gymnasiums gesagt wird, gilt auch für die beiden anderen 
Anstalten.) 

Wir finden, daß 7 Schüler eine gute, 7 eine mittlere und 3 eine schwache 
Merkfähigkeit zeigten. 

Der Klassenlehrer beurteilte Begabung, Aufmerksamkeit und Gewissen* 
haftigkeit bei 7 Schülern mit gut, 9 mit mittel und 1 mit schwach. 


*) Binet und Simon, „Developpement de l’intelligence“, l’annee psychol. I, 14, 

p. 80. 


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56 


Johannes Müller, 


In 7 Fällen stimmte das Versuchsergebnis mit dem Urteil des Lehrers 
überein, in 4 Fällen urteilte der Lehrer schlechter, in 6 Fällen besser als 
der Ausfall der Proben zu erkennen gab. 

2. Versuchsreihe (Realgymnasium). 

Versuch I. Montag, 6. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

14 Schüler. Durchschnittsalter 18 Jahre. 

Resultat in Prozenten. 

a b c d e ’ f g 

Klassendurchschnitt . . .80 | 61 6 11 I 2 19 j 20 

Zu diesem Versuche wurden wieder die „alten“ Rybakowschen Figuren 
verwandt. Die Klasse hatte eine gute Leistung zu verzeichnen. 

Es folgen fünf Lehrstunden: 


7 Uhr 40 Min. bis 8 Uhr 25 Min. Latein.Es wurde übersetzt 

8 w 30 „ w 9 ,, 15 „ Religion.Vortrag 

9 „ 25 „ „ 10 „ 10 „ Deutsch.. 

10 „ 25 „ „11 „ 10 „ Chemie.Experimente 


11 „ 20 „ „ 12 „ — „ Französisch ... Es wurde übersetzt 

Versuch II. Montag, 6. September 1920, 11 Uhr 50 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 

_ a } _ b _ ! c ! d | c J_ g 

Klassendurchschnitt . . 54 | 42 2 9 1 12 46 

Bei diesem Versuche wurden die „neuen“ Figuren verwandt. Das 
Resultat ist bedeutend schlechter (Spalte a bzw. g und b). Hierfür kann, da 
der vorausgegangene Unterricht keine besonderen Schwierigkeiten mit sich 
brachte, unmöglich die Ermüdung allein verantwortlich gemacht werden. 
Der Grund des minderwertigen Ergebnisses ist vielmehr darin zu suchen, 
daß die „neuen“ Figuren, wie schon ausgeführt wurde, wohl als etwas 
komplizierter angesehen werden können. Dem Zurückgehen der Fehlerzahl 
(Spalte c, d und e) kann deswegen meines Erachtens wohl weniger Be» 
deutung beigemessen werden, weil bei der so viel geringeren Zahl der 
gezeichneten Figuren auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, geringer 
geworden ist. Bei diesem Versuche hat sich mir der Verdacht aufgedrängt, 
daß die Klasse sich nicht die gleiche Mühe wie vorher gegeben hat. Im 
einzelnen haben 11 Schüler weniger und nur 2 Schüler mehr Figuren richtig 
wieder gegeben. Die zwei Schüler, die während des Unterrichts längere 
Fragen zu beantworten hatten, haben ein schlechteres Resultat als am 
Morgen erzielt, wodurch möglicherweise Ermüdung zutage tritt. 

Versuch III. Mittwoch, 8. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 


Klassendurchschnitt . . 

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ajb.cd c'fig 

59 44 7 7 1 15 41 

Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 









Schulhygienische Untersuchungen. 


57 


Um einen Anhalt dafür zu gewinnen, ob die Differenz in den Resultaten 
der vorausgegangenen Versuche zu einem merklichen Teile auf der ver* 
schiedenen Kompliziertheit der Figuren beruhen möchte, habe ich jetzt die 
Versuchsanordnung umgekehrt und des morgens die „neuen“ Figuren gezeigt. 
Wieder kommt ein schlechtes Resultat heraus (wenn es sich auch etwas 
gebessert hat, Spalte a bzw. g und b), so daß wohl eine erhöhte Schwierig« 
keit der „neuen“ Figuren anzunehmen ist. Ein weiterer Grund für das 
schlechte Ergebnis ist möglicherweise Zerstreutheit und Unlust, vielleicht 
im Zusammenhang mit unzureichender Schlafdauer infolge häuslicher Vor« 
bereitungen für den Unterricht. Dafür spricht vielleicht auch das An* 
wachsen der Formfehler (Spalte c), während allerdings die geringere Zahl 
der Lokalisationsfehler (Spalte d) dem nicht entspricht. 

Anschließend: 


7 Uhr 40 Min. bis 8 Uhr 25 Min. Latein.Übersetzung 

Physik.Vortrag über Elektrizität 

Deutsch .... Vortrag 


8 ,. 

30 „ 

.. 9 „ 

15 

9 „ 

25 ., 

„ 10 ,. 

10 

10 „ 

25 ,. 

11 

10 

11 „ 

20 ,. 

„ 12 „ 

— 


” ) 


Mathematik 


Differentialrechnung 


Versuch IV. Mittwoch, 8. September 1920, 11 Uhr 55 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 

a b ' c ! d j e ' f | g 

Klassendurchschnitt . . 72 ; 59 7 5 | 1 13 I 28 

Es wurden jetzt wieder die „alten“ Figuren gewählt. Vor dem Ver* 
suche habe ich die Schüler nochmals ermahnt, sich immer gleichmäßig gute 
Mühe zu geben. Auf diese Ermahnung, auf die wohl etwas geringere 
Kompliziertheit der „alten“ Figuren und vielleicht auch auf einige Reminis* 
zenzen an die „alten“ Figuren, ist es wohl zurückzuführen, daß nach dem 
Unterricht ein viel besseres Resultat erzielt worden ist (Spalte a bzw. g, 
b u. f). Im einzelnen ist zu bemerken, daß 12 Schüler die Zahl der 
richtigen Figuren, gegenüber dem vorhergehenden Versuche, vermehrt und 
nur 2 Schüler dieselbe vermindert haben. 4 Schüler hatten während des 
Unterrichts eine größere Aufgabe zu erledigen, alle vier haben trotzdem 
besser gezeichnet als am Morgen. Möglicherweise kommt auch hierfür 
wieder eine erhöhte Willensanspannung in Betracht. 

Versuch V. Sonnabend, 11. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 

a b ! c ' d 1 e f j g 

Klassendurchschnitt . . 64 ' 52 7 ' 3 2 ■ 12 j 36 

Für diesen Versuch wurden „alte“ und „neue“ Figuren gemischt. Das 
Ergebnis hat sich im Vergleich zu Montag früh verschlechtert (Spalte a 
bzw. g und b). Darin gibt sich wohl eine gewisse Ermüdung infolge der 
Arbeit der Woche zu erkennen. Ein weiterer Beleg dafür ist das allerdings 
schwache Anwachsen der Formfehler (Spalte c). Auffallenderweise sind 
die Lokalisationsfehler weniger geworden (Spalte d), wofür ein Grund sich 
schwer finden läßt. 


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Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 






58 


Johannes Müller, 


Anschließend: 


7 

Uhi 

• 40 

Min. 

bis 8 

Uhr 

30 

Min. 

8 

»* 

30 

»* 

„ 9 

»» 

15 

»» 

9 

»» 

25 

*» 

». 10 

»» 

10 

»» 

10 

»» 

25 

»» 

., 11 


10 

„ 

11 

»» 

20 

»» 

12 

*» 

— 

»» 


Englisch.Übersetzung 

Chemie.Vortrag 

Mathematik . . . Differentialrechnung 

Phvsik.Schriftliche Arbeit 

Religion.Vortrag 


Versuch VI. Sonnabend, 11. September 1920, 11 Uhr 55 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 

a ! b c d e f g 

Klassendurchschnitt . . 62 44 * 11 5 2 18 i 38 


Auch hier wurden wieder „alte“ und „neue“ Figuren gemischt, natürlich 
in anderer Zusammenstellung als am Morgen. Das Ergebnis zeigt, daß der 
Einfluß der Ermüdung sich deutlich bemerkbar macht, sowohl was die Zahl 
aller gezeichneten Figuren anbelangt, als auch besonders der fehlerfrei wieder* 
gegebenen (Spalte a bzw. g und b). Auf der anderen Seite ist die Zahl der 
fehlerhaft wiedergegebenen Figuren entsprechend gestiegen (Spalte c und d). 
Im einzelnen haben 3 Schüler eine größere Menge von Figuren richtig 
und 8 Schüler eine geringere Menge von Figuren richtig gezeichnet. Von 
5 Schülern, die eine größere Aufgabe zu lösen hatten, haben 2 Schüler 
schlechter, 1 Schüler besser gezeichnet als beim Vorversuch, während 
2 Schüler sich gleich blieben. 

Ein Rückblick auf das Ergebnis der Woche erweist, daß sich eine 
Einwirkung der Ermüdung wohl erkennen läßt (Versuch V und VI und 
vielleicht auch Versuch II). Da der Mittwochversuch nahelegt, daß die 
geringeren Leistungen am Montag* und Sonnabendmittag nicht in erster 
Linie auf Ermüdung zurückzuführen sind, so ist auch hier unter Berück* 
sichtigung der Fehler (am Montag weniger, am Sonnabend mehr) die Er* 
müdung am Mittag durch den vorausgegangenen Unterricht nicht sicher 
festzustellen. Dahingegen läßt das Nachlassen der Leistungen am Sonnabend, 
im Vergleich zum Montag und Mittwoch, wohl auf eine Ermüdung durch 
die Arbeit der Woche schließen (Spalte a bzw. g und b). Ferner läßt 
die Zunahme der nach der Form falsch gezeichneten Figuren vom Montag 
bis Sonnabend auf eine zunehmende Ermüdung schließen (Spalte c). Hin* 
gegen hat die Zahl der fehlerhaft lokalisierten Figuren abgenommen (Spalte d) 
(vgl. S. 57). — Es zeigt sich aber auch, welche Schwierigkeit es macht, 
die Erinnerung durch Anwendung neuer Figuren auszuschalten, deren 
Gleichwertigkeit bezüglich ihrer Auffaßbarkeit von vornherein nicht fest* 
steht. Bemerkenswert ist, daß im Gegensatz zur 1. Versuchsreihe kein 
einziger Schüler an den Mittagen ständig ein schlechteres Resultat zeitigte 
als am Morgen, andererseits aber ein Schüler des mittags regelmäßig besser 
reproduzierte als am Morgen. Nur bei einem Schüler zeigte sich, äugen* 
scheinlich infolge Ermüdung, bis zum Versuch V ein Sinken seiner Leistung» 
die noch bei Versuch VI den tiefen Stand von Versuch V beibehält. Im 
ganzen läßt sich aber auch in dieser Klasse feststellen, daß eine Über* 
bürdung mit Arbeit, die sich durch ein beträchtliches Sinken der Leistung 
bei Wochenschluß geltend machen würde, nicht vorliegt. 


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UNIVERSITY OF CALIFORNI 







Schulhygienische Untersuchungen. 


59 


v 

Durchschnittlich wurden 65 Prozr. Figuren überhaupt und 51 Proz. Figuren 
richtig gezeichnet. 

Der Schüler mit der besten Merkleistung zeichnete 68 Proz., der Schüler 
mit der schlechtesten Leistung 38 Proz. richtiger Figuren. Letzterer hat bei 
allen Versuchen schlecht gezeichnet. Ein Einfluß des Alters gibt sich hier 
insofern zu erkennen, als der beste Schüler 19 Jahre, der schlechteste 
Schüler 17% Jahre alt ist. 

Nun noch ein Vergleich zwischen dem Resultat der Versuche und dem 
Urteil des Klassenlehrers über die Schüler. 

Eine gute Merkfähigkeit zeigten 2, eine mittlere 9 und eine schwache 
3 Schüler. 

Der Lehrer beurteilte 4 Schüler mit gut, 6 mit mittel und 4 mit schwach. 

Mit dem Urteil des Lehrers stimmte das Ergebnis der Prüfung in acht 
Fällen überein, viermal war das Urteil des Lehrers besser und zweimal 
schlechter als das Ergebnis der Versuche. Besonders interessant ist es, 
daß in einem Falle das Urteil des Lehrers auf „schwach“ gestellt wurde, 
während im geraden Gegensatz dazu die Merkprüfung gut, ja sogar am 
besten ausßel. 

3. Versuchsreihe (Oberrealschule). 

Versuch I l ). Dienstag, 14. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

11 Schüler, davon 4 Schülerinnen. Durchschnittsalter 19 Jahre, Mädchen allein 19% Jahre. 

Resultat in Prozenten. 

a b c d e f 1 g 

Klassendurchschnitt .. 7151 5 10 5 20 29 

Mädchen allein .... 76 44 7 17 8 32 24 

Zu diesem Versuche wurden wieder die „alten“ (Rybakowsehen) 
Figuren benutzt. Es zeigt sich hier, daß die Schülerinnen mehr Figuren 
auffassen als die Schüler (Spalte a), aber in der Wiedergabe viel ungenauer 
sind als diese (Spalte b, c und d). 

Anschließend: 


7 Uhr 40 Min. 

8 „ 30 .. 

bis 8 Uhr 25 Min. 

„ 9 „ 15 „ 

Deutsch . . . 

Klassenaufsatz 

9 „ 

30 .. 

„ 10 

15 „ 

Mathematik . 

Vortrag über Ellipse 

10 

30 „ 

„ 11 .. 

15 „ 

Französisch . 

. Besprechung 

11 „ 

30 

12 

10 

Deutsch . . . 

. Klassenaufsatz 


Versuch II. Dienstag, 14. September 1920, 12 Uhr 5 Min. nachmittags. 
Resultat in Prozenten. 



a 

b 1 

c 

d 

e 

f 

' _ s 

Klassendurchschnitt . 

. 67 ! 

50 1 

8 

6 ! 

3 

17 ! 

33 

Mädchen allein . . . 

71 | 

50 I 

10 

6 | 

5 

; 2i 

1 29 


Es wurden wieder die „neuen“ Figuren gezeigt. Das schlechtere Er* 
gebnis (Spalte a bzw. g und b) ist wohl nur zum Teil auf die Ermüdung 
zurückzuführen, die durch den Klassenaufsatz eine gesteigerte sein könnte, 

') Da am Montag ein Klassenausflug unternommen wurde, konnte erst am Dienstag 
mit den Versuchen begonnen werden. 


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Original frnm 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 







60 


Johannes Müller, 


zum Teil ist die Anwendung der „neuen“ Figuren dafür verantwortlich zu 
machen. Auffällig ist das Anwachsen der Formfehler (Spalte c), im Gegen* 
satz zu dem Geringerwerden der Lokalisationsfehler (Spalte d). Auch hier 
zeigt sich wieder die große Differenz zwischen den insgesamt wieder* 
gegebenen und den völlig richtig gezeichneten Figuren bei den Mädchen 
(Spalte f), wenn sie auch nicht mehr so groß ist wie vorher. Im einzelnen 
haben 5 Schüler, davon 3 Mädchen, mehr richtige Figuren gezeichnet und 
4 Schüler, davon 1 Mädchen, weniger, doch ist bei den letzteren der 
Unterschied pro Kopf ein größerer. 


Versuch III. Donnerstag, 16. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 



... 

a i 

b 

1 c | d ! 

e 

f 

! *" 

Klassendurchschnitt . 

. ; 88 . 

72 

| 10 1 4 

2 

16 

1 12 

Mädchen allein . . . 

85 

55 

16 i 10 

4 

30 

1 15 


Es wurden wieder die „alten“ Figuren verwandt. Infolge der Übung 
und Erinnerung von Versuch I her ist das Ergebnis ein besseres als bei 
den vorhergehenden Versuchen (Spalte a bzw. g und b). Auffallend ist aber 
wieder die große Menge der fehlerhaft gezeichneten Figuren bei den Mädchen 
(Spalte c, d und e) im Verhältnis zur Gesamtklasse. 

Es folgen vier Lehrstunden: 

8 Uhr 30 M , in ' b „ iS 9 Uhr 15 M , in ' ) Mathematik . . Schriftliche Arbeit 

9 „ 30 „ „ 10 „ 15 „ Chemie .... Vortrag 

10 ,, 30 9t tt 11 „ 15 „ Französisch . . Übersetzung 


Versuch IV. Donnerstag, 16. September 1920, 11 Uhr 15 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 



a 

b | 

c 

r d 

e 

1 f 

L 8 

Klassendurchschnitt . 

84 

66 ! 

10 

r 6 i 

2 

18 

1 16 

Mädchen allein . . . 

89 

61 

18 

5 1 

5 

! 28 

i 11 


Trotzdem die „neuen“ Figuren zur Anwendung kamen, die im Gym* 
nasium und Realgymnasium anscheinend mehr Schwierigkeiten machten, 
wurde wieder ein gutes Resultat erzielt (Spalte a bzw. g und b), wenn es auch 
ein wenig hinter dem vorigen zurückbleibt. Dies „Zurückbleiben“ ist wohl 
durch Ermüdung im vorhergehenden Unterricht, besonders während der 
mathematischen Klassenarbeit, hervorgerufen worden. 

Der Art der Unterrichtsfächer in der Oberrealschule, hauptsächlich 
der Bevorzugung der Mathematik, die zur Ausbildung des Formen* und 
Lokalisationsgedächtnisses besonders geeignet erscheint, ist es wohl zuzu* 
schreiben, daß dies gute Resultat erzielt werden konnte. Allerdings hätte 
man das auch beim Realgymnasium erwarten sollen. Bemerkenswert ist 
wieder der große Unterschied zwischen den insgesamt und den richtig 
gezeichneten Figuren bei den Mädchen (Spalte c und e). Im einzelnen 
haben 3 Schüler, darunter 2 Mädchen, ein besseres und 6 Schüler, darunter 
1 Mädchen, ein schlechteres Ergebnis in bezug auf die Genauigkeit der 
Reproduktion gezeitigt. Von 3 Schülern bzw. Schülerinnen, die eine längere 


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Schulhygienische Untersuchungen. 


61 


Zeit geprüft worden waren, hatte nur 1 Schüler eine schlechtere Merkleistung 
zu verzeichnen, während die zwei anderen trotzdem besser zeichneten, 
vielleicht infolge erhöhter Willensanstrengung. 


Versuch V. Sonnabend, den 18. September 1920, 7 Uhr 40 Min. vormittags. 

Resultat in Prozenten. 



a | 

b 

1 

c 

d ! 

e ! 

f 

• ß 

Klassendurchschnitt . . 

78 

j 52 1 

13 

8 1 

5 

26 

22 

Mädchen allein . . . . 

76 

40 

19 

12 ! 

5 ! 

36 

24 


Bei diesem Versuche kam eine Zusammenstellung „alter“ und „neuer“ 
Figuren zur Exposition. Die Verschlechterung des Ergebnisses (Spalte a 
bzw. b, c, d und e) hängt wohl mit der Ermüdung zusammen, die infolge 
der Arbeit der Woche eingetreten war, zumal auch die häusliche Arbeit, 
die für den Sonnabend zu leisten war, größer als gewöhnlich war. Auch 
hier wieder die starke Differenz zwischen insgesamt und richtig gezeichneten 
Figuren bei den Mädchen (Spalte a und b). 

Anschließend: 

7 Uhr 40 Min. bis 8 Uhr 25 Min. Englisch . . Übersetzung 


8 „ 

30 ., 

.. 9 „ 

15 ., 

Geschichte . 

Wiederholung 

9 

30 „ 

io „ 

15 

Physik . . . 

Besprechung über Pfeifen 

10 ,. 

30 „ 

11 „ 

15 „ 

Englisch . . 

Lektüre. 

11 

30 „ 

12 ,. 

10 „ 

Religion . . 

Besprechung über Kirchenverfassung 


Versuch VI. Sonnabend, 18. September 1920, 12 Uhr 5 Min. nachmittags. 

Resultat in Prozenten. 



a 

b i 

I 1 

c | 

d ’T 

e 

f | 

g 

Klassendurchschnitt . . 

88 

! 75 1 

i 

6 

4 ! 

3 

13 

12 

Mädchen allein .... 

85 ! 

64 

10 1 

7 

4 

21 

15 


Es kam wieder eine geänderte Mischung „alter“ und „neuer“ Figuren 
zur Verwendung. Das Resultat war besser als je zuvor (Spalte a bzw. g, 
b, c, d und e), ein Beweis, daß Übung und Erinnerung eine eventuell 
infolge der Arbeit der Woche und der vorangegangenen Lehrstunden ein* 
getretene Ermüdung weit überwog. Auch die Genauigkeit in der Reproduktion 
durch die Mädchen hat sich gehoben, wenn auch die Zahl der fehlerhaften 
Figuren den Durchschnittswert noch merklich übersteigt (Spalte c, d und e). 
Im einzelnen ist Jestzustellen, daß 10 Schüler (davon 3 Mädchen) besser und 
nur 1 Schüler (Mädchen) schlechter reproduziert haben als beim vorherigen 
Versuch. Bei 4 Schülern (davon 1 Mädchen) ist das Ergebnis trotz Er* 
ledigung größerer Aufgaben besser geworden, möglicherweise durch besondere 
Anspannung des Willens, während 1 Mädchen, das allerdings auch dreimal 
längere Zeit gefragt worden war, schlechter abschnitt. 

Betrachtet man rückblickend das Ergebnis der sechs Versuche, so ist 
folgendes festzustellen: Am Dienstag mittag macht sich für die Gesamt* 
klasse eine geringe Verschlechterung, die wohl zum Teil auf Ermüdung 
beruht, bemerkbar (Spalte a bzw. g und b). Für die Mädchen allein ist 
in bezug auf Spalte a bzw. g das gleiche zu verzeichnen, nicht aber in 
bezug auf Spalte b. Für Donnerstag mittag weist bezüglich der ganzen 
Klasse das schlechte Ergebnis, gegenüber dem Morgen, in Spalte a bzw. 


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62 


Johannes Müller, 


g und b auf Ermüdung, bezüglich der Mädchen allein macht sich weder 
in der Spalte a bzw. g noch in der Spalte b eine Ermüdung bemerkbar. 
Sonnabend mittag deutet das Ergebnis in Spalte a bzw. g und b für die 
Gesamtklasse sowohl, wie für die Mädchen allein, nicht auf Ermüdung. 
Was die Wochenleistung anbetrifft, so ist aus der Änderung der Resultate 
keine Ermüdung klar ersichtlich (Spalte a bzw. g und b). Betrachten 
wir die Anzahl der Fehler, so ergibt sich für Gesamtklasse und Mädchen 
allein am Dienstag mittag ein Anwachsen der Formfehler (Spalte c), was 
auf Ermüdung schließen lassen würde, am Donnerstag mittag, gegenüber 
dem Morgen, bezüglich der Gesamtklasse kein Unterschied, bezüglich der 
Mädchen eine geringe Verschlechterung (Spalte c) und am Sonnabend mittag, 
im Verhältnis zum Morgen, für die ganze Klasse und die Mädchen 
allein eine Verbesserung (Spalte c). Was die Lokalisationsfehler anbelangt 
(Spalte d), so haben wir für den Dienstag und Sonnabend mittag, gegenüber 
dem entsprechenden Morgen, bezüglich der Gesamtklasse eine Verbesserung, 
am Donnerstag mittag, gegenüber dem Morgen, das Gegenteil, bezüglich 
der Mädchen allein ist an allen drei Mittagen eine Verbesserung zu ver* 
zeichnen. In bezug auf die Woche finden wir für die Gesamtklasse und 
die Mädchen allein den Sonnabend gegenüber dem Dienstag verbessert, 
gegenüber dem Donnerstag verschlechtert. Hinsichtlich Spalte e finden 
wir für die Gesamtklasse am Dienstag und Sonnabend mittag eine Besserung 
gegenüber dem entsprechenden Morgen, dagegen am Donnerstag keinen 
Unterschied zwischen Morgen und Mittag, für die Mädchen allein am 
Dienstag und Sonnabend mittag eine Besserung, am Donnerstag mittag eine 
Verschlechterung. Im Verlauf der Woche zeigt sich für die Gesamtklasse 
der Donnerstag als der beste Tag, während der Dienstag und Sonnabend 
dem Donnerstag gegenüber die gleiche Verschlechterung aufweisen, für die 
Mädchen allein ist der Dienstag der schlechteste Tag, während der Donnerstag 
und Sonnabend einander gleich sind und besser dastehen als der Dienstag. — 
Welchen Einfluß die Anwendung „alter“ oder „neuer“ Figuren auf das 
Resultat ausübt, habe ich früher besprochen. — Aus den vorstehenden Zu* 
sammenstellungen der Ergebnisse dieser Woche resultiert, daß eine Ermüdung 
nicht deutlich zur Geltung kommt. Der Einfluß der Übung und Erinnerung 
bzw. vielleicht die mathematische Schulung des Anschauungsvermögens, 
Formen* und Ortsgedächtnisses überwiegen derart, daß im Verlauf der 
sechs Versuche eine aufsteigende Kurve zum Vorschein kommt, 
während man eine absteigende Kurve erwarten sollte, Eine ähnliche 
Wirkung der mathematischen Schulung hätte man allerdings auch für das 
Realgymnasium annehmen können, weshalb aber dort diese nicht zur 
Geltung kam, muß dahin gestellt bleiben. — Eine Übermüdung, die auf 
Arbeitsüberlastung schließen lassen würde, ist also auf alle Fälle auszu* 
schließen. Im einzelnen ist erwähnenswert, daß eine Schülerin bei den 
Mittagsversuchen regelmäßig ein besseres Resultat aufwies als am Morgen. 
Umgekehrt trat der Fall, daß das Mittagsergebnis regelmäßig schlechter 
war, nicht ein. 

Im Durchschnitt (der Klasse und Woche) wurden 78 Proz. Figuren über* 
haupt und 61 Proz. Figuren völlig richtig gezeichnet. 

Für die Mädchen allein sind diese Zahlen 80 und 52 Proz. Dies Ergebnis 
zeigt, daß die hier in Frage kommenden Schülerinnen imstande sind, ebenso 


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Schulhygienische Untersuchungen. 


63 


viele, ja noch etwas mehr, Figuren aufzufassen als die Schüler, aber nicht 
sie mit der gleichen Genauigkeit wiederzugeben. 

Das beste Ergebnis erzielte ein- Schüler mit 78 Proz. richtig gezeichneter 
Figuren, das schlechteste Ergebnis eine Schülerin mit 36 Proz. richtiger 
Figuren. Bei den Mädchen sind die entsprechenden Zahlen 59 und 36 Proz. 
Auch hier kam das schlechteste Ergebnis wie in den beiden anderen 
Versuchsreihen nicht durch besonders starke Ermüdung, sondern durch eine 
geringe Leistungsfähigkeit in bezug auf die hier geforderte Reproduktion 
zustande. Was das Alter anbetrifft, so ist bemerkenswert, daß der Schüler 
mit der besten Merkleistung, 17 Jahre alt, unter, und die Schülerin mit 
der schlechtesten Merkleistung, 22 Jahre alt, über dem Durchschnittsalter 
der Klassenangehörigen steht. 

Von Interesse ist ein Vergleich zwischen dem Resultat der Merkprüfung 
und dem Urteil des Klassenlehrers. Bei dem Versuch erzielten: 8 Schüler 
ein gutes, 1 Schüler ein mittleres und 2 Schüler ein schwaches Ergebnis. 

Das Urteil des Lehrers war in sechs Fällen gut und in fünf Fällen 
mittel. 

In vier Fällen stimmte das Versuchsergebnis mit dem Urteil des Lehrers 
überein. In drei Fällen war das Urteil des Lehrers besser und in vier Fällen 
schlechter als der Ausfall der Versuche ergab. Besonders interessant ist 
es, daß eine Schülerin vom Lehrer mit „gut“ beurteilt wurde, während die 
Versuche ein mangelhaftes Resultat ergaben. 

Von den Mädchen (allein) zeigten: 2 eine gute, 1 eine mittlere und 
1 eine schwache Merkfähigkeit. 

Der Klassenlehrer beurteilte drei Schülerinnen mit gut, eine Schülerin 
mit mittel. 

In einem Falle stimmten Resultat der Versuche und Urteil des Lehrers 
überein, in einem Falle ist das Urteil des Lehres schlechter und in zwei 
Fällen ist das Urteil des Lehrers besser. Darunter befindet sich der eben 
erwähnte Fall des starken Gegensatzes zwischen dem Urteil des Lehrers 
und dem Ausfall der Versuche. 

Inwieweit aber die Versuchsergebnisse eine Kontrolle des Urteils des 
Lehrers in den drei Schulen ermöglichen könnten, soll hier nicht unter« 
sucht werden. 

Ein Rückblick auf die drei Versuchsreihen fordert zu einem Vergleich 
zwischen den Leistungen der gleichen Klassen in den drei verschiedenen 
Schulen auf. Durchschnittlich sind im Gymnasium (1. Versuchsreihe) 
74 Proz. der Figuren überhaupt und 55 Proz. der Figuren richtig gezeichnet 
worden. Für das Realgymnasium (2. Versuchsreihe) lauten die entsprechen« 
den Zahlen 65 und 51 Proz. und für die Oberrealschule (3. Versuchsreihe) 
78 und 61 Proz. 

Das beste Ergebnis hat also die Oberrealschule erzielt. Zu einem gewissen 
Grade mag dabei mitspielen, daß die Arbeitswoche wegen des Klassen« 
ausfluges am Montag nur 5 Tage betrug. Ob das gute Resultat etwa einer 
absoluten und relativen Überlegenheit dieser Anstalt, natürlich lediglich in 
bezug auf die geistige Kapazität und formale Bildung für mathematisches 
Denken und optische Merkfähigkeit, infolge des ausgedehnten mathematischen 
Unterrichts, der in dieser Anstalt auch noch den des Realgymnasiums über« 
wiegt, zuzuschreiben ist, mag nahegelegt werden, muß aber unentschieden 


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64 


Johannes Müller, Schulhygienische Untersuchungen. 


bleiben. An zweiter Stelle steht das Gymnasium, doch ist zu berücksichtigen, 
daß die geringere Variation der exponierten Figuren in der ersten Versuchs» 
reihe zu diesem Ergebnis beigetragen haben mag. Außerdem hat im Gym* 
nasium die Elimination derjenigen Schüler aus den Berechnungen, die nicht 
an allen Versuchen teilgenommen hatten, die zufälligerweise zu den un* 
begabteren gehörten, im Gegensatz zu den beiden anderen Anstalten zu 
einer merkbaren Verbesserung des Resultates geführt. Dann folgt erst an 
dritter Stelle das Realgymnasium. Hierbei mag mitspielen, daß anscheinend 
die Schüler dieser Versuchsreihe nicht immer die gleiche Mühe haben 
walten lassen. 

Nicht unerwähnt soll es bleiben, daß in der dritten Versuchsreihe 
(Oberrealschule) bei Versuch III und IV je ein Schüler alle 20 Figuren 
völlig richtig reproduziert hat. 

Weitergehende Schlüsse lassen sich bei dieser einmaligen Versuchs* 
anordnung mit verhältnismäßig wenig Versuchspersonen auf den Wert der 
einzelnen Anstalten in bezug auf Bildung des Formensinns natürlich nicht 
ziehen. 

Zusammenfassend ergibt sich aus meinen Versuchen, daß der Einfluß 
der Ermüdung auf das optische Gedächtnis nur unklar zum Ausdruck 
kommt. 

Bei einigen Versuchen wurden nämlich „neue“ Figuren, welche, wie 
angedeutet, schwerer auf faßbar erscheinen, oder eine Mischung mit „alten“ 
zur Anwendung gebracht. Dieses ungleiche Verfahren mag dazu beigetragen 
haben, daß der Einfluß der Ermüdung mehr oder weniger verwischt wurde, 
weil die Anforderungen an das optische Gedächtnis sich je nach Wahl 
der Figuren verschieden gestalteten. 

Aber auch wenn man nur die gleichen („alten“) Figuren zur Anwendung 
brächte, würde die Ermüdung nicht klar ersichtlich sein, da dann wieder 
der Einfluß der Erinnerung an vorhergehende Versuche zu sehr störend 
zur Geltung kommen würde. 

Ich fühle mich verpflichtet, Herrn Prof. Dr. Griesbach für die An* 
regung zu dieser Arbeit und für seine freundliche Unterstützung meinen 
tiefgefühlten Dank auszusprechen. 


Chronik der Sozialen Hygiene. 

Bevölkerungsbewegung und Bevölkerungspolitik (einschl. Mutterschafts* 

und Säuglingsfürsorge). 

Von Dr. Alexander Elster, Berlin. 

(Schluß.) 

Ein neues Reichsgesetz über Wochenhilfe und Wochenfürsorge wurde 
am 29. Juli erlassen (Reichs*Gesetzbl. S. 1189). Es bringt im Hinblick auf 
das Sinken des Geldwertes einige wesentliche Verbesserungen für die Wöch* 
nerinnen gegenüber dem Gesetz vom 26. September 1919 (Reichs*Gesetzbl. 
S. 1757). Der Beitrag zu den Entbindungskosten ist für alle Wöchnerinnen von 
50 auf 100 M. erhöht worden, das Wochen* und das Stillgeld ist in Höhe des 


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Alexander Elster, Chronik der Sozialen Hygiene. 


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Krankengeldes bzw. des halben Krankengeldes, und zwar auf mindestens 
4 y 2 (statt bisher 1 %) M. bzw. 1 % M. (statt bisher 75 Pf.) täglich festgesetzt 
worden, und zwar ersteres für 10 Wochen, davon 6 nach der Niederkunft, 
das Stillgeld für 12 Wochen nach der Niederkunft. Ferner sichert das 
Gesetz den Wöchnerinnen ärztliche Behandlung, falls solche bei der Ent* 
bindung oder bei Schwangerschaftsbeschwerden erforderlich wird. Die 
Durchführbarkeit dieser Vorschrift hängt indessen von der Regelung des 
Gesamtverhältnisses zwischen den Ärzten und den Krankenkassen ab. 
Dementsprechend ist das Inkrafttreten dieser Vorschrift der Bestimmung 
durch den Reichsarbeitsminister überlassen. Bis dahin wird der Wöchnerin 


die Beihilfe für die Zuziehung von Arzt oder Hebamme, falls solche bei 
Schwangerschaftsbeschwerden erforderlich ist, weitergewährt, und zwar in 
Höhe von 50 M. statt der bisherigen 25 M. Den Familienangehörigen der 
Versicherten soll die Wochenhilfe fortan auch dann zustehen, wenn die 
Entbindung innerhalb 9 Monaten nach dem Tode des Versicherten erfolgt. 
Das Gesetz erweitert außerdem den Kreis derjenigen, welche als minder« 
bemittelt Anspruch auf Wochenfürsorge haben. Als minderbemittelt hat 
künftig eine Wöchnerin zu gelten, wenn in dem Kalender* oder Steuerjahr 
vor der Entbindung ihr und ihres Ehemannes Gesamteinkommen oder, so* 
fern sie alleinsteht, ihr eigenes Gesamteinkommen den Betrag von 10000 M. 
zuzüglich von 500 M. für jedes schon vorhandene Kind nicht überschritten 
hat. Bisher betrug diese Einkommensgrenze statt 10000 M. nur 4000 M. 

Vom Reichsrat war ein mittelbares Arbeitsverbot für Wöchnerinnen 
vorgesehen worden, insofern, als der Anspruch auf Wochengeld wegfallen 
sollte, sobald die Wöchnerin eine Arbeit gegen Entgelt aufnahm. Der 
Reichstag hat dies wieder beseitigt und damit, wie Wirkl. Geh. Ober*Reg.* 
Rat Dr. Hoffmann in der „Volkswohlfahrt“ (1. September 1921) mit Recht 
ausführt, die Dinge auf den Kopf gestellt, jedenfalls die sozialhygienische 
und bevölkerungspolitische Seite der Wöchnerinnenfürsorge verkannt. Als 
ein Fortschritt ist zu bezeichnen, daß die Krankenkassen ärztliche Geburts* 
hilfe gewähren müssen und dadurch an die Stelle von Geldleistungen die 
auf diesem Gebiete viel wichtigeren Sachleistungen setzen. 

Die Frage der Fruchtabtreibung als einer der Brennpunkte der 
praktischen Populationsprobleme macht wieder mehr von sich reden und 
rollt dabei alle Arten der Geburtenverhütung sowie das ganze Gebiet der 
Eugenik und der quantitativen wie der qualitativen Bevölkerungspolitik auf. 

Eine große Anzahl von sozialdemokratischen Abgeordneten (u. a. der 
spätere Reichsjustizminister Prof. Dr. jur. Radbruch) hat dem Reichstag 
einen Initiativantrag (R.*T.*Drucks. Nr. 318 vom 31. Juli 1920) unterbreitet, 
wonach die Abtreibung dann für straflos erklärt werden soll, wenn sie 
von der Schwangeren selbst oder mit ihrer Einwilligung von einem Arzt 
in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft vorgenommen wird. Die 
unabhängigen Sozialdemokraten gingen in ihrem Gesetzesvorschlag sogar 
noch weiter; sie fordern, daß auch die Abtreibung durch einen Kurpfuscher, 
einer Frucht auch unmittelbar vor der Geburt und selbst gegen den Willen 
der Schwangeren für straffrei erklärt werden soll. Gegenüber diesen An* 
trägen wurde daran erinnert, daß die Reichsregierung wenige Monate vor der 
politischen Umwälzung nach eingehenden Beratungen mit den in Betracht 
kommenden Sachverständigen dem alten Reichstag den Entwurf eines Ge« 



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Alexander Elster, 


setzes gegen Unfruchtbarmachung und Schwangerschaftsunterbrechung vor* 
gelegt hat, da eine Verschärfung der damaligen und noch jetzt geltenden 
Gesetzgebung auf diesem Gebiete für erforderlich erachtet wurde. Beachtlich 
ist ferner, daß der Geschäftsausschuß des Deutschen Ärztevereinsbundes 
in seiner Sitzung vom 17. Dezember 1920 gefordert hat, es müsse gegen 
die von seiten politischer Parteien und Gruppen in letzter Zeit entfaltete 
Agitation für die Aufhebung bzw. Änderung der strafgesetzlichen Be» 
Stimmungen über Fruchtabtreibung mit allem Nachdruck vorgegangen 
werden. Demgegenüber darf aber nicht unterlassen werden, auf die neuen 
tiefgründigen Äußerungen des Berliner Frauenarztes Dr. Max Hirsch hin» 
zuweisen, der das Problem nach allen Seiten — und umfassender, als es 
sonst von irgend einer Seite neuerdings geschah — erörtert hat, von hoher 
Warte, mit vollem medizinischen Rüstzeug, aber zugleich unter verständigster 
Würdigung der realwirtschaftlichen wie der ideal»ethischen Gesichtspunkte 1 ). 

Er weist insonderheit die Bedeutung der sozialen wie der eugenischen 
Indikation der Schwangerschaftsunterbrechung aus den überragenden Forde» 
rungen der wirtschaftlichen und sozialen Lage wie aus der Volkspsyche 
nach, die durchaus nicht in ihren schlechtesten Elementen, vielmehr aus 
einem starken Verantwortungsgefühl heraus die Möglichkeit der Beschrän» 
kung der Kinderzahl auch außerhalb des Mittels der Empfängnisverhütung 
verlangt. Gerade um Schlimmeres, um Mißbräuche zu verhüten, sei ein 
Entgegenkommen gegenüber dieser Forderung auf legalem Wege erstrebens* 
wert, wobei alle wünschenswerten Kautelen geschaffen werden könnten. 
Es gelte, der Fortwirkung der pathologischen Erbmassen, welche sich von 
Generation zu Generation multiplizieren, durch Unterbrechung des Erb» 
ganges entgegenzuwirken, und die politischen und wirtschaftlichen Nöte 
der Gegenwart verurteilten jedes quantitätszüchterische Bestreben von 
vornherein zur Ohnmacht. Das wird im einzelnen eindrucksvoll belegt und 
mit großem Takt behandelt. 

Ist bis hierher ein Überblick über die mehr biologischen (medizi« 
hi sehen) Blickpunkte der Bevölkerungspolitik gegeben worden, so drängt 
sich doch gerade auf diesem Gebiete immer stärker die eigentlich sozial» 
hygienische, sozialwirtschaftlich und kulturell bedingte Seite 
der Frage auf, zumal nach den schweren Erschütterungen der letzten 
Jahre. 

Erblicken wir in einer produktiven Bevölkerungspolitik die notwendige 
Vorbereitung einer produktiven Wohlfahrtspflege, so kann es natürlich 
nicht genügen, als Ziel der Bevölkerungspolitik nur die Hebung der Be» 
völkerungsziffer anzusehen. Es wird vielmehr dringend notwendig, das 
Schwergewicht dabei auf die Hebung der Bevölkerungsqualität zu legen. 
Wenn unser Nahrungsspielraum infolge der Verengerung des politischen 
Spielraums beengt ist und auf längere Zeit hinaus beengt bleiben wird, so 
darf das deutsche Volk sich die Heranzüchtung minderwertiger Existenzen 
nicht mehr leisten; denn jede physisch oder psychisch minderwertige Person 
belastet die Volkswirtschaft mit unproduktiven Ausgaben, macht einen Kon» 
sumenten mehr, ohne einen Produzenten zu schaffen, und bildet deshalb 

*) Berliner klin. Wochenschrift 1921, Nr. 15, S. 357. — Archiv für Frauenkunde und 
Eugenetik, Bd. 5, Heft 1. (Versuch eines Programms der Geburtenpolitik.) Demnächst 
in Buchform zusammengefaßt bei Ferd. Enke in Stuttgart. 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


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bei der schwierigen wirtschaftlichen Rechnung, die Deutschland gegenüber 
der Entente hat, einen ernsten Minusposten. 

Andererseits soll und darf die Vermehrung tüchtiger Glieder des 
deutschen Volkes in keiner Weise behindert werden. Denn jede produk« 
tive Menschenkraft darf auch heute noch in Deutschland als ein Gewinn» 
posten gelten, weil jede tüchtige Menschenkraft uns in unserem schweren 
Wirtschaftskampf helfen kann. So ist es denn auch von besonderer Be* 
deutung, daß der preußische Wohlfahrtsminister Stegerwald auf dem 
Bevölkerungspolitischen Kongreß in Köln am 21. Mai 1921 einen 
Vortrag gehalten hat, der die Wichtigkeit einer qualitativen Bevölkerungs* 
Politik betonte und sozialbygienisch wertvolle Gedanken enthielt. Er ging 
davon aus, die Forderung, daß die soziale Fürsorge bevölkerungspolitisch 
einzustellen sei, müsse zum Gemeingut aller Kreise werden, mit dem Ziel 
der Erhaltung und Förderung der Lebenskraft und Arbeitsfähigkeit des 
deutschen Volkes, des einzigen, was es zu seinem Wiederaufstieg noch 
habe. Für die Erreichung dieses Zieles stellte er drei Gesichtspunkte 
heraus: einmal die Forderung, daß die Segnungen der Sozialpolitik über 
den bisherigen engen Kreis hinausgehen und sich auch auf den Mittelstand 
und die kleinen Rentner erstrecken müssen; zum anderen die Forderung, 
daß bei der Sozialpolitik der fürsorgende und vorbeugende Charakter vor* 
angestellt werden müsse, beim Mutter* und Säuglingsschutz, der Tuber* 
kulosebekämpfung und der Wohnungspflege, und zum dritten den Wunsch, 
daß auf die geistigen und seelischen Bedürfnisse des Volkes mehr Gewicht 
gelegt und der Gedanke der Gemeinschaft gepflegt werden müsse. 

In der Sitzung der Preußischen Landesversammlung vom 27. November 
1920 sprach Minister Stegerwald in längerer Rede über die Aufgaben 
und die Entwicklung seines Ministeriums für Volkswohlfahrt. Er 
zeichnete die gesundheitliche Lage des Volkes und ging auf die Frage, 
welche Mittel zur Besserung angewendet werden müssen, und namentlich 
auch auf die Bau» und Wohnungsfrage ein. 

Auf dem erwähnten bevölkerungspolitischen Kongreß legte ebenfalls 
Beigeordneter Dr. Krautwig (Köln) in seiner Begrüßungsansprache den 
Hauptwert auf eine qualitative Bevölkerungspolitik. Der Begriff qualitativ 
wird dabei auf das Seelische und Sittliche ausgedehnt. Diese Bevölkerungs» 
Politik soll zur Gesunderhaltung unserer Jugend getrieben werden. Diesem 
Ziel sollte die Arbeit dieses Kongresses, die sich über 40 Referate und Vor* 
träge erstreckte, gewidmet sein. 

In die Kernfrage der Bevölkerungspolitik leuchtete Prof. Dr. Scheler 
(Köln) mit einem ausführlichen, alle Fragen beleuchtenden Referat über 
„Bevölkerungsprobleme als Weltanschauungsfrage“. Seine Ausführungen, 
welche die geistigen Strömungen in der Frage des Geburtenrückgangs ein* 
gehend behandelten, suchten der von ihm vertretenen christlichen Welt» 
anschauung neue Wege zu weisen. Auch das Referat Schelers zeigte, 
daß die Qualitätstheorie in dem katholisch «christlichen Weltanschauungs* 
kreise bedeutend an Umfang gewonnen hat. Die von ihm geforderte Um* 
Orientierung der christlichen Stellungnahme zu dem Bevölkerungsproblem 
legte Scheler in drei Punkten fest, in der Forderung, daß die christliche 
Bevölkerungspolitik mehr als bisher die christliche Soziologie berücksichtige, 
ferner in dem Hinweis darauf, daß sich die christliche Weltanschauung 


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Alexander Elster, 


nur dann durchsetzen könne, wenn sie werbend hervortritt, oder wenn ihr 
eine allgemeine religiöse Erhebung zu Hilfe kommt und wenn sie die Be« 
deutung der Ehe als Gemeinschaft und nicht nur als Fortpflanzungsinstitut 
mehr betont, und schließlich in der Forderung nach einer planmäßigen 
Erziehung der Jugend. Den dritten Eröffnungsvortrag hielt Prof. Dr. 
Lindemann (Köln) über „Die sozialen Einflüsse auf die Familienbildung**. 
In Berücksichtigung der Folgen der durch den Kriegsausgang für uns ent* 
standenen Verringerung des Nahrungsspielraumes kam er ebenfalls zu der 
Forderung der qualitativen Bevölkerungspolitik, also von Maßnahmen zur 
Erhaltung und Kräftigung des vorhandenen Bestandes an Bevölkerung, die 
wichtiger seien als Maßnahmen zu deren Vermehrung. 

Unter dem Gesichtspunkte der Rassenhygiene verlangte Prof. Dr. 
v. Gruber, von den Ergebnissen der Erblichkeitsforschung ausgehend, 
unter anderem Verhinderung oder doch möglichste Einschränkung der Fort* 
Pflanzung der Minderwertigen, z. B. durch Eheverbote, die auf den Gründen, 
die heute zur Auflösung der Ehe berechtigen, fußen könnten. Asoziale 
Personen, wie Schwachsinnige, verbrecherische Psychopathen, Gewohnheits* 
säufer u. a. m. müßten zwangsweise in Anstalten untergebracht werden. 
Die Förderung der Fortpflanzung der Hochwertigen könnte z. B. durch 
Vergebung von Siedlungsland geschehen. Als wünschenswert bezeichnete er 
die zwangsweise Vorlegung von Gesundheitszeugnissen bei Eheschließungen. 
Im einzelnen beschäftigte sich der Kongreß mit den Fragen des Schutzes 
des keimenden Lebens, den Geschlechtskrankheiten und der Prostitution 
(Prof. Mittermaier, Prof. Gonser, Dr. Quarck, Dr. Bozi, Prof. Fass* 
bender, Ministerialdirektor Gottstein, Prof. Blaschko u. a.). Die Redner 
lehnten sowohl vom juristischen wie vom medizinischen Standpunkte die 
gänzliche oder teilweise Aufhebung der sogenannten Abtreibungsparagraphen 
ab, waren aber für Herabsetzung der Strafmaße im Falle mildernder Um* 
stände (vgl. oben S. 66). 

In diesem Zusammenhänge ist das neu eingeführte Merkblatt für 
Eheschließende von Bedeutung: Auf Grund des §45, Abs. 5 des Ges. 
über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung vom 
6. Febr. 1875 (Reichs*Gesetzbl. S. 23) in Verbindung mit Art. 1, Z. 4 des Ges. 
über den Personenstand vom 11. Juni 1920 (Reichs »Gesetzbl. S. 1209) wurde 
nach Maßgabe des § 2 der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes über die 
Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung (in der Fassung 
des Gesetzes über den Personenstand vom 11. Juni 1920) vom 6. Juli 1920 
(Reichs*Gesetzbl. S. 1399) ein Merkblatt für Eheschließende bekannt* 
gegeben, das der Standesbeamte den Verlobten vor Anordnung des Auf* 
gebots aushändigen soll und das die generative Wichtigkeit der Gesundheit 
im allgemeinen und die verschiedenen Erkrankungsarten im besonderen 
hervorhebt. Eine ärztliche Befragung wird als durchaus notwendig an* 
geraten, auch auf die Rechtsfolge leichtsinnigen Handelns in dieser Hin* 
sicht wird hingewiesen. Dr. Schweisheimer aber weist mit Recht darauf 
hin, daß — so nützlich dieses Merkblatt auch ist — nicht der Glaube auf* 
kommen dürfe, auf solche Weise sei etwas Ernstliches zur Erfassung 
Kranker vor der gesetzlichen Ehebindung getan. Er sagt (D. Allg. Z. vom 
4. Oktober 1921) unter anderem sehr richtig: „Auch von vorsichtigen und 
mit dem Möglichen rechnenden Sozialhygienikern werden viel weitergehende 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


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Forderungen gestellt. So hat der Münchener Ärztliche Verein im Jahre 1916 
Leitsätze aufgestellt, in denen neben Untersuchungszwang auch das Verbot 
der Eheschließung bei bestimmten schweren Krankheiten, die eine Schädigung 
des kindlichen Keimes mit sich bringen, gefordert wurde. Von Bedeutung 
sind die durch den Jenaer Hygieniker, Geheimrat Abel, aufgestellten Leit* 
sätze. Sie kommen dem heute Erreichbaren wohl am nächsten. Er be* 
zeichnet die Fernhaltung der körperlich oder geistig für die Ehe und die 
Zeugung gesunder Kinder Untauglichen von der Eheschließung als ein 
wesentliches Mittel zur Verhütung einer Rassenverschlechterung. Die 
Lückenhaftigkeit unserer Vererbungskenntnisse und die Schwierigkeit der 
Beschaffung erschöpfender Aufschlüsse über den Gesundheitszustand eines 
Menschen gestatten allerdings nicht, in jedem Falle beabsichtigter Ehe* 
Schließung ein sicheres Urteil über ihre Unbedenklichkeit zu gewinnen. 
Ein gesetzlicher Zwang ist auf beide Ehebewerber auszuüben, indem ihnen 
auferlegt wird, bei der standesamtlichen Meldung zur Eheschließung je ein 
in den letzten vier Wochen ausgestelltes ärztliches Gesundheitszeugnis vor* 
zulegen, dessen gegenseitige Kenntnisnahme sie durch Unterschrift zu be* 
stätigen haben.“ 

Sowohl für die quantitative wie die qualitative Bevölkerungspolitik ist 
der gegenwärtige Stand der Wohnungsfrage geradezu verheerend. Die 
Tatsache, daß für Jungverheiratete in den Städten Wohnungen so gut wie 
nicht zu beschaffen sind, hält die Eheschließung und die Familienbildung 
in verderblichstem Maße auf, und wenn dann endlich eine Unterkunft ge* 
funden ist, so steht sie — neben anderen wirtschaftlichen Hindernissen — 
einer normalen Fortpflanzung immer noch im Wege. In Erkenntnis der 
Notlage nicht nur der beginnenden Ehen, sondern namentlich auch der 
mit Kindern schon gesegneten Ehen hat sich unter Führung namhafter 
Reichstagsabgeordneter aller Richtungen ein Bund kinderreicher Familien 
in Berlin gebildet, der eine Genossenschaft zur Selbsthilfe sein soll und 
sich des Wohnungsproblems und anderer Aufgaben annehmen will. Man 
verkennt dabei nicht, wie diese widrigen Verhältnisse gerade auch auf die 
Qualität des Nachwuchses schädlich einwirken. Die Wohnungsnot ist 
dabei nur eine von vielen Schädigungen: die Ernährungsnot, in deren Ge* 
folge die Ausbreitung der Tuberkulose; die Lockerung der sittlichen Bande 
und des Verantwortlichkeitsgefühls, in deren Gefolge die Ausbreitung der 
Geschlechtskrankheiten; die Durcheinanderrüttelung aller Bevölkerungs* 
klassen und die Verschiebung des Wohlstandes ohne Rücksicht auf Bildung 
und Tradition, in deren Gefolge Mißachtung aller Lehren der Wissenschaft, 
Unkenntnis und ausschweifendes Leben, Ausbreitung der Neurosen. 

Der Anteil der Anomalen am Bevölkerungsganzen ist denn auch ge* 
stiegen. Schon vor dem Kriege schätzte man das ganze Anomalentum auf 
rund 500000 Köpfe, von denen die Krüppel 50 Proz. ausmachten. Durch 
den Krieg haben sich die Anomalen und unter ihnen die Krüppel bedeutend 
vermehrt. Direktor Martin Ulbrich führt in der Zeitschr. f. Krüppel* 
fürsorge, Bd. 14, Heft 3/4 aus: „Wenn man den Umfang des gegenwärtigen 
Anomalentums Überschläge so greift man nicht zu hoch, wenn man den 
Bestand einer vollen Million annimmt. Bemißt man das, was ein Mensch 
heute jährlich zu seinem Unterhalt braucht, mit nur 1500 M., so ergibt 
sich, daß dieses Heer von Anomalen der Allgemeinheit Jahr für Jahr 


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Alexander Elster, 


1% Milliarden kostet, eine Summe, die von Privatpersonen, Vereinen, Ge* 
meinden, Kreisausschüssen und Provinzialverwaltungen aufgebracht werden 
muß. Denkt man sich ein Kapital, das soviel Zinsen trägt, so kommt 
man auf 30 Milliarden. Das ist eine Summe, die wie eine Riesenhypothek 
auf dem Boden unseres Vaterlandes lastet und von den übrigen Menschen 
verzinst werden muß.“ Dazu kommt noch, daß die Anomalen einen er* 
heblichen Teil der Verbrecherwelt stellen. Nun ist aber die Anomalen* 
fürsorge durch das Uberwiegen der Verkrüppelten vorwiegend Krüppel* 
fürsorge. Die Bekämpfung des Krüppeltums ist außerordentlich vorgeschritten. 
Die Erfolgsstatistik hat ergeben, daß sich ein reichliches Drittel der 
Krüppel „entkrüppeln“ läßt, d. h. man kann sie derart zurechtbringen, daß 
sie in den Normalen aufgehen, ein zweites Drittel kann man bedingt er* 
werbsfähig machen, nur ein Rest verbleibt in dauernder Anstaltsfürsorge. 
Die energische Durchführung der Gesetze vom 11. Juli 1891 und vom 
6. Mai 1920 können die ungeheuren Anomalenlasten unseres Volkes, wie 
Ulbrich ausführt, stark herabmindern. „Jeder aus seinem Elend gerettete 
Anomale bedeutet nicht nur eine Verminderung der oben bezeichneten 
Riesenhypothek, sondern auch einen erfreulichen Zuwachs für die Erwerbs* 
tätigen.“ 

Die Statistik der Geisteskranken in den Anstalten gibt kein 
schlüssiges Bild; die Abnahme im Zugang zu den Anstalten ist nicht etwa 
so zu erklären, daß die Geisteskrankheit nachgelassen hat. Mannigfache 
andere Gründe wirkten zu dem Ergebnis mit, wobei allerdings tatsächlich 
eine Abnahme des Alkoholismus während des Krieges als wirklich heil* 
sames Moment in Betracht kommt. Aber dies ist neuerdings wieder in 
seiner Wirksamkeit paralysiert worden. 

Zu einem scharfen Gesetze hat sich Frankreich, das ja (s. oben S. 29) noch 
erheblichere Sorgen um die Bevölkerungsziffer hat, entschlossen. Das Gesetz betrifft die 
Bekämpfung der künstlichen Fehlgeburt und der Verhütung der Schwangerschaft. Es 
wird danach mit Gefängnis bestraft, wer auf irgend eine Weise zum Verbrechen der 
Abtreibung auffordert, auch wenn diese Aufforderung ohne Erfolg bleibt. In gleicher 
Weise wird bestraft, wer Heilmittel, andere Stoffe, Instrumente oder sonstige Gegen* 
stände, von denen er weiß, daß sie zur Ausführung der verbrecherischen Abtreibung 
bestimmt sind, verkauft oder verteilt, auch dann, wenn die Abtreibung weder aus* 
geführt noch versucht worden ist, und auch dann, wenn diese Heilmittel, Stoffe usw. 
in Wirklichkeit für den genannten Zweck untauglich sind. Die weiteren Paragraphen 
des Gesetzes befassen sich mit der Bestrafung derjenigen, die Verfahren zur Empfängnis* 
Verhütung beschreiben, bekanntgeben oder mitzuteilen sich erbieten. Kürzlich hat auch 
der Gemeinderat von Paris beschlossen, eine Prämie für Geburten auszusetzen. Eltern, 
die die Geburt ihres dritten Kindes anzeigen, sollen 300 Frank erhalten, für jedes 
weitere Kind soll die Summe erhöht werden bis zum zehnten Kinde, für das 650 Frank 
ausgezahlt werden sollen. 

Die tieferen Probleme der Bevölkerungsbewegung werden mit solchen 
Maßnahmen natürlich nur sehr wenig berührt. Der Krieg hat in Deutsch* 
land, Frankreich und überall die bangen Fragen neu aufleben lassen, ob 
wir wirklich im Sinne von Malthus verzweiflungsvoll um den Nahrungs* 
stand der Erdoberfläche ringen, weil die Menschheit die Tendenz habe, 
sich stärker zu vermehren als die Subsistenzmittel. Mehr noch als früher 
hat der Krieg die Gegner der malthusianischen Lehre gestärkt, weil man 
sah, um wie vieles verderblicher die Maßnahmen der Menschen (Krieg, 
Hungerblockade, Zollschranken, Valutapolitik usw.) auf die Erzeugung und 
Verteilung der verfügbaren Nahrungsmittel wirken, als es natürliche Ent* 
wicklung je vermöchte. Die malthusianischen Theorien hängen auch aufs 


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Chronik der Sozialen Hygiene. 


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engste mit den Gedankengängen des Darwinismus, seiner Selektionstheorie 
und seiner Betonung des „Kampfes ums Dasein" zusammen, Anschauungen, 
die geeignet sind, einer unvernünftigen, kämpferischen Monopolisierung von 
Produktivgütern Vorschub zu leisten, während umfassende Organisation 
der Menschheit und erfinderische Friedensarbeit der Einzelnen das von 
Malthus befürchtete Endergebnis ins Unendliche hinauszuschieben ver* 
möchten. Es ist daher mit Genugtuung zu begrüßen, daß Oscar Hertwigs 
Buch „Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus" 
jetzt in zweiter Auflage erscheinen konnte (Jena 1921, Gustav Fischer, 
14 M.), — ein Buch, das den Übertreibungen des Darwinismus mit glänzen' 
den Argumenten zu Leibe rückt und in streng wissenschaftlicher Dar« 
legung uns zu einer neuen kritischen Stellungnahme nicht nur gegenüber 
Darwin führt, sondern auch Malthus gegenüber. Im Interesse tieferer 
Erfassung der Probleme der Bevölkerungspolitik verdient das Buch Hert* 
wigs weiteste Verbreitung. 


Besprechungen. 

Das Gesundheitswesen des Preußischen Staates in den Jahren 1914 bis 1918. 
Im Aufträge des Herrn Ministers für Volkswohlfahrt bearbeitet in der Medizinal* 
abteilung des Ministeriums. 154 S. Berlin, Rieh. Schoetz, 1921. 24 M. 

Aus den während der Kriegsjahre 1914 bis 1918, wie im Vorwort mit Recht 
hervorgehoben wird, naturgemäß lückenhaft erstatteten Regierungs*Gesundheitsberichten 
ist in der Medizinalabteilung des Ministeriums für Volkswohlfahrt ein Generalgesundheits* 
bericht für den Preußischen Staat mit Verständnis und Umsicht zusammengestellt 
worden, welcher eine verdienstvolle Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft 
herstellt. Den wichtigsten Teil bildet selbstredend Abschnitt 1: Übertragbare Krank* 
heiten, darunter Fleckfieber und Ruhr, welche durch Einschleppung vom Osten ins 
Land kamen und in großer Anzahl sich verbreiteten. Dabei fand das Fleckfieber 
seine in den früheren Epidemien vergeblich gesuchte Verbreitungsursache durch die 
Entdeckung seiner Übertragung durch die Kleiderlaus. 

Wenn S. 15 des Berichtes, Z. 2 v. u., gesagt wird: „Das in Deutschland fast un* 
bekannte Fleckfieber“, so muß ich dagegen bemerken, daß der oberschlesische Hunger* 
typhus 1847 bis 1849, beschrieben von Rudolf Virchow in seinem Archiv und einem 
Sonderbericht, mit 80 000 Erkrankungen und 16 000 Todesfällen, die Epidemie 1855/56 
mit vermutlich 2000 Erkrankungen und die in meinem Generalbericht für den Regierungs* 
bericht für Oppeln 1882 beschriebene Epidemie 1876 77 mit 6091 Erkrankungen und 
644 Todesfällen, welcher 1878 1138 Krankheitsfälle mit 130 Todesfällen folgten, auch 
veröffentlicht in Eulenbergs Vierteijahrsschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches 
Sanitätswesen, N. F., Bd. 29, S. 69 ff., doch wohl als ein deutliches Auftreten von Fleck* 
fteberepidemien anzusehen sind. 

Der WeibFelixschen Reaktion verdankte man seit 1917 die frühe Erkennung von 
Fleckfieber. Ruhrerkrankungen waren in Preußen zwar jährlich nicht vereinzelt auf* 
getreten, vermehrten sich aber seit 1914 erheblich und stiegen besonders 1917 auf 
57 503 mit 22,8 Proz. Todesfällen, offenbar infolge des Krieges besonders in den öst* 
liehen Grenz* und in den Industriebezirken, zumal in den Monaten Juli bis Semtember; 
es fehlten auch die schweren Kruse*Shigaschen Fälle nicht. Kurz nur erwähnt sei das 
entschiedene Steigen der Tuberkulose, herbeigeführt durch die in christlicher Liebe 
über Deutschland von der englischen Regierung verhängte Hungerblockade. Die 
Zahl der Erkrankungen belief sich 1917 auf 87032 und 1918 auf 97581 gegen ungefähr 
in den Jahren 1907 bis 1913 50 000 bis 60 000 Fällen. Daß die Medizinalverwaltung 
auf dem Gebiete der Ortsgesundheitspflege in Förderung der Tiinkwasserversorgung, 
der Wohnungspolizei, Beschaffung von Arbeiterwohnungen, Beseitigung der Abfall* 
Stoffe usw. bei dem großen Mangel an Kreismedizinalbeamten durch Einziehung zum 
Kriegsdienst nicht viel schaffen konnte, ist wohl erklärlich. Das gleiche gilt für die 
Nahrungsmittelpolizei, für Einzelheiten sei auf den Bericht selbst verwiesen, so auf 
Schädigung durch schlechten Käse (S. 85), auf die Verringerung und Verschlechterung 
von Fleisch und Fleischzubercitungen, von Milch und Butter (S. 87, 88 und 90), 


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Besprechungen. 


Verfälschungen von Marmelade durch Stärkesirup, Teerfarbstoffe. Erwähnt sei, daß 
Ameisenspiritus und Benzol statt Schnaps getrunken wurde. Die Förderung der Kinder« 
pflege und die Säuglingsfürsorge, Belehrung der Mütter darin während des Krieges, 
Einrichtung von Krippen und Kinderasylen muß anerkannt werden. Die Sorge für 
Krüppel und Gebrechliche war bei dem Mangel an Ärzten dürftig. Dazu kam im 
Osten der Schluß von Apotheken und in vielen Ortschaften das Fehlen von Arzneien. 

___ M. Pistor. 

Verein Landaufenthalt für Stadtkinder, 4. Jahresbericht für 1920. 

Der im Januar 1917 gegründete und eingetragene „Verein Landaufenthalt 
für Stadtkinder 4 *, mit dem Sitz in Berlin W 9, Potsdamerstr. 134a, ist die Reichs« 
zentrale für die Vermittlung von Landaufenthalt für Stadtkinder. Ihm sind außer 
Einzelpersonen die wichtigsten Zentralbehörden des Reiches und Preußens, sämtliche 
Provinzialstellen des Vereins in den preußischen Provinzen und seine Landeszentralen 
in den 18 außerpreußischen Ländern, sowie zahlreiche maßgebende Verbände und 
Vereine mit allgemeiner und örtlicher Zuständigkeit angeschlossen. Als Haupt« 
Vermittlungsstellen für die Unterbringung von Kindern im Auslande sind allein zu« 
gelassen solche für Holland, die Schweiz, Dänemark, Schweden und Norwegen. Für 
Finnland vermittelt der Verein selbst. Uns liegt der 4. Jahresbericht für 1920 vor. 
Aus den Grundzügen der Organisation ist hervorzuheben, daß die Kreisstellen den 
erforderlichen Überblick jedenfalls behalten müssen, wenn auch den freien Vereini« 
gungcn, Geistlichen, Lehrern u. a. die Einzelarbeit zu überlassen ist. Das Reichs* 
Jugcndwohlfahrtsamt will gerade der Kreisstellen sich als Stützpunkte bedienen. 700 
oberschlesische und 860 Kinder aus Berlin, Sachsen, Westfalen und Hannover wurden 
in verschiedenen Harzorten untergebracht, 8000 Kinder auf dem früheren Truppen* 
Übungsplatz Heuberg in Baden, wie denn überhaupt verschiedene derartige Baracken« 
lager durch das Zentralkomitee des Deutschen Vereins vom Roten Kreuz, Abteilung 
„Mutter und Kind 44 , für diese Zwecke nutzbar gemacht sind. Es wurden ausgesandt: 



1917 

1918 

1919 

1920 

In Preußen. 

441 101 

209 897 

67177 

76 981 

Im übrigen Reich . . 

133 461 

63 769 

45 041 

54018 


574 562 

271666 

112218 

130 999 

Nach Holland . . . 

20 523 

7 198 

9 047 

9 903 

In die Schweiz . . . 

10000 

3 738 

15 060 

16 000 

Nach Dänemark . . 

936 

389 

3 547 

4 094 

„ Schweden . . 

— 

18 

1 720 

4 393 

„ Norwegen . . 

17 

1 — 

2 483 

1 200 

„ Finnland . . . 

— 

— 

183 

493 

„ LIngarn .... 

1 538 

511 

— 

— 


33 014 i 

11854 

32 040 

36 083 


Es ist für alle Jugendfürsorgeorganisationen, aber auch für alle, denen das Wohl 
des Nachwuchses Deutschlands am Herzen liegt, von Wichtigkeit, von dieser aus* 
gezeichneten Einrichtung Kenntnis zu nehmen und zu verbreiten. 

Sieveking (Hamburg). 


Kleinere Mitteilungen. 

Der „Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege“ wird seine 
Jahresversammlung 1922 vom 10. bis 12. September in Frankfurt a. M. abhalten. 
Als einziger Gegenstand steht auf der Tagesordnung: Wohnungsnot und Volks* 
gesundheit, und zwar mit folgenden Unterabteilungen: 

1. Stand der Wohnungsnot. 

2. Folgen der Wohnungsnot für Gesundheit und Sittlichkeit. 

3. Bekämpfung der Wohnungsnot und ihrer Folgen. 

Die Namen der Berichterstatter werden später bekannt gegeben werden. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.»Ges. in Braunschweig. 


Die Hygiene des Wassers 

Von 

Prof. Dr. A. Gärtner 


Gesundheitliche Bewertung, Verbesserung und Untersuchung der Wässer. 
Ein Handbuch für Ingenieure, Wasserwerksleiter, Chemiker, 
Bakteriologen, Medizinalbeamte 

Mit 93 Abbildungen und 11 Tafeln. XXII, 952 S. gr. 8° 

Jt 90,—, geb. Jt 106,— 


Massenerkrankungen 

durch Nahrungs- und Genußmittelvergiftungen 

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Prof. Dr. Georg Mayer 

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Prof. Dr. C. Dorno, Davos 

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Anhang. VIII, 153 S. gr. 4°. 1911. Kart. Jt 60,—. 

Physik der Sonnen- und Himmelsstrahlung 

Mit 16 Abbildungen im Text und auf Tafeln. VIII, 126 Seiten. 8°. 1919 
Geheftet Jt 18,—, gebunden Jt 24,—. 

(Die Wissenschaft, Bd. 63) 

Klimatologie im Dienste der Medizin 

Mit 11 Abbildungen. IV, 74 Seiten. 8°. 1920. Preis Jl 14,—. 

(Sammlung Vieweg , Heft 50) 


— ... . .. . — 

Sämtliche Preise erhöhen sich um den Verlagszuschlag von 30 Proz. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 


Vorkommen 
1 in der Natur. 

Chemische Beschaffenheit und Untersuchungsmethoden 


tn physikalischer, chemischer, bakteriologischer und biologischer Hinsicht. 
Verwendung für gewerbl. Betriebe. Wasserversorgung und 
Entwässerung von Städten. Selbstreinigung der Gewässer. 
Abwässer und ihre Reinigung. Mineralwässer 


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G. Anklam, P. Borinski, A. Luerssen, B. Proskauer, A. Reich, G. Schikorra, C. Weigelt 

herausgegeben von 

Dr. H. BUNTE 

Geheimer Rat, Professor so der Technischen Hochschule Karlsruhe 


Mit 450 Abbildungen. VI, 1274 Seiten, kl. 4 0 . 1918 . Preis geb. 152 ,—. 


(Zugleich als XI. Band van Muspratts entyklopäd. Handbuch der Techn. Chemie erschienen.) 


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Ad. Stödchardt’s 

Schule der Chemie 

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erster Unterricht in der Chemie, 
versinnlicht durch einfache Versuche 


Zum Schulgebrauch und 
zur Selbstbelehrung, insbesondere für 
angehende Apotheker, Landwirte,Gewerbe¬ 
treibende usw. 

Zweiundzwanzigste Ruflage 

Bearbeitet von 

Prof. Dr. Lassar-Cohn 

Königsberg I. Pr. 

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Spektraltafel. XXVI, 533 Seiten. gr.8°. 1920. 
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für Jedermann 

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Wilhelm Ostwald 

o. Prof, an der Universität Leipzig 


Vierte verbesserte Auflage 
(16.—20. Tausend) 

Mit 74 Abbild., XII, 450 Seiten, gr. 80. 1919. 
gebunden M. 28,— 


Sämtliche Preise erhöhen sich um den Verlagsznschlag von 30 Pros« 


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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigt!ng der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 


Unter Mitwirkung von 


Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. R. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Höpfner (Cassel); 
Prof. Dr. KiBkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.) ; Reg< und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-Ing. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 


herausgegeben von 


Prof. Dr. R, Abel 

Geh. Obermedizinalrat 
Jena 


und Dr. S. Merkel 

Obermedizinalrat 

Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 3 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 



Druck und Verlag 

Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. 

Braunschweig 1922 




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Inhalt des dritten Heftes. 


Seite 


Die Entwicklung des deutschen Schularztwesens in den letzten 25 Jahren. 

Ein kurzer Rückblick von Dr. Poelchau, Schularzt in Charlottenburg 73 
Arzt und Jugendamt Von Prof. Dr. Krautwig, Köln. (Vortrag, ge¬ 
halten am 21. Mai 1921 auf dem Bevölkerungspolitischen Kongreß 

der Stadt Köln). 81 

Chronik der Gesundheitspflege. Leibesübungen. Von Privatdozent 

Dr. Gerhard Wagner in Danzig. 92 

Besprechungen: 

Siemens. Einführung in die allgemeine Konstitutions* und Ver- 

erbungspathologie. (Weinberg- Stuttgart).106 

Grotjahn. Leitsätze zur sozialen und generativen Hygiene. 

(Weinberg-Stuttgart).107 

E. G. Dresel. Die Ursachen der Trunksucht und ihre Bekämpfung 

durch die Trinkerfürsorge in Heidelberg. (Fl aig-Berlin) . . . .107 
Max Nassauer. Des Weibes Leib und Leben in Gesundheit und 

Krankheit. (Engelhorn-Jena).108 

Juckenack. Zur Reform der Lebensmittelgesetzgebung. (Abel). 108 
Derselbe. Die deutsche Lebensmittelgesetzgebung, ihre Ent¬ 
stehung, Entwicklung und künftige Aufgabe. (Abel).108 



Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert . 




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Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 3. 


Die Entwicklung des deutschen Schufarztwesens 
in den letzten 25 Jahren. 

Ein kurzer Rückblick von Dr. Poelchau, Schularzt in Charlottenburg. 


Im Herbst vorigen Jahres war ein Vierteljahrhundert seit der Begründung 
des modernen Schularztwesens in Deutschland verflossen. Der Zufall fügte 
es, daß ich im November vorigen Jahres meine erste Vorlesung über Schul« 
hygiene und Schulgesundheitspflege in dem neu begründeten Seminar für 
praktische und soziale Medizin in Charlottenburg hielt. Ich nahm dabei 
Gelegenheit, auf dieses Jubiläum des deutschen Schularztwesens hinzuweisen 
und dabei des verdienten Begründers dieser Einrichtung, des Geh. Regierungs« 
rats Prof. Dr. Fritz Kalle in Wiesbaden, zu gedenken. Es ist jetzt 
nicht die Zeit, Jubiläen zu feiern, und meine Zeilen kommen jetzt eigentlich 
post festum. Trotzdem erscheint es mir richtig, sie jetzt noch zu ver* 
öffentlichen, um einer Pflicht der Pietät und Dankbarkeit zu genügen. 
Eine neue Generation von Schulärzten ist herangewachsen, und in unserer 
schnell lebenden Zeit wird das, was vor 25 Jahren geschah, bald vergessen. 
Darum möchte ich die Gründungsgeschichte des deutschen Schularztwesens 
dem lebenden Geschlecht ins Gedächtnis zurückrufen und daran eine kurze 
Übersicht über die Entwicklung dieser Organisation in den 25 Jahren ihres 
Bestehens knüpfen. 

Im November 1895 stellte der damalige Stadtrat Prof. Dr. Kalle bei 
dem Magistrat von Wiesbaden den Antrag, drei Ärzte mit der Überwachung 
des Gesundheitszustandes der Kinder zu beauftragen, welche die Wiesbadener 
Gemeindeschulen besuchten. Dieser Antrag wurde angenommen. 

Diese Magistratssitzung in Wiesbaden stellt die Geburtsstunde des 
modernen deutschen Schularztwesens dar. Es hat wohl schon früher in 
Deutschland Schulärzte gegeben, diese hatten aber im wesentlichen die 
Aufgabe, die Hygiene der Schulgebäude zu überwachen. Kalle ist der 
erste, der gefordert hat, daß auch die Schulkinder ärztlich beaufsichtigt 
und versorgt werden sollten. Das Verdienst, zuerst „Schülerärzte“, nicht 
nur Schulärzte der früheren Zeit, verlangt zu haben, gebührt ihm. Durch 
seine tatkräftige Initiative hat er die Gemeinde seiner Vaterstadt für diese 
Idee gewonnen und hat daher Anspruch, als der Begründer des zeit« 
genössischen deutschen Schularztwesens bezeichnet zu werden. Von einer 
Stadtgemeinde, nicht vom Staat, wurden seine Vorschläge zuerst in die 
Tat umgesetzt und haben für die deutsche Schuljugend reichen Segen 
gebracht. 

Es seien mir zuerst noch einige biographische Hinweise gestattet 1 ). 


l ) VgL Volksbildung, 
bildung, 45. Jahrg., Heft 17. 

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Vereinsblatt der Gesellschaft für Verbreitung von Volks« 
1915. 


5* Original frcm 

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74 


Poclchau, 


Prof. Dr. Fritz Kalle hat nicht nur im kommunalen Leben seiner 
Vaterstadt Wiesbaden eine bedeutende Rolle gespielt, sondern sein an« 
regender und befruchtender Einfluß erstreckte sich auch auf weitere Kreise 
Deutschlands. Sein Bestreben war vor allem darauf gerichtet, durch Be« 
lehrung und Erziehung die Volksgesundheit zu heben und durch Begründung 
gemeinnütziger Einrichtungen die Vorbedingungen für eine bessere Lebens« 
führung des Volkes zu schaffen (Begründung von Haushaltungsschulen, 
Haushaltungsunterricht u. dgl.). Eine große Reihe von Schriften über 
Volksernährung und über hauswirtschaftliche Belehrung, sowie von kleineren 
Arbeiten, welche die Förderung der Volksbildung bezweckten, legt Zeugnis 
von diesem Bestreben ab. Im Verein mit Gleichgesinnten begründete er 
die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung in Wiesbaden, der er 
44 Jahre lang, zuletzt als Ehren« und Ausschußmitglied angehört hat. Als 
Mitglied der Gemeindeverwaltung der Stadt Wiesbaden, die ihm später das 
Ehrenbürgerrecht verlieh, fand er Gelegenheit, sich besonders auf allen 
Gebieten der praktischen, gewerblichen, hauswirtschaftlichen und sonstigen 
sozialpädagogisch wichtigen Erziehung lehrend und ausführend zu betätigen. 

Als Vorstandsmitglied vieler gemeinnütziger und sozialpädagogischer 
Vereinigungen hat er Jahrzehnte hindurch auf allen in Betracht kommenden 
Gebieten wertvolle Arbeit geleistet. Der Doktor« und Professortitel, die 
ihm verliehen wurden, geben Zeugnis davon, daß seine Leistungen auch 
außerhalb seiner Vaterstadt Beachtung und Anerkennung fanden. Eine 
Reihe von Jahren gehörte er dem preußischen Abgeordnetenhause und später 
auch dem Reichstage als Mitglied an. Im Jahre 1915 ist er, 78 y 2 Jahr 
alt, in Wiesbaden verstorben. 

Die Entstehung des Schularztinstituts in Wiesbaden hat Kalle selbst 
nach den städtischen Akten in Nr. 6 des Jahrganges 1910 der Zeitschrift 
für Schulgesundheitspflege geschildert. Er betont dabei, daß der Stadtarzt 
Sanitätsrat Dr. Friedrich Cuntz in erster Linie dazu beigetragen habe, 
daß dieses Institut sich in Wiesbaden so gut bewährte. Cuntz sei seine 
Stütze bei den vorbereitenden und den späteren organisatorischen Arbeiten 
gewesen und habe durch die Pflichttreue, mit der er selbst unermüdlich im 
Schularztamte .waltete, seinen Mitarbeitern ein glänzendes Beispiel gegeben. 
In derselben Nummer des „Schularzt“ findet sich ein Nachruf für diesen 
verdienten Arzt, der im April 1910 in Wiesbaden verstorben ist. Cuntz 
hat das Verdienst, als erster die systematischen Reihenuntersuchungen, 
zunächst der Schulanfänger und später auch der höheren Klassen ‘gefordert 
zu haben. Er hat den Typus des ärztlichen Arbeitens bei Schüler* 
Untersuchungen geschaffen, der später nicht nur in Deutschland, sondern 
auch in anderen Ländern vorbildlich geworden ist. 

Die beiden Männer Kalle und Cuntz verdienen daher als die 


Begründer des modernen deutschen Schularztwesens genannt zu 
werden. Die jüngere, jetzt schon recht große Generation von Schulärzten 
sollte diese beiden Namen in dankbarem Gedächtnis behalten. 

Gestützt auf die praktischen Vorarbeiten, welche die damaligen Stadt« 
ärzte Dr. Cuntz und Dr. Schellenberg ausgeführt hatten, und nach Be* 
sprechungen mit dem Städtischen Schulinspektor und dem Kreisphysikus, 
die dem Plane zustimmten, reichte Kalle am 25. November 1895 dem 


Magistrat von Wiesbaden eine Denkschrift ein und stellte den Antrag auf 


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Die Entwicklung des deutschen Schularztwesens in den letzten 25 Jahren. 


ID 


Anstellung von Schulärzten für die Wiesbadener Elementar« und Mittel« 
schulen unter Berücksichtigung der in den eingereichten Gutachten aus* 
gesprochenen Grundsätze. 

Die Aufgabe der Schulärzte wird dabei folgendermaßen festgelegt: 

1. Sie sollen die sanitären Verhältnisse der Lokalitäten und Ein* 


richtungen, insbesondere die Reinhaltung, Heizung, Ventilation und 
Beleuchtung überwachen, 

2. auf eine die Gesundheit der Schüler möglichst berücksichtigende 
Art der Unterrichtserteilung hinwirken, 

3. den Gesundheitszustand der Schüler kontrollieren und Maßregeln 
zu entsprechender Behandlung der Krankbefundenen anregen. 

Diese Vorschriften sind die Grundsteine zu dem jetzt schon so statt* 
liehen Bau des deutschen Schularztwesens geworden, in welchem besonders 
der dritte Punkt, die eigentliche Schülerhygiene, immer weiter ausgebaut 
und erweitert worden ist, während die Überwachung der sanitären Ver* 
hältnisse des Schulhauses dem Schularzt schon vielfach, wenigstens in den 
modernen großstädtischen Schulen, durch die städtische Bauverwaltung sehr 
erleichtert oder ganz abgenommen wird. Die in Punkt 2 der Leitsätze 
geforderte Einwirkung auf die Unterrichtserteilung wird heutzutage dem 
einzelnen Schularzt wohl kaum möglich sein; hier können höchstens große 
schulärztliche Verbände und Vereine, welche der allgemeinen und der 
Schulhygiene dienen, einen Einfluß entfalten. 

Das Preußische Kultusministerium hat nach einem Bericht des Geheim* 
rats Schmidtmann dieses Wiesbadener Schularztsystem als zweckmäßig 
anerkannt und dasselbe als Muster zur Einführung an anderen Orten 
empfohlen. 

Werfen wir nun einen Rückblick auf die weitere Entwicklung des 
Schularztwesens in den 25 Jahren seines Bestehens. 

Die Wiesbadener Dienstanweisung sah ursprünglich nur eine systematische 
Untersuchung der Schulanfänger vor. Die weitere ärztliche Überwachung 
dieser und der älteren Schüler erfolgte durch die alle 14 Tage abzuhaltenden 
Sprechstunden. Als man allmählich einsah, daß diese Art der schulärzt* 
liehen Überwachung nicht genügte, führte man zuerst eine jährliche 
Untersuchung der Kinder ein, welche bei der Einschulungs* 
Untersuchung nicht gesund gefunden wurden und deshalb unter 
Aufsicht gestellt worden waren (Uberwachungsschüler und Schulinvaliden). 
Da hierbei jedoch manche anfangs gesunde, später aber — vielleicht nach 
dem Überstehen interkurenter akuter Krankheiten — kränkliche Schulkinder 
der Beobachtung durch den Schularzt entgingen, ging man an vielen Orten 
dazu über, sämtliche Schulkinder drei* bis viermal während ihrer Schulzeit 
systematisch zu untersuchen. Als besonders wichtig wurde die Unter* 
suchung im dritten Schuljahre bei Beginn des Turnunterrichts und die 
Untersuchung vor dem Verlassen der Schule angesehen. An diese letztere 
schließt sich dann in neuerer Zeit oft noch eine Berufsberatung. So 
wertvoll diese schulärztliche Beratung der abgehenden Schüler auch auf 
den ersten Blick erscheint, so ist doch eine Vertiefung und ein weiterer 
Ausbau dieser Einrichtung durchaus erforderlich, denn einen praktischen 
Nutzen hat sie bisher nur in ganz vereinzelten Fällen gebracht. Hier in 


Charlottenburg sind wir eben dabei, mit .Hilfe des städtischen Arbeits« 


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76 


Poelchau, 


nachweises praktische Richtlinien für die Mitwirkung des Schularztes bei 
der Berufsberatung auszuarbeiten. 

Wie ich in früheren Arbeiten mehrfach betont habe, halte ich eine 
jährliche systematische Untersuchung aller Schulkinder für durchaus er* 
forderlich 1 ). Solche alljährlichen Reihen (Kontroll*) Untersuchungen 
sind in Charlottenburg auf meinen Antrag seit 1913 eingeführt 
und haben sich auf das beste bewährt. Meines Wissens sind sie außerdem 
nur noch in Stuttgart und in einigen kleinen Orten vorgeschrieben. Die 
Wiesbadener Dienstanweisung sah die Eintragung in einen Gesundheits* 
schein nur für die Schulkinder vor, welche bei der Einschulungs* 
Untersuchung Krankheitssymptome auf wiesen. Das hatte manche Nachteile. 
Jetzt ist der Gesundheitsschein für alle Kinder, welcher sie durch 
alle Klassen begleitet, wohl an den meisten Orten eingebürgert, schon um 
die Aufzeichnungen über Größe und Gewicht aufzunehmen. Zurzeit ist 
ja im Reichsgesundheitsamt ein neues Formular für Gesundheitsscheine in 
Bearbeitung, welches einheitlich in ganz Deutschland eingeführt werden 
soll. Ich habe begründete Hoffnung, daß dieses im wesentlichen nach dem 
Muster unseres seit 15 Jahren bewährten Charlottenburger Gesundheits* 
Scheines hergestellt wird, der nur eine praktische Modifikation des alten 
Wiesbadener Gesundheitsscheines darstellt*). 

Die Untersuchungen der Schulanfänger und der älteren Kinder nehmen 
wohl an allen Orten die Zeit des Schularztes am meisten in Anspruch. 
Die Abhaltung von Sprechstunden, einerseits für die Schulkinder und 
Lehrer, andererseits für die Eltern, sowie die schulärztlichen Klassen* 
besuche werden an den verschiedenen Orten sehr verschieden gehandhabt 
und beurteilt und spielen gegenüber den erstgenannten Untersuchungen 
keine große Rolle*). Die Untersuchungen für besondere Zwecke 
und Begutachtungen haben dagegen im Laufe des letzten Jahrzehnts an 
Umfang beträchtlich zugenommen und nehmen in ihrer Gesamtheit die 
Zeit des Schularztes fast ebensosehr in Anspruch wie die regelmäßige 
Untersuchung der Schulrekruten und die Reihenuntersuchungen. Sie sind 
charakteristisch für die Entwicklung des Schulwesens einerseits und des 
Fürsorgewesens andererseits. Hierher gehört die Begutachtung der Kinder, 
welche in die B * Klassen (für Schwachbegabte), in die Hilfsschule (für 
Schwachsinnige), in die A*Klassen (für Hochbegabte) und in die Übergangs* 
klassen zu den höheren Schulen übergeführt werden sollen, ferner die 
Begutachtung der Kinder, welche Nachhilfeunterricht oder, wenn sie nicht 
schulbesuchsfähig sind, Privatunterricht zu Hause erhalten. Hierher gehört 
ferner die ärztliche Überwachung der Schulkindergärten, welche die Kinder 
aufnehmen, welche wohl schulpflichtig, aber körperlich und geistig nicht 
schulreif sind und vom Schularzt bei der Einschulungsuntersuchung zurück* 
gestellt worden sind. Die Einrichtung der Schulkindergärten stellt einen 
sehr wertvollen Fortschritt dar, weil durch sie ungeeignete Elemente von 
der untersten Schulklasse ferngehalten werden und diese dadurch bedeutend 


*) Vgl. Uber die Kontrolluntersuchungen der Schulkinder: Zeitschrift für Schul* 
gesundheitspflege 1909, Nr. 11. Ferner Poelchau, Die Aufgaben des Schularztes in 
Peyser, Die Mitarbeit des Arztes in der Jugendfürsorge, S. 51. Leipzig 1910. 

*) Poelchau, Anleitung für die schulärztliche Tätigkeit, S. 6. Hamburg und 
Leipzig, Leopold Voss, 1908. 

*) Vgl. Peyser*Poelchau, S, 50. 


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Qrifmal fro-m 

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Die Entwicklung des deutschen Schularztwesens in den letzten 25 Jahren. 77 


entlastet wird. Schwachsinnige Kinder können nach einem halben Jahre 
direkt in die Hilfsschule übergeführt werden und brauchen nicht erst längere 
Jahre die Bänke der Normalschule zu drücken. Die im Schulkindergarten 
verbrachte Zeit wird auf die Schulpflicht angerechnet, was von Wichtigkeit 
ist, weil sich die Eltern sonst der Überweisung ihrer Kinder in den Schuh 
kindergarten widersetzen. Da die Waldschule auch nur eine besondere 
Art von Schule ist, so sei sie hier gleich erwähnt. Die Auswahl der Kinder 
für die Waldschule ist für den Schularzt oft eine recht schwierige Arbeit, 
da die Zahl der für sie in Betracht kommenden Kinder oft eine recht 
große, die Anzahl der freien Plätze aber häufig eine recht kleine ist. 

Ferner seien hier noch kurz erwähnt, die Schulspeisung, die Fuß* 
Wanderungen, der Schwimmunterricht, alles Wohlfahrts* und Fürsorge» 
cinrichtungen; bei deren Benutzung das Gutachten des Schularztes oft den 
Ausschlag geben muß. Daß die Auswahl für die Quäkerspeisung dem 
Schularzt im letzten Jahre sehr viel Zeit und Arbeit gekostet hat, weiß 
wohl jeder Fachgenosse. Die Auswahl der Kinder, welche schlecht hören, 
und ihre Überweisung an die Klassen für Schwerhörige gehört auch 
noch, in das Arbeitsgebiet des Schularztes, während die Auswahl für die 
Sprachkurse, welche Kinder mit Sprachfehlern heilen sollen, wenigstens 
bei uns, den speziell hierfür ausgebildeten Lehrern überlassen ist. Auch 
bei der Auswahl für die Brausebäder wird an manchen Orten das Gut* 
achten des Schularztes gefordert. 

In das Gebiet der Behandlung kann man die jetzt schon an vielen 
Orten eingeführten orthopädischen Kurse rechnen. Man hat ja im 
allgemeinen den Grundsatz aufgestellt, daß der Schularzt nicht behandeln 
solle, nach meiner Ansicht mit Recht. Wohl aber sollten überall Ein* 
richtungen getroffen werden, daß behandlungsbedürftige Kinder auch in 
ärztliche Behandlung kommen. Durch wen diese Behandlung ausgeführt 
wird, das steht erst in zweiter Linie, jedenfalls nicht durch den Schularzt. 
Viele größere Gemeinden sind nun dazu übergegangen, für die Behandlung 
der Schulkinder besondere Ärzte, meistens Spezialärzte, anzustellen. 
Oebbecke unterscheidet daher mit Recht zwischen dem Uberwachungs* 
Schularzt und dem Behandlungsschularzt. Im Auslande hat man 
vielfach Schulpolikliniken eingeführt, mit deren Leistungen man sehr zu* 
frieden ist. Der Grundsatz der Nichtbehandlung wurde zuerst durch* 
brochen durch die Begründung von Schulzahnkliniken, in welchen die 
Zähne der Kinder nicht nur klassenweise untersucht, sondern auch unent» 
geltlich behandelt wurden. In Charlottenburg ist seit einer Reihe von 
Jahren ein Schulaugenarzt und ein Schulohrenarzt angestellt, welche 
die ihnen von den Schulärzten überwiesenen Kinder spezialärztlich unter* 
suchen und, wenn es nötig ist, auch behandeln. Die etwa erforderlichen 
Brillen werden bei bedürftigen Kindern auf Kosten der Stadt beschafft. 
Durch das neue Gesetz sind ja verkrüppelte Kinder meldcpflichtig und 
können durch die Krüppelfürsorgestelle weiter versorgt werden. Kinder, 
deren Lungen verdächtig sind oder die schon Zeichen einer Lungenerkrankung 
aufweisen, werden durch die jetzt schon in vielen Großstädten vorhandenen 
Lungenfürsorgestellen genauer untersucht und erforderlichenfalls durch 
die Entsendung in Erholungs* oder Heilstätten einer zweckmäßigen Be* 
handlung zugeführt. Kinder, welche an Hautkrankheiten leiden oder mit 


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78 


Poelcbau, 


Ungeziefer behaftet sind, können in Charlottenburg behufs Sicherung 
der Diagnose der städtischen Poliklinik für Hautleiden und zur Ungeziefer* 
beseitigung der Städtischen Desinfektionsanstalt überwiesen werden. 
Psychopathische Kinder können von uns dem von der Zentrale für 
Jugendfürsorge begründeten (1912) Heilerziehungsheim in Templin über* 
wiesen werden, einer Anstalt, die einem dringenden Bedürfnis entgegen* 
kommt. Epileptische Kinder finden in den entsprechenden Anstalten 
Aufnahme. Für die Untersuchung von Auswurf und Rachenbelag (Diphtherie} 
kann das städtische Untersuchungsamt herangezogen werden, welches 
auch die Impfröhrchen liefert, falls einmal eine ganze Klasse auf Bazillen* 
träger untersucht werden soll. Gerade bei der Bekämpfung der Diph* 
therie durch die Schule sind in den letzten Jahren recht erfreuliche 
Fortschritte zu verzeichnen, welche geeignet sind, diese gefährliche Krank* 
heit auch bei den anderen Altersstufen einzuschränken. Zur Bekämpfung 
der Masern sind nach meiner Ansicht auch noch durchaus festumschriebene 
Vorschriften nötig *). Mittellose Kinder, welche an akuten oder chronischen 
Krankheiten leiden, können, soweit sie nicht von der Familienversicherung 
erfaßt werden, von den Stadtärzten kostenlos behandelt werden. Es 
sei hierbei noch kurz bemerkt, daß ich die Ausdehnung der Familien* 
Versicherung auf alle Schulkinder für durchaus notwendig halte. 

Wir sehen also, daß diese Versorgung dort, wo die Organisation 
zweckmäßig getroffen ist, wohl lückenlos ist und daß eine Behandlung der 
Schuljugend durch den Schularzt nicht erforderlich ist. Zur Bekämpfung 
der Unterernährung, der Blutarmut und der chronischen Erschöpfungs* 
zustände können ja die Schulspeisung, die Erholungsstätten, die 
Waldschule, die Ferienkolonien und der Landaufenthalt herangezogen 
werden. Wenn im Bedarfsfälle hin und wieder mal vom Schularzt Lebertran, 
Malzextrakt und Ernährungsmittel verteilt werden, so ist darin doch auch 
keine eigentliche Behandlung zu sehen. Wünschenswert erscheint mir die 
Anlage von Erholungsstätten in der Nähe der Großstädte, welche 
die Kinder auch in der Nacht aufnehmen können (Nachterholungs* 
Stätten, Night*Camps), da gerade der Aufenthalt in den überfüllten, schlecht 
gelüfteten häuslichen Schlafräumen häufig das Plus von körperlicher Kräfti* 
gung, das am Tage mühsam errungen ist, wieder zunichte macht. Dieser 
Wunsch dürfte freilich bei dem heutigen Geldmangel kaum zu erfüllen 
sein. Vielleicht wäre es sogar in manchen Fällen zweckmäßiger, die Tages* 
erholungsstätten durch solche Nachterholungsstätten zu ersetzen, die ein 
kräftiges Abendessen und ein ausgiebiges erstes Frühstück bieten und den 
Kindern eine gesunde, durch den Lärm der Großstadt und die häuslichen 
beschränkten Verhältnisse nicht gestörte Nachtruhe ermöglichen würden. 
Daß die Kinder hier rechtzeitig ins Bett kommen und am Morgen früh 
nicht zu gewerblichen Nebenarbeiten, Zeitungstragen usw. verwendet werden 
können, würde schon beträchtlich zu ihrer Erholung beitragen. Ferner 
wäre zu wünschen eine Vermehrung der am Meere, im Gebirge und an 
geeigneten Orten im Binnenlande gelegenen Erholungsheime für schwäch* 
liehe und kränkliche, skrofulöse und nervöse Kinder, sowie eine 
Zunahme der Heilstätten für tuberkulöse Kinder aller Stadien. 


*) Vgl. Poelchau, Uber die Notwendigkeit der Bekämpfung der Masern durch 
die Schule. Klinisclvtherapcutischc Wochenschrift, 20. Jahrg., Nr. 27/28. 


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Die Entwicklung des deutschen Schularztwesens in den letzten 25 Jahren. 79 


Die Überwachung auch der höheren Schulen durch Schulärzte 
im letzten Jahrzehnt bedeutet einen beträchtlichen, von ärztlicher Seite 
schon lange gewünschten Fortschritt. Sachsen ist in dieser Beziehung mit 
gutem Beispiel vorangegangen (1909). Freilich ist die Fürsorge für Schüler 
an höheren Schulen noch nicht so gut organisiert, wie die der Gemeinde* 
Schulkinder. In dieser Beziehung müßte noch manches geschehen, zumal 
da jetzt die gebildete Mittelschicht sich häußg in einer schlechteren wirt* 
schaftlichen Lage befindet als die Handarbeiter. In Charlottenburg unter* 
stehen jetzt auch die Besucher der Fortbildungsschulen einer 
schulärztlichen Aufsicht. Hier ist überhaupt die Jugendfürsorge in 
musterhafter Weise durchgeführt, ein Verdienst des früheren Stadtrats 
Dr. Gottstein, so daß die Kinder durch die Säuglingsfürsorgestellen, die 
Kleinkinderfürsorge mit Kindergärten, die Gemeindeschul* und Fortbildungs* 
Schulärzte bis ins Jünglingsalter hinein ärztlich überwacht werden. Ein ganz 
bedeutsamer Fortschritt gegen die Zustände früherer Zeiten I Wünschens* 
wert wäre auch noch eine schulärztliche Überwachung der Privat* 
schulen, Pressen usw. Vielleicht gelingt es später noch, mit Hilfe der 
Sportverbände und großer Jugendvereinigungen auch das Jugendalter, 
das nicht mehr zum Besuch der Fortbildungsschulen verpflichtet 
ist, ärztlicher Aufsicht zu unterstellen. 

Die schulärztliche Überwachung der ländlichen Schulen ist 
bisher meines Wissens nur im Herzogtum Sachsen*Meiningen durchgeführt, 
das in musterhafter Weise auf Veranlassung des Prof. Dr. Leubuscher für 
sämtliche staatlichen Schulen Schulärzte anstellte. Auch das Großherzogtum 
Hessen, Sachsen*Gotha und Reuß sowie Oldenburg folgten diesem Beispiel, 
während in Preußen nur ein Teil der Rheinprovinz und von Westfalen, 
sowie der Kreis Schmalkalden und Hannover in dieser Weise versorgt sind. 
Im übrigen Preußen kann von einer schulärztlichen Überwachung der Klein* 
stadt* und Dorfschulkinder kaum gesprochen werden, denn die Aufsicht 
des Kreisarztes, dem oft 50 bis 60 Schulen unterstellt sind, kann schon 
kaum die Hygiene der Schulräume, sicher aber nicht die der Schulkinder 
umfassen. Hier ist also noch viel zu tun und auszubauen, denn es kann 
keinem Zweifel unterliegen, daß auch der Gesundheitszustand der Dorf* 
kinder eine systematische ärztliche Aufsicht erfordert. 

Die große Bedeutung und Wichtigkeit der schulärztlichen Tätigkeit als 
Berufsarbeit wurde durch die Anstellung von hauptamtlichen Schul* 
ärzten anerkannt. Der erste hauptamtliche Schularzt in Deutschland 
wurde im Jahre 1904 in Mannheim angestellt. Diesem Beispiel sind dann 
eine Reihe von Großstädten gefolgt; die große Mehrzahl der Schulärzte ist 
jedoch noch im Nebenamt tätig. 

Wichtiger und bedeutender als die Einführung der hauptamtlichen 
Schulärzte war jedoch die Anstellung von Schulschwestern 1 ) (Stutt* 


1 ) Poelchau, Erfolge und Verbesserungen auf dem Gebiete der Schulgesundheits* 
pflege. Fürsorgestellen für die Schuljugend. Mcdiz. Reform 1904, Nr.28. Derselbe, 
rursorgestellen für die Schuljugend. Daselbst 1907, Nr.516. Derselbe, Über die 
Fürsorge für vernachlässigte Schulkinder durch die Schulschwester. Daselbst 1908, 
Nr. 12. Derselbe, Bericht über die Tätigkeit der Schulschwestcrn in Charlottenburg 
im Schuljahr 1908/09. Internat. Archiv für Schulhygiene 1911, Vol.7, Nr.2. Der* 
selbe. Die Aufgabe der Schulschwester und der Schulpflegerin. Die Hygiene 1911, 
Heft 10. 


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Poclchau, Die Entwicklung des deutschen Schularztwesens usw. 


gart 1906, Charlottenburg 1908) zur Unterstützung des Schularztes und zur 
intensiveren Fürsorge für die Schulkinder. Nur dort, wo Schulschwestern 
tätig sind, gelingt es auch, eine ausreichende Behandlung der behandlungs« 
bedürftigen Kinder durchzusetzen. In Charlottenburg sind die Schul* 
Schwestern auf Vorschlag der Leiterin des Jugendheims, Frl. v. Gierke, 
im Jahre] 1915 durch Schulpflegerinnen 1 ) ersetzt worden, welche in 
einem sozialpädagogischen Seminar besonders sorgfältig für ihre Tätigkeit 
vorgebildet sind. 

Von ärztlicher Seite ist schon lange darauf hingewiesen worden, daß 
für die heranwachsende Jugend ein systematischer Unterricht in der 
Hygiene und Gesundheitspflege durchaus erforderlich ist. Anfänge 
dazu sind schon vorhanden; auf diesem Gebiete müßte jedoch von der 
Schulbehörde noch mehr geschehen. Auch die Belehrung der Eltern 
durch Vorträge von Schulärzten oder anderen geeigneten Ärzten auf Eltern* 
abenden müßte noch mehr gepflegt werden, und die Verbindung zwischen 
dem Schularzt und den Eltern könnte an manchen Orten noch enger 
gestaltet werden als bisher. Während über die Notwendigkeit der Ver* 
tiefung des Unterrichts in der allgemeinen Hygiene Einigkeit herrscht, sind 
die Akten über die Notwendigkeit einer sexuellen Aufklärung der 
Schuljugend noch nicht geschlossen. 

Wichtig ist ferner der weitere Ausbau der gesundheitlichen und sozialen 
Fürsorge für die heranwachsende Jugend und ihre enge Verbindung mit der 
Schularzteinrichtung. 

Einer Forderung, die schon in Wiesbaden 1895 von ärztlicher Seite 
erhoben wurde, daß der älteste Schularzt Sitz und Stimme in der 
Schuldeputation erhalten solle, ist bisher nur ai\ einzelnen Orten 
Rechnung getragen worden. Eine Änderung in dieser Hinsicht ist durchaus 
erforderlich. 

Während die Schulärzte der beiden vorhergegangenen Jahrzehnte im 
allgemeinen Autodidakten auf diesem neuen Gebiete waren, haben jetzt 
die in mehreren Großstädten begründeten Seminare für soziale Medizin 
(Charlottenburg, Breslau, Düsseldorf) ihre theoretische und praktische Aus* 
bildung in die Hand genommen. 

Am Weiterbau der Schulgesundheitspflege und der schulärztlichen 
Tätigkeit haben der Deutsche Verein für Schulgesundheitspflege 
und die Vereinigung der deutschen Schulärzte eifrig mitgearbeitet, 
und in der Zeitschrift für Schulgesundheitspflege mit ihrer Beilage 
„Der Schularzt“ steht den deutschen Schulärzten ein Organ zur Verfügung, 
das ihre Fortbildung fördert und sie über Neuerungen auf ihrem Spezial* 
gebiet auf dem Laufenden erhält. 

So hat sich aus dem Samenkorn, das Kalle und Cuntz im letzten 
Lustrum des vorigen Jahrhunderts in Wiesbaden gelegt haben, ein statt* 
licher Baum entwickelt, der seine Zweige schon weit hin ausbreitet. 
Wünschen wir ihm auch fernerhin ein gesundes und gedeihliches Wachstum! 

*) Vgl. auch Höslc, Die Schulpflegerin. Leipzig, Quelle & Meyer, 1917. 


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Arzt und Jugendamt. 

Von Prof. Dr. Krautwig, Köln. 

(Vortrag, gehalten am 21. Mai 1921 auf dem Bevölkerungspolitischen Kongreß 

der Stadt Köln.) 


Die Frage, wie sich der Arzt zum Jugendamt stellen soll, will ich 
so behandeln, daß ich zunächst in kurzer und übersichtlicher Darstellung 
das gesundheitliche Elend der heutigen Jugend bespreche und im Anschluß 
daran an der Hand des vorliegenden Entwurfs für das Reichs # Jugend* 
w’ohlfahrtsgesetz prüfe, welche Möglichkeiten sozialhygienischer Bekämpfung 
dieser Gesundheitsschäden durch die Bestimmungen des genannten Gesetz# 
entwurfs eröffnet werden, um schließlich mich der Frage zuzuwenden — 
und sie scheint mir nicht die unwichtigste zu sein —, ob das Gesetz für 
die notwendige Arbeit die zweckmäßigste Organisationsform schafft oder 
zuläßt, oder mit anderen Worten, wie verhält sich das Gesundheitsamt 
zum Jugendamt? 

Die gesundheitliche Not des deutschen Kindes ist bekannt. Wir haben 
sie in dem schweren Kriege und in der manchmal noch schwereren Nach# 
kriegszeit alle miterlebt und mitempfunden. Die Tatsache allein, daß der 
Notschrei des deutschen Kindes auch über die deutschen Grenzen hinaus# 
gegangen ist und werktätige Nächstenliebe bei den Neutralen und selbst 
bei unseren früheren Gegnern in großem Umfange in Bewegung gesetzt, 
sagt genug. Der Krieg hat unserer Jugend das Kinderparadies geraubt, er 
hat sie durch die schmale Kost und durch die harten Entbehrungen langer 
Kriegsjahre in der wichtigsten Zeit der Entwicklung schwer und nachhaltig 
geschädigt. Haben wir Erwachsene wenigstens vor dem Kriege bessere 
Zeiten gesehen, so wird das Elend des Krieges aller Voraussicht nach so 
lange unser Volk bedrücken, daß Kinder und Enkel der heutigen Generation 
vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht mehr so glückliche Tage wie die 
unserer Vorkriegszeit erleben werden. 

Mit der allgemeinen Sterblichkeit hat sich die Kindersterblichkeit 
erheblich vermehrt. Hier steht in vorderster Reihe als Todesursache bei 
Kleinkindern und Schulkindern die Tuberkulose, an der nach den Mitteilungen 
zahlreicher Städte in den Altersklassen von 1 bis 6 und von 6 bis 15 Jahren 
doppelt soviel Kinder, an manchen Stellen ja sogar dreimal soviel Kinder 
als früher vorzeitig dahingestorben sind. Hier in Köln starben im Durch# 
schnitt der Jahre 1910 bis 1914 im Alter von 1 bis 5 Jahren an Lungen# 
tuberkulöse und Tuberkulose anderer Organe 86 Kinder; dagegen im 
Jahre 1918 139 Kinder. Verloren wir vor dem Kriege im Durchschnitt 
jährlich nur etwa 34 Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren an Tuberkulose, 
so stieg diese Ziffer im Jahre 1918 auf 87. In der Altersklasse von 10 bis 
20 Jahren betrug in früherer Zeit die Tuberkulosesterbeziffer etwa 80, 
1918 aber 351 Personen. Die Gesamtsterblichkeit der Kinder im Alter 
von 5 bis 10 Jahren betrug im Jahre 1914 114, im Jahre 1918 216; im 
Alter von 10 bis 20 Jahren 144 bzw. 486. 



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Krautwig, 


Wir Ärzte wissen aber, daß sich die Gefährlichkeit der Tuberkulose 
und ihre Bedeutung für die Volksgesundheit keineswegs allein nach der 
augenblicklichen Sterbeziffer berechnen läßt. Wäre es mit der Sterbeziffer 
allein getan, so könnte uns ja die Tatsache, daß die Tuberkulosesterbe* 
Ziffer in den letzten zwei Jahren erheblich abgefallen ist, ohne allerdings bis 
jetzt die Friedenszahlen wieder erreicht zu haben, für die Zukunft opti* 
mistisch stimmen. Aber wir wissen, daß nicht nur vorhandene Tuberkulosen 
zum schnellen tödlichen Ablauf gekommen sind und darum das große 
Sterben an Tuberkulose verschuldet haben, sondern daß auch zahlreiche 
Neuinfektionen an Tuberkulose gerade in der Kinderwelt verursacht worden 
sind. Da die Ernährung gegen die Kriegszeit erheblich besser geworden 
ist, ohne aber in weiten Volksschichten bisher die zu dem Aufwuchs eines 
kräftigen Kindergeschlechts notwendige Höhe zu erreichen, so nehmen die 
Tuberkuloseinfektionen im Kindesalter immer mehr wieder den Typus des 
langsamen und schleichenden Verlaufs an, wie er uns allen ja bekannt ist. 
Aber die verderbliche Tuberkulosesaat ist in geradezu unheimlicher Menge 
in die empfänglichen Körper unserer Kinder hineingestreut, und sie wird, 
wie die wirtschaftlichen Verhältnisse heute liegen, in einem und zwei 
Jahrzehnten, wenn die Kinder von heute 20 und 30 Jahre alt geworden 
sind, in verderblichem Umfange aufgehen und dann noch lange, lange 
Zeit nach dem Kriege erst die ganze Größe des Kriegselends offenbaren. 
Wer versteht jetzt nicht die bekannten Aussprüche aus dem Munde 
unserer Gegner: „Es ist tragisch, als deutsches Kind geboren zu sein.“ 
„Erst nach einem Menschenalter wird sich deutlich zeigen, wer den Krieg 
verloren hat.“ 

Auch ohne daß der Krieg die Sterblichkeit noch steigerte, hatten wir 
in Deutschland eine relativ hohe Sterblichkeit unserer Säuglinge und Klein* 
kinder zu beklagen. Noch im Jahre 1913 waren unter 620 455 Gesamt* 
todesfällen in Preußen 266666 Todesfälle, die das jugendliche Alter bis 
zu 20 Jahren betrafen, gleich 43 Proz. Wir alle wissen ja, daß unsere 
Säuglingssterblichkeit, so groß und erfreulich auch ihre Tendenz zum 
Rückgang ist, sich immer noch erheblich über den Zahlen anderer, in 
diesem Punkte für uns vorbildlicher Staaten bewegt. 

Neben der Tuberkulose sehen wir als schlimme gesundheitliche Kriegs* 
Schäden unserer Jugend einmal die größere Verbreitung der englischen 
Krankheit, die in schwersten Formen nicht nur das Wachstum, die geraden 
Glieder unserer Säuglinge und Kriechlinge geschädigt hat, sondern auch 
verderblich gewirkt hat in der Kleinkinderwelt, ja noch bis in die Schul* 
jugend hinein. Das Krüppelgesetz ist zur rechten Zeit gekommen, um 
hoffentlich noch manches, durch schwere Rachitis veranlaßte Krüppelelend 
in den Anfangsstadien wirksam bekämpfen zu lassen. Und dazu kommt 
die geschwächte Konstitution, Unterwertigkeit weitester Kreise unserer 
Jugend, die sich im Untergewicht, in den Untermaßen der Längenentwicklung, 
schließlich aber in der gesamten geringeren Kraft und geringeren Resistenz 
gegen Schäden und Krankheiten des Lebens äußert. Es wächst in trüber 
Zeit ein körperlich schwächeres Geschlecht heran. Leider wird diese 
körperliche Schwäche weit mehr als früher begleitet auch von Schwäche 
und Reizbarkeit der Nerven, die auch die geistige Gesundheit empfindlich 
zu schädigen geeignet sind. Neuropathische und psychopathische Kinder 


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Arzt und Jugendamt. 


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müssen in ganz anderem Umfange als bisher der Gegenstand besonderer 
Fürsorge sein. 

Diese weit verbreitete Unterwertigkeit der heutigen Jugend wird aus 
zahlreichen Städten bestätigt. Die Städte tragen aus naheliegenden Gründen 
schlimmer an dieser Last als das Land. Wir haben für diese trübe 
Beurteilung heute in großem Umfange zahlenmäßige, beweiskräftige Unter* 
lagen, da die Quäkerspeisung in den meisten Teilen unseres Vaterlandes 
zu genauen Erhebungen des Gewichtes und der Länge unserer Schulkinder 
und zur Durchprüfung ihres gesamten Gesundheitszustandes Veranlassung 
gegeben. Unsere Kölner Feststellungen ergaben für die schulpflichtigen 
Knaben im Durchschnitt der früheren Jahre eine Länge von 111,5cm; in 
den Jahren 1917 und 1918 je 110 cm; bei den schulpflichtigen Mädchen als 
früheren Durchschnitt 110,4 cm; 1917 und 1918 aber je 109 cm. Das 
Gewicht der Knaben war früher im Durchschnitt 20,1kg; 1917 19,5'kg; 

1918 19,7 kg. Bei den Mädchen im früheren Durchschnitt 19,5kg; 1917 
18,9kg; 1918 19,0kg. Aus anderen Städten sind erheblich größere Diffe* 
renzen für die Jahre nach 1917 gemeldet worden. So stellte man im Jahre 

1919 in Frankfurt a. M. bei Knaben und Mädchen der städtischen Bürger* 
schule ein Zurückbleiben von Länge und Gewicht durchschnittlich um 
mehrere Zentimeter und mehrere Kilogramm gegenüber dem Durchschnitt 
im Jahre 1910 fest. In manchen Städten haben 13* bis 14jährige Knaben 
ein Minus an Länge von 5 cm und an Gewicht von 4 kg gegen die Friedens* 
zahl. Nicht wenige Berichte sagen, daß 14jährige Knaben den Eindruck 
von 10jährigen Kindern machen; manche 6jährige Kinder sehen wie 3* und 
4 jährige aus, und viele 3* und 4 jährige können noch nicht laufen. Wichtiger 
aber als diese Zahlen ist die Feststellung, daß die gesamte Konstitution 
der Schulkinder, ihre Muskulatur, ihre Blutmenge, ihre Widerstandskraft 
gegen Krankheit und damit auch die körperliche und geistige Leistungs* 
fähigkeit der Kinder erheblich nachgelassen hat. Wohl in allen Großstädten 
kann man 25 Proz. der Kinder als unterernährt bezeichnen. Die Zahl der 
Schulneulinge, die nicht als schulreif befunden werden, ist vielerorts 
von 10 Proz. als Friedensdurchschnitt auf 15 Proz., 20 Proz. und mehr 
gestiegen. Die Schilderung des Gesundheitszustandes einer Kölner Volks* 
schule, die ihre Kinder aus dem sogenannten Mittelstände bezieht, ohne 
daß arme Quartiere in ihren Bezirk 'hineinfallen, ergibt außerordentlich 
bemerkenswerte Feststellungen. Nur 7 Proz. der Knaben und 17 Proz. der 
Mädchen sind in ausreichendem Ernährungszustände, 25 Proz. der Knaben 
und 31 Proz. der Mädchen leicht unterernährt; 68 Proz. der Knaben und 
51 Proz. der Mädchen ausgesprochen unterernährt. Auffallende Blässe von 
Haut und Schleimhäuten wurde bei 58 Proz. der Knaben und 52 Proz. der 
Mädchen festgestellt. Kinder mit frischen roten Wangen waren seltene 
Ausnahme. In derselben Schule fand der Schularzt die Pirquetimpfung, 
die bekanntlich die stattgefundene Infektion mit den Erregern der Tuber* 
kulose aufweist, bei den 6jährigen Kindern in 50 Proz. und bei den 13* bis 
14jährigen Kindern in 76,5 Proz. positiv. Wenn das am grünen] Holze 
geschieht, wieviel trüber müssen dann die Schilderungen aus den Schulen 
lauten, die in den Quartieren der armen und bedürftigen Bevölkerung 
liegen. Die eine Feststellung, daß sich die Unterwertigkeit der Kinder 
nicht nur bej den Kindern der Arbeiter, sondern auch sehr ausgesprochen 


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Krautwig, 


bei den Kindern des Mittelstandes findet, und daß sie dementsprechend 
gerade in mittleren und höheren Schulen deutlich zu bemerken ist, wird 
aus vielen Städten gleichmäßig berichtet. 

Aus mehreren höheren Schulen der Stadt Köln sind uns geradezu 
erschreckende Schilderungen des Gesundheitszustandes der Schüler und 
mehr noch der Schülerinnen zugegangen. Zahlreiche Kinder fehlen wegen 
Krankheiten. Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Ohnmachtsanfälle, geringe körper* 
liehe Leistungsfähigkeit bei Sport und Turnen, schnelle geistige Ermüdung, 
Kopfschmerzen und Übelkeit, nervöse Reizbarkeit bis zu Krämpfen: Diese 
und andere Störungen werden übereinstimmend aus allen Klassen mitgeteilt. 
Aus besorgtem, mitfühlendem Herzen der Ärzte und Lehrer dringt der 
Ruf nach Abhilfe zu uns, da der Gesundheitszustand der Schüler nie so 
schlecht gewesen als wie heute. Trotz aller finanzieller Bedenken hat sich 
deshalb auch die Stadt Köln vor wenigen Wochen entschlossen, eine 
wirksame schulärztliche Versorgung auch für die mittleren und höheren 
Schulen zu schaffen. 

Wie könnte es auch besser um den Gesundheitszustand unserer Jugend 
bestellt sein nach den schweren Leiden eines Krieges, die gerade das 
wachsende und darum besonders empfindliche Individuum stärker schädigen 
müssen als den fertigen, ausgewachsenen Menschen. Die Ernährung unserer 
Kinder war ungenügend. Das gilt nicht für die Säuglinge, deren Gesund* 
heits* und Entwicklungszustand durch besonders intensive Fürsorge und 
nicht zuletzt durch die Reichswochenhilfe nur wenig gelitten hat. Aber 
Kleinkinder und Schulkinder haben im Kriege gehungert. Die Mengen der 
Nahrung reichten nicht; schlimmer war, daß sie qualitativ nicht genügte. 
Unseren Milchjammer, der besonders die Kinder trifft, kennen wir alle. 
Berlin hat anstatt der 1,2 Millionen Liter der früheren Friedenszeit täglich 
nur 100 000 Liter, Köln gegen 250 000 Liter vor dem Kriege nunmehr 
50 000 bis 60 000 Liter. Kleidung und Wäsche der Kinder war ungenügend, 
schützte sie zu wenig vor den Unbilden der Witterung, wurde nicht 
genügend gereinigt und gab zu Schmutzkrankheiten allzuviel Veranlassung. 
Auch unsere Feststellungen in den Hospitälern, Säuglingsheimen, Krippen 
und in der offenen Fürsorge ergaben immer wieder eine große, für die 
Gesundheit außerordentlich bedenkliche Wäsche* und Kleidernot. So 
berichtete unser v. Oppenheimschcs Kinderhospital im Januar d. J., daß 
von den letzten 50 zur Aufnahme gekommenen Kindern über 40 schmutzige 
und zerrissene Windeln und Wäsche hatten. Einzelne Kinder hatten nicht 
einmal ein Hemdchen an, sondern waren in Lumpen gehüllt, die man kaum 
Windeln oder Umschlagetücher nennen konnte. Sehr oft nimmt die Mutter 
die Wäsche, die das Kind bei der Aufnahme trägt, wieder mit, weil sie 
dieselbe für die anderen Kinder unbedingt braucht, oder weil sie oft die 
Wäsche nur geliehen hat. Ich begnüge mich mit diesem kleinen Ausschnitt 
aus dem Kapitel der Kleider* und Wäschenot, könnte aber noch viel 
Material, auch aus anderen Städten, hinzufügen. Dazu kommt bei unseren 
Kindern mit außerordentlich schädigendem Einfluß auf die Gesundheit das 
ganze Wohnungs* und Versorgungselend der Kriegszeit und Nachkriegszeit. 
Schmutzige und dumpfe Wohnungen sind keine Stätte, in der ein Kind 
gesund an Körper und an Geist aufwachsen kann. Die Krippen und Kinder* 
heime, die der Krieg erheblich vermehrte, vermögen nur zu einem Teil 


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Arzt und Jugendamt. 


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Wohnungs* und Familienelend auszugleichen. Wie viele mäßige, ja schlechte 
Krippen hatten wir, wie viele gute Krippen haben schließen müssen, da 
sie der wirtschaftlichen Not der Zeit erlagen, und wie viele stehen zugleich 
mit Hospitälern vor dem wirtschaftlichen Abgrunde. Manche Krippen und 
Heime litten unter Nahrungs* und Kohlenmangel so, daß sie den Betrieb 
zeitweise einstellten. In Wien konnte man zeitweise nicht einmal die 
Hospitäler für kranke Säuglinge heizen! Die einzelnen Familien konnten 
für Säuglinge nicht die unerläßliche einfachste Ausstattung: Bettchen, 
Wäsche, Badewanne und Milchflaschen, und gar erst den Kinderwagen, der 
das zarte Menschenkind aus der dumpfen Wohnung in Luft, Licht und Sonne 
bringen soll, beschaffen, da die Kosten nicht mehr zu erschwingen waren. 
Und all die Schwierigkeiten und all das Elend machte schließlich manche 
Mütter stumpf und gleichgültig in der Sorge um das Kind. Die Geschlechts* 
krankheiten nahmen in der Kinderwelt zu, nicht durch verbrecherischen 
Mißbrauch der Kinder, sondern in der Hauptsache durch Schmutzansteckungen 
infolge Bettennot und Wäschemangel. 

Wer wollte dem deutschen Kinde, dessen gesundheitliche Not wir eben 
kennen lernten, die Hilfe versagen, um die es uns anfleht? Zumal wir wissen, 
wie man Säuglinge und Kinder aus körperlicher Not erretten kann. Mit 
sozialhygienischen Hilfsmitteln wirksamster Art vermögen wir Krankheit 
und Tod bei unseren Kindern zu bekämpfen. Säuglings* und Mutterschutz, 
Kleinkinder* und Schulkinderfürsorge, gesundheitliche Körperpflege für die 
Schulentlassenen sind bekannte Kapitel dieser Fürsorge. Zum großen Teil 
ist diese Fürsorge, die heute ein reich bestelltes und erfolgreiches Arbeits* 
feld darstellt, in freier Arbeit entstanden und groß geworden. Viele 
Einzelpersonen und Privatvereinigungen haben die Fürsorge mitgeschaffen 
und mitentwickelt. Auch die Arbeit der Behörden war meist eine frei* 
willige und ging weit über ihre gesetzlichen Verpflichtungen hinaus. Wir 
alle, die wir praktisch in der Arbeit stehen, haben aber doch oft schwere 
Lücken in der Organisation empfunden und beklagen müssen, daß für die 
Erhaltung von Leben und Gesundheit unserer Jugend ungenügende Mittel 
verfügbar waren. Und so können auch wir Sozialhygieniker den nunmehr 
vorliegenden Entwurf eines Reichs*Jugendwohlfahrtsgesetzes nur lebhaft 
begrüßen. Wir stellen ihm gern das Zeugnis aus, daß er eine überaus 
gründliche und gewissenhafte Arbeit darstellt, die auch die Erfahrungen 
einer erprobten sozialhygienischen Fürsorge wohl beachtet. 

Nach den neueren Mitteilungen, die aus der Beratung des Gesetzes 
im 29. Ausschüsse des Reichstages in die Öffentlichkeit dringen, scheint 
das Gesetz wegen der Kostenfrage ernsten Schwierigkeiten zu begegnen. 
Wenn man fürchtet, daß plötzlich große Neuorganisationen für etwa 
1200 Jugendämter geschaffen werden müßten, so bedenkt man doch wohl 
nicht zur Genüge, daß in Stadt und Land bereits vielfach Wohlfahrtsämter 
und andere Organisationen bestehen, die in der Hauptsache die Aufgaben 
des Jugendamtes übernehmen könnten. Auch der Sozialhygieniker wird 
sich damit begnügen, ja er wird es begrüßen, daß manche Aufgaben des 
neuen Gesetzes nach wie vor durch Organisationen der freien Liebestätig* 
keit erledigt werden sollen. Das gilt allerdings am wenigsten und in letzter 
Linie für die gesundheitlichen Aufgaben des Säuglings*, Kleinkinder* und 
Schulkinderschutzes, die angesichts des Umfanges des Elends und der zu 


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K r a u t w i g, 


seiner Bekämpfung notwendigen Einrichtungen in erster Linie durch die 
Gemeinden selbst und in ihnen durch berufene hauptamtliche Kräfte erledigt 
werden müssen. Die meisten Städte und viele Landkreise haben auf gesund* 
heitlichem Gebiet bereits im wesentlichen die Maßnahmen durch ihre 
Organisationen bearbeitet, die das neue Gesetz auferlegt oder empfiehlt. 
Das Gesetz hat aber für die^gesundheitliche Fürsorge die große Bedeutung, 
daß es einmal die notwendigen Organisationen in allen Städten und ganz 
besonders in allen Landgemeinden verlangt, und daß es weiter alle Für* 
sorgezweige*der Arbeit des öffentlichen Amtes zuweist, während bisher 
nach dieser Richtung hin doch manche Lücken bestanden. So ist die Klein* 
kinderfürsorge nur an wenigen Orten ausgebaut und auch schulärztliche 
Versorgung fehlt noch vielerorts. Schließlich sehe ich den Hauptvorzug 
des Gesetzes darin, daß es in seinem 5. Abschnitt die öffentliche Unter* 
Stützung hilfsbedürftiger Minderjähriger nach Art und Umfang der Leistung 
erheblich [besser regelt, als das heute bei freiwilliger Aufbringung von 
Geldmitteln und im Wege der Inanspruchnahme gesetzlicher Armenhilfe 
möglich ist.] Die*§§]50 und 51 sind besonders von entscheidender Wichtig* 
keit für die Versorgung der unehelichen Kinder und der Haltekinder. Wir 
vermögen diese Kinder, welche das Schicksal meist schnell von der Mutter 
trennt und einer Pflegefamilie oder Heimen überweist, gegen viele Gefahren 
der Gesundheit und des Lebens durch ärztliche und hygienische Maßregeln 
wirksam zu [schützen. Aber durchgreifende Fürsorgemaßregeln in den 
Familien, schnelle Unterbringung in guten Heimen scheitert oft genug an 
dem finanziellen Unvermögen der zunächst Verpflichteten und an der 
Schwierigkeit, genügende Beitragssummen für ordnungsmäßige Unterbringung 
gefährdeter Kinder schnell genug von den zuständigen Armenverwaltungen 
zu erreichen. Gerade für diese schwierigen Fälle ordnungsmäßiger Ver* 
sorgung unehelicher Kinder und Haltekinder, deren kurzer Lebensweg oft 
ein rechter Leidensweg ist, deren Sterblichkeit bekanntlich das Doppelte 
und mehr der Sterblichkeit der ehelichen Kinder beträgt, wird nach dem 
neuen Gesetz nicht] mehr die Armenverwaltung, sondern das Jugendamt 
zuständig sein. Das Gesetz bestimmt, daß das Jugendamt für alle Minder* 
jährigen zuständig ist, die in seinem Bezirk ihren gewöhnlichen Aufenthalt 
haben. Es fällt also weg die oft mühselige und langwierige Feststellung 
des Unterstützungswohnsitzes. Daraus folgt, daß nunmehr die großen 
Städte, welche aus bekannten Gründen viele uneheliche Mütter mit ihren 
Kindern in sich aufsammeln, für diese Kinder in dem oft eintretenden 
Bedürftigkeitsfalle ohne weiteres selbst zu sorgen haben. Als Steuer* 
zahlender städtischer Bürger und dazu noch als Mitglied einer städti* 
sehen Verwaltung könnte man begründete Einwendungen dagegen erheben, 
daß die größeren Städte infolge dieser neuen Bestimmungen in zahl* 
reichen Fällen für bedürftige Kinder und besonders für uneheliche Kinder 
eintreten werden müssen, wo bisher das Land gesetzlich hätte helfen 
müssen. Das Land war aber sehr selten zu wirksamer finanzieller Unter* 
Stützung einer unehelichen "Mutter und eines unehelichen Kindes bereit. 
Der Arzt kann deshalb die Unterstützungspflicht nach dem Aufenthalts* 
prinzip, [die die T großen] Städte erheblich treffen wird, im Interesse des 
schnellen und wirksamen Schutzes des Kindes und besonders des Säuglings 
nur begrüßen. 


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Arzt und Jugendamt. 


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Es kommt hinzu, daß der § 50 auch den Umfang der notwendigen 
Hilfe gegenüber der heutigen Pflicht der Gemeinden, nur das Notwendige 
zu leisten, wesentlich erweitert und verbessert. Es heißt in seinem zweiten 
Abschnitt: Bei Beurteilung der Notwendigkeit der Leistungen ist das Be* 
dürfnis nach dauernder und gründlicher Abhilfe gegen Störungen der 
körperlichen, geistigen und sittlichen Entwicklung der Minderjährigen zu 
berücksichtigen. Man würde also zur ordnungsmäßigen Versorgung eines 
Säuglings außerhalb der eigenen Familie nunmehr in der Lage sein, eine 
gute Pflegefamilie auszuwählen, auch wenn sie ein höheres Pflegegeld ver* 
langt als andere Pflegemütter, die ihren Beruf weniger gewissenhaft nehmen. 
Und wenn der Säugling heimbedürftig und krankenhausbedürftig ist, so 
wird man wiederum gute Heime und gute Säuglingskrankenhäuser wählen 
können, selbst wenn sie unter den heutigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten 
einen relativ hohen Pflegesatz fordern. 

Zu den §§ 20 bis 31, die den Schutz der Pflegekinder betreffen, kann 
der Arzt nur den Änderungen zustimmen, 'die der Vorstand des Deutschen 
Städtetages unter dem 11. April d. J. bei dem 29. Ausschuß des Reichstages 
beantragt hat. Nach diesen Vorschlägen sollen im § 21 auch Verwandte 
oder Verschwägerte dritten Grades, die ein eheliches Kind verpflegen, der 
Erlaubnis zur Annahme durch das Jugendamt bedürfen. Der Entwurf hält 
diese Erlaubnis bei Verwandten bis zum dritten Grade einschließlich nicht 
* für notwendig. 

Zu § 25 wünscht der Städtetag, daß uneheliche Kinder, die sich bei 
der Mutter befinden, nur unter bestimmten Umständen von der Beaufsichti* 
gung befreit werden können, während die gesetzliche Vorschrift die Nicht* 
beaufsichtigung solcher Pflegekinder durch das Jugendamt als die Regel 
hinstellt. Wenn weiter in § 27 der Städtetag wünscht, daß bei Gefahr im 
Verzüge das Jugendamt nicht nur das Pflegekind, sondern alle Kinder aus 
ihrem derzeitigen Aufenthalt entfernen und vorläufig anderweitig unter* 
bringen kann, so wird der Arzt auch dieser Änderung gern zustimmen; 
desgleichen dem Vorschläge, daß in § 31 nicht mehr wie bisher für Unter* 
bringung von Kindern in ländlichen Bezirken Ausnahmen in dcn'Schutz* 
Bestimmungen zugelassen werden. Auch den Vorschlag billigen wir, daß 
der Abs. 3 des § 20 gestrichen werde, der die obersten Landesbehörden 
ermächtigt, die Altersgrenze für die Pflegekinder bis zum vollendeten 
10. Lebensjahr herabzusetzen. Wir Ärzte sind mit dem Städtetag der 
Meinung, daß jugendfürsorgerische Gründe den Schutz der Pflegekinder 
bis zum 14. Lebensjahr notwendig machen. 

Sehe ich von diesen kleinen Ausstellungen ab, so kann der Sozial* 
hygieniker im allgemeinen mit den gesetzlichen Bestimmungen und auch 
mit der eingehenden Begründung, welche zu diesen Bestimmungen gegeben 
ist, im Interesse des Gesundheitsschutzes unserer Jugend nur einverstanden 
sein. Allerdings, und damit komme ich zu dem letzten Punkte meiner 
Ausführungen, haben die Arzte und die Sozialhygieniker erhebliche Be* 
merkungen zu machen zu der Frage der zweckmäßigen Organisation der 
gesundheitsfürsorgerischen Arbeit und zu der Lösung, die durch den Gesetz* 
entwurf hierfür durch den Einbau des gesundheitlichen Jugendschutzes in 
das Jugendamt vorgeschlagen wird. Der gesundheitliche Schutz unserer 
Jugend läßt sich nicht trennen von der Gesundheitsfürsorge für die Er* 


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Krautwig, 


wachsenen, die sowohl nach dem tatsächlichen Bedürfnis, wie auch nach 
der Entwicklung, die inzwischen erfolgt ist, sich in der Hauptsache abspielt 
als Familienfürsorge. 

Wir Ärzte wünschen seit langem, daß der gesundheitliche Schutz der 
ganzen Familie, der Erwachsenen und der Kinder Gesundheitsämtern in 
Stadt und Land übertragen werden soll. Vielerorts sind sie bereits ein* 
gerichtet; besonders durchgebildet ist ihre Organisation u. a. in Berlin, 
Frankfurt a. M., Köln. Viele andere Städte und besonders viele Landkreise 
hinken aber in der Organisation der Gesundheitsämter, deren wichtigster 
Arbeitszweig die gesundheitliche Fürsorge darstellt, gewaltig hinter den 
Bedürfnissen der heutigen Zeit her. Nun erscheint das Jugendamt, und 
man kann bestimmt annehmen, daß damit die Schwierigkeiten, die man in 
der Reichs* und Staatsinstanz einer ordnungsmäßigen Ausbildung selbständiger 
Gesundheitsämter in den Zentralinstanzen und in Stadt und Kreis entgegen* 
stellt, nur noch vermehrt werden. Man wird sich nunmehr darauf berufen, 
daß wichtige gesundheitliche Arbeitszweige, wie Säuglings* und Kinder* 
fürsorge, bereits sehr gut bei dem Jugendamt aufgehoben seien. Die Kreise 
der Jugendbildner und Jugenderzieher sind nach dem Kriege sehr rührig 
gewesen und haben trotz aller Widerstände und trotz aller finanziellen 
Schwierigkeiten das große Reichs*Jugendwohlfahrtsgesetz soweit gefördert, 
daß mit seiner demnächstigen Verabschiedung doch wohl gerechnet werden 
kann. Auch wir Ärzte erkennen die hoch bedeutsamen Aufgaben der t 
Jugendpflege, und Jugendfürsorge ohne Einschränkung gerade in der heutigen 
Zeit an. Wir erkennen auch an, daß die gesundheitsfürsorgerische Arbeit 
an der Jugend in einen lebendigen Zusammenhang mit jugenderzieherischer 
und jugendschützender Arbeit gebracht werden muß. Wir würden aber 
lebhaften Einspruch erheben müssen, wenn nunmehr das Gesetz die gesund* 
heitliche Arbeit an der Jugend in das Jugendamt so einordnen wollte, daß 
dadurch der Zusammenhang mit der sozialhygienischen Arbeit an den 
Erwachsenen, an der gesamten Familie gestört oder gar zerrissen würde. 
Was dann auf der einen Seite in der Zusammenfassung der Arbeit unter 
dem großen leitenden Gesichtspunkt der Fürsorge für die Jugend an Vorteil 
gewonnen würde, das würde auf der anderen Seite durch die Zerreißung 
der gesundheitlichen Arbeit verloren. Bei einer Einschachtelung des Ge* 
sundheitsamtes in das Jugendamt besteht die Gefahr, daß das Gesundheits* 
amt von dem Jugendamt, dem seine Aufgaben übertragen werden, auf* 
gesogen wird und zu einem eigenen Leben nicht gelangt. Das ist wort* 
wörtlich aus der Begründung des Gesetzentwurfs zum § 11 entnommen, 
nur daß dort mit dieser trefflichen Begründung Stellung genommen wird 
gegen ein Überwuchern des Wohlfahrtsamtes über das Jugendamt. Was 
aber dem Jugendamt gegenüber dem Wohlfahrtsamt recht ist, das ist dem 
Gesundheitsamt gegenüber dem Jugendamt billig. Daß der Entwurf des 
Gesetzes berechtigte Interessen des Gesundheitsamtes nicht berücksichtigt 
hat, ist um so auffälliger, als man in § 4 unter Nr. 5 sich bei der Jugend 
selbst ausdrücklich beschränkt auf die Wohlfahrt der im schulpflichtigen 
Alter stehenden Jugend außerhalb des Unterrichts. Hier scheut man 
sich, in die Kompetenzen der Landesregierungen, der besonderen Unterrichts* 
ministerien und in den Arbeitskreis der Schulen einzugreifen und läßt 
wichtige Stücke der Fürsorge, die sich auf die Schule, die Schuleinrichtungen 


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Arzt und Jugendamt. 


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und den Schulbetrieb selbst beziehen, ohne Rücksicht auf das große Prinzip 
des Gesetzes aus den Aufgaben desselben heraus. Wer will aber bestreiten, 
daß die Erziehungstätigkeit der Schule, daß die Hygiene des Schulhauses, 
die Hygiene des Unterrichts, schließlich auch die hygienische Überwachung 
der Schüler in der Schule selbst unerläßliche Kapitel der Jugendwohlfahrts* 
pflege sind? Hier ist man also inkonsequent im engeren Bereich der Schuh 
Wohlfahrt, die doch in erster Linie zur Zuständigkeit des Jugendamtes 
gehören müßte. Um so konsequenter aber werden im übrigen eine Reihe 
von Arbeitsgebieten dem Jugendamt zugewiesen, die fast ausschließlich 
oder doch überwiegend gesundheitlicher Art sind und darqm dem Gesund* 
heitsamt zugehören. 

Auf dem Lande wird zumeist wegen der beschränkten Geldmittel 
Wohlfahrtsamt, Gesundheitsamt und Jugendamt die gleiche Verwaltungs* 
stelle mit den gleichen ausführenden Organen (Familienfürsorgerinnen) sein 
müssen. 

In Großstädten wird das Jugendamt, das alle Aufgaben des Gesetzes 
durchführen will, ein organisatorisch schwer beweglicher Koloß sein, es sei 
denn, daß man dort nur auf dem Papier ein solches Amt, das theoretisch 
den Anforderungen des Gesetzes entspricht, konstruieren wird. Ein selb* 
ständiges Gesundheitsamt, dem man den Säuglings« und Mutterschutz, den 
gesundheitlichen Teil des Kleinkinder« und Schulkinderschutzes überweisen 
* soll, wird die Organisation nicht komplizieren, sondern erleichtern. Im 
Ernst wird man ja nicht bestreiten können, daß Säuglings« und Mutter« 
schütz in allererster Linie den Schutz von Leben und Gesundheit des 
Säuglings bedeuten und ihn glücklicherweise auch dadurch erreicht haben, daß 
innerhalb der Säuglingsfürsorge die sozialhygienische Fürsorge, die durch 
Arzte und ärztlich ausgebildete Fürsorgerinnen geleitet wird, den Hauptteil 
der Arbeit leistet. Auch das Gesetz läßt in der umfänglichen Begründung 
zum § 4, der die dem Jugendamt gestellten Aufgaben umfaßt, bei der 
Aufzählung der einzelnen empfehlenswerten Fürsorgemaßnahmen Zeile für 
Zeile erkennen, daß bei der Fürsorge für die werdende Mutter und mehr 
noch bei dem Säuglings* und Kleinkinderschutz ärztliche Tätigkeit und 
ärztliche Einrichtungen im Vordergründe stehen, wenn es auch vermeidet, 
auch nur den Namen des Gesundheitsamtes auszusprechen. Auch der 
Arzt schätzt die Bedeutung des besseren Rechtsschutzes hoch ein, den das 
Gesetz in den vielen Paragraphen über den Schutz der Pflegekinder und 
die Stellung des Jugendamtes im Vormund-schaftswesen, bei der Anstalts* 
und Vereinsvormundschaft besonders den unehelichen Kindern zugedenkt. 
Aber die Praktiker des Kinderschutzes wissen genau, daß die kritischen 
Fragen des Säuglings und des Kleinkindes in den ersten Lebensjahren nicht 
in das Gebiet des Rechtsschutzes, sondern des Gesundheitsschutzes der 
Kinder fallen. Auch die beste, nach den neuen Vorschriften des Gesetzes 
eingerichtete Vormundschaft vermag selbst nur sehr wenig zur Erhaltung 
von Gesundheit und Leben der Säuglinge zu leisten. 

Noch mehr aber läßt eine wirksame Bekämpfung der Tuberkulose die 
Forderung berechtigt erscheinen, daß der Gesundheitsschutz der Jugend 
mit dem Gesundheitsschutz der Erwachsenen unteilbar zusammen in das 
Gesundheitsamt hineingehört. Würde das Jugendamt zunächst bei den 
Kindern die Tuberkulose feststellen, so würde eine gründliche gesundheit* 


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Krautwig, 


liehe Fürsorge sofort auch zu der Untersuchung der Erwachsenen und zur 
Fürsorge für die gesamte Familie hinführen müssen. Sehr häufig aber findet 
man zunächst den Erwachsenen krank, und erst von hier aus leiten dann 
die weiteren Schritte der Fürsorge auch zu den Kindern hin. Tuberkulose* 
fürsorge kann nicht nur Jugendfürsorge sein, sie muß Familienfürsorge sein. 
Es wäre auch eine unsinnige und bedeutende Verschwendung an Kosten 
und Organisation, wollte man zwei Tuberkulosefürsorgestellen schaffen, eine 
für die Jugend beim Jugendamt, eine für die übrigen Personen beim Ge* 
sundheitsamt. Und noch eins kommt hinzu. Wenn man die wichtige 
Arbeit des Gesundheitsamtes nicht als eine Unterabteilung in das Jugend* 
amt einschachtelt, sondern das Gesundheitsamt selbständig neben das Jugend* 
amt stellt, und seinen Leiter gleich selbständig hinstellt wie den Leiter des 
Jugendamts, so wird dadurch der Gesundheitsschutz nur gewinnen. Er 
wird freier und wirksamer in der Hand des selbständigen und für seine 
Gesamttätigkeit direkt verantwortlichen Arztes. 

Nun scheint es allerdings mit der gesetzlichen Einführung vomGesund* 
heitsämtern noch seine guten Wege zu haben. Zwar hat sich der Deutsche 
Verein für öffentliche Gesundheitspflege wiederholt, so auch in seinen 
Tagungen 1919 in Weimar und 1920 in Cassel für die Schaffung eines 
Reichs*Gesundheitsministeriums und die Schaffung gemeindlicher Gesund* 
heitsämter ausgesprochen, desgleichen in entsprechenden Eingaben die 
Vereinigung der Kommunalärzte in leitender Stellung, der Deutsche Verein 
für Schulgesundheitspflege, desgleichen auch besonders eindrucksvoll der 
Deutsche Ärztevereinsbund 1919 in Eisenach. Aber diese und viele andere 
Resolutionen finden in den gesetzgeberischen Körperschaften und in den 
Reichs* und Staatsministerien auch in der neuen Zeit keinen Anklang. 
Leider muß man deshalb die Aussichten einer vernünftigen Weiterentwicklung 
unseres Gesundheitswesens für die nächste Zeit recht trübe beurteilen. 
Wenig verheißungsvoll klingt die Antwort des Reichsministers des Innern 
auf einen Antrag betr. die Errichtung eines Reichs*Gesundheitsministeriums 
in der Sitzung des Reichstages vom 14. März 1921. Der Reichsminister 
behauptet einmal, daß die gesetzgeberische Arbeit, die die relativ kleine 
Gesundheitsabteilung innerhalb des Reichsamts des Innern zusammen mit 
dem Reichsgesundheitsamt leistet, völlig auf der Höhe stände, und daß ein 
Reichs*Gesundheitsministerium sich in seinen Aufgaben und in der Gesetz* 
gebung heute mehrfach mit den Aufgaben anderer Ministerien überschneiden 
würde. Als ob dieses Uberschneiden von . Aufgaben nicht auch bei der 
Tätigkeit der anderen Ministerien hervorträte, als ob es nicht durch 
geschickte Verwaltungsmaßnahmen auf ein Minimum zurückzuführen wäre. 
Mehrere neue Reichsministerien sind in dem Kriege und nach dem Kriege 
gegründet worden. Wer die politische Entwicklung der letzten Zeit und 
besonders die eben erfolgte Neubildung des zeitigen Reichsministeriums 
verfolgt hat, dem muß es so scheinen, als ob das eine und vielleicht auch 
noch das andere Ministerium weniger sachlich, als parteipolitisch nötig sei. 
Dafür hat man Geld; dafür findet man die Organisation. In anderen 
Staaten hat man ohne Schwierigkeiten Gesundheitsministerien eingerichtet. 
Deutsche Großstädte verfügen über Gesundheitsämter mit großem Aufgaben* 
kreis; hier hat sich die technische Frage der praktischen Arbeitsabgrenzung 
durchaus lösen lassen. 


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Arzt und Jugendamt. 


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Vorläufig setzen sich nur die Unabhängigen energisch für das Reichs* 
Gesundheitsministerium und den weiteren Ausbau von Gesundheitsämtern 
ein. Ihre Hilfe allein wird nicht genügen, und wenn noch ein weiterer 
Redner des Reichstages (Dr. Schreiber, Zentrum) zu dem Anträge meinte: 
Aber eins ist gewiß: „Weil wir ein großer Kulturstaat sind, können wir 
wenigstens in der weiten Ferne einmal das große Ziel aufleuchten lassen, 
auch damit unter die großen Kulturnationen zu treten, daß wir in einer 
späteren Zeit auch einmal die Gründung eines Reichs*Gesundheitsministeriums 
ernster ins Auge fassen“, so ist mit diesen freundlichen Worten und mit 
dem Aufleuchten unseres Zieles in weiter Ferne herzlich wenig für die 
gesundheitliche Not der heutigen Tage geschehen. 

So bleibt zurzeit nichts anderes übrig, als sich bei dem Reichs*Jugend* 
wohlfahrtsgesetz damit zu trösten, daß der § 11 des Gesetzes den einzelnen 
Städten und Gemeinden für die Frage der zweckmäßigsten Organisation 
eine relative Freiheit läßt. Es heißt dort: Sofern für einen Bezirk ein 
Wohlfahrtsamt oder eine andere der Wohlfahrtspflege dienende geeignete 
Einrichtung der staatlichen oder der Selbstverwaltung steht, können ihr 
durch die obersten Landesbehörden oder eine Satzung des zuständigen 
Selbstverwaltungskörpers die Aufgaben des Jugendamts übertragen werden 
unter der Voraussetzung, daß die Einrichtung den Vorschriften des § 10 
entspricht. 

Nach dem § 12 kann das Jugendamt auch die Erledigung von Gruppen 
von Geschäften besonderen Ausschüssen übertragen. Damit ergibt sich 
bei einer verständigen Verwaltung und bei einem verständigen Verhalten 
der Aufsichtsbehörde die Möglichkeit, nach wie vor alle gesundheitlichen 
Geschäfte bei Jugendlichen und Erwachsenen einem bestehenden oder zu 
schaffenden Gesundheitsamte zu übertragen, wenn nur der genügende, auch 
von uns Ärzten gewünschte Zusammenhang mit dem Jugendamt bei der 
Erledigung der gesundheitlichen Jugendfürsorge gewahrt bleibt. Wir Ärzte 
haben allerdings den Wunsch, daß entweder dieses Gesetz, in dem § 11 
ausdrücklich bestimmt, daß der gesundheitliche Schutz der Jugend, da, wo 
ein Gesundheitsamt eingerichtet ist, diesem zu übertragen ist, oder aber, 
daß ein besonderes Reichsgesetz, am besten das seit Jahr und Tag ver* 
sprochene Gesetz zur Bekämpfung der Tuberkulose, ausdrücklich die Ein* 
richtung von Gesundheitsämtern in Stadt und Land vorschreiben möchte. 
Auch der lang ersehnte und längst angekündigte Gesetzentwurf zur Be* 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten soll ja für die Meldepflicht und 
Überwachung der Geschlechtskranken das Gesundheitsamt vorschen. 

Ärzte und besonders Sozialhygieniker werden nicht müde werden in 
der Verfolgung dieses Zieles. Wenn sich der ärztliche Stand, dessen Be* 
deutung für das Allgemeinwohl man nicht bestreiten kann, in Zukunft 
mehr politisiert, wenn immer mehr Ärzte in die Verwaltung der Städte 
und auch des Staates und des Reiches eindringen, wenn auch mehr Ärzte 
als heute in den gesetzgebenden Körperschaften vertreten sein werden, dann 
wird doch wohl allmählich die Einsicht von der Notwendigkeit schlagfertiger 
gesundheitlicher Organisation auch in den Reichs* und Staatsinstanzen durch* 
dringen. Unser Streben bedeutet keine Machtforderung, keine egoistischen 
Berufsvorteile, sondern nur den Wunsch, die große Gesundheitsnot der 
heutigen Zeit mit den besten Organisationen und damit auch mit den 


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Krautwig, Arzt und Jugendamt. 


besten Waffen bekämpfen zu können. Gleichviel aber wie diese Dinge 
laufen: Wir Ärzte kennen die gesundheitliche Not der heutigen Zeit, wir 
sehen und empfinden Tag für Tag die schwere Gesundheitsnot unserer 
Jugend, und darum werden wir auch unermüdlich mitarbeiten an allen den 
gesundheitlichen Fürsorgemaßnahmen, zu denen das Reichs*Jugendwohlfahrts* 
gesetz die Bahn freigibt. 


Chronik der Gesundheitspflege. 


Leibesübungen. 

Von Privatdozent Dr. Gerhard Wagner in Danzig. 

„Der Sport ist der Arzt am Krankenbette des deutschen Volkes.“ 
Dieses Wort des Oberbürgermeisters der Stadt Köln, Adenauer, kenn* 
zeichnet die grundlegende Wandlung, die in der öffentlichen Meinung sich 
in der Beurteilung der Leibesübungen durchzusetzen beginnt. War man 
früher geneigt, die Stellungnahme zu den Leibesübungen als Privatsache 
anzusehen, glaubte man, durch das Schulturnen für die Jugendlichen und 
durch die allgemeine Wehrpflicht für die mannbare Jugend alles Nötige 
getan zu haben, so bricht sich jetzt die Erkenntnis Bahn, daß die öffentliche 
Gesundheitspflege ein dringendes Interesse an dem Ausbau der Leibesübungen 
und an ihrer allgemeinen Verbreitung, so besonders in körperlich schlecht* 
gestellten Volksschichten, wie z. B. bei der schulentlassenen Jugend, hat. 
Ich habe in dieser Zeitschrift (1920, S. 325 ff.) darzutun versucht, daß der 
Sport und überhaupt die Leibesübungen — biologisch betrachtet — eine 
Abwehrreaktion des durch Industrialisierung, Domestikation, Mechanisierung 
der Arbeit in seinen natürlichen Lebensbedingungen bedrohten Volkskörpers 
bedeutet. Die inzwischen zur Tat gewordene Einschränkung unserer Grenzen 
im Osten, Norden, Westen und, wenn den österreichischen Stammesbrüdern 
hier ein Platz in der deutschen Volksgemeinschaft eingeräumt werden darf, 
auch im Süden, der starke Strom der Rückwanderer aus den abgetrennten 
Gebieten und die damit verschärfte Zwangslage, durch industrielle Arbeit 
Werte zu schaffen und unsere Lebensnotwendigkeiten aus dem Auslande 
zu beschaffen, lassen eine solche natürliche Abwehrreaktion heutzutage 
doppelt wertvoll erscheinen. Man kann es wohl als einen Beweis für die 
trotz der durch Kriegsverluste und Hungerblockade im „Phänotypus“ ver* 
ursachten Schäden ungeschwächt erhaltenen gesunden „Erbanlagen“ unseres 
Volkes — wenn man die Begriffe vom Individuum auf eine Volksgemeinschaft 
übertragen darf — ansehen, daß niemals vorher der Zudrang aus allen 
Volksschichten zu den Leibesübungen so stark war, wie jetzt. Die Zahl 
der in den Leibesübungen treibenden Verbänden organisierten Turner und 
Sportler beträgt heute annähernd 4 Millionen: die „Deutsche Turnerschaft“ 
gibt allein iy 2 Millionen, der „Deutsche Fußballbund“ 1% Millionen Mit* 
glieder an; die auf dem Boden der sozialistischen Weltanschauung stehenden 
Angehörigen des Arbeiter*Turn* und «Sportkartells betragen etwa 800 000, 
die auf der Basis der katholischen Kirche errichtete „Deutsche Jugendkraft“ 


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Gerhard Wagner, Chronik der Gesundheitspflege. 


93 


zählt trotz ihres erst etwa zweijährigen Bestehens bereits 100 000 Anhänger. 
Das Erbübel der Deutschen, die Stoßkraft großer Gemeinschaftsged#nken 
durch Hineinziehen politischer, konfessioneller und ideologischer Momente 
zu zersplittern, zeigt sich auch auf dem Gebiete der Leibesübungen. In* 
dessen ist anzuerkennen, daß trotz aller Gegensätze im „Deutschen 
Reichsausschuß für Leibesübungen“, einer privaten Gemeinschaft von 
bewährten Fachmännern und Vertretern der verschiedenen Turn* und Sport* 
verbände, ein allen Richtungen gemeinsames Organ geschaffen ist, das 
dadurch, daß der Staatssekretär Lewald an seiner Spitze steht, auch im* 
stände ist, mit der Reichsregierung Fühlung zu halten. Zur fachmännischen 
Beratung derselben hat sich aus dem Reichsausschuß der an Kopfzahl 
geringere „Reichsbeirat für Leibesübungen“ als amtliche Instanz 
herauskristallisiert. Die Reichsregierung ihrerseits hat ihr Interesse für 
die körperliche Erziehung in der Bestellung eines Fachreferenten beim 
Ministerium des Innern bewiesen. Daß die Wahl auf einen Mediziner, den 
als Sportarzt schon seit langem tätigen Dr. med. A. Mallwitz, gefallen ist, 
ist ein Zeichen, daß gerade gesundheitliche Erwägungen bei der Wahl von 
Einfluß gewesen sind. In zahlreichen Städten bestehende Ortsausschüsse 
für Leibesübungen sorgen als Ableger von dem gemeinschaftlichen Stamm, 
dem Reichsausschuß, dafür, daß die dort vertretenen Ideen in allen Teilen 
des Reiches Wurzel schlagen. Daß einzelne Bundesstaaten (so z. B. Bayern) 
auch ihrerseits Landesausschüsse ins Leben gerufen haben, verdient ebenso 
hervorgehoben zu werden, wie, daß Sachsen und Baden bereits über haupt* 
amtliche Dezernenten für Leibeserziehung in ihren Ministerien verfügen. 
Unser größter Bundesstaat, Preußen, entbehrt allerdings eines solchen und 
wird auch in Zukunft, wie in einem Bescheid des Staatsministeriums vom 
22. November 1921 auf einen diesbezüglichen Antrag gesagt wird, in An* 
betracht seiner ernsten Finanzlage eine solche den Staatshaushalt belastende 
Aufgabe nicht übernehmen können. 

Um so bedauerlicher ist es, daß bei der kürzlich erfolgten Begründung 
des preußischen, aus 117 berufenen Mitgliedern bestehenden Landes« 
gesundheitsrates den Leibesübungen wenig Beachtung geschenkt wurde. 
Denn weder ist unter den zehn Unterausschüssen einer speziell mit der 
Frage der Leibesübungen beauftragt, noch findet sich unter den zahlreichen 
Mitgliedern, außer dem ärztlichen Berater der preußischen Landesturnanstalt, 
Medizinalrat Müller, ein weiterer mit Theorie und Praxis der Leibesübungen 
vertrauter Sachverständiger. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, 
als ob in den anderen Bundesstaaten in dieser Hinsicht mehr Interesse 
vorhanden wäre — sowohl für praktische Förderung: hat doch z. B. Bayern 
jetzt 1 Million in seinem Haushalt für die Zwecke der körperlichen Er* 
Ziehung eingestellt — als auch für theoretische Würdigung; so hat der 
sächsische Landesgewerbearzt Prof. Thiele kürzlich im sächsischen Landes« 
gesundheitsamt sein Referat u. a. in den Satz ausklingen lassen. „Ein 
wichtiger Teil der Gesundheitspflege sind die Leibesübungen, 
wenn sie als Leistungen der aufbauenden (positiven) Hygiene nicht 
überhaupt als deren wichtigster Teil anzusehen sind.“ 

Einigen Gegenständen aus dem umfangreichen Tätigkeitsbereich des 
Reichsausschusses gebührt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, so in 
erster Linie seinem Entwurf eines Spielplatzgesetzes. 


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Gerhard Wagner, 


Er gliedert sich in ein Reichs * und ein Landesgesetz. Durch ersteres soll der 
Reichskanzler ermächtigt werden, auf die Dauer von 30 Jahren Gemeinden und 
Kommunalverbänden bis zu einem Betrage von jährlich 10 Millionen Mark aus Reichs« 
mittein Zuschüsse zur Herstellung von Spielplätzen zu gewähren unter der Voraus« 
Setzung, daß die Landes* und Gemeindebehörden in mindestens gleichem Maße bei« 
steuern. Im Landesgesetz wird jede Gemeinde bzw. Kreisverwaltung verpflichtet, im 
Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl Spielplätze zur freien Benutzung anzulegen und zu 
unterhalten. Als Mindestbedarf werden insgesamt 3 qm nutzbare Spielfläche auf den 
Kopf der Bevölkerung — und zwar 0,5 qm für das freie Spiel der Jugend bis zu 10 Jahren 
und 2,5 qm für das Pflicht- und das freie Spiel der Schuljugend, der schulentlassenen 
Jugend und der Bürgerschaft — bezeichnet. Die Verteilung der Spielplätze soll inner« 
halb einer Gemarkung nach der Besiedelungsdichte erfolgen, und zwar so, daß jedes 
Spielfeld einen Einflußbereich von 2 km umfaßt. Ausführungsbestimmungen, die 
Mindestgröße der Spielplätze, Mindestausstattung usw. regelnd, schließen sich an. 

Man wird diesem großzügigen Gedanken um so mehr beipflichten 
können, als die so geschaffenen Spielplätze nicht nur dem Betriebe der 
Leibesübungen zugute kommen würden, sondern als Freiflächen siedelungs« 
hygienisch wertvoll sein könnten. Leider ist auch in diesem Falle eine 
Annahme des Gesetzes durch Reichsbehörden und Volksvertretung mit 
Rücksicht auf die Beschränktheit der uns verbliebenen finanziellen Mittel 
offenbar sehr fraglich. Ob es den Kommunen durchweg möglich sein 
wird, ihrerseits in die Bresche zu treten, muß ebenfalls bezweifelt werden, 
wenn auch manche durch eine vorausschauende Bodenpolitik in besserer 
Lage befindliche Gemeinden dazu imstande sein sollten. In einzelnen 
Fällen, so in Stuttgart und Hannover, soll es übrigens, Zeitungsnachrichten 
zufolge, bereits gelungen sein, unter Einrechnung aller in Frage kommenden 
Flächen, der Kasernen und Schulhöfe, der Exerzierplätze der in dem Gesetz« 
entwurf gewünschten Minimalziffer nahe zu kommen. Daß es im Augen« 
blick weniger darauf ankommen wird, prunkvolle und luxuriöse Einrichtungen 
namentlich auch für das zuschauende Publikum zu treffen, als vielmehr 
umfangreiche und zweckmäßige, erscheint selbstverständlich; dagegen sollte 
bei der Erzielung eines hygienisch einwandfreien Bodens nicht mehr als' 
unbedingt nötig gespart werden. Wenn auch das englische Vorbild immer« 
grüner Rasenplätze bei unseren klimatischen Verhältnissen wenigstens im 
Binnenlande nur mit großen Unkosten erreichbar sein dürfte, so gibt doch 
andererseits der Anblick der in trockenen Zeiten von den Sandplätzen 
durch die Füße der Spielenden und Turnenden aufgewirbelten Staubwolken 
zu den gleichen Bedenken Anlaß, die die Turnhallen vielfach in Mißkredit 
gebracht haben. Mit Recht empfehlen die Ausführungsbestimmungen des 
Entwurfs daher den „Tennenboden“ nur als billigeren Notbehelf. Fach« 
männische Erfahrung wird hier sehr von Nutzen sein können, und es sei 
daher ausdrücklich darauf hingewiesen, daß beim Reichsausschuß eine 
besondere Beratungsstelle für Sportplatzanlagen besteht. Von Wichtigkeit 
wäre es meines Erachtens ferner, wenn in einem derartigen Gesetz eine 
gesonderte Behandlung der Spielplätze für die Jugend unter 10 Jahren und 
für die ältere Jugend bzw. die Erwachsenen auch hinsichtlich ihrer Lage 
innerhalb der Städte durchgeführt würde. (Hinsichtlich der zu wählenden 
Ausmaße und Ausstattung ist diese Einteilung nach den Vorschlägen von 
Dr.«Ing. Martin Wagner 1 ), Berlin, und Stadtbaurat P. Wolf 2 ), Hannover, 

1 ) „Städtische Freiflächenpolitik“. Schriften der Zentralstelle für Volkswohlfahrt, 
Heft 11 der neuen Folge. Berlin, Karl Heymann, 1915. 

2 ) Grundsätze für die Berechnung der erforderlichen Freiflächen für städtische 
Bebauungspläne. Jahrbuch für Volks* und Jugcndspielc. 26. Jahrg. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


95 


im Entwurf bereits enthalten.) Denn es erscheint für Sportplätze, die den 
Erwachsenen und Halberwachsenen dienen sollen, nicht unbedingt nötig, 
daß sie in unmittelbarer Nähe (bis zu 2 km) der Wohnstätte liegen. Die 
heutige Arbeitseinteilung gestattet jedem einen weiteren Anmarsch. Ja es 
ist sogar erwünscht, diese Anlagen mehr in die Peripherie zu verlegen, da 
einerseits dort die nicht immer vermeidbare Belästigung der Umwohner 
geringer, andererseits dort eine freiere Lage der Plätze möglich ist, und 
zudem die Grundstückspreise niedriger zu sein pflegen. Für die Jugend 
unter 10 Jahren wird es dagegen darauf ankommen, möglichst in der Nähe 
der elterlichen Behausungen Spielgelegenheiten zu schaffen und sie so dem 
auch hygienisch unerfreulichen Einfluß der Straße zu entziehen. Hier wird 
allerdings ein Anmarsch von 2 km das äußerste sein. Natürlich werden 
diese Plätze kleiner sein können (der Entwurf sieht als normale Größe 
0,5 ha statt 2 ha bei den Spielplätzen der Erwachsenen vor) und werden 
in ihrer Einrichtung anders gehalten sein müssen (z. B. Planschwiesen u. dgl.). 

Zu zweit ist zu erwähnen der vom Reg. * Präsidenten a. D. Dr. Pauli 
verfaßte und vom Reichsausschuß auf genommene Entwurf des Gesetzes 
für die körperliche Ausbildung der Jugend. Aus seinem Inhalt sei 
folgendes mitgeteilt: 

§ 1. Jeder deutsche Reichsangehörige ist in der Zeit von der Vollendung des 
schulpflichtigen Alters bis zur Volljährigkeit zu körperlichen Übungen verpflichtet. 

§ 2. Die Erfüllung dieser Pflicht erfolgt in den öffentlichen Unterrichtsanstalten, 
in denen die körperliche Übung in den Lehrplan aufgenommen ist, auf der Grundlage 
des Lehrplans. 

§ 3. Die Erfüllung der Pflicht kann erfolgen in Turn* und Sportvereinen, die 
von der oberen Verwaltungsbehörde als dem öffentlichen Volkswohl dienend anerkannt, 
oder durch Teilnahme an regelmäßigen Übungen und Wettbewerben, welche vom 
Reich, den Ländern, den Kommunalverbänden, Gemeinden und öffentlichen Anstalten 
(z. B. Hochschulen aller Art) eingerichtet sind. 

§ 5. Bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres eines deutschen Reichsangehörigen 
erfolgt die Ausstellung von Prüfungszeugnissen und Befähigungsnachweisen, sowie die 
Erteilung von Berufsgenehmigungen aller Art (Approbationen, Konzessionen usw.) seitens 
des Staates (Reich und Länder), den Gemeinden oder öffentlichen Anstalten nur gegen 
Vorlage eines Zeugnisses über die Erfüllung der körperlichen Übungspflicht. 

§ 6. Eine Befreiung von der Pflicht zur körperlichen Übung erfolgt für die 
Schüler öffentlicher Unterrichtsanstalten durch den Vorstand, im übrigen durch die 
untere Verwaltungsbehörde auf Grund ärztlichen Attestes, welches die körperliche 
Untauglichkeit zur Erreichung der vorgeschriebenen Mindestleistung enthalten muß. 
Verheiratete Frauen sind von der Ubungspflicht befreit. 

Es ist hier nicht der Platz, die praktische Durchführbarkeit dieses sehr 
weit gehenden Planes zu erörtern. Dagegen erhebt sich die Frage, ob der 
Volksgesundheit mit seiner Verwirklichung gedient wäre. Gerade wenn 
man die Leibesübungen vom hygienischen Standpunkte hoch einschätzt, 
wird man befürchten müssen, daß ein tief einschneidender Zwang autp* 
matisch eine Protestbewegung auslösen würde, ähnlich wie die eine erheblich 
geringere Belästigung und gesundheitliche Inanspruchnahme bedeutende 
Zwangspockenimpfung die Impfgegner auf den Plan gerufen hat. Jeden* 
falls kann durch Zwang auch die beste Sache unpopulär gemacht werden. 
Daß im Gegensatz dazu den freiwilligen hygienischen Maßnahmen eine 
elektive Wirkung zukommt, insofern sie von denen befolgt wurden, die 
gesundheitlich interessiert und mithin rassenbiologisch wertvoller sind, hat 
Flügge 1 ) — meines Wissens allerdings als einziger unter den führenden 


1 ) Grundriß der Hygiene, 7. Au Fl., S. 18. 


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Gerhard Wagner, 


Hygienikern — betont. Für die aktive Hygiene, bei der es sich ja nicht 
nur um Vermeidung gewisser Schädlichkeiten, sondern um positive Leistunen 
handelt, dürfte das in besonderem Maße gelten. Ja es kann bezweifelt 
werden, ob interesselos oder widerwillig ausgeführte Leibesübungen den 
funktionellen Reiz auf Körper und Geist auszuüben vermögen, der von 
ihnen erwartet wird. Jedenfalls erscheint es im Augenblick wichtiger, 
zunächst mal allen Kreisen des Volkes die Gelegenheit zu körperlichen 
Übungen zu schaffen; schon das wird bei der heutigen wirtschaftlichen 
Notlage schwer genug fallen. Wenn also die Wahrscheinlichkeit gering ist, 
daß der Entwurf des Gesetzes für die körperliche Ausbildung der Jugend, 
der übrigens; auch in Sportkreisen durchaus nicht ungeteilten Beifall findet, 
in der vorliegenden Form die Zustimmung der gesetzgebenden Körper» 
schäften erlangt, so ist das vom Standpunkt der Volksgesundheit weniger 
zu bedauern, als wenn auf das Reichsspielplatzgesetz verzichtet werden 
müßte. 

Von Interesse ist, daß zwei der uns ehemals feindlichen Länder die 
körperliche Erziehung zur Pflicht erhoben haben: Frankreich und Belgien. 

Des Vergleiches wegen seien die wesentlichen Artikel des französi* 
sehen Gesetzes hier angeführt: 

1. Die körperliche Erziehung ist für alle nicht invaliden Franzosen von Schul« 
beginn an bis zu ihrer Einstellung in das Heer obligatorisch. 

2. Die Körpererziehung bezweckt: 

a) durch geeignete Übungen die normale Ausbildung des Körpers zu gewähr¬ 
leisten, sowie jedem Gesundheit, größtmögliche Spannkraft und Wider¬ 
standsfähigkeit zu verschaffen; 

b) durch vernunftgemäßes Betreiben von Spielen und Sport männliche und 
moralische Eigenschaften zu erlangen und zu erhalten; 

c) den Körper widerstandsfähig zu machen, um so die durch den Beruf, den 
Militärdienst odet andere Anstrengungen bedingten Leistungen ohne Schaden 
zu ertragen. 

3. Die Bestimmungen dieses Gesetzes finden entsprechende Anwendung auch auf 
die körperliche Erziehung der jungen Mädchen und Frauen. 

Die Körpererziehung soll, wie weiter bestimmt wird, teils durch 
staatliches Personal in den staatlichen Schulen, Studentenverbindungen, 
anerkannten Jugendpflegevereinen und in besonderen von den Gemeinde* 
Verwaltungen zu organisierenden Lehrgängen, teils mit Hilfe der Vereins* 
Vorstände, Privatschulleiter sowie Familienvorstände in Vereinen, Privat* 
schulen und Familien erfolgen.- Die Aufsicht führt der Staat, und zwar 
durch das Unterrichtsministerium über die Schulen, durch die Militär* und 
Marinebehörde über die Wehrmacht sowie die zur Jugendausbildung zu* 
gelassenen Vereine und durch die Präfekturen über die von den Gemeinden 
eingerichteten Kurse. Diejenigen, welche die nötigen körperlichen Fertig* 
keiten nicht durch ein Zeugnis oder durch eine Prüfung vor der Ersatz* 
kommission dartun können, werden zwei Monate vor ihrem sonstigen 
Aushebungstermin zu einem Ergänzungsunterricht einberufen. 
Die Ausbildung der für den Unterricht in der körperlichen Ausbildung 
bestimmten Lehrkräfte erfolgt teilweise in einer Hochschule (6cole supörieure) 
für Körpererziehung in Joinville. Hier werden ausgebildet: 1. Fachlehrer 
und »lehrerinnen für das große Diplomexamen, das zum Unterricht an den 
Lehrerseminaren und Mittelschulen berechtigt; 2. militärische Lehrer. Zum 
anderen Teil erfolgt die Ausbildung in den Lehrer* und Lehrerinnenseminaren; 
hier erhalten die Schüler ein Befähigungszeugnis für den Unterricht in 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


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Körpererziehung an Volksschulen, in den Vereinen und den oben erwähnten 
Lehrkursen. Art. 10 ist der Mitwirkung der Medizinalbehörde ge« 
widmet. Er lautet: 


Die unbedingt notwendige Mitwirkung der Medizinalbehörde hat, wie folgt, zu 
geschehen: 

1. durch allmähliche Einrichtung von Lehrstühlen und Vorlesungen über körper¬ 
liche Ausbildung bei den medizinischen Fakultäten; 

2. durch Aufnahme folgender Wissensgebiete in die Promotionsbestimmungen 
zum Dr. med.: 

Anatomie und Physiologie, angewandt auf Freiübungen, Körpererziehungs« 
methoden und Training des Körpers; ärztliche Aufsicht über den Unter« 
rieht in Körpererziehung; 

3. im Interesse der Medizinstudierenden durch fachwissenschaftliche Vorträge 
während der Militärzeit der Studierenden, sei es an der Hochschule, sei es 
durch Kurse an den Zentralplätzen; 

4. durch Einrichtung und Ausbau der ärztlichen Aufsicht über den Unterricht in 
Körpererziehung in den Unterrichtsanstalten, Kursen und Vereinen. 


Die Beschaffung der nötigen Plätze und Räumlichkeiten wird kurzer« 
hand den Gemeinden, Departements und dem Staat auferlegt. Jedes Kind 
erhält ein „Gesundheitsbuch“, in das alles auf die körperliche Ausbildung 
Bezügliche eingetragen wird und das den Inhaber von der Schule bis zum 
Militär begleitet. 

Wenn auch das Gesetz — der Gesinnung des heutigen Frankreich ent« 
sprechend — offensichtlich vornehmlich der militärischen Erziehung der 
Jugend zu dienen bestimmt ist, so legt es doch Zeugnis ab von dem Emst, 
mit dem an der Regeneration des französischen Volkes gearbeitet wird. 
Manches, wie der oben mitgeteilte Art. 10, kann ohne weiteres als vor* 
bildlich bezeichnet werden. 

Das belgische Gesetz über die körperliche Erziehung vom 
2. Juli 1921 ist ähnlichen Inhalts. Es bezeichnet die körperliche Erziehung 
als Pflichtfach in allen dem Staat unterstellten oder von ihm unterstützten 
Unterrichtsanstalten. Diejenigen jungen Leute, die keinerlei Unterrichts* 
anstatt besuchen, sind verpflichtet, sich bei einem der staatlich genehmigten 
Turnvereine eintragen zu lassen. Nach erreichtem 18. Lebensjahr ist eine 
Turnprüfung abzulegen. Diejenigen, die diesen Nachweis verabsäumen, 
werden, wie in Frankreich, zwei Monate vor den übrigen Gestellungs« 
pflichtigen zu einer körperlichen Ausbildung einberufen. Jede Gemeinde 
mit mehr als 5000 Einwohnern hat mindestens einen Spielplatz und eine 
Turnhalle anzulegen. 

Im Gegensatz hierzu erscheint dem unbefangenen Beobachter die Tat» 
Sache beachtlich, daß England, „das Mutterland des Sports“, in seinen 
altbewährten Bahnen weiterwandelt. Dort ist der Sport längst Volkssitte, 
und wenn auch gelegentlich vom rein sportlichen Standpunkte aus mit 
einigem Befremden festgestellt wird, daß auch andere Nationen jetzt in 
den Leibesübungen den Engländern nicht mehr nachstehen, so denkt doch 
niemand an staatliche Eingriffe. 

Eine weitere Schöpfung des Reichsausschusses ist die „Deutsche 
Hochschule für Leibesübungen“. Dank der rastlosen Tätigkeit seines 
Generalsekretärs C. Diem, dem kürzlich von der Berliner medizinischen 
Fakultät die seltene Würde eines Dr. med. h. c. verliehen wurde, und der 
verständnisvollen Leitung des Rektors, des Berliner Chirurgen A. Bier, ist 
diese aus privater Initiative gegründete — von einem Staatszuschuß ab» 


Öffentliche Gcsundheitspflcj 

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>fleg< 1922. 


7 Original frei”. 
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Gerhard Wagner, 


gesehen —, aus privaten Mitteln unterhaltene, bisher staatlich noch nicht 
anerkannte Hochschule in den vier Semestern ihres Bestehens aus dem 
Stadium des Experiments herausgetreten. Der Bericht über das Sommer* 
Semester 1921, das dritte seit Begründung der Anstalt, nennt die Zahl 
von 228 Studenten, denen 3000 Lehrstunden erteilt wurden. Zur Zulassung 
ist das Reifezeugnis einer höheren 9 stufigen deutschen Lehranstalt oder 
ein Zeugnis, das zum Studium an anderen Hochschulen berechtigt (z. B. 
das Zeugnis der bestandenen zweiten Lehrerprüfung), erforderlich, doch 
werden — wenn auch nur in Ausnahmefällen — praktische Turner und 
Sportsleute beiderlei Geschlechts auch ohne die geforderte Schulbildung auf¬ 
genommen, wenn sie diese durch hervorragende Begabung und praktische 
Tätigkeit auf dem Gebiete der Leibesübungen ersetzen; die hierbei gestellten 
Anforderungen gehen über das Durchschnittsmaß weit hinaus. Das ur* 
sprünglich auf vier Semester berechnete Studium ist neuerdings auf sechs 
Semester bemessen worden. Durch billige Unterbringung möglichst vieler 
Studenten (im Sommer im Stadion im Grunewald) und Gewährung billiger 
Verpflegung werden den Studenten die Kosten des Studiums (die vor einem 
Jahre auf etwa 13 000 M. für das damals viersemestrige Studium berechnet 
wurden) möglichst niedrig gehalten. Das Ziel des Studiums ist eine Diplom* 
Prüfung. In ihr wird verlangt: erstens der Nachweis der eigenen körper* 
liehen Tüchtigkeit durch Pflichtübungen in der Leichtathletik (Schnell* und 
Dauerlauf, Springen, Kugelstoßen, Speerwerfen), im Turnen und im 
Schwimmen, sowie durch besondere Fertigkeiten in einem Sonderfach nach 
Wahl des Prüflings; ferner wird mündlich und schriftlich geprüft die Kenntnis 
vom Bau und den Lebensvorgängen des menschlichen Körpers, Psychologie 
und Pädagogik, Geschichte der Leibesübung, Organisation der Leibesübung 
treibenden Verbände, Regel- und Gerätekunde, Ubungsstättenbau. Den 
Diplom*Turn- und Sportlehrern, die in diesen Tagen zum ersten Male die 
Hochschule verlassen werden, eröffnet sich die Aussicht, als Turn* und 
Sportlehrer bei staatlichen Anstalten, z. B. bei den Hochschulen aller Arten 
oder kommunalen Ämtern für Leibesübungen, wie sie viele Stadtgemeinden 
(z. B. Nürnberg) oder auch Landbezirke (so der Kreis Beeskow in der Mark) 
zu schaffen im Begriff sind, Anstellung zu finden. Die weitere Entwicklung 
der Hochschule wird sicherlich nicht wenig davon abhängen, ob diese 
Hoffnungen sich verwirklichen werden. Für die ernste Auffassung von der 
Bedeutung dieses Studiums bürgt der Lehrkörper, der sich zum Teil auf 
bewährte Kräfte der Berliner Universität stützt; er ist gegliedert in vier 
Abteilungen: 1. Ubungslehre; hier sind hauptsächlich Praktiker in den ver* 
schiedensten Zweigen der Leibesübungen tätig; 2. Gesundheislehre (umfaßt 
Anatomie, Physiologie, Hygiene, Pathologie, Anthropometrie, Konstitutions* 
lehre); 3. Erziehungslehre: Pädagogik, Psychologie, sportliches Training; 
4. Verwaltungslehre: Organisation und Übungsstättenbau. Neben den regel* 
mäßigen Vorlesungen finden in jedem Semester einige Gastvorlesungen statt, 
für die auf dem Gebiete der Leibesübungen tätige hervorragende Persönlich* 
keiten herangezogen werden. So haben u. a. der Anthropologe Martin 
(München), der ärztliche Vorkämpfer der Leibesübungen F. A. Schmidt 
(Bonn) und der schwedische Physiologe Liljestrand an der Hochschule 
gelesen. Die Forschungsarbeit, die im Programm der Hochschule ebenfalls 
vorgesehen ist, ist noch in der Entwicklung begriffen. Die Schwierigkeiten 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


99 


in der Beschaffung der physiologischen Apparatur dürften überwunden sein, 
nachdem jetzt das Kaiser »Wilhelm «Institut für Arbeitsphysiologie (Leiter 
Prof. Ruhner) der Hochschule zur Verfügung steht. Außerhalb ihrer 
eigentlichen Aufgabe entfaltet die Hochschule eine rege Tätigkeit durch 
Veranstaltung zahlreicher kurzer, 14tägiger Lehrgänge für jedermann, teils 
im Berliner Stadion, teils in vielen Städten des Reiches — im letzten Jahre 
waren es 40 —, in denen in der Regel außer Dozenten und Studenten der 
Hochschule auch einheimische Lehrkräfte tätig waren. Auch Volkshoch* 
schulkurse in den Abendstunden für die berufstätige Bevölkerung erfreuten 
sich eines regen Besuches (im Oktober*Dezember 1921 2371 Anmeldungen!). 
Ferner verdient ein anthropometrischer Meßkursus für Berliner Lehrer, an 
dem 27 Damen und 8 Herren teilnahmen, besonders hervorgehoben zu 
werden. Da bei den im Rahmen der schulärztlichen Tätigkeit liegenden 
Messungen und Wägungen vielfach die Lehrkräfte zur Unterstützung heran» 
gezogen werden, so wird von solchen Lehrgängen eine Verbesserung der 
Technik solcher Untersuchungen und damit auch der Grundlagen für die 
so wünschenswerte Konstitutionsstatistik erwartet werden dürfen. Es sei 
bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß in Bayern umfassende Messungen und 
Wägungen an der Hand eines von dem Münchener Anthropologen Martin 
entworfenen „Somatologischen Beobachtungsblattes für Schulerhebungen“ in 
sämtlichen Volksschulen in der Durchführung begriffen sind. Auch hier 
sind die Lehrkräfte zu diesem Zweck in besonderen Kursen vorbereitet 
worden. 

Ein besonders glücklicher Gedanke war die Einrichtung von Lehr» 
gangen für Schüler in den Sommerferien des verflossenen Jahres. Da 
sich diese völlig in den Formen der Licht», Luft» und Sonnengymnastik im’ 
Stadion abspielen, für ausreichende Verpflegung zu billigem Preise gesorgt 
war, so liegt hier ein bemerkenswerter Versuch vor, der Großstadtjugend 
eine Sommerfrische zu beschaffen, die bei den immer stärker werdenden 
Reiseschwierigkeiten sonst wohl vielen nicht mehr erschwinglich sein wird. 
Trotz der regen körperlichen Tätigkeit während dieser Kurse wurden denn 
auch erheblich» Gewichtszunahmen festgestellt, die im Durchschnitt 2,25 kg 
am Ende des Lehrganges betrugen. Der weitere Ausbau dieser Veranstaltungen 
könnte von großer sozialhygienischer Bedeutung sein. 

Alles in allem erhält man von der Tätigkeit der Hochschule ein sehr 
erfreuliches Bild. Ihr weiteres Aufblühen wird letzten Endes davon ab* 
hängen, daß man ihr den ihr bisher fehlenden amtlichen Charakter nicht 
länger vorenthält, d. h. sie und das Diplomexamen zu einer staatlichen 
Einrichtung macht. Für eine Übernahme dürfte das Reich wohl in erster 
Linie in Frage kommen, da Preußen inzwischen der Landesturnanstalt in 
Spandau den Charakter als „Preußische Hochschule für Leibes* 
Übungen“ verliehen hat. Ob man hieraus schließen darf, daß der bisher 
kurzfristige seminaristische Unterricht an der Landesturnanstalt einem 
hochschulmäßigen Platz machen soll — was natürlich trotz der Konkurrenz 
mit der benachbarten deutschen Hochschule für Leibesübungen einen fort* 
schrittlichen Willen bedeuten würde —, bleibt abzuwarten. Einen erheb* 
liehen Schritt vorwärts hat Bayern getan, insofern es seine Landesturn* 
anstatt als turntechnisches Institut der Universität zu dieser in 
enge Beziehung gebracht hat. Der gesamte wissenschaftliche Unterricht 


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Gerhard Wagner, 


findet in der letzteren unter Benutzung der hier schon vorhandenen Vor« 
lesungen statt; die Ausbildung ist einer akademischen Laufbahn entsprechend 
verlängert worden. 

Für die allgemeine Verbreitung der Leibesübungen in unserem Volke 
wird die Stellung der Schule ihnen gegenüber von ausschlaggebender^ Be* 
deutung sein. Ohne Zweifel hat die jüngste Vergangenheit hier, manchen 
Fortschritt gebracht, so in Preußen und, soweit ich unterrichtet bin, auch 
in den meisten anderen Bundesstaaten, den allgemein verbindlichen all« 
wöchentlichen aufgabenfreien Spielnachmittag und die monatlichen Ganz« 
Wandertage. Die Forderung der Anhänger der körperlichen Erziehung geht 
aber weiter; sie treten für die tägliche Turnstunde ein. Die Ein wände 
der Schulbehörden gegen diesen Wunsch beziehen sich in der Regel auf 
die Unmöglichkeit, die geforderten wöchentlichen sechs Stunden im Lehrplan 
unterzubringen, und auf den Mangel an Übungsstätten und Lehrkräften. 
Diese Bedenken hat kürzlich Neuendorff 1 ) zurückgewiesen; die für die 
neue Oberschule vorgeschlagene Festsetzung der Wochenstundenzahl auf 30 
(26 wissenschaftliche, 2 Zeichen* und 2 Turnstunden) könne ohne Schaden 
für Lehrer oder Schüler in eine 32*Stundenwoche mit 24 wissenschaftlichen 
Stunden, 2 Zeichen* und 6 Turnstunden umgewandelt werden; auch würde 
es vollkommen genügen, von den sechs Turnstunden drei ausgebildeten und 
geprüften Turnlehrern zu übergeben, für die anderen drei aber unter der 
Aufsicht der Klassenleiter oder anderer jüngerer Lehrkräfte Turnen’im 
Jahnschen Sinne anzusetzen, d. h. Schwimmen, Wandern, Marschieren, je 
nach Möglichkeit und Geschmack. — Gerade in dieser freien Auffassung, 
die aus dem Schulstaub und dem Schulzwang hinausführt, wird die Forderung 
der täglichen Turnstunde die Zustimmung der Hygieniker finden. Beachtens* 
wert ist der in Berlin*Schöneberg gemachte Versuch, die Turnprüfu’ng in 
das Abiturientenexamen aequo loco mit den wissenschaftlichen Fächern 
aufzunehmen und zu werten. Eine Ausdehnung dieses Verfahrens, das 
den Leibesübungen in den Augen der Eltern, der Lehrer und der Schüler 
erhöhte Bedeutung verschaffen wird, auf alle höheren Lehranstalten soll 
Zeitungsnachrichten zufolge beabsichtigt sein. • 

Für die Durchführung der körperlichen Ausbildung der Fortbildungs* 
Schüler, die gesundheitlich besonders notwendig'ist, erscheint es zweck* 
mäßig, allen denjenigen Schülern, die bereits in einer privaten Sportvereinigung 
körperlichen Übungen obliegen, Befreiung von dem schulmäßigen Unterricht 
zu gewähren. Zweifeln darüber, ob durch einen derartigen vereinsmäßigen 
Betrieb das Ziel einer allgemeinen zweckmäßigen Durchbildung des Körpers 
erreicht wird, sucht die nachstehende, auf Wunsch des Preuß. Ministers 
für Handel und Gewerbe abgegebene gutachtliche Äußerung des Senats der 
Deutschen Hochschule für Leibesübungen zu begegnen: 

„Wir fassen den Begriff Turnen im Jahnschen Sinne auf, wonach darunter alle 
Formen der Leibesübungen, also auch die sportlichen, zu verstehen sind, und empfehlen 
daher, bei Ableistung des Fortbildungsschulunterrichts im Rahmen der Vereine alle 
Vereine, die Körpersport treiben, den Turnvereinen gleichzustellen. Einen einseitigen 
Sportbetrieb im Sinne einer schädlichen Wirkung gibt cs überhaupt nicht. Jede Leibes¬ 
übung hat ihren ganz besonderen Wert, der von anderen Übungen verschieden ist, 
und jede Leibesübung hat damit ihr Recht. Ein junger Mann, der beispielsweise in 
einem Verein nur Schwimmen betreibt, tut damit für seinen Körper etwas außer* 
ordentlich Nützliches. Er bildet ihn nach sehr vielen Seiten aus. Die Höhe des 


*) Turnen, Spiel und Sport, 2. Jalirg., S. 3. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


101 


Nutzens des Körpers wird nicht so sehr davon abhängen, ob er neben 
diesem Schwimmen noch andere Leibesübungen treibt, als vielmehr, mit 
welcher Intensität er überhaupt übt. Ein energisch durchgeführtes Schwimm# 
training ist für den Körper von höherem Wert, als eine lasch durchgeführte Übung 
in noch so vielen Zweigen von Turnen und Sport. Man soll daher der Neigung der 
Jugendlichen weitgehendst Rechnung tragen. Sie werden im allgemeinen, wenn sie sich 
irgend einem besonderen Sportzweig freiwillig in die Arme werfen, davon mehr körper# 
liehen Nutzen ziehen, als wenn sie gezwungen irgend eine bestimmte Form des Unter# 
richts genießen. Wir empfehlen dringend, in Anerkennung dessen die Sportvereine 
jeder Art in die Liste der anerkannten Vereine aufzunehmen. 

Die studierende Jugend der deutschen Hochschulen, die, wie man 
leider feststellen muß, bisher hinsichtlich ihrer körperlichen Leistungen 
weit hinter den englischen, amerikanischen, schwedischen Studenten stand, 
scheint nunmehr in dieser Hinsicht Wandel schaffen zu wollen: der vierte 
deutsche Studententag in Erlangen hat beschlossen, die Leibesübungen zur 
Pflicht zu machen: 

1. „Jeder Studierende ist zur Ableistung einer mindestens einmaligen Prüfung in 
verschiedenen Zweigen der Leibesübungen innerhalb seiner ersten zwei Studienjahre 
anzuhalten.“ Ferner: 3. „Als ordnungsmäßiges Betreiben von Leibesübungen gilt ein 
mindestens zweimal zweistündiges Üben in der Woche“; 4. „den Verpflichtungen 
gemäß 1 unterliegen alle Angehörigen der deutschen Studentenschaft mit Ausnahme 
solcher Studierenden, die gemäß Bescheinigung der Hochschule aus gesundheitlichen 
Rücksichten von der Ableistung der Prüfung befreit sind“; 6. „nach dreimaligem Nicht# 
bestehen der ganzen Prüfung oder eines Teiles derselben ist ein Studierender von 
weiteren Verpflichtungen zu entbinden.“ 

Ein einheitliches Leistungsbuch, in das die erzielten Ergebnisse, aber 
auch ärztliche Untersuchungsbefunde eingetragen werden, soll für jeden 
Studenten in Zukunft von seiner ersten Immatrikulation bis zur Ableistung 
der Prüfungen seitens der Ämter für Leibesübungen an den einzelnen Hoch# 
schulen geführt werden. Die Durchführung dieser Beschlüsse, wird neben 
den örtlichen Ämtern im wesentlichen dem kürzlich gegrüactetefc - deutschen 
Hochschulamt für Leibesübungen (Geschäftsstelle: Hannover; Technische 
Hochschule) obliegen, das durch Zusammenschluß'der veTsctiiedehe'n in 
dieser Richtung bisher tätigen Ausschüsse und Verbände geschaffen worden 
ist. Zu wünschen ist in erster Linie, daß die mutige Entschlossenheit, mit 
der sich die Studentenschaft ihre Aufgabe gestellt hat, in verständnisvollem 
Entgegenkommen der Hochschullehrerschaft ihren Widerhall finden möge. 

In der Stellung des Arztes zu den Leibesübungen, die in früheren 
Jahren im großen und ganzen ablehnend oder doch gleichgültig war, scheint 
allmählich mit der Zunahme der Ärzte, die selbst aus den Reihen der 
Turner und Sportsleute hervorgegangen sind, eine Wandlung im Sinne einer 
kräftigen Förderung derselben sich vorzubereiten. Die Notwendigkeit der 
ärztlichen Mitarbeit und ihre Zuständigkeit hat Thiele in einem Anfang 
Dezember im sächsischen Landesgesundheitsamt gehaltenen Vortrage dar# 
getan. Seine das Problem erschöpfenden Leitsätze lauteten: 


1. Der Wiederaufbau unserer Volkskraft ist im wesentlichen eine Aufgabe der 
körperlichen und geistigen Gesundheitspflege. Er kann deshalb nicht ohne die Mit# 
Wirkung der Arzte erfolgen. 

2. Ein wichtiger Teil der Gesundheitspflege sind die Leibesübungen, wenn sie als 
Leistungen der aufbauenden (positiven) Hygiene nicht überhaupt als deren wichtigster 
Teil anzusehen sind. 

3. So eifrig die Mitarbeit der Ärzte auf dem Gebiete* der Krankheitsverhütung 
und «Vorbeugung ist, so haben sich doch an der sachkundigen Förderung der Leibes# 
Übungen im allgemeinen bisher nur vereinzelte Ärzte beteiligt. 

4. Die Mitarbeit der Arzte auch auf diesem Gebiete ist angesichts des körper# 
ichen und seelischen Zusammenbruchs nötiger als je. Sie kann geschehen: 


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Gerhard Wagner, 


a) durch Selbstbetätigung in den zahlreichen Vereinigungen für Leibesübungen 
jeder Art, 

b) durch Überwachung, Beratung, Belehrung der Leibesübung Treibenden, 

c) durch Vertretung der Forderungen der Gesundheitspflege auf dem Gebiete 
der Leibesübungen an öffentlichen Stellen (Verwaltungen, Ämter), 

d) durch Einrichtung und Betrieb der Nothilfe bei Unfällen, 

e) durch eigene Forschungsarbeit, Vorträge und ähnliches. 

5. Ganz besonders wichtig sind die Leibesübungen in der Erziehung der Jugend. 
Es ist die besondere Aufgabe der Schulärzte, sich über die physiologischen Grund* 
lagen der Leibesübungen zu unterrichten und in der Schule besonders die hygienische 
Seite der Leibesübungen zur Geltung zu bringen. 

6. Solange die Leibesübungen nicht durch die Erziehung eine selbstverständliche 
Gewohnheit geworden sind, werden für die männliche und weibliche Jugend bis zum 
20. Jahre pflichtmäßige alljährliche körperliche Leistungsprüfungen nicht zu umgehen 
sein. Besonders vorgebildete Ärzte (Deutsche Hochschule für Leibesübungen, Berlin) 
werden hier einen dankbaren Wirkungskreis finden (Sportärzte). 

7. Die erfreulicherweise zunehmende Teilnahme immer größerer Kreise der Be* 
völkerung an den Leibesübungen erfordert eine größere Betonung ihrer gesundheit* 
liehen Seite. Jüngeren Ärzten ist daher die Erwerbung der Befähigung als Turn* und 
Sportlehrer dringend zu empfehlen. 

8. Die Frage der Beschaffung ausreichender Spielplätze, zumal in den Mittel* und 
Großstädten sowie Industrieorten bedarf dringend der baldigen Lösung. 

9. Es ist eine amtliche Zentralstelle zur Förderung der Leibesübungen einzurichten, 
an der außer dem Ministerium des Innern, dem Kultus* und Wirtschaftsministerium 
und den berufenen Vertretern der Leibesübungen im Lande auch das Landesgesundheits* 
amt und die Ärzteschaft mit Sitz und Stimme vertreten sind. 

Zur Überwachung, Beratung und Belehrung der Leibesübungtreibenden 
[s. 4b) der Leitsätze] bietet sich Gelegenheit durch Einrichtung sport* 
hygienischer Beratungsstellen. Solche bestehen, soweit bekannt, 
bereits in Hamburg, Hannover und Altenburg. Sie erteilen kostenlos 
jedermann ärztliche Beratung in Angelegenheiten der Leibesübungen. Aus 
Hänhover’wifd ^onl Leiter dieser Stelle, Medizinalrat Dr. Münter, berichtet, 
daß*''sich* an * 37* tJntersuchungsterminen 416 Personen eingefunden hatten 
/i4-::eiii: Äeu*Ken:, /daß: die Einrichtung einem Bedürfnis entspricht. Die 
Kosten* der TJntersuchungsstelle beliefen sich auf 9500 M. im Jahre 1921. 
Als Ergebnis von allgemeiner Bedeutung ist hervorzuheben, daß bei den 
Vereinsangehörigen sich nicht selten eine gewisse Einseitigkeit der Körper* 
bildung geltend machte, der am besten durch Betreiben passender „Er* 
gänzungssports“ abzuhelfen ist, z. B. ist einem Fußballspieler Rudern oder 
Schwimmen anzuraten. 

Einen beachtlichen Hinweis auf die ärztliche Betätigungsmöglichkeit 
enthält die Zeitungsnachricht, daß ein großes rheinisches Industrie* 
unternehmen zu seiner Beratung in allen die Gesundheit seiner Arbeiter¬ 
schaft betreffenden Fragen namentlich auch hinsichtlich der Leibesübungen 
einen auf diesem Gebiete erfahrenen Arzt bestellt habe. Der für den 
Sommer 1922 vom Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungswesen in 
Gemeinschaft mit der deutschen Hochschule für Leibesübungen geplanten 
Lehrgang für Ärzte verdient daher die Beachtung aller derjenigen Fach* 
genossen, die an der Gesundung unseres Volkes durch Förderung seiner 
körperlichen und damit auch geistigen Erstarkung mitarbeiten wollen. 

Schließlich ist noch die auf dem Gebiete der Leibesübungen neu 
erschienene Literatur einer kurzen Besprechung zu unterziehen. Be* 
merkenswert ist, daß auch in der medizinischen Fachpresse häufiger als 
früher von den Leibesübungen die Rede ist. So bringt u. a. Heft 11 der 
Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie einen Aufsatz von 

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Chronik der Gesundheitspflege. 


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Mallwitz, der die Leibesübungen als Lehr* und Forschungsfach 
zum Gegenstand hat und für jede wissenschaftliche Hochschule je nach 
den örtlichen Verhältnissen Vorlesungen, Übungen usw. aus diesem Gebiete 
fordert, damit namentlich die Mediziner nicht ganz ohne Kenntnisse in 
dieser Hinsicht in ihren Beruf treten. Ebenda behandelt Goldscheider 
die Notwendigkeit eines heilgymnastischen Unterrichts für körper* 
lieh minderwertige Schulkinder. 

Die Bedeutung der Leibesübungen für die Sozialversicherung legt 

R. Lehmann dar (Anlage zu Nr. 9 der amtlichen Mitteilungen der Landes* 
Versicherungsanstalt Rheinprovinz 1921). Er betont, daß ein Vorbeugen, 
namentlich gegenüber der Erkrankung an Tuberkulose, nach unserer heutigen 
Kenntnis nicht durch Schutzimpfungen, sondern lediglich durch Verbesserung 
der Konstitution, also durch Leibesübungen zu erreichen sei. 

Auch in der fachmännischen Behandlung turnerisch*technischer Einzel* 
fragen zeigt sich die zunehmende ärztliche Mitarbeit; so verteidigt — um 
einige Beispiele von allgemeinem Interesse herauszugreifen —- Müller 
(Münch, med. Wochenschrift 1921, Nr. 47) die Klappsche Tiefkriech* 
Stellung hinsichtlich ihres Einflusses auf die Wirbelsäule gegen die aus 
dem schwedischen Turnen übernommene Spannbeuge; erstere erscheint 
ihm stärker wirksam und ungefährlich, während die Spannbeuge bei 
schlechter Ausführung schädlich wirken kann. Die Technik der Brust* 
umfangsmessung behandelt Scheidt (Zeitschr. f. Kindertuberkulose 1921, 
Nr. 6/7). Vergleichende Untersuchungen ergaben die am meisten einwand* 
freien Resultate bei Messung in Höhe des Schwertfortsatzes bei lose hängenden 
Armen, da so im Gegensatz zu anderen Methoden Schulterblattwinkel und 
die Muskelwülste des großen Brust * und breiten Rückenmuskels keine 
Fehlerquelle bedeuten. 

Mehrere Arbeiten sind dem Sportarzt an der Preußischen Polizeischule 
für Leibesübungen, H. Herxheimer, zu verdanken; so über die Bradykardie 
der Sportsleute (Münchener med. Wochenschrift 1921, S. 1515), die wahr* 
scheinlich als Folge der vermehrten Kontraktionsfähigkeit und des ver* 
größerten Schlagvolumens des Herzens infolge von Hypertrophie anzusehen 
ist, und ferner über die Wirkung von primärem Natriumphosphat auf die 
körperliche Leistungsfähigkeit (Klin. Wochenschrift 1922, S. 480), die sich 
bei täglichen Gaben von 3 g „Recresal“ in einer meßbaren Steigerung der 
letzteren und in„ einem erheblichen Stoffansatz an Skelett und Muskulatur 
äußerte. Von allgemeiner Bedeutung sind die Beobachtungen des gleichen 
Autors über die Wirkungen leichtathletischen Sommertrainings auf die 
körperliche Entwicklung von Jünglingen (Virchows Archiv 1921, Bd. 233, 

S. 484): 


39 junge Leute im Alter von 16 bis 20 Jahren wurden während ihrer sommer* 
liehen Sporttätigkeit (Laufen, Springen, Werfen) einer Kontrolle hinsichtlich Längen« 
Wachstums, Gewichts, Muskulatur, Blutdrucks, Herztätigkeit und der Herzmaße unter« 
zogen; es ergab sich, daß der Stoffansatz, der bei jungen Männern im Stadium des 
starken Längenwachstums an sich schon vermindert ist, bei sportlicher Betätigung, die 
einen starken Wachstumsreiz auf die Muskulatur darstellt, auf allen anderen Gebieten 
gleich Null wird, ja daß sogar ein Verbrauch an Reservestoffen eintreten kann. Daraus 
ergibt sich die wichtige Lehre, daß in der Periode starken Längenwachstums ein 
Übermaß sportlicher Tätigkeit zu vermeiden und reichliche Ernährung geboten ist. 
Der Nutzen vernünftig geregelter Übung zeigte sich andererseits in einer Zunahme 
der Muskulatur um das Doppelte und des inspiratorischen Brustumfangs um das Vien 


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Gerhard Wagner, 


fache, gegenüber den wenig übenden Kontrollpersonen. Herzschädigungen traten 
niemals ein; sogar ein Fall von kompensiertem Herzklappen«(Mitrial»)fehler überstand 
das Training ohne subjektive oder objektive Beanstandung. 


Eine dem ärztlichen Berater oft vorgelegte Frage, ob in der heutigen 
Zeit der Nahrungssteuerung und Ernährungsknappheit dem im Wachstum 
begriffenen jugendlichen Organismus nicht wertvolle Baustoffe durch rege 
körperliche Betätigung zu Unrecht entzogen werden, findet eine beweis* 
kräftige Beantwortung in den statistischen Untersuchungen Kaups über 
die Einflüsse des Krieges auf die Konstitution der Münchener Volksschal* 
jugend (Münch, med. Wochenschrift 1921, S. 693): sie zeigten sich in der 
gegen die Friedenszahlen verminderten Größe und geringerem Gewicht. 
Dagegen war auffälligerweise ein relativ und teilweise absolut vermehrter 
Brustumfang festzustellen. Kaup erklärt dies wohl zu Recht mit der 
infolge des verminderten Schulunterrichts in der Kriegszeit vermehrten 
Spiel» und Tummelfreiheit der Schuljugend. Also selbst unter diesen höchst 
schwierigen Ernährungsbedingungen hat der funktionelle Reiz hinsichtlich 
der gesundheitlich bedeutsamen Breitenentwicklung nicht versagt. Daß im 
Gewicht und der Körperlänge der Organismus andererseits Opfer bringen 
mußte, ist zwar, namentlich was das Gewicht anbetrifft, nicht ohne, aber 
doch von verhältnismäßig geringerer Bedeutung. 

Von den zahlreichen einschlägigen Monographien möchte ich in erster 
Linie die neubearbeitete 5. Auflage von „Unser Körper“, Handbuch 
der Anatomie, Physiologie und Hygiene der Leibesübungen von 
F. A. Schmidt (Leipzig, R. Vogtländer, 1920) nennen. Jeder, der lernend, 
helfend oder lehrend mit den Leibesübungen zu tun hat, wird in diesem 
vorbildlichen Buche die Grundlage seines Wissens suchen müssen und 
finden. Gegenüber den früheren Auflagen ist vieles geändert und neueren 
Erfahrungen entsprechend verbessert, so daß das Werk durchaus auf der 
Höhe der Zeit steht. Ein weiteres', ebenfalls nun schon häufig (jetzt zum 
siebenten Male) aufgelegtes, mehr den praktischen Bedürfnissen der Leiter 
von Kampf* und Spielfesten dienendes Büchlein desselben Verfassers sei 
anschließend erwähnt; F. A. Schmidt, Wettkämpfe, Spiele, turnerische 
Vorführungen bei Jugend* und Volksfesten (Kleine Schriften des 
Zentralausschusses für Volks* und Jugendspiele, Bd. 2. Leipzig und Berlin, 
B. G. Teubner, kart. 5 M.). Ein neugeschaffenes, für den Praktiker sehr 
wertvolles Hilfsmittel, das allerdings in erster Linie für militärische Zwecke 
gedacht ist, ist die Vorschrift für Leibesübungen (Berlin; E. S. Mittler, 
1921, Preis 14,50 M.): Frei* und Gewehrübungen, Athletik, Schwimmen 
Gerätübungen, Spiele werden — nach einer allgemeinen Einführung — 
erschöpfend, kurz und knapp und ausgezeichnet illustriert dargestellt. 
Hierbei wird nicht nur die Technik geschildert, sondern auch der innere 
Wert der einzelnen Ubungsarten treffend gewürdigt, z. B. könnte in allen 
Schulturnhallen § 8 des Kapitels über Frei* und Gewehrübungen angeschlagen 
werden; „Zweckmäßigkeit ist der [Leitsatz für das ganze Gebiet der 
Frei* und Gewehrübungen. Beschäftigungstheorie bedeutet hier eine 
schwere Verkennung des ganzen Systems.“ Die allgemeine Bedeutung 
der Vorschrift geht mithin über ihre spezielle Bestimmung weit hinaus. 
Eine alljährliche Erscheinung auf dem Büchertisch ist das Jahrbuch für 
Volks* und Jugendspiele (Berlin und Leipzig, B. G. Teubner). Wenn 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


105 


auch die Not der Zeit den Umfang des vorliegenden 30. Jahrganges gegen« 
über seinen Vorgängern stark beschränkt hat, so bringt der Inhalt doch 
in gleichem Maße, wie früher, wertvolle Anregungen. Außer den Aufsätzen 
über die dänische Jugendbewegung, speziell die Volkshochschule 
(H. Dragehjelm), über die Turnprüfung an den höheren Lehranstalten 
(Dominicus), über den Alkohol im jugendlichen Gemeinschafts¬ 
leben (Brossmer), sind für die öffentliche Gesundheitspflege besonders 
die Richtlinien für eine planmäßige und umfassende Körperpflege 
auf dem Lande von Geheimrat Dr. Hagen von Bedeutung. Wenn auch 
für die Landbewohner die rein konstitutionellen Werte der Leibesübung 
nicht in dem Maße gelten, wie für die Städter, so sind bei ihm „körperliche 
und geistige Regsamkeit, Anstelligkeit, Sicherheit und Gewandtheit“ die 
Ziele der Leibeszucht. Ja man kann vielleicht noch mehr erhoffen, insofern 
kürzlich in einer Sportzeitung ausgeführt wurde, daß die Gewinnung des 
Landvolkes für die Anteilnahme am sportlichen Leben möglicherweise ein 
Mittel darstellt, um der Landflucht zu steuern. 

Eine Einführung in die Psychologie der Leibesübungen gibt die Vortrags« 
reihe „Leib und Seele im Sport“ von R. W. Schulte (Volkshochschul* 
verlag Charlottenburg 1921, Preis 6 M.), der die in neuerer Zeit auch auf 
anderen Gebieten, z. B. in der Berufsberatung, bekannt gewordenen Methoden 
der experimentellen Psychologie hier in ihrer Anwendung zu den ver* 
schiedenen Formen der Leibesübungen gemeinverständlich' erläutert! Das 
durch solche Versuche zu erstrebende Ziel wird vom Standpunkt der 
wissenschaftlichen Hygiene allerdings weniger die Festlegung bestimmter 
psychischer Qualitäten bei diesem oder jenem Sporttypus sein, als vielmehr 
der Nachweis, daß die Leibesübungen auch auf die geistigen Eigenschaften 
anregend und im Sinne einer aktiven psychischen Hygiene fördernd wirken. — 
Einen Einblick in eine schwierige physiologische Fragestellung gewährt das 
Werk von C. Oppenheimer, Der Mensch als Kraftmaschine (Leipzig, 
Georg Thieme, 1921, Preis 15 M.). Die Betrachtung des Menschen als eine 
einheitliche Maschine, und zwar als Wärmemaschine, lehnt der Verfasser 
ab; nur einen Bruchteil des Körpers, die Muskeln, läßt er als Maschinen« 
elemente gelten. Da aber außerdem noch eine große Reihe von Anlagen 
vorhanden sind, die nur sekundär dem maschinellen Zwecke dienen, z. B. 
Vorrichtungen für Aufnahme von Nährstoffen, deren Vorverarbeitung, für 
Aufspeicherung von Energiereserven, Verteilung durch den ganzen Organismus, 
für Ausscheidung der überflüssigen Abbauprodukte, sowie schließlich für 
die Lenkung und Organisation des ganzen komplizierten Betriebes, so ist 
der Mensch als ein ganzes Kraftwerk anzusehen mit den verschiedensten, 
dem inneren Betriebe dienenden Hilfsanlagen. Der Verfasser wünscht 
Physiologen, Techniker, Ärzte wie auch die Sportsleute selbst für dies 
biologische Problem zu interessieren. Endlich sei noch auf eine soeben 
erschienene Schrift programmatischen Inhalts hingewiesen: C. Diem, „Zur 
Neugestaltung der Körpererziehung“, ein Aufriß der Tagesfragen 
(Berlin, Weidemannsche Buchhandlung, 1922, 78 S.). Als wesentlichste 
Forderung stellt Diem die allgemeine Ausbildung des Körpers im Hinblick 
auf physiologische Ziele auf; letztere werden bestimmt durch die im Zu* 
sammenhang mit der Zivilisation und der mit ihr verbundenen Natur* 
entfremdung drohende Entartung des Menschengeschlechts in konstitutioneller 


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106 


Gerhard Warner, Chronik der Gesundheitspflege. 


Hinsicht (Schmalbrüstigkeit der hochaufgeschossenen Großstadtjugend); ihr 
können die Leibesübungen mit Erfolg entgegenwirken — eine Auffassung, 
die bereits von mir in dieser Zeitschrift (1920, S. 337) vertreten wurde. 
Darüber hinaus — und das glaube ich ergänzend hinzufügen zu sollen — 
ist auch die Fülle der psychischen Eindrücke zu beachten, die die Leibes« 
Übungen in ihren verschiedenen Formen auf den heutigen Kulturmenschen 
ausüben, und zwar nicht nur auf den aktiven Teilnehmer, sondern auch 
auf den Zuschauer; man kann in ihnen einen Ersatz für viele mit der 
fortschreitenden Zivilisation verlorengehenden natürlichen Reize sehen. 
Treffend charakterisierte neulich eine Zeitung die geistige Verfassung der 
einer Sportveranstaltung mit einer dem Fernerstehenden schwer faßlichen 
Hingabe beiwohnenden Volksmenge mit den kurzen Worten: „Sie erleben 
und sind zufrieden.“ Sollte nicht die Zufriedenheit als Grundlage geistiger 
Volksgesundheit — mag man sie nun als erstrebenswertes Ziel an sich 
oder als die Vorbedingung für die Durchführung sozialer Maßnahmen 
werten — ebenfalls einen Platz unter den Aufgaben der Gesundheitspolitik 
verdienen ? 


Besprechungen. 

Siemens. Einführung in die allgemeine Konstitutions* und Vererbungs* 
Pathologie. 229 S. Berlin, J. Springer, 1921. 64 M. 

Das Buch von Siemens erläutert im theoretischen Teil zunächst die konstitutions* 
pathologischen Grundbegriffe, bespricht sodann kurz die experimentellen und zytologi# 
sehen Grundlagen, eingehender die theoretischen Grundlagen der Vererbungslehre und 
die vererbungsbiologischen Grundbegriffe. Im praktischen Teil wird Sammlung und 
Aufzeichnung vererbungswissenschaftlichen Materials, sodann die Beurteilung ver* 
erbungswissenschaftlichen Materials und die Diagnostik der erblichen Krankheiten 
behandelt. Hier wird neben den klassischen Mendelzahlen und dem Einfluß der Bluts« 
Verwandtschaft die Bedeutung des Krankheitsverlaufes — richtiger der Zeit des Auf« 
tretens, des familiären Auftretens wie des Fehlens äußerer Ursachen und der Einheitlich# 
keit des klinischen Krankheitsbildes erörtert. (Zu bemerken ist dazu, daß nicht bloß 
ein Plus, sondern auch ein Minus an Blutsverwandtenehen von Bedeutung sein kann 
und beides Folge eines Dominierungsverhältnisses ist. Die Abweichung von der Normal# 
zahl kann aber so gering sein, daß sie im positiven wie im negativen Sinne keinen 
Schluß zuläßt.) 

Unter Ätiologie der erblichen Krankheiten werden Idiokinese, Selektion, Degene* 
ration, Antizipieren, Gesundheitspolitik, Kontraselektion besprochen. Hier werden 
die ichtigsten rassenhygienischen Probleme behandelt. Im Kapitel über die Therapie 
wird die ausschließliche Bedeutung der Selektion hervorgehoben und das rassen* 
hygienische Programm in seinen Einzelheiten erläutert. Schließlich wird Rassenhygiene 
als Lehrfach gefordert. 

Endlich gibt ein Anhang auf 6 Seiten eine Übersicht über unser Wissen von der 
Vererbung bei einer großen Zahl von Krankheiten, ohne Stammbaum und Erläuterung 
der Namen, und eine Übersicht über die vererbungsbiologische Terminologie, sowie 
einen kurzen Überblick über die Literatur. 

Das Buch ist wohl geeignet, der Einführung in die Vererbungslehre zu dienen, 
wenn es auch in manchen Punkten nicht auf dem neuesten Standpunkte steht — so 
vermißt man die Lehre von dem Faktorenaustausch, die aber erst während der Fertig# 
Stellung des Buches bekannt wurde und auch bei Bauer#Fischer«Lenz nicht genügend 
gewürdigt ist und nicht überall kritisch tief eindringt. So vermisse ich eine Ablehnung 
der Korrelationsberechnungcn, die sich durch anderweitige einfachere Methoden ersetzen 
lassen, und die Aufnahme meiner Selbstkritik der Geschwistermethode. Die Kenntnis 
dieser hätte auch Siemens davor bewahren müssen, die niederen Zahlen bei Dementia 
praecox auf polyide Vererbung zurückzuführen. Hier stehen wir vor der Frage: 
Polymerie, Außenfaktoren oder Kontraselektion im Fötal# und Kindesalter? 


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Besprechungen. 


107 


Die Einfachheit und Übersichtlichkeit der Darstellung und das Vermeiden kom* 
plizierter Probleme stellen aber einen zweifellosen Vorzug dar, vor allem ist das Buch 
auch frei von dogmatischer Herrschaft, und das Studium der komplizierteren Probleme 
ist Sache der Vertiefung in die Original werke. 

Ich möchte keine Entscheidung zwischen den beiden Werken von Siemens und 
Bauer«Fischer«Lenz treffen, wer sich ernstlich einarbeiten will, wird sich beide 
anschaffen und beide mit Kritik lesen müssen. Weinberg (Stuttgart.) 


Grotjahn. Leitsätze zur sozialen und generativen Hygiene. Sozialhygienische 
Abhandlungen Nr. 3. 36 S. Karlsruhe, Müller. 8,40 M. 

Der Verf. kennzeichnet kurz die allgemeinen und einige der wichtigsten be* 
sonderen Aufgaben der sozialen Hygiene, die neben individueller und Fortpflanzungs* 
hvgiene die physikalisch «biologische Hygiene zu ergänzen hat. Im ganzen nandelt es 
sich nur um eine Altera versio bereits früher vertretener Anschauungen und um eine 
schärfere Zusammenfassung des Wesentlichen, deren Anfänge bereits in der alten 
Auflage der sozialen Pathologie erkennbar- sind. Vielfach wird man sogar sagen müssen, 
daß das Prinzip der Kürze gewaltsam auf Kosten der Verständlichkeit durchgeführt 
ist, in einem etwas grotesken Gegensatz dazu steht die liebevolle aber entbehrliche 
Versenkung in die Darstellung der Technik des Cökalkondoms. 

Auffallend stark ist die Bedeutung der Vererbung und der Konstitution in 
dem Kapitel über Tuberkulose hervorgehoben. In dem zweiten Kapitel besteht ein 
Widerspruch zwischen Überschrift und Inhalt, denn von anderen Hilfswissenschaften 
als Statistik steht nichts darin. Wenn gesagt wird, daß auch die Politik zahlreiche 
Anknüpfungspunkte gewähre, so ist das richtig, und auch die Forderung, daß die 
soziale Hygiene ohne Rücksicht auf eine Partei an ihre Aufgaben herantreten und sie 
lediglich mit den ihr eigentümlichen Methoden lösen soll, ist äußerst beherzigenswert. 
Aber was hat das mit Hilfswissenschaften zu tun? Tatsächlich nennt Grotjahn 
keine außer der medizinischen Statistik. 

Einen faktischen Defekt enthält das Kapitel über soziale Hygiene der Arbeit. 
Hier hätten wir eine wuchtige Kritik des Taylorismus in echt Grotj ahnschem Stile 
erwartet. Er fordert allerdings eine Naturgeschichte der Arbeit als Grundlage ihrer 
Rationalisierung. Diese Rationalisierung kann aber nur in der Vermeidung der durch 
den Taylorismus angestrebten überspezialistischen Versimpelung, positiv ausgedrückt, 
in dem Streben nach tunlichster Abwechslung in der Arbeit bestehen, wie sie der 
Beruf des Landwirts in idealster Vollkommenheit darbietet. Deshalb schreit auch der 
Landwirt nicht simpelhaft nach dem Achtstundentag. In dem Mangel an Abwechslung 
liegt der Hauptfaktor der derzeitigen Organisation der Arbeit. Jeder Mensch sollte 
mindestens zwei Berufe lernen und sie je nach Bedarf zu verschiedenen Tages« oder 
Jahreszeiten oder wöchentlich abwechselnd ausüben, wenigstens bis zu einem be* 
stimmtem Alter. ' 

Daß Grotjahn in einem sozialen Staate noch von Elternschaftsversicherung 
redet, ist auch nicht konsequent. Ein sozialer Staat kann doch nicht auf jede Ver* 
Sicherung mit komplizierten mathematischen Grundlagen verzichten. Der Literatur* 
bericht ist wieder einmal äußerst dürftig behandelt. Weinberg (Stuttgart). 


E. G. Dresel. Die Ursachen der Trunksucht und ihre Bekämpfung durch 
die Trinkerfürsorge in Heidelberg. Heft 5 der Abhandlungen aus dem 
Gesamtgebiete der Kriminalpsychologie, herausgegeben von K. v. Lilienthal, 
S. Schott, K. Wilmanns. 125 S. mit 22 Abbild. Berlin, J. Springer, 1921. 
69 M. 

Dresel hat in dieser gründlichen und eingehenden Untersuchung 151 Fälle 
(148 männlich) der Trinkerfürsorgcstelle Heidelberg bearbeitet. Besonders leitete ihn 
dabei die alte Streitfrage, ob Umweitschäden oder regelwidrige geistige Veranlagungen 
für die Trunksucht des einzelnen ausschlaggebend seien — wobei allerdings, wie er 
selbst hervorhebt, die Klarstellung erheblich dadurch erschwert wird, daß sowohl 
hinsichtlich der Umwelt, wie hinsichtlich der geistigen Abnormität ein und derselbe 
Befund das eine Mal Ursache, das andere Mai erst Folge der Trunksucht sein kann. 
Dieser Schwierigkeit suchte der Verf. durch sorgfältige Zusammenstellung der Lebens* 
laufe der einzelnen zu begegnen. 

Demgemäß befaßt sich ein größerer, grundlegender Teil mit den Lebens* 
Verhältnissen der Eltern der Trinker, deren eigenen Lebensverhältnissen und ihrem 
Familienleben (S. 5 bis 21; dazu im Anhang eine Anzahl ausgewählte Lebensläufe). 
Dann folgen Abschnitte über die Bekämpfung des Übels — behördliche Maßnahmen 


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108 


Besprechungen. 


der Trinkerfürsorgestelle (Wirtshausverbot, Entmündigung, Renten in Sachleistungen, 
Armenunterstützung der Familie), Aufnahmen in Trinkerheilstätten, die Irrenklinik, 
das Arbeitshaus — und ihren Erfolg. Ein eigenes Kapitel ist endlich der Straf* 
fälligkeit der Trinker gewidmet, namentlich unter dem Gesichtspunkte, ob die 
Trunksucht eine besondere Straffälligkeit auslöst, oder ob diese in geistiger Regel* 
Widrigkeit ihre Ursache hat, die je nach Anlage mit oder ohne den Einfluß des 
Alkoholmißbrauchs zu besonderen Arten von Vergehen geneigt macht. (Ein Anhang 
bietet schematische Darstellungen, die von 22 Trinkern neben den behördlichen Unter* 
bringungen im allgemeinen und den Aufenthalten in Krankenanstalten besonders auch 
die Strafregister und Einsperrungen in Strafanstalten enthalten.) 

Aus den Schlußfolgerungen des Verf. greifen wir folgendes heraus: Von den 
151 untersuchten Trinkern erwiesen sich alle diejenigen, die vor dem 21. Lebensjahre mit 
dem Trunk begannen, als geistig abnorme Persönlichkeiten. Unter den anderen sind 
neben solchen auch geistig Gesunde, die durch schwere berufliche oder häusliche Um* 
weltschäden verschiedenster Art ans Trinken gerieten. Was die Heilungsaussichten 
anbelangt, so sind sie, solange eine tiefgehende Charakterveränderung infolge der 
Trunksucht noch nicht eingetreten ist, bei den geistig Gesunden am günstigsten. Die 
geistig minderwertigen aktiven Persönlichkeiten und die an sittlichem Schwachsinn 
Leidenden sind so gut wie hoffnungslos. Geistig abnorme Anlage enthält in sich die 
Neigung („Disposition“) zur Trunksucht. Die Kriminalität der Trinker ist nach 
Verf. — abweichend von anderen Forschern — meist keine Folge des Trunks, vielmehr 
sind beide nebeneinander hergehende Folgeerscheinungen mehr oder weniger stark 
regelwidriger geistiger Veranlagungen. „Die sich gegen den Trinker wendenden 
gesetzlichen Mittel zur Bekämpfung der Trunksucht könnten bei sachgemäßer 
und strengerer Handhabung mehr leisten als bisher. Eine Verbesserung in der An* 
Wendungsmöglichkeit des dauernden Wirtshausverbotes ist notwendig.“ Die Ent* 
mündigung sollte in den meisten Fällen früher einsetzen und bedeutend häufiger an* 
gewandt werden. 

Der Inhalt des Buches ist zugleich ein eindrucksvolles Zeugnis für die Wichtig* 
keit und Notwendigkeit der organisierten Trinkerfürsorge, wie sie insbesondere vom 
Deutschen Verein gegen den Alkoholismus begründet und getragen ist. 

Flaig (Berlin). 

Max Nassauer. Des Weibes Leib und Leben in Gesundheit und Krank* 
heit. Stuttgart, Ernst H. Moritz, 1921. 

Es ist keine Frage, daß die meisten populären Darstellungen der Funktionen des 
weiblichen Körpers besser nie geschrieben worden wären, da sie oft mehr Schaden 
anrichten als Nutzen. Mit bestem Gewissen kann daher jeder Jungfrau, Frau und 
Mutter das vorliegende Buch von Nassauer empfohlen werden, ist doch Nassauer 
als Forscher und Dichter in den weitesten Kreisen bekannt und geschätzt. Das 
Büchlein zeichnet sich neben dem richtigen Inhalt durch eine ausgezeichnete Dar* 
Stellung aus; auch die Abbildungen sind größtenteils gut. Für eine Neuauflage dürfte 
es sich aber empfehlen, die Abbild. 40 bis 49 durch moderne zu ersetzen. 

Engelhorn (Jena). 

Juckenack. Zur Reform der Lebensmittclgesetzgebung. Wege der Volks* 
Wohlfahrt, Heft 6. 28 S. Berlin und Leipzig, Verein wissenschaftl. Verleger, 

1921. 4 M. 

Juckenack. Die deutsche Lebensmittelgesetzgebung, ihre Entstehung, 
Entwicklung und künftige Aufgabe. 27 S. Berlin, J. Springer, 1921. 
4,50 M. 

Die beiden Hefte ergänzen einander. In dem einen ist ein allgemeiner Abriß 
der deutschen Nahrungsmittelgesetzgebung und Kontrolle mit zahlreichen Anführungen 
alter Vorschriften gegeben. Das andere kennzeichnet die Bedürfnisse, denen nach 
den großen praktischen Erfahrungen des Verf. die Nahrungsmittelgesetzgebung genügen 
muß. Die Schriften sind allgemeinverständlich gehalten und gerade heute sehr zeit* 
gemäß, wo eine Neugestaltung unseres Lebensmittelgesetzes von 1879 unmittelbar 
bevorsteht. Abel. 


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gebunden M. 28,— 


Sämtliche Preise erhöhen sich um den Verlags - Tcuerongszuschlag. 


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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. F\. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.) ; Reg.-und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-lng. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 


herausgegeben von 


Prof. Dr. R. Abel 

Geh. Obermedizinalrat 
Jena 


und Dr. S. Merkel 

Obermedizinalrat 

Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland ln der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 4 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 



Druck und Verlag 

Friedr. Vieweg & Sohn Mkt.-Ges 

Braunschweig 1922 














I 

Inhalt des vierten Heftes. 


Seite 


Über geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. Von Dr. med. 
Fetscher. (Aus dem Hygienischen Institut der Technischen Hoch¬ 
schule Dresden. Direktor: Prof. Dr. Ph. Kuhn).109 

Prinzipienfragen bei den Gesetzentwürfen zur Bekämpfung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten. Von Dr. med. Dreuw in Berlin.117 

Das Desinfektionsverfahren mit Blausäure. Von Kreisarzt Dr. Wolf in 

Cassel. (Zusammenfassende Übersicht II).126 

Chronik der Gesundheitspflege. Infektionskrankheiten. Von Ober¬ 
medizinalrat Dr. Franz Spaet in München.. . 131 

Besprechungen: 

Bericht über den ersten Deutschen Gesundheitsfürsorgetag in Berlin, 

am 25. Juni 1921. (Sieveking-Hamburg).141 

Ländliche Kleinkinderfürsorge. (Sieveking-Hamburg). »141 

Ad. Czerny. Die Bekämpfung der Kindertuberkulose. (Solbrig- 

Breslau).142 

W. Fenkner. Die Tuberkulosefürsorge auf dem Lande. (Solbrig- 

Breslau). ,142 

Hahn. Die Reformation des Heilwesens. (SoIbrig-Breslau) . . 142 

Glaubitt. Ernährungszustand der Bevölkerung in Preußen im 

Jahre 1920. (So Ibrig-Breslau). 143 

Emil Abderhalden. Das Recht auf Gesundheit und die Pflicht, 

sie zu erhalten. (Kisskalt-Kiel). 143 

Franz Spaet. Der Fürsorgearzt. (Kisskalt-Kiel).143 

B. Chajes. Kompendium der sozialen Hygiene. (Dresel-Heidelberg) 143 

Leopold von Wiese. Einführung in die Sozialpolitik. (Dr. W. 

Abel-Jena).144 

R. Fischer. Hygiene der chemischen Großindustrie. 3. Teil: 
Organische Betriebe. (Abel).144 

Kleinere Mitteilungen.144 



Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert. 




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Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 4. 


[Aus dem Hygienischen Institut der Technischen Hochschule Dresden. 
Direktor: Prof. Dr. Ph. Kuhn.] 


Über 

geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 

Von Dr. med. Fetscher. 

Vorwort. Trotz aller gesellschaftlichen Vorurteile hat sich in aller Stille eine 
Reform des „Sichfindens“ angebahnt, nachdem die bisher übliche Art und die im 
Urteil der meisten allein zu billigende des zufälligen Zusammentreffens sich immer 
mehr als unzureichend erwiesen hat. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die den Mut 
hatten, diese Tatsachen auszusprechen und in der Erkenntnis der sozialen Gefahr der 
jetzt üblichen öffentlichen Wege auch für das Gebiet der Eheanbahnung behördliche 
Einrichtungen zu fordern. Wenn ihnen bisher offensichtlicher Erfolg gefehlt hat, so 
ist die Ursache darin zu suchen, daß es fast allgemein als peinlich empfunden wird, 
das intimste Erleben des Menschen zum Gegenstand staatlicher Regelung zu machen. 
Es darf indes nicht verkannt werden, daß gerade die Ehe das weitaus wichtigste 
Ereignis im Leben des einzelnen wie des Staates darstcllt, daß in letzter Linie der 
Bestand eines Volkes, sein Aufstieg oder Niedergang nur von der Zahl und Fruchtbar* 
keit seiner Ehen abhängt. Gerade jetzt nach den schweren Opfern des Krieges und 
— des „Friedens“ — wird es zur Pflicht nationaler Selbsterhaltung, dem Gebiete der 
Eheschließungen erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden und unter Aufgebot aller Mittel 
gesunde Ehen zu fördern. 

Die Notwendigkeit möglichst baldiger behördlicher Regelung der Eheanbahnung 
zu erweisen, ist Ziel nachstehender Ausführungen. Ich habe mich bemüht, einwand* 
freies Zahlenmaterial zusammenzutragen und Tatsachen sprechen zu lassen, um dem 
Widerstreit persönlicher Ansichten und Meinungen zu entgehen und zugleich eine feste 
Grundlage für Versuche einer eingreifenderen Neuregelung zu schaffen. 

Die Verhältnisse aller Arten der Eheanbahnung im ganzen Deutschen Reich zu 
erfassen, übersteigt die Arbeitskraft eine9 einzelnen, weshalb ich mich auf ein eng* 
umgrenztes Gebiet, auf Württemberg allein, beschränkt habe, und nur dort darüber 
hinausgriff, wo es mir zur Vervollständigung meiner Erfahrungen nötig erschien. Ich 
hielt dieses Vorgehen, in räumlicher Begrenzung alle Arten des öffentlichen Sichfindens 
zu erfassen, für geeigneter, ein allgemeingültiges Bild zu entwerfen, als etwa den 
Versuch, nur eine bestimmte Art der Eheanbahnung, vielleicht die der konzessionierten 
Vermittelungen, in erweitertem Umfange zu untersuchen. 

Die literarische Ausbeute über das in Frage stehende Gebiet war recht gering. 
Ernsthafte Würdigung finden Heiratsanzeige und Vermittelung bei Bebel (Die Frau 
und der Sozialismus), dem die Verbreitung dieser öffentlichen Wege der Eheanbahnung 
als Beweis der Verkommenheit der bürgerlichen Gesellschaft erscheint. Eine svste* 
matische Beschäftigung mit dem Vermittlerwesen scheint seinem Urteil allerdings 
nicht vorausgegangen zu sein. Er sammelte offenbar lediglich verschiedene sensatio* 
nelle Zeitungsnachrichten, die er im Sinne seiner Theorie verwertete. 

Mataja (Heiratsvermittelung und Heiratsanzeigen, München 1920) gebührt das 
Verdienst, als erster sich eingehender mit dem Vermittclungswescn befaßt zu haben, 
wenn er auch statistisch brauchbare Angaben vermissen läßt. In vorliegender Arbeit 
ist vielfach auf ihn Bezug genommen, weshalb sich eine genauere Inhaltsangabe seiner 
Ausführungen schon hier erübrigt. 

Zahlreicher sind die Veröffentlichungen zur Frage der amtlichen Ehcvermittclung. 
Die bisher erschienene Literatur ist im zweiten Teile dieser Arbeit besprochen, der 
sich mit Notwendigkeit und Form behördlicher Eheanbahnung befaßt. 


1. Die Heiratsanzeige. 

Die erste Heiratsanzeige ist nach Sampson (A history of advertising, 
London 1875) in England in der Collection for Improvement of 


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110 


F c t s c h c r, 


Husbrandry and Trade am 19. Juni 1695 erschienen. Es handelt sich 
um zwei ehelustige Männer. 1758 folgt in Deutschland das Heiratsgesuch 
eines „Honetten Frauenzimmers“ in einem Frankfurter Blatt (Mataja, 
Heiratsvermittelung und Heiratsanzeigen, München 1920). 1793 erschien 

in der Wiener*Zeitung die erste Heiratsanzeige in Österreich. Typisch 
für die beiden letztgenannten ist es, daß in ihnen wirtschaftliche Gründe 
zum Anlaß der Suche nach einem geeigneten Partner wurden. Liegen nun 
auch die ersten Anfänge der Heiratsanzeige überraschend weit zurück, so 
hat sie doch erst in den letzten Jahrzehnten immer steigende Bedeutung 
gewonnen, so daß nun mit vollem Recht von „einem nicht mehr ungewöhn* 
liehen Wege“ gesprochen werden darf. 

Für die meisten Ehelustigen spielen wirtschaftliche Gründe die Haupt* 
Ursache, in aller Öffentlichkeit nach einem Partner zu suchen. Nicht selten 
finden die materiellen Gründe einen für gesundes Empfinden geradezu 
verletzenden Ausdruck, wie in den recht häufigen Anzeigen folgender Art: 

„Tüchtigem Fachmann der Schuhwarenbranche ist Gelegenheit zur Einheirat 
geboten usw.“ 

oder: 

„Zur Vergrößerung meines .... Geschäfts suche ich eine Frau mit minde* 
stens .... M. Vermögen usw.“ 

ferner: 

„25jähr. Student wünscht sich zwecks Vollendung seiner Studien mit ver* 
mögender Dame zu verheiraten . . . .“ 

und: 

„Bei 50jähr. Geschäftsfrau kann sofort eingeheiratet werden.“ 

Vielfach wird eine etwas verschleiernde Form gewählt und als Einleitung 
die Formel: 

„des Alleinseins müde“ 

gebraucht. Fast immer folgt aber schließlich der Wunsch nach „vermögender 
Dame“ oder nach Herrn „in gesicherter Lebensstellung“. Unter allen 
Heiratsanzeigen, die ich für vorliegende Arbeit gesammelt habe, findet sich 
eine einzige, in der das Verlangen nach Kindern als Grund des Ehewunsches 
angeführt wird. Wieviel unterdrückte Sehnsucht nach dem natürlichen 
Mutterberufe unter den weiblichen Anzeigern zu dem Entschluß in die 
Öffentlichkeit zu treten mitspielen mag, entzieht sich natürlich einer 
statistischen Betrachtung. Es werden wohl Motive der verschiedensten 
Art zusammen wirken. Nicht selten spielt neben dem Wunsch sich zu 
„versorgen“ das Bestreben, aus der Öde eines nicht zusagenden Berufes 
herauszukommen, eine wichtige Rolle. 

Nebenstehende Tabelle zeigt die soziale Verteilung der männlichen 
Ehebewerber. Auffallend hoch ist die Zahl der Akademiker unter ihnen, 
die beinahe 10 Proz. der Gesamtsumme ausmachen. Bemerkenswert ist 
ferner die große Zahl der in der Spalte „Berufe des gebildeten Mittel* 
Standes“ befindlichen Bewerber, die sich hauptsächlich aus Beamten und 
Kaufleuten zusammensetzen neben einer geringeren Zahl von Industriellen 
und Lehrern. Dieser geistige Mittelstand macht die Hauptmenge aus und 
beherrscht mit seinen Eigentümlichkeiten das Bild. Als „selbständige Klein* 
bürger“ wurden alle kleinen Gewerbetreibenden und die spärliche Zahl von 
Bauern zusammen gefaßt. 


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Über geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


111 


Tabelle 1. 

Unter 1346 männlichen Ehebewerbern, die Alter und Beruf angegeben hatten, 

befanden sich im Alter: 




-_ 






bis zu 

25 Jahren 

von 

25 bis 

30 Jahren 

von 

30 bis 

40 Jahren 1 

1 

von 

40 bis 

50 Jahren j 

über 

50 Jahren 

Summe 

Akademiker .... 
Berufe des gebildeten 

1 

9 

67 

35 

1 

23 

135 

1 

Mittelstandes . . . 
Selbständige Klein* 

32 

197 

549 

121 

57 

956 

1 

bürger. 

23 

27 

28 

22 

9 

109 

Arbeiter. 

22 

57 

32 

28 

7 

146 


Tabelle 2. 

Im Laufe eines Monats fanden sich in 9 großen Tageszeitungen 1 ) und 22 kleinen 

württembergischen Zeitungen: 



c 

CJ 

X 

c 

c 


£ 

o 

Cß 

o 

V D 

o X 

CO o 

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8 -g 

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C/3 

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CO 

c 

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o 

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M o 
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— 

Q 2 

*1 

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O * 

c c <u 

Q u , 

^ O üT 
*-• pC 


E 

*5 

X 


> 

r; cd c 

3243 

280 

2963 

1672 

1291 

266 (153) 

100,0 

8,1 

91,9 

1 

51,5 

40,4 

— 

— 

— 

100,0 

56,3 

43,7 

8,9 

892 

57 

835 

478 

357 

81 (58) 

100,0 

6,3 

93,7 

53,5 

40,2 

— 

— 

— 

100,0 

57,2 

42,8 

9,8 

, Leipziger 

Neueste Nachrichten, 

Berliner 

Tageblatt 


Insgesamt. 

In Proz. von der Gesamt* 

zahl. 

In Proz. von den direkten 
Heiratsgesuchen . . . 

Württemberg. 

ln Proz. von der Gesamt* 

zahl. 

ln Proz. von den direkten 
Heiratsgesuchen . . . 

x ) Frankfurter Zeitung, 

Münchener Neueste Nachrichten, Kölnische Zeitung, Kölnische Volkszeitung, Stutt* 
garter Neues Tageblatt, Württembcrger Zeitung, Schwarzwälder Bote. 


Tabelle 3. 

Im Laufe eines Monats fanden sich nach Abzug der Bewerber, die kein Alter 
angegeben hatten (vgl. Tabelle 2): 


Ins* 

gesamt 


Davon 
bis zu 
25 Jahren 


25 bis 30 bis 
30 Jahren 40 Jahren 


40 bis 
50 Jahren 


Über 
50 Jahre 


Männlich. 

„ in Proz. . . 

Weiblich. 

„ in Proz. . . 


1560 111 

100,0 7,1 

1133 121 

100,0 10,1 


362 

23,2 

238 

21,0 


711 

45,0 

520 

43,4 


260 

16,6 

258 

22,4 


116 

8,1 

36 

3,2 


Württemberg 


Männlich. 

448 j 

24 

„ in Proz. . . 

100,0 

5,4 

Weiblich. 

296 

22 

., in Proz. . . 

100,0 

7,4 


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12 

201 

83 

25,0 

44,9 

18,4 

67 

158 

41 

22,6 

53,3- 

13,6 


Original fro-m 

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112 


Fetscher, 


Die Hauptmasse der Heiratsgesuche findet sich in den Blättern der 
bürgerlichen Mitte, was mit der Tatsache, daß die Mehrzahl der Bewerber 
dem gebildeten Mittelstände entstammt, im Einklang steht. Die offiziellen 
sozialistischen Blätter nehmen keine Heiratsgesuche auf (vgl. Bebel, Die 
Frau und der Sozialismus, 45. Aufl., S. 115), da den strengen Sozialisten 
die Heiratsanzeige als unmoralisch gilt. 

Im Laufe eines Monats fand ich auch deshalb im „Vorwärts“ keine 
einzige, dem Stuttgarter mehrheitssozialistischen Blatte „Tagwacht“ eben* 
falls keine und im „Neckar*Echo“, das der gleichen Parteirichtung angehört, 
nur zwei Heiratsanzeigen. Auch die „Rote Fahne“, der „Kommunist“, der 
„Kampf“ ließen Heiratsgesuche vermissen. In um so reicherer Menge finden 
sich in diesen Blättern Ankündigungen von „diskreten“ Entbindungsheimen. 
Im „Vorwärts“ allein konnte ich in einem Monat 36 verschiedene Adressen 
sammeln, und Anpreisungen aller Art für Mittel, die bei „Störungen“ der 
Menstruation angewendet werden sollen. Mehrfach sehe ich leider auch 
Anzeigen von Ärzten, welche bitten, bei „Störungen aller Art“ sich ver* 
trauensvoll an sie zu wenden. Eine Zeiterscheinung bedauerlichster und 
bedenklichster Art! Verhältnismäßig wenig Heiratsanzeigen erscheinen 
auch in der konservativen Presse. 

Aus dem Inhalt der Heiratsanzeigen darf allerdings nicht kritiklos 
herausgelesen werden, daß sie nur von materiellen Überlegungen diktiert 
sind. Es ist durchaus begreiflich, daß leichter zu formulierende Wünsche, 
wie solche bezüglich des Vermögens des gesuchten Partners, schon aus rein 
sprachlichen Gründen in den Vordergrund treten. Die Kosten eines Inserats 
bedingen indes auch knappe Fassung, die sich wieder nicht mit der Aus* 
einandersetzung ideeller Forderungen vereinbaren läßt. Weiterhin besteht 
die vielfach begreifliche Scheu, die geheimsten Wünsche des Herzens vor 
aller Öffentlichkeit auszubreiten; die Furcht, sich lächerlich zu machen, 
hindert fast stets daran und nicht zuletzt sprachliche Ungewandtheit, der 
es zuzuschreiben ist, daß häufig genug bei dem Versuch, ideelle Forderungen 
zu formulieren, geradezu Ungetüme von Anzeigen zustande kommen. In 
dem Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer stilistischen Fähigkeiten und wohl 
auch in dem richtigen Empfinden, daß die Heiratsanzeige nicht der richtige 
Platz ist, Herzenswünsche auszubreiten, verzichten die meisten Bewerber, 
auf sie einzugehen, und geben nur die wirtschaftlichen Verhältnisse an, in 
denen sich die von ihnen gesuchte Person befinden soll. Es ist dies ein 
ausgesprochener Mangel der Heiratsanzeige, daß ihr Preis eine breitere 
Schilderung verhindert. Auch ihr Vorteil, daß sie sich an einen weiteren 
Kreis wendet, hat einen Nachteil im Gefolge, nämlich den, daß es gerade 
deshalb, weil sie sich an einen größeren Kreis wendet, den meisten un* 
möglich ist, ihre Gefühlswelt deutlicher zu Worte kommen zu lassen 
Zudem drängt der nüchterne Anstrich, der jeder Heiratsanzeige anhaftet 
und nicht zuletzt von den dicht daneben stehenden Reklameanzeigen aller 
möglichen Firmen bedingt wird, geradezu zu geschäftsmäßiger Fassung. 
Diese einfach in Worte zu setzenden Wünsche treten eben für die Bewerber 
durch ihre Formulierung in den Vordergrund und erscheinen wichtiger als 
ideelle Forderungen, die vielfach nur schwer oder gar nicht in Worte zu 
fassen sind, da unser Bewußtsein mehr oder weniger ausschließlich von 
sprachlich formulierten Begriffen beherrscht wird. Die Heiratsanzeige treibt 


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Uber geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


113 


demnach, auch wenn ursprünglich andere Gesichtspunkte maßgebend waren, 
rein psychologisch auf den Weg ausschließlich materieller Bewertung der 
Bewerber. Vielleicht darf man aus dem Umstande, daß an hohen Fest* 
tagen besonders große Mengen von Heiratsgesuchen erscheinen, schließen, 
daß trotz aller handgreiflichen Realitäten Gefühlswerte eine nicht un* 
beträchtliche Rolle spielen; wird doch gerade an diesen Tagen, die in 
unserer Erinnerung mit dem Begriff der Familie eng verbunden sind, das 
Gefühl der Einsamkeit besonders lebendig. Selbstverständlich spielt auch 
die Überlegung, daß an den Feiertagen mehr Ruhe zum Zeitungslesen vor* 
handen ist und daher mehr Aussicht auf Beachtung der einzelnen Anzeige, 
eine wichtige Rolle, also ein praktischer Gesichtspunkt. 

In der Verteilung der Geschlechter zeigt sich, daß die männlichen 
Bewerber in der Überzahl sind. Es fanden sich unter 2963 Heiratsgesuchen 
1672 von Männern ausgehende und 1291 Bewerbungen von Frauen (vgl. 
Tabelle 2), das sind 56,3 Proz. männliche und 43,7 Proz. weibliche Gesuche. 
Dieses Verhältnis ist um so auffallender, als gerade jetzt ein beträchtlicher 
Uberschuß von Frauen im heiratsfähigen Alter besteht. Zur Erklärung 
mag man wohl daran denken, daß der männlichen Natur aktiveres Vor* 
gehen bei der Suche nach einem Lebensgefährten eher liegt, vor allem aber, 
daß die nüchterne, geschäftsmäßige Art der Heiratsanzeige und die erhöhte 
Gefahr, in unlautere Hände zu geraten, viele Frauen abhält, den Weg durch 
die Zeitung zu wählen. Dazu kommt zweifellos die größere Anhänglichkeit 
der Frau der Tradition gegenüber, die es ihr, trotz aller empfundenen Mängel 
des geduldigen Wartens auf den Zufall, schwerer macht, sich vom Alt* 
hergebrachten zu befreien. 

Die mitgeteilten Zahlen über die geschlechtliche Proportion dürfen als 
statistisch gut gesichert betrachtet werden. Der mittlere Fehler, nach der 


Formel 


y P 1 P 2 


berechnet, ergibt: 



56,3.43.7 
2963 


1 


2460,31 

2963 


0,26 Proz. 


Es liegen demnach Schwankungen um das Dreifache von 0,26 Proz., 
also 0,78 Proz. nach aufwärts oder abwärts im Bereiche der Wahrscheinlich? 
keit, eine Differenz, die bei der um 12,6 Proz. größeren Häufigkeit der 
männlichen Heiratsgesuche nicht ins Gewicht fällt. Diese Ergebnisse bilden 
somit eine Bestätigung der Beobachtungen Matajas und des von ihm 
ohne nähere Quellenangabe zitierten Werner, die beide gleichfalls ein 
Uberwiegen der männlichen Ehebewerber feststellen. 

Tabelle 4 gibt die Altersstufen der männlichen Ehebewerber nach 
Berufsklassen in Prozenten an. Die Berechnung des durchschnittlichen 
Heiratsalters gibt naturgemäß nur annähernd richtige Resultate. Da viel? 
fach keine genauen Altersangaben gemacht wurden, wurde das mittlere 
Alter jeder Gruppe mit der Zahl der zugehörigen Personen multipliziert 
und die Summe der so gewonnenen Werte durch die Gesamtzahl der 
Bewerber dividiert. Da die Abweichungen vom Mittel nach beiden Seiten 
gleiche Wahrscheinlichkeit für sich haben, muß so ein annähernd richtiger 
Wert errechnet werden können. Ich glaube, daß das tatsächliche durch? 
schnittliche Alter eher höher als niedriger liegt, da Ausdrücke wie „in 


Öffentliche Gesundheitspflege 1922. 


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s 


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114 


F c t s c h e r, 


Tabelle 4. 

Von 1346 männlichen Ehebewerbern, die Alter und Beruf angegeben hatten, 
standen im Alter von (vgl. Tabelle 1 und 3): 



bis zu 

25 bis 

30 bis 

40 bis 

über 

Durch* 

schnittl. 


25 Jahren 

30 Jahren 1 40 Jahren 

i 

50 Jahren 

50 Jahren 

Heirats* 

alter 


Proz. 

Proz. 1 

Proz. 

Proz. 

Proz. 

Jahre 

Akademiker .... 

0,74 

6,6 

49,6 

26,06 

17,0 

39,4 

Berufe des gebildeten 
Mittelstandes . . . 

3,35 

20,0 

57,5 

12,6 

6,55 

' 36,0 

Selbständige Klein* 
bürger . 

1 

21,1 

24,8 

26,0 

21,0 

6,1 

1 34,3 

Arbeiter. 

|; 15,6 

39,0 

21,8 

19,1 

4,5 

32,1 

Gesamtdurchschnitt 
nach Tabelle 3 . . 

n 7,1 . 

23,2 j 

45,0 

16,6 

8,1 

1 

| 35,6 


den 40er Jahren“ usw. stets gebraucht werden, wenn der Betreffende an 
der Grenze dieses Zeitabschnittes steht. Für die erste Spalte wurde als 
Durchschnittsalter 23, für die letzte 55 — eine sicher etwas zu niedrige Zahl, 
findet man doch nicht selten Bewerber, die das 60. Lebensjahr überschritten 
haben — angenommen. Es kommt den so gewonnenen Werten, auch wenn 
man ihnen sonst keinerlei Bedeutung zuzumessen geneigt sein sollte, 
immerhin recht beträchtlicher Wert beim Vergleich der Berufsklassen unter* 
einander zu. Mögen die gefundenen Zahlen auf den ersten Blick durchweg 
etwas hoch erscheinen, so möchte ich doch noch darauf hinweisen, daß 
die Bewerber außerdem noch naturgemäß erst einige Zeit nach Aufgabe 
der Anzeige heiraten, das wahre Heiratsalter sich auch aus diesem Grunde 
also noch höher stellen muß. 

Beim Vergleich des durchschnittlichen Heiratsalters zeigt sich nun, daß 
die Akademiker mit 39,4 Jahren den Gipfel bilden und das Alter der Be* 
werber mit abnehmender Bildung fällt. Handwerker und Arbeiter bleiben 
beträchtlich unter dem Gesamtdurchschnitt. 

Nach Rubin und Westergard (Statistik der Ehen auf Grund der 
sozialen Gliederung der Bevölkerung, S. 95, Jena 1890) beträgt die Fruchtbar* 
keitserwartung bei einem Hciratsalter des Mannes von 35 bis 44 Jahren 2,28, 
für das Alter von 30 bis 34 Jahren 3,02. Diese Zahlen zeigen zur Genüge 
die soziale Gefahr der Spätehen und die Tatsache, welche Bedeutung dem 
höheren Heiratsalter gerade der gebildeten Stände zukommt. Auch für 
den gesamten Durchschnitt bleibt die Fruchtbarkeitserwartung weit sogar 
hinter dem Mittel von Berlin aus dem Jahre 1911 zurück, wo die Natalität 
81,5 Proz. betrug (vgl. Grub er, Ursachen und Bekämpfung des Gebürtem 
rückganges im Deutschen Reich, München 1914). 

Die gewaltige Differenz der Fruchtbarkeitserwartung der auf dem Wege 
der Zeitungsanzeigen zustande gekommenen Ehen und der Fruchtbarkeit 
Berlins findet ihre zahlenmäßige Erklärung im Vergleich des mittleren 
Heiratsalters der einzelnen Berufsklassen. Für den Arbeiterstand wird als 
Mittel 25,35 angegeben, für gebildete 31,22, während wir 32,1 und 39,4 fanden. 

Könnte man nun allerdings sagen, die Heiratsanzeige springe dort ein, 
wo die bisherige Suche nach einem geeigneten Partner versagt hat so bleibt 


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Cher geschäftsmäßige und amtliche Ehevcrmittelung. 


115 


doch noch zu bedenken, daß diese Hilfe reichlich spät kommt, nämlich 
erst dann, nachdem den Bewerbern durchschnittlich 7 Jahre für die Fort* 
Pflanzung gerade in der wertvollsten Zeit gegen den Durchschnitt ihrer 
Gesellschaftsklasse verloren gegangen sind. 

Allein dieser Umstand beweist, daß die Zeitungsanzeige hoch* 
stens nur ein sehr unvollkommener Notbehelf der Eheanbahnung 
genannt werden kann, von allen anderen Bedenken sozialer und ethischer 
Natur abgesehen. Noch bedeutender ist die Differenz des weiblichen Ehe* 
bewerbers gegenüber dem durchschnittlichen Heiratsalter. Letzteres beträgt 
25,2, während wir 35,4 Jahre finden. Die Fruchtbarkeitserwartung beträgt 
hierfür nur 1,34! Für die Frau sind demnach die Gründe, die gegen die 
Benutzung des öffentlichen Heiratsgesuches sprechen, noch wirksamer als 
beim Mann, was auch in der Minderzahl der weiblichen Ehebewerber zum 
Ausdruck kommt. Gemildert wird das Bild ein wenig dadurch, daß häufig 
verwitwete Personen beiderlei Geschlechts sich wieder zu verehelichen 
wünschen. Es waren unter 1672 männlichen Ehebewerbern 53, also 3,1 Proz. 
verwitwet oder geschieden; 47 von ihnen hatten angegeben, daß sie Nach* 
wuchs hätten, insgesamt 64 Kinder. Unter 1291 Frauen fanden sich 49 Witwen, 
das sind 3,9 Proz. Von ihnen hatten 38 Kinder, zusammen 56. Die durch* 
schnittliche Fruchtbarkeit dieser Ehen war also recht gering. 

Mataja glaubt, daß die Heiratsanzeigen meist zu einem Ziele führen. 
Es spricht dafür der Umstand, daß Wiederholungen selten sind. Ich fand 
bei 2963 verschiedenen Heiratsgesuchen 57 Wiederholungen, also nicht ganz 
2 Proz. Nach Beobachtungen der Geschäftsstelle des Neuen Wiener Tage* 
blattes soll es selten sein, daß gleiche Bewerber mehrmals auf Heiratsgesuche 
antworten. Es müßten sich demnach in überwiegender Häufigkeit sehr rasch 
geeignete Partner zusammenfinden. 

Beweis für den guten Erfolg der Heiratsanzeigen ist auch der Umstand, 
daß sie sich immer wachsender Beliebtheit erfreuen und die hohen Kosten 
einer Heiratsanzeige, für die häufig erhöhte Sätze berechnet werden, nicht 
gescheut werden. Hält man sich ferner vor Augen, daß auf eine Anzeige 
fast immer eine größere Zahl von Antwortschreiben einläuft, so spricht 
auch dieser Umstand dafür, daß der gewünschte Erfolg erreicht wird, 
erfolgt doch im gewöhnlichen Leben die Gattenwahl fast immer bei meist 
wesentlich geringerer Auswahl. Werner teilt eine Reihe von Zahlen über 
Erfolge von Heiratsanzeigen mit. Ein „hübsches, unvermögendes Mädchen“ 
erhielt 45 Angebote, eine „Köchin mit kleiner Ersparnis“ 72, ein „Mädchen 
mit 100 000 M. bar und kleinem körperlichen Fehler“ 158, darunter 115 mit 
voller Adresse, also mit dem Stempel der Aufrichtigkeit. Auf eine Anzeige 
im Leipziger Tageblatt sollen sogar, nach Angabe des Blattes, 478 Bewerbungs* 
schreiben eingelaufen sein. Mir waren die 52 Antworten zugänglich, die 
auf eine Anzeige im Stuttgarter Tageblatt eingingen. Die Anzeige lautete: 

„31jähr. Beamter in gesicherter Lebensstellung wünscht sich zu verehelichen.“ 


Unter den Briefen fand sich kein Angebot eines Vermittlers. Aus den 
Zuschriften möchte ich wenigstens eine mitteilcn, die mir besonders 

charakteristisch erscheint. 

„Durch den Tod meiner lb. Mutter vereinsamt, wünsche ich mir einen 
lieben Kameraden, möchte jedoch eine persönliche Aussprache einer solchen 


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8 * 


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116 


Fe tsche r. 


auf schriftlichem Wege vorziehen und sehe eventl. Ihrem gefl. Bescheid 
entgegen. Alter 24 J., brünett“ usw. Folgt volle Anschrift. 

Das Schreiben zeigt deutlich, daß die Bewerberin berufstätig ist. In 
75 Proz. der Antworten ist dies der Fall. Es geht daraus hervor, daß für 
diese Frauen die Bedenken, ihren Heiratswunsch offen zu bekennen und 
einem unbekannten Menschen mitzuteilen, geringer sind als für nicht im 
Berufsleben stehende. Der freiere Verkehr mit Personen des anderen 
Geschlechts, wie ihn der Beruf mit sich bringt, beseitigt da wohl Bedenken, 
die bei den Mädchen, die zeitlebens in der Familie behütet werden, jede 
offene Suche nach einem passenden Lebensgefährten verhindern. Vielleicht 
spielt auch der Wunsch, aus der Berufstätigkeit herauszukommen, eine 
wichtige Rolle, was nicht gerade sehr zugunsten der Frauenbewegung spräche. 

Nur eine Antwort ist zweideutiger Natur, eine einzige trägt die Zeichen 
krankhafter Überspanntheit. 

Zu gleicher Zeit erschien in dem genannten Blatt auch eine weibliche 
Heiratsanzeige folgender Fassung: 

„23jähr. Waise mit schöner Aussteuer und etwas Vermögen sucht Lebens* 
geführten/ 4 

Es liefen darauf 64 Antworten ein, die mir gleichfalls zugänglich waren, 
59 von ihnen mit voller Anschrift und ebenfalls kein Vermittlerangebot. 
Einige der Briefe sind recht zweifelhafter Natur. So will ein „unglücklich 
verheirateter Mann durch eine neue Bekanntschaft seinen früheren Humor 
wiedergewinnen“. „Spätere Scheidung der bestehenden Ehe nicht aus* 
geschlossen.“ Die weitaus größte Mehrzahl der Antworten zeigt ebenfalls 
volle Aufrichtigkeit. Ich gebe nun ebenfalls eine Probe aus den Schreiben, 
die mir besonders bezeichnend erscheint. 

„Ihre Anzeige im Tageblatt habe ich gelesen und erlaube mir, einige Zeilen an 
Sie zu richten. 

Ich bin 40 Jahre alt, Junggeselle, mittelgroß, von annehmbarem Äußeren, ver* 
träglichem und gutem Charakter und befinde mich in staatlicher Stellung. Trotz der 
trüben Zeiten habe ich mich entschlossen, ein eigenes Heim zu gründen und ich würde 
mich freuen, wenn Sie mir, wenn auch vorerst ohne Namensnennung, weitere Mitteilung 
zukommen ließen oder mir Nachricht geben würden, wann und wo ein persönliches 
Zusammentreffen möglich wäre usw.“ 

Mit Ausnahme von zwei Handwerkern, einem Buchbinder mit eigenem 
Geschäft, einem Schneider, der seinen Betrieb vergrößeren möchte, und 
einem Bauarbeiter gehören alle Bewerber dem Kaufmannsstande an. 

Was die Häufigkeit der Heiratsanzeigen anbelangt, so habe ich mich 
bemüht, darüber auf folgende Weise Anhaltspunkte zu gewinnen: 

Ich habe in allen württembergischen Zeitungen, die irgendwie in Betracht kommen, 
je einen Monat lang die Heiratsgesuche gesammelt. Um Vergleichs* und Schätzungswerte 
zu gewinnen, wurde darauf Bedacht genommen, daß in die Sammlungszeit keine hohen 
Festtage und nur vier Sonntage fielen. Die gefundenen Zahlen stellen damit die untere 
Cirenze dar, die zu gewinnen mir wichtiger erschien, als Höchstzahlen aufzustellen, 
wobei ich jedoch darauf bedacht war, möglichst alle Anzeigen, die im Laufe eines 
Monats in Württemberg erschienen, zu erfassen. Es fanden sich, sind nun (vgl. Tab. 2 
und 3) die Wiederholungen nicht eingerechnet, 478 männliche und 357 weibliche Hcirats* 
gesuche. Im ganzen Jahre würden deshalb 12mal soviel zu erwarten sein, also 5736 
männliche und 42.N4 weibliche, zusammen 10 020 Anzeigen. Da die Sammlung im 
Jahre 1920 erfolgte, ist sie am besten mit der Zahl der in diesem Jahre geschlossenen 
Ehen in Verbindung zu setzen, deren Zahl nach einer persönlichen Mitteilung des 
Statistischen Landesamts rund 40 000 betrug. Es müßten daher, wenn alle Anzeigen 
zum Erfolg führten, jede vierte Ehe durch die Zeitung vermittelt sein, eine Zahl, die 
zweifellos viel zu hoch erscheint. Andererseits bleibt zu berücksichtigen, daß gerade 


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Uber geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittclung. 


117 


an den hohen Feiertagen besonders große Mengen von Heiratsgesuchen erscheinen, 
während die erwähnten Angaben untere Grenzwerte darstellen, die Gesamtzahl daher 
in Wirklichkeit wahrscheinlich höher ist. Es spielt deshalb auch der Umstand keine 
Rolle, daß eine Reihe von Wiederholungen mir zweifellos entgangen ist, da schon 
wiederholte Anzeigen als erstmalige gewertet wurden, wenn ihr tatsächliches Erscheinen 
vor der Beobachtungszeit lag, die gefundenen Zahlen für untere Grenzwerte also 
vielleicht um ein geringes zu hoch sind. Diese statistische Auslese kommt jedoch 
auch deshalb kaum ernstlich in Frage, da sich nur acht Wiederholungen unter den 
männlichen Anzeigen fanden, also 1,8 Proz., unter den weiblichen sogar nur 1,4 Proz., 
nämlich vier doppelt erschienene Gesuche, eine verschwindend geringe Zahl, die keinen 
wesentlichen Einfluß auszuüben vermag. Exakte Angaben über die Zahl der durch 
Zeitungsanzeigen zustande gekommenen Ehen werden sich aber kaum erbringen lassen, 
da sich die Paare fast stets einzugestehen weigern, auf welchem Wege sie sich gefunden 
haben. Wir sind deshalb lediglich auf Schätzungen angewiesen, die je nach dem 
persönlichen Empfinden des einzelnen höher oder niedriger ausfallen werden. Ich 
möchte mich deshalb auf zahlenmäßige Angaben gar nicht einlassen, sondern nur so viel 
aus der ungeheuer großen Anzahl der Heiratsgesuche schließen, daß ein sehr bc« 
trächtlichcr Prozentsatz der Ehen durch die Zeitung vermittelt wird. 

(Schluß folgt in Heft 5.) 


Prinzipienfragen bei den Gesetzentwürfen 
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 

Von Dr. med. Dreuw in Berlin. 

In Jahrg. 1921, S. 325 dieser Zeitschrift veröffentlicht Dr. Christian 
zwei Gesetzentwürfe und kommt zu dem Resultat, daß der „Regierungs« 
entwurf“ vom 10. März 1920^ abzulehnen und der „Entwurf Schir« 
macher“ anzunehmen sei, daß die Beratungsstellen zweck« und nutzlos 
seien, und daß nur ein auf dem Prinzip der von mir zuerst betonten 
„allgemeinen, gleichen, diskreten Anzeige« und Behandlungs« 
pflicht 4 * basierendes Gesetz wirklichen Nutzen schaffe. Er erwähnt die 
Entschließung der „Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene“, die 
ebenso wie der „Kölner bevölkerungspolitische Kongreß“ und die 
„Preußische Landesversammlung“ dieses Prinzip des „Diskretionismus“ 
beschlossen haben. Wenn in dem Aufsatz von Dr. Christian der „Ent« 
wurf Schirmacher“ mit fast allen Gesetzesparagraphen wörtlich an« 
geführt ist, so sei bemerkt, daß dieser Entwurf 2 ) von Frau Dr. Schir« 
macher als M. d. N. auf meinen Wunsch hin, da ich nicht Mitglied des 
Parlaments war, der Nationalversammlung als Reichstagsdrucksache Nr. 3 
vorgelegt wurde, daß er aber von mir entworfen und begründet und nach 
vielen Änderungen schließlich in die vorliegende Form gebracht worden ist. 

Die Behauptung der Gegner, der Diskretionismus sei in der Praxis 
undurchführbar, ist irrig. Weder die Kosten« noch die Arbeitsfrage kann 
ein Hindernis sein. Ich darf bei der Wichtigkeit dieser Frage für das 
gesamte Volkswohl (haben wir doch analog der englischen und französischen 
Statistiken [25 Proz. Geschlechtskranke!] damit zu rechnen, daß auch bei 
uns etwa 10 bis 15 Millionen Geschlechtskranke, von denen etwa 90 Proz. 

l ) Als Entwurf (Reichstagsdrucksache Nr. 3523) vom 9. Februar 1922 soeben mit 
geringen Abänderungen des Entwurfs vom 10. Marz 1020 dem Reichstage überreicht. 

*) Ausführlich abgedruckt und begründet in meinem Buch „Die Sexualrevolution. 
Her Kampf um die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten.“ 52S S. Leipzig, Verlag 

Ernst Bircher. 


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Original fram 

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118 


1) r e u w, 


sich nach einer Hamburger Statistik der antisyphilitischen Behandlung ent* 
ziehen, was auch dadurch bewiesen wird, daß nach Dr. Hodann von 
40 Patienten einer Beratungsstelle nur einer den Wünschen der Ärzte ent* 
sprechend sich wieder einfand) wohl auf ein Land hinweisen, wo die Anzeige* 
pflicht in einem Spezialgesetz von 31 Paragraphen durchgeführt ist, das 
immer als Vorbild für diese Fragen bei uns in Deutschland angegeben wird, 
und das zur Verminderung der Geschlechtskrankheiten bedeutend beigetragen 
hat. Ich meine das schwedische Gesetz vom Juni 1918. Hier ist ein 
Funktionieren des Apparates der Anzeigepflicht nachgewiesen, und es ist 
von Wichtigkeit, das zu rekapitulieren, was anläßlich der Besprechung 
meines Buches über meine Idee des Diskretionismus ein so kompetenter 
Beurteiler, wie der Direktor des Stockholmer hygienischen Universitäts* 
instituts, Prof. Dr. Alfred PettersSon, schreibt: „Der Dreuwsche Dis* 
kretionismus stimmt im wesentlichen überein mit den in Schweden geltenden 
gesetzlichen Bestimmungen. Der hauptsächlichste Unterschied dürfte darin 
liegen, daß nach Dr. Dreuw die Überwachung darüber, daß die Geschlechts* 
krankheiten genügend behandelt werden, einer besonderen Gesundheits* 
behörde übertragen will, während unsere Gesetze deni Arzt diese Arbeit 
übertragen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Erfahrungen ergeben 
werden, daß dem Dreuwschen Vorschlag der Vorzug zu geben ist. 
Dreuws Vorschlag hat keine Bestimmungen, welche Schritte zu tun sind, 
um den Quellen der Infektion nachzustöbern. Für den Arzt können die 
Vorschriften des schwedischen Gesetzes in genannter Hinsicht unzweifelhaft 
sehr unangenehm sein. Seine unbedingte Pflicht, das anzumelden, was er 
erfahren hat über den Ursprung der Infektion, bringt sein Pflichtgefühl 
sicherlich manchmal in Konflikt mit seinem berechtigten Wunsch, nichts 
zu verraten, was der Patient ihm anvertraut hat. Um einen solchen Konflikt 
zu vermeiden, sollte wohl kaum etwas anderes möglich sein, als daß der 
Arzt gleich von vornherein den Patienten benachrichtigt, daß er in bezug 
auf den Ursprung der Infektion nur so viel mitteilen soll, was er selbst 
wünscht, daß mitgeteilt wird. Für alle, die Interesse zeigen an der Be* 
kämpfung der weiteren Verbreitung der Geschlechtskrankheiten, eine der 
wichtigsten sozialen Fragen unserer Zeit, ist das Dreuwsche Werk von 
großer Bedeutung.“ (Übersetzung aus dem Schwedischen.) 

Und was die Millionen betrifft, die der Plan verschlingen soll, so ist 
auch dies nicht zutreffend. Denn die Sittenpolizei mit ihren vielen Beamten 
und Gebäuden wird abgeschafft, ferner die Bordellwirtschaft und die 
Beratungsstellen, die völlig versagt haben usw. usw., und alle diese Kosten 
würden nur für die Beaufsichtigung aller, arm und reich, Mann und Weib, 
verwandt werden, damit endlich die Klassenhygiene aufhört. Der Frankfurter 
Prof. Max Flesch hat ausgerechnet, daß einer der meist beschäftigten 
Dermatologen Frankfurts mit einem Tageszugang von mindestens 3 bis 
4 Fällen zu rechnen habe, das gäbe auf ein Jahr etwa 1200 und für etwa 
40 Fachärzte etwa 50 000. Dazu käme, was sich noch bei den praktischen 
Ärzten und bei Heilinstituten und Nichtapprobierten, also vielleicht die 
gleiche Zahl, behandeln läßt. Es wäre unbestreitbar, daß wir da auf eine 
Zahl kämen, die kein vernünftiger Mensch für möglich halten würde: in 
einer Stadt von etwa einer halben Million Einwohnern kämen im Jahre 
100 000 Zugänge von Geschlechtskranken! (Und doch ist dies möglich, ja 


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Prinzipienfragen b. d. Gesetzentwürfen z. Bekämpfung d. Geschlechtskrankheiten. 119 

sogar wahrscheinlich, analog den englischen und französischen Statistiken.) 
Das wäre ein Tageszugang von rund etwa 330 zu registrierenden Meldungen, 
Arbeit für etwa zwei Beamte. Selbst unter dem heutigen tatsächlichen 
Arbeitstag von 6 y 2 Stunden würden sie das nach Ansicht von Fachleuten 
des Registraturwesens leicht bewältigen können. Für die Weiterbearbeitung 
aber käme ja nur ein Bruchteil dieser Meldungen in Betracht. Also auch 
die Kostenfrage und die Arbeitsfrage kann ebenso wie die Praxis in Schweden 
der Durchführung des Diskretionismus nicht hinderlich sein. 

Wenn S. 337 Dr. Christian sagt, der diskretionistische Entwurf bedürfe 
noch der Ergänzung der Zuständigkeit des Gesundheitsamts, des Pflege? 
amts und der Polizei, so ist diese Ergänzung als § 12a in meiner „Sexual? 
revolution“, S. 190, erwähnt. Der von Dr. Christian S. 334 erwähnte 
§12 hat dort folgende Fassung: 

„§ 12. a) § 361, 6 des Strafgesetzbuches wird aufgehoben. Statt dessen 
wird ein völlig von der Polizei losgelöstes Pflegeamt eingerichtet, dem neben 
einem Arzt noch eine vorgebildete Fürsorgerin vorgesetzt sind. Dieses 
beschäftigt sich mit den sozialen, wirtschaftlichen und ethischen und 
moralischen Verhältnissen der Gewerbsmäßigen, die dem Gesundheitsamt 
die Nennung ihres Namens an das Pflegeamt gestatten oder durch das 
Gesundheitsamt sich daran wenden. Diesen steht es mit Rat und Tat zur 
Seite. Die Pflegeamtsvorsteher haben das Recht, die Abteilungen der 
Fürsorge? und Erziehungsanstalten zu kontrollieren, in denen Gewerbsmäßige 
untergebracht sind. 

b) Dem § 180 des Strafgesetzbuches werden die Worte zugefügt: »Diese 
Vorschrift findet keine Anwendung auf das Gewähren von Wohnung an 
Personen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, wenn damit kein Ausbeuten 
der Person, der die Wohnung gewährt ist, noch ein Anwerben oder Anhalten 
dieser Person zum gewerbsmäßigen Geschlechtsverkehr verbunden ist.« 

c) Das Reichsgesetz vom 11. Dezember 1918 wird aufgehoben.“ 

Eine besondere Besprechung erfordert noch der § 14 und § 15, die 
(s. diese Zeitschrift 1921, S. 334) lauten: 

„§ 14. Wer über 18 Jahre alt ist und gewohnheitsmäßig gegen Entgelt 
mit einer Mehrzahl von Personen, d. h. gewohnheitsmäßig und gewerbs? 
mäßig Geschlechtsverkehr ausübt, auch wenn dies neben dem eigentlichen 
Beruf geschieht, ist bei einer Strafe von mindestens drei Monaten Gefängnis 
verpflichtet, laut § 15 jede Woche dreimal auf Staatskosten ein Attest 
einzureichen. In allen öffentlichen Tanzlokalen und sonstigen Lokalen, in 
denen vermutungsweise Gewerbsmäßige verkehren, ist ein Auszug dieses 
Gesetzes durch Wandanschlag zu veröffentlichen. 

Wer dringend verdächtig ist, daß er gegen Entgelt mit einer Mehrzahl 
von Personen gewerbsmäßig Geschlechsverkchr ausübt, ohne daß er dies 
dem statistischen Gesundheitsamt mitgeteilt hat, wird, falls der gewerbs? 
mäßige Verkehr in einem anhängigen Gerichtsverfahren rechtskräftig bestätigt 
wird, von dem statistischen Gesundheitsamt dem zuständigen Kreisarzt 
gemeldet. Diesem werden ebenfalls alle bisher wegen Gewerbsunzucht 
inskribierten weiblichen Personen und solche, die sich freiwillig melden, 
mitgeteilt. Gewerbsmäßige unter 18 Jahren, auch solche, welche den be? 
gründeten Verdacht der Gewerbsmäßigkeit erwecken, werden vom Gericht 
zwecks weiterer Veranlassung dem Pflegeamt überwiesen, dem sie bis zur 


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120 


D r e u w, 


Erreichung der Volljährigkeit, mindestens aber zwei Jahre, unterstellt sind 
und das sie gegebenenfalls einer Fürsorgeerziehungsanstalt überweist. Das 
Gericht kann im Vorverfahren nach Prüfung und Begründung Anträge auf 
ein Verfahren zur Feststellung des gewerbsmäßig ausgeübten Geschlechts* 
Verkehrs wegen ungenügender Begründung rechtskräftig ablehnen. Die 
Gewerbsmäßigen bleiben als solche so lange beim Statistischen Amt nament* 
lieh aufgeführt, bis sie nachweislich drei Monate lang einem geordneten 
bürgerlichen Erwerb nachgegangen sind oder sonst glaubhaft machen, daß 
sie keinen gewerbsmäßigen Geschlechtsverkehr mehr ausüben. Den sie 
behandelnden Ärzten ist verboten, höhere als die amtlich festgesetzten 
Gebühren oder sonstige Einnahmen von ihnen zu erzielen. 

§ 15. Die Gewerbsmäßigen haben sich auf Staatskosten dreimal 
wöchentlich untersuchen zu lassen und bis zu jedem Montag, Mittwoch 
und Freitag abend ein Gesundheitszeugnis eines attestierfähigen Arztes an 
die Adresse des Kreisarztes der Post zu übergeben. Ist dieses bis Dienstag, 
Donnerstag und Sonnabend abend nicht eingelaufen, so können sie ohne 
weitere Mahnung zwangsweise einem Krankenhause oder Arzt auf ihre 
Kosten zugeführt und bei vorsätzlicher oder fahrlässiger Nichtabsendung 
des Zeugnisses mit Haft nicht unter sechs Wochen bis zu drei Monaten 
bestraft werden. Krank befundene Gewerbsmäßige werden vom Arzt auf 
Staatskosten, in besonderen dringenden Fällen telephonisch oder telegraphisch 
dem Kreisarzt namentlich mitgeteilt, der auf Staatskosten, auf Wunsch 
auch auf ihre Kosten die Überführung in eiti Krankenhaus anordnet. Die 
Nichtbefolgung der Anordnung des Arztes, ein Krankenhaus unmittelbar 
nach der Untersuchung aufzusuchen, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr, 
jedoch nicht unter drei Monaten bestraft. 

Bei Uberfüllung der Krankenhäuser kann ausnahmsweise ambulatorische 
Behandlung angeordnet werden. Dies ist dem Gesundheitsamt unter Be* 
gründung mitzuteilen. Arzneimittel und Gegenstände der Krankenpflege 
werden in diesem Falle auf Staatskosten geliefert. 

Die Gewerbsmäßigen haben jeden Wohnungswechsel spätestens zwei 
Tage nach dem Wegzug dem bisherigen und dem neu zuständigen Kreisarzt 
zu melden.“ 

Da namentlich Blaschko, Pinkus, v. Düring u. a. schreiben, daß auf 
diese Weise wiederum die Reglementierung eingeführt würde, was natürlich 
nicht der Fall ist, da diese eine polizeiliche Überwachung auf Grund eines 
diffamierenden Ausnahmegesetzes ist, so sei, da man namentlich auf die 
Frauenbewegung mit dieser falschen Behauptung einwirken wollte, das 
folgende erwähnt: 

Dieser Paragraph enthält den Begriff der „Prostituierten“ und gebietet, 
daß jede Prostituierte, da sie nur mit dem diskreten Gesundheitsamt zu 
tun hat, sich diesem ebenso meldet wie ein sonstiger Geschlechtskranker. 
Es geht nicht an, den freien Bürgern aufzuerlegen, ihre Geschlechtskrankheit 
diskret zu melden, daß aber die Prostituierten, die nach meinen Erfahrungen 
ständig als geschlechtskrank in praktischer Hinsicht gelten müssen, sich 
nicht zu melden brauchen, wie es die strenge Richtung der Abolitionisten 
wünscht, also nicht einsieht, daß ihre Auffassung nur zu Recht bestand, 
solange die Prostituierten unter einem Polizei * Ausnahmegesetz , das ihre 
Menschenwürde degradierte, standen. Mit der „Abschaffung“ allein wird 


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Prinzipienfragen b. d. Gesetzentwürfen z. Bekämpfung d. Geschlechtskrankheiten. 121 

kein hygienischer Effekt erzielt. Und eine umfassende Anzeigepflicht ist 
demokratisch und gerecht. Da Nachteile aus der Selbstmeldung oder der 
Meldung seitens des Arztes für die Prostituierte nicht erwachsen, so muß 
der Staat, der meines Erachtens die losgelassenen Prostituierten nicht in 
gesundheitlicher Beziehung schalten und walten lassen darf 1 ), gleichsam Bürge 
sein, da sie ständig krank sind, daß sie ebenso wie andere Geschlechts* 
kranke dem Gesundheitsamt als solche bekannt sind, bis sie durch Er* 
greifen eines ehrlichen Erwerbes als Dauererkrankte nicht mehr gelten. 
Ebenso wie ein erkannter Typhusbazillenträger, der dauernd Typhusbazillen 
absondert, im Gesetz anders aufgefaßt w;erden muß, wie ein nach sechs 
Wochen geheilter, so auch auf die Dauer erkrankte Prostituierte. Nur 
eine strenge Strafandrohung wird die Prostituierten und die sonstigen Er* 
krankten bewegen, sich zu melden. Denn wenn schon von 40 Patienten 
einer Beratungsstelle nach Dr. Hodann (man muß dies immer wieder und 
wieder erwähnen) bloß einer sich behandeln ließ, weil die Beratungsstelle 
keine Gewalt über sie hatte, so wird dies bei den Prostituierten erst recht 
so gehen. Eine zügellose Freiheit, wie sie der linke Flügel der Abolitionisten, 
die — wohlgemerkt, nur in hygienischer Hinsicht — abbauen, aber nicht 
gesundheitliche (alle anderen guten Bestrebungen erkenne ich an) 
Aufbauarbeit leisten, will, liegt nicht im Interesse eines Staates, der rebus 
sic stantibus im Laufe der Jahre zugrunde gehen müßte, wenn er die Haupt* 
träger der Verbreitung der Krankheit, die Prostituierten, gesundheitlich 
völlig unbeaufsichtigt läßt. Man sage mir, wie man eine kranke Prostituierte 
ohne Zwang heilen will? Bisher wurden die Prostituierten in Berlin zwei* 
mal untersucht, aber zum Arzt können sie meines Erachtens dreimal gehen 
zwecks Absendung des Kartenbriefes. Der Aushang des Gesetzes in allen 
Tanzlokalen würde (namentlich wenn der Staat systematisch die Aufklärung 
schaffen würde, daß den Prostituierten nichts geschieht, daß der Staat nur 
verlangt, sich bis zur Heilung behandeln zu lassen) dazu beitragen, die Furcht 
der Prostituierten, die sie seit über 100 Jahren verfolgt, durch Vertrauen 
zu ersetzen. Die Befürchtung Prof. v. Dürings, hier käme die Regle* 
mentierung, d. h. ein diffamierendes Polizeiausnahmegesetz, das nach 
Schmölder schlimmer ist als die Verbannung nach Sibirien, wieder, ist 
unbegründet. Die Polizei bleibt ja gänzlich ausgeschaltet. Diese Art der 
diskreten und von jedem Arzt durchzuführenden Überwachung bedeutet 
für die Prostituierte also das, was für andere Bürger die Krankenversicherung 
ist. Ohne polizeiliche Aufsicht gibt es keine Reglementierung. Würde die 
Prostituierte, wie es in Schweden ist, frei herumlaufen können (s. Markus), 
so träte das umgekehrte ein wie jetzt. Die Anzeigepflicht wäre dann ein 
Ausnahmegesetz gegen die anderen Bürger, die sich, wenn krank, melden 
müßten, während die immer kranke — dies kann nicht genug betont 
werden — Prostituierte sich nicht zu melden brauchte, zumal sie, wenn 
sie als solche dem Gesundheitsamt nicht bekannt ist, erfahrungsgemäß 
schon alles versuchen würde, um, wenn akut krank, eine Meldung zu hinter? 
treiben. Die Prostituierte muß einer rein sanitären Behörde, nicht jedoch der 
Polizei bekannt sein. Daher handelt es sich hier nicht um Reglementierung, 
sondern um eine rein sanitäre Überwachung. Und diese ist berechtigt bei 

*) Siehe S. 361 bis 362 meiner „Sexualrevolution“, Bemerkungen l)r. Markus, 
über das schwedische Gesetz. 


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D r c u w , 


jedem, der dem Staate verderblich wird. Bei den Prostituierten ist es selbst* 
verständlich notwendig, daß der Kreisarzt, der meines Erachtens für die 
Prostituierte der Vertreter des Gesundheitsamtes ist, ihren Namen kennt, 
damit er, falls sie das Krankenhaus nicht aufsuchen, dem Befehl des Arztes 
mit seinen Machtmitteln Geltung verschaffen kann. Das Pflegeamt nimmt 
sich der Minderjährigen an. Es ist unerläßlich, daß die behandelnden Arzte, 
damit die an und für sich zur Bestechung neigenden Prostituierten zu den 
Ärzten in keinerlei geldliche Beziehung treten dürfen, von diesen kein Geld 
annehmen dürfen. Die Abrechnung findet mit dem Fiskus statt. Der Arzt 
kann dann zu den Prostituierten in kein Abhängigkeitsverhältnis geraten. 

Zu § 15. Die Angabe im Gesetze selbst, daß bis zum Montag, Mitt* 
woch und Freitag abend das Gesundheitszeugnis der Post übergeben werden 
muß, soll die Prostituierte veranlassen, daß sie der gesetzlichen Pflicht 
ebenso wie jede andere erkrankte Bürgerin unbedingt präzise — das ist 
wichtig — nachkommen müssen. Durch diese Bestimmung ist jeder Aus* 
flucht vorgebeugt. Jeder Polizeiarzt weiß, daß die Prostituierten trotz 
geschlechtlicher Erkrankung ihrem Berufe gern weiter nachgehen wollen. 
Da Deutschland wegen seiner Verarmung demnächst von Prostituierten 
aller Art übervölkert sein wird — in dem kleinen Koblenz mußte ein 
Prostituiertenkrankenhaus von etwa 600 Betten errichtet werden, da aus 
ganz Deutschland die verarmten Mädchen zu den reichen amerikanischen 
Soldaten reisen —, so kann der streng abolitionistische Standpunkt dem 
gesundheitlichen Schlendrian dieser Klasse von Gemeingefährlichen gegenüber 
nicht innegehalten werden. Mit Reglementierung, wie die Gegner suggerieren 
möchten, die sowohl die Abolitionisten als auch ich selbst abschaffe, weil 
ich praktischer Abolitionist, d. h. Gegner der weißen Sklaverei bin, hat 
diese gesundheitliche diskrete Überwachung nichts mehr gemein. Eine völlige 
Gleichstellung aller Geschlechtskranken muß erfolgen, wobei die 
gefährlicheren, d. h. die Prostituierten, eben ihren höheren Gefahrengraden 
entsprechend nur häufiger ihre Meldung zu machen haben und bei der 
Erkrankung sofort dem Krankenhause überwiesen werden müssen. Der 
Arzt muß in solchen Fällen das Recht haben, den Kreisarzt auf die Be* 
folgung seiner Anordnungen hinzuweisen, da erfahrungsgemäß keine Prosti* 
tuierte gern ohne Strafandrohung ein Krankenhaus aufsucht. Abolitionismus 
heißt Abschaffung der polizeilichen Sklaverei, aber nicht Nihilismus dem 
Laster und seinen Gefahren gegenüber. Die Abschaffung der Diffamierung 
des weiblichen Geschlechts ist durch meine Vorschläge voll und ganz erzielt. 
Die sogenannten positiven Aufgaben des Abolitionismus waren mehr pfleg* 
licher als sanitärer Natur, nur der Diskretionismus schafft die Reglementierung 
ab und sorgt für einen menschenwürdigen Ersatz ohne Ausnahmegesetze. 

Zu Abs. 2. Die ambulatorische Behandlung war in Berlin schon ein* 
geführt, derart, daß einige Prostituierte, die weniger gefährlich waren, 
wöchentlich ein Gesundheitszeugnis einschickten. Da aber der ominöse 
§ 361, 6 (Sittenpolizei) bestand, so war es wegen der damit verbundenen 
Polizeisklaverei nicht möglich, einen Erfolg zu erzielen. 

Wenn es in der Begründung des Gesetzentwurfes vom 9. Februar 1922 
heißt, im Jahre 1907 habe man den Dirnen Gelegenheit gegeben, in öffent* 
liehen Sprechstunden sich behandeln zu lassen, sie hätten sich aber nicht 
dazu gemeldet, so ist dies erklärlich, da der § 361, 6 (Sittenpolizeiparagraph) 


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Prinzipienfragen b. d. Gesetzentwürfen z. Bekämpfung d. Geschlechtskrankheiten. 123 


eine solche Meldung einfach unmöglich machte. Denn die Sittenpolizei ist 
eine moderne Sklaverei, der sich, auch wenn ihm versprochen wird, es 
passiere ihm nichts, niemand gerne nähert. Aber ich habe als Polizeiarzt 
beobachten können, daß sich die bereits Inskribierten darum rissen, die 
Erlaubnis zu bekommen, beim Privatarzt oder in Ambulatorien auf eigene 
oder Staatskosten untersucht zu werden und dies durch ein Formular jede 
Woche mitzuteilen. Schafft man also die weiße Sklaverei ab und ersetzt 
sie durch meinen Diskretionismus, so steht nichts im Wege, daß die 
„Heimlichen“ endlich auch erfaßt werden. Denn sie werden bald sehen, 
daß das Gesundheitsamt sie in humaner Weise kontrolliert und sie werden 
daher Vertrauen zu dieser rein ärztlichen Behörde fassen, die ja nur rein 
ärztlich ohne Polizei von ihnen wie von jedem anderen Bürger den Nach* 
weis der Gesundheit verlangt, wenn sie erkrankt sind, ohne daß sie ent* 
rechtet sind. Da auch der § 180 abgeändert ist, so daß sie keine Schwierig« 
keiten mehr mit ihrer Wohnung haben, so ist die Grundlage dazu gegeben, 
das zu erfüllen, was Dr. Markus verlangt, nämlich eine diskrete rein 
gesundheitliche Beaufsichtigung auch der heimlichen Prostitution an Stelle 
des Vakuums, das durch den Abolitionismus als solchen entsteht. 

Zu Abs. 3. Die nur dem Gesundheitsamt, nicht der Polizei, bekannten 
Prostituierten müssen natürlich dem Gesundheitsamt ihren Wohnungswechsel 
mitteilen, da sie erfahrungsgemäß von einer Stadt zur anderen wandern, 
um sich der Krankenhausbehandlung zu entziehen. 

Zu § 15 sei bemerkt, daß Dr. Markus, der Mitschöpfer des schwedi« 
sehen Gesetzes vom 20. Juni 1918 sagt, daß die daselbst eingeführte Nicht« 
Überwachung der Prostitution, d. h. das laisser faire, laisser aller diesen 
staatsgefährlichen Personen gegenüber in sanitärer Beziehung eine „Resig« 
nation“ bedeute und daß dies nur ein Kompromiß gewesen sei, daß es 
aber „weder unmöglich noch unwahrscheinlich sei, ein solches System, das 
sowohl den medizinischen als moralischen ästhetischen Anforderungen 
(dies System ist in meiner Dreiteilung: diskretes Gesundheitsamt, Polizei« 
[ausschaltung] und Pflegeamt gefunden) entspricht, zu finden.“ „Dann“, so 
sagt er, „dürfte wahrscheinlich das neue schwedische Gesetz durch Be« 
Stimmungen in der angedeuteten Richtung ergänzt werden.“ 

Und Prof. Petterson erklärt, daß der Diskretionismus wahrscheinlich 
eine Verbesserung für Schweden bedeute. 

Zum Schluß noch eine formelle Richtigstellung! Der Entwurf der 
Regierung vom 10. März 1920 (gez. Koch) ist nicht, wie S. 328 Dr. Christian 
meint, der Nationalversammlung vorgelegt worden, sondern dem Reichs« 
rat, wo er beraten wird. Wie Dr. Quarck, der auch die Begründung 
wörtlich (Gegen Prostitution und Geschlechtskrankheiten. Berlin, Verlag 
Engelmann) veröffentlicht hat, schreibt, will man den Gesetzentwurf sabo« 
tieren. Er ist nie an den Reichstag oder die Nationalversammlung gekommen 
und der Öffentlichkeit nur dadurch bekannt geworden, daß ich ihn am 
31. März 1920 im „Roten Tag“ einfach brevi manu veröffentlicht habe, da ich 
auf dem Standpunkt stehe, daß die Absichten der Regierung und der sie 
beratenden D. G. B. G. nicht früh genug zur öffentlichen Diskussion gestellt 
werden können. Der Verlauf hat mir recht gegeben. Audiatur et altera pars. 

Anmerkung bei der Korrektur. Die Auffassung des früheren Mit« 
gliedes der Nationalversammlung Dr. Quarck hat sich nicht bewahrheitet. 


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124 


Drcu w, 


Denn nach 2 Jahren ist (Mitte Februar 1922) der „Entwurf eines Gesetzes zur 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten nebst Begründung“ vom 9. Februar 
1922 dem Reichstag vom Reichsrat zugegangen. Er stimmt, abgesehen von 
kleinen unwesentlichen Änderungen im großen und ganzen mit dem von 
mir im März 1920 veröffentlichten Regierungsentwurf vom 10. März 1920 *) 
überein. Er enthält 16 Paragraphen, während der ursprüngliche nur 15 
enthielt. Als § 5 ist nämlich noch ein die Ehe schützender Paragraph 
eingeschaltet worden. Im übrigen enthält er als leitendes Prinzip die 
sogenannte „beschränkte Anzeigepflicht“, die allzuleicht zur Anzeigewillkür 
der Ärzte ausarten kann. 

Ist nach diesem Entwurf jemand geschlechtskrank oder befürchtet er 
es zu sein, so ist er „verpflichtet (ob er Geld dazu hat oder nicht, darüber 
sagt der Entwurf nichts), sich von einem approbierten Arzt behandeln zu 
lassen“. Daß er verpflichtet ist, dem Arzt, eventuell unter Vorzeigen eines 
Ausweises, seinen richtigen Namen unter Strafandrohung zu sagen, erwähnt 
der Entwurf nicht. Der Arzt „klärt ihn nun laut § 7 (früher § 6) über die 
Art der Krankheit und die Ansteckungsgefahr auf und händigt ihm ein 
amtlich genehmigtes Merkblatt aus“. Dann ist der Arzt, der aber auch 
bloß Mensch und allen möglichen Versuchungen unterworfen ist, laut § 8 
(früher § 7) gehalten zu überlegen, ob nicht gerade dieser „Patient“ infolge 
seines Berufes oder seiner (dem Arzt ja gar nicht bekannten) persönlichen 
Verhältnisse andere besonders gefährdet.“ Kommt er zu diesem Ergebnis, 
was natürlich, da fast jeder Geschlechtskranke eine große Gefahr darstellt, 
wenn er unparteiisch denkt, in nahezu 100 Proz. der Fälle geschehen müßte, 
dann ist er, ebenso „wenn der Patient sich der ärztlichen Behandlung ent* 
zieht (was der Arzt kaum feststellen kann), verpflichtet, den Patienten der 
sogenannten Beratungsstelle zu melden“. Der Patient ist nunmehr ver* 
pflichtet, „den Weisungen derselben (Beratungsstellen) Folge zu leisten“. 
Folgt er nicht, so „hat diese der in § 3 bezeichneten Gesundheitsbehörde 
Kenntnis zu geben“. Wer diese Gesundheitsbehörde ist, ob die Polizei usw., 
wird nicht gesagt. Aber diese Gesundheitsbehörde hat laut § 3 folgende 
Rechte: „Sie kann nach Belieben Personen, die dringend verdächtig sind, 
geschlechtskrank zu sein, und diese Krankheit weiter zu verbreiten, anhalten, 
ein von einem behördlich dazu ermächtigten Arzt ausgestelltes Zeugnis über 
ihren Gesundheitszustand vorzulegen oder sich der Untersuchung durch einen 
solchen zu unterziehen. Sie kann alle Patienten, die geschlechtskrank sind, 
oder auch nur verdächtig sind, die Krankheit zu verbreiten, zwangsweise 
einem Heilverfahren unterziehen, sie zwangsweise in ein Krankenhaus ver* 
bringen, wenn dies zur Verhütung der Krankheit erforderlich erscheint.“ 

Daß in dieser den Beratungsstellungsstellen 2 ), selbst wenn, was nicht 
der Fall, diese sich bewährt hätten, zugewiesenen Aufgaben allzuleicht die 

5 ) Veröffentlicht in dieser Zeitschrift 1921, S.328 und ausführlich kritisch begründet 
in meinem Buch „Die Sexualrevolution“, S. 196 bis 200. 

Prof. v. Zumbusch (München), Direktor der Universitätsklinik, bespricht in 
\ T r. 13 der „Münchener med. W ochenschrift 1922“ den Gesetzentwurf. Der letzte Ab# 
satz seines Referates bringt zusammenfassend folgendes Urteil: „Die drei letzten 
Paragraphen bestimmen, daß Beratungsstellen errichtet werden müssen, daß ihr 
W irkungskreis von Reichs wegen geregelt wird und daß die Länder die Kosten aufzu# 
bringen haben. Da diese Dinge nicht medizinischer Natur sind, möchte ich mir nur 
ein paar ganz kurze Fragen erlauben. Ist sich der, welcher das Gesetz verfaßt hat, 
klar, was die Sache kostet? Es gibt nämlich bisher noch keine Beratungsstellen, wie 


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Prinzipienfragen b. d. Gesetzentwürfen z. Bekämpfung d. Geschlechtskrankheiten. 125 


Gefahr einer ärztlichen Willkür liegt und auch die der Verdächtigung 
durch liebe Mitmenschen, läßt sich nicht leugnen. 

Außer dem Hinzufügen des oben erwähnten § 5 hat der Reichsrat zu 
dem Regierungsentwurf vom 10. März 1920, der die Sittenpolizei abschaffte, 
noch einen Zusatz gemacht, wonach die Sittenpolizei nicht abgeschafft 
werden soll. Die Reichsregierung erklärt demgegenüber, daß sie an ihrem 
Entwurf, d. h. der Abschaffung der Sittenpolizei, festhalte. Dieser Versuch 
des Reichsrates, die Sittenpolizei („weiße Sklaverei“) anstatt sie aufzuheben, 
bestehen zu lassen, wird besonders in der gesamten deutschen Frauen* 
bewegung ein großes Echo wachrufen. 

Auch die Preußische Landesversammlung und der Kölner Bevölkerangs* 
politische Kongreß, die beiden sozialistischen Fraktionen, die Deutschnationale 
Volkspartei usw. sind früher schon für die allgemeine, gleiche, diskrete 
Anzeigepflicht eingetreten. Am 23. März 1922 die Vereinigung der Ärztinnen, 
Juristinnen und Nationalökonominnen. 

Es steht also zu erwarten, daß vor der endgültigen Regelung des Gesetzes 
sowohl in der Öffentlichkeit wie im Parlament noch ein starker Meinungs* 
kämpf ausgefochten werden wird, der sich vor allem auch erstrecken dürfte 
auf die Frage, ob beschränkte oder allgemeine Anzeigepflicht für Geschlechts* 
kranke durchgeführt werden soll, welch erstere schon von 1835 bis 1905 J ) 
in Preußen Gesetz war und 1905 aufgehoben wurde, weil sie völlig versagt 
hat. Hierbei sei ausdrücklich vermerkt, daß der Medizinalvertreter Preußens 
im Reichstage laut Beschluß des Preußischen Landtages vom 25. Februar 
1920 bei der Beratung des Gesetzes u. a. für die folgenden Beschlüsse 
Nr. 1 bis 5 des Landtages eintreten und sie begründen muß: 

1. Pflegeamt: Die polizeiliche Reglementierung der gewerbsmäßigen 
Unzucht ist zu beseitigen. Zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten 
und zur Überwachung der Prostitution ist die bisherige Sittenpolizei unter 
völliger Loslösung von der Kriminalpolizei in ein ausschließlich gesundheit* 
liehen und pfleglichen Zwecken dienendes Amt umzuwandeln, an dem neben 
einem Arzt eine sozial vorgebildete Fürsorgerin arbeiten soll. 

in der Begründung in vollkommen unrichtiger Weise behauptet wird. Das was nämlich 
jetzt an Beratungsstellen existiert und was die Begründung erwähnt, sind rein private 
Anstalten, welche von den Landesversicherungsanstalten erhalten werden. Diese An* 
stalten sind weder ihrem Ausmaß und ihrer Einrichtung nach in der Lage, die ihnen 
zugedachten Aufgaben zu übernehmen, noch werden die Landesversicherungsanstalten 
ihr sauer mittels Invalidenmarken zusammengcklcbtcs Geld dazu hergeben, um das 
Reich zu entlasten; besonders gering dürfte ihre Lust sein im Hinblick auf den Inhalt 
des Gesetzes. Dies werden wohl alles die Bundesstaaten übernehmen müssen zum 
Dank dafür, daß man ihre meist viel besseren Vorschriften abschafft und ihnen ein 
Gesetz aufzwingt, welches in wenig Jahren so viel Unheil stiften kann, daß man ein 
Jahrhundert zur Behebung der Schäden braucht. [Prof. v. Zumbusch ist überzeugter 
Anhänger der allgemeinen diskreten Anzeigepflicht (Münchener med. Wochenschrift 
1916, Nr. 48), trat mit der Breslauer und Berliner Dermatologischen Gesellschaft und 
sämtlichen Universitätsdermatologen (s. Mitteil, der D. G. B. G., Bd. 18, S. 75) gegen 
die allgemeine und für die beschränkte Anzeigepflicht ein. Dr. D.) 

*) Dieses besagte: „Anzeige an die Polizeibehörde muß bei einer Strafe von 
5 Thalern erfolgen, wenn nach dem Ermessen des Arztes nachteilige Folgen für den 
Kranken selbst und für das Gemeinwesen zu befürchten sind (§ 65). 44 Hierüber schreibt 
das Ehrenmitglied der privaten D. G. B. G., Ministerialdirektor Kirchner, der das 
Regulativ 1900 noch in Tätigkeit sah: „Diese Art hat große Bedenken. Sie ist in das 
Ermessen des Arztes gestellt und von Bedingungen abhängig, deren Vorhandensein 
oder Fehlen der Arzt in vielen Fällen gar nicht beurteilen kann. Sic ist weder Fisch 
noch Fleisch. Der Arzt bekomnU eine Verantwortung, die er eigentlich gar nicht 
tragen kann. Meines Wissens hat kein Arzt jemals diese Anzcigeptlicht beachtet.“ 


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126 Dreuw, Prinzipienfragen bei den Gesetzentwürfen zur Bekämpfung usw. 

2. Behandlungspflicht: Für alle Geschlechtskrankheiten besteht eine 
Behandlungspflicht, wie sie im Gesetzentwurf eines Reichstagsausschusses 
für Bevölkerungspolitik festgelegt worden ist. 

3. Anzeigepflicht: Es ist eine Anzeigepflicht für alle Geschlechts« 
kranken ohne Namensnennung an ein zum strengsten Stillschweigen. ver« 
pflichtetes Gesundheitsamt einzuführen, das die Kranken registriert, daß 
ihre Namen, wenn nötig durch Nachfrage bei dem behandelnden Arzt, aus 
dem von ihm zu führenden Krankenjournal festgestellt werden können. 

4. Behandlungsrecht: Allgemeine unentgeltliche Behandlung aller 
Geschlechtskranken unter Ausschluß mißbräuchlicher Ausnutzung. Die 
Kosten gehen zu Lasten des Landes. Es darf kein Rückgriff auf die Heimat* 
gemeinde erfolgen. Die Leistung darf nicht als armenrechtliche gelten. 

5. Gesundheitsnachweis: Personen, die gewerbsmäßig Unzucht 
treiben, sind verpflichtet, bei einer von der Kreisbehörde zu bestimmenden 
Stelle den Nachweis zu erbringen, daß sie unter regelmäßiger gesundheit* 
licher Beaufsichtigung eines mit den nötigen Fachkenntnissen versehenen, 
behördlich zugelassenen Arztes stehen. 

Die Nichtachtung dieser Bestimmung wird mit Gefängnis bis zu drei 
Jahren bestraft. 

Andere Personen, die geschlechtskrank sind und bei denen die Gefahr 
besteht, daß sie ihre Krankheit weiterverbreiten, können angehalten werden, 
eine ärztliche Bescheinigung über ihren Gesundheitszustand beizubringen, 
oder sich einer vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung zu unterziehen. 

Sie können, erkrankt befunden, angehalten werden, bis zur erfolgten 
Heilung nach Bedarf zu wiederholende ärztliche Bescheinigung über ihren 
Gesundheitszustand beizubringen. 

Es ist von einer besonderen Bedeutung, daß der größte deutsche Staat, 
Preußen, für diese grundlegenden Änderungen, insbesondere Nr. 3, ein* 
getreten ist. 

Zum Schluß noch die Bemerkung, daß wir in Deutschland eine auch 
nur annähernd genaue Statistik nicht haben, die durch den Diskretionismu» 
gewährleistet würde. In England gibt eine Königl. Kommission bekannt, 
daß 10 Proz. an Syphilis und noch mehr Prozent an Gonorrhöe und weichem 
Schanker, also etwa 25 Proz. krank sind. Das französische Kriegsministerium 
gibt ähnliche Zahlen, auch etwa 25 Proz. an. Und in Deutschland wird 
es nicht viel anders sein. 


Das Desinfektionsverfahren mit Blausäure. 

[Zusammenfassende Übersicht II*)]. 

Von Kreisarzt Dr. Wolf in Cassel. 

Da die Anschauungen über die Verwendung der Blausäure und ihrer 
Derivate in der Desinfektion noch geteilt sind, wird es sich verlohnen, die 
reichhaltige Literatur kurz zusammenzustellen. 

Nachdem am 6. Januar 1919 vom Preuß. Ministerium des Innern vor 
der Anwendung der Blausäure gewarnt war, wurde am 29. Januar 1919 

*) I. vgl. diese Zeitschrift 1919, Nr. 2. 

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Wolf, Das Desinfektionsverfahren mit Blausäure. 


127 


durch Verordnung der Reichsregierung das Verfahren verboten und nur 
der Heeres* und Marineverwaltung sowie den staatlichen Forschungsanstalten 
und dem Technischen Ausschuß für Schädlingsbekämpfung in den beigefügten 
Ausführungsbestimmungen freigegeben. Für Preußen wurde die Frage durch 
den Ministerialerlaß vom 5. Mai 1919 geregelt; an Stelle des Technischen 
Ausschusses trat gemäß Erlaß vom 2. Mai 1919 die Deutsche Gesellschaft 
für Schädlingsbekämpfung. Uber die Anwendung der Blausäure bei der 
Reichswehr ist vom Kriegsministerium am 9. Juli 1919 eine genaue Dienst* 
anweisung erlassen worden. Der Erlaß des Reichswehrministers vom 
12. Dezember 1919 verbietet die Durchgasung von einzelnen Räumen in 
bewohnten Häusern. 

Teichmann und Nagel 1 ) berichten über ihre Versuche über die Ein* 
Wirkung von Cyanwasserstoff auf Bakterien. Wilhelmi 2 ) bespricht die 
Verwendung des Verfahrens in wasserhygienischer Hinsicht. 

v. Skramlik 8 ) spricht sich dahin aus, daß die Desinfektionswirkung 
der Blausäure — da sehr gering — für die Praxis nicht in Betracht kommt. 
Nagel 4 ) empfiehlt das Formaldehyd*Ventox*Gasgemisch; Ventox ist ein 
Blausäurederivat + Reizstoff. Durch dies Verfahren soll infolge der ein* 
maligen Vergasung mit einer Apparatur eine gleichzeitige Entkeimung und 
Entwesung erreicht werden. 

Wagner 6 ) berichtet über die Verwendung der Blausäure und verlangt 
bestimmte Vorsichtsmaßnahmen. 

Hase 6 ) weist auf die Verwendung der Blausäure wegen der Wirtschaft* 
liehen Bekämpfung der Ungeziefer* und Schädlingsbekämpfung hin. 

Nach Schalke 7 ) ist die Anwendung nur da gegeben, wo es sich um 
Sanierung von Schiffen, Mühlen, Speichern, weitläufigen Baracken usw. 
handelt und die Kosten eine untergeordnete Rolle spielen. 

Bail 8 ) verlangt, daß jeder behördlich zu genehmigenden Vergasung 
mit Blausäure eine genaue Untersuchung der örtlichen Verhältnisse vorher* 
gehen soll, bei der die Zulässigkeit und die anzuwendenden Vorsichts* 
maßregeln bestimmt werden. 

Gassner 9 ) berichtet ausführlich über das Verfahren, desgleichen 
Richter 10 ) und Freymuth 11 ). 

Nach Rasch 12 ) steht die Blausäure bei der Ungezieferbekämpfung an 
erster Stelle, während Freymuth 18 ) die Frage verneint, ob man Blausäure 
auch zur Durchgasung von Wohngebäuden benutzen darf. Rasch 14 ) folgert 
ferner aus seiner ausführlichen Darstellung, daß die Blausäure als Ent* 
wesungsmittel eine gewisse Volkstümlichkeit erlangt hat, und vor allem, 
daß mit einem allgemeinen Verbot nichts erreicht würde. Er macht einige 
Verbesserungsvorschläge zu dem v. Skramlikschen Gesetzentwurf. So hält 
er die Bestimmung, daß jede Vergasung behördlich genehmigt werden müsse, 
für überflüssig, desgleichen die Teilnahme der Polizei und eines Arztes; es 
genügt die daraus zu kontrollierende Vertrautheit des Personals mit Wieder* 
belebungsversuchen (Sauerstoffapparat). Das zugelassene Entleeren der 
Ablaugen in Aborten usw. ist zu verbieten. Die Wiederbenutzung von 
Wohnräumen und Kleidern ist vom Ausfall der Gasrestprobe abhängig zu 
machen. Die Anwendung reiner Blausäure in einzelnen Wohnungen oder 
Räumen bewohnter Gebäude muß grundsätzlich verboten werden. In den 
Vorschriften betreffend periodische Entwesung von Räumlichkeiten wäre 


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128 


Wolf, 


zweckmäßig statt „mit Blausäure“ zu setzen „mit einem behördlich an* 
erkannten, zweckentsprechenden Mittel“. 

Klostermann 16 ) fordert, daß nur geprüfte und erfahrene Desinfektoren 
die besonders ausgebildet sind, Durchgasungen mit Blausäure und ihren 
Derivaten vornehmen dürfen und die Räume so lange unter Verschluß 
halten müssen, bis sie freigegeben werden dürfen. 

Freymuth 10 ) steht nach wie vor auf dem Standpunkt: „Fort mit der 
Blausäure in jeder Form und Gestalt aus menschlichen Wohnungen.“ 

Jäckel 17 ) will Blausäure für Wohn» und Schlafräume in Mietshäusern 
ausgeschaltet wissen; dieselbe Forderung erhebt er 18 ) an anderer Stelle. 

Freymuth 19 ) u. 20 ) wiederholt seine Warnung vor der Verwendung der 
Blausäure in menschlichen Wohnungen auf Grund aller bisherigen Erfahrungen. 

Schnutz 21 ) schließt sich der Forderung von Jaeckel und Freymuth an. 

Gilbricht 22 ) verlangt allgemeines Verbot der Verwendung von Blau* 
säure in Wohnräumen. 

Herdt 23 ) wendet sich gegen die Gilb rieht sehen Ausführungen; richtig 
ist, daß die schweflige Säure ungefährlicher ist als Blausäure und ihre 
Derivate; dagegen ist noch nicht erwiesen, daß die schweflige Säure restlos 
alle Entwicklungsformen im praktischen Falle abtötet. 

Lehmann 24 ) äußert sich über die Wirkung der Blausäure folgender* 
maßen: Feuchte Räume, Polster, Stoffe, poröse Steine nehmen viel Blau* 
säure auf, sie vermindern die Blausäurekonzentration und bilden durch 
nachträgliche Blausäureabgabe an den freigegebenen Raum eine schwere 
Gefahr, die anfangs unterschätzt wurde. Die Lüftung nach der Entwesung 
muß sehr gründlich betrieben werden. Die Fenster des unteren Geschosses 
sollen von außen, später — nach Durchlüftung des Untergeschosses — die 
der oberen Geschosse durch mit Atemapparaten geschützte, geschulte, zu 
zweien arbeitende Personen von innen geöffnet werden. Nach ein bis 
zwei Stunden Lüftung bestimmt der Entwesungsleiter durch chemische 
Methoden, ob die Blausäure genügend entfernt ist. Da Blausäure die — im 
Gegensatz zu den Respirationsorganen — ungeschützten Augen schwach 
reizt, so hat er auch subjektive Anhaltspunkte über den Grad der Gefährlich* 
keit der Luft. Die ersten 24 Stunden nach der Freigabe des Hauses müssen 
die Fenster offen bleiben, namentlich in Schlafzimmern. Es wird jetzt 
meist eine Nacht entwest, am Morgen mit der Lüftung begonnen, nach 
24 Stunden das Haus bezogen und erst nach 36 Stunden nach Beginn der 
Lüftung im Hause geschlafen. Wesentlich ungefährlicher für die Bedienungs* 
mannschaft ist es, die Blausäure in geschlossenen Metallapparaten vor dem 
Hause zu entwickeln, das Gas durch Schläuche in das Innere des Hauses 
zu leiten, dessen Räume alle nach innen geöffnet und gegen die Außenluft 
gedichtet sind. Es ist dies wohl die Methode der Zukunft. Daß die 
Gewissenhaftigkeit, Umsicht und Einsicht des Führers von höchster Be* 
deutung ist, ist klar. Werden diese angedeuteten Vorschriften, die be* 
hördlich in umfassender, ins einzelne gehender Weise festgelegt sind, 
gewissenhaft befolgt, dann ist auch Blausäure ohne besondere Gefahr auch 
in der sehr großen Menge von 1 Vol.*Proz. zu verwenden. Nach Be* 
rechnung würden von 27 Todesfällen etwa 3 sein, in denen man sagen 
kann, daß die Arbeiter glaubten, sorgfältig gearbeitet zu haben, aber durch 
Übersehen von Gefahren Todesfälle verursachten. In allen anderen Fällen 


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Das Desinfektionsverfahren mit Blausäure. 


129 


sind teils grober Leichtsinn beim Betreten der Gebäude oder nachlässige 
Ausführung der Vorschriften schuld an dem Unglück gewesen. Man darf 
hoffen, daß diese Erfahrungen und die damit verbundenen Prozesse und 
Unannehmlichkeiten ausreichen, um die Durchgasungsgesellschaft zu äußer* 
ster Vorsicht für die Zukunft zu zwingen. Eingraben der Rückstände in 
1 bis 2 m tiefe Gruben unter Zufügung des Waschwassers ist auch eine 
bedenkliche Methode, nicht besser ist das Versetzen des Bottichinhalts 
mit Kalk für das Grundwasser. Der Kalkzusatz soll Blausäureabgabe beim 
Transport der gebrauchten Bottiche verhüten; es ist aber zu vermeiden, 
daß durch zu- plötzlichen und starken Zusatz von ungelöschtem Kalk durch 
Erzeugung von zuviel Wärme ein Austreiben von Blausäuregas eintritt, ehe 
sie gebunden ist. Es scheint in neuerer Zeit gelungen zu sein, durch ein* 
fache Vorschriften eine Verwandlung der Blausäurereste in ganz ungiftiges 
Ferrocyankalium zu sichern. Dies wäre obligatorisch zu machen. 

Über Todesfälle infolge fahrlässiger Vergiftung eines Kammerjägers bei 
einer Wohnungsdesinfektion berichten ferner Neumann 25 ), Berg 26 ) und 
Klostermann 15 ). 

Die Möglichkeit der Blausäurevergiftung in benachbarten Räumen 
erörtert Selter 27 ). 

Fühner 28 ) geht ausführlich auf die Blausäurevergiftung ein und be* 
richtet 29 ) über die Giftigkeit der Blausäure. 

Flury und Heubner 30 ) besprechen die Wirkung und Entgiftung ein* 
geatmeter Blausäure und sind der Ansicht, daß sowohl die Verabreichung 
von Natriumthiosulfat wie auch die prophylaktische Einspritzung wenig 
Aussicht hat. 

Wegen des durch fahrlässige Desinfektion mit Blausäure erfolgten 
Todes von drei Arbeitern wurde vom Landgericht Köln am 14. Januar 1921 
auf Gefängnisstrafen erkannt. 

Koelsch 31 ) beschäftigt sich mit den durch Blausäure entstehenden 
gewerblichen Vergiftungen. 

Neuerdings hat man nun statt der Blausäure ein Derivat, den Cyan* 
kohlensäureester, Zyklon genannt, verwendet. Die Deutsche Gesellschaft 
für Schädlingsbekämpfung in Frankfurt a. M. hat im Januar 1921 eine 
Anleitung für Zyklondurchgasungen herausgegeben. 

Nach Lehmann 24 ) liegen hier die Verhältnisse insofern etwas kom* 
plizierter, als der Cyankohlensäureester des Handels von seiner Fabrikation 
her einen nicht unerheblichen Gehalt an Chlorkohlensäureester (etwa 7 bis 
10 Proz.) und von Dialkylkohlensäureester enthält. Chlorkohlcnsäureester 
ist eine Substanz von sehr bedeutender Reizwirkung auf die Schleimhäute. 
Es ist also das Zyklon, wie es zur Verfügung steht, durch seinen Chlor* 
kohlensäureestergehalt ebenfalls als stark reizend zu bezeichnen, und darauf 
beruht gerade Flury und Hases Empfehlung für Bekämpfung von L’n* 
geziefer. 

Die Räume erhalten beim Verdampfen der Zyklonmengen, die zur 
Desinfektion ausreichen, d. h. von etwa 20 ccm pro Kubikmeter, eine so 
starke Beimischung von Chlorkohlensäureester, daß es ganz ausgeschlossen 
ist, daß jemand in bewohnten Nebenräumen ungewarnt bleibt. 

Für einen Raum von 400 cbm muß nach den Angaben der Firma nicht 
weniger als 8000 ccm Zyklon vernebelt werden, um eine sicher insekten- 


Öffentliche Gesundheitspflege 1922. 


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130 Wolf, 

tötende Wirkung hervorzubringen. Der Versuch hat gezeigt, daß 1 Proz. 
der zur Entwesung notwendigen Menge ausreicht, um einen Raum einfach 
unbewohnbar zu machen! Es würde also in einem praktischen Versuch 
der Raum unbetretbar sein, wenn 99 Proz. seines Blausäuregehalts ver* 
schwunden ist, oder es würden bei Undichtigkeiten des zu entwesenden 
Raumes sich warnende Belästigungen in den Nachbarräumen, auf den 
Korridoren in allerhöchstem Grade bemerkbar machen. Diese Erfahrungen 
lassen eine weitere Verwendung von Zyklon zu Entwesungszwecken als 
sehr vernünftig und zweckmäßig erscheinen. Keiner der Unglücksfälle, die 
auf Sorglosigkeit zu beziehen waren, würden sich ereignet haben, wenn statt 
Blausäure Zyklon verwendet worden wäre. Auch der Vorschlag, bei Blau* 
säureentwesungen einen Teil Blausäure durch zwei Teile Zyklon zu ersetzen, 
würde sicher fast alle Leichtsinnsunfälle unmöglich machen. Die Handhabung 
des flüssigen Zyklons ist bequem und bei kühler Temperatur und vorsichtiger 
Arbeit auch ohne Maske, solange man die Versuche nur im kleinen macht, 
durchzuführen, ln den Räumen geschieht die Zyklonvernebelung durch 
vorher mit einer Handpumpe unter Druckluft zu setzenden Messingbehälter. 
Es sind neuerdings Konstruktionen erdacht, die erlauben, auch Dampf* 
desinfektionsapparatc zur gelegentlichen Zyklonentwesung zu benutzen. 

Heerdt 32 ) äußert sich folgendermaßen: Von Zyklon benötigt man für 
100cbm Raum 2 Liter, das Liter zu 40 M., erzielt also bei 80 M. Auf* 
wendung einen sicheren Erfolg bei gänzlicher Unschädlichkeit für die Ein* 
richtungsgegenstände. Eine gesundheitliche Schädigung der Ausführenden 
tritt nach den Erfahrungen nicht ein. Es gibt Leute, die schon seit 
einem Jahr dauernd mit Zyklon arbeiten und noch keinerlei Beschwerden 
empfinden. Es ist auch unmöglich, daß Schädigungen eintreten können, 
da die geringste, noch längst nicht schädliche Menge bereits einen so un* 
erträglichen, aber nicht gesundheitsschädlichen Reiz auf die Augen und 
die Atmungswege ausübt, daß ein Verweilen in der Nähe ausgeschlossen 
ist. Nahrungsmittel mit einem gewissen Feuchtigkeitsgehalt nehmen selbst* 
verständlich Blausäure auf und behalten auch beim späteren Genuß schädi* 
gendc Wirkungen, wenn die Menge der aufgenommenen Blausäure etwa 
12mg in 100g Substanz übersteigt. Dasselbe gilt für Zyklon, welches 
jedoch nicht identisch ist mit Blausäure. Offene Flüssigkeiten und feuchte 
Eßwaren, insbesondere aber auch öl und Fett, dürfen daher weder einer 
Blausäure* noch einer Zyklonbehandlung ausgesetzt werden. (Dieselben 
Nahrungsmittel würden natürlich auch von schwefliger Säure verdorben. 
Diese macht sogar trockene Nahrungsmittel, vor allen Dingen aber Mehl, 
ungenießbar.) Beim Klopfen der Kleider und des Bettzeuges kommt es 
auf die Gründlichkeit des Ausklopfens und insbesondere auf die Tem* 
peratur, in welcher das Ausklopfen vorgenommen wurde, an, ob sie früher 
oder später als unschädlich zu bezeichnen sind. Hierüber gibt jedoch der 
Gasrestnachweis objektiv sichere Auskunft. 

Ob ein Mensch, welcher in einem Raume schläft, der einem unter 
Zyklongas stehenden Raume benachbart ist, durch Spuren des Gases geweckt 
wird, ist dahin zu beantworten, daß bereits das Einatmen des hundertsten 
Teiles der für die Durchgasung notwendigen Menge in kurzer Zeit einen 
unerträglichen Reiz auf die Atmungsorgane ausübt, so daß ein Hustenreiz 
entsteht, welcher dem durch die schweflige Säure verursachten ähnlich ist. 

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Das Desinfektionsverfahren mit Blausäure. 


131 


Praktisch wird dieser Fall übrigens selten Vorkommen, denn selbst wenn 
man einen Raum über Nacht unter Gas stehen läßt, so lassen sich doch 
die benachbarten Räume während der ersten Stunde der Durchgasung gut 
kontrollieren. Ist dann — d. h. also während das Gas die Höchst* 
konzentration hat — kein Gas in benachbarte Räume eingedrungen, so ist 
dies für später ausgeschlossen. 

Nach Reh 33 ) hat Zyklon zweifellos manche Vorzüge. Ob und wieweit 
es aber imstande ist, den Schwefelkohlenstoff und die Blausäure zu ersetzen, 
kann erst die Praxis zeigen. 

Auch Schildt 34 ) ist der Ansicht, daß die Anwendung des Zyklons 
doch nicht so einfach ist, wie versprochen wird. 

Rasch 35 ) dagegen tritt für die Anwendung von Zyklon ein. 

Flury und Hase 36 ) meinen, daß Zyklon geeigneter als Blausäure, da 
leichter erkennbar. . 

Klostermann 15 ) berichtet über einen Todesfall nach der Durchgasung 
einer Wohnung mit Zyklon. 

Reh 37 ) zieht die Blausäure dem Zyklon und erst recht der schwefligen 
Säure vor. Die in Deutschland vorgekommenen Todesfälle sind nur auf 
unverantwortliche Fahrlässigkeit zurückzuführen. 

Rauch 38 ) kann Blausäure bei genügender Vorsicht zur Entwesung 
einzelner Wohnungen bewohnter Räume empfehlen und empfiehlt zum 
Nachweis die Schönbeinsche und die Benzidin*Cu*Acetatprobe. 


Literatur. 

l ) Zeitschrift für Hygiene, Bd. 90, Heft 3. — 2 ) Hygienische Rundschau 1920, 
Nr. 24. — 3 ) Centralbl. f. Bakt. 1, Bd. 83. — 4 ) Desinfektion 1921, Nr. 10. — *) Zeit* 
schrift f. Medizinalbeamte 1919, Nr. 15. — e ) Danziger Zeitung v. 5. Dez. 1920. — 

7 ) Kolonnenführcr 1920, Nr. 12. — 8 ) Umschau 1920, Nr. 45. — 9 ) Gesundheitsingenieur 

1920, Heft 24. — l0 ) Desinfektion 1921, Nr. 4. — ll ) Daselbst, Nr. 8. — 1Ä ) Zeitschrift 
f. Medizinalbcamte 1920, Nr. 20. — 13 ) Zeitschrift f. Krankenpflege 1920, Heft 3. — 
u ) Desinfektion 1921, Heft 5. — n ) Öffentl. Gesundheitspfl. 1919, Nr. 11. Desinfektion 

1921, Nr. 6. — ,6 ) Desinfektion 1921, Nr. 7. — 17 ) Techn. Gemeindeblatt 1921, Nr. 3. —- 
lg ) D. Bäderzeitung 1921, Nr. 20. — l9 ) Pr. Desinfektor 1921, Nr. 3. — 20 ) Ungeziefer* 
und Schädlingsbekämpfer 1921, Nr. 4. — ?1 ) Pr. Desinfektor 1921, Nr. 8/9. — 22 ) Des* 
infektion 1921, Nr. 10. — 23 ) Daselbst, Nr. 12. — 24 ) Münch, med. Wochenschrift 1920, 
Nr. 53. — * 5 ) Berl. klin. Wochenschrift 1919, Nr. 35. — * 8 ) Zeitschrift f. Medizinal* 
beamte 1920, Nr. 11. — 27 ) D. med. Wochenschrift 1919, Nr. 45. — 28 ) Daselbst. — 
*•) Pharmaz. Zentralhalle 1919, Heft 43. — 30 ) Biochem. Zeitschrift 1919, Heft 3 4. — 
ai ) Zentralblatt f. Gewerbehygiene 1920, Nr. 5 6. — 32 ) Pr. Desinfektor 1921, Nr. 2. — 
S3 ) Ungeziefer- u. Schädlingsbekämpfer 1921, Nr. 1. — n4 ) Pr. Desinfektor 1920, Nr. 12. — 
35 ) Zeitschrift f. Krankenpflege 1921, Nr. 8—12. — 38 ) Münch, med. Wochenschrift 1920, 
Nr. 27. — 87 ) Pr. Desinfektor 1921, Nr. 5. — 38 ) Gesundheitsingenieur 1921, Nr. 5. 


Chronik der Gesundheitspflege. 

Infektionskrankheiten. 

Von Obcrmedizinalrat Dr. Franz Spaet in München. 

Allgemeines. 

Mehrfach beschäftigt sich die einschlägige Literatur in letzter Zeit mit 
dem sogenannten d’ Herelieschen Phänomen, einem von diesem fran* 
zösischen Forscher 1917 entdeckten Naturvorgang, den er als Bakterie* 
phagie bezeichnete. Als der Wirkung von Bakteriophagie besonders zu* 


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9* 

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132 


Franz S pa c t, 


gänglich gelten die Shiga*Ruhrbazillen. Nach d’Herelles Versuchen 
sind Auszüge keimdicht filtrierter Stühle von Ruhrkranken imstande, Ruhr* 
bazillen aufzulösen, wobei die Flüssigkeit in beliebig fortgesetzten Uber* 
tragungen wirksam ist. Diese Erscheinung wird von d’Her eile auf die 
Wirkung eines filtrierbaren Lebewesens (eines Bakteriophagen, „Bacterio* 
phagum infectionale“) zurückgeführt, das auf Kosten lebender Bazillen 
unter Auflösung dieser sich vermehrt, dessen Reindarstellung bis jetzt 
jedoch noch nicht gelang, diese Auflösung finde nicht nur außerhalb, sondern 
auch innerhalb des Tierkörpers statt, wodurch nicht nur eine Infektion 
beseitigt, sondern, wie es scheine, auch die Wirkung endotoxischer Bakterien* 
Substanzen aufgehoben werde, d’ Her eile hegt die Hoffnung, daß die 
Bakteriophagie zu Heilzwecken verwendet, sowie auch die Anwendung 
der Bakteriophagentheorie für die Erforschung der unsichtbaren Krankheits* 
erreger bedeutungsvoll werden könnte. Nach Untersuchungen von Bail sind 
die wirksamen Stoffe nicht spezifisch, d. h. Filtrate von Stühlen von Ruhr* 
rekonvaleszenten lösen nicht stets Ruhrbazillen auf, sondern können auch 
auf andere Bazillen, wie z. B. Typhus*, Koli*, Paratyphusbazillen, diese 
Wirkung ausüben, dagegen die Ruhrbazillen unbeeinflußt lassen. Interessant 
ist auch das Auftreten von Bakteriophagie bei längerer Züchtung von 
normalen Bakterien — längere Züchtung in Fleischbrühe unter mehrmals 
wiederholtem Abzentrifugieren, Erwärmen auf 58° C und frischer Einsaat, 
die dann nicht mehr anging und dadurch das Entstehen von Bakteriophagen 
vermuten läßt. Bail nimmt an, daß durch verschiedene Einwirkungen auf 
die Bakterien, so auch der Körperschutzkräfte, die Bakterien zu Splittern 
abgebaut werden, jedoch so, daß dabei ihre Vermehrungs* und Lebens* 
fähigkeit erhalten bleibt. Diese Splitter seien filtrierbar, können sich nur 
von lebender Substanz der Bakterien nähren und verwandeln die frischen 
Bakterien wieder zu Splittern. Diese Vorgänge können nicht wirklich 
gesehen werden, sondern sind nur aus den eintretenden Wirkungen zu 
erschließen. Die bakteriophage Wirkung tritt bereits bei Verdünnung von 
1 : 1000 Milliontel ein. Rimpau schildert den grundlegenden Versuch in 
folgender Weise: Verteilt man eine geringe Menge Stuhl in Nährbouillon 
und filtriert nach einiger Zeit diese dünne Aufschwemmung durch ein 
Berkefeldfilter, so erhält man ein klares Filtrat; setzt man dieses FiltTat 
zu einer leicht trüben Aufschwemmung von lebenden Bakterien, z. B. 'ron 
Flexner*Ruhrbazillen, in Nährbouillon, so macht es diese Aufschwemmung 
nach mehreren Stunden klar. Die auflösende Wirkung läßt sich auch durch 
die Uberimpfung kleinster Mengen der klar gewordenen Ruhrbazillen in ein 
zweites Röhrchen mit frischer Ruhrbazillenaufschwcmmung in Bouillon wieder 
erzeugen, auch diese Aufschwemmung wird klar usw. (Bail, „Das Phänomen 
von dTlerelle“ im Verein deutscher Arzte in Prag. Bericht in Deutsch, 
med. Wochenschrift 1921, Nr. 51. — Derselbe, „Uber Shiga*Bakteriophagie“ 
in Wiener klin. Wochenschrift 1921, Nr. 46. — Rimpau in Münchener med. 
Wochenschrift 1921. Bericht von W. Sch. in Münch. N. N. 1922.) 

Eingehende Untersuchungen hat auch Gildemeister in der bakterio* 
logischen Abteilung des Reichsgesundheitsamtes bezüglich des d’Herelle* 
sehen Phänomens angestellt. Er kam zur Überzeugung, daß er schon 
früher Kolonieformen in der Hand gehabt habe, wie sie d’Herelle bei 
Weitcrabimpfung von Bakteriolysaten erzielte. Er habe sie seinerzeit im 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


133 


Zentralbl. f. Bakteriol., Abt. 1, Orig.*Bd. 79, Heft 1, 1917 als Flattere 
formen, d. i. als unregelmäßige, vielgestaltige Kolonieformen bezeichnet, 
welche er in Haupt*, Neben* und Zwischenformen schied. Gildemeister 
stimmt Bordet und Ciuca bei. welche auf Grund ihrer Versuche — experi* 
mentelle Erzeugung eines lytischen Agens in der Meerschweinchenbauch* 
höhle — die Annahme eines belebten Virus als Ursache des d’Herelleschen 
Phänomens ablehnen. Er nimmt an, daß dieses in das Gebiet der 
Variabilitätserscheinung gehöre, und zwar können nicht nur durch 
Leukozytenreize, sondern auch durch andere Reize unbekannter Art Kultur* 
Varianten abgespalten werden, welche das lytische Agens aufweisen. Bei 
seinen verschiedenen Versuchen konnte Gildemeister bei frisch aus den 
Menschen isolierten Kolonien die oben erwähnten Flatterformen finden, 
welche das lytische Agens enthielten, und Bail hat in alternden Kulturen 
eines Flexnerstammes die bakteriophage Wirkung nachweisen können, so 
daß wohl sicher feststehe, daß das lytische Agens in den Bakterien selbst 
sich bilde. Gildemeister gelang es ferner, das lytische Agens auch im 
Reagenzglase zu erzeugen. Deutlich sichtbar lasse sich dessen Wirkung 
zeigen, wenn man Agarplatten mit Kolibazillen impft und nach kurzer 
Betäubung einen Tropfen des lytischen Agens über die Platte fließen läßt. 
Im Bereich des Tropfens finden sich keine Kulturen, der Streifen bleibt 
klar, nach einiger Zeit erscheinen aber in diesem Teile der Platten Kolonien, 
und zwar von unregelmäßiger und zerfaserter Gestalt, die bei Weiterimpfung 
die oben beschriebene Varietät mit ihrer lysogenen Fähigkeit geben — das 
lytische Agens behalte bei Zimmertemperatur jahrelang seine Wirksamkeit, 
bei 70° C werde es noch nicht zerstört, erst bei 75° C büße es seine Wirk* 
samkeit ein (Berl. klin. Wochenschrift 1921, Nr. 46). 

Über die Lebensdauer einiger pathogener Bakterien auf 
Papiergeld veröffentlichten H. Dold und Chen Yä*hsiang ihre in der 
deutschen Medizinschule für Chinesen in Shangai gemachten Untersuchungen 
mit folgendem Ergebnis: 


Lebensdauer im 



Minimum 

Maximum 

Tvphusbazillen, Sammlungskultur. 

12 Stunden 

36 Stunden 

„ aus Tvphusstuhl. 

12 

120 

Paratvphusbazillen, Sammlungskultur . .'. . . 

48 

132 

Dysenterie (Shiga*Kruse), Sammlungskultur . . 

2 

24 

Choleravibrionen, Sammlungskultur. 

10 Minuten 

1 

Diphtheriebazillen, Sammlungskultur. 

19 Stunden 

24 

„ frisch gezüchtete. 

96 

120 


Wie daraus ersichtlich, haben die natürlichen Infektionsstoffe eine 
beträchtlich größere Widerstandsfähigkeit, das gleiche wird für die Yer* 
hältnisse im Leben gelten, wo die Keime in ihren natürlichen Substraten 
verschleppt werden. Die Keime werden sich namentlich auf altem be* 
schmutzten Papiergeld länger lebensfähig erhalten. Indessen soll die damit 
verbundene Infektionsgefahr nach Ansicht der beiden Autoren nicht über* 
schätzt werden, denn nach früher von ihnen angestellten Versuchen ist die 
Gefahr einer Übertragung von Krankheiten durch die Fingerberührung nicht 


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134 


Franz Spaet, 


allzu groß, die Keime haften meist in den Buchten der Haut so sicher, 
daß sie durch bloße Berührung nicht leicht übertragen werden. Größer 
ist die Gefahr der Infektion durch Papiergeld, wenn bei dessen Zählung, 
wie es öfters geschieht, die Finger mit der Zunge befeuchtet werden und 
(Anm. d. Ref.) wenn es sich dabei um Personen handelt, die mit Zu* 
bereitung von Nahrungsmitteln beschäftigt sind (Archiv f. Hygiene, Bd. 89). 


Die neue Preußische Desinfektionsordnung vom 8. Februar 1921 
bringt eine den praktischen Verhältnissen entsprechende Vereinfachung 
einzelner Desinfektionsmaßnahmen, so ist z. B. die Dampf« und Formalin« 
desinfektion nur für Fälle vorgeschrieben, die eine besondere Gefahr be« 
dingen. Matrazen, Betten und Kleider brauchen nicht mehr nach der 
Desinfektionsanstalt gebracht zu werden, sondern werden in der Wohnung 
mit Sublimatlösung (1 : 1000) abgewaschen oder abgerieben, auch fallen der 
Behandlung mit desinfizierenden Lösungen oder mit Formalin nicht mehr 
der ganze Krankenzimmerinhalt, sondern nur die in nächster Umgebung 
des Bettes befindlichen Gegenstände anheim. Die infektionsverdächtigen 
Gegenstände werden durch Befeuchtung mit Sublimatlösung desinfiziert. 
Bei Tuberkulose wird gründliche Reinigung im allgemeinen als genügend 
erklärt, auch sonst wird diese in vielen Fällen eingehendere Desinfektions« 
maßnahme erfolgen können; bei Cholera wird allerdings bezüglich des 
Schmutzwassers auf die Notwendigkeit besonderer Vorsicht hingewiesen. 
Ganz besonderes Gewicht wird auf sorgfältige Desinfektion am Kranken« 
bett (laufende Desinfektion), sowie auf schleunige Durchführung der 
Schlußdesinfektion gelegt; die Vornahme letzterer ist daher nicht mehr den 
amtlichen Desinfektoren Vorbehalten, sondern kann auch von dem Kranken« 
Pflegepersonal ausgeübt werden. Ein neuer Preußischer Ministerialerlaß 
vom 7. Januar 1922 schränkt übrigens die früheren Vorschriften insofern 
ein, als der Schlußdesinfektion neben der laufenden ihr Recht gegeben wird. 

Masern. 

Uber Masernschutz durch Rekonvaleszentenserum berichtete 
Kutter im Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin am 
9. Mai 1921 (Ref. in Deutsch, med. Wochenschrift 1921, Nr. 42). Bei 
107 Fällen wurde mittels rechtzeitiger Injektion (nach der Deykwitzschen 
Versuchsanordnung) in der Inkubation (zwischen 2. bis 6. Inkubationstag) 
voller Erfolg mit glatter Unterbindung der Infektionsausbreitung im Kranken« 
hause und Kinderheim erzielt. In sieben Fällen war die Injektion scheinbar 
erfolglos, weil zu spät angewendet. Angewendet wird Mischserum (5 ccm 
Serum) zwischen 7. und 14. Rekonvaleszententag, ohne irgendwelche Nach« 
teile oder Schädigungen. Bei Verwendung eines Serums, das nur von einem 
Rekonvaleszenten und schon am sechsten Tage entnommen war, entstanden 
rudimentäre Masern, die ungeschwächt kontagiös waren. Soweit die Dauer 
der Schutzwirkung in einem Falle geprüft werden konnte, so erstreckte sie 
sich auf 3% Monate. — ErwachsenemSerum brachte in zwei Fällen Versager. 
Das Serum von Neugeborenen, die bekanntlich von Masern freibleiben, 
war ohne Erfolg; die Masernunempfindlichkeit der Neugeborenen beruht 
demnach nicht auf Bildung von Immunkörpern, sondern darauf, daß ihre 
Zellen mit dem Maserngift überhaupt nicht in Kontakt treten. Das Problem 


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des Masernschutzes nach Deykwitz erscheine also im Grunde gelöst. 
Fraglich sei nur die Dauer des Schutzes. — Das Verfahren wird sich jeden* 
falls empfehlen, wo es sich um den Schutz von Kindern handelt, die sich 
noch in einem Alter befinden, in dem die Masernerkrankungen mit be* 
sonderen Gefahren verbunden sind. 

Diphtherie. 

„Über das Diphtherievorkommen in Deutschland während 
der letzten 25 Jahre und über den Einfluß der Serumbehandlung“ 
schreibt Dr. H. Thiele in Bd. 62, Heft 1 der Vierteljahrsschrift f. gerichtl. 
Medizin und öffentl. Sanitätswesen (1921). Danach ist die Diphtherie* 
Sterblichkeit im Vergleich mit den übrigen europäischen Ländern in Deutsch* 
land noch als beträchtlich hoch zu bezeichnen. 

Auf 10 000 der mittleren Bevölkerung trafen Sterbefälle an Diphtherie 
und Krupp in 



1911 

1 1912 


1911 

1912 

Niederlande. 

0.7 

0,7 

Schweden. 

1.6 


Frankreich. 

0,7 

— 

Norwegen. 

1,9 

1.8 

Italien. 

LI 

1,0 

Spanien. 

1.0 

2,8 

Irland. 

1.1 

1,0 

Schottland. 

2.0 

— 

Schweiz. 

1,3 

1,1 

Deutsches^ Reich .... 

2.5 

2,0 

Belgien. 

1,3 

1,2 

Österreich. 

3,1 


England und Wales . . 

L4 

1,2 

Ungarn. 

4.2 

3,1 

Amerika. 

1,9 

1,8 

Europäisches Rußland . 

5,3 

— 


Dazu bestehen in den letzten Jahren noch Anzeichen für ein neuer* 
dings ansteigendes Umsichgreifen der Diphtherie in den Städten. Zur 
Besserung der Verhältnisse verlangt Thiele frühzeitige Serumbehandlung 
und höhere Bewertung des kindlichen Lebens. Um die Serumbehandlung 
zu prophylaktischen Zwecken anwenden zu können, müßten mehr als 
bisher öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Serum müßte in 
staatlichen Anstalten hergestellt und der Handel damit monopolisiert werden. 

Hygienisch*prophylaktisch wäre wichtigste Voraussetzung: Aus* 
dehnung der Meldepflicht auf klinischen Diphtherieverdacht, Einführung 
der obligaten bakteriellen Untersuchung und Umgebungsuntersuchungen bei 
Diphtherie und Diphtherieverdacht, Krankenhausbehandlung von ausreichen* 
der Dauer, Ausbau der Schutzimpfung und gründliche Desinfektion. 

Bei der großen Bedeutung, welche den Diphtheriebazillenträgern 
hinsichtlich Verbreitung dieser Krankheit zukommt, ist es begreiflich, daß 
man der von ihnen ausgehenden Infektionsgefahr mit allen Mitteln zu 
begegnen sucht. Nun bildet aber der über die Krankheitsdauer ausgedehnte 
Aufenthalt Diphtheriekranker in Krankenhäusern eine große Last für diese 
und für die Krankenkassen sowie auch für die Genesenen selbst; der Aus* 
Schluß von Bazillenträgern vom Schulbesuch wird von der Schulbehörde 
äußerst ungern gesehen und bringt mancherlei Störung für den Unterrichts* 
betrieb. Rasch und sicher wirkende Mittel zur Befreiung der Bazillenträger 
von den Diphtheriebazillen zu finden, hat man daher schon lange Zeit 
versucht. Ein Fortschritt auf diesem Gebiete scheint nun in der Tat 


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Franz Spaet, 


gemacht zu sein durch Verwendung des Diphthosans nach Mitteilungen 
von P. R. Biemann aus der Infektionsabteilung des allgemeinen Kranken« 
hauses Hamburg«Barmbeck (Münchener med. Wochenschrift 1922, Nr. 1). 
Lange hat Versuche mit dem Akridiniumfarbstoff, welchen Ehrlich schon 
vor Jahren gegen Trypanosomenerkrankung verwandte, gemacht und bei 
Berieselung des Nasenrachenraumes, in welchem erfahrungsgemäß die Diph» 
theriebazillen sich besonders lange halten, gefunden, daß dem Flavicid hoch 
bakterizide Eigenschaften zukommen. Flavin Verdünnung 1: % bis 1 Million 
wirkt entwicklungshemmend, 1:1000 in % Stunde tötend, Flavicid 
1: 1 Million tötend, 1 :5000 tötend in 5 Minuten, 1:50 für Kaninchenaugen 
reizlos, erst bei 1:10 leichte Reizerscheinungen machend. Wegen des 
bitteren Geschmackes des Flavicids gibt man einen Zusatz von Sacharin; 
versüßt heißt Flavicid nunmehr Diphthosan. In Hamburg wurden in der 
Zeit vom Dezember 1920 bis Juli 1921 bisher 32 Fälle behandelt. Erzielt 
wurde bei 72 Proz. der Nasenbazillenträger prompter Erfolg, bei Rachen« 
bazillenträgern in 66 Proz., bei Vaginadiphtherie in 100 Proz., letzteres 
wegen der günstigen Applikationsmöglichkeit des Mittels. — Die Wirkung 
tritt beim Berieselungsverfahren teilweise sofort ein, in hartnäckigen Fällen 
wurden drei bis vier Spülungen täglich gemacht. Biemann bezeichnet 
das Flavicid bzw. Diphthosan als einen zweifellos wertvollen Baustein und 
Zuwachs im therapeutischen Schatz, der sich zur Befreiung von Bazillen« 
trägem von Diphtheriebazillen sowie zur Bekämpfung von Diphtheriebazillen 
drohenden lokalen und allgemeinen septischen Erkrankungen eignet. 

Bezüglich der Frage der Pathogenität klinisch virulenter und 
klinisch avirulenter Diphtheriebazillen wird berichtet, daß Uber* 
impfung von leichteren Erkrankungen nicht immer Bazillen von gleicher 
Virulenz liefert, vielmehr können letztere hoch virulent sein. Die Erreger, 
von Bazillenträgern und Rekonvaleszenten gewonnen, seien im Durch* 
schnitt sehr pathogen, so daß für die Praxis diese Kranken noch acht Wochen 
lang als Infektionsquelle angesehen werden müssen. 

Keuchhusten. 

Schw'enkenbecher berichtete im ärztlichen Verein zu Marburg am 
23. November 1921 (s. Münchener med. Wochenschrift 1922, Nr. 3) über 
das Auftreten von Keuchhusten, und führt an, daß sich der Charakter 
des Keuchhustens bei Erwachsenen zeitweilig zu ändern scheine, so 
daß aus der auf das Kindesalter beschränkten Infektion eine epidemieartige 
Erkrankung wird, die auch Erwachsene in größerer Zahl ergreift, sofern 
diese noch nicht durch überstandene Pertussis dauernde Immunität sich 
gesichert hatten. 

Heine«Mcdinsche Erkrankungen (Poliomyelitis). 

In einem Vortrage auf einer Versammlung des Wissenschaftlichen 
Vereins der Arzte zu Stettin (s. Münchener med. Wochenschrift 1922, 
Nr. 1) weist Neisser darauf hin, daß in Fällen, wo dorsale und zervikale 
Wurzeln befallen sind, das Bild der Meningitis entstehe, die bei klarem 
Liquor schwer von tuberkulöser Meningitis zu unterscheiden sei, auch sehe 
man Encephalitis, und zwar die lethargische Form derselben, mit Poliomyelitis 
auftreten. Dies spreche dafür, daß alle diese infektiösen Formen des 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


137 


Zentralnervensystems, die uns seit dem ersten Auftreten der Iuflucnza in 
den 90er Jahren nicht mehr verlassen haben, zwar nicht identische Krank* 
heiten sind, aber auf gemeinschaftlicher Grundlage beruhen. Das jetzt 
wieder häufiger werdende Vorkommen von Influenzabazillen auch bei Ge* 
sunden, gebe vielleicht einen Hinweis nach dieser Richtung. Bei Encephalitis 
lethariga komme demnach ein dem Poliomyelitis*Virus nahe verwandter 
Erreger- in Betracht. Sandhop führt hierbei den Umstand an, daß die 
Poliomyelitis häufiger und zahlreicher auf dem Lande auftrete als in den 
Städten, und daß demnach die Annahme begründet erscheine, es würden 
besondere Eigentümlichkeiten des Landes der Übertragung der Krankheit 
Vorschub leisten. Ähnliche mit Lähmungserscheinungen der Gliedmaßen 
verbundene Krankheiten der Haustiere lassen an die Möglichkeit der Über* 
tragung dieser Tierkrankheiten durch blutsaugende Insekten (Fliegen, Holz* 
bocke usw.) auf den Menschen denken. Nach Ferd. Müller finden die 
Krankheitserzeuger der Poliomyelitis möglicherweise durch die Verdauungs* 
organe Eingang, da die ersten Krankheitserscheinungen nicht nur im Halse 
und in den Atmungsorganen, sondern häufig in den Verdauungsorganen 
der Befallenen bemerkbar seien. Prophylaktisch erscheinen daher Gurgelungen 
mit Wasserstoffsuperoxyd und Regelung der Verdauung angezeigt. Der 
Schulbesuch wäre wie bei Scharlach auf die Dauer von sechs Wochen zu 
verbieten. 

Auch Dr. Alfred Alexander (Berlin) weist in einer Abhandlung über 
Encephalomyelitis epidemica (Deutsche med. Wochenschrift 1921, Nr.51) 
auf die Affinität des Grippevirus zum Nervensystem hin. Ein Zusammen* 
hang zwischen der jetzt herrschenden Grippe und der Encephalitis sei 
kaum zweifelhaft. Die verschiedenen nervösen Störungen, wie Schluck* 
Störungen, Lähmungen der Beine und äußeren Augenmuskeln, Facialis* 
parese usw. seien auf Grippeinfektion zurückzuführen. Hiller berichtet in 
der Gesellschaft für Natur* und Heilkunde in Dresden (Münchener med. 
Wochenschrift 1922, Nr. 3) über epidemische Myelitis bei der Grippe* 
epidemie und die Verwandtschaft der Krankheitserreger mit der Heine* 
Medinschen Krankheit. 

• 

Dr. Doerr und A. Schnabel (Basel) veröffentlichten in der Zeitschrift 
für Hygiene und Infektionskrankheiten Bd. 94, Heft 1 einen Artikel: „Das 
Virus des Herpes febrilis und seine Beziehungen zum Virus der 
Encephalitis epidemica (lethargica).“ Wenn auch der mikroskopische 
Nachweis noch nicht geglückt sei, so seien doch schon von verschiedenen 
Seiten durch Tierversuche Beziehungen zwischen Herpes und Encephalitis fest* 
gestellt. Durch Überimpfung von Encephalitis*Kaninchenhirn auf die Kornea 
sei eine an Intensität zunehmende Konjunktivitis und Keratitis und daran 
anschließend tödliche Allgemeininfektion — herpetische Allgemeininfektion 
des Kaninchens — erzeugt worden. Ferner gewähre bei einem Immunisierungs* 
versuche die encephalitische Keratitis Schutz gegen Kerato* Conjunctivitis, 
wie auch gegen subdurale Applikation von virulentem Herpesmaterial. Indes 
müsse man doch Bedenken tragen, die Encephalitis epidemica als Herpes 
cerebralis zu bezeichnen und den Erreger einer so harmlosen Affektion 
mit dem Keim einer so relativ selten auftretenden Krankheit zu identi? 
fi zieren. 


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138 


Franz Spaet, 


Influenza. 

Im ärztlichen Verein zu Hamburg vom 3. Januar 1922 wurde eine 
Aussprache über die Ätiologie der Influenza gepflogen auf Grund von 
Beobachtungen, die bei der dort in letzter Zeit aufgetretenen Epidemie zu 
machen waren. Influenzabazillen wurden nur bei einem kleinen Teile der 
Fälle gefunden. Das Blut war stets steril. Nach Anschauung dortiger 
Ärzte dürfte der Krankheitserreger bei dieser Epidemie ein filtrierbares 
Virus sein, welches die Entwicklung von Strepto? und Pneumokokken und 
von Influenzabazillen begünstigte. 

Typhus und. Paratyphus. 

Dr. Michaelis (Bitterfeld) berichtet über „Osteomyelitis typhosa 
ulnae als Ausgangspunkt einer Typhusepidemie“, als Beitrag zur 
Typhusepidemiologie (Münchener med. Wochenschrift 1921, Nr. 54). Der 
Fall lag wie folgt: Im Herbst 1920 war in einer Wohnbaracke u. a. ein 
Arbeiter an Typhus erkrankt, in dessen Verlauf sich an den vorderen 
Rippen mehrere periostitische Abszesse bildeten. Im Mai 1921 trat bei 
ihm an der linken Ulna eine Anschwellung mit Eiterbildung auf. Der 
Eiter wurde operativ entleert. Der Patient war sehr unreinlich, der Ver? 
band wurde öfters gegen ärztliche Anordnung entfernt, die Familienmitglieder 
lagen zusammen auf Stroh. Am* 18. Juni erkrankte ein 10jähriges Kind der 
Familie an Typhus, an welche Erkrankung in den nächsten Tagen sich noch 
weitere Fälle in der Familie, sowie bei einem Nachbar, dessen Kind mit dem 
erst erkrankten Mädchen gespielt hatte, reihten. Allerdings war der frag¬ 
liche Eiter nicht auf Typhusbazillen untersucht; da aber bei dem Arbeiter 
trotz wiederholter Untersuchung des Stuhls Typhusbazillen nicht festzu? 
stellen waren, nimmt Michaelis an, daß die Infektionsquelle doch mit 
aller Wahrscheinlichkeit in dem Abzeß an der Ulna zu suchen sei. 

Die Frage der Bedeutung der Bazillenträger in der Typhus? 
epidemiologie beschäftigt noch immer Ärzte und Hygieniker. Dr. Wagner 
behandelt diesen Gegenstand in einem Vortrage über „Theorie des Wesens 
und der Pathogenität de§ Typhus“ (Zeitschrift für Medizinalbeamte 
1921, Nr. 17). Er hebt dabei hervor, daß der Typhusbazillus keineswegs 
ubiquitär sei, er halte sich nicht in jedem schlechten Brunnen, stinkendem 
Graben oder Tümpel, er sei ein obligater Parasit des Menschen. Seine 
Wohnung seien die Bazillenträger, der Typhuskranke sei seine Her? 
berge. Die Bazillenträger seien die Ursache der sogenannten Typhus? 
häuser, sie seien es, die den Typhus bei uns epidemisch machen. Mit 
dem letzten Bazillenträger werde der Typhus vertilgt sein. Befriedigende 
Erfolge in dieser Beziehung wurden aber bisher noch nicht erreicht, weder 
durch chemotherapeutische Desinfektion noch durch Immunisierungsversuche. 

Eine Existenzmöglichkeit in der Außenwelt fände der Typhus? 
bazillus bei unserem Klima nur in der wärmeren Jahreszeit auf Nahrungs? 
mittein, wie Milch usw., deshalb beginnen auf diese Art sich entwickelnde 
Epidemien ihre Ausbreitung hauptsächlich im Herbst. 

Massenerkrankungen durch Rat inkul turen wurden in einer branden? 
burgischen Fürsorgeerziehungsanstalt beobachtet. Nach einem Bericht von 
Willführ und Wendland (Zeitschrift f. Hygiene u. Infektionskrankheiten, 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


139 


Bd. 84, Heft 2/3) erkrankten dort 95 Insassen mit Fieber, Erbrechen und 
Durchfall nach Art einer Paratyphusinfektion, und zwar ziemlich schwer. 
Die Infektion erfolgte durch Reinkulturen von Ratinbazillen, die in der 
Anstaltsküche zu Ködern für Ratten verarbeitet worden sind. Die Bazillen 
gelangten in die für die Mahlzeit hergerichteten Speisen. Von 69 Serum* 
proben der Erkrankten agglutinierten 84 Proz. mit dem homogenen Bazillen* 
stamm, mit verwandten Stämmen war die Agglutination schwächer. Die 
Annahme, daß die Rattenvertilgungsbakterien für Menschen nicht pathogen 
seien, ist daher nicht zuverlässig. 

Uber den „Einfluß des Nährbodens auf die Agglutination des 
Typhusbazillus“ hat Dr. J. Hohn im bakteriologischen Laboratorium zu 
Essen des Vereins zur Bekämpfung der Volkskrankheiten im Ruhrgebiet Ver* 
suche angestellt (Münchener med. Wochenschrift 1922, Nr. 1). Er fand, daß 
die Agglutination des Typhusbazjllus unter Voraussetzung eines hochwertigen 
Serums in" weitestem Maße vom Nährboden abhängig sei. Agglutination 
befördernd wirke der Zusatz verschiedener Zuckerarten zum Nährboden, 
ferner Glyzerin und Mannit, am besten wirke Galaktose, Mannit und Maltose. 
Die Agglutination sei keine dem Typhusbazillus eigentümliche und primär 
vorhandene Eigenschaft, sie werde erst erworben durch Einfluß bestimmter 
Substanzen aus dem Nährboden. Im Abbau von Agglutination bewirkenden 
Substanzen verhalte sich der Typhusbazillus verschieden, so daß derselbe 
Stamm je nach Benutzung der verschiedenen zuckerhaltigen Nährböden als 
inagglutinabel, schwer, leicht und sehr leicht agglutinabel erscheinen könne. 
Die Inagglutinabilität des Typhusbazillus beruhe auf Unfähigkeit des 
Stammes, aus dem vorhandenen Nährmaterial solche Substanzen abzubauen, 
die seine Flockbarkeit bewirken. Zur Züchtung gut (maximal) agglutinier* 
barer Typhusstämme wird 1 Proz. Galaktoseagar empfohlen, sowohl zur 
Verwendung bei der Gruber*Widalschen Reaktion als auch zur Her* 
Stellung von Abschwemmungen als Typhusdiagnostikum. 

Bakteriologie des Gasbrandes. 


Uber eine diesbezügliche Untersuchung wird in Wiener klin. Wochen* 
schrift 1921, Nr. 44 berichtet. 

Nach systematischer Durchprüfung von 20 Stämmen, die mittels Kapillare 
in der Tiefe von Inzisionen in verschiedener Entfernung von der Infektions* 
stelle entnommen waren, stehen die gefundenen Stämme biologisch, mor* 
phologisch und in bezug auf Tierpathogenität den Ghon*Sachsschen 
Bazillen am nächsten. Virulenz der einzelnen Stämme war sehr verschieden, 
das serologische Verhalten nicht einheitlich. 

Trichophytien. 

Die starke Zunahme der Haarerkrankungen während des Krieges hat 
neuerdings das Interesse der Ärzte für diese Infektionen geweckt. So findet 
man im Archiv für Hygiene, Bd. 90, S. 1 und 2 ff. eine Abhandlung von 
Dr. Hammerschmidt (Graz) über „Studien zur Morphologie und 
Biologie der Trichophytiepilze“. Der Verfasser bezeichnet dort die 
Unterteilung der Trichophytiepilze in eine größere Anzahl von Arten bzw. 
Varietäten bloß auf Grund des Aussehens von Massenkulturen auf günstigem 
Nährboden wegen der geringen Konstanz dieser Merkmale für nicht be= 


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140 Franz Spaet, 

friedigend, vor allem für eine Diagnose für ungenügend. Dagegen fand er 
bei gleichzeitiger Verwertung des Aussehens der Massenkulturen unter 
Berücksichtigung grundlegender immer gleichmäßiger Merkmale und der 
Fruktifikationsformen in dazu geeigneten Epidermiskulturen und endlich 
des Verhaltens der Pilze auf neutralrothaltigem Nährboden, zwei größere 
sicher zu unterscheidende Gruppen, die im botanischen Sinne als Arten 
anzusprechen seien. 

A*Gruppe mit frühzeitiger reichlicher Sporenbildung, demzufolge Ent* 
wicklung eines von Anfang an bestäubten Myzels auf allen Nährböden, 
ferner mit einfacher Sporenbildung, welche Neutralrot unverändert ließ. 

B*Gruppe charakteristisch durch anfängliche Bildung eines Luftmyzels, 
während die Sporenbildung erst viel später, und immer auf einzelne Stellen 
der Kultur beschränkt, sich einstellt, ferner Entfärbung des Neutralrots. 

Klinisch unterscheiden sich die beiden Gruppen, insofern die durch 
die A*Gruppe erzeugten Dermatomykosen einen leichten, die durch die 
B*Gruppe erzeugten im allgemeinen einen schweren Verlauf zeigen. 

Die Seuchengefahr aus dem Osten. 

Von jeher drohte der Einbruch schlimmster Infektionskrankheiten, wie 
Cholera und Fleckfieber, zumeist von Osten her. Diese Gefahr hat sich 
naturgemäß im Laufe des langwierigen Krieges wesentlich erhöht, so daß 
die Weststaaten durch den Ernst der Lage veranlaßt waren, dieser sanitären 
Angelegenheit ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen. So tagte im 
Juli 1921 die baltische internationale Cholerakonferenz, welche 
über gemeinsame Maßnahmen an der russischen Grenze beriet und die 
Einführung eines Grenzschutzes für notwendig erachtete. 

In Deutschland wurde durch die Staatsbehörden eine genaue Uber* 
wachung der gegenüber dem Eindringen der Seuche getroffenen Vorkehrungen 
für notwendig erklärt. Dabei wurde als besonders beachtenswert die 
Tatsache hingestellt, daß sich zahlreiche aus Osteuropa stammende Per* 
sonen in Deutschland aufhalten, die andauernd Zuzug von Stammesgenossen 
erhalten und mit ihrer Heimat in ständigem Wechselverkehr stehen. Bei 
diesen meist heimlichen Verkehrsbeziehungen ist stets möglich, daß solche 
Zureisende als Leichtkranke oder als Cholerabazillenträger die Grenze 
überschreiten und damit die Cholera einschleppen. Solche erste Erkrankungs* 
fälle frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig unschädlich zu machen, ist 
natürlich von besonderer Wichtigkeit. 

Schon früher (Dezember 1921) hat sich auch die Versammlung des 
sogenannten Völkerbundes mit den gesundheitlichen Verhältnissen 
des Ostens beschäftigt. Damals hat sich der Vertreter des polnischen 
Staates erlaubt, als die Ursache der Verbreitung des Flecktyphus den 
Durchzug deutscher Kriegsgefangener nach dem russisch*polnischen Kriege 
zu bezeichnen. Demgegenüber weist Prof. Friedländer in einem Artikel 
der Ärztlichen Rundschau 1921, Nr. 1 darauf hin, daß „Flecktyphus“ 
in Warschau ständiger Gast war, und daß die Deutschen nach ihrem 
Einmarsch dortselbst die schlimmsten Mißstände in sanitärer Beziehung 
antrafen. Ihrem sachgemäßen Eingreifen war es zu verdanken, daß ein 
weiteres Umsichgreifen der Krankheit verhütet wurde, wie es auch in 
Deutschland seinerzeit gelang, trotz Einbringens von mehr als zwei Millionen 

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Chronik der Gesundheitspflege. 


141 


russischer Gefangener, dem Ausbruch einer Flecktyphus? oder sonstigen 
Epidemie vorzubeugen. Während unter dem Einfluß der von den deutschen 
Ärzten durchgeführten Maßnahmen der Flecktyphus in Warschau keine 
Rolle mehr spielte, erhob er nach dem Abzug der Deutschen wieder sein 
Gorgonenhaupt. 

Nach vorliegenden Berichten hat nunmehr die französische Regierung 
den Präsidenten des Völkerbundes ersucht, in Warschau eine europäische 
Konferenz zur Bekämpfung der sanitären Gefahren in Osteuropa einzu? 
berufen, an der alle hierbei interessierten Staaten durch Fachleute ihres 
Gesundheitswesens vertreten sein sollen. Die Ergebnisse der inzwischen 
abgehaltenen Konferenz sind noch nicht öffentlich bekannt gegeben. 


Besprechungen. 

Bericht über den ersten Deutschen Gesundheitsfürsorgetag in Berlin, am 
25. Juni 1921. Verlag Kriegerdank, Berlin SW 29. 

Der Veranstaltung, der man noch in letzter Stunde seitens der Organe des 
Deutschen Städtetages Schwierigkeiten in den Weg zu legen versucht hat, galt einem 
Protest vor allem der fürsorgerisch tätigen Ärztekreise gegen den Entwurf eines Reichs? 
Jugendwohlfahrtsgesetzes, das Jugendämter schaffen will, denen auch die sozial? 
hygienische Fürsorgearbeit für das heranwachsende Geschlecht ungegliedert werden 
„kann“. Mit Recht wurde sowohl von den Berichterstattern [Grotjahn (Berlin), 
Krautwig (Köln), Pfeiffer (Hamburg), Silberstein (Neukölln)] als auch von fast 
sämtlichen Diskussionsrednern auf die Gefahr hingewiesen, die Einheitlichkeit eines 
durchweg von Ärzten nach gesundheitlichen Grundsätzen ausgebauten, innig und 
weitläufig verflochtenen Arbeitsgebietes einem gewissen Schematismus zuliebe jetzt zu 
zerreißen. Der anfängliche Widerstand der praktischen Arzte ist ja erfreulicherweise 
überall mehr und mehr geschwunden. Die unberechtigten Vorwürfe Prof. Grotj ahns 
gegen die beamteten Ärzte, die vielerorts gerade Vorkämpfer der gesundheitlichen 
Fürsorgearbeit gewesen sind, fanden hier wie auch später, z. B. seitens des Deutschen 
Medizinalbeamtenvereins auf seiner Tagung in Nürnberg, ihre gebührende Zurück? 
Weisung. Nein, mit solchen Einwürfen komme man nicht mehr! Die Ärzteschaft 
fordert, und zwar in allen ihren Gliedern, hier, wo sic die Hauptarbeit zu leisten 
hat, die ihr gebührende Stellung nicht unter, sondern neben und auch gelegentlich 
über den mitarbeitenden Verwaltungsstellen. — Ein bestimmter Beschluß ist nicht 
gefaßt worden. Aber der hier zusammengetragene Stoff kann von keiner Verwaltungs? 
behörde, auch nicht von den gesetzgebenden Körperschaften, unbeachtet bleiben, ehe 
sie Maßnahmen oder Beschlüsse nach dieser oder jener Richtung hin verabschieden. — 
Pädagogen, Jugendpflcger und Ärzte ringen hier seit Jahren um die Leitung bei der 
Fürsorge für das heranwachsende Geschlecht. Restlos kann keinem in diesem edlen 
Wettstreit die Palme zufallen. Nur eine Arbeitsgemeinschaft kann cs machen. 
Welcher Verwaltung soll diese aber angegliedcrt werden? Diese Frage ist deshalb 
heute so wichtig, weil ohne staatliche Geldhilfe so gut wie alle die früher fast aus? 
schließlich von der Privatwohltätigkeit unterhaltenen Organisationen jetzt zusammen? 
brechen müßten. Muß es denn aber gerade eine staatliche Behörde und kann es nicht 
auch ein gemischt?wirtschaftlicher, neutraler Betrieb sein, der als eingetragener Verein 
oder sonst wie diese Arbeitsgemeinschaft trägt? Wird es einem solchen nicht leichter 
sein, mit den Versicherungsträgern die so unbedingt nötige Berührung zu finden, 
leichter als einer Behörde? — Hier liegt der Fall so, daß eine Zusammenfassung 
in der untersten Instanz (der Bezirksstelle mit den Fürsorgeschwestern oder, in 
kleinerem Kreise, der Familienfürsorge) das praktisch Richtige ist, während nach oben 
hin die Kompetenzen sich in die einzelnen Behörden teilen. Sollte diese „verkehrte 
Welt“ in der Zusammenfassung aller Fürsorge, die wir so dringlich bedürfen, nicht 
doch das Richtige sein? Sieveking (Hamburg). 

Ländliche Kleinkinderfürsorge. Deutsche Landbuchhandlung, G. m. b. H., 
Berlin SW. 11 1921. 96 S. 12 M. 

Der Deutsche Ausschuß für Kleinkinderfürsorge hat sich ein besonderes Verdienst 
durch die Herausgabe dieses Büchleins erworben, das sachkundig in die schwierige 
und eigenartige Behandlung der Landbevölkerung auf diesem auch für die Städter so 


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142 


Besprechungen. 


lebenswichtigen Gebiete einführt. Die Arbeitsüberlastung der Bäuerin, die schlechten 
Wohnungs* und oft auch Ernährungsverhältnisse der Landbevölkerung und ihre durch* 
weg eigennützige und allem Neuen und Ungewohnten abgeneigte Denkart erfordern 
eine ganz andere Arbeitsweise als in der Stadt. Die geschlossene Fürsorge muß da 
durch die offene ersetzt werden. Alles kommt auf geeignete Persönlichkeiten an, die 
in den Häusern sich das nötige Vertrauen und die nötige Autorität zu verschaffen 
wissen müssen. Die einzelnen Kapitel sind in Vortragsform gehalten und gehen zurück 
auf die Verhandlungen des dritten Lehrganges des Ausschusses in München im 
September 1918. Sieveking (Hamburg). 


Ad. Czerny (Berlin). Die Bekämpfung der Kindertuberkulose. Veröffentl. 
aus dem Gebiet der Medizinalverwaltung, 11. Bd., 9. Heft. Berlin, Richard 
Schoetz, 1920. 

Wenn auch zahlenmäßig nicht zu beweisen, ist doch anzunehmen, daß die Zahl 
der bösartig verlaufenden Tuberkulosen bei Kindern auffallend angewachsen ist. Von 
den beiden Infektionsquellen: rohe Kuhmilch und der lungenkranke Mensch, ist die 
erstere nicht zu unterschätzen. Die erschreckende Zunahme der Bauchtuberkulose in 
England wird auf die eingebürgerte Sitte, den Kindern rohe Milch zu verabreichen, 
zurückgeführt. 

Bei der Infektion durch den kranken Menschen soll auch besonders an das 
Personal (Kindermädchen, Pflegerin) gedacht werden. Man sollte endlich dazu kommen, 
von jeder Pflegerin in Säuglingsanstalten u. dgl. einen Ausweis über gesunde Lungen 
zu verlangen. 

Die Bekämpfung der Tuberkulose hat zwei Ziele: 1. die Verhütung der Infektion, 
2. die Sorge für die bereits Infizierten. 

Die erstmalige Infektion, wenn sie nicht sehr massiv war, bringt den Organismus 
noch nicht in Gefahr. 

Das Schicksal der tuberkulös infizierten Kinder wird beeinflußt durch: 1. die 
angeborene Qualität des Körpers, 2. die Art der Ernährung, 3. das Leben in der freien 
Luft, 4. den Ausschluß von Infektionskrankheiten jeder Art. 

Es ist Unrecht, wie es jetzt geschieht, die Tuberkulose der inneren Organe 
gegenüber der Knochen*, Haut* und Drüsentuberkulose zu vernachlässigen. Wir 
brauchen Anstalten für Kinder, die an Tuberkulose lebenswichtiger innerer Organe 
leiden. Zur Anstaltsbehandlung muß organisierte Fürsorge ergänzend treten. 

Solbrig (Breslau). 


W. Fenkner (Göttingen). Die Tuberkulosefürsorge auf dem Lande. Veröffentl. 
aus dem Gebiet der Medizinalverwaltung, 11. Bd., 9. Heft. Berlin, Richard 
Schoetz, 1920. 

Wenn die Fürsorge für Tuberkulose auf dem Lande Erfolge aufweisen soll, so 
ist nach Fe nkner intensivste Arbeit, und zwar auf allen Gebieten der Hygiene 
erforderlich. Die Beratungsstellen bedürfen bester Einrichtung und verfeinerter Arbeite 
methoden. Im allgemeinen soll nur beraten, nicht behandelt werden. Im Einverständnis 
mit den Ärzten kann aber auch spezialistische Behandlung betrieben werden. Auf die 
Mitarbeit der Ärzte, Krankenkassen, Versicherungsanstalten, Schulen ist größtes Gewicht 
zu legen. Die Aufklärungsarbeit im Volke muß wirksamer gestaltet werden. 

Solbrig (Breslau). 


Hahn (Camburg). Die Reformation des Heilwesens. Veröffentl. aus dem Gebiet 
der Medizinalverwaltung, 13. Bd., 6. Heft. 30 S. Berlin, Rieh. Schoetz, 1921. 
Brosch. 4,50 M. 

Die Sozialisierungspläne Rocders (vgl. diese Zeitschrift 1921, Nr. 2) werden hier 
kritisiert und abgelehnt. Nur der „freie Beruf“ (des Arztes) ist nach Hahn imstande, 
„die individualistische Krankenbehandlung richtig durchzuführen“. Schäden in dem 
jetzigen Krankenkassenwesen seien zwar vorhanden; um sie abzustellen, solle man 
den Arzt völlig unabhängig von der Kassenorganisation machen, indem der Kranke 
grundsätzlich nach seinem Einkommen den Arzt zu bezahlen hat und hinterher die 
Kosten von der Krankenkasse ganz oder teilweise zurückerhält. 

Einer Reform des Heilwesens, wie sie von Anhängern der Sozialisierung gefordert 
wird, bedarf es nach Hahn nicht. Wenn erst das Kassenwesen von dem ärztlichen 
lleilwesen streng geschieden sein wird, kehrt das Vertrauen der Kranken zum Ar/t 
zurück und wird der Arzt auch zur vollen Zufriedenheit aller Kranken und mit voller 
eigener Befriedigung wirken können. Solbrig (Breslau). 


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Besprechungen. 


143 


C« laubitt (Berlin). Ernährungszustand der Bevölkerung, in Preußen im Jahre 
1920 (bearbeitet nach den Berichten des Regierungspräsidenten). Vcröffentl. 
aus dem Gebiet der Medizinalverwaltung, 13. Bd., Heft 7^ 28 S. Berlin, 
Rieh. Schoetz, 1921. Brosch. 5 M. 

Verf. hebt selbst hervor, daß „die Beurteilung des Ernährungszustandes, die 
Feststellung von Blutarmut und Skrofulöse nach sehr verschiedenen subjektiven An« 
sichten und Maßstäben erfolgt und dadurch die Verwertung der Angaben sehr er* 
schwert ist.“ Hierfür finden sich in den Zahlenübersichten verschiedene markante 
Beispiele. Trotz gebotener Skepsis den Einzelangaben gegenüber sind aber doch gewisse 
Schlußfolgerungen zulässig, wie Glau bitt meint. Er faßt diese so zusammen: 

1. Die Ernährungsverhältnisse und der Ernährungszustand der Bevölkerung haben 
1920 eine deutliche Besserung im Vergleich zum Vorjahre erfahren. Dabei besteht 
der große Unterschied der letzten Jahre zwischen Land und Stadt bzw. Industrie« 
gegend in abgeschwächtem Maße fort. 

2. Der Ernährungszustand der ländlichen Bevölkerung ist zufriedenstellend. 

Bei der städtischen und Industriebevölkerung 

a) ist das schulpflichtige und dann das vorschulpflichtige Alter am schwersten 
geschädigt. Die Zahl der Unterernährten, der an Blutarmut, Skrofulöse, Tuberkulose 
und Rachitis Leidenden ist hier sehr groß, 

b) zeigt die Altersklasse der Jugendlichen von 15 bis 20 Jahren, die unter a) auf* 
geführten Schädigungen in abgeschwächtem Maße, 

c) haben die übrigen Altersklassen nur noch in geringem Maße an den Folgen 

der Unterernährung zu leiden, soweit sie nicht in den früheren Jahren bereits zu 
dauernden Folgezuständen (Tuberkulose!) geführt hat. Solbrig (Breslau). 


Emil Abderhalden. Das Recht auf Gesundheit und die Pflicht, sie zu 
erhalten. Die Grundbedingungen für das Wohlergehen von Person, Volk, 
Staat und der gesamten Nationen. Leipzig, J. Hirzel. 6 M. 

Eine von hohem Idealismus getragene Schrift. Sie enthält in knapper Darstellung 
fast alle Wünsche dessen, der sein Volk liebt und ihm helfen will, auf einem betret* 
baren Wege vorwärts zu kommen. Unter den vielen, die sich mit der Vorbereitung 
der Lehren der Gesundheitspflege befassen sollten, ist mancher, der der Rede nicht 
recht mächtig ist; ihnen sei vor allem diese Schrift als Muster empfohlen. 

_ Kisskalt (Kiel). 


Franz Spaet. Der Fürsorgearzt. Ein Hilfsbuch für Ärzte, Behörden und Stellen, 
die sich auf dem Gebiete des Fürsorgewesens zu betätigen haben. München, 
J. F. Lehmann, 1921. Geh. 40 M., geb. 46 M. 

Auf 388 Seiten gibt der Verf. eine Zusammenfassung dessen, was die Aufgabe 
des Arztes auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege ist. Dafür, daß das Buch tatsächlich 
aus der Praxis entstanden ist, bürgt der Name des Verfassers; was außerdem dem* 
jenigen, der sich daraus belehren will, angenehm auffällt, ist die geschickte Art der 
Darstellung. In jedem Kapitel sind die wissenschaftlichen Grundlagen eingehend 
besprochen, und wo nötig, durch graphische Darstellungen erläutert. Auch Literatur* 
angaben finden sich zahlreich. Einzelne Stellen wünscht man ausführlicher; so ist auf 
die Möglichkeiten der Beurteilung des Körperzustandes der Jugend auf Grund von 
Messungen zu wenig eingegangen; auch wäre cs für die gerade in' der letzten Zeit 
mächtig fortschreitende ländliche Wohlfahrtspflege wünschenswert gewesen, die hier 
oft und schwer durchführbaren Maßnahmen denen in der Stadt gegenüberzustellen. 
Im ganzen aber hat der Verf. ein Werk geschaffen, das sich zur Einführung aus« 
gezeichnet eignet und das auch der Fachmann stets gern in die Hand nehmen wird. 

Kisskalt (Kiel). 


B. Chajes. Kompendium der sozialen Hvgiene. 169 S. Berlin, Fischer, 1921. 
36 M. 

Das Buch will die Kenntnisse der grundlegenden Forschungsergebnisse auf dem 
Gebiete der sozialen Hygiene vermitteln. In 11 Kapiteln werden abgchandelt: Begriffs« 
bestimmung der sozialen Hygiene, Medizinalstatistik, Soziale Hygiene der Wohnung, 
der Ernährung, des Kindesalters, der Arbeit, Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, 
Alkoholismus, der Schutz der Berufstätigen und Fortpflanzungshygienc. L T mfangrciche 
Literaturbeherrschung ermöglicht dem Verf. eine schlagwortartige Beleuchtung der 
Probleme, doch bleibt es bei der Fülle des Stoffes im Verhältnis zum Umfange des 
Buches fast immer bei einer Aufzählung der als Tatsachen hingenommenen Mitteilungen 


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144 


Besprechungen. 


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aus der Literatur. Trotz der im zweiten Kapitel vorgenommenen Kritik an der Medi* 
zinalstatistik finden sich im Text zu viele Tabellen, die nicht ausgewertet sind. Die 
Wechselbeziehungen zwischen Sozialer Hygiene, Ethik, Pädagogik und Voikswirtschafts* 
lehre hätten eingehender berücksichtigt werden müssen. Der Erfahrene wird die klar 
gefaßte Übersicht freundlich begrüßen, der Anfänger wird oft nichts mit den einzelnen 
Feststellungen anzufangen wissen. Bedauerlich sind die vielen, manchmal sogar sinn* 
störenden Druckfehler. Dresel (Heidelberg). 


Leopold von Wiese. Einführung in die Sozialpolitik. 2. Aufl. Handels* 
Hochschulbibliothek, Bd. 9. Leipzig, G. A. Glöckner, 1921. 

Der neue Entwicklungsabschnitt der deutschen Sozialpolitik, der in den letzten 
Jahren begonnen hat, hat seinen Abschluß noch nicht erreicht. Aber gerade die 
Gegenwart mit ihrer unübersehbaren Flut sozialpolitischen Geschehens fordert von 
dem akademischen Lehrer und Forscher, daß er in deutlichen Zusammenfassungen 
und kritischen Übersichten dem Lernenden ein Leitseil gibt, damit er nicht vom 
zufällig betretenen Wüste der Einzelheiten verwirrt werde. 

Diesen Gedanken spricht L. v. Wiese im Vorwort zu der neuen Auflage seines 
Buches aus. Das Ziel, das er sich gesteckt hat, hat er erreicht. Sein Buch bietet 
eine gut verständliche, dabei die oft recht schwierigen Probleme nicht umgehende, 
sondern voll würdigende Einführung in die Sozialpolitik. Das Wesentliche wird aus 
der Fülle der Einzelheiten geschickt herausgehoben. Das erste Kapitel behandelt „Die 
politischen, ethischen und wirtschaftlichen Elemente der Sozialpolitik“, das zweite 
„Die gesellschaftlichen Klassen“, das dritte Kapitel ist überschrieben: „Vom freien 
individuellen Arbeitsvertrage zum Rätesystem“, das vierte „Der Arbeitslohn“, das 
fünfte „Wesen und Geschichte der öffentlichen Hilfe“, das sechste „Das Wesen der 
Selbsthilfe“, das siebente „Grenzfragen der Sozialpolitik“. 

Der Inhalt des Buches ist von allgemeinem Interesse, so daß die Lektüre nicht 
nur dem berufsmäßigen Sozialpolitiker und Soziologen empfohlen werden kann, sondern 
jedem, der sich mit den in diesem Werke behandelten Fragen irgendwie zu beschäftigen 
hat, also auch den Lesern dieser Zeitschrift. * Dr. W. Abel (Jena). 


R. Fischer. Hygiene der chemischen Großindustrie. 3. Teil: Organische 
Betriebe. Weyls Handbuch d. Hygiene, 2. Aufl., herausgegeben von A. Gärtner. 
7. Bd., besonderer Teil, 7. Abteil., 36. Lieferung. 286 S., 74 Abbild. Leipzig, 
J. A. Barth, 1921. 78,25 M. 

Das Heft schließt den Band Gewerbehygiene ab und bringt ein umfangreiches 
Register dafür am Schlüsse. Es behandelt aus der Feder von Fischer und mehreren 
Mitarbeitern die Industrie des Erdöls, Leuchtgases, des Teers und der Teerfarben, 
der Sprengstoffe, Harze, Firnisse, Lacke und des Kautschuks in sehr ausführlicher 
Darstellung. Abel. 


Kleinere Mitteilungen. 

Anschauungstafeln 

für den Unterricht in der Säuglings* und Kleinkinderpflege. 

Das Organisationsamt für Säuglings* und Kleinkinderschutz, Charlottenburg V. 
Mollwitz*Frankstraße, teilt mit, daß die zweite Auflage des „Atlasses der Hygiene des 
Säuglings und Kleinkindes für Unterrichts* und Belehrungszwecke“ soeben im Verlag 
von Julius Springer, Berlin W. 9, erschienen ist. 

Der Atlas, der 100 lose, teils farbige Tafeln (35 X 50cm) enthält, dient als An* 
schauungsmutcrial in Säuglings* und Krankenpflegerinnenschulen, Hcbammenlehranstalten. 
Wohlfahrts* und Frauensehulen, Kindergärtnerinnenseminaren, Mädchenfortbildungs* 
schulen und Mädchenschulen, wird in Säuglingsfürsorgestellen als Wandtafeln und von 
Wanderlehrerinnen und Fürsorgerinnen, besonders auf dem Lande, bei Veranstaltung 
von Mutterschulkursen und belehrenden Vorträgen verwendet. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 



Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 


Ad. Stödkhardt’s Die 

Schule der Chemie Schule der Chemie 

oder 

erster Unterricht in der Chemie, 
versinnlicht durch einfache Versuche 

Zum Schulgebrauch und 
zur Selbstbelehrung, insbesondere für 
angehende Apotheker, Landwirte, Gewerbe¬ 
treibende usw. 

Zweiundzwanzigste Ruflage 

Bearbeitet von y Vierte verbesserte Auflage 

Prof. Dr. Lassar-Cohn (16.-20. Tausend) 

Königsberg I. Pr. _ 

Mit 200 Abbildungen und einer farbigi n Mit 74 Abbild., XII, 450 Seiten. gr.8°. 1919. 
Spektraltafel. XXVI. 533 Seiten, gr. 8«. 1920. 

Mk. 36.-. gebunden Mk. 46.- gebunden M. 28.- 


Stattliche Preise erhöhen sich tun den Verlags - Tenerangszuschlag. 


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Erste Einführung in die Chemie 
für Jedermann 

Von 

Wilhelm Ostwald 

o. Prof, an der Universität Leipzig 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt. -Ges. in Braunsch 

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Die Hygiene des Wasse 

Von 

Prof. Dr. A. Gärtner 

Gesundheitliche Bewertung, Verbesserung und Untersuchung der W; 
Ein Handbuch für Ingenieure, Wasserwerksleiter, Chemiker, 
Bakteriologen, Medizinalbeamte 

Mit 93 Abbildungen und 11 Tafeln. XXII, 952 S. gr. 8° 
Jt 90,—, geb. -M 106,— t 

MassenerKranKungen 

durch Nahrungs- und Genußmittelvergiftungen 

Von 

Prof. Dr. Georg Mayer 

Mit 6 eingedruckten Abbildungen. 66 S. gr. 8°. <.# 6,— 




— 


Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges., Braunschi 


Prof. Dr. C. Dorno, Davos 

Studie über Licht und Luft des Hochgebirges 

Mit 78 Tabellen sowie 11 Abbild, im Text und 19 im 
Anhang. VIII, 153 S. gr. 4°. 1911. Kart. JC 60,—. 

Physik der Sonnen- und Himmelsstrahlung 

Mit 16 Abbildungen im Text und auf Tafeln. VIII, 126 Seiten. 8 °. 1919 
Geheftet Jt 18,—, gebunden 24,—. 

(Die Wissenschaft, Bei. 63) 




Klimatologie im Dienste der Medizin 

Mit 11 Abbildungen. IV, 74 Seiten. 8°. 1920. Preis JL 14,—. 

(Sammlung Vieweg, Heft 50) 

Sämtliche Preise erhöhen sich um den Verlags-Teuerungszuschlag. 




M _ 





























mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 


Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonn6 (München); Dr. A. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v, Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Höpfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.) ; Reg.- und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-lng. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 

herausgegeben von 

Prof. Dr. R. Abel und Dr. S. Merkel 

Geh. Obermedizinalrat Obermedizinalrat 

Jena Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 5 

'der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 



Druck und Verlag 

Friedr. Vieweg & Sohn Mkt.-Ges. 

Braunschweig 1922 











Inhalt des fünften Heftes. 

Seite 


Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. Von Prof. 

Dr. Hans Reiter in Rostock..145 

Über geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. Von Dr. med. 
Fetscher. (Aus dem Hygienischen Institut der Technischen Hoch¬ 
schule Dresden. Direktor: Prof. Dr. Ph. Kuhn.) (Schluß) .... 157 
„Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg. 44 Von Dr. Felix Burkhardt 

in Dresden. (Bemerkungen zu dem Aufsatz von F. Winkler) . . 166 
Chronik der Gesundheitspflege. Schulhygiene. Von*Stadtschuloberarzt 

Dr. Rudolf Bändel in Nürnberg...168 


Besprechungen: 

Max Hirsch* Das ärztliche Heiratszeugnis. (Ph. Kuhn-Dresden) 176 
K. Breul. Über Tuberkulose im Mittelstand nebst Vorschlägen zu 
einer Erweiterung der Bekämpfungsmaßnahmen. (Fürbringer- 


Heilstätte Römhild).176 

Grundriß der menschlichen Vererbungslehre und Rassenhygiene. 

Bd. 1. Bauer, Fischer und Lenz, Menschliche Erblichkeits¬ 
lehre. (Weinberg-Stuttgart).177 

Max Hirsch. Die Fruchtabtreibung. (Weinberg-Stuttgart) . . . 178 

Walter Fenkner. Die Stellung der Hausfrau kn neuen Deutschen 

Reich. (Dr. Sauerteig).178 

Solbrig. Anleitung über Wesen, Bedeutung und Ausführung der 

Desinfektion. (Dr. Lehmann-Jena).178 


E. Brezina. Internationale Übersicht über Gewerbekrankheiten der 
Kulturländer über die Jahre 1914 bis 1918. (Dr. Leh mann-Jena) 179 
Teleky. Die Bleifarbenverwendung zu Anstreicherarbeiten. Ihre 

Gefahr und deren Verhütung. (Dr. Lehmann-Jena) .... 179 
Elisabeth Herzfeld. Beiträge zum Aufklärungsunterricht in der 

Mädchenfortbildungsschule. (Dresel-Heidelberg).179 

Franz Walter. Die Sozialhygiene in ihrem Verhältnis zur Welt¬ 
anschauung und Ethik. (Dresel-Heidelberg).179 

Gumprecht Prophylaxe der Infektionskrankheiten. (Abel) . . 180 
H. Klut. Untersuchung des Wassers an Ort und Stelle. (Abel) . 180 
K. Thumm. Die Kaliwerke und ihre Abwässer. (Abel), . . . <. 180 
W. Halbfass. Grundlagen der Wasserwirtschaft. (Abel) .... 180 



Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert 













Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 5. 


Ein weiterer Beitrag 
zum Problem des unehelichen Kindes. 


Von Prof. Dr. Hans Reiter in Rostock 1 ). 


Je intensiver wir in Gesundheitsfragen massenstatistisch oder individual* 
statistisch arbeiten, desto deutlicher werden die Fehler, die bei dieser 
Methode kaum vermeidbar erscheinen. Keine Kritik ist kritisch genug 
für die Ergebnisse der Statistik, aber je kritischer beurteilt, 
desto wertvoller das Ergebnis. 

Schwierigkeiten liegen auch auf anderem Gebiete: was nützen uns die 
geistreichsten Fragestellungen, was das Aufrollen wichtiger bevölkerungs* 
politischer Probleme, wenn das zur Verfügung stehende Material Lücken 
über Lücken aufweist, und wir gezwungen werden, eine Frage nach der 
anderen zu streichen oder zurückzustellen? Gelingt es, alle unsere gesetz* 
gebenden Körperschaften endlich davon zu überzeugen, daß die Gesund* 
heit unseres Volkes seine Zukunft bedeutet, und gelingt es, alle Kreise 
der Bevölkerung mit dieser Idee zu durchdringen, so daß eine den ganzen 
Volkskörper erfassende Gesundheitspolitik ihre Geburtsstunde erlebt, dann 
sind wir in einigen Jahrzehnten imstande, gesundheitsstatistisch zu „forschen“. 
Heute muß alles nur Stückwerk bleiben, weil die Bausteine zur Errichtung 
des Gebäudes fehlen, Bausteine, die in gewissenhaft geführten Auf* 
Zeichnungen bestehen, schon vor der Geburt beginnend und sich über das 
ganze Leben erstreckend. 

Bei der Aufstellung des Planes, die „Konstitution“ des neugeborenen 
unehelichen Kindes zu erforschen, war ich mir bewußt, nur Unvollkommenes 
leisten zu können, glaubte aber deshalb nicht darauf verzichten zu dürfen, 
die Materie zu bearbeiten. Es sollte ein Versuch sein, die Frage anzu* 
schneiden, ihre Lösung werden wir in absehbarer Zeit kaum erbringen. 

In meinen früheren Arbeiten wurde der Begriff der Konstitution in 
weiterem Sinne von Bauer als „Körperverfassung“ gebraucht, und zwar 
unmittelbar nach der Geburt, bevor die Umweltbedingungen (im eigentlichen 
Sinne) in Erscheinung getreten sind; so soll es auch hier verstanden werden. 

Daß das Geburtsgewicht allein keinen brauchbaren im einzelnen 
gültigen Maßstab für die Konstitution abgibt, braucht nicht ausdrücklich 
betont zu werden, es ist nur ein Faktor, der die Konstitution mit 
beeinflußt. Wahrscheinlich liegen aber für das Neugeborene die Ver* 
hältnisse anders als beim Kleinkind oder Schulkind oder Erwachsenen, wo 
unter Umständen das durch Fett* und Wasserreichtum bedingte Mehr* 
gewicht kein Zeichen einer wertvollen Körperverfassung zu sein braucht. 


l ) Ein Teil der Untersuchungen wurde aus der von mir begründeten „Stiftung 
Sozialhygien e 44 in Rostock bestritten. Auch an dieser Stelle sei allen Stiftern für 
ihre Gebefreudigkeit mein verbindlichster Dank ausgesprochen. 

Öffentliche Gesundheitspflege 10 


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Original fro-m 

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146 


Hans Reiter, 


„Das einzig sichere Merkmal für die Konstitution liegt in der 
Leistungsfähigkeit, der Funktion des betreffenden Individuums. Allein 
aus der Art, wie es sich mit den äußerlich normalen und kranken Reizen 
im Leben auseinandersetzt, ist zu erkennen, ob es über gute oder mangel* 
hafte Anlagen verfügt.“ 

Mit diesen Worten Vogels bin ich durchaus einverstanden, — doch 
wo ist die Maßmethode dieser Größen beim Neugeborenen? — 

In der vorliegenden Arbeit soll noch einmal Stellung zu dieser Frage 
genommen werden. Die Unterlagen entstammen: 

1. Der Landesfrauenklinik in Paderborn. 

2. Der Universitätsfrauenklinik und den Hebammenlisten der Stadt 
Rostock. 

Ein Zusammenarbeiten des Materials beider Gruppen 1 ) erschien nicht 
zweckmäßig, da vielleicht örtliche Verhältnisse einen mehr oder weniger 
starken Einfluß auf das Ergebnis ausüben könnten. Es soll daher zuerst 
über die an der Landesfrauenklinik in Paderborn gewonnenen Erfahrungen 
berichtet werden: 

Da es von Interesse erschien, einen Vergleich zwischen der Vorkriegs¬ 
zeit und der Kriegszeit zu ziehen, so wurden die Jahre 1912, 1913, ferner 
1916 bis 1919 gewählt. 

Für die angestellten Untersuchungen wurden die Aufzeichnungen über 
2561 Geburten — 1494 eheliche und 1067 uneheliche — benutzt. 

Auf die einzelnen Jahrgänge verteilen sich die Geburten wie folgt — 
es wurden nur reife, ausgetragene und über 24 Stunden lebende Früchte 
verwertet: 

Tabelle 1. 


Jahrgang 

Ehelich 

1 Unehelich 

Summe 

1912 

279 

161 

440 

1913 

270 

207 

477 

1916 

250 

135 

385 

1917 

207 

136 

343 

1918 j 

230 

187 

417 

1919 

258 

| 241 

499 

; 1494 | 

1067 

2561 


Was die Nationalität der Gebärenden anbetraf, so waren es mit 
wenigen Ausnahmen Deutsche, die zur Entbindung die Klinik aufsuchten, 
die wenigen Nichtdeutschen sind Polinnen aus dem benachbarten rheinisch* 
westfälischen Industriebezirk. Ihre geringe Zahl (unter 1 Proz. bei Ver* 
heirateten und unter 10 Proz. bei den Ledigen) spielte keine bedeutende 
Rolle und kann daher bei der Betrachtung ausgeschaltet werden. 

*) Die Untersuchungen in Paderborn wurden mit gütiger Erlaubnis und Unter* 
Stützung des Direktors der Klinik, Herrn Sanitätsrat Dr. Mann, dem ich an dieser 
Stelle herzlichst danke, auf meine Veranlassung durch Herrn Kollegen P. K. Walter 
ausgeführt und in einer Dissertation verwertet. Hier gelangt nur ein Teil der Unter* 
suehungen zur Veröffentlichung. 

Das Rostocker Material wurde in Gemeinschaft mit Herrn Kollegen Richard 
Nagler durchgearbeitet, der in seiner Dissertation ausführlich über die sich viele 
Monate lang hinziehenden mühevollen Untersuchungen berichtet hat. 


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Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 147 

Der Ernährungszustand der ledigen Mütter war von dem der ver* 
heirateten nicht sonderlich verschieden, ja sogar teilweise besser. Eine 
Erklärung findet diese Tatsache vielleicht darin, daß die ledigen Mütter 
meist als Hausschwangere schon einige Monate vor der Entbindung die 
Klinik auf suchen, die verheirateten Mütter dagegen bis kurz vor der Nieder* 
kunft in ihren zum Teil ärmlichen häuslichen Verhältnissen bleiben. Selbst 
die letzten Kriegsjahre haben hierin keine wesentliche Verschiebung gebracht, 
vielleicht weil die Mittelstadt Paderborn mit der rein ländlichen Umgebung 
von Nahrungssorgen in dem Maße wie eine Großstadt oder ein Industrie* 
gebiet verschont geblieben ist. 

Auch in der Stillfähigkeit lediger und verheirateter Mütter waren 
Unterschiede nicht nachweisbar. 

Im folgenden sollte geprüft werden, ob etwa eine minderwertige Kon* 
stitution des unehelichen Kindes schon in den Längen* und Gewichts* 
zahlen bei der Geburt zum Ausdruck kommt. Da erfahrungsgemäß 
Erstgeborene fast immer leichter und kleiner ausfallen als Mehrgeborene, 
und da uneheliche Kinder in der Mehrzahl Erstgeborene sind, würde bei 
fehlender Trennung nach Erstgeborenen und Mehrgeborenen der Vergleich 
a priori leicht zuungunsten der unehelichen Kinder ausfallen. — Es sind 
daher die ehelichen und unehelichen Kinder getrennt nach Erst* 
geborenen und Mehrgeborenen aufgeführt. 

Tabelle 2 a*). 

Erstgeborene, eheliche und (uneheliche), nach Jahren. 


• 


Gewichte 




Längen 

1912 . . . . 

4391 

[75 

(4189) 

[98] 


1 

51,74 

(51,50) 

1913 .... 

3367 

56 

(3171) [149] 


51,30 

(50,65) 

1916 .... 

3380 

65 

(3305) 

[971 


] 

52,28 

(51,70) 

1917 .... 

3327 

43 

(3195) 

104 



51,80 

(51,70) 

1918 .... 

3276 

[63 

(3202) 

140 


! 

51,22 

(52,20) 

1919 .... 

3185 

69 

(3175) 

185 


f 

49,52 

(51,30) 

G. Zahlen . 

3522 [371] (3327) | 

773] 



51,27 

(51,47) 


Tabelle 2 b*). 

Mehrgeborene, eheliche und (uneheliche), nach Jahren. 




Gewichte 


Längen 

1912 .... 

4237 

[205 

(4320) 

[62] 

51,10 

(51,29) 

1913 .... 

3406 

215 

(3373) 

57 

51,02 

(50,9,S) 

1916 .... 

3412 

186 

(3412) 

37 

52,02 

(52.30) 

1917 .... 

3434 

164 

(3389) 

32 

51,94 

(51,30) 

1918 .... 

3396 

168 

(3233) 

4(> 

51,75 

(51,70) 

1919. . . . 

3435 

190 

(3244) 

55 

51,32 

(50,85) 


G. Zahlen. L 3565 [1128] (3536) [289] 50,49 (51,34) 

*) Gewichte und Längen der unehelichen Kinder sind rund eingeklammcrt, die 
der ehelichen Kinder nicht. Die absoluten Zahlen der zur Aufstellung verwendeten 
Fälle stehen in eckigen Klammern. 

Es ergibt sich also, daß bei Erstgeborenen das uneheliche 
Kind dem ehelichen an Gewicht nachsteht. Dabei ist es über* 
raschend, daß in den Kriegsjahren sich die Werte zugunsten der unehc* 
liehen Kinder verschoben haben. 


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10 * 

Original fram 

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148 


Hans Reiter, 


Für die Mehrgeborenen findet sich nur im Jahre 1912 ein Mehr* 
gewicht auf seiten der Unehelichen, während in allen übrigen Berichts* 
jahren die unehelichen mehr oder weniger geringere Werte auf* 
weisen als die ehelichen Mehrgeborenen. Die bekannte Tatsache, daß das 
Geburtsgewicht mehrgeborener Kinder höher ist als das Erstgeborener, 
wird bestätigt. Die geringere Anzahl unehelicher Mehrgeborener darf bei 
der Bewertung allerdings nicht außer acht gelassen werden. Im allgemeinen 
kann man aber doch den Schluß ziehen, daß das eheliche Kind 
— Mehrgeboren oder Erstgeboren — das uneheliche an Geburts* 
gewicht übertrifft. 

Eine kleine Zusammenstellung über die Kinder, deren Geburtsgewicht 
4500g überstieg, zeigt ebenfalls ein Plus auf seiten der ehelichen 
Kinder. 

Tabelle 2 c. 


Jahr 

Eheliche 

Uneheliche 

Summe 

1912 .... 

9 = 3,23 Proz. 

1 = 1,85 Proz. 

12 

1913 .... 

10 = 3,70 ,, 

2 = 0,48 „ 

11 

1916 .... 

11 = 4,40 „ 

„ 1 = 1.47 „ 

13 

1917 .... 

7 = 3,36 „ 

3 = 0,74 „ ; 

8 

1918 .... 

7 = 3,05 „ 

0 

7 

1919 .... 

I. 8 = 3,09 „ 

o ! 

8 


Die Läqgenzahlen bieten für beide — Erstgeborene und Mehr* 
geborene — nur kleine, kaum nennenswerte Zahlenunterschiede. 

Fassen wir das Untersuchungsergebnis an der Landesfrauenklinik 
in Paderborn kurz zusammen, so ergibt sich, daß ledige Mütter bezüglich 
ihres Ernährungszustandes unmittelbar vor der Geburt sich von den 
verheirateten nicht wesentlich unterscheiden, und daß die ledige Mutter 
fast in gleichem Maße wie die eheliche stillfähig ist. 

Der Vergleich der Geburtsgewichte und Geburtslängen ehelicher 
und unehelicher Kinder, auch getrennt nach Erstgeborenen und 
Mehrgeborenen, zeigte, daß uneheliche Kinder im Durchschnitt 
zwar nicht kleiner, aber leichter als eheliche bei der Geburt sind. 

Das Rostocker Material setzt sich aus Angaben über 4326 Neu* 
geborene — 2876 eheliche und 1450 uneheliche — zusammen. Es ent* 
stammt den Jahren 1917, 1918, 1919, 1920. Die Neugeborenen der Frauen* 
klinik und der Hebammenlisten — nur ganz einwandfreie gelangten zur 
Verwendung — wurden gesondert betrachtet, jede Gruppe getrennt 
nach Erst* und Mehrgeborenen und beide wieder naefr Geschlecht 
unterschieden. Außerdem wurde stets das Alter der Mutter in Be* 
rücksichtigung gezogen und in Altersklassen bis vollendete 20jährige, 
21* bis 25jährige, 26* bis 30jährige und über 30jährige getrennt. 

Frühgeburten, Spätgeburten, Fehlgeburten und Totgeburten 
sind nicht mit einbegriffen, es sind demnach nur reife und normal 
ausgetragene Kinder berechnet, also nur Schwangerschaften von nor* 
maler Dauer bearbeitet worden. Wcggelassen wurden die Kinder der 
Verwitweten wegen ihrer unsicheren Ehelichkeit und die Zwillings* 
gebürten, die unter Umständen eine Verschiebung der Zahl hätten 
bedingen können. 


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Ta belle 3 a *). Erstgeborene, eheliche und (uneheliche), nach Jahren. 


Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 


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150 


Hans Reiter, 


Vergleiche können im strengen Sinne nur gezogen werden innerhalb 
der einzelnen Kategorien, so wie es auch durch den Aufbau der Tabellen 
gekennzeichnet ist, wobei aber der verschiedenen Größe der beiden zu 
vergleichenden Zahlengruppen Rechnung getragen werden muß. 

Betrachten wir in der Tabelle 3a die Verteilung der erstgeborenen 
Kinder beider Gruppen (Hebammenlisten und Frauenklinik), so zeigt sich 
eine Mehrzahl der Ehelichen in den Listen der Hebammen, eine Mehrzahl 
der Unehelichen in den Listen der Frauenklinik. Die Fehlerquelle ist stets 
relativ größer bei der kleineren. Zahl. Stehen die Werte der einzelnen 
Jahre durch die Kleinheit des Urmaterials auf besonders schwachen Füßen, 
so ist die Unsicherheit der Zahlen durch die Angabe der Ziffer des lir* 
materials vermerkt. 

Die Verteilung der Mehrgeborenen (Tabelle 3b) auf die einzelnen 
Gruppen zeigt im allgemeinen das gleiche Bild wie bei den Erstgeborenen, 
die Zahl der Ehelichen in der Klinik ist hier größer, die Zahl der Unehelichen 
in der Stadt ist kleiner, so daß der Vergleich teils günstig, teils ungünstig 
beeinflußt wird. Die Gründe für die verschiedenartige Verteilung von 
Ehelichen und Unehelichen auf Klinik und Stadt benötigen keine Erläute* 
rung und treten ihrer Ausmaße wegen auch in Erscheinung, wo nicht das 
gesamte Material zur Verarbeitung benutzt wurde. 

Es ist auffällig, wie verschieden sich durchweg die in der Klinik 
Geborenen zu den in der Stadt Geborenen bezüglich der Gewichtsverhältnisse 
verhalten. (Die Kinder der Privatpatientinnen der Klinik wurden nicht mit 
bearbeitet.) Dabei zeigt es sich, daß die männlichen ehelichen Mehrgeborenen 
der Stadt die Meistgewichte aufwiesen. 

Im einzelnen bemerkt man bei einer Gegenüberstellung der ehelichen 
und unehelichen Kinder, daß in allen Kategorien der Erstgeborenen und 
Mehrgeborenen die Durchschnittssummen der Gewichtsverhältnissc 
der Unehelichen ungünstiger liegen als die der Ehelichen. Es werden also 
die in Paderborn gefundenen Ergebnisse bestätigt und hierdurch der 
Einwand zurückgewiesen, daß das Mindergewicht der Unehelichen bedingt 
sei durch die meist vorhandene Erstgebürtigkeit. 

Die Unterschiede in den Gewichten, aufgespalten nach den verschiedenen 
Jahren, lassen jedoch die Grenzen mitunter recht nahe beieinanderliegend 
erscheinen, vereinzelt tritt sogar eine Umkehr der Verhältnisse ein. Zum 
Teil sind hieran die kleinen Zahlen schuld (die natürlich auch bei den 
ehelichen Kindern vorhanden sein können!). 

Bezüglich des Materials der Frauenklinik muß darauf hingewiesen werden, 
daß dort wahllos die ledigen Mütter aufgenommen werden, daß aber von den 
ehelichen mehr die Gefährdeten Aufnahme finden, demnach das uneheliche 
Material der Frauenklinik relativ besser sein dürfte als das eheliche. 

Der Vergleich der Längenw r erte bei Erstgeborenen und Mehrgeborenen 
fällt bis auf die Zahlen für die in der Frauenklinik verarbeiteten männlichen 
Erstgeborenen zuungunsten des unehelichen Kindes aus. Inwieweit 
man berechtigt ist, den oft nur kleinen Abweichungen eine Bedeutung bei* 
legen zu dürfen, sei dahingestellt. Bei der x^ufspaltung nach Jahren ist 
vereinzelt ein günstigerer Wert für die Unehelichen erkennbar, auch hier 
handelt es sich zum Teil um Verhältnisse, die auf die kleinen Zahlen 
zurück geführt werden müssen. (Vgl. die Vermerke in den Tabellen.) 


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Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 


151 


Vor dem Übergang zur Betrachtung der Gewichts* und Längenziffern 
unter Berücksichtigung der verschiedenen Altersklassen der 
Mütter sei eine Art Einführungstabelle gegeben, die das Urteil über die 
folgenden Angaben unterstützen soll (Tab. 4, S. 152). 

Es interessieren bei der Wiedergabe der Beteiligung einzelner Alters* 
klassen neben den absoluten Gesamtziffern die Angaben über prozentuale 
Beteiligung innerhalb der ganzen Gruppe, da auch hierdurch zum Teil 
die Wertigkeit der Gewichts* und Längenangaben beleuchtet wird. 

Man erkennt ohne weiteres, daß die.Hauptgebärzeit für eheliche Erst* 
gebärende in die Jahre 21 bis 30, die der ledigen Erstgebärenden in die 
Jahre unter 20 bis 25, für eheliche Mehrgebärende in die Jahre 25 bis 
über 30, für die ledigen Mehrgebärenden in die Jahre 20 bis 30 fällt. — 
Diese Tatsache muß natürlich zu einer Erschwerung des Urteils bei ver* 
gleichender Gegenüberstellung gleicher Altersstufen führen, da die Wertig* 
keit der gefundenen Zahlen schon hierdurch in gleichen Altersstufen nicht 
immer gleich sein wird. Dazu kommt noch die große Verschiedenheit in 
den absoluten Grundzahlen, der wir bereits in der Tabelle 3a und 3b 
begegnet sind. Wenn demnach zwar verschiedene Momente die Deutung 
der gefundenen Werte nur mit größter Vorsicht gestatten, erscheint doch 
eine Verarbeitung des Materials gerade unter dem Gesichtspunkt der 
Altersbeteiligung besonders wertvoll, und wird vielleicht andere be* 
stimmen, in gleicher Richtung an umfangreicheren Unterlagen weiter zu 
arbeiten. 

Die Endzahlen sind hier selbstverständlich die gleichen wie in Tabelle 
3a und 3b. 

Im einzelnen scheinen die Zahlen der Erstgeborenen (5a) bezüglich 
der Gewichtsverhältnisse achtmal zugunsten der Unehelichen zu sprechen, 
es scheiden aber fünf wegen zu kleiner Grundziffern und dadurch bedingter 
Fehlerbreite als nicht beweiskräftig aus. Bezüglich der Längenverhält* 
nisse lauten die Zahlen siebenmal günstiger für die Unehelichen, aber 
fünfmal knüpfen sie sich an zu kleine Grundziffern. In je sechs Fällen sind 
die zu kleinen Grundziffern in beiden Gruppen (Gewichte und Längen) 
die gleichen! 

Bei den Mehrgeborenen (5b) scheinen die Gewichte dreimal günstiger 
für die Unehelichen zu liegen, in allen drei Fällen handelt es sich 
um zu kleine Grundziffern! Die Längen erscheinen günstiger für die 
Unehelichen in fünf Fällen, wovon aber zwei Fälle aus gleichem Grunde 
wie oben ausscheiden. 

Namentlich unter den Mehrgeborenen, bei denen kleine, schwer 
verwertbare Grundziffern weniger in Erscheinung treten als bei den Erst* 
geborenen, schneidet bei Gegenüberstellung zu vergleichender Gruppierungen 
das uneheliche Kind ungünstiger ab als das eheliche. Es ist das besonders 
bemerkenswert unter dem schon oben angeführten Hinweis, daß angeblich 
die ungünstigen Gewichtsverhältnisse der Unehelichen von ihrer Erst* 
gebürtigkeit herrühren sollten. 

Die Gewichte der Erstgeborenen von Müttern bis zum voll* 
endeten 20. Jahre (Tabelle 5a) zeigen für die Unehelichen nur einmal 
ein günstigeres Verhalten, doch steht die auffallend niedrige Zahl für 


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Tabelle 4 . Die Beteiligung an den einzelnen Altersklassen betrug bei ehelichen und (unehelichen) in Prozenten. 


152 


Hans Reiter 


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Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 


153 


weibliche eheliche Erstgeborene auf nur zwei Fällen und entbehrt daher 
jeder Beweiskraft. 

Bei den 21* bis 25jährigen Müttern sprechen die Gewichte einmal 
zugunsten der Unehelichen — eine vorsichtige Deutung ist nötig, da sich 
die Grundziffern der Altersklassen in der ganzen Gruppe verhalten wie 1 
zu 9, so daß von einer Gleichwertigkeit beider Zahlen nicht gesprochen 
werden darf! 

Bei der Gruppe der 26* bis 30jährigen Mütter zeigt sich dreimal 
ein Verhalten in einem dem Unehelichen günstigen Sinne: einmal beim 
Vorhandensein einer recht kleinen Grundzahl (8), einmal bei einem Ver* 
hältnis der Altersklassengrundziffern 1:10. 

In den Altersgruppen der über 30jährigen Mütter Erstgeborener 
zeigt sich dreimal ein für die Unehelichen günstiges Bild, in allen drei 
Fällen liegen (fünfmal) zu kleine Grundziffern für eine Verwertung vor! 

In Tabelle 5b (Mehrgeborene) sind die Grundziffern für die unter 
20jährigen Mütter durchweg zu gering für eine Verwertung, zweimal 
sprechen die Gewichte zugunsten der Unehelichen. In den Alters* 
klassen 21 bis 25 und 26 bis 30 lauten die Gewichtszahlen für 
das uneheliche Kind sämtlich ungünstig und in den Altersklassen 
über 30 finden wir nur einmal ein Ergebnis zugunsten des unehelich 
Geborenen, doch liegt hier eine zu kleine Grundziffer (4) vor (gegen* 
über 358)! 

Überblicken wir das sich durch die Gewichtszahlen ergebende Resultat 
verwertbarer Beobachtungen, so kann man dahin zusammenfassen, daß 
ein besonderer Einfluß einzelner Altersklassen auf die Gewichtsverhältnisse 
ehelicher und unehelicher Geborener nicht vorzuliegen scheint. Auch 
bei dieser Art der Aufspaltung kann man offenbar eine gewisse 
ungünstigere Lage des unehelichen Kindes nicht von der Hand 
weisen, doch sind noch weitere Nachuntersuchungen an dem Material 
größerer Städte erforderlich, um das für die hiesigen Verhältnisse unver* 
meidbare Entstehen kleiner, dann leider fast wertloser Ziffern bei der 
Aufspaltung zu umgehen. 

Bezüglich der Längen ergeben sich ähnliche Verhältnisse, wie sie 
oben für die Gewichte besprochen sind. Aus der Tabelle 5 a und 5 b sind 
sie unter Zuhilfenahme von Tabelle 4 ohne weiteres abzulesen und bedürfen 
daher keiner besonderen Erläuterung. Auch hierbei zeigt sich, daß zweifellos 
häufig die zu kleine Zahl für besonders auffällige Erscheinungen wohl 
verantwortlich gemacht werden kann. 

Ursprünglich war geplant, in den Rostocker Untersuchungen auch 
den Ernährungszustand der Mutter mit zu berücksichtigen. Wegen 
der Größe der Fehlerquellen, die nicht vermeidbar erschienen, mußte 
schließlich doch davon Abstand genommen werden. 

Statt dessen wurde versucht, sich in das Muttermaterial einen Einblick 
zu verschaffen durch Registrierungen der Stillfähigkeit aller Mütter zur 
Zeit der Geburt. 

Aus der Zusammenstellung, die aus dem Gesamtmaterial stammt, ist 
ersichtlich, daß zwar nur geringe Abweichungen zwischen den ehelichen 
und ledigen Müttern bestehen, daß aber doch die ledige Mutter benach* 
teiligt ist. Die Stillfähigkeit kann vielleicht in gewisser Beziehung als 


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154 


Hans Reiter, 


Tabelle 6. 

Stillfähigkeit der Mütter (1917 bis 1920) bei der Geburt der Kinder. 

Verheiratete | Ledige 

Voll. 2613 (90,82 Proz.) 1270 (87,51 Proz.) 

Zum Teil . . . 80 (2,78 „ ) 53 (3,65 „ ) 

Nicht , . ... 183 (6,37 „ ) 12 7_(8,75_„ ) 

Summe . . j 2876 (100,00 Proz.) ; 1450 (100,00 Proz.) 

ein Maßstab für die Körperverfassung gelten. Ob hierdurch Einflüsse auf 
das werdende Kind ausgeübt werden, ist wohl noch unbewiesen, erscheint 
aber keineswegs ausgeschlossen. 

Auch der Rasse wird ein Einfluß auf Körpergewicht und Größe nicht 
ganz abzusprechen sein. Wir haben in dieser Hinsicht zu sammeln ver* 
sucht, doch ist auch hier schließlich die Arbeit an immer größer werdenden 
Fehlerquellen und Unsicherheiten gescheitert. Man könnte sich vielleicht 
für berechtigt halten, beim Vergleich der Listen der Hebammen und der 
Frauenklinik in den relativ kleineren Zahlen der Frauenklinikkinder einen 
Beweis für die Bedeutung des Rasseneinschlags zu erblicken, denn ein 
größerer Prozentsatz der unehelichen Kinder der Frauenklinik sind mit 
Bestimmtheit nicht deutscher, sondern polnischer Herkunft. Bei den Stadt* 
kindern ist das — soweit man es beurteilen konnte — nur in verschwin* 
dendem Maße der Fall. Gewisse Einflüsse könnten also zweifellos vor* 
liegen 1 ). Eine genügende Erklärung für die Gewichtsdifferenzen in dem 
Material der Stadthebammenlisten ist durch rassige Momente dagegen 
nicht gegeben. Auch die Ergebnisse in Paderborn sprechen gegen eine 
Überschätzung dieser Frage. Hier könnten nur ganz exakte Untersuchungen 
an einem besonders geeigneten Material Klärung bringen. 

Einwandfreie zu vergleichende Angaben über die Arbeit der Mutter 
vor der Geburt waren nicht zu erhalten, es liegt nahe, anzunehmen, daß 
die ledige Mutter länger arbeitet als die eheliche. Aus den Beobachtungen 
an der Frauenklinik in Paderborn ersieht man jedoch, daß mindestens 
die Verhältnisse nicht überall gleichartig liegen. Wir müssen uns über* 
haupt vor Verallgemeinerungen einzelner persönlicher Wahrnehmungen 
hüten, die etwas Auffälliges in sich schließen. 

Ich bin mir wohl bewußt, daß die bei der Gliederung des Kinder* 
materials nach ehelichen und unehelichen Geburten gefundene Gewichts* 
differenz nur ein Merkmal einer bestimmten körperlichen Verfassung sein 
kann. Die Bewertung dieses Merkmals als Minderwertigkeit ist eine zweite 
Frage. Ich kann aber Vogel nicht recht geben, wenn er — innerhalb 
gewisser Grenzen — dieser geringeren Gewichtszahl sogar eine Höher* 
Wertigkeit zuzusprechen geneigt ist. Für eine solche Berechtigung fehlen 
die Beweise. 

In diesem Zusammenhänge möchte ich daran erinnern, in welch 
umfangreichem Maße von den unehelichen Kindern psychische Minder* 
Wertigkeiten gestellt werden. Ich habe in Gemeinschaft mit Ost ho ff 
gefunden, wie relativ viel unehelich Geborene die Hilfsschule besuchen, 

l ) Eigene frühere Untersuchungen haben einen solchen Einschlag nicht erkennen 
lassen. 


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Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 


155 


und gleichzeitig beweisen können, daß in mindestens 84 Proz. eine psychische 
Minderwertigkeit auf vererbter Grundlage vorliegt, demnach also bei der 
Geburt bereits in der Anlage vorhanden war. Ich erinnere ferner daran, 
welch große Summen Krimineller unehelich geboren sind und wie häufig 
die Vererbung auch hier eine entscheidende Rolle spielt. — Psychische 
Verfassungen haben rein körperliche Vorbedingungen, und es würde geradezu 
überraschen, ganz allgemein bei der Geburt eine körperliche Gleichwertig* 
keit unehelicher und ehelicher Kinder zu finden. Daß selbstverständlich 
auch unter den unehelich Geborenen körperlich und geistig hervorragende 
Persönlichkeiten vorhanden sein können, beweist uns die Geschichte, doch 
sollten wir uns davon frei machen, das, was uns Literatur und 
Dichtung bietet, als Norm zu betrachten. Leben und kritische 
Betrachtung zeigen ganz andere Werte! 

Das Ergebnis vorstehender Untersuchungen läßt sich folgender* 
maßen formulieren: 

1. Die Untersuchungen über Gewichte von 2561 Geburten der 
Frauenklinik in Paderborn aus den Jahren 1912 bis 1913 und 
1916 bis 1919 — davon 1494 Eheliche und 1067 Uneheliche —, 
ferner von 4326 Geburten in Rostock aus den Jahren 1917 
bis 1920 — davon 2876 Eheliche und 1450 Uneheliche — ins* 
gesamt also von 6887 Geburten, hat ein Mindergewicht der 
Unehelichen im Vergleich zu den ehelichen Kindern ergeben. 

In den Längenverhältnissen der Ehelichen und Unehelichen 
bestehen keine eindeutigen Differenzen, doch sind im all* 
gemeinen die Werte der Unehelichen niedriger als die der 
Ehelichen. 

2. Auch bei der Trennung in Erstgebürtige und Mehrgebürtige 
tritt keine Veränderung dieser Ergebnisse ein. Es zeigt 
sich also, daß die Erstgebürtigkeit als solche nicht die 
Mindergewichte der Unehelichen bedingt. 

3. Bei der Betrachtung der Gewichte und Längen Rostocker 
Neugeborener unter Berücksichtigung der Altersklassen der 
Mütter und der Gebürtigkeit zeigte sich meist ein gleiches 
Ergebnis wie unter 1, vereinzelt ließen sich wegen der 
durch die Aufspaltung des Materials bedingten Kleinheit 
der Ziffern keine Schlüsse ziehen. Ein besonderer Einfluß 
einzelner Altersklassen scheint nicht vorzuliegen. 

4. Von der Untersuchung über die durch den Ernährungszustand 
der Mutter bedingten Einwirkungen mußte abgesehen werden, 
dagegen wurde versucht, an der Hand der mütterlichen Still fähig* 
keit einen Einblick in das Muttermaterial zu gewinnen, wobei sich 
in Paderborn kein Unterschied, in Rostock eine geringe Schlechter* 
Stellung lediger Mütter ergab. 

5. Durch die Rasse bedingte Einwirkungen auf Gewichts* und Längen* 
Verhältnisse wurden wegen der Menge von Fehlerquellen nicht 
geprüft, doch spricht das Verhalten des Rostocker Materials (Klinik 
und Stadt) nicht sehr dafür, auch hatten frühere Untersuchungen 
über ein kleineres abgegrenztes Material eine solche Einwirkung 
nicht gezeigt. 


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156 Hans Reiter, Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. 

6. Im ganzen bestätigen und vertiefen vorliegende Untersuchungen 
die bereits von mir in einer früheren Veröffentlichung aus* 
gesprochene Anschauung. 

Es erscheint auf Grund dieser Ergebnisse wohl be* 
rechtigt, im allgemeinen von einer angeborenen geringeren 
körperlichen Wertigkeit der unehelichen Kinder zu sprechen, 
was aber nicht ausschließt, daß auch unter diesen Kindern 
gut entwickelte vollwertige Individuen vorhanden sind. 

Praktisch dürfte sich aus diesem Ergebnis folgern lassen, 
daß die Fürsorge für die unehelichen Kinder nicht erst 
nach der Geburt einzusetzen hat, sondern daß, wie es 
bereits in Norwegen gesetzlich geregelt, schon mehrere 
Monate vor der Geburt Maßnahmen zu treffen sind, die 
eine gute und ungestörte Entwicklung des werdenden 
Kindes gewährleisten. 

Literaturverzeichnis. 

Ca m er er. Das Gewicht zum Längenwachstum des Menschen, insbesondere im 
ersten Lebensjahre. Jahrb. f. Kinderheilkunde, Bd. 53, 1901. 

Eller, Statistische Mitteilungen über Säuglings* und Kindersterblichkeit im 
Industriebezirk Solingen. Zentralbl. f. allg. Gesundheitspflege 1909. 

Genersich, Amtliche Nachforschungen über das Schicksal der unehelichen 
Säuglinge. Bericht über den 3. Internationalen Kongreß für Säuglingsschutz. Berlin 1911. 

Peiler, Die Maße der Neugeborenen und die Kriegsernahrung der Schwangeren. 
Deutsch, med. Wochenschrift 1917, Nr. 6. 

Prochownik, über die Ernährungskuren in der Schwangerschaft. Zentralbl. f. 
Gynäkologie 1917, Nr. 32. 

Reiter, Zur Konstitution des unehelichen Kindes. Zeitschrift f. angew. Anatomie 
u. Konstitutionslehre, Bd. 6, 1920. 

Reiter u. Klesch, Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. Berl. klin. 
Wochenschrift 1920, Nr. 28. 

Reiter u. Helm, Wird die Sterblichkeit vor vollendeter Aufzucht durch die 
Geschwisterzahl und die soziale Lage der Eltern beeinflußt? öffentl. Gesundheits* 
pflege 1921, Heft 2 u. 11. 

Reiter u. Ost hoff, Die Bedeutung endogener und exogener Faktoren bei Kindern 
der Hilfsschule. Zeitschrift f. Hygiene u. Infektionskrankheiten, Bd. 94, Heft 2 3, 1921. 

Rüge, Uber den Einfluß der Kriegsernährung auf Fruchtentwicklung und Lakta* 
tion. Zentralbl. f. Gynäkologie 1916, Nr. 33. 

Selter, Die Ursache der Säuglingssterblichkeit unter Berücksichtigung der Jahres; 
zeit und der sozialen Lage. Zeitschrift f. Hvgiene u. Infektionskrankheiten 1919, 
Bd. 88, Heft 2. 

Walter, Ein Beitrag zur Frage über die Konstitution des unehelichen Kindes. 
Rostock 1921. Dissertation. 

Martius, Konstitution und Vererbung. Berlin, Springer, 1919. 

Vogel, Zur Konstitution des unehelichen Kindes. Deutsch, med. Wochenschrift 

1921, Nr. 14. 

Nagler, Ein weiterer Beitrag zum Problem des unehelichen Kindes. Rostock 

1922. Dissertation. 


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ß 



[Aus dem Hygienischen Institut der Technischen Hochschule Dresden. 

Direktor: Prof. Dr. Ph. Kuhn.] 

Über 

geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 

Von Dr. med. Fetscher. 

(Schluß.) 

Die Heiratsvermittelungen. 

Ehevermittelungen unterliegen nach § 35 der Reichsgewerbeordnung der 
Anzeigepflicht. Sie sind demnach als behördlich konzessionierte Institute 
zu betrachten. § 656 des Bürgerlichen Gesetzbuches bestimmt jedoch, daß 
das Versprechen einer Vergütung für Eheanbahnung rechtsunwirksam sei. 
Schon erfolgte Zahlungen können aber im Klagewege nicht zurückgefordert 
werden. Die Ehevermittelungen sind deshalb rechtlich in einer etwas 
schiefen Lage. Einerseits sind sie als Gewerbe anerkannt, andererseits 
können ihre Kunden vereinbarte Zahlungen verweigern, ohne daß der 
Vermittler in der Lage wäre, seine Forderung einzutreiben. Sie sind des* 
halb mehr als jeder andere Beruf zur Vorsicht genötigt und zu einem 
Geschäftsbetrieb, der von den sonst üblichen Formen erheblich abweicht. 
Mich über die Arbeitsweise zu unterrichten, schlug ich folgenden Weg ein: 

An die größtenteils durch die Zeitung erfahrenen Adressen schrieb ich 
Postkarten folgenden Inhalts: 

„Bitte um Mitteilung Ihrer Geschäftsbedingungen.“ 

Stets lief darauf Antwort ein, die meist unter Nachnahme von 40 bis 60 M. 
erfolgte. Ich habe die Annahme derartiger Sendungen immer verweigert 
und erhielt dann ein paar Tage später meist ein neuerliches Nachnahme* 
schreiben, dessen Betrag wesentlich geringer war. Nach abermaliger An* 
nahmeverweigerung kam ohne Ausnahme ein einfacher Brief, der einen 
Fragebogen, Aufforderung zur Vorschußleistung von 200 bis 750 >1. enthielt 
und eine Reihe von Angeboten unter Decknamen. Auf diese Weise kam 
ich zu den statistisch unten ausgewerteten Anträgen. 

Die Fragebogen enthalten Spalten zur Angabe der üblichen Personalien, 
Namen, Wohnort, Alter, Stand, Beruf, Einkommen, Vermögen, ferner die 
Frage: „Welche Ansprüche stellen Sie an die betreffende Dame Ihrer W ahl?“ 
Einigemal lautete dieser Punkt sogar: 

„Wieviel Vermögen muß die Dame besitzen ?“ 

Nicht einmal ist mir jedoch die Frage nach der Gesundheit des Bewerbers 
begegnet, wie denn gerade bei der Vermittelung alles lediglich Geschäft 
ist und von keiner sonstwie gebotenen Rücksicht geleitet wird. Gewiß 
werden sie sich bemühen, die Ansprüche ihrer Kunden zu erfüllen, soweit 


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158 


Fetschcr, 


es möglich ist, doch sind sie dabei in keiner Weise von irgendwelchen 
ethischen oder sozialen Bedenken beeinflußt. 

Die sogenannte Vorschußleistung, die stets auch verlangt wird, soll 
zur Bestreitung der erwachsenden Auslagen des Vermittlers dienen. 
Außerdem wird gewöhnlich auch noch eine Einschreibegebühr von 20 bis 
60 M. gefordert und die Zusicherung verlangt, noch entstehende Kosten 
zu tragen, die sich aus nötig werdenden Reisen usw. ergeben. Nicht genug 
damit, wird die Unterzeichnung der Verpflichtung verlangt, nach der Ehe, 
meist 14 Tage nach der standesamtlichen Trauung, 1 bis 3 Proz. der Mit* 
gift der betreffenden Dame zu zahlen. Nicht selten wird die „ehrenwört* 
liehe“ Zusicherung verlangt, da aus den oben angeführten Gründen ein 
Rechtszustand durch Unterzeichnung eines solchen Formulars nicht begründet 
ist. Alles in allem verstehen es die Vermittelungen ausgezeichnet, ihren 
Worteil zu wahren und ein glänzendes Geschäft zu machen, was auch aus 
dem Umstande ersichtlich ist, daß in Stuttgart allein 36 konzessionierte 
Ehevermittelungen tätig sind, wie aus einer mir persönlich gemachten Mit* 
teilung des Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart hervorgeht. Leider 
wurden Angaben über die Höhe der von diesen Unternehmungen gezahlten 
Steuern verweigert, weshalb exakte Rückschlüsse auf den Umfang ihrer 
Tätigkeit nur sehr schwer möglich sind. 


Durch Vermittler. 



Ins* 

Davon 
bis zu 

25 Jahren 

Bis zu 

30 bis 

40 bis 

über 


i gesamt 

l i 

30 Jahren 

40 Jahren 

50 Jahren 

50 Jahre 

Männlich. 

i 363 

21 

81 (2) 

194 (21) 

78 (7) 

9 

In Prozenten .... 

j 100 

5,8 

23,3 

52,6 

15,8 

2,5 

Weiblich. 

451 

63 

154 

192 

38 

4 

Tn Prozenten .... 

:j 100 

13,8 

36,3 

50,6 

8,4 

0,9 


Die Zahlen in Klammer bedeuten die Akademiker unter den Bewerbern. 


Ich bin nun mit den gleichen Vermittelungen je als männlicher und 
weiblicher Bewerber in Verbindung getreten, nämlich mit 22. Ich erhielt 
von ihnen die in nebenstehender Tabelle zusammengefaßten Angebote, die 
jedoch zweifellos niemals die gesamten der Vermittelung zur Verfügung 
stehenden Bewerber darstellen. Da es naturgemäß meine finanzielle 
Leistungsfähigkeit überstieg, überall Einschreibegebühr und Vorschußleistung 
zu bezahlen, erhielt ich stets nur ein paar Angebote, gewissermaßen als 
Beispiele vorgelegt. Auffallend ist, daß im Gegensatz zu den Heirats* 
anzeigen die weiblichen Bewerber in der Überzahl zu sein scheinen, doch 
mag es sich hier auch nur um ein Spiel des Zufalls handeln. Das durch* 
schnittlichc Alter beträgt für die Männer 35,8, für die Frauen 33,2 Jahre, 
ist also beträchtlich höher als das durchschnittliche Heiratsalter im Volks* 
ganzen, aber nicht unwesentlich geringer als das Alter der Bewerber, die 
sich der Zeitungsanzeige bedienen (vgl. 1. Abschnitt). Wir können jedoch 
dennoch mit Sicherheit aus dem Durchschnittsalter schließen, daß auch 
der Benutzung der Vermittelungstätigkeit mannigfache Bedenken im Be* 
wußtsein des Volkes gegenüberstehen, die nur allzu berechtigt sind. Dazu 
kommt, daß der Vermittler stets ein kostspieliger Weg zur Suche nach 


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Uber geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


159 


einem geeigneten Partner bleibt. In sozialer Hinsicht kommt in Betracht, 
daß der Eifer des Vermittlers von der Ehetauglichkeit des Bewerbers un» 
abhängig ist und lediglich von der Höhe des umzusetzenden Vermögens 
bedingt wird, da er ja an diesem prozentual interessiert ist. Unter den 
männlichen Bewerbern ist vor allem wieder der Kaufmannsstand vertreten. 
31 von 363, also rund 9 Proz., sind Akademiker, was ungefähr mit der in 
den Heiratsanzeigen gefundenen Zahl übereinstimmt. Weiter finden sich 
noch einige Landwirte und Handwerker, Arbeiter überhaupt nicht. Unter 
den weiblichen Bewerbern sind einige mit unehelichen Kindern. 

Das einzelne Angebot wird von den Vermittelungen in verschiedener 
Form weitergegeben; meist lassen sie, die größeren Unternehmen wenigstens, 
die Personalien ohne Namen und mit Decknummer versehen drucken und 
geben sie dann an Interessenten ab. Briefliche Angebote unter diesen 
Decknummern werden dann von dem Vermittler weitergegeben, späterhin 
auf Wunsch persönliches Zusammentreffen usw. herbeigeführt. Von den 
weiblichen Bewerbern werden häufig Photographien vervielfältigt und mit 
Nummern und Personalien versehen an Interessenten verschickt. Kleinere 
Vermittelungen machen schriftliche Angebote oder bitten, sie zu persönlicher 
Aussprache zu besuchen. Man findet die verschiedenste Behandlung der 
doch streng vertraulichen Angaben. Von besonderer Diskretion ist gewöhnlich 
nicht die Rede. Für feinfühlige Naturen muß schon allein die Versendung 
der Bilder recht verletzend wirken, abgesehen von der häufig gemachten 
Versicherung, daß der Vermittler „glänzende Partien an der Hand habe“ 
Das persönliche Zusammentreffen der Bewerber wird nicht zu selten nach 
Art einer geselligen Veranstaltung im Hause des Vermittlers bewirkt. Ein 
Bekannter, der sich einmal einer Berliner Vermittelung bedient hat, ver* 
sicherte mir, daß ein solcher Heiratstee einwandfrei in den besten gesell» 
schaftlichen Formen stattfindet. Er bediente sich allerdings einer besonders 
teueren Vermittelung, die in den ersten Kreisen eingeführt sein soll. 

Die Mehrzahl der Vermittelungen betreibt großzügige Reklame in allen 
Zeitungen, in denen erfahrungsgemäß Heiratsgesuche häufig Vorkommen. 
Unter 3243 Heiratsanzeigen waren 280 Anpreisungen von Vermittelungen, 
also 8,1 Proz. In Württemberg fanden sich in einem Monat 57; im Jahre 
wären deshalb 684 zu erwarten, 6,3 Proz. der Heiratsgesuche. Die Reklame 
ist meist sehr derb und marktschreierisch. Überschriften wie „Glänzende 
Partien für jedermann“ oder „Reiche Partien in feinsten Gesellschafts» 
kreisen“ usw. sind an der Tagesordnung. Manchmal finden sich auch 
Anzeigen wie folgende: „Für Dame, 24 Jahre alt, 400 000 M. bar, später 
mehr, wird geeignete Partie, nur Akademiker, gesucht. Näheres durch 
Frau X .., Ehevermittelung.“ Auf eine dieser Anzeigen habe ich geschrieben 
und erhielt dann die Aufforderung, 500 M. Kostenvorschuß zu leisten, ohne 
daß weiter von der angepriesenen Dame die Rede gewesen wäre. Ich glaube 
daher, daß in den meisten Fällen derartige von Vermittelungen angebotene 
Verbindungen glatt erfunden sind und lediglich zur Anlockung bestimmt 
sind. Solches Vorgehen ist selbstverständlich als grober Unfug zu bezeichnen 
und überschreitet zweifellos die Grenzen statthafter Reklame um ein Be» 
trächtliches. Häufig sollen auch Anzeigen aufgegeben werden, die von den 
Vermittelungen nicht gezeichnet sind, obgleich sich eine solche dahinter 
versteckt. Mir selbst ist das nicht begegnet. Umgekehrt liefen auch unter 


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160 


Fctscher, 


den mir zur Verfügung stehenden Antworten auf die erwähnten beiden 
Anzeigen keine Vermittlerangebote ein, wie dies von anderer Seite als 
häufig bezeichnet wird. Man begegnet auch öfters Unternehmen, die 
ihrem Geschäft ein soziales Mäntelchen umhängen.. Der Prospekt einer 
solchen Vermittelung beginnt mit den Worten: „Die neue Zeit bringt 
dem christlichen Leben täglich neue Gefahren...“, leitet dann allmählich 
darauf über, daß die Familie die Pflanzstätte der Religiosität und der 
Lebensgefährte dementsprechend auszuwählen sei. Da dies unter den 
heutigen Verhältnissen sehr schwer sei, müsse die — Ehevermittelung 
helfen. Zweifellos werden viele Unerfahrene auf derartig geschickte 
Reklame hereinfallen, vor allem, wenn noch, allerdings völlig um 
kontrollierbar, Empfehlungsschreiben „erster Persönlichkeiten“ abgedruckt 
sind. Eine andere Vermittelung versicherte mir auf meine Anfrage, daß 
sie unter „streng sozialen Gesichtspunkten“ arbeite, daß sie lediglich um 
einem „dringenden Bedürfnis abzuhelfen“ ihre Tätigkeit ausübe. Dann 
behauptete sie, gerade für mich „geeignete, erstklassige reiche Partien an 
der Hand zu haben“ und bittet um 30 M. Einschreibegebühr, 250 M. Kosten* 
Vorschuß und um die Zusicherung von 2 Proz. der Barmitgift der betreffenden 
Dame, zahlbar 14 Tage nach der standesamtlichen Trauung. 

Eine besonders geschäftstüchtige Vermittelung ist mir untergekommen, 
die sich selbst noch durch Vertrieb von Geheimmitteln zur Empfängnis* 
Verhütung einen kleinen Nebenerwerb sichert. Nicht uninteressant dürfte 
es ferner sein, daß sich eine Reihe von Heiratsvermittelungen aus Stell* 
Vermittelungen entwickelt hat. 

Neben der durch Reklame und durch direkte Angebote erworbenen 
Kundschaft findet der Vermittler zu einem kleinen Teil Bewerber, die nach 
einer Vermittelung suchen. Dies geschieht meist wieder auf dem Wege 
der Zeitungsanzeige. Diese Sitte scheint vor allem in jüdischen Kreisen 
eingebürgert zu sein, denn ich fand unter 27 Anzeigen, in denen nach 
einem Vermittler gesucht wurde, nur zweimal keinen Hinweis darauf, daß 
es sich um eine jüdische Ehe handeln soll. Die erwähnten Anzeigen kommen 
auf 3242 sonstige Heiratsgesuche und Vermittleranzeigen, betragen also etwa 
0,8 Proz. von diesen. Das Vermittlerwesen scheint überhaupt in jüdischen 
Kreisen recht verbreitet zu sein. Auch in den gewöhnlichen Heiratsanzeigen 
wird sehr häufig die Überschrift „Israelitische Ehe“ usw. gefunden. Eine 
statistische Aufnahme dieser Tatsache schien mir jedoch untunlich, da das 
Ergebnis zweifellos einen zu niedrigen Prozentsatz gezeigt hätte, findet sich 
doch die Angabe der Religion kaum in der Hälfte der Fälle. 

Die Heiratszeitungen. 

Eine Zwischenstellung zwischen der Heiratsanzeige und der Vermittelung 
nehmen die Heiratszeitungen ein, deren immer neue entstehen und stets 
größere Verbreitung finden. Das älteste Unternehmen dieser Art und 
zweifellos das einwandfreieste ist der „Lebensbund“. Er arbeitet auch 
weitaus am billigsten und verlangt von den Beziehern der Brieflisten nicht, 
daß sie selbst eine Anzeige aufgeben, wie es sonst alle mir bekannt ge* 
wordenen Unternehmungen gleicher Art tun. Der gewöhnliche Weg der 
Vermittelung ist hier folgender: Die Bewerber geben von der Redaktion 
mit Nummern versehene Anzeigen auf. Diese werden zu einer Herren* 


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Uber geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


161 


und einer Damen * „Briefliste“ zusammengestellt und an die Abonnenten 
verschickt. Unter der Decknummer kann nun durch die Vermittelung des 
Herausgebers die Korrespondenz begonnen werden. Es genügt übrigens 
auch, ohne selbst zu inserieren, die betreffende „Briefliste“ zu bestellen 
und aus den Anzeigen passende Bewerber auszusuchen. Die Auswahl ist 
dabei recht groß, enthält doch eine Nummer einer Heiratszeitung mehrere 
Hundert Angebote. Außerdem scheint die Diskretion in viel höherem 
Maße als bei den Vermittelungen gewährleistet und es ist der Kreis der 
Leser gegenüber der Tageszeitung nur auf die Interessenten selbst be* 
schränkt, was den Vorteil mit sich bringt, daß es weniger leicht vorkommt, 
daß sich Unberufene einen unpassenden Scherz erlauben. Ganz aus* 
geschlossen ist es natürlich auch nicht und vor allem bietet die Heirats* 
zeitung so wenig als alle anderen Eheanbahnungsinstitute irgend eine Gewähr 
für die Gesundheit der Bewerber. 

In je einer Nummer von drei verschiedenen Heiratszeitungen fanden 
sich an Angeboten zusammen: 



II | 

Davon 
bis zu 

25 Jahren 

1 Bis zu 

30 bis 

40 bis 

Über 


[ gesamt 

1 30 Jahren 

1 

40_Jahren 

50V ähren 

50 Jahren 

Männlich .... 

. . 494 

47 

93 

i 262 

79 

23 

In Prozenten . . 

l. * f 100 

9,5 

19,0 

50,9 

16,0 

4,6 

Weiblich .... 

. . | 359 

33 

75 

171 

71 

9 

In Prozenten . . 

. . ! 100 

9,2 

20,9 

47,6 

19,8 

2,5 


In nebenstehender Tabelle sind die Angebote ohne Altersangabe weg* 
gelassen. Es handelt sich um 35 männliche und 33 weibliche Anzeigen. 
Das durchschnittliche Alter der Bewerber beträgt für die männlichen 39,8, 
für die weiblichen 37,1 Jahre, ist also gegen die Norm bedeutend erhöht, 
ein Beweis dafür, daß auch gegen die Benutzung der Heiratszeitungen recht 
wesentliche Hemmungen in der Psyche des einzelnen bestehen. Das Bild 
der Bewerber gleicht nach sozialer Gliederung usw. ganz dem bei den 
Zeitungsanzeigen gewonnenen, doch tritt der rein geschäftsmäßige Anlaß 
als Grund zur Suche nach einem geeigneten Partner ganz wesentlich 
zurück. „Einheiraten“ usw. bleiben fast ausnahmslos die Domäne der 
Tagespresse. Die einzelnen Anzeigen sind im allgemeinen länger und aus* 
führlicher, gehen oft auf nicht materielle Wünsche ein und sind zum Teil 
in ihrer Ausdrucksweise anerkennenswert hübsch. Ich lasse ein paar Bei* 
spiele dieser Art folgen: 

„Ich suche den Wahlverwandten meines Wesens, seine Ergänzung. Höchsten 
Ausgleich ersehne ich in der Vereinigung mit einem Manne, der eine feingestimmte 
Seele mit kraftvollem Geist vereinigt, tief veranlagt, geistig regsam und strebsam ist. 
Einem solchen Menschen möchte ich angehören, mit ihm ein schaffensfreudiges, tief* 
innerliches, glückdurchsonntes Leben aufbauen. Neben ernst. Sinn trage ich viel 
Wärme im Herzen, habe ein sonniges Gemüt u. lebensfrohen Mut. Ich liebe das 
Leben wo es gut, schön und reich ist und uns froh, frei und glücklich macht. Natur, 
Musik, Literatur, jegl. Kunst, vor allem auch eine gemütliche Häuslichkeit, sind mir 
Lebensnotwendigkeit. — Ich bin Pastorentochter (nicht verm., Vater tot), dunkel* 
blond, gesund, mittelgroß u. schlank, 27 Jahre alt, mit viel Sinn u. prakt. Befähigung 
für Hauswirtschaft, im Beruf wisscnsehaftl. Lehrerin.“ 

„Höherer Regierungsbeamter, Dr. jur., 36 J. alt, ev., mittl. Figur, 22 000 M. Vcr* 
mögen, ersehnt Gründung einer Heimstätte persönlichen Lebens durch Bund mit 
seelenverwandtem Wesen, das für alles Hohe und Schöne begeistert, abhold aller 
materialistischer Verflachung u. gottfremder Halbkultur, meinem inneren Ich Echo 
Öffentliche Gesundheitspflege l l J22. j j 


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162 


Fetscher, 


gibt in treuer Lebensgemeinschaft, mir Frau wird und Kamerad zugleich in meinem 
beruflichen Streben. Mit Ade! der Seele soll sich vermählen Gesundheit des Körpers, 
Liebreiz echter Weiblichkeit gepaart mit häuslichem Sinn und Prägung einer Dame 
von Welt, die unser Heim zu einer Stätte vornehmer Geselligkeit gestalten wird. 
Freude an Natur und Reisen soll Gewähr sein, daß die Schönheiten ferner Länder, in 
die mich der auswärtige Dienst des Reiches führen kann, uns gemeinsam sind. Gaben 
des Geistes und Herzens, gepaart mit echt häuslichem Sinn, sind mehr als irdische 
Güter; ...“ 

Bemerkenswert ist, daß eine große Zahl von Ausländsdeutschen sich 
der Heiratszeitung bedient, um eine deutsche Frau zu bekommen. Gewiß 
ein erfreuliches Zeichen! 

Die Kosten dieser Art von Eheanbahnung stellen sich auf jeden 
Fall niedriger als die durch Vermittelung, aber wesentlich teurer als An* 
zeigen in der Tagespresse. Das Abonnement einer Heiratszeitung kostet 
durchschnittlich halbjährlich etwa 40 M., wofür alle 14 Tage eine „Briefliste“ 
geliefert wird. Für die Gesuche wird gewöhnlich eine Wortgebühr von 1 M. 
berechnet. Eine Anzeige mittlerer Länge kostet daher etwa 60 bis 70 M. 
Der „Lebensbund“ bleibt in seinen Preisen unter dem Durchschnitt und 
berechnet 30 M. für das Halbjahr, für Gesuche 20 M. Grundpreis und für 
jede weitere 12silbige Zeile 2,50 M.; bei 20 Zeilen durchschnittliche Länge 
kostet die Anzeige also rund 40 M. Auf jeden Fall machen die Verleger 
kein schlechtes Geschäft. Der Lebensbund nimmt an Inseratengebühren 
für eine Briefliste von 12 Quartseiten Umfang und 150 Anzeigen etwa 6500 M. 
ein, dazu bei Annahme von einer Auflagenummer von nur 500 Exemplaren 
1250 M. an Abonnementsgebühren. Andere teuere Heiratszeitungen nehmen 
für jede Nummer an Inseraten und Abonnementsgebühren 16 000 bis 18000 M. 
ein, bei einer Auflage von 500 Stück gerechnet. Dazu wird noch meist 
eine Vermittelungsgebühr von 50 Pf. für jeden versendeten Brief berechnet. 

Vergleicht man die Kosten der verschiedenen Wege zur Suche nach 
einem Lebensgefährten, so ergibt sich bezüglich der Kosten folgende kleine 
Tabelle-: 

Die Suche nach einem geeigneten Partner kostet: 


Durch Zeitungsanzeige . . .. 60 M. 

„ Heiratszeitung.120 „ 

„ Vermittler. 500 „ 


im Durchschnitt. 

Es ist dabei die Annahme gemacht, daß zwei Gesuche in einer Tages* 
zeitung nötig sind; bei den Heiratszeitungen ist ein halbjähriges Abonnement 
und zwei Anzeigen berechnet, bei der Vermittelung Kostenvorschuß, Ein* 
schreibegebühr usw., nicht aber die Prozente der Mitgift, die stets verlangt 
werden. Überall sind niedrige Schätzungen vorgenommen und die Kosten, 
die dem einzelnen aus dem Briefwechsel erwachsen, außer Betracht gelassen. 

Mir sind im Gebiet des Deutschen Reiches zurzeit fünf Heiratszeitungen bekannt, 
deren jede alle 14 Tage rund 250 Angebote beider Geschlechter zusammenbringt, im 
Jahre also etwa 6400. Der Schriftleitung einer dieser Unternehmen verdanke ich die 
Mitteilung, daß nach ihrer Beobachtung etwa 90 bis 95 Proz. der Bewerber im Laufe 
eines halben Jahres einen geeigneten Partner finden. Es würden demnach durch 
Heiratszeitungen allein jährlich etwa 5700 Ehen zustande gebracht. Der „Lebensbund 4 * 
teilte mir auf eine diesbezügliche Anfrage mit, daß durch ihn im Laufe von 6 Jahren 
etwa 20 000 Ehen vermittelt worden sind. In diese Zeit fällt noch dazu der Krieg, 
der zweifellos ungünstig eingewirkt hat. Die Heiratszeitungen scheinen demnach sicher 
erfolgreich zu sein, vielleicht am erfolgreichsten von allen Instituten, die sich mit 
Eheanbahnung befassen, und sicherlich in sozialer wie ethischer Hinsicht am einwand* 
freiesten. 


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Cher geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


163 


Über Notwendigkeit und Form einer amtlichen Ehevermittelung. 


Aus der Häufigkeit der Benutzung von Heiratsanzeigen zur Suche nach 
einem Lebensgefährten, aus der großen Zahl der Vermittelungen wie aus 
dem Entstehen immer neuer Unternehmungen, die ihren Erwerb durch die 
in irgend einer Form herbeigeführte Erleichterung des Sichkennenlernens 
der Geschlechter finden, geht unzweideutig hervor, daß die bisher gewohnte 
Art zufälligen Zusammentreffens nicht mehr genügt, daß Tausende ohne 
Lebensgefährten sein müßten ohne diese erwähnten öffentlichen Wege. 
Diesem Mangel bis zu einem gewissen Grade abgeholfen zu haben, bleibt 
ihr soziales Verdienst, doch haften all jenen Einrichtungen zum Teil recht 
bedenkliche Schäden an. Sie sind vor allem durchweg auf den Erwerb 
zugeschnitten und ziehen Gewinn aus einem sozialen Notstand. Dies allein 
schon muß als bedenklich bezeichnet werden, vor allem, wenn die Sucht 
sich zu bereichern, Formen annimmt, wie so häufig bei den Ehevermittelungen. 
Auch den Tageszeitungen kann der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie 
an den Heiratsanzeigen mehr zu verdienen suchen, als gebilligt werden 
kann. Dazu kommen die Gefahren, die sich aus dem Umstande ergeben, 
daß sich die Heiratsanzeigen an die breite Öffentlichkeit wenden. Die 
Heiratsschwindler haben ihre Opfer meist durch Anzeigen kennen gelernt, 
von allen anderen sittlichen Gefahren, die sich besonders für die weib* 
liehen Inserenten ergeben, ganz zu schweigen. Die Furcht in den Augen 
der Mitwelt durch den offen eingestandenen Heiratswunsch lächerlich und 
vielleicht zur Zielscheibe höchst unangebrachten Spottes zu werden, wie 
die Scheu, sich den erwähnten Gefahren auszusetzen, hält vor allem viele 
Frauen ab, sich der Heiratsanzeige zu bedienen. Es zeigt sich dies in der 
Minderzahl inserierender Frauen wie in ihrem gegen das durchschnittliche 
Heiratsalter um rund 10 Jahre höheren Lebensalter. Mit anderen Worten: 
erst die ältere Frau findet den Mut, nachdem die anderen Möglichkeiten 
versagt haben, einen Weg zu beschreiten, der mit mancherlei Unannehmlich* 
keiten und Gefahren gepflastert ist. Dies ist vom rassenhygienischen 
Standpunkt aus zu bedauern, da so bei vielen die wertvollsten Jahre für 
die Fortpflanzung verloren gehen. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den 
Männern. Auch sie entschließen sich nur schwer, den öffentlichen Weg 
der Heiratsanzeige zu beschreiten, wie ebenfalls aus dem unverhältnismäßig 
hohen Alter der Inserenten hervorgeht. Die Gründe mögen zum Teil die 
gleichen sein, doch wird wohl nicht selten der Wunsch nach einem nun 
genügend „genossenen“ Leben durch eine möglichst reiche Partie das Dasein 
auf solide Basis zu stellen, ausschlaggebend sein für die späte Benutzung 
der Heiratsanzeige neben einer großen Zahl materieller Gründe. 

Die geeignetste Form der Eheanbahnung stellt augenblicklich die 
Heiratszeitung dar, wenngleich auch ihr bis zu einem gewissen Grade die 
Mängel der gewöhnlichen Heiratsanzeigen anhaften. Ihr Vorteil besteht 
vor allem darin, daß sie nur von den Ehelustigen gelesen wird, demnach 
ein größerer Kreis ernster Bewerber als bei Tageszeitungen vorhanden ist. 
Ihr Nachteil ist in den sehr erheblichen Kosten zu suchen, und in dem 
Umstande, daß sie natürlich auch unlauteren Elementen zugänglich ist. 
Die meisten Bedenken machen sich jedoch gegen die Ehevermittelungen 
geltend. Es sind die typischen von keinerlei Rücksichten ideeller Art 


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11 * 

Original fram 

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164 


Fet sch e r, 


geleisteten Erwerbsinstitute, die an ihren Kunden nur möglichst viel ver* 
dienen wollen. Es ergibt sich daraus, daß es ihnen vollständig gleichgültig 
ist, wie die von ihnen zustandegebrachten Ehen in sozialer Hinsicht aus# 
sehen, wenn nur das dabei umgesetzte Vermögen recht beträchtlich ist. 
Ihr Ehrgeiz besteht lediglich darin, die materiellen Wünsche ihrer Klienten 
zu befriedigen, und ihr Eifer ist proportional der Höhe der Mitgift ihrer 
weiblichen Klienten. Es ist ja sicher richtig, daß eine geldlich gut gesicherte 
Ehe weniger Belastungsproben ausgesetzt ist, als eine unter nicht so günstigen 
äußeren Umständen geschlossene, aber sie verträgt auch weniger, da eben 
bei den meisten „Geldehen“ die Ehegatten in sonstiger Hinsicht zu wenig 
gemeinsam haben. In solchen Ehen besteht naturgemäß viel weniger als 
in anderen das Gefühl dauernden Gebundenseins und man entledigt sich 
daher viel leichter unangenehm empfundener Bande und fühlt sie bälder als 
drückend, wenn nichts als der äußere Vorteil die Ehegatten verbindet. 
Zudem kümmert sich kein einziges der genannten Vermittelungsinstitute 
um die körperliche Ehetauglichkeit ihrer Bewerber, die, meist in reiferem 
Lebensalter stehend, wohl nicht zu selten an Geschlechtskrankheiten oder 
doch ihren Folgezuständen zu leiden haben, so daß schwerste Enttäuschungen 
in der Ehe, schon bevor sie geschlossen ist, zur Gewißheit werden. Das 
soziale Pflichtgefühl hört leider nur zu häufig auf, wenn andere Dinge als 
materielle in Frage kommen. So mancher scheut sich nicht, eine Ehe 
einzugehen, ohne sich zu vergewissern, daß frühere Geschlechtskrankheiten 
vollkommen ausgeheilt sind, und überhört etwa auftauchende Bedenken, 
wenn nur reiche Mitgift winkt oder Vorteile sonstiger Art. Den meisten 
leuchtet es in keiner Weise ein, daß sie damit einen Raub schlimmster 
Art an der Volksgesundheit begehen, der vor dem Gesetz genau so schwer 
wiegen sollte wie grobe Eigentumsvergehen. Es ist zunächst Aufgabe des 
Staates, dafür zu sorgen, daß das Gewissen in dieser Hinsicht geschärft 
werde durch Androhung entehrender Strafen für jeden, der mit ungeheilten 
Geschlechtskrankheiten behaftet in die Ehe tritt. In hervorragender Weise 
erzieherisch würde weiter die Einführung des gesetzlichen Austausches von 
Gesundheitszeugnissen vor der Ehe wirken. Leider stellen sich dem noch 
große Schwierigkeiten im Bewußtsein des Volkes entgegen; eine allmähliche 
Überleitung zu dem angestrebten Zustande wird sich nicht umgehen lassen 
und könnte in bequemster Weise durch einen kleinen Umweg über die 
behördliche Ehevermittelung geschehen. Diese selbst hat schon ihre Vor# 
läufer gehabt und eine Reihe gewichtiger Stimmen ist für sie eingetreten. 

Löwenfeld befürwortet eine „ehrenamtliche Vermittelung in Ehe* 
angelegenheiten“ (Neue Generation, November 1913). 

Thewalt (Archiv für Rassen# und Gesellschaftsbiologie 1916) schlägt 
staatliche Nachweise für Ehebewerber vor. Die Benutzung dieser Ver* 
mittelung soll nach ihm an eine genaue ärztliche Untersuchung gebunden 
sein und an eine Prüfung der persönlichen Verhältnisse. 

Eine ähnliche Einrichtung schlägt Stigler vor (Wiener med. Wochen* 
Schrift 1918, Nr. 38). 

Kuhn berichtet in dieser Zeitschrift 1919, S. 152 über „Eheförderung 
und Rassenhygiene in den Kolonien“. Er weist auf die großen Erfolge 
hin, welche die Deutsche Kolonialgesellschaft und ihr Frauenbund auf dem 
Gebiete organisierter Eheanbahnung zu verzeichnen hatte. Es wurden durch 


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Uber geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


165 


sie 2251 meist weibliche Personen in die Kolonien befördert und damit 
eine wesentliche Zunahme deutscher Ehen erzielt. Die Organisation dieser 
Bestrebungen wird für alle Einrichtungen, die dem gleichen Zwecke dienen, 
vorbildlich sein müssen. Die Auswahl geeigneter Mädchen erfolgte durch 
Vertrauensleute beiderlei Geschlechts, die sich eingehend über die persön* 
liehen Verhältnisse der Bewerberinnen, ihre Veranlagung und ihren Gesund* 
heitszustand unterrichteten. Es wurde zudem auf eine gewisse Auswahl in 
rassenhygienischem Sinne Rücksicht genommen, wie sie für jede amtliche 
Ehevermittelung wünschenswert erscheint. 

Über die Tätigkeit der Magdeburger Kriegerwitwenberatungsstelle 
berichtet ebenfalls Kuhn in dieser Zeitschrift 1919, S. 221 in seiner Arbeit 
„Uber amtliche Ehevermittelung“. Die Magdeburger Stelle beschränkte ihre 
Tätigkeit allerdings nur auf einen kleinen Kreis von Personen und ließ sich 
in ihrer Vermittlertätigkeit hauptsächlich von materiellen Gesichtspunkten 
leiten. Immerhin ist sie als der erste Versuch in Deutschland, eine be* 
hördliche Eheanbahnung in die Wege zu leiten, beachtenswert. Bedauerlich 
ist, daß der Gesundheitszustand der Bewerber nicht durch, ärztliche Unter* 
suchung festgestellt, sondern dieser wichtige Punkt mit einer einfachen 
Frage als erledigt betrachtet wurde. 

Die Notwendigkeit amtlicher Ehevermittelung ist demnach von ver* 
schiedenen Seiten anerkannt, erfolgreiche Versuche, sie in die Praxis um* 
zusetzen, vorhanden. Während aber die bisherigen Bestrebungen nur einem 
kleinen Teile des Volksganzen zugute kamen, müssen alle zukünftigen 
Unternehmen auf großzügigere Basis gestellt werden. Der Ausbau oiner 
staatlichen Ehevermittelung, die ihre Tätigkeit über das ganze Reich und 
alle Volkskreise erstreckt, wird sich auf die Dauer nicht umgehen lassen. 
Die Verhältnisse in der privaten Vermittlertätigkeit sind derartige, daß sie 
geradezu als Gefahr für das Volk bezeichnet werden müssen und dringend 
baldiger Abhilfe bedürfen. Eine Besserung ist aber nur auf dem Wege 
der staatlichen Vermittelung zu erreichen. 

Die Organisation eines solchen Institutes müßte in Anlehnung an die 
Erfahrungen der erwähnten Vorläufer erfolgen. Kuhn gibt in seiner Arbeit 
„Über amtliche Ehevermittelung“ eingehende Vorschläge. Er fordert Be* 
rücksichtigung der gesundheitlichen und materiellen Verhältnisse der Be* 
Werber, wenn er auch eine sofortige obligatorische Einführung von Gesund* 
heitszeugnissen nicht für erforderlich hält. Das Hauptgewicht legt Kuhn 
auf die Einrichtung der „Vertrauenspersonen“, die sich ihm auch bei 
seiner kolonialen Vermittlertätigkeit sehr bewährt haben. Er versteht 
darunter Personen beiderlei Geschlechts, die durch ihren Beruf in enger 
persönlicher Fühlung mit weiten Volkskreisen stehen und ihr Vertrauen 
genießen. Diese sollen mit der Zentralstelle Hand in Hand arbeiten, ihr 
bei Einziehung von Auskünften behilflich sein und sich der Bewerber an 
Ort und Stelle annehmen. Sie wären auch zweifellos die geeignetsten 
Mittler rassenhygienischer Gedanken und könnten vorerst den freiwilligen 
Austausch von Gesundheitszeugnissen in jedem Falle nahelegcn. Durch 
die Vermittlertätigkeit angesehener Personen würde auch erreicht, daß das 
Mißtrauen des Volkes gegen Vermittelung überhaupt schwände und sich 
immer zahlreichere Bewerber jüngeren Alters fänden. Besonders wertvoll 
wäre auch die erzieherische Tätigkeit einer solchen Stelle, durch die die 


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166 


Fetscher, Über geschäftsmäßige und amtliche Ehevermittelung. 


Erkenntnis in immer weitere Kreise getragen würde, daß Gesundheit die 
wichtigste Voraussetzung jeder harmonischen Ehe ist. Ganz von selbst 
ergäbe sich dabei allmählich der Brauch, Gesundheitszeugnisse auszutauschen, 
und mit der Zeit die gesetzliche Verpflichtung dazu. Mit dem Umfang 
der Tätigkeit einer staatlichen Vermittelung würde die Häufigkeit der 
Frühehen steigen, in ihrem Gefolge die Geburtenhäufigkeit, während die 
Geschlechtskrankheiten abnähmen. Bei allen Bestrebungen zur Hebung 
der Geburtenzahl wird daher der staatlichen Ehevermittelung ein bevorzugter 
Platz eingeräumt werden müssen, denn sie ist das wirksamste Mittel mit 
den bestehenden Gefahren des Geburtenrückganges und der erschreckenden 
Zunahme der Geschlechtskrankheiten aufzuräumen, da nur sie Hand an 
die Ursachen dieser Schäden zu legen vermag, die in erster Linie in der 
Spätehe, besonders der höheren Stände, zu suchen sind. 

Mit der Ausbreitung der staatlichen Vermittlertätigkeit würde ganz 
von selbst die private eingeschränkt werden und später unschwer gänzlich 
zu beseitigen sein. Zu fordern wäre indes, daß schon jetzt wenigstens 
keinerlei neue Konzessionen erteilt würden. Durch Übernahme einer Heirate 
zeitung als erste Grundlage für die staatliche Vermittelung ließe sich viel* 
leicht ebenfalls von vornherein die private etwas einschränken, wozu noch 
der Vorteil käme, sich damit auf eine vorhandene Organisation stützen zu 
können. Wie aber auch die Einzelheiten der Durchführung sein mögen, 
das wichtigste ist und bleibt, daß sie baldigst in Angriff genommen werden. 


Bemerkungen zu dem Aufsatz von F. Winkler: 

„Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg“'). 

Von Dr. Felix Burkhardt in Dresden. 

Der Aufsatz von F. Winkler stellt in seinem ersten Teile einen sehr 
beachtenswerten Beitrag zur Methodik der Sterblichkeitsmessung im Säuglings* 
alter dar. Die gewöhnliche Berechnungsweise der Säuglingssterblichkeit, 
bei der die im Kalenderjahre im ersten Lebensjahre Gestorbenen auf die 
Lebendgeborenen desselben Kalenderjahres bezogen werden, versagt für 
Zeiten mit rasch fallenden oder steigenden Geburtenzahlen, da die gewöhn* 
liehe Berechnungsweise auf die Geburtenschwankungen keinen Bezug nimmt. 
Die von Rahts 2 ) und Knöpfei 3 ) vorgeschlagenen schärferen Methoden, 
bei denen die Gesamtheit der im Kalenderjahre gestorbenen Säuglinge nach 
den beiden Geburtsjahrklassen ausgegliedert wird und jeder Teil an der 
entsprechenden Geburtenmasse gemessen wird (beim abgeänderten Knöpfei* 
sehen Verfahren wird der Teil aus dem Vorjahre auf die das Vorjahr 
Überlebenden bezogen), ziehen die Geburtenschwankungen jahresweise in 
Rechnung, was jedoch für die ersten Kriegs* und Nachkriegsjahre, wie 
F. Winkler betont, noch nicht genügt. Winkler schlägt darum eine 
neue Berechnungsart vor, bei der er von den monatlichen Geburtenzahlen 

V) Diese Zeitschrift 1921, Heft 5, S. 145. 

2 ) Deutsches Statistisches Zentralhlatt 1 ( M6, S. 1S5. 

:i ) Ebenda 1917, S. 217 und 1920, S. 59. 


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Felix Butkhardt, Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg. 167 

des Berichts* und des Vorjahres ausgeht, und daraus eine Bezugsmasse so 
konstruiert, daß er jede monatliche Geburtenzahl mit demjenigen Bruch* 
teil ansetzt, der, aufs Kalenderjahr bezogen, die Zeit bezeichnet, die die 
betreffende monatliche Geburtenmasse im Berichtsjahre dem Sterben im 
ersten Lebensjahre ausgesetzt ist. An dieser fiktiven Geburtenmasse werden 
die Säuglingssterbefälle des Berichtsjahres gemessen. 

Dieser Berechnungsweise liegt die Vorstellung zugrunde, daß von den 
im ersten Lebensjahre Absterbenden ein der Zeit, die vom ersten Lebens* 
jahre ins Berichtsjahr fällt, entsprechender Teil im Berichtsjahre abstirbt. 

Dieses Berechnungsverfahren von F. Winkler hat den großen Vorzug, 
daß es ohne Auszählung der Gestorbenen nach Geburtsmonaten die Ge* 
burtenzahlen monatweise in Rechnung zieht. Da jedoch bei der Bestim* 
mung der Bruchteile, mit denen die monatlichen Geburtenzahlen in die 
Rechnung eingeführt werden, nur auf den ins Berichtsjahr fallenden Zeit* 
teil vom ersten Lebensjahre und nicht auch auf die Absterbeverhältnisse 
im Säuglingsalter Bezug genommen wird, so bedarf die Winklersche 
Methode noch einer kleinen formalen Abänderung. Es ist ein Unterschied, 
ob die Lebendgeborenen vom Januar des Vorjahres oder die vom Dezember 
des Berichtsjahres durchschnittlich l / 24 Jahr im Berichtsjahre dem Sterben 
im ersten Lebensjahre ausgesetzt sind; denn in den ersten Lebensmonaten 
ist das Kind weit mehr gefährdet als in den letzten Monaten des ersten 
Lebensjahres. Infolge der Nichtberücksichtigung der Absterbeverhältnisse 
im ersten Lebensjahre stellen sich die Winklersehen Sterbeziffern für 
Zeiten mit abnehmender Geburtenhäufigkeit etwas zu niedrig und für Zeiten 
mit zunehmender Geburtenhäufigkeit etwas zu hoch (bei der gewöhnlichen 
Berechnungsweise ist es umgekehrt); denn im ersten Falle werden die 
größeren Geburtenzahlen im Vorjahre zu stark und im zweiten Falle die 
größeren Geburtenzahlen im Berichtsjahre zu schwach bewertet. 

Unter Berücksichtigung der Absterbeverhältnisse im Säuglingsalter und 
der Zeit, die vom ersten Lebensjahre ins Berichtsjahr fällt, ergeben sich 
nach den sächsischen Zahlen vom Jahre 1912 und 1913 als Bruchteile, mit 
denen die monatlichen Geburtenzahlen des Vorjahres bei der Konstruktion 
der Bezugsmasse anzusetzen sind, die folgenden Werte: 0,011, 0,035, 0,064, 
0,098, 0,138, 0,186, 0,242, 0,312, 0,401, 0,509, 0,625, 0,842. Die ent* 
sprechenden Bruchteile für die monatlichen Geburtenzahlen des Berichts* 
jahres ergänzen die vorstehenden Werte zu 1,000. Setzt man diese 24 Werte 
an die Stelle der Bruchteile 7 24 , 3 / 24 , ..., so erhält man Sterbeziffern, die 
von den nach der Böckhsehen Methode 1 ) berechneten, welche entschieden 
als die schärfste Methode zu bezeichnen ist, nur wenig abweichen. 


Jahr 

a ! 

b 

c I 

d 

e 

1915 

14,26 

13,16 

14,20 

14,59 

13,23 

1916 

12,66 

11,79 

12,69 

12,27 

12,64 

1919 

12,72 

14,32 

12,77 

11,91 

12,3s 

1920 

11,36 

11,67 

11,33 

12,28 

12,3‘> 

Böckh. 

b = F. W 

i n k 1 e r. 

c = F. W i n 

kler (abgeiinde 

d 

= Rahts. 

c = Kneip fei (abgc 

a ndert). 



l ) Bewegung der Bevölkerung der Stadt Berlin 1869 bis 1878, S. 47. 


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168 Felix Burkhardt, Säuglingssterblichkeit in Charlottenburg. 

Für Sachsen *) ergeben sich nach den verschiedenen Methoden der 
Säuglingssterblichkeitsmessung die vorstehenden Sterbeziffern. 

Es zeigt sich, daß die Berechnungsmethode von F. Winkler für 1915 
und 1916 etwas zu niedrige und für 1919 und 1920 etwas zu hohe Werte 
liefert. Die Ergebnisse nach dem abgeänderten Verfahren stimmen gut 
mit den Ziffern nach Böckh überein. 

Anschließend sei noch bemerkt, daß in dem Aufsatz von F. Winkler 
als Böckhsche Methode dasjenige Verfahren bezeichnet wird, das Böckh 
zur Ermittlung der Sterblichkeit vom dritten Altersjahre ab anwendet. 
Für das erste Altersjahr führt Böckh dieses Verfahren für jeden einzelnen 
Altersmonat durch. 


Chronik der Gesundheitspflege. 

Schulhygiene. 

Von Stadtschuloberarzt Dr. Rudolph Bändel in Nürnberg. 

Auf dem Gebiete der Hygiene des Unterrichts tritt Kühnhagen 
(Berlin) neuerdings für vereinfachte Rechtschreibung ein. Auf die Erlernung 
unserer veralteten, widerspruchsvollen Rechtschreibung geht V 12 der gesamten 
Schulzeit (Zeitschrift für Schulgesundheitspflege). 

Auf dem Gebiete der Erziehung zur Hygiene verlangt Päetsch 
(Bielefeld) einen von Lehrern erteilten Tuberkuloseunterricht in den Schulen. 
Die erforderliche Vorbereitung der Lehrer geschieht durch erfahrene Ärzte 
in fünf Vorträgen: 1. Bakteriologie und pathologische Anatomie, 2. ver* 
schiedene Krankheitsverlaufsformen, 3. Behandlung der Tuberkulose, 4. Aus* 
breitung und Organisation ihrer Bekämpfung, 5. Film des deutschen Zentral* 
komitees. 

Klassenaufsätze der Schüler geben die Probe für den Unterrichtserfolg. 
Solcher Unterricht findet statt in Dresden, Stettin und anderen Städten 
(Zeitschrift für Schulgesundheitspflege). 

Den größten Raum auf dem Gebiete der Erziehung zur Hygiene nimmt 
seit längerem die Frage der Leibesübungen ein. Im ganzen hat man den 
Eindruck, daß von den gestellten höheren Anforderungen in der Schule 
noch nicht allzuviel Praxis geworden ist. 

Vom 1. bis 4. Juli 1921 tagte in Mannheim der 16. Deutsche Kongreß 
für Volks* und Jugendspiele. Es sprachen Oberrealschuldirektor Dr. Neuen* 
dorf (Mülheim a. Rh.): Gesundung des deutschen Volkes durch 
Leibesübungen. Die Spielnachmittage müssen entweder in die Pflicht* 
stunden der Lehrer eingerechnet oder es muß eine besondere Vergütung 
bereitgcstellt werden. Ebenso sind Mittel für das Wandern erforderlich. 
Tägliche Turnstunde! Das Turnen ist als Fach den wissenschaftlichen 
Fächern gleichzuwerten. 

Wohlfahrtsamtdirektor Strohmeyer (Pinneberg): „Wie gewinnen wir 
das Land für die Pflege der Leibesübungen.“ Geeignete Ausbildung der 

*) Zeitschrift des Sachs. Statist. Landesamtes 1 () 20 21, S. 17. 


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Rudolph Bändel, Chronik der Gesundheitspflege. 


169 


Lehrer, Anpassung der Leibesübungen an die ländlichen Verhältnisse. 
Bestellung eines hauptamtlichen Kreispflegers für Leibesübungen auf dem 
Lande. Ausnutzung der Volksfeste für die Leibesübungen. 

Frl. Dr. A. Profe (Charlottenburg): „Leibesübungen der Mädchen und 
Frauen.“ Die noch bestehende Zurückhaltung in der Ausgestaltung der 
Leibesübungen der Frauen ist zu überwinden. Wanderungen sind für die 
Mädchen ebenso nötig wie für die Knaben. 

Dr. Glisow (Mainkur bei Frankfurt a. M.): „Kulturelle Bedeutung 
des Schwimmens.“ Der deutsche Schwimmverband sieht in seinem Sport 
eine bewußte Einseitigkeit. Der Wille ist es, der den Sport zur Leibes* 
Übung adelt. Das Rettungsschwimmen stellt diesen Sport in den Dienst 
der Nächstenliebe. Der Schwimmunterricht muß physikalisch aufgebaut 
werden, der Erfolg mit Zeit* und Längenmaß gemessen werden. Die Be* 
wertung der Mannschaftskämpfe muß höher sein als die der Einzelleistungen. 

Aus Mannheim wird berichtet, daß dort zuerst unter den deutschen 
Städten der Schwimmunterricht in den Lehrplan der Schulen auf* 
genommen sei. 

Worringen, Stadt* und Sportarzt in Dortmund, schreibt über Ein* 
richtungen und sporthygienische Untersuchungs* und Beratungs* 
stellen und ihre Aufgaben: Sportärztliche Untersuchung vor Beginn 
des eigentlichen technischen Trainings ist unerläßlich. Der Fußballehrer 
Knesebeck verlangt als Übungsleiter am besten einen Arzt. Bei der 
Untersuchung sind nicht nur einige wichtige Körpermaße zu nehmen, 
sondern die Funktionsfähigkeit des jugendlichen Organismus zu messen. 
Turnunterrichtsenthebungszeugnisse müssen Angaben enthalten, welche 
andere Leibesübungen an die Stelle der ausfallenden Turnübungen treten 
sollen. Der Sportarzt muß mit einem Röntgenapparat ausgestattet sein. 
Er soll die sporthygienische Untersuchungs* und Beratungsstelle verwalten. 
Die praktischen Ärzte nehmen ihren Maßstab zu sehr aus den Krankheits* 
beobachtungen und den daraus geschöpften Erfahrungen. Demgegenüber 
wird an einen Ausspruch Du Bois*Reymonds erinnert: In Deutschland 
warnen die Ärzte aufs ängstlichste vor Sportübertreibungen; in England 
mit seinem viel verbreiteteren Sport seien Gesundheitsstörungen durch 
sportliche Übertreibungen durchaus nicht häufig, sowie an einen Ausspruch 
von Mallwitz: Die Zahl der gesundheitlichen Schaden Leidenden, weil sie 
Leibesübungen nicht oder ungenügend treiben, ist unermeßlich viel größer 
als die, die durch Übermaß der Leibesübungen ihre Gesundheit schädigen. 

Als Aufgaben des Sportarztes werden schließlich bezeichnet: Beratung 
und Erledigung aller medizinischen Fragen des Jugendamtes. Ärztliche 
Untersuchung und Beaufsichtigung bei der gesetzlich zu regelnden Turn* 
oder Sportpflicht der Jugend und Untersuchung und Beratung aller Sports* 
leute, die sich trainieren. Befreiung der Kinder vom Turnunterricht. 
Fürsorge für Sportverletzte. Eignungsprüfung für bestimmte sportliche 
Leistungen (Methoden der Leistungssteigerung). 

In einer Arbeit, welche die Kriegsfolgen an der körperlichen Verfassung 
der fortbildungsschulpflichtigen Jugend bespricht, fordert Kaup (München) 
erhöhte Pflege der Leibesübungen: wöchentlich drei Turnstunden, ein schul* 
und aufgabenfreier Halbtag zu Leibesübungen in frischer Luft für Volks* 
schulen und höhere Lehranstalten, eine Turnstunde wöchentlich und ein 


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170 


Rudolph Bändel, 


arbeitsfreier Halbtag für Leibesübungen in frischer Luft für Fortbildungs? 
und Fachschulen (Münchener med. Wochenschrift). 

Jessner (Königsberg), der selbst einen Lehrauftrag an der Albertina 
in Königsberg für Sexuallehre erhalten hat, fordert in einem Artikel, „Aus 
dem Gebiet der Sexuallehre“ (Zeitschrift für Schulgesundheitspflege), daß 
alle Erziehungs? und Unterrichtsorgane sich mit Sexualpädagogik befaßten, 
angefangen im Elternhause und endend in der Hochschule. 

Von den Krankheitszuständen der Schuljugend befassen zwei 
Arbeiten, Johanna Kräuter, Schulärztin an den städtischen Mädchen? 
mittelschulen und Fürst an den Fortbildungsschulen, beide in München, sich 
mit der Kropfhäufigkeit ihres Beobachtungsbereiches. Kropf ist ent? 
schieden häufiger geworden. Kräuter zählte 1913 32,4 Proz., 1920 41,5 Proz. 
männliche kropfbefallene Jugendliche. Die 16? und 17 jährigen sind nur halb 
so häufig betroffen als die 13? und 14jährigen. Ein amerikanisches, in der 
Schweiz von Klinger in Zürich bereits nachgeahmtes Vorgehen, Jodo? 
Stearintabletten monatelang an ganze Schulklassen (kropfbefallene und 
kropffreie Kinder) zu verabreichen, wird zur Beachtung empfohlen. 

Carrie, Lehrer an der Sonderschule für Sprachkranke in Hamburg, 
tritt in der Zeitschrift für Kinderforschung wieder für sein seit 10 Jahren 
verfochtenes und in Hamburg bereits durchgeführtes Werk ein: nicht 
Stotterheilkurse mit ihren ungenügenden und vorübergehenden Heilerfolgen, 
sondern Sonderschulen für Sprachkranke! 

Über die Ursachen des Sitzenbleibens bei Schulkindern ver* 
handelte der Berliner Verein für Schulgesundheitspflege am 1. Februar 1921. 
Der ärztliche Referent, Dr. Harms, führte eine Aufstellung von Rektor 
Haase an, derzufolge in einem Drittel der Fälle „äußere“ Ursachen für 
das Sitzenbleiben (Schulwechsel, häusliche Verhältnisse, Erwerbstätigkeit), 
in zwei Dritteln die in den seelischen Anlagen des Kindes gelegenen 
Hemmungen anzuschuldigen gewesen seien, während Referent selbst nach 
eigenen Untersuchungen die „äußeren“ Ursachen nur zu 12,5 Proz., die 
„inneren“ dagegen zu 87,5 Proz. beteiligt fand. Harms führt diesen 
Unterschied auf den Mangel der notwendigen medizinischen Vorbildung 
bei Beurteilung der obwaltenden Umstände seitens des Schulmannes zurück. 

Dieser Statistik gegenüber wurde in der Aussprache das Fehlen eines 
Vergleichs mit Nichtsitzenbleibern hervorgehoben. Ferner wurde der Vor? 
schlag gemacht, das Sitzenbleiben sollte auf bestimmte Fächer beschränkt 
werden (z. B. Sitzenbleiben im Französischen, aber Auf rücken in Mathematik). 

Die Erhebungen der Folgen des Krieges und der Hungerblockade 
an der Jugend nehmen noch immer das verdiente Interesse der allgemeinen 
und wissenschaftlichen Öffentlichkeit in Anspruch. Der auf diesem Gebiete 
schon mehrfach mit Mitteilungen hervorgetretene, früher in Straßburg, jetzt 
in Frankfurt tätige Arzt Prof. Dr. Schlesinger berichtet neuerdings 
(Münchener med. Wochenschrift): Die im zweiten und dritten Kriegsjahre 
einsetzende und weiterhin fortschreitende Hemmung im Längen? und Massen? 
Wachstum ist nach einem Tiefstand in den Jahren 1919/20 zum Stillstand 
gekommen. Teilweise hat Einholen des Rückstandes, zum mindesten hin? 
sichtlich des Längenwachstums, eingesetzt. Somit erscheinen die Aussichten 
auf einen Fortschritt der Erholung unserer Jugend oder der in und nach 
dem Kriege erlittenen Schäden und Hemmungen nicht ungünstig. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


171 


An den Mittelschulen stehen die Resultate hinter denen der Volks» 
schulen zurück. Auch kann zunächst nur von einer Besserung der Ver* 
hältnisse des Wachstums, der Entwicklung, noch nicht aber von einer 
Hebung des Ernährungszustandes der Kinder gesprochen werden. 

An männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren hat Kaup 
in München eingehende Untersuchungen im Herbst 1920 veranstaltet, denen 
sehr brauchbare Vergleichsuntersuchungen der Vorkriegszeit gegenüber» 
standen. Als Kriegs* und Blockadefolge ergibt sich eine Verminderung der 
Körperlänge um 1 bis 2 Proz., des Körpergewichts um 3 bis 5 Proz. Dabei 
ist zu beachten, daß in München die Verhältnisse sicher günstiger lagen 
als in Berlin, Hamburg, sächsischen Städten und anderen Bezirken (Münchener 
med. Wochenschrift). 

Nach einer amtlichen Umfrage des Reichsgesundheitsamtes wird der 
Gesundheitszustand der deutschen Kinder wie folgt beurteilt. Die Zahl 
der Sterbefälle in neun deutschen Großstädten betrug bei Kindern: 



tj 

Insgesamt 

An Tuberkulose 

! An Magen*Darmkatarrh 

1 und Brechdurchfall 


5—10 J. 

10—15 J. 

5-10 J. 

10—15 J. 

1 5-10 J. I 

10—15 J. 

1913 

1734 

884 

372 

246 

32 ! 

3 

1916 

2196 

1185 

422 

264 

53 1 

7 

1919 

i 1828 

1214 | 

i 53 5 

541 

! 38 | 

13 


Unterernährung und Blutarmut im schulpflichtigen Alter haben sich 
gefährlich verschlimmert. In einigen Industriegegenden ist beinahe die 
Hälfte aller Kinder, in einzelnen deutschen Großstädten etwa 70 Proz. der 
gesamten Schuljugend stark unterernährt. 

Die körperliche Beschaffenheit der Schulanfänger hat sich verschlechtert. 
In einer deutschen Großstadt mußten 1920 in einer Schule von 120 zur 
Schule angemeldeten Kindern nicht weniger als 25 als schulunfähig be» 
zeichnet werden. Unter den aufgenommenen Kindern befanden sich ver* 
schiedene siebenjährige, die körperlich wie vierjährige aussahen. 

Die Längenmaße sind in fast allen Altersklassen kleiner als den Normal» 
längen entspricht (Differenz von 2 bis 3 cm gegenüber 1913/14). Ebenso 
die Körpergewichte (in einzelnen deutschen Großstädten Differenzen bis 
2,5 kg), besonders ßelen die Kinder höherer Schulen auf. 

Auch Zunahme der Ermüdbarkeit und der Geistesschwäche ist bemerkbar. 
Die Kindertuberkulose hat an Umfang und Schwere der Krankheits* 
erscheinungen außerordentlich zugenommen (40 Proz. positive Tuberkulin* 
impfungen im Alter von 6 bis 15 Jahren in einzelnen deutschen Großstädten). 
Skrofulöse (Tuberkulose der Drüsen) findet sich in einigen deutschen Groß* 
Städten bei etwa 1 / 1 bis x / 6 aller Schulkinder. Die Behandlung der Kinder* 
erkrankungen wird durch den anhaltenden Mangel an Fleisch, Butter und 
Milch in ungewöhnlichem Maße beeinträchtigt. Rachitis und Barlowsche 
Krankheit sind weit verbreitet, erstere reicht bis ins 16. Lebensjahr hinein. 

Bogusat, Mitglied des Reichsgesundheitsamtes, Die Gesundheits* 
Verhältnisse der jüngeren und ältesten Jahrgänge des deutschen Volkes bei 
der gegenwärtigen Ernährungslage (Münchener mcd. Wochenschrift vom 
10. März 1922), gibt neuerdings folgendes Bild: Schwerer als bei den Klein* 


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Rudolph Bändel, 


kindern treten die körperlichen und seelischen Folgeerscheinungen der all* 
gemeinen Not der letzten Jahre bei den Schulkindern in die Erscheinung, 
wenn auch bei diesen im großen und ganzen eine gewisse Besserung gegen 
das Vorjahr nicht zu verkennen ist. Hauptsächlich ist noch immer der 
Nachwuchs des sogenannten Mittelstandes, dessen Bedrängnis viel zu wenig 
bekannt ist, in Mitleidenschaft gezogen. So wurden in Lübeck von den 
Mittelschülern 79,49, von den Volksschülern 62,1 Proz., in Bitterfeld von 
den höheren Schulen 70 Proz., von den Volksschulen 55 Proz. der Kinder 
deutlich unterernährt befunden. Vor allem sind die jüngsten Schuljahrgänge, 
die in den ersten Entwicklungsjahren Nahrungsmangel litten, betroffen, die 
Knaben stärker als die Mädchen. 

Von besonderen Krankheitsformen macht besonders die Drüsen? 
tuberkulöse von sich reden. Stellenweise seien bis zu 50 Proz. der Kinder 
skrofulös. Die sehr oft festgestellten hohen Grade von Blutarmut beruhen 
in vielen Fällen vermutlich auf tiefer liegenden Stoffwechselstörungen. 
Auch die Rachitis wird bei den Schulanfängern häußger und in schwereren 
Formen beobachtet als früher, desgleichen findet sich verspäteter Zahn? 
Wechsel häufiger. 

Die geistigen Fähigkeiten der Kinder (Aufmerksamkeit, Konzentrations? 
fähigkeit) haben merklich gelitten. 

Die Hauptschuld an dem bedauerlichen Gesundheitszustände ist wohl 
der Milchnot zuzuschreiben, wie ernährungsphysiologisch unter Hinweis auf 
die neueren Vitaminforschungen des näheren ausgeführt wird. Daneben wirkt 
der Mangel an Fleisch und Eiern besonders bei älteren Kindern nachteilig. 

Uber die Leistungen, die zur Linderung dieser Notzustände gemacht 
wurden, schreibt der gleiche Verfasser: Das Reich brachte große Opfer, 
um Abhilfe zu schaffen: 3 Mill. Mark zur Förderung der auf sittliche und 
gesundheitliche Hebung des Volkes gerichteten Bestrebungen, 400 Mill. Mark 
stehen im Reichshaushalt zur Besserung der Milchversorgung, besonders in 
notleidenden Gemeinden, außerdem erhebliche Zuschüsse für Fahrtkosten 
erholungsbedürftiger Kinder auf dem Lande, Unterstützung des Jugend? 
wanderns, Unterbringung von Stadtkindern auf dem Lande. Der Verein 
„Landaufenthalt für Stadtkinder“ hat bis 1920 76 981 Kinder in Preußen, 
130 999 im übrigen Reich, 36 083 im Auslande untergebracht. Durch die 
Hilfsmission der Quäkergesellschaft in Amerika wurden Mitte 1920 an etwa 
800 Orten täglich ungefähr 725 000 Kinder, sowie auch werdende und 
stillende Mütter gespeist. Auf dem Höhepunkt der Hilfsunternehmung im 
Juni 1921 wurden 1 Mill. Eßportionen an 1640 Orten abgegeben. Das Reich 
leistet hierzu einen Beitrag von 50 Mill. Mark. Im laufenden Etatjahr 
hat das Reich 100 Mill. Mark zur Ernährungsfürsorge für unterernährte 
Kinder ausgeworfen. 

Die der Quäkergesellschaft erwachsenen Kosten gibt Betke (Berlin), 
„Lehren der Quäkerspeisung“ (Zeitschrift für Gesundheitspflege) mit 3 Mill. 
Dollar vom Februar bis 1. September 1920 und mit 7 Mill. Dollar vom 
1. September 1920 bis 1. Juli 1921 an. In dem hier zitierten Aufsatz wird 
die Aufstellung einer neuen Wachstumstabelle verlangt, da die Pirquet? 
Ca m er er? Tafeln von 1913 und auch die von Rietz nicht mehr maßgebend 
sein können. Auch die Verschiedenheiten bei andersartigen sozialen 
Schichtungen sind ätiologisch noch nicht klargestellt. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


173 


Eine Untersuchung von 1367 Kindern in Pankow stellt fest, daß die 
körperlich minderwertigen sich auf alle sozialen Schichten verteilen, die 
geistig minderwertigen in der Mehrzahl dem sozial schlechter gestellten 
Milieu entstammten. Die Verfügung der Quäker, für die Teilnahme der 
Speisung lediglich den körperlichen Zustand Maß geben zu lassen, erscheint 
danach sehr gerechtfertigt. 

Czerny berichtete in der Sitzung des Berliner Vereins für Schuh 
gesundheitspflege vom 1. Februar 1921, daß die Darlegungen der deutschen 
Delegierten, zu denen er selbst gehörte, es in Paris vermocht hätten, von 
der Forderung der Ablieferung von 800 000 Milchkühen an die Entente abzu» 
stehen. Man begnügte sich mit der Ablieferung von weiblichen Kälbern. 

Die Frage der zweckmäßigsten Erholungsfürsorge für Schulkinder wird 
viel erörtert. Zusammenfassend berichtet über die verschiedenen Erholungs» 
gelegenheiten Hoffa in den Veröffentlichungen aus dem Gebiete der 
Medizinalverwaltung XIV, 9. Die örtlichen (d. h. von den Gemeinden in 
allgemeinen Badeanstalten oder Schulen) eingerichteten Solbäder werden 
als entbehrlich bezeichnet. 

Die Truppenübungsplätze Hammelburg und Lettgenbrunnen bei Bad 
Orb sind zu Kindererholungsplätzen umgewandelt. An letzterem Platze 
kommen gleichzeitig 6000 Kinder unter. 

Über „Neue Wege der Erholungsfürsorge“ schreibt Fischer*Defoy 
(Frankfurt a. M.): Die Auswahl der Kinder für Erholungsmaßnahmen ist 
auch für den Arzt nicht leicht. Präzise Untersuchungsmaßnahmen, die 
eine Bestimmung des Grades der Erholungsbedürftigkeit gestatteten, gibt 
es nicht. Neuerdings ist man stellenweise dazu übergegangen, ganze Klassen 
in Begleitung des Lehrers fortzuschicken. Der Arzt war bei der vorgängigen 
Auslese hierbei nur negativ tätig, d. h. er sonderte diejenigen Kinder ab, 
die wegen größerer Schonungsbedürftigkeit ein Hindernis für die anderen 
bilden würden, für welche anderweitig gesorgt wird. Es handelte sich um 
höhere Schulen, wobei die Eltern so finanzkräftig waren, daß ganze Land» 
heime gemietet werden konnten. 

Frankfurt hat ähnliche Wege auch für die Volksschulen beschritten 
und sämtliche vor der Schulentlassung stehenden 13» und 14jährigen Kinder 
öffentlicher Anstalten, soweit sie nicht krank waren, im ganzen etwa 
6000 auf 4 Wochen in den Spessart (Truppenübungsplatz Wegscheide bei 
Bad Orb) geschickt. 

Derartige Maßnahmen scheinen um so mehr berechtigt, als z. B. nach 
Mitteilung des Sächsischen Arbeitsministeriums in Chemnitz von 3000 Schul» 
entlassenen 600 körperlich nicht imstande gewesen seien, eine Lehrstelle 
anzutreten. Dort wurde eine ehemalige Unteroffizierschule zu einem Heim 
eingerichtet, in dem den Berufsschwachen mehrmonatige Kräftigung ermög» 
licht wurde, eine Maßnahme, die dem Ausbau des Frankfurter Verfahrens 
vielleicht vorzuziehen wäre. 

Nächst der Frage der Leibesübungen und der Erholungsfürsorge ist 
die der Berufsvorbereitung und Berufsberatung zurzeit das aktuelle 
Thema. Einen Lehrgang über Berufsberatung veranstaltete Ende Juni 1921 
das städtische Berufsamt Frankfurt a. M. (sechstägiger Kursus mit 400 bis 
500 Teilnehmern). Uber die hygienischen Grundlagen der Berufsberatung 
sprach Stadtarzt Dr. Fi scher» De foy. 


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174 


Rudolph Bändel, 


Über das gleiche Thema schreibt Carl Cörper (Düsseldorf, Land), 
Beitrag zur Berufsberatung an Volksschulen (Zeitschrift für Schulgesundheits* 
pflege): Die Eltern sind häufig nicht unterrichtet über die körperliche 
Konstitution der Schulentlassenen. Die Mütter, egoistisch, wollen die 
Mädchen zur Arbeit für sich haben. Andere Eltern wollen mit ihren 
Kindern zu hoch hinaus. Einflüsse der Mode, der Kameraden, Verwandten, 
Familienüberlieferungen bestimmen oft die Berufswahl. Hier können und 
sollen ärztliche und technische Berufsberater korrigierend sachverständigen 
Gegeneinfluß ausüben. 

Knaben wollen oft Hilfsarbeiter werden, um rasch zu verdienen, Geld» 
verdienst ist der einzige Zukunftswunsch. Lernunlust und Familien* 
Verhältnisse treiben auf diese Bahn. 

Den Mädchen gilt Fabrikarbeit oft als ungesund, ebenso der Beruf 
der Verkäuferin oder Kontoristin. Näherin dagegen wird als Vorbereitung 
für den Hausberuf angesehen. 

Rein gesundheitlich betrachtet, ist ein dem Beruf der Hausangestellten 
verwandter Beruf das Zweckmäßigste. Die Mädchen sollten Pflichtenstrenge 
unter der Leitung einer fremden Hand kennen lernen. Eine nicht frauliche 
Berufsbetätigung gefährdet oft die spätere Ehegesundheit. 

Am 1. bis 4. Oktober 1921 tagte die 20. Hauptversammlung des 
Deutschen Fröbelverbandes in Düsseldorf. Es sprach Dr. Anna Siemsen 
(Düsseldorf) über Vorbereitung auf die Mutterpflichten in der Pflicht* 
fortbildungsschule. Durch den Eintritt des Mädchens ins Erwerbsleben 
und den weitgehenden Zerfall der Familie in der Großstadt ist die prak* 
tische Vorbereitung auf den Mutterberuf bedroht oder unterbunden, in der 
theoretischen hat es auch sonst schon gefehlt. Hier soll die Fortbildungs* 
schule ergänzend eingreifen. Damit sie dazu fähig werde, muß jedoch 
a) der Volksschulunterricht auf ein ganzes oder halbes Jahr verlängert und 
durch hauswirtschaftlichen Unterricht bereichert werden; b) müssen Mütter* 
kurse für reifere Mädchen, angehende Hausfrauen und junge Mütter ein* 
gerichtet werden; c) junge Mädchen in alle Arten sozialer Einrichtungen 
(Krippen, Heime usw.) als Lehrlinge und Gehilfen aufgenommen werden; 
d) Fortbildungsschulen in geschlossene Siedlungen verlegt und mit den Für* 
sorgeschwestern (Bezirksfürsorgerinnen) verbunden werden; e) alle hauswirt* 
schaftlichen und sozialen Frauenschulen an die Fortbildungsschulen an* 
gegliedert werden und Ubergangskurse für Volks* und Fortbildungsschülerinnen 
geschaffen werden, so daß diese den Fabrikbetrieben und ihrer zerstörenden 
Wirkung entzogen und in soziale und hauswirtschaftliche Betriebe über*' 
führt werden (Zeitschrift für Säuglings* und Kleinkinderschutz 1922, XIV, 1). 

Überwiegend organisatorische Fragen behandelte die Tagung des Vereins 
für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf 
am 10. und 11. Juni 1921 in Düsseldorf. Ministerialdirektor Prof. Dr. Gott* 
stein (Berlin): Uber die Entwicklung der Schulkinderfürsorge und ihre 
Beziehungen zur Wohlfahrtspflege. Der Schulkinderfürsorge muß die Klein* 
kinderfürsorge vorhergehen. Der Schularzt muß mit der Tuberkulosen* 
fürsorgestelle und mit der Wohnungspflege eng zusammen arbeiten. Durch 
ein Meldeverfahren müssen alle Fäden in einer Zentralstelle zusammenlaufen. 

Med.»Rat Dr. Stephani (Mannheim): Der Arzt im Dienste der Schul* 
kinderwohlfahrtspflcge. Bestes Mittel, um die Fürsorgetätigkeit für kranke 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


175 


Schulkinder auszubauen, ist die unentgeltliche öffentliche Elternsprechstunde. 
In kleineren Orten raten amtliche, in Großstädten hauptamtliche Schulärzte. 

Frl. Dr. Marie Baum (Karlsruhe): Wohlfahrtspflegerin als Organ der 
Schulkinderfürsorge. Kleine Fürsorgebezirke! Die Schulkinderfürsorge muß 
Teil der Familienfürsorge sein. Das zersplitternde Spezialistentum muß 
überwunden werden. 

Prof. Dr. Ziehen (Frankfurt a. M.): Die erzieherischen Aufgaben der 
Schulkinderwohlfahrtspflege. Diese kann nur als Ersatz für das Elternhaus 
eintreten, nicht aber die Funktionen des Elternhauses vollständig über* 
nehmen, daher Anpassung an die Verhältnisse des Elternhauses. In den 
Elternbeiräten sollen neben den Eltern die Organe der Schulkinderfürsorge 
Sitz und Stimme haben. Die ErziehungswirJcung geht auf planmäßige Pflege 
des Gemeinschaftsbewußtseins, Anleitung zur Selbsttätigkeit mit Hilfe einer 
durch fachmännische Einsicht bestimmten Handhabung der Disziplin. Diese 
Erziehungsgrundsätze sollen auch ins Elternhaus getragen werden. 

Minister des Innern Dominicus (Berlin): Schulkinderfürsorge und 
Leibesübung. Leibesübungen sind als Hauptfach zu bewerten. Womöglich 
täglich einzurichtende Turnstunde, pflichtmäßiger Spielnachmittag ab zehnten 
Lebensjahr, Pflichtunterricht im Schwimmen, allmonatliche Tageswanderungen. 

Frl. Dr. Alice Salomon (Berlin): Sozialpädagogische Grundfragen der 
Schulkinderfürsorge und Jugendpflege. Erweiterung des Gemeinschaftsgefühls 
im Kinde (Schulkinderklubs nach englischem Muster)! Die Jugendpflege 
gipfle in Überleitung von Unterordnung in der Schule zur Selbständigkeit 
und zur eigenen Verantwortung. 

Prof. Kerschensteiner (München): Schule und Schulkinderfürsorge. 
Kann nicht die Schule selbst als ein Organ der Jugendwohlfahrtspflege aus* 
gestaltet werden? Die Schule werde als der gestaltende, geistig fördernde 
Faktor angesehen, das Jugendamt als die helfende sorgende Mutter. Diese 
soll als Jugendhilfe zur Linderung hygienischer und wirtschaftlicher Nöte 
dienen, Jugendfürsorge betreiben, wo Erziehungsmängeln zu steuern ist, den 
Aufgabenkreis des Gemeindewaisenrats und des Fürsorgeerziehungsamtes 
übernehmen. Die Schule muß aus einer Stätte individuellen Ehrgeizes eine 
solche der sozialen Hingabe werden. Gedächtniswesen trete zurück, soziales 
Gemeinschaftsgefühl voran. 

Frl. Anna v. Gierke (Charlottenburg): Tagesheime, Werkstätten und 
Lesestuben, ihre Aufgaben und Einrichtung. Sie sind als Ergänzung und 
leider oft nötiger Ersatz der fehlenden Familienerziehung anzusehen. Die 
Leiterin muß Fachvorbildung besitzen; Körperpflege muß mit an erster 
Stelle stehen. Die Kosten sollen grundsätzlich von den Eltern getragen 
werden. Unterstützung aus öffentlichen Mitteln wird aber nicht zu ent¬ 
behren sein. 

Dr. Kehr (Düsseldorf): Schulzahnpflege. Soll vorbeugende Behandlung 
gewähren und hygienisch erziehen. 

zur Nieden (Vohwinkel): Land? und Schulkinderfürsorge. In größeren 
Kreisen hauptamtliche Kommunalärzte, in anderen Kreisen nebenamtliche 
Fürsorgeärzte (Kreisarzt oder Privatarzt). Gründliche Vorbildung derselben 
für ihre besondere Arbeit ist nötig. Die Eltern sind zu den Untersuchungen 
beizuziehen. Die offene Schulkinderfürsorge falle der Wohlfahrtspflegerin, 
Kreisfürsorgerin zu. 


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Besprechungen. 

Max Hirsch. Das ärztliche Heiratszeugnis. Mit neun Abbildungen im Text. 

Leipzig, Kurt Kabitzsch, 1921. 

Die vorliegende Arbeit, eine der Monographien zur Frauenkunde und Eugenetik, 
Sexualbiologie und Vererbungslehre, bringt eine Reihe von Aufsätzen über das Heirats* 
Zeugnis. Nach einem kurzen Vorwort von C. Posner (Berlin) berichtet Westen* 
höfer (Berlin) über die Notwendigkeit von Heiratszeugnissen vom Standpunkte der 
Rassenhygiene. Czellitzer (Berlin) erläutert die Familienforschung als Grundlage 
für das Heiratszeugnis, insbesondere die Familientafel und die Sippschaftstafel. 
F. Leppmann (Berlin) lehnt das obligatorische Heiratszeugnis vom Standpunkte des 
Neurologen und Psychiaters ab. Er fürchtet, daß viele Leute dadurch vom Heiraten 
abgeschreckt werden, bei denen irgend ein Verdacht eines nervös * seelischen Aus* 
schließungsgrundes vorliegt. Jul. Heller (Charlottenburg * Berlin) vertritt den Stand* 
punkt der Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und lehnt das 
obligatorische Ehezeugnis über frühere Geschlechtskrankheiten als ein unzulängliches 
Mittel im Kampfe gegen die Volksseuche ab. Auch P. Strassmann (Berlin) vermag 
die zwangsweise Vorlegung eines Heiratszeugnisses seitens der Frau nicht zu befür* 
Worten. Dagegen empfiehlt er, daß der Staat die Einholung eines Gesundheits* 
Zeugnisses vor der Heirat jedem ans Herz legt. Er bespricht eingehend die geburts* 
hilflich*gynäkologischen Grundlagen für solche persönlichen Zeugnisse. Sonntag 
(Berlin) hält den Ehegesundheitsschein in der Theorie für wünschenswert, glaubt aber 
vom Standpunkt des Juristen, daß seine Zeit für Deutschland noch nicht gekommen 
ist. Max Hirsch (Berlin) hält von der Freiwilligkeit des Heiratszeugnisses nichts. 
Er bleibt bei der Forderung des zwangsweisen Heiratszeugnisses trotz der Einwände 
der meisten Berichterstatter des vorliegenden Heftes fest, indem er die mitgeteilten 
Einwände sorgfältig bespricht und zurückweist. Ph. Kuhn (Dresden). 


K. Breul. Uber Tuberkulose im Mittelstand nebst Vorschlägen zu einer 

Erweiterung der Bekämpfungsmaßnahmen. Leipzig, J. A. Barth, 1921. 
20 M. 

Die Arbeit ist entstanden auf Anregung von Prof. Hahn, Direktor des Freiburger 
Hygienischen Instituts, und bezweckt auf Grund von ausführlichen Lebensanamnesen 
die Gefahrpunkte zu ermitteln, von denen aus, und besonders auch gerade in der 
heutigen Zeit, der deutsche Mittelstand mit Tuberkulose bedroht ist; waren doch die 
meisten Untersuchungen über Tuberkulose in bestimmten Berufsarten bisher dem 
Arbeiterstande gewidmet. Die Erhebungen wurden vor dem Kriege bei einer Anzahl 
von Patienten der Deutschen Heilstätte in Davos angestellt, und zwar wurde an der 
Hand von sehr eingehenden Fragebogen auf alles das geachtet, was in irgend einer 
ursächlichen Beziehung zu der Erkrankung an Tuberkulose stehen konnte, wobei auf die 
Erzielung eines vielseitigen und gleichzeitig möglichst objektiven Bildes der Vorgeschichte 
des einzelnen Patienten Wert gelegt wurde. Das Schema eines derartigen Fragebogens 
ist beigefügt; letzterer enthält auch den Untersuchungsbefund und die in der Deutschen 
Heilstätte weitergeführte Krankengeschichte sowie eine Ubersichtstabelle. Die 
empfehlenswerten „Maßnahmen vor der Berufsergreifung und während der Berufs* 
ausübung“ sind am Schluß der Arbeit zusammengestellt, der außerdem noch Literatur* 
angaben und sechs Übersichten und eine Epikrise enthält. 

Von den untersuchten Berufen gehört keiner zu den im eigentlichen Sinne 
„gefährdeten Berufen“; dagegen werden als „relativ gefährdet“ bezeichnet und be* 
sprochen hauptsächlich der Beruf des Lehrers, Postbeamten und Krankenpflegers bzw. 
Krankenpflegerin, und im Anschluß daran erfahren die Tätigkeit und Stellung von 
Lehrer und Schularzt im Beruf und zueinander eine eingehendere Würdigung, der 
man nur zustimmen kann. Die vom Verf. hier gegebenen Anregungen und Forderungen 
können nur andeutungsweise wiedergegeben werden: Stellung des Schularztes im 
Schulganzen und vertiefte Erfassung schulärztlicher Aufgaben sind im wesentlichen 
eine Personenfrage: hauptamtliche Tätigkeit des Schularztes und enges Zusammen* 
arbeiten mit den Fürsorgestcllen ist erforderlich. Es soll ein persönlich nahes Ver¬ 
hältnis zwischen Lehrer und Schularzt bestehen; beide sollen außerhalb des Eltern* 
hauscs vom ersten bis zum letzten Tage der Schulzeit der Jugend zur Seite stehen. 
Ihre Beobachtungen sollen Abschluß finden in einer Berufsberatung; deshalb ist die 


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Besprechungen. 


177 


Kenntnis der „relativ gefährdeten Berufe“ des Mittelstandes von Wichtigkeit für den 
Arzt, der Berufsberatung erteilen soll. Der Schularzt soll vom ersten Schuljahr an 
seine Aufmerksamkeit auf das Entstehen von Dispositionen richten. Ein sehr wichtiges 
Mittel im Vorbeugungskampf gegen die Tuberkulose sind die geforderten halbjährlichen, 
unter Umständen vierteljährlichen periodischen schulärztlichen Zwangsuntersuchungen, 
die sich auch auf die Lehrer erstrecken sollen. Ferner sind wichtig: Führung eines 
gewissenhaften Gesundheitsbogens, der auch später im Beruf weitergeführt werden 
soll. Untersuchung aller Kinder der untersten Schulklasse nach Pirquet. Mindestens 
einmal im Jahre vorzunehmende zahnärztliche Untersuchungen mit anschließender 
Behandlung. Hygieneunterricht in der letzten Schulklasse: Belehrung über ansteckende 
Krankheiten, besonders Tuberkulose; Verteilung von Gesundheitsmerkblättern beim 
Abgang von der Schule, Wiederholung der Aufklärung und Belehrung und besonders 
der Zwangsuntersuchungen an den Fortbildungsschulen. Schulärztliche Beachtung auch 
des Konfirmandenunterrichts. Teilung großer Klassen und Mehranstellung von Lehrern, 
welch letztere Forderung übrigens gerade auch wieder in neuester Zeit von schulischer 
Seite erhoben wird. 

Diese durch ein Referat nur in Umrissen darstellbaren Ergebnisse der Unter* 
suchungen enthalten eine Fülle von Anregungen auch für den Staat, nach welchen 
Richtungen hin derselbe bei der Bekämpfung der Tuberkulose seine Aufmerksamkeit 
in höherem Maße als bisher zu lenken hat, und vor allem wertvolle Hinweise und 
Belehrungen für den Volksarzt. Fürbringer (Heilstätte Römhild). 


Grundriß der menschlichen Vererbungslehre und Rassenhygiene. Bd. 1: 

Bauer, Fischer und Lenz, Menschliche Erblichkeitslehre. 305 S. 

München, Lehmann, 1921. 50 M. 

Einen kurzen Abriß der allgemeinen Variations* und Erblichkeitslehre gibt Bauer. 
Dieser ist sehr klar und übersichtlich gehalten. Er berücksichtigt bereits auch die 
Lehre vom Faktorenaustausch. Die Darstellung von den Wirkungen der Panmixie 
könnte ohne jedes Tabellenwesen nach meinem nicht erwähnten Vorgang erfolgen. 
In dem kurzen Abschnitt über Inzucht erfahren wir, daß diese doch schädlich wirkt, 
und zwar nicht bloß durch Herausmendeln rezessiver Mißbildungen, sondern auch durch 
Schwächung der Fortpflanzungsfähigkeit. 

Der Abschnitt über die Klassenunterschiede des Menschen von Fischer ist leider 
zu kurz gehalten. Die Abschnitte über die krankhaften Erbanlagen und die Erblich* 
keit der geistigen Begabung hat Lenz behandelt. 

An ein kurzes Kapitel über den Begriff der Krankheit schließt sich eine Uber* 
sicht über die Vererbung bei den Krankheiten der einzelnen Organe an, von denen 
besonders das Kapitel über die Vererbung bei Augenleiden hervorzuheben ist. 
Bedauerlich ist, daß der beschränkte Raum ein vollständiges Eingehen auf kompli* 
ziertere Probleme nicht erlaubte. Die Methodologie der menschlichen Vcrerbungs* 
forschung ist kurz besprochen. Darunter auch die Bedeutung einer erhöhten Zahl von 
Verwandtenehen als Reagens auf rezessive Anlagen, auf die Bateson (1909) und 
Weinberg (1912) schon hinwiesen. Nicht ganz verständlich ist, warum Lenz den 
erhöhten Prozentsatz der Verwandtenehen bei Dementia praecox im Gegensatz zu 
einer früheren Arbeit nicht als Beweis für deren Rezessivität anerkennen will, ln 
dem Kapitel über die Neuentstehung krankhafter Erbanlagen wird insbesondere die 
Rolle des Alkohols besprochen. 

In dem Kapitel über die Erblichkeit der geistigen Begabung werden einzelne 
Stammbäume und die allgemeinen Ergebnisse Galtons angeführt. In dem Kapitel 
über die gewöhnlichen Unterschiede der Begabung werden die Ergebnisse Schularzt* 
licher und schulpsychologischer Untersuchungen angeführt, ihre Bedeutung für die 
Erkennung geschlechtsgebundenen Erbganges hervorgehoben. Daß die Brüder einander 
in höherem Grade ähnlich sind als Väter und Söhne, ist aber noch kein Beweis für 
Geschlechtsgebundenheit, wie Lenz meint, dies ist, soweit ein Dominierungsverhältnis 
besteht, auch bei geschlechtsneutralen Merkmalen nötig. Es kommt vielmehr auf das 
Maß des Unterschiedes unter Berücksichtigung der Häufigkeit des Merkmals an. 

Auf die Ergebnisse der Arbeit von Peters legt Lenz zu viel Wert. Dieser 
arbeitet gerade mit der schlechtesten Methode der Korrelationsbcrechnung und erhält 
dadurch zu hohe Korrelationswerte. Außerdem ist der Versuch, die Bedeutung von 
Vererbung und Außenfaktoren und der häuslichen Erziehung an Korrelationswerten 
abzumessen, grundsätzlich verfehlt, weil diese stark von I Iäutigkeitswcrten abhängen. 
Es folgt sodann ein Kapitel über Begabung und Psychopathie, in dem, ähnlich wie bei 
Grotjahn, auch die Bedeutung der Psychopathen als Vorkämpfer neuer Bewegungen 
besprochen wird. Das Schlußkapitel über Rasse und Begabung enthält neben einer 
Würdigung der nordischen Rasse auch einen Vergleich mit der jüdischen. Er betont 
Öffentliche Gesundheitspflege 1922. 12 


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178 


Besprechungen. 


ferner, daß die erblichen Rassenanlagen nicht die einzige Ursache großer Kultur* 
leistungen sind und erkennt auch die Vorzüge bestimmter Rassenmischungen an. 

Die Verf. geben kein vollständiges Literaturverzeichnis, verweisen aber auf 
Schriften, die solche enthalten. Trotzdem ist auffallend, daß Schriften genannt sind, 
die weiter nichts enthalten, wie die Dissertation von Dresel, während z. B. Correns 
nicht genannt ist. Es steht dies in einem etwas auffallenden Gegensatz zu der Nennung 
der Quellen aller Stammbäume. Arbeiten, deren Inhalt faktisch benutzt wurde, hätten 
genannt werden müssen. Hingegen war mehrfach die Bemerkung der Nichtübcreio* 
Stimmung mit dem und jenem Autor überflüssig, was soll damit eigentlich bezweckt 
werden? _ Weinberg (Stuttgart). 


Max Hirsch. Die Fruchtabtreibung. 85 S. Stuttgart, Enke, 1921. 12 M. 

Die Arbeit tritt mit großer Beredsamkeit und Verwendung umfangreichen, aber 
nicht durchweg eindeutigen statistischen Materials für die Zulassung der sozialen und 
organischen Indikation des Abortus als Mittel zur Bekämpfung der verbrecherischen 
Abtreibung ein. Zu den Ungenauigkeiten gehört z. B. die Behauptung, die Abtreibung 
sei bei Verheirateten noch häufiger als bei Ledigen, weil die verheirateten Pflicht* 
mitglieder der Krankenkassen häufiger Abortus aufweisen als die ledigen. Dies dürfte 
aber doch wohl auf einem Ausiesevorgang beruhen, indem verheiratete Pflichtmitglieder 
bei vorgeschrittener Schwangerschaft leichter zu den freiwilligen Mitgliedern übertreten 
als ledige. Auch die Anführung der Furcht vor der rechtzeitigen Geburt und ähnliches 
ist wertlos und sollte seitens eines Frauenarztes nicht erfolgen. Ein solcher dürfte 
auch die Verallgemeinerung der schmerzlosen Geburt nicht fordern. Ein Verbrechen 
gegen die Natur würde übrigens seinen Charakter nicht verlieren, wenn das Gesetz 
sich nicht mehr darum kümmern würde. Die eugenetische Indikation ist des Miß* 
brauchs in hohem Grade fähig und die soziale heute weniger denn je berechtigt. 
Denn in dem sozialen Staate, den die herrschenden Parteien verkünden und durch 
Kinderzulagen, Verbesserung der Lage der Schwangeren und Mütter tatsächlich herbei* 
führen, muß doch das Bestreben bestehen, die Ausrede der sozialen Not zu beseitigen. 

In einem Punkte ist Hirsch im Irrtum, es wird nicht die Anzeige der ver* 
brecherischen, sondern jeder Fehlgeburt gefordert, und zwar nur für statistische 
Zwecke, und weiterhin die Aufsicht über die Indikationsstellung. Wer ein gutes 
Gewissen hat, kann sich diese ruhig gefallen lassen und defraudierte Fehlgeburten 
mögen ruhig bestraft werden. Endlich darf die Frage aufgeworfen werden, ob es 
nicht verboten werden soll, für Einleitung künstlicher Fehlgeburten Honorare oder 
Geschenke anzunehmen. Man könnte vielleicht auch Bestimmungen treffen, wonach 
der Antragsteller von der Ausführung des Eingriffes im einzelnen Falle ausgeschlossen 
und diese von Staatswegen durch Los vergeben wird. Damit würden auch schmutzige 
Schiebereien zwischen Konsiliarius und Operateur vermieden, und es würde sich erst 
nach Einführung dieser Kautelen beurteilen lassen, ob bei den Frauenärzten tatsächlich 
ein rein menschliches Interesse an der Erweiterung der Indikation besteht. 

_ Weinberg (Stuttgart). 


Walter Fenkner. Die Stellung der Hausfrau im neuen Deutschen Reich. 

Aus den Veröffentl. aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung, 13. Bd. f 4. Heft. 

Berlin, Richard Schoetz, 1921. Brosch. 3 M. 

Mit den Ausführungen des Verf. (Kreisarzt in Sprottau in Schlesien) kann man 
einverstanden sein, und die am Schlüsse des Aufsatzes aufgestellten Leitsätze, die 
darin gipfeln, daß der Staat die Verpflichtung hat, den stark überlasteten Beruf der 
Hausfrau auf jede nur mögliche Weise zu entlasten, vor allem durch Unterstützung 
des Gedeihens der Familie, durch Einführung eines Pflichtdienstjahres für junge 
Mädchen zur Unterstützung der Hausfrauen und durch möglichste Beschränkung der 
Frauenberufe, namentlich in der Fabrikarbeit, unterschreiben. Mit seiner Ansicht, 
daß eine durch ausreichende Sicherheitsmaßnahmen beschränkte soziale Indikation des 
künstlichen Abortes eine zum Schutz kinderreicher Familien durchaus wünschenswerte 
Verbesserung unserer Gesetze darstellc, befindet sich der Verf. wohl im Gegensatz zu 
den meisten seiner Kollegen. Dr. Sauerteig. 


Solbrig. Anleitung über Wesen, Bedeutung und Ausführung der Des* 
infektion. 4. Autl. Breslau, Trewendt & Granier, 1921. 5 M. 

Das Buch ist eine Umarbeitung der vorhergehenden Auflage, die sich infolge der 
neuen preußischen Desinfektorenordnung erforderlich machte. Nach allgemeinen 
Kapiteln über die Krankheitserreger überhaupt und das Wesen der Infektion und 
Desinfektion bespricht der Verf. in aller Kürze die einzelnen Desinfektionsmittel und 


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Besprechungen. 


179 


ihre Verwendung bei Personen und deren Ausscheidungen, bei Gegenständen und 
Räumlichkeiten als fortlaufende und Schlußdesinfektion. Zu begrüßen ist, daß ein 
größerer Raum als bisher der Bekämpfung von Ungeziefer aller Art gewidmet ist. 
Schließlich ist dem Büchlein noch eine Aufstellung über die Ausrüstung des Desinfektors 
und eine Anweisung zur Entnahme infektionsverdächtigen Materials beigegeben. Ein 
Anhang mit Rechenbeispieien und eine Tabelle für Desinfektion mit Formaldehyd soll 
dem Desinfektor in der Praxis helfen. 

Das Buch bringt in knapper Form auf 31 Seiten Umfang alles, was der Desinfektor 
bei Ausübung seines Berufs wissen muß und ist deshalb als Anleitung für die Praxis 
und als Auffrischung des in den Kursen Gehörten bestens geeignet. 

Dr. Lehmann (Jena). 


E. Brezina. Internationale Übersicht über Gewerbekrankheiten der 
Kulturländer über die Jahre 1914 bis 1918. 270S. Berlin, J.Springer, 1921. 
66 M. 

Das Büchlein berichtet über die in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 gesammelten 
Erfahrungen über Gewerbekrankheiten der Kulturländer. Insbesondere haben die 
durch die Kriegsindustrie und die Ersatzmittel, mit denen infolge der Knappheit aller 
Stoffe gearbeitet worden ist, hervorgerufenen Schädigungen eingehende Würdigung 
gefunden. Ferner ist in einem besonderen Kapitel die Schädigung der Arbeiter und 
Arbeiterinnen in gewerblichea Betrieben durch die mangelhafte Ernährung und die 
überarbeit abgehandelt. Die Einteilung des Stoffes schließt sich der des vorher* 
gehenden Heftes an, ist somit im großen und ganzen nach dem ätiologischen Prinzip 
gerichtet. Dr. Lehmann (Jena). 


Tcleky. Die Bleifarbenverwendung zu Anstreicherarbeiten. Ihre Gefahr 
und deren Verhütung. Veröffentl. der Medizinalverwaltung, Bd. 13, Heft 9. 
36 S. Berlin, R. Schoetz, 1921. Brosch. 6 M. » 

Anläßlich der bevorstehenden Arbeiterschutzkonferenz, die im Oktober d. J. 
tagen soll, hat das internationale Arbeitsamt des Völkerbundes in Genf auch die 
Bleiweißfrage auf die Tagesordnung gesetzt. Die Schrift beleuchtet eingehend die 
Schritte, die einerseits von seiten der deutschen Bleiweißindustrie unternommen worden 
sind, um darzustellen, daß bei geeigneter Vorsicht dieser Industriezweig der deutschen 
Fabrikation und Ausfuhr erhalten bleiben könnte. Zum anderen gibt der Verf. eine 
sachliche Darstellung der Angelegenheit, die sich auf praktische Erfahrung einerseits, 
auf wissenschaftlich exakt durchgeführte Versuche und Untersuchungen andererseits 
stützt. Es handelt sich dabei ausschließlich um das Verbot der Verwendung von 
Bleiweiß und den übrigen Bleifarben zu Anstreicher*, Maler* und Lackicrcrarbeiten. 

Verf. kommt zu dem Schluß, daß der jetzige Zeitpunkt günstig ist, ein strenges 
Verbot der Verwendung von Bleifarben zu Innen* und Außenanstrichen (mit Ausnahme 
von Unterwasserbauten) ohne Ausnahme zu erlassen. Ferner fordert er die Einführung 
der „Deklarationspflicht 44 für alle Bleiverbindungen, und sagt, daß durch ein inter* 
nationales Bleifarbenverbot der deutsche Export in seiner Gesamtheit nicht geschädigt 
würde. Dr. Lehmann (Jena). 


Elisabeth Herzfeld. Beiträge zum Auf kläru ngsu nter rieht in derMädchen* 
fortbildungsschule. Leipzig, Julius Klinkhardt, 1920. 3 M. 

Diese Schrift enthält eine kurze Orientierung für Lehrende über Bau und Ver* 
richtung des weiblichen Körpers. Auf 9 Seiten ist in klarer Darstellung alles Wcscnt* 
liehe gebracht. Daran schließt sich an ein Geleitwort an abgehende Schülerinnen der 
Fachfortbildungsschulen, das, von sittlichem Bewußtsein getragen, wegen seiner ruhigen 
offenen Sprache als ein Musterbeispiel gelten kann. Möchte diese wertvolle kleine 
Schrift von jeder Lehrerin gelesen und gewürdigt werden. Dresel (Heidelberg). 


Franz Walt er. DieSozialhvgiene in ihrem Verhältnis zur Weltanschauung 
und Ethik. Sozialhygienische Abhandl., herausgegeben von Dr. A. Fischer, 
Nr. 5. Karlsruhe, C. F. Müller, 1921. 

Im ersten Abschnitt wird das Verhältnis von Sozialhvgenc und Weltanschauung 
erörtert. Da der Verf. von A. Fischers angcfochtencr Begriffsbestimmung ausgeht, 
könnte er das erste Kapitel genau so gut Hygiene und W eltanschauung benennen. 
Er schreibt denn auch S. 11: „Damit ist der Zusammenhang von Hygiene und Ethik 
von selbst gegeben 44 und S. 13: „Die rechte Auffassung aller Hygiene, ob Privat* oder 
Sozialhygiene, muß sich daher von einer Weltanschauung bestimmen lassen, die das 


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180 


Besprechungen. 


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Leibesleben nicht als Selbstzweck oder einzigen Selbstzweck auffaßt 44 Die an sich 
beachtenswerten Ausführungen des Verf. leiden darunter, beweisen aber schließlich 
ungewollt, daß eine scharfe begriffliche Abtrennung der sogenannten sozialen 
Hygiene vom Gesamtgebiete der Hygiene nicht möglich ist. Noch deutlicher wird 
diese Begriffsverschiebung im zweiten Kapitel Sozialhygiene und Sozialpolitik. Im 
dritten bis fünften Kapitel wird Sozialhygiene und Ethik, der Gegensatz der Weit* 
anschauungen und Rassenhygiene abgehandelt. Es ist dankbar zu begrüßen, daß mit 
größtem Nachdruck auf das Wechselverhältnis von Ethik und Hygiene hingewiesen 
wird, weil diese bisher noch nicht genügend berücksichtigte gegenseitige *\bhängigkeit 
und deren Erkenntnis und Befolgung alle sozialhygienischen Maßnahmen fruchtbarer 
gestalten wird. Dresel (Heidelberg). 


Gumprecht. Prophylaxe der Infektionskrankheiten. Weyls Handbuch der 
Hygiene, 2. Aufl. Herausgegeben von A. G ärtner. Bd. 8, Abt. 3. 310 S., keine 
Abbild. Leipzig, J. A. Barth, 1921. 75 M. 

In gedrängter Kürze, aber in einer für den praktischen Gebrauch hinreichend 
ausführlichen Darstellung hat der Verf. das gesamte Gebiet der Seuchenbekämpfung 
umrissen. Er beginnt mit den internationalen Maßnahmen und Einrichtungen zur 
Seuchenbekämpfung, würdigt dann das Deutsche Reichsseuchengesetz und die Landes* 
seuchengesetze nebst den Einrichtungen zur Seuchenbekämpfung (Bakteriologische 
Untersuchungsanstalten, Vorkehrungen für die Desinfektion) und bespricht schließlich 
die Prophylaxe aller wichtigen Infektionskrankheiten. Das tüchtige Buch ist eine 
erfreuliche Bereicherung des einschlägigen Schrifttums. Abel. 


H. Klut. Untersuchung des Wassers an Ort und Stelle. 4. Aufl. 189 S., 
34 Abbild. Berlin, J. Springer, 1922. Brosch. 45 M. 

Das beliebte Büchlein, nach fünfjähriger Pause neu erscheinend, ist äußerlich 
nicht gewachsen, hat aber durch Verwendung kleineren Druckes eine wesentliche Ver* 
mehrung des Gebotenen erfahren und ist inhaltlich in vielfacher Weise bereichert 
worden. So sind Abschnitte über Radioaktivität, Chlor* und Härtebestimmung hinzu* 
gekommen, wichtige Teile, wie der über Angriffe des Wassers auf Rohrmaterial usw., 
sind umgearbeitet worden. Zahlreiche Literaturnachweise geben Hilfen zu weiterem 
Studium. Allmählich hat sich das Buch zu einem kleinen Leitfaden der Wasser* 
Untersuchung und *begutachtung ausgewachsen, der bei der großen Erfahrung des Verf. 
einen sicheren Wegweiser abgibt, so daß auch Fachleute sich des Werkchens gern 
bedienen. 

Für die nächste, wohl bald nötig werdende Auflage möchte es sich empfehlen, 
bei der Kohlensäuretabelle S. 140/41 gleich auch die Karbonathärten mit einzufügen, 
um die einschlägigen Berechnungen zu erleichtern. Abel. 


K. Thumm. Die Kaliwerke und ihre Abwässer. 50 S., 5 Tabellen, 3 Abbild. 

Berlin, J. Springer, 1921. Geh. 16 M. 

Die Schrift behandelt die Kalirohsalze, ihre Veredelung und die dabei entstehenden 
Abwässer und legt dann in genau formulierten, eingehend erläuterten Sätzen dar, welche 
Bedingungen für die Ableitung dieser Abwässer in die Flußläufe nach den heutigen 
Auffassungen zu stellen sind. Bei dem schier unübersehbar gewordenen Schrifttum 
über die Kaliabwasserfrage ist die Abhandlung begrüßenswert. Sie wird bei ihrer 
gemeinverständlichen, wenn auch eine gewisse Vertiefung in die Sache erfordernden 
Darstellungsweisc den behördlich mit der Frage befaßten Stellen ein wertvoller Weg* 
weiser für ihre Entschließungen sein. Ebenso wird sie auch den Kaliinteressenten 
selbst willkommen sein, weil sie diesen die von den Behörden zu berücksichtigenden 
Überlegungen übersichtlich vor Augen führt. AbeL 


\V. Halbfass. Grundlagen der Wasserwirtschaft. 154 S. Berlin, Gebr. Born* 
träger, 1921. Geh. 36 M. 

Vom Wasserhaushalt der Erde im ganzen ausgehend, verbreitet sich der Verf. 
über die gesamten Verhältnisse der Wasserwirtschaft , einschließlich Wasserrecht, 
Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Fischerei, Landeskultur, Wasserkraftausnutzung 
und Schiffahrt. Kurz gehalten bringt die Schrift in ihren Einzelausführungen viel 
Nachdenkliches für eine rationelle Verwertung unserer Wasservorräte. Abel. 


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/erlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 

Die Hygiene des Wassers 

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Gesundheitliche Bewertung, Verbesserung und Untersuchung der Wässer. 
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Anhang. VIII, 153 S. gr. 4°. 1911. Kart. Jt 60,—. 


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Geheftet Jt 18,—, gebunden Jt 24,—. 

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(Sammlung Vieweg , Heft 50) 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 


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Chemische Beschaffenheit und Untersuchungsmethoden 
in physikalischer, chemischer, bakteriologischer und biologischer Hinsicht. 
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Sämtliche Preise erhöhen sich am den Verlags-Teaerangszaschlag. 


Diesem Hefte liegt bei: Ein Prospekt betr. Kompendium der sozialen Hygiene 
von Prof. Dr. B. Chajes, Berlin-Schöneberg (Verlag von Flsdier’s medicin. 

Buchhandlung, Berlin). 


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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. fl. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg f. Pr.); Reg.- und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-Jng. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San. - Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 

herausgegeben von 

Prof. Dr. R. flbel und Dr. S. Merkel 

Geh. Obermedizinalrat Obermedizinalrat 

Jena Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland In der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 6 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54 . Band) 





BRRÜNSCHWEIG 

DRUCK UND VERLAG VON FR1EDR. VIEWEG & SOHN AKT.-GES. 

1922 














Inhalt des sechsten Heftes. 


Seite 

Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. Von Regierungs-Medizinal-Rat 


Dr. M. Thumm, Leipzig-Dösen.181 

Chronik der Gesundheitspflege. Arbeits- und Gewerbehygiene. Von 

Obermedizinalrat Dr. Franz Spaet in München. ..204 

Besprechungen: 

Soctetö des Nations, Section d’Hygiene. (Abel).. . 214 

Veröffentlichungen aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung. (SoI- 
brig- Breslau).214 

Kleinere Mitteilungen: 

Tagesordnung für die Jahresversammlung des Deutschen Vereins 

für öffentliche Gesundheitspflege . . . -.214 

Tagesordnung für die 10. Versammlung der Vereinigung Deutscher 

. Schul- und Fürsorgeärzte ..215 

Tagesordnung für die 18. Jahresversammlung des Deutschen Vereins 

für Schulgesundheitspflege.215 

Die Europäische Sanitätskonferenz in Warschau am 20. bis 28. März 

1922. 216 

Ergänzungslehrgang für Fürsorgerinnen.216 

Soziale Zahnheilkunde.216 



Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert. 



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Origmaffrom 

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Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 6. 


Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 

Von Reg. »Med. «Rat Dr. M. Thumm, Leipzig »Dösen. 


Einleitung: Zur Rechtslage. 


Der Achtstundentag in der Krankenpflege, wo er durchgeführt ist, 
stützt sich auf eine vorläufige Reichsregelung, den Erlaß des Demobil* 
machungsamtes vom 23. Nov. 1918, Reichsgesetzbl. Nr. 142, wonach für 
alle in „gewerblichen Betrieben“ tätigen „gewerblichen Arbeiter“ die acht» 
ständige Arbeitszeit gesetzlich festgelegt war, eingeschlossen die gemeind» 
liehen Betriebe, auch wenn sie nicht zur Gewinnerzielung bestimmt sind. 
Ob die in der Krankenpflege tätigen Personen unter diese Begriffsbestim» 
mung zu fallen hätten war in dem ursprünglichen Erlaß nicht erwähnt. 
Zwar hat sich das Reichsarbeitsministerium in einer Entscheidung vom 
13. Mai 1919 eindeutig dahin ausgesprochen, daß „Krankenwärter und 
klinisches Personal der gewerblichen wie der Staats» und Kommunalbetriebe 
gewerbliche Arbeiter im Sinne der Verordnung vom 23. November 1918“ 
seien; ausgenommen seien diejenigen Pfleger, die mit Beamteneigenschaft 
angestellt sind, und deren Dienstzeit daher sich nach den besonderen für 
sie erlassenen Dienstvorschriften regele 1 )- Seit mehr als zwei Jahren ist 
eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit der Krankenpflegepersonen im 
Reichsarbeitsministerium in Vorbereitung. Schon im September 1919 und 
wiederum im Februar 1920 haben bei dieser Reichsbehörde in Berlin Kon» 
ferenzen stattgefunden, in denen Anstaltsleiter und Ärzte einerseits, Ver» 
treter der gewerkschaftlichen Organisationen der Krankenpfleger anderer» 
seits gehört, und in denen ein „vorbereitender Gesetzentwurf“ vorgelegt 
wurde, wonach für alle Kranken» (auch Irren» und Entbindungs«) anstalten 
der Achtstundentag bzw. die 48»Stundenwoche grundsätzlich festgelegt 
werden sollte, mit Ausschluß einzig der Krankenanstalten der religiösen 
Gemeinschaften und Orden. Überschreitung der gesetzlich festgelegten 
Dienstzeit sollte im allgemeinen strafbar, in Notfällen jedoch zugelassen 
sein, dann aber sollten die Überstunden eigens in Verzeichnissen gebucht 
und besonders bezahlt werden; es sollte der Achtstundentag auch auf die 
Privatpflege ausgedehnt, hier jedoch bei Einverständnis der betreffenden 
Personen auch von der Durchführung abgesehen werden können 2 ). Zu 
einer Einigung ist es damals nicht gekommen, da die Vertreter der Anstalts» 
leiter und Ärzte fast einmütig den Entwurf ablehnten. Das Gesetz ist 
seitdem im Stadium des Entwurfs geblieben und hat auch noch keiner 
gesetzgebenden Körperschaft Vorgelegen. — In einer an den Deutschen 
Städtetag auf dessen Anfrage gelangten Äußerung des Reichsarbeits» 


*) Zeitschrift für Soziale Hygiene, Fürsorge und Krankenhauswesen 1919, Nr. 3. 

*) Ebenda 1920, Nr. 18. 


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1 1 * 

Origiralfmm 

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182 


M. Thumm, 


ministeriums ist es den Krankenhäusern neuerdings sogar freigestellt, ob 
sie sich als Wohltätigkeitsanstalten oder als gewerbliche Betriebe ansehen 
wollen. 

Die Sachlage ist also bis heute rechtlich ungeklärt. Entsprechend ver* 
schieden hat sich die praktische Handhabung der Arbeitszeit der Kranken* 
pfleger gestaltet. Immerhin ist der Achtstundentag in einer ganzen Anzahl 
von kommunalen, Landes* und Kreiskrankenanstalten, vor allem in den 
Großstädten, wo das Personal mit seinen Forderungen radikaler vorgeht, 
durchgeführt, in einzelnen schon seit Dezember 1918, d. h. unmittelbar 
nach dem Erlaß des Demobilmachungsamtes. Wir verfügen also heute 
schon über hinreichende Erfahrung zur Beurteilung der praktischen Wir* 
kungen des Achtstundentages und der im folgenden zu erörternden Frage, 
ob er für den Krankenpflegeberuf empfohlen werden kann. 

Vor Eingehen auf die eigentlichen Fragen ist noch eine kurze Er* 
örterung über die Umgrenzung des Begriffs „Achtstundentag“ erforderlich. 
Von Anfang an ist der Krankenpflege wenigstens vom Gesetzgeber das 
Zugeständnis gemacht worden, daß sie nicht an die Achtstundenarbeit im 
strengsten Wortsinn, wie sie für den industriellen Arbeiter Geltung hat, 
gebunden ist, sondern sie in der Form der „ Ach tundvierzigstunden woche“ 
— mit eventuell mehr als achtstündiger Dienstleistung, ausgeglichen durch 
Einschaltung von freien Tagen — ausüben kann. Erwägt man aber, daß 
unsere Kranken nicht nur sechs, sondern sieben Tage der Woche krank 
und der Fürsorge bedürftig sind, so wird man Dienstzeit über achtundvierzig 
bis zu sechsundfünfzig Stunden in der Woche im weiteren Sinne auch noch 
als „Achtstundentag“ anerkennen müssen. 

In Erörterung der Frage „Achtstundentag und Krankenpflegeberuf“ 
beginne ich gm periphersten Punkte: 

1. Finanzielle Wirkungen des Achtstundentages in der Krankenpflege. 

Ich gebe einige Zahlen. In Frankfurt a. M., das mit unter den ersten 
Städten die Achtstundenarbeitszeit im Krankendienst durchgeführt hat, ist 
der Etat für die Krankenanstalten — einschließlich der Städtischen Irren* 
anstalt — von 1,5 Millionen im Jahre 1914 auf 25 Millionen im Jahre 1919 
in die Höhe geschnellt, wovon 9 Millionen auf Löhne entfielen; der Etat 
für 1920 ist gar auf 48 Millionen gestiegen — nach gemeindeamtlichen 
Angaben. — Im Krankenhause Hamburg*St. Georg — 2000 Betten — hat 
nach Deneke die Einführung der achtstündigen Arbeitszeit eine Ausgabe 
für Löhne von 1 339 000 M. gegen vorher 260 000 M. — das ist das Fünf* 
fache — verursacht, wobei der Mehraufwand für Wohnung und Verpflegung 
noch nicht inbegriffen ist 1 ). — Ähnlich im Krankenhause Neukölln: 1918 
Ausgabe für Löhne und Gehälter 400 000 M., Voranschlag für 1919 infolge 
Einführung des Achtstundentages mit Tariflöhnen 1800000 bis 2000000 M.*). 

Für das Friedrichstädtische Krankenhaus in Dresden konnte ich folgende 
Zahlen feststellen: Vor Einführung des Achtstundentages betrug der Personal* 
bestand 38 Pfleger und 138 weibliche Pflegepersonen. Die Einführung des 
Achtstundentages machte eine Neueinstellung von Hilfspersonal nötig: 
41 Hilfspfleger, 64 Hilfspflegerinnen und 62 Stationsmädchen. Der Mehr* 

Zeitschrift für Krankenanstalten 1919, lieft 39 40. 

2 ) Ebenda 1919, Heft 47,48. 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


183 


aufwand an Löhnen für diese drei Kategorien betrug im Monat bzw. 32 800, 
46400 und 18850 M. oder insgesamt monatlich 99 688 M., im Jahre 1195 896 M., 
wobei die Kinderzulagen, die fü,r eheliche und uneheliche Kinder gleicher* 
maßen zu leisten sind, nicht mitberechnet sind. Die Personalvermehrung 
beträgt 94,9 Proz. — Im Johannstädtischen Krankenhause in Dresden betrug 
die Personalvermehrung über 100 Proz. Entsprechend waren die ßnanziellen 
Mehrleistungen gegenüber der früheren Lage. 

In den Dresdener Anstalten, wie auch anderen Orts, wird im Zusammen« 
hang mit dem Achtstundentag über große Verluste durch Inventarschädi» 
gungen, Abhandenkommen von Wäsche und Diebstähle verschiedener Art 
geklagt. Naturgemäß: Bei den so häufigen Ablösungen des Personals, sei 
es im täglichen Dreischichtwechsel, sei es an eingeschalteten freien Tagen, 
kann für Inventarverluste niemand haftbar gemacht werden. Täglich drei* 
mal das Inventar zu übergeben, ist eine praktische Unmöglichkeit, also 
fehlt jede wirksame Kontrolle, und es will auf der Station auch gar niemand 
die Verantwortung übernehmen. 

Was Irrenanstalten anbelangt, so kamen nach Falkenberg 1 ) die großen 
Berliner Anstalten, die infolge der starken Krankenbewegung der Großstadt 
schon in früheren Zeiten verhältnismäßig zahlreicheres Personal verwendet 
hatten als andere, namentlich ländliche Irrenanstalten, bei Einführung des 
Achtstundendienstes mit einer Vermehrung um 70 Proz. aus. Sonst wird aus 
den Irrenanstalten meist eine Vermehrung von 100 Proz. berichtet 2 ). Alt* 
scherbitz hat sogar nur für Durchführung der Sechsundfünfzigstundenwoche 
die Personalziffer derart erhöhen müssen, daß jetzt im Durchschnitt auf 
3,25 Kranke eine Pflegeperson kommt, früher auf (6 bis) 7. Kolb hat 3 ) 
berechnet, daß die allgemeine Durchführung des Achtstundentages für jeden 
Kranken eine Tagesausgabe von 7 bis 11 M. nur für Pfleger ergeben, und 
daß damit der Gesamtaufwand für jeden Kranken auf 17 bis 23 M. an 
jedem Tage, die Mehrausgabe an Löhnen in den Irrenanstalten Deutschlands 
jährlich aber auf 123 Millionen steigen würde, wobei der Mehrbedarf an 
Oberpflegepersonal noch nicht berücksichtigt ist. Diese Zahlen, die für 
1919/20 berechnet sind, würden nach heutigen Teuerungsverhältnissen sich 
noch entsprechend erhöhen müssen. — Die ungeteilte Arbeitszeit — Drei* 
Schichtwechsel — ist teurer als die geteilte, da sie 18 bis 20 Proz. mehr 
Pfleger nötig macht. 

Die Wirkung obiger Zahlen gibt sich bereits in den unerträglich hohen 
Verpflegungssätzen der Krankenanstalten zu erkennen. Diese allein auf 
das Konto der allgemeinen Lebens* und Teuerungsverhältnisse zu setzen 
und die Wirkungen des Achtstundentages als geringfügig übersehen zu 
wollen, wie es in den Verbandsschriften des Pflegepersonals immer wieder 
versucht wird, geht keinesfalls an. In einem großen Berliner Krankenhause 
wurde nämlich berechnet, daß bei dem Vergleich des Budgets von 1912 
und 1921 sich außer den Aufwendungen für Heizung und Feuerung nur 
die Aufwendungen für Gehälter des Wart* und Pflegepersonals prozentual 
im Verhältnis zu den Gesamtausgaben wesentlich erhöht haben — 16 statt 
9,1 Proz. —, während sonst überall infolge Einsparens, Zurückhaltung in 


*) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatric, Bd. 76, Heft 4. 

*) Vgl. u. a. ebenda, Heft 2. 

*) Psychiatrisch*NeuroIogischc Wochenschrift 162(121, lieft 17 18. 


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184 


M. Thumm, 


Neuanschaffungen usw. die Ausgabeposten prozentual sich wesentlich gesenkt 
haben x ). 

Leipzig, das den Achtstundentag bei dem Pflegepersonal nicht ein« 
geführt hat (nur beim Betriebspersonal), sonst aber in seinen Kranken« 
anstalten unter Verhältnissen arbeitet, die sich denen Dresdens ohne 
weiteres vergleichen lassen, ist bei den fortschreitenden Erhöhungen seiner 
Verpflegsätze in der allgemeinen Verpflegklasse von Dresden, das den 
Achtstundentag allgemein durchgeführt hat, durchschnittlich um ein Drittel 
übertroffen worden. 

Wie sollen Kassen, Ortsarmenverbände usw. solche Lasten aufbringen? 
Und dabei reichen die jetzt geforderten Sätze selbstverständlich noch lange 
nicht zu, etwa den Betrieb finanziell selbsttragend zu machen: die großen 
Krankenhäuser verzehren noch Millionenzuschüsse. — Sollen aber die Mehr* 
kosten von den Selbstzahlern getragen werden, so bedeutet das für die 
wirtschaftlich Schwächeren unter ihnen, daß ihnen in vielen Fällen, wo 
nicht zwingendste Not vorliegt, der Segen einer Krankenhausbehandlung 
vorenthalten bleibt. Hinsichtlich der Geisteskranken liegt im besonderen 
noch die Gefahr vor, daß sie aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht oder 
nicht rechtzeitig in die Anstalt gebracht, oder zu frühzeitig wieder heraus« 
geholt werden und dann eine wesentliche Gefahr für sich selbst, für die 
Familie und für die Allgemeinheit werden können. 

Selbst eine so großzügige Stadtgemeinde wie Frankfurt a. M. sieht sich 
angesichts der eben gekennzeichneten Finanzlage ihrer Krankenhäuser genötigt, 
eine wesentliche Verminderung der Bettenzahl, Schließung einer Anstalt, 
Entlassung von irgend entbehrlichem Personal, Kündigung von Tarifverträgen, 
Lohnkürzung und — Wiederabschaffung des Achtstundentages zugunsten 
der Sechzigstundenwoche in Aussicht zu nehmen. 

Für die Privatanstalten — im ganzen etwa 300 000 Betten — wurde 
schon auf der Konferenz im Reichsarbeitsministerium (s. o.) betont, daß bei 
zwangsweiser Einführung des Achtstundentages ein großer Teil von ihnen 
würde schließen müssen. — Private, gemeinnützige Stiftungen, Vereine, 
Anstalten der inneren Mission, Diakonissen« und Ordenshäuser können sich 
schon jetzt kaum mehr über Wasser halten. Der gesetzliche Zwang des 
Achtstundentages würde ihnen Lasten auferlegen, die nicht mehr getragen 
werden könnten. Sie in gemeinschaftliche Betriebe überzuführen, würde 
nicht nur der Allgemeinheit vermehrte Lasten bringen, da ja bekanntlich, 
wie überall so auch hier, der Privatbetrieb billiger arbeitet als öffentliche 
Unternehmungen, sondern würde außerdem wichtige ethische Werte ge* 
fährden, da nach der geschichtlichen Entwicklung dieser Betriebe in weiteren 
Volkskreisen ein persönliches, oft opferfreudiges Interesse an sie geknüpft 
ist, das verloren gehen würde. — Auch die Privatkliniken und -anstalten 
einzelner Ärzte dürfen nicht mit „kapitalistischen“ Unternehmungen im 
gewöhnlichen Sinne auf eine Stufe gestellt werden. 

Es stehen nun die Dinge so, daß eine Zeit, die das Bestreben hat, 
den breiteren Volksschichten Bildung und Kulturgüter in möglichst weitem 
Umfange zugänglich zu machen, gezwungen ist, durch die hohen Verpfleg* 
sätze und die drohende Verminderung der Betten in den Krankenhäusern 

l ) Zeitschrift für Krankenanstalten XVII, Heft 23 '24; daselbst tabellarische 
übersieht. 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


185 


(s. Frankfurt) in der allerwichtigsten Hinsicht, nämlich der Hilfeleistung in 
Not und Krankheitszeit die Fürsorge für die Bevölkerung ganz bedenklich 
zu gefährden. 

Es ist schwer verständlich, wie zwei ärztliche Befürworter des Acht* 
stundentages. Sc hl om er 1 ) und Friedländer 2 ), darüber hinweggehen 
können mit der wenig überzeugenden Begründung, angesichts der allgemeinen 
Lohnaufwendungen in Industrie und Gewerbe fielen die Mehrkosten für 
die Krankenpflegepersonen, die nur einen bescheidenen Bruchteil aller 
Lohnempfänger ausmachten, nicht wesentlich ins Gewicht. Dagegen bleibt 
zu erwidern, daß gerade eine Erschwerung oder Verteuerung der Kranken« 
pflege die Bevölkerung an einer besonders empfindlichen, lebenswichtigen 
Stelle trifft, deren Bedeutung für die Allgemeinheit gar nicht zu vergleichen 
ist mit der vieler mehr minder wichtigen Industriezweige. 

Angesichts der in den hier gegebenen Zahlen sich spiegelnden Sachlage 
muß jedenfalls gesagt werden: die allgemeine Einführung des Achtstunden* 
tages in die Krankenpflege wäre nur dann zu rechtfertigen, wenn der kaum 
erträglichen finanziellen Belastung ein Ausgleich durch wichtige sachliche 
Vorteile in anderen Hinsichten entsprechen würde. 

2. Die Wirkung des Achtstundentages auf das Personal. 

Es handelt sich hier um die Feststellung, ob die erforderliche Fürsorge 
für das Krankenpflegepersonal den Achtstundentag notwendig macht, und 
andererseits, welche Wirkung auf die Berufsangehörigen diese Dienstregelung 
schon bisher gezeitigt hat. 

Vom hygienischen Standpunkt ist ohne weiteres dafür einzutreten, daß 
schwere Arbeit in Industrie und Gewerbe auf die achtstündige Leistung 
beschränkt wird. Abbe hat in seinen volkswirtschaftlichen Aufsätzen 
(Jena 1906) dargelegt, daß beim Industriearbeiter als ursächlicher Faktor 
der Ermüdung nicht nur die schwere körperliche Arbeit in Betracht kommt, 
sondern schon die Gleichartigkeit der Arbeit, das Geräusch der Umgebung, 
der gleichmäßige Zwang zur Aufmerksamkeitsspannung zu einer rein passiven 
Ermüdung führt und einen großen Teil der Arbeitskräfte aufzehrt. Daher 
sieht Abbe in jeder Verkürzung der Arbeitszeit einen Reingewinn an 
Kraft, der sich in erhöhten Leistungen während der kürzeren Zeit geltend 
macht; beim praktischen Versuch in den Zeisswerken hat sich ihm die 
Tagesleistung in acht Stunden größer erwiesen als in neun. — Herkner 
— in: „Die Arbeiterfrage“ — sieht den ökonomischen Kern der Frage im 
Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Arbeitsleistung. Der Energieverbrauch 
im menschlichen Organismus hat eine Grenze nach oben, die nicht über« 
schritten werden darf, ohne den Organismus zu schädigen, aber auch eine 
Grenze nach unten, deren Unterschreitung eine lähmende Wirkung übt. 
Es gibt also ein Optimum, das sehr verschieden ist je nach Individualität 
des Arbeiters und Art der Arbeit. Bedingt die Arbeit einen Wechsel im 
Gebrauch der verschiedenen körperlichen und seelischen Organe, so wird 
die Ermüdungswirkung geringer sein; bei sehr gleichförmiger Arbeit schleppen 
sich leicht Ermüdungsreste vom vorhergehenden Tage mit in den folgenden. 
Daß übrigens ein zu geringer Energieverbrauch durch unzureichende Aus* 

*) Zeitschrift für Soziale Hygiene, Fürsorge und Krankenhauswesen 1920, Heft 9. 

*) Psychiatrisch»Neurologischc Wochenschrift 1920 21, Heft 47/48. 


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M. Thuram, 


nutzung seiner Arbeitskraft auf den Menschen auch in psychischer Hin« 
sicht eine allgemein schädigende Wirkung ausübt, kann nicht bezweifelt 
werden. 

Es ist selbstverständlich, daß gerade die Ärzte als die berufenen 
Wächter der Hygiene den Arbeitsverhältnissen ihrer Mitarbeiter ein be* 
sonderes Augenmerk schenken müssen. Ein nicht nur tüchtiger, sondern 
auch gesunder und arbeitsfroher Krankenpflegerstand ist nicht zum minde* 
sten auch im Interesse der Kranken unentbehrlich. Wenn von den Berufs« 
Organisationen der Krankenpfleger immer wieder betont wird, daß bisher 
mit den Kräften und der Gesundheit der Krankenpfleger aufs ärgste Raubbau 
getrieben worden sei, daß man sie unter dem Deckmantel der Charitas 
ausgebeutet habe, wenn hingewiesen wird auf den besonders ungünstigen 
Gesundheitszustand des Krankenpflegepersonals, auf die Häufigkeit von 
Tuberkulose und Selbstmorden und auf gewisse Unterleibsstörungen 
(Bänderdehnungen usw.) als Berufskrankheit der Pflegerinnen 1 ), so wird 
nach Abzug einiger agitatorischer Übertreibungen zuzugeben sein, daß 
allerdings in früheren Zeiten an Fürsorge für das Personal vielerorts mehr 
hätte geschehen können, und daß es leider erst der Staatsumwälzung bedurft 
hat, um darin gründlicheren Wandel zu schaffen. Laut „Medizin.*Statistische 
Nachrichten“ 1911/12, Heft 4 2 ) betrug in den preußischen Krankenanstalten 
die Arbeitsbereitschaft im Durchschnitt 14 Stunden, nach Abzug der Pausen 
11 Stunden; 41,2 Proz. der weiblichen Pflegepersonen hatten sogar noch 14 
bis 17 Stunden Dienstzeit. In einigen Anstalten bestand ein* bis zweimal 
im Monat eine länger als 24 Stunden währende Bereitschaft der Pfleger 
— bis zu 30, 33, 40 Stunden. — Auch an anderen Stellen 8 ) wird darüber 
Klage geführt, daß eine löstündige Arbeitszeit zu keiner Seltenheit gehörte, 
daß manchenorts Nacht* und Tagesschicht nicht getrennt wurden, das am 
Tage ermüdete Personal auch noch nachts zum Dienst herangezogen wurde, 
und zwar nicht nur in Privatanstalten. 

Prinzing 4 ) nennt die Sterblichkeit der Krankenpflegerinnen „sebr 
hoch, besonders die an Tuberkulose“, und fügt eine Statistik aus den 
Jahren 1863 bis 1868 bei, wonach die Sterblichkeit zwischen dem 15. und 
30. Lebensjahre bei barmherzigen Schwestern je nach den einzelnen Jahres« 
stufen die drei* bis fünffache war von der anderer weiblicher Personen in 
Preußen. Von den barmherzigen Schwestern Österreichs starben 94 Proz. 
vor dem 50. Lebensjahre. Zu dieser Statistik, die allerdings recht weit 
zurückliegt und sich zudem nur auf weibliche Pflegepersonen bezieht, ist 
zu bemerken, daß sie auf die Verhältnisse im allgemeinen Krankenpfleger« 
beruf kaum Schlüsse zuläßt. Bei barmherzigen Schwestern liegen die Dinge 
nämlich ganz besonders ungünstig: schon die Auslese der in den Orden 
Eintretenden geschieht nicht nach dem Gesichtspunkt der körperlichen 
Eignung für den Beruf, sondern ausschließlich nach dem Maßstab religiöser 
Gesinnung; ferner beansprucht das Ordensleben neben der Berufstätigkeit 
nicht unwesentliche Zeit und Kraft für religiöse Übungen, die zum Teil 
den nächtlichen Schlaf unterbrechen; ferner spielt hier Mangel an Erholung, 

>) San. Warte XX, Heft 10, 17 u. a. 

2 ) Zitiert nach Schlorner, Zeitschrift f. Soz. Hygiene usf. 1920, Heft 9. 

3 ) Zeitschrift f. Krankenanstalten 1920, S. 263. 

4 ) Handbuch der Med. Statistik. 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


187 


Pausen und Urlaub, vielleicht auch ungenügende Ernährung im Zusammen« 
hang mit asketischen Neigungen eine Rolle. 

Gelegentlich erwähnt wird noch die Selbstmordhäufigkeit bei Irren« 
Pflegerinnen; diese scheint mir allerdings für die Beurteilung noch eine 
wesentliche Einschränkung in der Tatsache zu ßnden, daß zu diesem Beruf 
erfahrungsgemäß vielfach psychopathisch veranlagte Persönlichkeiten drängen, 
bei denen ein Suicid aus anomaler psychischer Reaktion entsprechend 
näher liegt. 

Eine wirklich verwertbare Statistik über die allgemeine Morbidität und 
Mortalität im Krankenpflegeberuf habe ich nicht gefunden. Es ist aber 
a priori einleuchtend, daß, wer ständig mit Kranken umgeht, gewissen 
Gefahren, von denen die Ansteckung mit kontagiösen Erkrankungen, Tuber* 
kulose, Sepsis in erster Linie in Betracht kommt, in vermehrtem Maße 
ausgesetzt ist. Sicher ist auch nach obigem, daß Mißstände in der dienst« 
liehen Nutzung des Pflegepersonals vielfach Vorgelegen haben. Da war 
Abhilfe nötig, und es ist daher zu begrüßen, daß eine gesetzliche Regelung 
der Arbeitszeit für das Krankenpflegepersonal von Reichswegen angestrebt 
wird. 

Die Neuregelung der Arbeitszeit wird im wesentlichen eine Verkürzung 
sein. Wieweit soll sie gehen? Die Krankenpflegerverbände erheben den 
Anspruch auf den Achtstundendienst, und zwar den ungeteilten, als Maximal* 
arbeitstag; dieser allein ermögliche es, daß der Pfleger frisch und wohl* 
ausgeruht seinen Dienst versehe, vor frühzeitiger Abnutzung bewahrt bleibe, 
die Möglichkeit zur Fortbildung und zur Ausübung seiner staatsbürgerlichen 
Rechte habe; sicher würden auch die Kranken sich lieber im Dreischicht* 
Wechsel von Pflegern mit vergnügtem Gesicht versorgen lassen als nach 
altem System von nur einem Pfleger mit mißmutiger Miene. — Ist diese 
Forderung mit der Eigenart des Berufs vereinbar? Ist sie im Interesse 
des Personals selbst notwendig? 

Geschichtlich hervorgewachsen ist der Krankenpflegedienst aus freier 
Opfertätigkeit religiös*charitativ gerichteter Persönlichkeiten und Verbände. 
Entsprechend dem Wechsel der Zeitanschauungen hat diese Auffassung 
vielfach jener anderen das Feld geräumt, die in der Ausübung der Kranken* 
pflege einen Beruf sieht, der wie jeder andere in erster Linie seinen 
Träger erhalten soll und dessen persönliche Wünsche und Bedürfnisse 
mehr betonen läßt. War früher jene ersterwähnte Auffassung vom Pflege* 
dienst als christlicher Liebestätigkeit vielleicht überspannt worden, so jetzt 
die zweite Ansicht von der Krankenpflege als bloßer Berufsübung. Es ist 
verständlich unter der Mentalität der Nachkriegszeit, daß die Pfleger den 
Trieb haben, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern, daß sie nicht schlechter 
gestellt zu sein wünschen als industrielle und gewerbliche Arbeiter, und 
daß sie sich auf den Standpunkt stellen: was dem einen recht ist, ist dem 
anderen billig. In der „Sanitätswartc“ 1921, Heft 2 wird darauf hingewiesen, 
daß z. B. in Dresden das Pflegepersonal am schlechtesten von allen „Arbeit* 
nehmern“ bezahlt sei — „sollen wir dafür auch noch unter ein Ausnahme* 
gesetz in der Arbeitszeit fallen ?“ Andere Begründungen freilich, die man 
in den Verbandsblättern liest, können wir für unsere Betrachtung von vorn* 
herein ausschalten, da sie ins Gebiet der Politik und der agitatorischen 
Verhetzung führen: so, wenn Ärzte und Krankenhausleiter als „Interessenten“ 


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M. Thumm, 


bezeichnet werden, die ihre egoistischen Motive — Sorge um Existenz und 
Geldbeutel und Wunsch, ihre Macht die „Arbeitnehmer“ fühlen zu lassen — 
„verschanzten“ hinter der behaupteten Fürsorglichkeit für die Kranken. 

Vom ärztlichen Standpunkt ist vor allem zu betonen: so sehr eine 
Herabsetzung der Arbeitszeit für die Krankenpfleger an sich berechtigt 
und notwendig erscheint, um ihrer Überanstrengung und unzeitigen Ab* 
nutzung vorzubeugen, so wenig läßt doch die Eigenart des Krankendienstes 
eine schematische Übertragung des Achtstundentages zu; er läßt sich 
eben nicht in eine Schablone pressen. Die Verhältnisse und Arbeits® 
anforderungen liegen zu verschieden. Ein Krankenhaus ist keine Fabrik 
und hat es nicht mit totem Material zu tun, sondern mit dem lebenden 
Menschen. Die Kranken lassen sich nicht vorschreiben, wie und wann sie 
der Pflege bedürfen sollen. Der Betrieb eines Krankenhauses kann nicht 
wie der eines industriellen Werkes nach dem freien Willen des Leiters 
oder seiner Mitarbeiter gestaltet werden, sondern er hängt ab von wech* 
selnden und unberechenbaren Notständen, vom jeweiligen Gesundheits* 
zustand der Bevölkerung. Daher ändert sich die Belegung mit Kranken 
und die Zahl der schweren Erkrankungsfälle und damit der Umfang des 
Dienstes, während ein industrielles Werk beliebig die Arbeit einteilen, sein 
Fabrikationsmaterial ruhig für heute liegen lassen und ein andermal weiter® 
bearbeiten kann. — Die sich ändernde Bewegung im Maß der Arbeits» 
anforderungen gewährt aber zugleich dem Krankenpfleger vom Standpunkt 
der Arbeitshygiene aus wichtige Vorteile: der Fabrikarbeiter steht dauernd 
an seiner Maschine und macht ununterbrochen seine gleichförmige Arbeit, 
die er nach acht Stunden ermüdet weglegt. Im Wesen des Krankenpflege» 
dienstes dagegen liegt ein Wechsel zwischen stärkeren und geringeren 
Anforderungen, zwischen Arbeit und Ruhe. Die Inanspruchnahme wechselt 
nach Zeiten, sie geht aber auch an einem und demselben Tage nicht 
gleichmäßig vor sich, sondern es ergeben sich natürliche Ruhepausen, in 
denen der Pfleger auch einmal bei einzelnen Kranken verweilen, vielleicht 
sogar manchmal sein Zimmer aufsuchen kann; manche halbe Stunde oder 
Stunde ist mit Warten oder bloßer Bereitschaft ausgefüllt. Wenn die 
morgenlichen Arbeiten auf der Station verrichtet sind und die ärztliche 
Visite vorüber ist, ergeben sich vielfach von selber derartige Pausen; ebenso 
pflegt es nach dem Mittagessen auf den Stationen meist einige Stunden 
ruhig zu sein, wenn nicht besondere Fälle eintreten; am späteren Nach® 
mittag treten dann wieder vermehrte Anforderungen an die Pflegepersonen 
heran. In dieser natürlichen Kurvenbewegung der Arbeitsinanspruchnahme 
liegt ein ausgleichendes Moment für etwa länger geleistete Arbeitszeit; der 
industrielle Arbeiter kennt derartige Pausen nicht. Weiter hat letzterer 
die Möglichkeit, die Verkürzung der Arbeitszeit durch intensivere Arbeit 
auszugleichen, in der Krankenpflege fehlt die Möglichkeit, das Arbeits» 
quantum zu intensivieren. Der industrielle Arbeiter hat meist einen weiten 
Weg, oft weite Bahnfahrten zurückzulegen bis er an seine Arbeitsstätte 
gelangt, Pflegepersonen — namentlich weibliche — haben vielfach im 
Krankenhause ihre Wohnung. Jener muß für seinen Lebensbedarf selber 
sorgen und hat mancherlei häusliche Verrichtungen, diese — zum mindesten 
wenn ledig — haben im Krankenhause mühelos ihre Verpflegung, Dienst® 
kleidung, meist auch Wäsche und Ausbessern der Kleider. Jener ist durch 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


189 


die Gleichförmigkeit ein und derselben mechanischen Verrichtung zu er* 
müdender Inanspruchnahme immer derselben Muskelgruppen und zu An« 
Spannung der Aufmerksamkeit in einer Richtung gezwungen, bei diesem 
sorgt der Tageslauf für reichlichen Wechsel in den körperlichen wie in 
den seelischen Leistungen. — Ich kann auch den gelegentlich zu hörenden 
Einwand, der Krankenpflegerberuf wirke „entpersönlichend“ und rechtfertige 
daher eine längere Freizeit, nicht gelten lassen. Entpersönlichend wirkt 
wohl die mechanische Arbeit des Fabrikarbeiters, nicht aber die des Pflegers, 
die den leidenden Menschen zum Gegenstand hat. 

Weit eher als mit der Fabrikarbeit lassen sich die Verhältnisse im 
Krankenpflegeberuf vergleichen mit denen der Hausangestellten (wie wäre 
da die ungeteilte achtstündige Arbeitszeit und die 48*Stundenwoche durch* 
führbar?) und mit denen der landwirtschaftlichen Arbeiter, die in ihrer 
Abhängigkeit von Wetter und Jahreszeit ihre Arbeit eben auch nicht in 
die Achtstundenschablone zwängen können. Es liegen zudem in den ver« 
schiedencn Krankenhäusern und auf den einzelnen Krankenstationen die 
Dinge so verschieden, daß es von vornherein unsinnig erscheint, alles über 
einen Kamm zu scheren. Im großen Krankenhause mit seiner stark fluk« 
tuierenden Krankenbewegung, dem großen Material an frisch Operierten, 
Schwerkranken undJVerunglückten sind die Anforderungen an das Personal 
höher als in vielen kleinen Krankenanstalten, wo das Personal oft ein recht 
beschauliches Dasein hat. Dann aber sind auch bei Erstgenannten wesent* 
liehe Unterschiede, je nachdem es sich um eine Schwerkrankenstation oder 
um einen Saal mit leichten chirurgischen Fällen, Hautkrankheiten u. a. 
handelt. Oder wenn z. B. ein einzelner Pfleger mit einem infektiösen 
Kranken isoliert wird, kann da von einer Arbeit die Rede sein, die auf 
acht Stunden beschränkt werden müßte? 

Um noch'an die Verhältnisse der Irrenanstalt zu erinnern, so ist hier 
freilich der Dienst auf einer unruhigen (namentlich Frauen*) Station oder 
im Unruhigenbad derartig schwer und aufreibend, daß acht Stunden reichlich 
genug sind, während andererseits in einem Hause mit chronischen, tagsüber 
auf Arbeit gehenden Kranken die Schwester doch eigentlich nur die Funktion 
einer Hausmutter hat, die den geregelten Tageslauf überwacht, das Essen 
austeilt und die Garderobe in Ordnung hält; man wird nicht sagen können, 
daß das eine aufreibende Arbeit sei, die schon mittags um 2 Uhr den 
Feierabend wünschenswert oder nötig mache. Ähnlich liegen die Dinge 
vielfach auch hinsichtlich des Aufsichtsdienstes bei arbeitenden Geistes* 
kranken. 

Auf der dritten Konferenz des Krankenpflegepersonals (Jena 1919; vgl. 
Protokoll der Konferenz) ist die bündige Forderung der ungeteilten Arbeits* 
zeit im Rahmen der 48*Stundenwoche erhoben worden, mit der Begründung: 
nur dadurch biete sich die „Möglichkeit der Beschränkung der zahlreichen 
schweren Gefahren für Leben und Gesundheit des Personals“. Die Be* 
hauptung bleibt unbewiesen, sie läßt sich vielleicht unter politischen 
Gesichtspunkten als Parteidogma rechtfertigen, hält aber kritischer Würdi* 
gung vom hygienischen Standpunkt aus nicht stand. Die Rücksicht auf 
die besonderen Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsverhältnisse im 
Krankenpflegeberuf machen keineswegs eine einheitliche Herabsetzung 
der Arbeitszeit bis herunter auf acht Stunden notwendig. In den Industrien 


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M. Thuram, 


betrug früher die Arbeitszeit zehn Stunden, sie ist also um zwei Stunden 
gekürzt worden; im Pflegerberuf betrug sie vielfach 15 Stunden, und nun 
wird Kürzung bis fast um die Hälfte verlangt. Daß zwischen 15 und 8 
immerhin noch Zwischenstufen sind, wird nicht erwähnt, sondern bündig 
behauptet, nur der Achtstundentag und nur er biete genügende Gewähr 
für Schutz vor Überanstrengung und für Erhaltung der Arbeitskraft. Meines 
Erachtens ist das nicht nur unerwiesen, sondern auch unrichtig. Es ist 
auch einseitig und gar nicht berechtigt, alle sozialhygienische Fürsorge für 
das Pflegepersonal in der Verkürzung der Arbeitszeit erschöpfen zu wollen. 
Anderes Wichtiges — wie u. a. Kolb hervorgehoben hat — kann da noch 
geschehen: Vor allem sorgfältige körperliche Auslese bei der Einstellung, 
dann Sorge für gute Ernährung, Ruhepausen nach dem Essen, ergiebige 
Nachtruhe, selbstverständlich strenge Scheidung zwischen Tag* und Nacht» 
Schicht, Einschaltung von freien Tagen, mehrwöchiger Jahresurlaub, regel» 
mäßiger Wechsel im Dienst auf schweren und leichteren Stationen, Schaffung 
gesundheitsmäßiger freundlicher Wohn* und Erholungsräume, gut auskötnm* 
liehe Lohnverhältnisse, Altersversorgung, Hebung der sozialen Stellung, 
eventuell Beamtencharakter, geeignete berufliche Schulung und Fortbildung, 
Hebung der allgemeinen Bildung, Darbietung edler Vergnügungen, für Ver» 
heiratete Ermöglichung geregelten Familienlebens, eventuell ländliche Siede» 
lung in der Nähe der Krankenanstalt (wie es heute vielfach schon bei 
Irrenanstalten der Fall ist), Heranbildung des Pflegerstandes zu bewußter 
Mitarbeit am Organismus des Anstaltsbetriebes. — Durch Gewährung 
solcher Fürsorge wäre zugleich die vielleicht ungünstigere Stellung in der 
Frage der Arbeitszeit gegenüber den Industriearbeitern mehr als wett 
gemacht. 

In dem erwähnten Verhandlungsprotokoll heißt es in einem Referat: 
„In keiner der großen Krankenanstalten, wo der Achtstundentag schon 
eingeführt ist, haben sich irgendwelche Nachteile für die Kranken, wohl 
aber sehr viele Vorteile für diese (!) wie auch für das Personal ergeben.“ 
Diese Behauptung läßt sich heute schon aus einem ziemlich ergiebigen 
Erfahrungsmaterial nachprüfen. Über die Wirkung auf die Krankenfürsorge 
wird in dem nächsten Abschnitt zu reden sein. Hier indes ist noch zu 
handeln über die Wirkung der radikalen Arbeitsverkürzung auf das Personal, 
wie sie sich in den Mitteilungen der Ärzte und Anstaltsleiter spiegelt, die 
seit 1 bis 3 Jahren die Neuregelung erprobt haben. 

Schlomer (1. c.), der für den Achtstundentag eintritt, steht in der 
zugänglichen Literatur jedenfalls allein da mit der Ansicht, daß Verkürzung 
der Arbeitszeit „stets eine Hebung des beruflichen, geistigen und sittlichen 
Niveaus der Pfleger bedinge“; er verspricht sich von dieser Verkürzung 
auch für das Pflegepersonal die Möglichkeit, größere Welterfahrung zu 
gewinnen durch Herausgehobensein aus der engen und kleinlichen Atmo* 
Sphäre des Krankenhauses, — dadurch werde auch das seelische Verständnis 
für die Kranken nur gewinnen. Eine solche Ansicht rechnet freilich nicht 
mit der Wirklichkeit, nicht mit den menschlichen Schwächen. So werden 
denn auch von vielen Seiten, wo die Achtstundenregelung längst getroffen 
ist, die ungünstigsten Erfahrungen mitgeteilt über die Wirkung der ver* 
kürzten Arheits» bzw. vermehrten Freizeit auf die dienstliche wie per* 
sönliehe Qualität der Pflegepersonen, 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


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Aus der Anstalt Haar, wo der Dreischichtwechsel durchgeführt ist, weist 
Blachian l ) darauf hin, wie es ein Unding sei, wenn ein junger Pfleger 
im besten Leistungsalter allwöchentlich einen völlig freien Tag und dazu 
sechs freie Vor« oder Nachmittage (!) habe, und wie durch die Freizeit und 
deren Mißbrauch auch das Niveau der Arbeitsleistung beeinträchtigt worden 
sei. — Im Niederrheinischen Provinziallandtag führte der Landeshauptmann 
Horian darüber Klage, daß bei gewissen Formen der 48*Stundenwoche auf 
das Jahr 180 freie Tage entfielen; das Personal müsse sich im Dienst von 
den Strapazen der Freistunden erholen 2 ). Kolb 3 ) hat beobachtet, daß 
durch Häufung der Freizeiten besonders die jüngeren Pflegerinnen in erhöhtem 
Maße sittlichen und gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt Seien. — Eine 
Anstalt in der Provinz Sachsen hatte über Häufung der Diebstähle zu 
klagen; bei Anlaß der häufigen Ausgänge erwies sich die Versuchung als 
groß, Eigentum der Anstalt, der Mitpflegerinnen und selbst der Kranken 
mitlaufen zu lassen. — Der ärztliche Direktor einer großstädtischen 
Anstalt erklärt: „Die viele Freizeit ist in der Großstadt für das weibliche 
Personal direkt ein Verderb. Es häufen sich Schwangerschaften und Aborte 
(eine Klage, die auch sonst vielfach laut wird; Krankmeldung wegen „Unter* 
leibsleidens“); die schwärmenden Mädchen kommen oft erst nachts zwischen 
2 und 3 Uhr zurück, jede Kontrolle lehnen sie in Übereinstimmung mit 
der Organisation als unberechtigten Eingriff in ihre persönliche Freiheit ab. 
Einschlafen im Dienst kam vor. Kann man in solche Hände noch mit 
gutem Gewissen die Verantwortung für (fie Kranken legen? Gewiß sind 
nicht alle so, aber doch wird durch derartige Elemente das gesamte Niveau 
verschlechtert und der Dienst geschädigt. Jede Woche machen sich neue 
Rundschreiben nötig, um an selbstverständliche Pflichten zu erinnern. Die 
Oberschwestern erklären sich kaum noch imstande, den Betrieb aufrecht 
zu erhalten wegen mangelhafter Pflichterfüllung des Personals“. 

Wattenberg führt 4 ) nach einjähriger Erprobung des Achtstundentages 
an der Lübecker Staatsirrenanstalt aus: Von einer ausruhenden Wirkung 
der vielen Freizeiten sei nichts zu beobachten gewesen, der große Teil des 
Personals sei vielmehr infolge zuchtloser Ausnutzung der Freizeit in müdem 
und abgehetztem Zustande erschienen; in nie gekannter Häufigkeit sei Ein* 
schlafen im Dienst, sogar auf verantwortungsvollem Posten, vorgekommen. 
Die Leistungen der Nachtwachen seien zeitweise derart schlecht gewesen, 
daß alle paar Tage Ablösung nötig war. Man habe ein allgemeines Sinken 
des ethischen und moralischen Niveaus feststellen müssen: Unordentlich* 
keit, Verstöße gegen die Hausordnung bei nächtlichem Nachhausekommen, 
Trunkenheit, Unehrlichkeit, Diebstähle, selbst Einbruchsdiebstähle; den 
Kranken sonst gewährte Erleichterungen hätten gestrichen werden müssen, 
weil nicht genügend vertrauenswertes Personal zur Überwachung der Kranken 
vorhanden war. — Lienau (Hamburg) hat auf dem Psychiatr. * Neurol. 
Kongreß in Kiel November 1920 erklärt: „Das früher durchaus tüchtige 
Personal ist durch Hetzschriften und unter Zusicherung des Schutzes der 
Arbeiterorganisationen im höchsten Maße verwildert. Mißhandlungen von 

*) Allg. Zeitschrift f. Psych., Bd. 76, Heft 2. — Neuerdings ist übrigens in Haar 
wie im benachbarten Eglfing zur 52 %*Stunden\voche übergegangen worden. 

*) Sanitätswarte XXI, 1. 

3 ) 1. c. 

4 ) Psychiatrisch*Neurologische Wochenschrift 1919 20, Heft 51 52. 


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M. Thumm, 


Geisteskranken, Diebstähle und Unpünktlichkeit im Dienst gehören zur 
Tagesordnung.“ — Von verschiedenen Seiten — z. B. Dresdener Krankem 
anstalten — ist darauf hingewiesen worden, daß die vermehrte Freizeit den 
allgemeinen Gesundheitszustand beim Pflegepersonal keineswegs günstig 
beeinflußt habe, es haben sich sogar die Erkrankungsfälle — oder doch 
mindestens Krankmeldungen — gegen früher wesentlich erhöht. Bei diesen 
Krankmeldungen wird zum Teil recht rücksichtslos verfahren, z. B. ist es 
kein seltenes Vorkommnis, daß Pflegepersonen abends eine halbe Stunde, 
ehe sie zur Nachtwache antreten sollten, von draußen hereintelephonierten, 
sie wären erkrankt und könnten nicht kommen; es mußte dann Hals über 
Kopf für Ersatz gesorgt werden, der überdies noch mit Überstunden zu 
entschädigen war. — Im Badischen Landtag hat am 1. Juli 1920 der 
Berichterstatter über das Anstaltswesen bewegliche Klage darüber geführt, 
daß man kein pflichttreues, vertrauenswürdiges Personal mehr habe. Es 
wurde erwähnt, daß in der Anstalt Wiesloch auf einer Abteilung für ruhige 
Arbeitende die Kranken auch im Sommer morgens bis 7% Uhr in den 
Betten liegen bleiben mußten, weil im Zusammenhang mit der Einführung 
des Achtstundentages das Personal früher zum Dienst anzutreten sich 
geweigert und dabei mit sehr energischen Mitteln gedroht hatte. — Von 
vielen Seiten wird darüber geklagt, daß das diensttuende-Personal von dem 
dienstfreien, das sich zum Teil auf den Abteilungen herumtreibe und da 
aus* und eingehe, gestört und abgelenkt werde. 

Naturgemäß machen sich cfie schädigenden Wirkungen der übermäßig 
reichlichen Freizeit am auffallendsten bemerkbar beim weiblichen, ins* 
besondere jüngeren Personal. Verheiratete Pfleger werden meist einen 
nützlichen Gebrauch von ihrer Zeit zu machen wissen, indem sie sich der 
Familie widmen oder in der Garten* und Tierwirtschaft betätigen. Freilich 
auch hier schleichen sich, wie die Erfahrung gezeigt hat, wieder Mißstände 
ein: Gerade der Tüchtige und Strebsame, der sich von einem Halbtagwerk 
nicht befriedigt fühlt, unterliegt leicht der Versuchung, die Freizeit zu 
benutzen, um noch irgend einem Gewerbe nachzugehen, vor allem im 
früheren Beruf, in einem Handwerk u. dgl. zu arbeiten. Kommt er dann 
ermüdet in den Dienst, so geht eben jene Betätigung auch wieder auf 
Kosten des eigentlichen Berufsinteresses und der beruflichen Leistungen, 
und das Endergebnis wird gleich dem beim weiblichen Personal zu rügenden. 

Es kann nun eingewendet werden, daß in der obigen Aufzählung von 
schlimmen Wirkungen dem Achtstundentag Unrecht geschähe, indem ihm 
zur Last gelegt werde, wofür im Grunde gar nicht er verantwortlich zu 
machen sei, sondern der Zeitgeist mit seinen Erscheinungen allgemeiner 
Demoralisierung. Diesem Einwurf wird einiges Recht nicht abzusprechen 
sein. Gar zu leicht wird bei Kampfeseinstellung übertrieben — von beiden 
Seiten. Sicherlich wird man im obigen Sündenregister des Achtstunden* 
tages einige Einschränkungen machen müssen, namentlich hinsichtlich des 
Mangels an allgemeiner Disziplin, an Verantwortlichkeit und Pflichtgefühl. 
Die gleiche Einschränkung möchte man auch hinsichtlich der Entwendungen 
und Diebstähle machen, die zum Teil wohl doch auch der allgemeinen 
Lockerung der Begriffe von Mein und Dein zur Last gelegt werden müssen, 
die durch alle Stände hindurch — auch außerhalb des Achtstundentages — 
beobachtet wird; freilich aber muß man sich auch gegenwärtig halten, daß 


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Achtstundentag und Krankcnpflegebcruf. 


193 


der Achtstundentag durch die häufige Gelegenheit zu Ausgängen und durch 
die Unmöglichkeit einer geordneten Inventarführung im dreischichtigen 
Personalwechsel die Versuchung für wankende Charaktere erhöht. Hier 
wie sonst wird niemand exakt feststellen können, in welcher Weise und 
an welcher Grenze die Wirkungen des Achtstundentages und der all* 
gemeinen Zeiteinflüsse sich mischen. Aber auch wenn man so noch Ein« 
Schränkungen und Abzüge billigerweise machen muß, so wird man nach 
den zahlreichen übereinstimmenden Zeugnissen doch nicht umhin können, 
zuzugeben, daß die radikale Kürzung der Arbeitszeit und die damit ver* 
bundene übermäßige Freizeit auf das Personal und seine Dienstübung viel« 
fach demoralisierende Wirkungen tatsächlich ausgeübt hat. 

In gewissem Sinne läuft der Achtstundentage sogar dem wohlverstan« 
denen Interesse des Personals selbst zuwider, dessen eigene Existenz ge« 
fährdet wird, wenn die unerträglichen finanziellen Lasten zu einer Ent* 
völkerung der Krankenanstalten', zu einer Schließung privater — oder von 
charitativen Verbänden getragener Krankenhäuser oder zu einer ersatzweise 
vermehrten Einstellung von Krankenpflegepersonen, die geistlichen oder 
Ordensverbänden angehören, führen müßten. Kolb (1. c.) macht darauf 
aufmerksam, daß es bei einer Vermehrung des Personals um 100 Proz. weit 
schwerer sein wird, die wünschenswerten Verbesserungen der allgemeinen 
sozialen und wirtschaftlichen Lage des Pflegerstandes durchzusetzen; bei 
weiterer Beschneidung der Pflichten würden wohl auch Beschränkungen 
der bisherigen Vorzugsrechte des Standes unausbleiblich sein (Urlaube, 
Sicherung gegen Kündigung und Entlassung, freie Wohnung und Bekösti* 
gung. Recht auf frühzeitige Pensionierung in manchen kommunalen und 
bundesstaatlichen Betrieben); endlich sei auch darauf aufmerksam zu machen, 
daß namentlich auf dem Lande und in kleinen Städten eine wahre Er* 
bitterung gegen das Pflegepersonal hochwachse angesichts seiner vielen 
Freizeit bei hoher Bezahlung. 

Ich glaube nach den Darlegungen dieses Abschnittes so weit gehen zu 
können, zu sagen: Die unterschiedslose Durchführung des Achtstunden* 
tages ist nicht nur nicht notwendig, sondern in mancher Hinsicht be* 
denklich für die Erhaltung der körperlichen und psychischen Leistungs* 
fähigkeit, Berufstüchtigkeit und Berufsmoral der Krankenpfleger. 


3. Achtstundentag und Krankenfürsorge. 

Es sind zwei Hauptformen des Achtstundentages, die für die praktische 
Anwendung in Frage kommen: Die zusammenhängende, ungeteilte Arbeits« 
form, die den regelmäßigen Dreischichtwechsel innerhalb 24 Stunden ein* 
schließt, — und die geteilte Arbeitszeit, die in eine meist zwölfstündige 
Anwesenheit einige Stunden Pause einschließt oder durch vermehrte freie 
Tage einen Ausgleich schafft für die gegenüber der Achtstundenschicht 
verlängerte Arbeitszeit; Einschränkung der Pausen führt hier natürlich zu 
entsprechender Vermehrung der dienstfreien Tage. — Die schlechteste 
Regelung ist diejenige, die einen Tag vollen Dienst vorsieht und dafür 
jeden zweiten Tag als dienstfrei; hierbei kommt das Personal überhaupt 
nicht aus der quasi Ferienstimmung, hat ständig sich in die Arbeit neu 
einzuleben und ist niemals richtig im Bilde über die Ereignisse des Vor* 
tages und die daraus gegebenen Notwendigkeiten. Im übrigen haben beide 

Öffentliche Gesundheitspflege. 1922. 13 

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194 


M. Thumm, 


Systeme, das der geteilten und das der ungeteilten Dienstübung, ihr Für 
und Wider. Die Krankenpflegeorganisationen verlangen die letztgenannte, 
weil sie glauben, daß nur im regelmäßigen Dreischichtwechsel sicher eine 
Überschreitung der Achtstundenleistung zu vermeiden sei; sie mißtrauen 
dem Pausensystem, weil sie befürchten, daß auch während der Pause 
gelegentlich eine Heranziehung zu irgendwelchen Leistungen erfolgen und 
praktisch so wieder eine Verlängerung der Arbeitszeit gewissermaßen ein« 
geschmuggelt werden könne. 

Der Dreischichtwechsel ist klarer und ermöglicht eine genauere Kontrolle 
der Anwesenheit des Personals: Der Pfleger hat während dieser acht Stunden 
ständig anwesend zu sein, auch die Essenszeiten fallen außerhalb der Dienst« 
zeit, während beim Pausensystem oft schwer festzustellen ist, ob ein die 
Station verlassender Pfleger dies zu Recht tut oder nicht; unzuverlässige 
Elemente haben es dabei auch leichter, sich auf angebliche Abwesenheit 
herauszureden, wenn irgendwelche Vorkommnisse gerügt werden müssen. 
Die geteilte Arbeitszeit führt auch leicht zu dem immer zu bekämpfenden 
Versuch, die freien Tage zusammenzulegen, eventuell drei bis fünf anein« 
anderzureihen, wodurch das Personal den Kranken und dem Dienst allzu« 
sehr entfremdet wird. Andererseits führt der Dreischichtwechsel zu einer 
ganz unerträglichen Auseinanderreißung des Dienstes, die sich nicht nur 
an bestimmten Tagen, sondern alle Tage wiederholt. Außerdem beansprucht 
der ungeteilte Achtstundentag, wie schon erwähnt, um 18 bis 20 Proz. mehr 
Pflegepersonal. 

Die Technik der Diensteinteilung ist örtlich ganz verschieden geübt. 
Um zu zeigen, wie kompliziert die Dinge da liegen und wie schwierig es 
ist, im Rahmen des Achtstundentages halbwegs übersichtliche Verhältnisse 
im Dienst zu bekommen, führe ich einige Beispiele an: In den großen 
Dresdener.Krankenhäusern hat das gesamte Hilfspersonal ungeteilte acht« 
stündige Arbeitszeit und dazu wöchentlich einen freien Tag, die Stations« 
Schwestern haben geteilte Arbeitszeit. Die Aufstellung der Dienstpläne 
hat große Schwierigkeiten gemacht, da die einzelnen Stationen sehr ver« 
schieden versorgt werden müssen und sich die Durchführung einer einheit« 
liehen Schablone als unmöglich erwies. Die städtische Heil« und Pflege« 
anstalt in Dresden hat für die Pfleger den Dreischichtwechsel, für das 
weibliche Pflegepersonal die 48«Stundenwoche mit geteilter Arbeitszeit und 
jede zweite Woche zwei freie Tage, jede dritte Woche drei. — In den 
Magdeburger städtischen Krankenhäusern ist der Dienst von 7 bis 1 
und von 3% bis 7 Uhr, in den übrigen Zeiten tritt Wachdienst ein. — 
Im Rudolf«Virchow«Krankenhaus, Berlin: ungeteilte Arbeitszeit mit 
Überschneidung der Schichten 7 bis 3, 12 bis 8, 3 bis 11, 11 bis 7 Uhr. 
Diese Überschneidung hat aber wieder die Wirkung, daß gerade in den 
Mittags« bzw. frühen Nachmittagsstunden, wo es auf den Abteilungen am 
ruhigsten zu sein pflegt, überflüssigerweise doppeltes Personal vorhanden 
ist, während es möglicherweise in den wichtigsten Vormittagsstunden fehlt. 
Das Krankenhaus Berlin«Moabit hat den durch mehrstündige Mittags« 
pause geteilten Dienst bei 48 Wochenstunden. 

Die Landesheilanstalten der Provinz Sachsen haben die 56*Stunden< 
woche, wobei die Einteilung im einzelnen jeder Anstalt überlassen bleibt. 
Altscherbitz folgt dem Prinzip, die tägliche Dienstzeit nicht durch größere 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


195 


Pausen zu trennen und trotz des häuflgen Wechsels eine gewisse Einheit« 
iichkeit für den Dienst zu retten; es kommt so zu folgendem komplizierten 
Schichtwechsel: Gruppe I hat 14 Stunden Dienst, von 5 Uhr vormittags 
bis 7 3 / 4 Uhr nachmittags; Gruppe II 9% Stunden, von 5 Uhr vormittags 
bis 3 Uhr nachmittags (beide Gruppen mit 40 Minuten Mittagspause); 
Gruppe III 4 z / 3 Stunden, von 3 bis 7 8 / 4 Uhr nachmittags; dann tritt Nacht* 
wache ein; jede Pflegeperson hat an je zwei Tagen einer Woche eine dieser 
drei Dienstformen zu übernehmen. — Die Badischen Heilanstalten haben 
die 52 * Stundenwoche. Kolb (Erlangen) schlägt vor, wo die Einführung 
der 48 * Stundenwoche erzwungen werde, 14 oder 15 Stunden Dienst an 
einem Tage tun zu lassen und dann durch ganze freie Tage zu entschädigen; 
erbetont, daß es darauf ankomme, immer die gleiche Ablösung für den 
gleichen Posten zu haben, ferner, daß der Abteilungsdienst der Ärzte und 
Oberpfleger vertieft, und daß der Posten der Stationspfleger doppelt besetzt 
werden müsse so, daß sie sich bei Dienstwechsel um einen Tag über* 
schneiden: 8 (7 + 1 ) x 15 Stunden, dann fünf bis sechs Tage frei. 

In der oberbayerischen Kreisanstalt Eglflng ist Dreischichtwechsel 
eingeführt, und zwar für den Tag 7%, für die Nacht 9 Stunden, die Arbeits* 
pfleger (Werkstätten, Landwirtschaft usw.) haben geteilte Dienstzeit (8 bis 
12, 2 bis 6). 

Die westfälische Heilanstalt Aplerbeck legt Wert darauf, die Vor* 
mittagsstunden besonders reichlich zu versorgen und läßt deshalb mit der 
Hauptschicht früh um 7 Uhr eine zweite Schicht gleichzeitig mitantreten, 
die dann um 12 Uhr wieder abgelöst wird und frei hat bis zum nächsten 
Morgen. — In den Heilanstalten der Rheinprovinz wird der Achtstunden* 
tag in verschiedener Weise durchgeführt, teils im reinen Dreischichtwechsel, 
teils so, daß das Personal jeden dritten Tag und jeden zweiten Sonntag 
frei hat (130 freie Tage im Jahre!), teils so, daß jeder vierte oder fünfte 
Tag frei sind. Wiehl, der Referent des Irrenwesens in der Rheinprovinz, 
kommt aber zu dem resignierten Ergebnis: „alle diese Einrichtungen haben 
die gleichen Nachteile für die Krankenpflege und die Einheitlichkeit des 
Krankendienstes“. 

Auch die Regelung des Nachtdienstes ist sehr verschieden. Meist ist 
er zu acht Stunden angesetzt; die Wachen lösen dann erst abends um 
10 Uhr ab, und das ist im Interesse der Kranken, die um diese Zeit längst 
Ruhe haben sollen, zu spät; auch 9 Uhr muß für den Wachantritt, der 
regelmäßig Unruhe verursacht, noch als zu spät gelten. Wo der Nacht* 
dienst, wie in Eglflng und Haar, auf neun Stunden verlängert ist, hat 
das Personal zugestimmt und sich dafür Vorteile für die Tagesschichten 
gesichert. Dcneke (Hamburg St. * Georg) läßt elf Stunden wachen an 
fünf aufeinanderfolgenden Tagen und gibt dafür zwei Tage ganz frei; er 
will damit etwa außerhalb wohnenden Pflegerinnen den Weg von und zur 
Dienststätte so ermöglichen, daß er nicht in ungünstigen Nachtstunden 
zurückgelegt zu werden braucht; da auf den meisten Stationen nachts der 
Dienst lediglich in Bereitschaft bestehe, sei das Personal auch mit dieser 
Regelung einverstanden und fühle sich keineswegs überanstrengt. — Sehlomer 
dagegen will den Nachtdienst als vollwertig genommen wissen mit der 
Begründung, daß für die Nachtwachen der Erholungsschlaf am Tage niemals 
dem Nachtschlaf gleichwertig sei. — In der städtischen Heilanstalt Dresden 


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196 M. Thumm, 

liegen gar die Verhältnisse so, daß während der 11% Nachtstunden noch 
einmal eine Ablösung eintritt: die erste Nachtschicht hat nur die Hälfte 1 
der Zeit (gleich 5 3 / 4 Stunden) zu wachen und legt sich alsdann zum Bereit* j 
schaftschlafen, das aber voll als Dienst gerechnet wird. 

Man sieht, wie das vielfältige Experimentieren, zu dem der Acht* 
stundentag, da wo er eingeführt wurde, gezwungen hat, geradezu zu einer 
Wirrnis von Unübersichtlichkeit in den dienstlichen Verhältnissen geführt 
hat. — Der Kernpunkt aber der Frage nach den Wirkungen des acht* 
stündigen Arbeitstages auf die Krankenfürsorge, liegt darin, daß der häufige 
Wechsel der Pflegenden, den er notwendig macht, dem Grundwesen dieser 
Fürsorge widerstreitet. Das gilt vor allem, aber keineswegs ausschließlich, j 
für die Schwerkranken. So wenig ein ständiger Arztwechsel die Kranken ; 
und die Krankenbehandlung günstig beeinflussen kann, so muß auch der j 
häufige Wechsel der pflegenden Hand die Stetigkeit und Gleichmäßigkeit 
in der Versorgung des Kranken wesentlich stören. Jeder Wechsel bringt 
Unruhe und ein neues Sicheinarbeitenmüssen. Aber nur wer ständig um 5 
den Kranken ist und die volle Verantwortung für ihn trägt, kann die dem 
Kranken so wohltuende, auf Erfahrung ruhende Gleichmäßigkeit schaffen. 

Die Erfahrung mit den vielen kleinen und im Einzelfall in der Anwendung 
selbsterprobten Handgriffen zu zweckmäßiger Lagerung, beim Umbetten, j 
beim Nahrungs* und Medikamentreichen und bei Entleerungen, wie sie bei j 

hochfiebernden innerlich oder infektiös Kranken, bei Schwerdyspnoischen, ] 

Kachektischen, bei Kranken im Puerperium und bei frisch Operierten nötig j 

sind, läßt sich unmöglich beim Wechsel der Schicht an einen anderen j 

abgeben. — Der häufige Wechsel schreckt den Kranken, macht ihn ängstlich, ? 

in seinem Vertrauen unsicher, nimmt ihm das so wichtige Gefühl der l 

Geborgenheit. Jeder Krankenhaus* und Anstaltsarzt erlebt es häufig genug, j 

wie schwer die Kranken eine Verlegung auf eine andere Station nehmen, j 

weil sie das Herausgerissenwerden aus vertrauten Verhältnissen und von j 

einer Pflegeperson weg, an die sie gewöhnt waren, als eine sie ängstigende ! 

Verschlechterung ihrer Lage empfinden; einer ähnlichen Sachlage fühlen 
sich die Kranken beim Schichtwechsel immer wieder ausgesetzt. Manchen* 
orts, wo der Achtstundentag besteht, wird von Klagen der Kranken berichtet, 
daß sie gar nicht zur Ruhe kämen, nicht mehr wüßten, an wen sie sich j 
zu halten hätten, daß ihre Klagen nicht weitergegeben würden und ähnliches. 

Bei Beschwerden der Kranken über das Personal verzögert sich die Unter* 
suchung, weil — wie das so zu gehen pflegt — gerade immer der Benötigte 
frei hat oder je nach Diensteinteilung vielfach tagelang den Arzt nicht zu \ 

Gesicht bekommt. — Neben der Kontinuität und Verläßlichkeit in der j 

Pflege kann leicht auch die in der Beobachtung der Kranken verloren 
gehen und die Berichterstattung an den Arzt leiden. Bei den ärztlichen 
Visiten ist immer wieder anderes Personal anwesend, das vielfach über die 
körperlichen und seelischen Veränderungen am Krankenbett sich als un* 
orientiert erweist. Namentlich wird geklagt (Falkenberg, Kolb), daß 
häufig beim Schichtwechsel ärztliche Anordnungen gar nicht oder falsch 
weitergegeben oder von anderen mißverstanden oder daß wichtige Ge* 
schchnisse nicht gemeldet wurden. Eine genaue derartige Berichterstattung 
über jeden Kranken ist auch bei dem in der Regel rasch vor sich gehenden 
Schichtwechsel geradezu ein Ding der Unmöglichkeit; auch schriftliche 

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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


197 


Meldungen müssen, wie jeder in der Praxis Stehende beurteilen kann, 
unzulänglich bleiben. Und wie soll bei dann erfolgten Versäumnissen der 
Schuldige zur Verantwortung gezogen werden können? Diese Schwierig* 
keit für sich auszunutzen, sind jedenfalls gerade die minderwertigen Elemente 
stark versucht. Den Schaden aber haben die Kranken. — Es wird behauptet, 
daß gelegentlich auch Wundinfektionen bei chirurgisch Kranken und Ver* 
schleppung kontagiöser Stoffe bei Seuchenkranken durch Verstöße und 
Versäumnisse aus Anlaß des häufigen Personalwechsels verschuldet wurden. — 
Es braucht der Einwand nicht erhoben zu werden, daß alles dieses auch 
außerhalb des Achtstundentages Vorkommen könne und vorgekommen sei; 
es genügt, wenn die bisherige Erfahrung ergeben hat, daß die Gefahren* 
aussichten durch den Achtstundentag vermehrt, also die Krankenfürsorge 
verschlechtert worden ist; das aber wird man nach den mancherlei Be* 
kundungen erfahrener Krankenhauspraktiker als erwiesen ansehen müssen. 

Der häufige Schichtwechsel führt zu Unruhe und vielfachen Störungen 
auf den Abteilungen. Falkenberg (1. c.) machte die Erfahrung, daß das 
Verantwortungsgefühl vielfach nachließ, einer sich auf den anderen verläßt; 
gern werden auch unangenehme Stationsarbeiten oder Dienste am Kranken 
hinausgeschoben, so daß sie in die nächste Schicht fallen; daß sie dann 
auch dort nicht freudig aufgenommen und ausgeführt werden, liegt auf der 
Hand. Deneke (1. c.) macht darauf aufmerksam, daß auf Abteilungen 
mit Leichtkranken, Genesenden, Haut* und Geschlechtskranken, wenn auch 
die Notwendigkeit einheitlicher Krankenfürsorge nicht im gleichen Maße 
vorliege wie bei Schwerkranken, doch auch hier die Verantwortung des 
Pflegepersonals nicht unterschätzt werden dürfe; denn je leichter die 
Krankheitsfälle, um so schwieriger die Aufrechterhaltung der Disziplin auf 
den Krankensälen; niemand könne die Gewähr gegen Verbreitung von 
Infektionskrankheiten übernehmen, wenn Geschlechtskranke die Anstalt 
verließen, um sich in Vergnügungslokalen umherzutreiben, und wenn Be* 
sucher ohne Rücksicht auf die Verbote in die Abteilung für ansteckende 
Kranke eindrängen; so auch sei jeder Heilerfolg preisgegeben, wenn, wie 
geschehen, Lungenkranke anstatt ihre Liegekur durchzuführen, Kneipereien 
und Tanzvergnügen aufsuchen. 

Weniger Wert möchte ich auf die nur vereinzelt berichteten Fälle 
legen, wo Pflegepersonen sich aus Anlaß des Schichtwechsels gröbster Ver* 
Stöße schuldig machten. So wird in einer Eingabe des Vorstandes der 
Vereinigung der Krankenhausärzte 1 ) berichtet, daß in einem Kölner 
Krankenhause ein Krankenwärter eine dringende Hilfeleistung ablehnte, 
weil seine acht Stunden abgelaufen waren, und erst der Betriebsrat an* 
gerufen werden mußte, um den Mann dazu zu veranlassen, einen Schwer* 
kranken noch nach dem Operationssaal zu bringen. — Ähnlich ist erwähnt 2 ), 
daß in einer anderen Krankenanstalt mitten unter der Operation ein 
Operationswärter den Saal verließ, und seine Ablösung erschien. Man 
wird solche Einzelvorkommnisse nicht zu sehr verallgemeinern dürfen, aber 
immerhin zeigen sie, daß das System ethisch minderwertigen Menschen 
Gelegenheit zu solchem Mißbrauch bietet. Darum erscheint auch die im 
„Vorläufigen Gesetzentwurf“ usw. vorgesehene Bestimmung, Arbeitszeiten 

*) PsvchiatrischsNeurologisehc Wochenschrift 1 ( >20 21, Heft 17 IS. 

2 ) Zeitschrift für Krankenanstalten l l >2(), S. 2<>4. 


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M. Thumm, 


und Pausen für die einzelnen Schichten und Stationen durch Aushang j 

bekannt zu geben, besonders bedenklich; diese Bestimmung kann doch nur j 

so gemeint sein, daß sie das unmögliche und verderbliche automatische j 

Eintreten der nächsten Schicht erleichtern soll. In den städtischen Kranken* 
anstalten Kölns, aus denen der erwähnte mißbräuchliche Fall berichtet 
wird, hatte das männliche Personal in der Tat diesen Aushang der Arbeits* 
Zeiten durchgesetzt. 

Der Gesetzentwurf sieht allerdings für besondere Notfälle Überstunden ! 

vor, die in ein besonderes Verzeichnis eingetragen werden sollen. Diese j 

Begrenzung durch besondere „Notfälle“ ist aber zu eng; Deneke hat j 

sicherlich recht, wenn er sagt: eine große Anzahl Schwerkranker, fast alle ■ 

Hochfiebernden, viele Infektionskranke, alle Diphtheriekranken mit Luft* I 

röhrenschnitt können tatsächlich nicht nach dem Schichtsystem ausreichend I 

verpflegt werden. — Und wer soll denn verantwortlich dafür sein, daß die 
etwaigen Überstunden in das Verzeichnis eingetragen werden? Hat jede , 
Pflegeperson ihr Heft bei sich, in dem sie ihre Taten bucht? Und auf 
wen fallen die angedrohten Geld* und Gefängnisstrafen bei Überschreitung ; 

der Dienstzeit — auf die Schwester, die einem Schwerkranken freiwillig • 

diente? oder auf den Arzt, der es im Interesse des Kranken hat geschehen 
lassen, vielleicht aber auch selbst nicht davon wußte? Dabei ist zu be* 
denken, daß diese Strafankündigung nicht etwa gegen gewinnsüchtige Aus* I 
beutung gedacht ist, wie sie doch wohl nur selten und lediglich in einem 
Privatbetriebe denkbar wäre, sondern ganz allgemeine Geltung haben sollte. j 

Es scheint mir sicher, daß ein halbwegs geordneter Krankenhausbetrieb 1 

bei restloser schematischer Anwendung des Dreischichtwechsels nicht durch* I 

führbar ist. Mindestens muß die Stationsschwester geteilte Arbeitszeit | 

haben, so daß in allem sonstigen Wechsel wenigstens eine gewisse Ein* 
heitlichkeit aufrecht erhalten bleibt, vorausgesetzt, daß die Hauptpflegeperson 
bei allen ärztlichen Visiten und Untersuchungen zugegen ist und die Ver* 
antwortung trägt für den Kranken wie für genaue Ausführung aller Ver* 
Ordnungen. Es ist klar und folgt unmittelbar aus der praktischen Sachlage. ; 
daß auf sehr verantwortlichen Stationen, Aufnahme* und Schwerkranken* 
abteilungen die Stationsschwester nicht an die schematische, ob auch 
„geteilte“ Arbeitszeit gebunden werden kann; sie wird nicht an der genauen j 
Einhaltung einer festgelegten Arbeitszeit kleben können, wird auch in ihren 
Pausen für unvorhergesehene Vorkommnisse erreichbar bleiben wollen, öfter 
geholt, um Rat gefragt werden usw. Sie selbst wird das nicht anders 
wünschen. In der hervorgehobenen Stellung gegenüber den Mitarbeitern 
und in einem reichlicher bemessenen Jahresurlaub wird sie genügenden 
Ausgleich für gern gebrachte Mehrleistung finden. 

Der Dienst der Oberinnen (bzw. Oberpfleger) widerstrebt vollends 
jeder schematischen Festlegung auf eine gewisse Arbeitszeit; zu wichtige 
Funktionen sind in ihre Hände gegeben: Überwachung des gesamten 
Dienstes auf den Stationen, Diensteinteilung, Anleitung und Kontrolle des 
Personals zu jeder Zeit, auch der Nachtwachen; kein Schichtwechsel darf 
ohne sie erfolgen. Sie sind es, die unter allem Wechsel des Personals dem 
Gesamtbetrieb im besonderen den Rückhalt geben müssen. 

Noch, einige andere Punkte hinsichtlich der Durchführung des Acht' 
stundentages sind zu erwähnen: Eür den Arzt ist es ein Ding der Un* 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


199 


möglichkeit, das Personal bei dem vielen Wechsel gründlich kennen zu 
lernen und seine Leistungen zu beurteilen, fast unmöglich auch, jemals 
Ausbildungskurse zusammenzubringen. Die kurze Dienstzeit beeinträchtigt 
auch an sich die Ausbildung, nicht so sehr hinsichtlich der Erlernung 
mechanischer Handgriffe, sondern insofern, als es schwer halten wird, die 
jungen Leute, die nicht mehr von dem Nutznieß der älteren Schulung zehren 
können, einzuführen in den Geist des Berufs, seinen Ernst, seine Verant* 
wortlichkeit. 

Während im großen Krankenhause der] Betrieb des Operationssaales 
ja ohnehin mehrfache Besetzung der Einzelposten nötig macht, wird es im 
kleinen Krankenhause, wo wenig operiert wird, Schwierigkeiten verursachen, 
die Operationsschwester mit in die Achtstundenleistung einzugliedern. — 
ln Entbindungsanstalten wird der Dienst vielfach nur in einem Warten 
auf mögliche Inanspruchnahme bestehen. Soll überhaupt im allgemeinen 
Dienstbereitschaft gleich Arbeit im Sinne der achtstündigen Dienstleistung 
gehalten werden? Darüber schweigt sich der Gesetzentwurf aus. — Wie 
will man bei Isolierung einzelner Wärter mit infektiösen Kranken Acht* 
stundentag und Schichtwechsel durchführen, ohne Schädigung der Kranken 
und Gefährdung der Isolierung? Wie soll man eine Hebamme an acht* 
stündige Arbeitszeit binden können? — Für die Privat pflege sieht der 
Gesetzentwurf schon die Möglichkeit einer längeren Beschäftigungsdauer 
vor, Zustimmung der Betreffenden vorausgesetzt. Hier den Achtstundentag 
durchführen zu wollen, hieße jede häusliche Pflege für die Masse der 
Minderbegüterten überhaupt unmöglich machen. Ebenso unmöglich wäre 
es für eine Gemeindeschwester, sich an irgend ein Schema von Arbeitszeit 
zu halten, weil eben ihre Inanspruchnahme nach Zeit, Ort und Umfang 
unberechenbar und Ablösung dabei nicht durchführbar ist. — Daß auch 
schon die bauliche Anlage des Krankenhauses für unsere Frage eine 
gewisse Rolle spielt, betont Roesebeck 1 ), insofern nämlich die Verhältnisse 
beim Korridorsystem für den Achtstundentag günstiger liegen als beim 
Pavillonsystem, weil bei ersterem die Stationen unmittelbar beieinander* 
liegen und gegenseitige Aushilfe eher möglich ist; ebenso findet er kleine 
Abteilungen günstiger als sehr große. 

Besonderer Erwähnung bedürfen noch die Verhältnisse in der Pflege 
Geisteskranker. Was hinsichtlich der allgemeinen Krankenpflege gesagt 
war, hat hier doppelte Geltung. Es handelt sich ja hier, zum mindesten 
auf den Wach* und Pflegeabteilungen, um hilflose Kranke, die in der Regel 
nicht für sich selber sorgen, nicht über sich Bericht erstatten können; es 
fällt hier auch die bei körperlich Kranken immer noch mögliche und wohl 
in manchem Fall recht nützliche Kontrolle des Pflegers und der Ausführung 
der ärztlichen Anordnungen durch den Kranken selbst weg. Der Arzt 
kann nicht immer auf der Abteilung sein. Die Geisteskranken sind auf 
Treu und Vertrauen den pflegenden Personen in die Hand gegeben. — 
Es kommt hinzu, daß gerade Geisteskranke besonderen Gefahren ausgesetzt 
sind: Selbstschädigungen und Selbstmordversuche, die oft mit Raffine* 
ment und größter Energie ausgeführt werden, lassen sich nur durch gewissen* 
hafteste ununterbrochene Überwachung bei Tag und bei Nacht verhindern; 


*) Zeitschrift für Krankenanstalten 1 ( >20, Heft 33 34. 


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200 


M. Thumm, 


am besten wird vorgebeugt, wenn die Pflegeperson den Gemütszustand 
ihrer Schutzbefohlenen fortlaufend so beobachtet, daß jede noch so leichte 
Veränderung am Kranken ihr auffällt und sofort dem Arzt gemeldet werden 
kann; je häufiger die Pflegenden wechseln, desto unsicherer wird die Beob* 
achtung sein, desto mehr ist auch die Zuverlässigkeit und rechtzeitige 
Berichterstattung an den Arzt gefährdet. Andere Geisteskranke neigen 
zur Entweichung, die dann für sie selbst oder für die Allgemeinheit 
Gefahr bringen kann; wie für den Selbstmord, so auch für Entweichungen 
bietet die Zeit der Ablösung durch eine dem Kranken fremde Pflegeperson 
besonders günstige Gelegenheiten. Erregte Kranke können oft von Gewalt* 
tätigkeiten zurückgehalten werden, wenn sie von jemand betreut sind, der 
durch ständiges Umsiesein mit den Eigenheiten der Kranken vertraut ist 
und auf sie einzugehen weiß, während ungeschicktes Eingreifen leicht Un* 
heil anrichtet. Manche Kranke enthalten sich völlig der Nahrung, der 
Pfleger muß dann über das Verhalten des abstinierenden Kranken bei jeder 
Mahlzeit unterrichtet sein, um dem Arzt das Eingreifen mit der künstlichen 
Ernährung im richtigen Zeitpunkt zu ermöglichen. Ebenso ist zur recht* 
zeitigen Entdeckung der gefährlichen Harnverhaltung bei Paralytikern 
und zur Vorbeugung gegen den bei hinfälligen und kachektischen Geistes* 
kranken so schwer vermeidbaren Dekubitus die Kontinuität einer zu* 
verlässigen und gleichmäßigen Überwachung besonders wichtig, um schweren 
lebenbedrohenden Schaden von den Kranken abzuwenden. 

Es ist einleuchtend, daß in all diesen Hinsichten der Achtstundentag 
mit seinem häufigen Wechsel und der erhöhten Zahl von Pflegepersoncn, 
denen die Geisteskranken überlassen werden müssen, eine Erschwerung der 
Aufsicht und eine Gefährdung der Sicherheit des Betriebes und des Be* 
handlungserfolges, also eine Verschlechterung der Krankenfürsorge bedingen 
muß. Auch Mißhandlungen Geisteskranker durch das Personal und Un* 
ehrlichkeiten, z. B. in der Zurückhaltung von Speisen, die den Kranken 
zukommen, lassen sich schwer nachweisen und bekämpfen, wenn das 
Personal durch den häufigen Wechsel nicht mehr so fest in der Hand des 
Arztes ist. 

Einer weniger strengen Überwachung, als hier auseinandergesetzt, bedarf 
es innerhalb der Irrenanstalten höchstens auf den leichteren Stationen für 
besonnene arbeitende Kranke, die eventuell sogar freien Ausgang haben; 
hier sind dann aber auch, wie schon früher erwähnt, die Anforderungen 
an das Personal nicht derartig, daß sie eine Verkürzung des Dienstes bis 
auf acht Stunden täglich angemessen oder erwägenswert erscheinen lassen 
könnten. Übrigens nehmen derartige Abteilungen auch nur einen ganz 
geringen Bruchteil des Personals unserer Anstalten in Anspruch. 

Kolb hat ausgerechnet, daß bei der 48 * Stundenwoche noch nicht 1 / T 
des Personals den ganzen Tag anwesend ist. Blachian 1 ) gibt an, daß 
trotz Vermehrung des Personals um 100 Proz. seit Einführung des Acht* 
stundentages in der Heilanstalt Haar doch weniger Pfleger auf den Stationen 
anwesend waren als früher. Auch sonst haben Anstaltsdirektoren fest* 
gestellt, daß trotz verdoppelter Pflegerzahl die Abteilungen schlechter ver* 
sorgt waren als zuvor. Kolb mußte ohne Rücksicht auf die den Anstalten 


*) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 70, 2. 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


201 


stets drohende Gefahr der Tuberkulose* und Ruhrverseuchung die Kranken, 
selbst im Sommer, enger Zusammenlegen, um Personal zu sparen und den 
Betrieb auch nur einigermaßen übersichtlich zu halten. 

Undenkbar ist der Achtstundentag in Anstalten für kindliche und 
jugendliche Insassen, denn da soll Pflegearbeit zugleich erziehlich wirken; 
Erziehungsarbeit aber läßt sich nicht tagsüber beliebig aus einer Hand in 
die andere geben und in das Schema achtstündiger Arbeitszeit einspannen. 
Sehr mit Recht bemerkt Kolb in solchem Zusammenhänge: „Wie sollen 
wir unseren Fürsorgezöglingen und Psychopathen den Wert und die Be* 
deutung der Arbeit klar machen, wenn die Dienstzeit des Pflegepersonals 
diesen Grundsätzen widerspricht?“ 

4. Psychologische und ethische Gesichtspunkte. 

Nicht manuelle Geschicklichkeit allein, so wichtig sie auch für das 
Wohl und subjektive Behagen des Kranken sein mag, reicht aus für eine 
sachgemäße Krankenpflege. Hinzukommen müssen die seelischen Beziehungen 
zwischen dem Kranken und seiner Umgebung. Der Arzt sieht den einzelnen 
Kranken täglich nur kurze Zeit, während die pflegende Person die Möglich* 
keit und die wichtige Aufgabe hat, dauernd eine seelische Atmosphäre um 
den Kranken zu schaffen, die der Gesundung förderlich ist. Daß der 
Kranke selbst am liebsten gar keinen oder doch einen möglichst seltenen 
Wechsel seines Pflegers wünscht, ist außer Zweifel. Friedländers Ein* 
wurf, den er für den Achtstundentag ins Feld führt: Der häufige Wechsel 
sei ein Vorteil, weil er das unerwünschte Intimwerden zwischen Pfleger 
und Kranken verhindere, kann wohl nicht recht ernst genommen werden; 
Intimität im schlechten Sinne des Wortes wird gewiß niemand wünschen, 
mag er im übrigen für oder gegen Achtstundendienst sein. Der Kranke 
selbst aber hat nun einmal berechtigtermaßen das Bedürfnis Vertrauens* 
vollen Sichanlehnens und Sichgeborgenfühlejis. Und man kann ruhig sagen, 
daß dieses persönliche Verhältnis Kern und wesentlichster Bestandteil der 
Krankenpflege überhaupt ist, ja daß dieser seelische Faktor eine ganz 
große Rolle im Heilungsprozeß zu spielen berufen ist. So hat also der 
Pflegende, der seine Aufgabe richtig anfaßt, einen sehr wichtigen Anteil 
an der psychischen Behandlung des Kranken, die mit der Behandlung auch 
körperlicher Leiden als wesentliches, vielfach bestimmendes Element ver* 
bunden sein muß. 

Wo läßt der Achtstundentag mit seinem häufigen Personaltausch und 
Schichtwechsel noch Raum für ein solches persönliches Verhältnis? Wo 
soll der Pfleger noch die Zeit hernehmen, seinen Anbefohlenen auch 
menschlich näherzutreten, sich ihnen zu widmen, sich einmal in Ruhe zu 
ihnen zu setzen, ohne auf die Uhr zu schauen, einzugehen auf ihre per* 
sönlichen Wünsche, Sorgen und menschlichen Interessen? Der Pfleger, 
der seinen Schichtwechsel vor sich hat, kann nicht danach fragen, ob der 
Kranke ihn noch gern um sich hätte. Nun aber soll gerade der Kranke 
nie den Eindruck bekommen, daß er in Hast oder mit Begrenzung auf 
eine bestimmte Zeit versorgt wird; er soll das beruhigende Gefühl wie 
gegenüber dem Arzt so gegenüber dem Pfleger haben, als wäre er quasi 
der einzige Patient. Der Pfleger ist um des Kranken willen da. Nie soll 
der Kranke den Eindruck bekommen müssen, daß das Gegenteil der Fall 


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202 


M. Thumm, 


sei —, daß die Interessen des Personals denen der Kranken vorgehen. 
Der Achtstundendienst, vollends im Großbetrieb, macht den Kranken zur 
bloßen Nummer, wie es ja im Grunde dem gewerkschaftlichen Standpunkte 
entsprechen muß, der den Dienst am kranken Menschen der mechanischen, 
unpersönlichen Arbeit an Schraubstock oder Webmaschine gleichsetzt. 

Das persönliche Moment fällt dann dahin und damit wichtigste Gefühls» 
imponderabilien, mit ihnen aber auch ethische Werte. Krankenpflege 
muß ein Dienen bleiben, ein persönlicher Dienst am kranken Menschen 
unter Hintanstellung der eigenen Person. Es darf daher diesem Dienen 
der Charakter der Freiwilligkeit, des Opfersinns nicht ganz genommen 
werden, ohne es ethisch zu entwerten. Darum wäre es eine Ungeheuerlich* 
keit, wenn je der Vorschlag Gesetz würde, es dem Personal zu verbieten, 
ja es unter Strafe zu stellen, den Achtstundendienst aus eigenem Willen 
zu überschreiten, d. h.' — um mit Den'eke zu reden — dem Kranken 
ein freiwilliges Opfer zu bringen. Jeder Pfleger, der aus innerer Neigung 
seinem Beruf sich zugewandt hat, müßte sich dagegen wehren im Interesse 
seiner Berufsehre, daß die humane Auffassung des Berufs gegenüber der 
bloß geschäftsmäßigen zum Vorrecht der Diakonissen usw. gemacht werden 
sollte. 

Wie der Arzt seine Berufsübung nach deren Eigenart niemals in das 
Schema des Achtstundentages bringen kann, sondern für seine Kranken 
jederzeit bereit sein muß, so bedarf auch der Krankenpflegerberuf einer 
Sonderstellung. Denn beide Haben es zu tun nicht mit bloßen Objekten, 
sondern mit dem Menschen. Deshalb müssen eigene Rechte und Wünsche 
da zurücktreten, wo die höheren Pflichten gegenüber unseren Kranken 
beginnen. Beide, Ärzte und Pflegende, müssen sich im Blick auf dieses 
gemeinsame hohe Ziel als Glieder eines Ganzen fühlen, dem sie ihre 
Sonderinteressen, wo es not tut, gern und willig unterordnen. Dann wird 
auch kein Raum mehr sein für jene, die Zusammenarbeit vergiftende Auf* 
fassung, die beim einen Teil nur autoritatives Herrschenwollen, im anderen 
Teil dagegen den unterdrückten Arbeitnehmer sieht. 

Ergebnisse. 

Ich setze hier zunächst einige Gesamturteile solcher hin, die den 
Achtstundentag in der Krankenpflege selbst erprobt haben: Blachian 
betrachtet den Achtstundentag mit Dreischichtwechsel als „ein Unglück 
für unsere Kranken und ein Unding für das Personal“. Der Direktor einer 
großstädtischen Heil* und Pflegeanstalt: „alle befürchteten Folgen des 
Achtstundentages sind eingetroffen; die Maschine des Dienstes läuft zwar 
weiter, aber die Kranken leiden“. 

Die Jahresversammlung des „Deutschen Vereins für Psychiatrie“ 
in Hamburg 1920 erklärte nach eingehenden Erörterungen einstimmig die 
Durchführung des Achtstundentages in der Irrenpflege als „ärztlich un* 
zulässig“ J ). 

Gottstein 2 ): „Schon jetzt zeigt sich, daß der gegenwärtige Gesundheits* 
zustand und die Verschlechterung, die der ununterbrochene Acht* 

*) Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. 76, Heft 4. 

2 ) In der „Volkswohlfahrt“ 1621, Nr. 0. 


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Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


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stundentag in der Krankenversorgung herbeigeführt hat, eine 
Verlängerung der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer für die Kranken 
bewirken.“ 

Vocke über die Anstalt Eglfing 1 ): „Die mit der achtstündigen Arbeits* 
zeit für den Krankendienst und den Anstaltsbetrieb verbundenen Nachteile 
sind auch hier in vollem Umfange zutage getreten und lassen sich durch 
keine Agitation widerlegen, selbst wenn man die allgemein gesunkene Moral 
der Jetztzeit und die unvermeidlichen Folgen der aufgehobenen Staats* 
autorität in Rechnung zieht.“ 

Wattenberg (1. c*.): „Es kann kein Zweifel sein, daß die Kranken* 
pflege erheblich erschwert und verschlechtert, und die Sicherheit des An* 
staltsbetriebes gefährdet ist.“ 

Im Arbeitsausschuß des Reichs*Arbeitsministeriums haben sich Februar 
1920 die anwesenden Sachverständigen, meist Vertreter der einzelstaatlichen 
Regierungen, fast ohne Ausnahme gegen den Achtstundentag und für die 
60*Stundenwoche erklärt; die Referentin im württembergischen Arbeits* 
ministerium, selbst Schwester, erklärte ihn sogar für undurchführbar 2 ). 


Ich komme aus der vorstehenden Abhandlung selbst zu folgenden 
Schlüssen: 

1. An allgemeiner hygienischer Fürsorge für das Krankenpflegepersonal 
kann nicht leicht zuviel geschehen. Dazu gehört auch, doch keineswegs 
ausschließlich, die Herabsetzung der Arbeitszeit. Einheitliche gesetzliche 
Regelung im Sinne eines Normalarbeitstages ist erwünscht. Dabei den 
Achtstundentag schematisch als Maximalleistung einzuführen, ist jeden* 
falls vom hygienischen Standpunkte aus, wo andere, nicht ärztliche 
Gesichtspunkte (Politik!) auszuscheiden haben, keineswegs notwendig. 

2. Die zwangsweise Durchführung des Achtstundentages, die der All* 
gemeinheit neue, kaum erträgliche Lasten auferlegen müßte, würde den 
Kranken nicht nur keinen Gewinn, sondern vielmehr Schaden bringen. 
Die grundsätzliche Eigenart des Dienstes am Kranken und die so mannig* 
fachen praktischen Anforderungen bei der Pflegeleistung stehen einer 
mechanischen Übertragung der Arbeitsverhältnisse anderer Berufsarten 
durchaus entgegen. Aber auch innerhalb des Krankenpflegeberufes selbst 
muß die Verschiedenartigkeit der Verhältnisse in den einzelnen Zweigen 
des Pflegedienstes und in den verschiedenen Krankenhäusern und Anstalten 
jeder Schabionisierung spotten. 

3. Als schlechterdings unmöglich zwar hat sich die Durchführung 
des Achtstundentages nach der Erfahrung der letzten Jahre nicht erwiesen. 
Möglich ist er, aber doch nur unter einem Opfer: nämlich einer wesent* 
liehen Verschlechterung der Krankenfürsorge. Die schlimmen Folgen 
lassen sich wohl durch gewisse Vorkehrungen mindern: vor allem durch 
geschickte Dienstregelung und Schichtenverteilung (die im Einzelfalle örtlich 
differenziert und erprobt werden müssen), durch Zulassung der geteilten 
Arbeitszeit und verlängerter Dienstbereitsehaft für Oberpflegepersonal und 
Hauptpflegepersonen. Alle Nachteile für die Kranken werden aber sieh 

*) Jahresbericht 191 ( >. 

2 ) Zeitschrift für Krankenanstalten 1920, S. 2o3. 


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M. Thumm, Achtstundentag und Krankenpflegeberuf. 


auch so nicht ab wenden lassen, und bleiben wird auch der ideelle 
Schaden am Geist des Krankenpflegedienstes. 

4. Vom ärztlichen Standpunkt besonders bedenklich ist der Acht* 
stundentag in jeder Form für die Irrenanstalten. Praktisch undurchführbar 
ist er in der Privat* und Gemeindepflege, die überhaupt einer einheit* 
liehen Regelung große Schwierigkeiten macht. 

5. Es wird allen Anforderungen, welche im Interesse der Berufshygiene 
des Krankenpflegers gestellt werden können, genügen und zugleich den 
Notwendigkeiten der Krankenpflege wenigstens einigermaßen gerecht w'erden, 
wenn man auf die 60*Stundenwoche als Norm zurückkommt (= 6x lOStd. 
ausschließlich Pausen, 1 Tag frei). Dem ärztlichen Leiter müßte aber meines 
Erachtens die Freiheit zugestanden werden, nach pflichtmäßigem Ermessen 
für einzelne Pflegerkategorien eine nur achtstündige und dann auch, wo es 
not tut, andererseits eine mehr als zehnstündige Dienstzeit festzusetzen, 
wobei das Personal selbst zu hören und die behördliche Kontrolle, namentlich 
im Hinblick auf Privatinstitute, zu verstärken wäre. Daß ich in diesem 
pflichtmäßigen ärztlichen Ermessen neben dienstlichen Erwägungen auch 
alle billige Rücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse des Personals ein* 
geschlossen wissen möchte, braucht kaum noch gesagt zu werden. Wo es 
sich für längere Zeit oder dauernd um Überschreitung der zehnstündigen 
Dienstzeit handelt, sollte nicht über zwölf Stunden, abzüglich einer Stunde 
Mittagspause (gleich „66* Stundenwoche“) hinausgegangen werden und ent* 
sprechender Ausgleich durch verlängerten Jahresurlaub erfolgen. 

Jedenfalls: ein schematisches Festlegen auf die achtstündige Arbeits* 
zeit ist für den Krankenpflegedienst abzulehnen, wenn anders hier noch 
die Rücksicht auf das Wohl der Kranken oberstes Gesetz bleiben soll. 


Chronik der Gesundheitspflege. 

Arbeits* und Gewerbehygiene. 

Von Obermedizinalrat Dr. Franz Spaet in München. 

Arbeit und Gesundheit. 

Unter obigem Titel veröffentlicht Dr. R. Bernstein (Mühlhausen i. Th.) 
in einer Broschüre (Verlag der ärztlichen Rundschau, OttoGmelin, München) 
den Inhalt seiner acht an der Volkshochschule in Mühlhausen gehaltenen 
Vorlesungen. Er stellt darin die Arbeit als eine lebensnotwendige Ver* 
richtung (Funktion) des menschlichen Körpers und des menschlichen Geistes 
dar, die zwar wie jede andere Verrichtung durch unzweckmäßiges Verhalten 
des einzelnen Arbeiters oder durch äußere Einflüsse oder durch andere 
Umstände zum Nachteil des Arbeitenden gestört werden kann, die aber 
durch verständige Maßregeln des einzelnen oder der Gesamtheit zum Vorteil 
des Arbeitenden zu beeinflussen ist. 

In den einzelnen Vorlesungen analysiert demnach der Verfasser die Arbeit 
nach ihren verschiedenen Beziehungen zur menschlichen Gesundheit; er 
spricht zunächst über den Begriff der Arbeit — Muskelarbeit, Drüsenarbeit 


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Franz Spact, Chronik der Gesundheitspflege. 


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Gehirnarbeit, Arbeit der Sinnesorgane und deren Wirkung auf die einzelnen 
Teile des Körpers unter Erörterung über Lust* und Müdigkeitsgefühl. Im 
weiteren Verlaufe behandelt er im allgemeinen die Gesundheitsschädigungen 
durch die Arbeit und deren Feststellung mit Hilfe der sozialen Versicherung 
(Betriebsunfälle und Berufskrankheiten, Entstehung letzterer durch Staub, 
Gase und Dämpfe, durch das Arbeitsverfahren, wie Belastung, Uber* 
anstrengung, Witterung, Arbeitszeit), ferner wird der Einfluß des Geschlechtes 
(Frauenarbeit), des Alters (Kinderarbeit), der Abstammung und Anlage 
besprochen und endlich noch der Begriff der Krankheit, Arbeits* und 
Erwerbsunfähigkeit, Invalidität, Berufsunfähigkeit, Rente und Ruhegeld 
erörtert. Die Schlußvorlesung handelt von den Trägern des Arbeitsschutzes, 
Staat, Gemeinde, Berufsgenossenschaft usw. 

Arbeitszeit. 

Eine ganz besondere Betonung hat in der Gegenwart die Begrenzung 
der täglichen Arbeitsdauer erfahren, die ihren Ausdruck in dem Ver* 
langen nach dem „Achtstundentag“ fand. Spaet äußert sich in dem jüngst 
erschienenen Buche: „Der Fürsorgearzt“ (München, J. F. Lehmanns Verlag, 
1921) dahin, daß, so begrüßenswert vom hygienischen Standpunkte es ist, 
wenn die Arbeitszeit in einer den gesundheitlichen Anforderungen ent* 
sprechenden Weise begrenzt wird, eine generelle Regelung derselben 
weder von gesundheitlichen noch von wirtschaftlichen Gesichtspunkten 
als zweckmäßig bezeichnet werden könne, und stellt sich damit auf den 
Standpunkt, den auch Kölsch in dem von M. Mosse und G. Tugend* 
reich herausgegebenen Werke „Krankheit und soziale Lage“ vertreten 
hat. Auch Bernstein (s. o.) bezeichnet jede Verallgemeinerung in der 
Festsetzung der Arbeitszeit als grundfalsch und äußerst bedenklich auch 
vom gesundheitlichen Standpunkte. Es war daher von Anfang an zweifei* 
haft, ob der achtstündige Arbeitstag sich als solcher in absoluter Starrheit 
wird erhalten können, und es ist abzuwarten, inwieweit der Gesetzgeber 
die Interessen des Wirtschaftslebens mit den gesundheitlichen Anforderungen 
in Einklang zu bringen vermag. 

Zunächst ist denn auch im Reichs*Verkehrsministerium ein Referats* 
entwurf eines Gesetzes über die Arbeitszeit des Personals der 
Eisenbahnen ausgearbeitet worden, das unter grundsätzlicher Wahrung 
des Achtstundentages einer wirtschaftlichen und gerechten Verwendung des 
Personals die Wege ebnen soll. In dem Entwurf wird ein Unterschied 
zwischen der Arbeitszeit als der Zeit der wirklichen Arbeitsleistung 
und der sogenannten Dienstbereitschaft gemacht, d. h. der Zeit, während 
der das Personal ohne Arbeitsleistung an der Dienststelle anwesend zu sein 
hat, um nach Bedarf Arbeit zu leisten. In besonderen Ausführungs* 
Vorschriften wird geregelt, ob und in welchem Umfang Dienstbereitschaft 
auf die Arbeitszeit angerechnet werden kann. Als nicht zur Arbeitszeit 
gehörig scheiden aus der Arbeitszeit auch Pausen aus, während welcher 
das Personal seine Arbeitsstätte verlassen darf, sowie Dienstfahrten, die 
zur Übernahme oder nach Beendigung der Dienstgeschäfte auf der Eisen* 
bahn zurückgelegt werden müssen. 

Die Dienstpflicht, d. h. der Zeitraum, der sich aus der Arbeitszeit, 
der Dienstbereitschaft, den Pausen und den Dienstfahrten zusammensetzt. 


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Franz Spaet, 


darf nach dem Entwurf höchstens 15 Stunden betragen. Zwischen den 
Dienstschichten muß das Personal die nötige Ruhe haben. Der Entwurf 
schreibt als Mindestruhezeit 8 Stunden, beim Zugpersonal 10 Stunden vor, 
sofern es die Ruhezeit zu Hause verbringt. Das Recht zu gewissen Aus? 
nahmebestimmungen ist dem Reichsverkehrsminister in dem Entwurf ein? 
geräumt. 

Auch bezüglich Regelung der Schichtarbeitszeit im Steinkohlen? 
bergbau unter Tage ist dem Reichsrat vom Reichsarbeitsministerium ein 
Gesetzentwurf zugegangen. 

Der Entwurf sieht zunächst eine einheitliche Berechnung der Schicht? 
zeit vor, die künftig für jeden einzelnen Arbeiter vom Betreten des Förder? 
korbes bei der Einfahrt bis zum Verlassen des Förderkorbes bei der Aus? 
fahrt berechnet werden soll. Als regelmäßige Arbeitszeit gilt diejenige 
Schichtzeit, die sich aus den am 1. Oktober 1921 geltenden Tarifverträgen 
ergibt. Für Ausnahmefälle, in denen am 1. Oktober 1921 keine Tarif? 
Verträge abgeschlossen wurden, wird eine Schichtzeit von 7 Stunden vor? 
gesehen, die bei besonders ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen vom 
Reichsarbeitsminister auf Antrag um höchstens eine halbe Stunde verlängert 
werden kann. Durch einen allgemein verbindlichen Tarifvertrag soll die 
Arbeitszeit anders geregelt werden können. Für Betriebspunkte mit einer 
Wärme von 28 bis 32° C, wie über 32 bis 36° und von mehr als 36° C 
sollen in den Tarifverträgen abgestufte Verkürzungen der Arbeitszeit 
vereinbart werden. Nötigenfalls soll die Bergbehörde die Verkürzungen 
anordnen. Abgesehen von diesen Gesetzesbestimmungen sollen die all? 
gemeinen Vorschriften über Arbeitszeit in den gewerblichen Betrieben 
Anwendung finden. 

Berufsschädigungen. 

Dr. Ernst Brezina (Wien) veröffentlicht: Internationale Uber? 
sicht über Gewerbekrankheiten nach den Berichten der Gewerbe* 
inspektionen der Kulturländer über das Jahr 1913 (Berlin, J. Springer, 
1921). Es sind darin die wichtigsten Mitteilungen aus den Berichten des 
Deutschen Reiches und seiner Länder, Österreichs, der Schweiz, Englands 
und der Niederlande enthalten. Berichtet sind Krankheiten durch Metalle, 
chemische Gifte, durch Milzbrand und andere Infektionen, durch Staub, 
Druckluft, Überanstrengung, Elektrizität, extreme Temperaturen, ferner 
Erkrankungen einzelner Organsysteme und die Gesundheitszustände in 
einzelnen Industrien mit kritischen Bemerkungen (Ref. Deutsche med. 
Wochenschrift 1921, Nr. 46). 

Bleivergiftungen. 

In Halle a. d. S. wurde im Vorjahre ein Kursus der Fabrikärzte 
der deutschen Bleifabriken über Prophylaxe der Bleivergiftungen 
abgehalten. Nach dem Bericht des Dr. L. Grobe (Kratzmühle, Thüringen) 
(Zentralblatt für Gewerbehygiene, März 1921) gab den Anlaß hierzu der 
bevorstehende Kampf um das Fortbestehen der deutschen Bleifarbenindustrie 
gegenüber den internationalen Bestrebungen hinsichtlich der Ausschaltung 
der Bleifarben aus dem öffentlichen Leben. Dort wurden in gegenseitigem 
Austausch der gemachten Erfahrungen verschiedene Fragen behandelt, so 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


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u. a. die Frage der gesunden Bleiträger. Völliger Ausschluß von der Arbeit 
sei nur bei einem gewissen Grade der Körnung der Erythrozyten (erst bei 
100 gekörnten auf 1 Million Blutkörperchen sei diese Körnung überhaupt 
verwertbar) nötig, immerhin sei aber in solchen Fällen verschärfte Beob* 
achtung der betreffenden Arbeiter angezeigt. Plötzliche starke Änderung 
des Blutbildes und des Urinbefundes seien dagegen von alarmierender 
Bedeutung und rechtfertigen eventuell den Arbeitsausschluß oder wenigstens 
die Beschäftigung an ungefährlichen Stellen. Potatoren, Schwächliche, 
Anämische, Neurastheniker, Luetiker und Mundatmer sollen in Bleibetrieben 
überhaupt nicht eingestellt werden, insbesondere nicht bei Bleistaubgefahr. 

Nachstehende Probleme wurden als für die Wissenschaft und Fabrik* 
hygiene als besonders aktuell und wichtig bezeichnet, zu deren erschöpfender 
Aufklärung eventuell durch Aufstellung von Preisen angeregt werden soll: 

1. Vorhersage drohender akuter Erkrankung bei gesunden Bleiträgern 
aus dem Verhalten des Blutes und des Urins usw. 2. Studium der vier 
Kardinalsymptome (s. u.) bei neu eintretenden, bis dahin noch nicht 
mit Blei beschäftigten Arbeitern und Studium der Ausscheidung von 
Blei im Kot (Galle!) und Urin; Abhängigkeit der Bleiausscheidung bei 
gesunden Bleiträgern und bei Bleikranken im Kot und Urin von der An* 
Wendung gallentreibender Mittel und Jodkali, ferner von Muskelarbeit (land* 
wirtschaftliche Beschäftigung während der Arbeitspausen), die den Lymph* 
und Blutstrom beschleunigt. 3. Ist die Resorption von Blei während 
gefährlicher Arbeit durch Darreichung von größeren Mengen einhüllender 
Nahrungsmittel (Haferschleim, Milch, Bolus alba, Tierblutkohle usw.) und 
von Fetten (insbesondere Speck und öl) zu verhindern oder zu verringern. 
Sind Mundatmer (bei chronischem Schnupfen, Nasenpolypen) unter den 
Erkrankten bei Bleigefahr besonders beteiligt, sind die in die tieferen Atem* 
wege inhalierten Bleimengen von ebenso großer Bedeutung wie die im 
Munde und Rachen niedergeschlagenen und verschluckten? 

Dr. J. Schönfeld (Leipzig) (Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, 
Heft 1) hält die Blutuntersuchung als ein ganz unentbehrliches, an erster 
Stelle stehendes Hilfsmittel zur frühzeitigen Erkennung der Blei* 
Vergiftung, da er auf Grund von mehr als 1000 Blutuntersuchungen im 
Blute die untrüglichen Zeichen etwaiger Bleivergiftung zu finden glaubt. 
Er hält auch diese Blutuntersuchungen für die Ursache des auffallenden 
Rückganges der Bleivergiftungen bei den Mitgliedern der Ortskrankenkasse 
Leipzig (1913 waren 211 Männer und 45 Frauen mit zusammen 9126 Kranken* 
geldtagen, 1919 nur 19 Männer und 1 Frau mit zusammen 466 Kranken* 
geldtagen an Bleikrankheit gemeldet, in Leipzig selbst kam überhaupt kein 
Fall von Bleierkrankung zur Meldung). 

In dem im Bayerischen Staatsministerium für Soziale Fürsorge 
neu errichteten Laboratorium für gewerbliche Medizin und Hygiene des 
Landesgewerbearztes werden für die praktischen Arzte Blutuntersuchungen 
bei Verdacht an Bleierkrankungen unentgeltlich vorgenommen. Die für 
den Blutausstrich nötigen Objektträger können von den Ärzten kostenlos 
von dem genannten Laboratorium bezogen werden. I ber die Art der Blut* 
entnähme und den Ausstrich des Blutes gibt Dr. G. Seiffert kurze An* 
leitung in seinem Artikel: „Blutuntersuchungen bei Verdacht auf 
Bleierkrankungen 44 in Münchener mcd. Wochenschrift 1921, Nr. 49. Es 


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208 


Franz Spae t, 


wird dort die Einsendung eines Objektträgers mit einem dicken Bluttropfen 
und mit dünnem Blutausstrich empfohlen und zur Untersuchung des Harns 
auf Hämatoporphyrin wird die Einsendung von 500 ccm Harn (ein* 
schließlich des Morgenharns) in sauberen verschlossenen Flaschen mit näherer 
Angabe des Krankheitsbildes empfohlen. Nähere Angaben über die Blut* 
entnähme zur Untersuchung des Blutes auf vermutliche Erythrozyten und 
des Harns auf Hämatoporphyrin sowie über Vorkommen der gewerblichen 
Bleivergiftungen und deren verschiedenen Krankheitszeichen enthält be* 
kanntlich auch das Bleimerkblatt für Ärzte, unter Mitwirkung von 
Dr. F. Curschmann*Wolfen und anderer Sachverständiger im Reichs* 
gesundheitsamt bearbeitet (Ausgabe 1919). 

Bezüglich der Häufigkeit der Bleivergiftungen teilt G. Seiffert 
mit, daß in Bayern im Jahre 1919 25, 1920 61 Erkrankungen zur Kenntnis 
der Behörden gelangten. Die größere Zahl der Fälle werde wohl haupt* 
sächlich auf die Häufung der Meldung infolge der eingeführten Melde* 
pflicht bei Bleierkrankungen zurückzuführen sein. 

Nach den eingegangenen Meldungen handelte es sich bei den Blei* 
Vergiftungen hauptsächlich um Arbeiter, die mit metallischem Blei beschäftigt 
waren, also fast durchweg um Arbeiter in größeren Betrieben. Dem Maler* 
gewerbe gehörten neun Fälle an, einige weitere Fälle dem Buchdruckergewerbe. 
Schwere Vergiftungserscheinungen, wie Bleilähmungen, Encephalopathien, 
Nierenerkrankungen usw. sind nicht vorgekommen. Als vorteilhaft erwies 
sich zweifellos die vom Gesetz geforderte Aufstellung von Untersuchungs* 
ärzten in Bleibetrieben. Solche Ärzte sind jedoch im Maler* und Buch* 
druckergewerbe nicht aufgestellt. Die dort beschäftigten Arbeiter entbehren 
daher des Schutzes, den eine regelmäßige ärztliche Untersuchung in den 
anderen Betrieben bietet. Für diese Arbeiter wäre daher zur Sicherung 
der Diagnose die Schaffung der Möglichkeit einer Untersuchung an der 
Zentralstelle angezeigt. Bei den Untersuchungsergebnissen wäre zu berück* 
sichtigen, daß die bekannten Zeichen der Bleiträger, wie fahle Hautfarbe, 
blaßgraue Verfärbung der Schleimhaut, blaugrüner Saum des Zahnfleisches, 
noch keineswegs auch schon als Zeichen einer wirklichen Bleierkrankung 
zu betrachten seien, allerdings sei die Gefahr einer solchen Erkrankung 
immer vorhanden. . Als Zeichen der beginnenden wirklichen Krankheit 
gelten Kopfschmerzen, Mattigkeit, Verstopfung, Herabsetzung des Hämo* 
globingehaltes; zu berücksichtigen sei noch, daß die schweren Krankheits* 
Zeichen, wie Lähmung, Sensibilitätsstörung, auch ohne die genannten 
Anfangssymptome sich einstellen können (s. auch Med. Klinik 1921, 
Nr. 22). " 

„Uber die Resorption von Blei und Quecksilber durch die 
unverletzte Haut des Warmblüters“ stellte Dr. Süssmann irii hygieni* 
sehen Institut zu Würzburg eingehende Versuche an. Er kam dabei zu 
dem Schluß, daß bei mit Bleisalben angestellten Einreibungen an Katzen 
und Menschen die im täglichen Durchschnitt durch 1 qdem Haut eintretende 
Bleimenge 0,1 bis 0,2mg beträgt, so daß es im menschlichen Leben auch 
in Gewerbebetrieben keine Verhältnisse geben werde, welche zu einer 
bedenklichen Bleiresorption durch die Haut führen könnten, die praktische 
Möglichkeit einer Bleivergiftung des Menschen durch die Haut somit abzu* 
lehnen sei (Archiv für Hygiene 1921, Bd. 90, Heft 5). 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


209 


F. Kölsch (München) veröffentlichte eine Arbeit über „Die Blei? 
Vergiftung im Maler?.usw. Gewerbe unter dem Gesichtswinkel 
des Arztes und Gesetzgebers“ (Hamburg 1920). 

In einem Artikel: „Einige Bemerkungen zur Frühdiagnose der 
Bleivergiftungen“ (Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, Nr. 6) weist 
Dr. Böttrich (Hagen) u. a. darauf hin, daß die körnige Degeneration der 
Erythrozyten sich nicht ausschließlich bei Bleiwirkung, sondern unter ver? 
schiedenen Bedingungen sich finde als Ausdruck von Giftwirkung, welche 
teils anorganischer Natur sein könne, z. B. bei Bleivergiftung, oder auch 
organischer, wie bei septischer Intoxikation, bei Karzinom, Krebskachexie 
und anderen deletären Erkrankungen. Das Phänomen der körnigen Degene? 
ration besitze somit ebensowenig wie die anderen Erscheinungen im Blute 
spezifische Bedeutung, sei aber immerhin als sehr schätzenswertes Symptom 
zu beachten neben den sonstigen Kardinalsymptomen der Bleivergiftung: 
Bleikolorit, Basophilie und Hämatoporphyrie. 


Methylalkohol. 

Im Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, Heft 9 berichtet F. Kölsch 
über „Gewerblich?medizinische Beurteilung des Methylalkohols“. 
Dieser wurde gewonnen durch fraktionierte Destillation des Holzgeistes. 
Holzgeist enthalte u. a. ölige und brenzliche Substanzen, Aceton u. dgl., 
und sei noch durch Aldehyd usw. verunreinigt. Die Aufnahme des Methyl? 
alkohols könne durch die Haut oder als Dampf durch die Atmung erfolgen. 
Die Wirkung könne sein: Benommenheit, Kopfschmerz, Übelkeit, Schleim? 
Hautreizung, auch Fälle von Erblindung kommen vor. Ausgeschieden werde 
der Methylalkohol durch die Atmung, zum Teil oxydiere er im Körper 
(Ameisensäure). Im Anschluß an diese Arbeit bespricht Kölsch noch die 
Gesundheitsschädigungen beim Arbeiten mit denaturiertem Spiritus 
und das Poliererekzem. Allgemeinerkrankungen seien hierbei wegen der 
geringen Mengen, die zur Wirkung kommen, sehr selten, Hautreizungen 
dagegen häufig. In den Betrieben sei gute Ventilation nötig, Heimarbeit 
wäre zu verbieten. Ursache der Schädigungen sei der Spiritus und ver? 
schiedene Denaturierungsmittel. 


Bronchialasthma der Fellfärbcr und Pelzfärbcr. 
U rsolasthma. 


„Experimentelle Untersuchungen über Calciumbehandlung 
des Ursolasthmas“ hat Otto Mehl (Rostock) ausgeführt (Bericht hierüber 
im Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, Heft 5 und 6). Er führt darin 
aus, daß nach dem Urteil verschiedener Autoren, wie H. Curschmann u. a., 
das Bronchialasthma der Fellfärber durch para?Phenvlendiamin hervor? 
gerufen werde, und zwar sei es ein typisch eosinophiles Bronchialasthma 
anaphylaktischer Natur. 

Das wirksame Agens sei Chinondiimin, in welches das para?Phenylen? 
diamin bei Oxydation mit H 2 0. 2 übergeht. Dieser Oxydationsstoff könne 
die Vergiftung hervorrufen, deren hauptsächlichste Symptome nach Tier? 


öffentliche Gesundheitspflege 1^22. 

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210 


Franz Spaet, 


versuchen Entzündungen der Schleimhaut sowie Schwellung der Schleimhaut 
der Respirationsorgane, ferner Krämpfe, Ekzeme, Salivation, Ödeme, Durch* 
fälle und Erbrechen sind. Die Vergiftungserscheinungen werden erzeugt 
bei Aufnahme durch die Haut, durch den Mund und die Atmungsorgane, 
bei subkutaner oder intravenöser Injektion werden keine Vergiftungs* 
erscheinungen hervorgerufen außer Abszesse. 

Für die anaphylaktische Natur spreche der Umstand, daß bei den 
Tierversuchen erst bei wiederholter Einverleibung von Chinondiimin 
Vergiftungssymptome verursacht werden, und zwar die für Anaphylaxie 
charakteristischen, nämlich Temperaturabsturz, krampfhafte abdominale 
Atmung, allgemeine Krämpfe, Lähmungserscheinungen und häufig Eosinophilie. 
Gewöhnung an den Farbstoff trete nicht ein, die Arbeiter erkranken immer 
erst, nachdem sie längere Zeit, 1 bis 10 Jahre, mit dem Farbstoff gearbeitet 
haben. Da die Wirkung des para* Phenylendiamins auf die Lungen nach 
den gemachten Beobachtungen hauptsächlich besteht in einer Erregung des 
Nervensystems, infolge Vaguserregung, Kontraktion der Bronchien und 
Bronchiolen (alveoläre Blähung) und damit verbundene Dyspnoe, leukozytäre 
Infiltration des Lungengewebes begünstigt durch Lockerung der Gefäß* 
endothelien und dadurch Exsudatbildung in den Respirationswegen ver* 
ursachend, machte Mehl zu therapeutischen und prophylaktischen Zwecken 
Versuche mit Calcium, das erregungsvermindernd auf das gesamte Nerven* 
System wirkt, die Blutgewinnung fördert und die Permeabilität der Gefäß* 
Wandungen verringert. 


Krankheit und Tod durch Ferrosilicium. 

Ferrosilicium hat ungefähr 40 Proz. Siliciumgehalt, es wird bekanntlich 
hergestellt durch Zusammenschmelzen von Eisenspänen, Kieselsäure und 
Kohle zumeist in elektrischen Öfen. Die hierbei nötige Kohle und die 
Eisenpräparate sind zumeist stark mit Arsen und Phosphor verunreinigt. 
Die Koksasche ist phosphor* und kalkhaltig, darum bildet sich Calcium* 
phosphat, aus dem bei Berührung mit Wasser oder feuchter Luft Phosphor* 
Wasserstoff entsteht, ferner können sich Arsenwasserstoff und Acetylen 
entwickeln. Die Folgen sind entweder Explosionen oder Vergiftungen. 
Dr. Thiele (Dresden) beschreibt derartige Vergiftungen in einem Hause, in 
dessen Keller durchfeuchtetes Ferrosilicium gelagert wurde. Es erkrankten 
dort mehrere Personen, darunter zwei tödlich, auch in einem Käfig befind* 
liehe Vögel gingen zugrunde. Die Erkrankungen waren mit Erbrechen, 
Kopfschmerzen, Schwindel, Leibschmerzen, Krämpfen, baldiger Benommen* 
heit und Somnolenz verbunden, also den hauptsächlichsten Symptomen einer 
Phosphorvergiftung. Es sind mit Rücksicht auf die Vergiftungsgefahr vom 
preußischen Handelsministerium daher auch besondere Vorschriften bezüglich 
des Transportes und der Lagerung von Ferrosilicium erlassen worden 
(Schutz vor Durchnässung , nicht dichtschließende, der Luft reichlich 
Durchtritt gewährende Umhüllung, Lagerung nicht unter geschlossenen 
Aufenthaltsräumen von Menschen, gut liiftbare Lagerräume, die gegen Aufent* 
haltsräume von Menschen gut abgeschlossen sind). Uber diese Fragen 
unterrichtet näher ein vom Verlage C. Heymann herausgegebenes Merkblatt 
(s. Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, Nr. 5). 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


211 


Über 


„Porzellan* und Steingutindustrie vom Standpunkte des Arbeiter* 
und Nachbarschutzes und die Bekämpfung davon ausgehender 

Gefahren“ 


schreibt Dipl.*Ing. Thieme (Dresden) im Zentralblatt für Gewerbehygiene, 
Mai 1921. Danach leiden die Arbeiter teils unter der Bleigefahr, teils 
unter dem Einfluß der Staubentwicklung. Was letzteren anlangt, so 
handelt es sich dabei meist um eine besonders gefährliche, offensive 
Staubart, die zahlreiche Spitzen, zackige Fortsätze und Kanten habe und 
infolgedessen verletzend auf die Schleimhaut der Atemorgane einwirke. 
Nach Berichten aus Selb (Bayern) belief sich die Zahl der Todesfälle 
zufolge Krankheiten der Lunge in der Zeit von 1898 bis 1907 auf 73,4 Proz. 
und für Todesfälle infolge Tuberkulose der Lung£ auf 67,2 Pröz. Indes habe 
der Gesundheitszustand der Porzellanarbeiter in letzter Zeit sich merklich 
gehoben als Folge der bisherigen bewährten hygienischen Anordnungen der 
Amtsärzte und Gewerbeaufsichtsbeamten, der sozialen Gesetzgebung, durch 
die Weiterentwicklung der Maschinentechnik, sowie durch zweckmäßige 
Einrichtung der Fabriken und gute Staubabsaugung. 

Die Bleigefahr sei nur bei Herstellung der Glasur in der Steingut* 
industrie gegeben. Der Bleigehalt dieser Glasur betrage 20 bis 40 Proz. 
Die Hauptgefahr bestehe hier beim Zerkleinern und Pulverisieren der Blei* 
glätte, der Mennige und des Bleiweißes. Die meisten Fabriken beziehen daher 
ihr Rohmaterial an Bleiverbindungen in bereits zerkleinertem Zustande. 
Das gefährliche „Äschern“, d.h. das Einschmelzen von 80 Proz. Blei mit 
20 Proz. Zinn im Muffelofen unter beständigem Umrühren findet jetzt auch 
meist nicht mehr statt. Bleihaltige Farben kommen für Steingutindustrie 
nicht in Frage, dagegen für die Uberglasur der Porzellanindustrie. Die 
Überglasurfarben sind mit „Flüssen“ versetzt, die aus Kieselsäure, Borsäure, 
Bleioxyd und Alkalien bestehen und viel Blei (etwa 60 bis 80 Proz. Mennige) 
enthalten. Hierbei gefährden sich vielfach Arbeiter durch die üble An* 
gewohnheit des Anreibens der Farbe mit den Fingern und des Haltens des 
Pinsels mit dem Munde. Auch bei diesem Betriebszweige ist die Gefahr 
der Bleivergiftung wesentlich durch verschiedene Vorsichtsmaßnahmen ver* 
ringert werden, so vor allem durch Erzeugung der bleihaltigen Farben in 
eigenen, hierfür gut eingerichteten Industrien, ferner durch genaue Ein* 
haltung der Bleiverordnung vom 27. Juni 1901. Insbesondere ist auch hier 
wieder der Verhütung der Staubentwicklung besonderes Augenmerk zu* 
zuwenden. Verbleiern und Vermischen der Farben hat unter Abzugshauben 
mit kräftigem Saugabzug zu geschehen, zumal wegen Unbequemlichkeit 
Respiratoren von den Arbeitern nur ganz ungern benutzt werden, die 
Hände sind durch Lederhandschuhe zu schützen. In großen Betrieben sind 
die Arbeitsstätten jetzt schon zumeist mit den nötigen hygienischen Ein* 
richtungen versehen, so ist für ausreichende Wasch* und Badegelegenheit 
mit kaltem und warmem Wasser gesorgt, auch stehen numerierte Spül* 
becher zur Verfügung und werden in jeder Hinsicht die Vorsichtsmaßnahmen 
zur Verhütung von Bleierkrankungen strenge beachtet. Milch wird von den 
Firmen in genügender Menge verabreicht, die Mahlzeiten werden in be* 
sonderen Speiseräumen eingenommen. Von ganz besonderem Werte für 


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212 


Franz Spa et, 


die Einschränkung der Bleigefahr für die Arbeiter ist schließlich, daß diese 
die nötige Einsicht und Erkenntnis für diese Gefahr gewinnen und ihr 
ganzes Verhalten danach einrichten. 

Hinsichtlich der von der Steingut* und Porzellanindustrie für die Nachbar* 
Schaft sich ergebenden Belästigungen und gesundheitlichen Störungen kommt 
die Entwicklung von Rauch und Ruß namentlich beim Anheizen der 
Öfen in Betracht; am vorteilhaftesten hat sich zur Verhütung dieser Übel* 
stände Generatorgasfeuerung zur Beheizung der Brennöfen erwiesen. 

Gesundheitliche Gefahren des autogenen Schweißens. 

Dr. J. Adler*Hermak (Wien) fand bei mit dem autogenen Schweißen 
beschäftigten Frauen blasses Aussehen, Klagen über Appetitlosigkeit, nachts 
öfters Frösteln und dann Gefühl von Hitze, hie und da Erbrechen und 
erst gegen Morgen zu wieder Eintritt von besserem Befinden, alles Er* 
scheinungen, die an das Gießfieber erinnern. Bei der fraglichen Be* 
schäftigung wurden aus Eisenblech gestanzte kleine Schüsseln mit Messing* 
lot geschweißt, wobei typischer Zinknebel aufstieg. — In einem Betriebe, 
wo größeres Geschirr aus verzinktem Eisenblech mit Acetylen* bzw. Dissougas 
geschweißt wurde, klagten die Arbeiterinnen über starken Hustenreiz und 
Frost, welch letzterer gegen Abend zu auftrat. Andere Arbeiter klagten 
über heftiges Brennen in den Augen, Gefühl von Schwere auf der Brust; 
da, wo mit Messing geschweißt wurde, klagten Arbeiter über Fieber und 
Atembeschwerden. Bei Eisen* und Bronzeguß wurden keine krankhaften 
Störungen beobachtet, auch in Betrieben, wo für gute Ventilation gesorgt 
war, traten keine derartigen Beschwerden der Arbeiter auf. Was die Natur 
dieser dem Gießficber analogen Krankheitserscheinungen anbelangt, so 
handelt es sich um die Ätzwirkung des Zinkoxyds, also um ein Resorptions* 
fieber infolge besonderer Verdampfungsmöglichkeit des Zinks. Nach Roth 
(Zeitschrift für Gewerbehygiene 1920, Heft 4) ist die Anwesenheit von 
Zink im Blute als harmlos zu betrachten, die Zinkdämpfe aber gelten als 
Ursache des Gießfiebers (s. Zentralblatt für Gewerbehygiene 1921, Heft 5). 

Berufsberatung. 

Die Fähigkeit, den von den verschiedenen Arbeitsarten geforderten 
Leistungen in genügendem Maße gerecht zu werden und den damit allenfalls 
verbundenen gesundheitlichen Gefahren ausreichenden Widerstand entgegen* 
zusetzen, hängt naturgemäß in erster Linie von der körperlichen und 
geistigen Eignung für die in Frage kommende Berufsart ab, d. i. von der 
zweckentsprechenden Berufswahl. Diese Tatsache sowie der Umstand, daß 
die Einzelpersonen gewöhnlich nicht die für eine sachgemäße Wahl eines 
für sie geeigneten Berufs erforderlichen Erfahrungen besitzen, haben die 
Erkenntnis der Notwendigkeit einer fachkundigen Berufsberatung gereift, 
an deren ersprießlichen Ausbau alle hierzu berufenen Kreise sich in letzter 
Zeit sehr rege beteiligten. Ein Hauptteil dieser sozialen Arbeit fällt nach 
Lage der Dinge vor allem auch der Ärzteschaft zu. Die medizinische 
Literatur hat deshalb diesen Gegenstand wiederholt und eingehend in den 
Bereich ihrer Erörterungen einbezogen. So hat, um nur ganz weniges davon 
zu berühren, Dr. Thiele in dieser Zeitschrift 1919, Heft 2 die „Tätigkeit 
des Schularztes bei der Berufswahl“ besprochen, Spaet behandelte 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


213 


diese Frage im „Fürsorgearzt“ (Verlag von J. F. Lehmann, München 1921) 
im Abschnitt über die fürsorglichen Maßnahmen für die Schuljugend, 
namentlich auch soweit die Berufsberatung für jugendliche Psychopathen in 
Frage kommt. Dr. Th. Fürst, städtischer Schularzt in München, erörterte 
in einem Vortrage, gehalten am 15. Juni 1921 im Bayerischen Frauenfort* 
bildungsverein, Ortsgruppe München, „Die Frage der Berufsberatung 
und Berufseignung vom hygienischen Standtpunkte“ (Verlag von 
R. Oldenbourg 1921). Er weist dabei ganz besonders auf die große Be* 
deutung der Mitarbeit der Lehrerschaft bei der Berufsberatung hin, sowie 
einer dienstfreundlichen Zusammenarbeit zwischen Schule und Arzt. Als 
Beispiel einer richtigen Lösung der der Berufsberatung zufallenden Auf* 
gaben führt er den in München beschrittenen Weg an, wo man unter 
Heranziehung von Vertretern der Fachgruppen und des Arbeitsamts in 
Gemeinschaft mit Ärzten die für Berufskunde und Berufsberatung ein* 
schlägigen Fragen in Gestalt von eigenen Berufsberatungssitzungen fest* 
zulegen sucht. Nur auf diese Weise könne sowohl der Lehrer wie auch 
der Arzt sich berufskundliche Kenntnisse, die nicht aus Büchern zu erlernen 
seien, verschaffen. Derartige Besprechungen mit Fachvertretern haben auch 
den weiteren Vorteil, daß umgekehrt die Vertreter der Fachkreise selbst 
die Wichtigkeit derartiger Fragen gebührend einschätzen lernen. Von ihnen 
aus könne dann die Kenntnis und Bedeutung dieser Frage auch in die 
weiteren Arbeiterkreise getragen und damit deren Interesse für die Sache 
geweckt werden. — Bezüglich der Tätigkeit des Schularztes will Fürst, daß 
scharf geschieden werde zwischen der ärztlichen Berufsberatung und der 
Kontrolle der Berufseignung nach Eintritt in den Beruf, welch letztere 
Tätigkeit zu einer der wichtigsten Funktionen der Fortbildungschulärzte 
sich werde ausgestalten müssen. Diese werden daher in besonderem Maße 
Fühlung mit der Gewerbehygiene zu nehmen haben. — Ein besonderes 
Augenmerk wird in Zukunft nach Fürst auch den Berichten der Schul* 
ärzte zuzuwenden sein, da selbe nach ihrer jetzigen Beschaffenheit, nament* 
lieh hinsichtlich des statistischen Materials, das an verschiedenen Orten 
nach verschiedenen Gesichtspunkten abgefaßt ist, zumeist miteinander nicht 
vergleichbar sind. Am Schluß seiner Vortragsbroschüre gibt Fürst noch eine 
Tabelle über den „Dienstweg“, der sich bei der Überweisung von Schülern 
ergibt, die einer besonderen Überwachung, fürsorgerischer Maßnahmen und 
nötigenfalls eines Berufswechsels bedürfen, woraus man ersehe, daß mannig* 
fache Verbindungsfäden vom Schularzt hinüberführen zum Jugendamt bzw. 
zur Arbeitsvermittlung, vor allem aber zur Lehrerschaft. 

In Fürth i. B., wo bei der Tuberkulosefürsorgestelle ein Tuberkulose* 
facharzt im Hauptamte angestellt ist, welchem alljährlich die genaue 
Untersuchung der Schulabgänge sowie aller von dem Schulärzte ihm zu* 
gewiesenen Schüler auf Tuberkulose obliegt, besorgt dieser Facharzt die 
ärztliche Berufsberatung. 

In München hat die innerhalb des pädagogisch*psychologischen 
Institutes gebildete Arbeitsgruppe für Berufswahl und Berufsberatung für 
die meisten Berufe Merkblätter zusammengestellt, an deren Bearbeitung 
Ministerialrat Dr. Kölsch, einer der besten Kenner der hierbei in Betracht 
kommenden gesundheitlichen Fragen, mitgewirkt hat. Dieser hat auch eine 
Anleitung zur Beurteilung der beruflichen Eignung herausgegeben. 


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Besprechungen. 

Societe des Nations, Section d’Hygi&ne. Renseignements 6pid6miologique& 
Europe orientale en 1921. Nr. 1. Genf, 14. Januar 1922. 

Die Hygienesektion des Völkerbundes versucht in dieser Druckschrift einen Uber» 
blick über die Verbreitung wichtiger Volksseuchen in Osteuropa während der letzten 
Zeit zu geben. Daß die Unterlagen bei den Zuständen der Ostländer sehr unvoll» 
ständig sein müssen, ist klar. Die mitgeteilten Zahlen sind daher als Mindestwerte 
anzusehen. Sie zeigen aber deutlich die vom Osten namentlich Deutschland drohende 
Seuchengefahr. So hatte beispielsweise das Europäische Rußland allein vom Januar 
bis einschl. Mai 1921 446 118 Fälle von Fleckfieber und 613 559 Fälle von Rückfallfieber 
zu verzeichnen, Polen vom September 1920 bis einschl. Oktober 1921 Fleckfieberfälle 
54 398, Rückfallfieber 11915. Choleraerkrankungen zählte das Europäische Rußland 
1921 bis Ende Oktober 136 886. — In Rußland ist 1920 eine Volkszählung erfolgt, die 
erste wieder seit 1897. Die Ergebnisse liegen noch nicht vollständig vor. Doch läßt 
sich die Bevölkerungsabnahme, die fast alle größeren Städte betroffen hat, bereits 
ersehen. So hat die Bewohnerzahl von Petersburg sich von 1913 zu 1920 von 2,3 MilL 
auf 0,7 Mill. verringert, die von Moskau von 1,8 auf 1 Mill., die von Kasan von 235 000 
auf 188 000 usw. AbeL 

Veröffentl. aus dem Gebiete der Medizinalverwaltung. 8. Bd., Heft 1. 128 S. Berlin, 
Rieh. Schoetz, 1921. Brosch. 24 M. 

Das vorliegende Heft enthält drei beachtenswerte Arbeiten über Fleckfieber. 

Peiper (Greifswald) hat nach amtlichem Material das Auftreten des Fleckficbers 
in Preußen während der Jahre 1918 bis 1920 bearbeitet. Während bis Ende 1918 die 
Erkrankungsziffer gering war, erfolgte 1919 eine erhebliche Steigerung, die einmal eine 
Folge der Demobilisierung, dann aber auch auf die Rückkehr der Baltikumtruppen aus 
dem fleckfieberverseuchten Baltikum zurückzuführen war. Insgesamt waren es in dem 
dreijährigen Zeitraum 4665 Erkrankungsfälle mit 409 Todesfällen. Zu größeren Epi* 
demien oder gar zur Bildung eines endemischen Fleckfieberherdes ist es nicht 
gekommen. Ein Eingreifen von der Zentralstelle aus hat sich als entbehrlich heraus** 
gestellt. 

Willführ (Liegnitz) bespricht das Fleckfieber im Regierungsbezirk Potsdam 
während der Jahre 1918 und 1919. Von im ganzen 186 Erkrankungsfällen (mit 36 Todes* 
fällen) entfielen nur 44 auf Deutsche, alle übrigen auf deutsche Rückwanderer und 
Polen. Letztere hatten eine besonders niedrige Sterblichkeit. Es zeigte sich eine 
besonders hohe Gefährlichkeit für die späteren Lebensjahre. Das Reinlichkeit* 
bedürfnis unserer Bevölkerung bis in die unteren Schichten ist ein wichtiges Moment 
dafür, daß das Fleckfieber bei uns nicht eine größere Verbreitung finden wird. 

Pusch (Danzig) berichtet über klinische und serologische Beobachtungen auf 
Grund reicher Erfahrungen in einem Feldlazarett an der Beresina. Er fordert Über» 
führung aller Verdächtigen in ein Krankenhaus, Beschaffung von Entlausung* 
einrichtupgen, Ausbildung von „fleckfieberfestem 44 Pflegepersonal, Einberufung von 
Desinfektoren zu Entlausungskursen, besondere Überwachung in den Grenzkreisen. 

Solbrig (Breslau). 


Kleinere Mitteilungen. 


Tagesordnung für die Jahresversammlung des Deutschen Vereins 
für öffentliche Gesundheitspflege. 

Vom 10. bis 12. September 1922 im Römer zu Frankfurt a. M. 

Sonntag, den 10. September. 

Abends: Empfang der Teilnehmer im Römer, Kurfürstenzimmer. Begrüßung im 
Kaisersaal. Geselliges Zusammensein und Vortrag in der Römerhalle. 


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Besprechungen. 


215 


Montag, den 11. September. 

Sitzung im großen Bürgersaal des Römers. Einziger Gegenstand der Ver* 
handlungen: 

Wohnungsnot und Volksgesundheit. 

1. Stand der Wohnungsnot. Prof. Dr. Morgenroth, Direktor des 
Statistischen Amtes (München). 

2. Folgen der Wohnungsnot für Gesundheit und Sittlichkeit. Bei* 
geordneter Prof. Dr. Kraut wig (Köln), Ober* Reg .»Rat Dr. Marie Baum 
(Karlsruhe). Erörterung. 

Dienstag, den 12. September. 

3. Bekämpfung der Wohnungsnot und ihrer Folgen. Bürgermeister 
Sembritzki (Steglitz), Prof. Dr. Kaup (München), Stadtbaudirektor 
Dr. Gest (München). Erörterung. 

Wohnungen und Auskünfte durch den Ortsausschuß, Frankfurt a. M., Stadt* 
gesundheitsamt (Römer). 

Die Vereinigung Deutscher Kommunal* und Fürsorgeärzte tagt gleichzeitig mit 
dem Verein. 


Tagesordnung für die 10. Versammlung der Vereinigung Deutscher Schub 

und Fürsorgeärzte, 

am 10. September 1922 im Römer in Frankfurt a. M. 

Sonnabend, den 9. September 1922, von abends 8 Uhr ab Begrüßungsabend 
im Restaurant „Thomasbräu, Börsengebäude, Schillerstraße, Haltestelle Hauptwache.“ 
Sonntag, den 10. September 1922, vormittags 9 Uhr, Hauptversammlung 
der Vereinigung Deutscher Schul* und Fürsorgeärzte in der Geschlechterstube des 
Römers: 

„Die Aufgaben und Grenzen der schulärztlichen Tätigkeit.“ 

1. Berichterstatter Städtischer Kinderarzt Dr. Th. Hoffa (Barmen). — 2. Bericht» 
crstatter Schularzt Prof. Dr. Alfred Lewandowski (Berlin). — 3. Berichterstatter 
Stadt*Med.*Rat Dr. Oxenius (Frankfurt a. M.). 

Nachmittags 3% Uhr: Mitgliederversammlung in der Geschlechterstube des 
Römers. 1. Derzeitiger Stand der Honorarverhältnisse der neben* und hauptamtlichen 
Schul- und Fürsorgeärzte. Berichterstatter: Stadtschularzt Dr. Rothfeid (Chemnitz). 
— 2. Tätigkeitsbericht des Geschäftsführers. Kassenbericht des Schatzmeisters. — 
3. Satzungsänderungen. — 4. Wahlen. — 5. Verschiedenes. 

Abends 8 Uhr: Gesellschaftsabend gemeinsam mit dem Deutschen Verein für 
öffentliche Gesundheitspflege im Römer. Darauf Begrüßung im Kaisersaal und kurzer 
Vortrag in der großen Römerhalle über Alt*Frankfurt. 


Tagesordnung für die 18. Jahresversammlung des Deutschen Vereins 

für Schulgesundheitspflege, 

am Mittwoch, dem 13. September 1922 im Römer in Frankfurt a. M. 
Dienstag, den 12. September 1922, von abends 8 Uhr ab, Begrüßungsabend 
im Restaurant „Steinernes Haus“, nahe dem Römer. 

Mittwoch, den 13. September 1922, vormittags 8% Uhr: Mitglieder» 
Versammlung in der Geschlechterstube des Römers. 

1. Eröffnung durch den Vorsitzenden. — 2. Tätigkeitsbericht des Geschäftsführers. 
— 3. Kassenbericht des Schatzmeisters. — 4. Wahlen. — 5. Verschiedenes. 

Vormittags 10 Uhr: Hauptversammlung in der Geschlechtcrstube des 
Römers: 


„Wieweit läßt sich die auf kulturellem Gebiete erforderliche Sparsamkeit 
mit den Forderungen der Schulgesundheitspflege in Einklang bringen? 

1. Berichterstatter: Prof. Dr. Selter (Königsberg i. Pr.). — 2. Berichterstatter: 
Geh. Baurat Dr. Hane (Berlin). 

Nachmittags 3 Uhr: Besichtigungen nach näherem Programm. Gleichlaufend für 
Damen. Stadtführung. 

Donnerstag, den 14. September 1922: Ausflug auf die Wegscheide bei 

genügender Beteiligung. _ 


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216 


Besprechungen. 


Die Europäische Sanitätskonferenz in Warschau am 20. bis 28. März 1922. 

Die von ihr gesammelten, S. 214 in Kürze wiedergegebenen Nachrichten über 
die Verbreitung schwerer Volksseuchen in Osteuropa haben der Hygienesektion des 
Völkerbundes Anlaß gegeben, im März 1922 eine internationale Sanitätskonferenz nach 
Warschau einzuberufen, um die Maßnahmen zur Verhütung eines Ubergreifens der 
Seuchen nach Mittel# und Westeuropa zu beraten. Abgesehen von ihrer allgemeinen 
Wichtigkeit für die Volksgcsundheit, ist die Konferenz deshalb von besonderem Interesse, 
weil sie zum ersten Male Deutschland als gleichberechtigten Vertreter in einer vom 
Völkerbund ausgehenden Unternehmung zeigt. Augenscheinlich haben die deutschen 
Vertreter (Frey, Otto, Mühlens), von denen der erstgenannte Vorsitzender einer 
der drei Kommissionen der Konferenz war, die deutschen Belange sehr geschickt 
vertreten. 

Unter den Beschlüssen der Konferenz ist als das wesentlichste hervorzuheben, 
daß eine gemeinsame Bekämpfung der Seuchen in Osteuropa als eine dringliche Auf# 
gäbe des Völkerbundes anerkannt worden ist. Es sollen zu diesem Ende die Verein# 
barungen der Pariser Konvention von 1912, die nur gewisse Seuchen (Cholera, Pest, 
Gelbfieber) im Auge hatten, auf weitere Krankheiten (Fleckfieber, Rückfallfieber) aus* 
gedehnt werden. Dazu sind besondere Abkommen zwischen den zunächst befallenen 
und bedrohten Staaten über gegenseitigen Austausch der Krankheitsmeldungen und 
Regelung des zwischenstaatlichen Verkehrs nötig. Die Einrichtungen zur Seuchen* 
bekämpfung, namentlich in Rußland, bedürfen der Verstärkung. Zu den Kosten soll 
der Völkerbund beitragen, wobei ihm das Recht zusteht, über die zweckentsprechende 
Verwendung der von ihm bewilligten Mittel Aufsicht auszuüben. Ein Land kann die 
von ihm selbst zu diesem Zwecke verwendeten Mittel von dem Beitrag kürzen, den 
es an den Völkerbund zu leisten hat. 


Ergänzungslehrgang für Fürsorgerinnen. 

Die Wohlfahrtsschule der Stadt Köln veranstaltet in der Zeit vom 
15. Oktober 1922 bis 15. Januar 1923 den letzten ihrer sozialen Nachschulungslehrgänge, 
um Fürsorgerinnen im Amte, die nicht die staatliche Anerkennung besitzen, Gelegen* 
heit zu geben, auf Grund des § 19 der Prüfungsordnung für Wohlfahrtspflegerinnen 
die staatliche Anerkennung zu erwerben. Die Frist für die dafür in Betracht kommenden 
Ausnahmebestimmungen läuft am 31. Oktober 1923 ab. Zulassungsbedingung für alle 
Teilnehmerinnen ist eine mindestens dreijährige berufliche Fürsorgetätigkeit. Dazu 
wird nach der Wahl des Hauptfaches noch eine besondere Vorbildung verlangt, die 
für die Gesundheitsfürsorge pflegerischer, für die Jugendwohlfahrtspflege pädagogischer, 
für die allgemeine und wirtschaftliche Wohlfahrtspflege wirtschaftlicher Art sein muß. 

Gesuche um Zulassung sind bis spätestens 1. Juli an die Leitung der Wohl* 
fahrtsschule der Stadt Köln, Rheinaustr. 3, zu richten. Dem Gesuch sind beizufügen: 
1. ein ausführlicher Lebenslauf, 2. ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis, 3. Zeugnisse 
über allgemeine und Fachausbildung, 4. Zeugnis über die Fürsorgetätigkeit. Die 
Zeugnisse müssen im Original oder in beglaubigter Abschrift beiliegen. 


Soziale Zahnheilkunde. 

Das Kuratorium der Ostdeutschen Sozialhygienischen Akademie in 
Breslau veranstaltet auf Wunsch weiter Kreise der Zahnärzteschaft und auf besondere 
Anregung des Deutschen Zentralkomitees für die Zahnpflege in den Schulen E. V. 
einen Kursus der sozialen Zahnheilkunde, der vom 19. Juni bis 1. Juli 1922 
stattfinden soll. Der Kursus umfaßt allgemeine und spezielle theoretische Vorlesungen 
und ausgedehnte seminaristische Übungen aus den für den Zahnarzt wichtigen Gebieten 
der Sozialen Hygiene, Sozialen Medizin, Sozialen Gesetzgebung, des Fürsorgewesens 
und der Standesorganisation. Der Unterricht wird erteilt von Universitätsprofessoren, 
von beamteten Ärzten der Stadt und von erfahrenen Männern der Praxis. Nähere 
Auskunft erteilt das Sekretariat der Ostdeutschen Sozialhygienischen Akademie, 
Breslau 16, Maxstr. 4. 


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Diesem Heft liegt ein Prospekt „Greimer, Handbuch des praktischen Des* 
infektors“ (Verlag Theodor Steinkopff, Dresden) bei. “WS 


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(Verlac 

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Öffentliche Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 

Organ des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 

Unter Mitwirkung von 

Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonnö (München); Dr. F. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 
Prof. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
Prof. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 
Obermedizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
(Königsberg i. Pr.)-; Reg.-und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); Geh. Oberbaurat 
Dr.-Ing. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 

herausgegeben von 

Prof. Dr. R. Abel und Dr. S. Merkel 

Geh. Obermedizinalrat Obermedizinalrat 

Jena Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 7 

(der Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 



BRAUNSCHWEIG 

DRUCK UND VERLAG VON FR1EDR. VIEWEG & SOHN AKT.-GES. 

1922 













Inhalt des siebenten Heftes. 


Seite 


Zur Gesundheitspolitik. Von Stadtarzt Dr. Ernst Neumann, Neu¬ 
münster .217 

Unsere Ernährungslage nach dem Kriege nach Untersuchungen In öffent¬ 
lichen Speiseanstalten. (Aus dem Hyg. Institut der Universität 
Königsberg i. Pr.). Von Dr. W. E. Hilgers, Assistent des Instituts. 

(Mit einer Abbildung).,.. 221 

Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes zur Bekämpfung 
der Geschlechtskrankheiten. Von Landesrat Dr. Karl Vossen in 
Düsseldorf. ...... 231 

Chronik der Gesundheitspflege. Rassenhygiene und Vererbungslehre. 

Von Sanitätsrat Dr. W. Weinberg in Stuttgart.. 238 

Besprechungen: 

Denkschrift über die gesundheitlichen Verhältnisse des deutschen 
Volkes im Jahre 1920/21. Herausgegeben vom Reichsgesund¬ 
heitsamt. (Abel) . .. 250 

R. Eberstadt. Das Wohnungswesen. (Abel).251 

Richard Standfuss. Bakteriologische Fleischbeschau. (Ludwig 

Bitter, Kiel).252 

Kleinere Mitteilungen: 

Bibliothek für populäre Vorträge.252 

Aus dem Berichte des Schweizerischen Gesundheitsamtes über das 

Jahr 1921.".252 






Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert . 




Co gl 































Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 7. 


Zur Gesundheitspolitik. 


Von Stadtarzt Dr. Ernst Neumann, Neumünster. 


Sieht man von allen metaphysischen Gedankengängen ab, so ist der 
Mensch der Reife, des Schaffens das Ziel der Menschen auf Erden. Es 
muß die Aufgabe der Gesundheitspolitik sein, daß die Menschen das Zeit* 
alter der Reife gesund erreichen und vor allem in den Jahren des Schaffens 
nicht Schaden an der Gesundheit nehmen, damit sie möglichst lange auf 
der Höhe des Schaffens bleiben und nur durch einen „natürlichen“ Tod 
nach dem 70. Lebensjahre aus dem Wirken abberufen werden. Je mehr 
Menschen nach dem 20. bis ungefähr zum 70. Lebensjahre ungestört 
schaffensfreudig und schaffensfähig bleiben, desto mehr trägt jede Geburt 
eines gesunden Kindes zum Gedeihen des Volkes bei. Nur wenn ein 
Volk in den Lebensjahrzehnten nach dem 20. Jahre überquillt von gesundem 
Leben, das nach Arbeit und Schaffen drängt, wird es Willen zur Macht 
haben, wird es seine Art in Werken und Menschen ausbreiten. 

Gesunde Menschen nach dem 20. bis zum 70. Lebensjahre hin bedingen 
nicht nur die kulturelle Blüte eines Volkes, sondern auch sein biologisches 
Gedeihen, da sie in diesen Jahren wieder Menschen zeugen und gebären. 

Haben Krankheit und Tod auslesende Wirkung unter den Menschen 
bezüglich körperlicher Widerstandsfähigkeit und Leistungsmöglichkeit — 
und das wird wohl niemand leugnen können —, so haben sie das in den 
Kindheitsjahren ohne Frage mehr als später. Ist es trotzdem richtig, 
möglichst alles zu tun, was die Gesundheit der Kinder heben kann, so ist 
dies doch, milde gesagt, Torheit, wenn nicht zugleich alles geschieht, um 
die Gesundheit derer, die das 20. Lebensjahr überschritten haben, zu 
erhalten und zu festigen. Das Leben des modernen Menschen in Stadt 
und Land bringt ihm nach dem 20. Lebensjahre in den Stunden der Arbeit 
und der Muße so viel Gefahren für die Gesundheit, daß Gesundheits* 
Politik als Kunst des Notwendigen sich vor allem dagegen wenden muß. 
Möglichst kurze Arbeitszeit in Fabrik, Kontor und Bureau ist die erste 
Forderung der Gesundheitspolitik im heutigen Leben, soll der Mensch die 
Dinge und sollen nicht die Dinge den Menschen haben. Möglichst wenig 
gesundheitsschädliche Zustände in Arbeits* und Wohnräumen muß die 
zweite Forderung der Gesundheitspolitik sein. Manche Zugeständnisse 
wird sie auf diesen Gebieten heute leider noch machen müssen als Folge 
der Sünden der Vergangenheit, besonders auf dem Gebiete des Wohn* und 
Siedlungswesens und in Anpassung an sogenannten wirtschaftlichen Zwang, 
obwohl in der Beziehung bei gutem Willen und Anerkennung der doch 
eigentlichen Selbstverständlichkeit, daß der Mensch der Güter höchstes ist, 
daß er das Maß aller menschlichen Dinge ist, vieles Wünschenswerte auch 
heute nur unmöglich scheint, aber nicht unmöglich ist. 


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14 * 

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218 


Ernst Neu mann, 


Drittens muß Gesundheitspolitik, die sich ihres Zieles klar ist, fordern, 
daß die Menschen nach dem 20. Jahre ihre Mußestunden so zubringen, 
daß diese nicht etwa der Gesundheit neue Gefahren schaffen, sondern 
möglichst die wieder gut machen, welche die Arbeitsstunden ihnen gebracht 
haben. Der Verwirklichung dieser Forderung stehen Sünden der Vergangen* 
heit vor allem im Wohnwesen auch entgegen, aber doch nicht in dem 
Maße wie bei der Forderung nach kurzer Arbeitszeit und gesunden Arbeits* 
und Wohnbedingungen. Sogenannte Notwendigkeiten der Volkswirtschaft 
hindern die gesundheitsgemäße Gestaltung der Mußestunden nie. Wer den 
Profit irgend eines in gesundheitsschädlichen Dingen angelegten Kapitals als 
wirtschaftliche Notwendigkeit rechnet, mit dem ist über diese Dinge über* 
haupt nicht zu reden! Spiel und Sport im Kindesalter sind schön und 
nützlich, noch mehr aber im Alter von 20 bis 50 und 60 Jahren. Wenn 
auf unzähligen Plätzen nicht nur Kinder, sondern Männer und Frauen auch 
mit grauem Haar bei Spiel und Sport sich tummeln, sofern sie nicht im 
Garten arbeiten, wird mehr für die Volksgesundheit gesorgt sein, als wenn 
heute Kinder und Erwachsene in Heilanstalten geschickt werden. 

Heute benutzen die Erwachsenen ihre Mußestunden — man könnte 
sagen — beinahe hauptsächlich dazu, um den Rest von Gesundheit, den 
schlechte Arbeits* und Wohnverhältnisse ihnen gelassen haben, auch noch 
zu untergraben. In überfüllten Räumen rauben sie sich den so notwendigen 
Schlaf und vergiften sich mit schlechter Luft, den Giften des Tabaks, des 
Bieres, Weines und Schnapses! 

Änderten wir dies, so würden wir nicht nur der Gesundheit nützen, 
sondern uns wirtschaftlich vielleicht auch eher in den Stand setzen, die 
gesundheitspolitisch notwendigen Forderungen nach kurzer Arbeitszeit in 
Fabrik, Kontor und Bureau und nach gesundheitsgemäßen Wohn* und 
Arbeitsbedingungen zu verwirklichen. 

Viele tausend Hektar Ackerland werden mühsam bearbeitet, Millionen 
Hände arbeiten an tausenden von Maschinen, um Rauch* und Rauschgifte 
zu erzeugen, damit die Menschen nur ja auch ihre kurzen Mußestunden 
zur Untergrabung ihrer Gesundheit verwenden! Wenn das vom Stand* 
punkt der Gesundheitspolitik nicht Wahnsinn ist, weiß ich nicht, was 
Wahnsinn ist! 

Das zu ändern, sind vielerlei Wege zu gehen, die mittel* oder 
• unmittelbar zum Ziele führen. Aufklärung und Belehrung sind die ein* 
fachsten und notwendigsten, aber auch wirkungslosesten, wenn hinter dem 
Worte nicht die Tat des Beispiels steht! Dazu berufen sind zuerst wohl 
ohne Frage die Ärzte. Sie müssen durch die Forschungen der letzten Jahr* 
zehnte die biologische Einsicht haben, daß der menschliche Körper ein 
unfaßbar verwickeltes Wunderwerk ist, in dem durch das Vorhanden* oder 
Nichtvorhandensein oft kleinster Mengen von chemisch * physikalischen 
Energien wichtigste Änderungen gesetzt werden. Vom biologischen Stand* 
punkte aus können die Ärzte es daher nicht als gleichgültig für die 
Gesundheit betrachten, ob z. B. Rauch* und Rauschgifte, die fraglos nicht 
in den Körper hineingehören, immer wieder ihm einverleibt werden. Wie 
kann biologisches Denken nicht nur für die Staatspolitik, sondern auch 
für das tägliche Tun und Lassen der Menschen bestimmend werden, wenn 
die Ärzte das Beispiel so unbiologischen Denkens und Handelns geben. 


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Zur Gesundheitspolitik. 


219 


daß sie die Rauch* und Trinksitte verteidigen und mitmachen? Die Ärzte, 
die des Gelderwerbes wegen oder aus sonstigen Gründen sich nur um den 
Krankheitsfall des einzelnen Menschen kümmern wollen, können darin 
noch entschuldigt werden, nicht aber die, denen vorbeugende Gesundheits* 
pflege, gesundheitsgemäße Gestaltung des Volkslebens, kurz Gesundheits* 
Politik Aufgabe ist. Sie müssen durch Wort und Beispiel energisch Front 
gegen die Rauch* und Trinkunsitte machen, wollen sie Gesundheitspolitik 
als die Kunst des Notwendigen und Möglichen auf dem Gebiete der 
Gesundheitspflege treiben. 

Tabak* und Alkoholgift werden Ursache, daß selbst Menschen, die 
gesund das 20. Lebensjahr überschritten haben, in den Jahrzehnten zwischen 
dem 30. und 60. Jahre krank und siech werden und vorzeitig sterben; sie 
arbeiten also dem Ziel der Gesundheitspolitik entgegen, die Menschen 
zwischen 20 und 60 bis 70 Jahren gesund und leistungsfähig zu haben, 
daß das Volk gerade in diesen Lebensabschnitten überquelle von gesundem 
Leben! 

Tabak und Alkohol sind Bestandteile des berühmten „Milieus“, die 
fraglos für die Gesundheit nur schädlich und ohne Schaden für die Volks* 
Wirtschaft zu entfernen sind. Wenn „Milieuhygieniker“ über alles Mögliche 
reden und für alle möglichen Aufgaben, die schwer zu verwirklichen sind, 
ihre Kräfte einsetzen, so kann das vom Standpunkt der Gesundheitspolitik 
gut und nützlich sein, ist aber schlimmer als Torheit, wenn dieselben 
Milieuhygieniker an der Tabak* und Alkoholfrage zum mindesten möglichst 
Vorbeigehen, diese gesundheitsschädlichen Umweltfaktoren wohl gar noch 
verteidigen. Das ist ein Widerspruch in sich selbst! 

Milieu* und Rassehygieniker stehen nicht selten noch in gewissem 
Gegensatz zueinander, obwohl dies stets nur von unklarer Auffassung der 
Aufgabe der Milieu* und Rassenhygiene zeugt. In Bekämpfung des Rauch* 
und Rauschgiftes müssen und können aber beide unbedingt zusammen 
gehen, Rauch* und Rauschgifte sind Bestandteile des Milieus, die das 
Individuum und das Keimplasma schädigen. Das ist sicher! 

Alle Gesundheitspolitiker müssen zu aggressiven Gegnern der Rauch* 
und Trinksitte werden, wollen sie sich nicht mit Recht eines Denkfehlers 
zeihen lassen; sie dürfen nicht dabei stehen bleiben, für die Jugend Frei* 
heit von Rauch* und Rauschgift zu verlangen, sondern müssen dies gerade 
für die reifen Menschen, deren Sein doch der Zweck der Jugend ist, 
fordern, damit diese nicht krank und siech und vorzeitig vom Tode hin* 
gerafft werden! Als praktische, leicht zu verwirklichende Maßregel sollten 
z. B. die Gesundheitspolitiker eine reichsgesetzliche Bestimmung verlangen, 
daß in allen geschlossenen Arbeitsstätten und dem öffentlichen Verkehr 
dienenden Räumen und bei öffentlichen Versammlungen irgendwelcher Art 
in geschlossenen Räumen überhaupt nicht geraucht werden darf. Da dies 
aus Gründen der Gesundheit und des öffentlichen Anstandes eigentlich 
zum mindesten so selbstverständlich ist, wie, daß man nicht auf den Boden 
spucken soll, so kann für vernünftige und anständige Menschen solch eine 
gesetzliche Bestimmung auch keine Einschränkung der berühmten indi* 
viduellen Freiheit, sondern nur eine Selbstverständlichkeit sein. Damit 
Selbstverständlichkeiten von allen beobachtet werden, ist es notwendig, 
daß sie Gesetz werden. Das ist ja der Sinn jedes Gesetzes! Der 


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Ernst Neumann, 


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Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege würde sich ein Verdienst 
erwerben, wenn er solch eine Gesetzesbestimmung bei der Reichsregierung 
beantragte. Sie macht keine Kosten und ist leicht durchführbar. 

Ebenso sollte vom Standpunkt der Gesundheitspolitik aus verlangt 
werden, daß die Abendstunde, bis zu der Gastwirtschaften u. dgl. geöffnet 
sein dürfen, so früh wie möglich gesetzt wird. Das ist wieder eine Maß* 
regel, die nichts kostet und doch der Volksgesundheit nur nützt. 

Solche gesetzliche Bestimmungen sind leicht und auch bei uns schon 
beute durchführbar, obwohl wir in solchen Dingen ziemlich rückständig 
sind. Statt aber diese und ähnliche einfache gesundheitspolitische Maß* 
nahmen zu verlangen, diskutiert man eifrig unmittelbare Gesetze gegen die 
Tuberkulose und die Geschlechtskrankheiten, obwohl es zum mindesten 
sehr fraglich ist, ob die geplanten gesetzlichen Maßnahmen durchführbar 
und von Erfolg sind. Man sollte auch nicht vergessen, daß Tuberkulose 
und Geschlechtskrankheiten Festungen sind, die man nicht durch unmittel* 
baren Angriff besiegt, denen man vielmehr nur durch mannigfache mittelbare 
Maßregeln die Widerstandsfähigkeit untergraben kann, so daß sie schließlich 
von selbst fallen, ohne daß ein unmittelbarer Sturm notwendig ist. Daß 
ein vollkommenes Alkoholverbot nach dem Muster der gesundheits* und 
kulturpolitischen Großtat der Vereinigten Staaten von Nordamerika bei 
uns leider aus allgemein politischen und sonstigen Gründen noch nicht 
möglich ist, müßte für alle, denen Gesundheitspolitik Aufgabe sein soll, 
gerade Anlaß sein, auf die Notwendigkeit eines vollkommenen Alkohol* 
Verbots aus Gründen der Volksgesundheit immer wieder hinzuweisen. Ein 
Gesetz, das Branntwein jeglicher Art, Bier von mehr als 2 bis 3 Proz. und 
Wein von mehr als vielleicht 8 bis 10 Proz. verbietet, würde politisch und 
wirtschaftlich heute auch bei uns wohl möglich sein, wenn nur der gute 
Wille der gesetzgebenden Faktoren da wäre. Würden alle in Gesundheits* 
fragen zuständigen Behörden und sonstige Kreise ein solches Gesetz fordern, 
so würde auch bald der gute Wille der gesetzgebenden Körperschaften da 
sein. Ein solches Gesetz würde, ganz abgesehen von den sonstigen segens* 
reichen Kulturwirkungen, für die Volksgesundheit wichtiger sein als alle 
Gesetze gegen Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten; es würde zu den 
Mitteln gehören, die diesen Krankheiten den Boden abgraben. 

Ziel der Gesundheitspolitik ist, daß im Alter nach dem 20. Jahre 
möglichst nur gesunde, bis zum hohen Alter hin leistungsfähige Menschen 
da sind, die nicht vorzeitig durch Siechtum und Tod aus dem Wirken 
abberufen werden. Erreicht dies die Gesundheitspolitik, so ist sie das 
wesentlichste Mittel für Gedeihen und Wohl eines Volkes. Sie muß daher 
alles daran setzen, daß aus den Arbeits* und Wohnverhältnissen und der 
Art, wie die Mußestunden zugebracht werden, den reifen Menschen auch 
in der heutigen Kultur nicht eine Quelle der Schädigung fließt. So wichtig 
es ist, für Gesundheitspflege in der Jugend zu sorgen, so ist dies doch 
nur halbe, fast vergebliche Arbeit, wenn nicht das Leben der erwachsenen 
Menschen in Arbeit, Wohnen und Muße so gestaltet wird, daß die reif 
gewordenen Menschen gesund bleiben. Jugend ist nicht Selbstzweck, 
sondern Mittel zum Zweck. Der reife Mensch der Jahre von 20 bis 70 
ist der Zweck der Jugend. Das darf auch bei der Gesundheitspolitik nicht 
vergessen werden. Es ist, glaube ich, nicht ganz unnötig, das heute mal 


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Zur Gesundheitspolitik. 


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zu betonen. Man wird dann z. B. vor Torheiten wie denen bewahrt bleiben, 
daß man die Jugend vor Rauch» und Rauschgift bewahrt,, aber ruhig zusieht, 
daß die reifen Menschen ihre Gesundheit mit Tabak, Alkohol und anderen 
schädlichen Gewohnheiten untergraben, so daß sie in dem Lebensabschnitt 
nach dem 40. Jahre vorzeitig krank und siech werden, nachdem sie vorher 
vielleicht schon durch Schädigung des Keimplasmas Ursache für das Dasein 
kranker Jugend geworden sind, deren Schwächezustände dann wieder durch 
gesundheitliche Jugendfürsorge behoben werden soll! 


[Aus dem Hygienischen Institut der Universität Königsberg i. Pr.] 


Unsere Ernährungslage nach dem Kriege 

nach Untersuchungen in öffentlichen Speiseanstalten. 

Von Dr. W. E. Hilgers, Assistent des Instituts. 

(Mit einer Abbildung.) 

Wenn auch die Jahre des Krieges und der Hungerblockade mit ihrer 
erzwungenen Rationierung der Lebensmittel auf */ 3 bis y 2 des normalen 
Bedarfs vorüber und Nahrungsmittel wieder reichlich im Lande vorhanden 
sind, so sind doch die unheilvollen Wirkungen der Hungerblockade bis auf 
den heutigen Tag nicht geschwunden. Die notwendige Herabsetzung der 
dargebotenen Nahrungsquot'e zeitigte Folgen in der Gesundheit des deutschen 
Volkes, die zwar in der Blockadezeit am sichtbarsten waren, aber jetzt 
noch besonders in der ärgstbetroffenen Großstadtjugend im Alter von 3 bis 
10 Jahren für den Sozialhygieniker deutlich wahrnehmbar sind. Wie die 
Jahresringe eines Baumes in kargen Jahren klein und schmal sich setzen, 
so ist nach den Beobachtungen der Schulärzte das Wachstum und die 
Gewichtszunahme der Schulkinder hinter den normalen Jahren erheblich 
zurückgeblieben [v. Drigalski 1 ), Schlesinger 2 )]. Der Rückstand im Längen* 
Wachstum gegenüber den Friedenswerten ist auf durchweg 3 bis 5 cm, der 
Rückstand im Gewicht zwischen 2 und 5 kg berechnet worden. Allerdings 
war der Grad der Aushungerung und dementsprechend der gesundheitliche 
Schaden nicht überall gleichmäßig, so daß für den oberflächlichen Beobachter 
die Wirkungen nicht so offensichtlich sind. Die Landbevölkerung war als 
Selbstverbraucher erheblich besser versorgt und stand günstiger da als die 
übervölkerten Industriegebiete. Die höheren Lebensalter litten in erster 
Linie, die Säuglinge, nach allgemeinen Berichten nicht untergewichtig geboren, 
litten höchstens unter dem Milchmangcl, wofür aber eine bessere Stilltätig* 
keit (Reichswochenhilfe) einsetzte [Cohn 3 )]. Doch nicht allein das Zurück* 
bleiben im Wachstum und Gewicht, die Schädigung des Phänotypus, wie 
Kuhn es genannt hat, auch das Sinken der Widerstandskraft gegen kon* 
sumierende Krankheiten ist auf Rechnung der Aushungerung zu setzen. 
Hier ist es vor allem die Zunahme jener Volksseuche, welche einen der 
besten Indikatoren auf sinkende Widerstandskraft darstellt: der Tuberkulose, 
die uns in ihrem Ansteigen der Sterblichkeitsziffer einen traurigen, aber 
sicheren Maßstab für die Wirkungen der Hungerblockade gewährt hat. Die 


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\V. E. Hilgcrs, 


Arbeit von Selter und Nehring 4 ), welche in der Arbeit von Wasser* 
mann 5 ) eine volkswirtschaftliche Parallele hat, gibt eindeutige statistische 
Zahlenreihen, wie sehr die sinkende Ernährung mit steigender Tuberkulose* 
Sterblichkeit einhergeht. Das Höchstmaß der Wirkung der Hungerblockade 
will Gottstein 6 ) auf die Zeit verlegen, wo die in ihrer Konstitution 
geschwächte Jugend in das erwerbsfähige Alter eintritt. Damit liegt also 
ein Teil des Übels noch vor uns — Grund genug, auf eine besonders gute 
Auffütterung dieser Jugend zu dringen. Sowohl das Zurückbleiben des 
Wachstums, wie auch die Sterblichkeit an Tuberkulose sind auf die steigende 
Nahrungszufuhr prompt zurückgegangen. Schlesinger (1. c.) berichtet, daß 
im Jahre 1921 sprunghafte Besserungen eingetreten, sogar die Durch* 
schnittszahlen des Längenwachstums häufig um 3 bis 4, ja um 5 cm 
höher als in den vorangegangenen Jahren sind. Ebenso zeigt die Tabelle 
von Selter und Nehring, wie mit dem Einsetzen reichlicher Nahrungs* 
Zufuhr die Sterblichkeit an Tuberkulose absinkt, um auf das Friedensmaß, 
ja über dasselbe hinaus zu fallen. Damit kennen wir das Heilmittel zur 
Wiederherstellung der deutschen Volksgesundheit: eine ausreichende Er* 
nährung, besser noch eine Ernährung, die über das Maß des physiologisch 
Normalen hinausgeht. Vor allem tut nach dem, was wir aus der Lehre von 
der Wiederauffütterung nach Hungerperioden wissen (Rubner), besonders 
not, die zugeführte Kalorienzahl zu steigern. Wirtschaftlich gesprochen ist 
das nur möglich, wenn die entsprechenden Nahrungsmittel zu erschwinglichen 
Preisen zur Verfügung stehen. Es kommt aber auch ferner, wie Rubner 
nachgewiesen hat, darauf an, Eiweiß und Fett besonders reichlich zu ver* 
zehren, weil durch die chronische Unterernährung eine Eiweißaushungerung 
des Organismus eingetreten ist [Kestner 6 )]. Ein Uberschuß von Eiweiß 
ist zu begrüßen. Nach den Rubnerschen Untersuchungen setzt sich bei 
einer beabsichtigten Wiederauffütterung der Eiweißbedarf aus dem normalen 
Eiweißbedarf des Stoffwechsels und dem Bedarf des zum Wiederaufbau 
des in Verlust geratenen notwendigen Eiweißes zusammen. Die Schnellig* 
keit dieser Gesundung hängt von dem Prozentsatz der Kost an Eiweiß ab. 
Rubner betont, eiweißarme Nahrungsmittel erlauben entweder überhaupt 
keine Auffütterung oder schieben den Termin einer solchen unter über* 
flüssiger Fettbildung endlos lange hinaus. Kestner (1. c.) hatte schon 
während des Krieges den Vorschlag gemacht, zur Verlangsamung des damals 
rapide fortschreitenden Organ*Eiweißverlustes Fleischtage mit hoher Fleisch* 
ration einzuschalten. Der Ruf verhallte ungehört. 

Endlich bedarf es zur Hebung der Widerstandskraft gegenüber kon* 
sumierenden Krankheiten der Zuführung jener Nährstoffe, deren Fehlen 
vor allem das so verhängnisvolle Ansteigen der Tuberkulosesterblichkeit 
bewirkt hat. Das ist das Fett. Ist doch neuerdings von verschiedenen 
Seiten, besonders von Aron 7 ), auf den Zusammenhang zwischen Krankheits* 
hinfälligkeit und Fettmangel hingewiesen worden. Doch ist letzten Endes 
die Höhe der Kalorienzufuhr das wichtigste. Dies zeigen in schönster 
Weise die Untersuchungen von Kruse und Hintze 8 ) während der Kriegs* 
jahre, die ja der Lösung ernährungsphysiologischer Probleme besonders 
günstig waren. In Fragen der Ernährung sind hygienische und Wirtschaft* 
liehe Faktoren unlösbar verknüpft. Es ist nötig, daß nicht nur die not* 
wendige Nahrungsmenge vorhanden, sondern auch, daß sie allen Bevölkerungs* 


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Unsere Ernährungslage nach dem Kriege usw. 


223 


kreisen zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung steht; das kann (wenn 
auch stets nur auf kurze Zeit) durch Steigerung der Lohnhöhe erreicht 
werden, darum spielt die Frage der gleitenden Lohnskala bei den heutigen 
Lohnkämpfen eine so große Rolle. Es soll der Lohn des Arbeiters imstande 
sein, die nötige Nahrungsmenge zur Leistung der Arbeit zur Verfügung zu 
stellen, und somit die Kosten der Ernährung einen Gradmesser abgeben, wie 
die Entlohnung steigen oder fallen soll. Der Reichssteuerungsindex (der hier 
in übersichtlicher Kurvenform wiedergegeben sei) zeigt, wie die Preise der 

Teuerungszahlen des Reichsstatistischen Amtes, 



Wandlungen der Ernährung in der Nachkriegszeit nach Untersuchungen in öffentlichen 
Speisestellen. Von \V. E. Hilgers, Assistent des Instituts. 

Lebensmittel in den einzelnen Monaten des Jahres 1920/21 schwanken und 
seit Juni 1921 erst langsam, dann sprungweise nach oben streben. Den 
Indexzahlen zugrunde gelegt ist der Bedarf einer fünfköpfigen Familie: 
Vater, Mutter und drei Kinder im Alter von 12, 7 und 1% Jahren. Dem 
an und für sich richtigen Gedanken, die Lohnhöhe nach dem Existenz* 
minimum zu staffeln, ist von verschiedener Seite entgegengetreten worden. 
So führte der Reichsarbeitsminister Braun in einem Vortrage aus, daß der 
richtige Grundgedanke der Indexlöhnung das Lohnproblem keineswegs ein* 
deutig und restlos löst. Der Arbeitgeber wünscht Entlohnung nach Leistung, 
um in einer Lohnerhöhung den Anreiz zur Steigerung der Produktion in 
der Hand zu haben. Dann ist die Lohnhöhe ja auch von dem Gedeihen 
des Unternehmens abhängig. Auch ist die Möglichkeit der Selbstversorgung 
in kleinen Städten nicht genügend beachtet, weiterhin geht jede Lebens* 
haltungsindexziffer von einem fiktiven Normalbedarf aus, der von dem 
wirklichen Bedarf des einzelnen Verbrauchers und der Braucherfamilie je 
nach Anpassungsfähigkeit und Vorrat an überkommenen Dingen abweicht. 


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224 W. E. Hilgers, 

Und als letztes zeigt sich, daß die auf Grund des Existenzminimums fest: 
gelegten nach gleitender Lohnskala schwankenden Löhnen den Unverheirateten 
besonders günstig stellen, da die Entlohnung nach Leistung im Gegensatz 
zum sozialen Lohn noch die Regel ist. Verdiente doch nach den Ermitt» 
lungen des Preußischen Statistischen Landesamtes nach den Lohnzahlen 
für die chemische Industrie in einer größeren Stadt im Westen Deutschlands 


Ende 1920: 

ein Mann. 1190,40 M. 

ein Ehepaar mit zwei Kindern. 1363,20 „ 


in vier Wochen. Oder noch klarer ausgedrückt, setzt man die für das 
Existenzminimum notwendigen Ausgaben =100 und bezieht hierauf den 
Verdienst, so erhält man für 1920 folgende Zahlen: 


ein Mann...175 M. 

ein Ehepaar mit zwei Kindern. 97 „ 


Ich habe die Verhältnisse der Entlohnung deswegen etwas weiter ausgeführt, 
weil in meinen folgenden Untersuchungen über die Kostzusammensetzung 
in öffentlichen Speisestellen letztere vorwiegend von Unverheirateten besucht 
werden. Diese Nichtverheirateten, und besonders die Studenten, stellen jetzt 
einen großen Teil derjenigen dar, die im Jahre 1914 etwa 12 bis 14 Jahre alt 
waren, also die Zeiten größter Entbehrung noch in ihren Wachstumsjahren 
durchgemacht haben. Die Möglichkeit der Wiederauffütterung durch 
gesteigertes Nahrungsangebot liegt in den ebengenannten wirtschaftlichen 
Fragen, die die Deckung dieses Nahrungsbedarfs möglich macht. Andere 
wirtschaftliche Verbilligungsmöglichkeiten sind Zusammenschluß in Konsum: 
vereinen, Schaffung billiger Speisestellen (Königsberger Palästra), Umgehung 
des unlauteren Zwischenhandels. Von hygienischer Seite kann durch Auf» 
klärung über die Zubereitung und Ausnutzung der Speisen, ferner über 
den Nährwert der einzelnen Nahrungsmittel indirekt zu einer Verbesserung 
der Volksernährung beigetragen werden. In diesem Sinne wird vom 
Hygienischen Institut zu Königsberg allmonatlich in der meistgelesenen 
Tageszeitung eine kurze Tabelle über den Nährgeldwert der gebräuchlichsten 
Speisen veröffentlicht, wodurch die denkende Hausfrau imstande ist, für 
billiges Geld kalorienreiche Nahrung sich zu beschaffen. Ein Muster dieser 
Tabelle sei nebenstehend eingefügt (S. 225). 

Ein Vergleich der dargebotenen Nährstoffe in öffentlichen Speisestellen 
— qualitativ und quantitativ — mit den Preisen ist stets ein guter Grad: 
messer gewesen, wieweit die Ernährung des Volkes sichergestellt ist. 

Kisskalt 9 ) hatte aus diesen Erwägungen heraus bereits lange vor dem 
Kriege (1907) Untersuchungen über die Zusammensetzung der Kost in 
besseren und geringeren Wirtschaften gemacht, und durch diese willkommene 
Vergleichsmöglichkeit angeregt, habe ich ähnliche Untersuchungen in Königs» 
berger Speisehäusern 1921 angcstellt. Im Hinblick auf das eben Gesagte 
ist es nun von Interesse, festzustellen, sowohl für die Kreise, die die 
öffentlichen Speisestellen besuchen, wie auch für die Familien, denn beide 
schöpfen letzten Endes aus der gleichen Quelle: 

1. Wieviel betragen die Kosten der Ernährung, wenn man annimmt, 
daß durch den Mittagstisch etwa 30 bis 40 Proz. des täglichen 
Kalorienbcdarfs gedeckt werden? 


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öffentliche Gesundheitspflege 1^22. 

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226 


W. E. Hilders, 


2. Wie verhalten sich die öffentlichen Speisestellen in bezug auf die 
Darbietung von Eiweiß, Fett und Kohlehydraten gegenüber den 
Friedenszeiten, und besonders im Hinblick darauf, daß eine eiweiß* 
reiche Nahrung zur Wiederauffütterung notwendig ist? 

3. Wie ist die Deckung des Kalorienbedarfs gegenüber den Preisen 
(Nährgeldwert)? 

Die Untersuchungen wurden an Königsberger Speiseanstalten in den 
Monaten Oktober, November, Dezember des Jahres 1921 vorgenommen 
und geschahen in der Weise, daß die gekauften Speisen in das Hygienische 
Institut gebracht, und dort auf ihren Gehalt an Eiweiß, Fett und Kohle* 
hydraten untersucht und in Beziehung zum Preise gebracht wurden. Unter* 
sucht wurden drei verschiedene Sorten von Speisehäusern: 

1. ein mittleres Restaurant, 

2. ein alkoholfreies Volksspeisehaus, 

3. der Mittagstisch der Palästra Albertina, der allerdings nur Studenten 
zugängig ist. 

Im allgemeinen folgte ich der Versuchsanordnung Kisskalts und stellte 
an einer Mittagsportion die darin enthaltenen Nährwerte in Reinkalorien 
fest. Bei diesen Untersuchungen wurde ich in hilfreicher Weise von Herrn 
cand. med. Hintze unterstützt, der sich mit Eifer und Geschick der Mühe 
unterzog, von den mißtrauischen Wirten Speisen zu erhalten. Da Analysen* 
werte für Eiweiß*, Fett* und Kohlehydratgehalt der Speisengrundlagen 
genügend vorhanden sind, so wurde es als hinreichend genau erachtet, von 
den Rohstoffen auszugehen, an der Hand des Kochrezeptes die Ingredienzien 
festzustellen, und nur die durch Kochen usw. erzeugten Veränderungen zu 
berücksichtigen. Ähnlich sind auch andere Autoren, z. B. Schütz 10 ), in 
der Berechnung des Ernährungsbudgets vorgegangen. Für die Prozentzahlen 
des Abfalls und bei der Verminderung der tischfertigen Herstellung der 
Speisen wurden die von Schütz im Anhang über das Ernährungsbudget 
berechneten Zahlen zugrunde gelegt. Der Vergleich der Speisestellen vor 
und nach dem Kriege ist insofern ungenau, als zwar zwei entsprechende 
Restaurants gegenübergestellt wurden, aber man die Verhältnisse in Berlin 
nicht mit Königsberg genau vergleichen kann. Die Volksküche Kisskalts 
aus dem Jahre 1907 ist mit der Palästra, dem Mittagstisch für Studenten, in 
Beziehung gesetzt. Ebenso sind Volksküchen 1907 und Volksküchen 1920/21 
gleich. Die örtlichen Unterschiede in dem Genuß verschiedener Speisen sind 
nicht klein. Statistische Zahlen fehlen hierüber. Es hat aber doch z. B. den 
Anschein, als ob in Königsberg früher und jetzt mehr Fett verzehrt zu werden 
pflegte, was ja nach den klimatischen Unterschieden nicht weiter verwunder* 
lieh ist. Immerhin ist dieser Unterschied nicht bedeutend genug, um den 
Vergleich zwischen Vor* und Nachkriegszeit unmöglich zu machen. 

Nehmen wir zuerst die Kaloriendeckung, die wir als das wichtigste 
zur Wiederauffiitterung ansehen müssen, so erhielt Kisskalt: 

Im Jahre 1907.1030 Kalorien im Restaurant 

190?.12oO „ in der Volksküche 

1907. 91S „ „ „ Arbeiterwirtschaft, 

während bei unserer Berechnung: 

Im Jahre 1921 (Oktober) . . . 743,6 Kalorien das Volksspeischaus 

1921 „ ... 1047,0 „ „ Restaurant (festes Menu) 

„ „ 1 (J 21 „ ... 1160,0 die Ealiistra 


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Unsere Ernährungslage nach dem Kriege usw. 


227 


lieferte. Die in den einzelnen Speisestellen gefundenen Kalorienwerte 
schwankten an den verschiedenen Tagen einer Woche ziemlich erheblich. 
Die genannten Zahlen sind dementsprechend Durchschnittszahlen. Die 
wenigsten Kalorien lieferte das Volksspeisehaus, wobei zu bemerken ist, 
daß hier keine Suppe entnommen wurde, die durchschnittlich noch 
200 Kalorien lieferte. Die meisten Wärmeeinheiten gab das Essen in der 
Palästra mit durchschnittlich 1160 Kalorien. In dieser Zahl ist noch ein 
Zuschlag von 25 Proz. gerechnet, da sich jeder einzelne zu seiner erhaltenen 
Portion noch einmal Suppe und Kartoffeln nachholen kann. Rechnet man 
den täglichen Mindestbedarf eines Erwachsenen mittlerer Körpergröße bei 
mittlerer Arbeit an reinen Kalorien = 2600 Kalorien, so deckt das Mittag* 
essen in der Palästra und im Restaurant etwa 45 Proz., das der Volks* 
speisehäuser etwa 35 Proz. des täglichen Kalorienbedarfs. Dies entspricht 
ungefähr der Normalzahl, deren genaue Feststellung insofern schwierig ist, 
als konventionelle Unterschiede in den einzelnen Gegenden Deutschlands 
bestehen. 

Untersuchungen haben sogar ergeben, daß häufig die Mittagsmahlzeit 
zwar die eiweißreichste des ganzen Tages ist, abends aber mehr Kalorien 
aufgenommen werden. Nach den Untersuchungen Rubners entfallen 
46 Proz. der Kalorienaufnahme auf die Mittagsmahlzeit. v. Voit 11 ) verlangte 
vom Mittagessen der Volksküche, daß es 50 Proz. der von ihm als Norm ' 
geforderten Kalorienzahl decke. Ungleich wichtiger aber als die absolute 
Kalorienzahl ist das Verhältnis des Preises zu der dafür gebotenen Kalorien* 
menge. 

Kisskalt erhielt 1907 für eine Goldmark: 


Im Restaurant. 763 Kalorien 

In der Arbeiterwirtschaft. 1862 „ 

„ „ Volksküche. 4200 


Bei unseren Untersuchungen erhielten wir November 1921 für eine 
Papiermark: 

Im Restaurant .109,3 Kalorien 

In dem Volksspeisehaus. 110,4 „ 

In der Palästra. 484,9 „ 


Für 1 M. in Gold müßte man demnach, wenn man den Stand des 
Dollars vom 1. Oktober 1921 mit 130 M. annimmt, das 32fache erhalten, 
es ist also glücklicherweise infolge der noch verhältnismäßig großen Kauf* 
kraft der Mark der Zustand so, daß bei richtiger Zugrundelegung 
des Geldwertes der Mark der Preis der Nahrungsmittel geringer 
als vor dem Kriege ist. 

Die Preise, die während des Krieges künstlich durch die Rationierung 
und Höchstpreise niedergehalten, aber durch den Schleichhandel illegal in 
die Höhe getrieben wurden, sind nicht ebenso schnell gestiegen, wie der 
Wert der Mark im Auslande gesunken ist. Nur mit dem langsamen Abbau 
des Kartensystems stiegen die Preise im umgekehrten Verhältnis zur Valuta, 
und näherten sich allmählich den Weltmarktpreisen. Auch durch die 
Reichszuschüsse zur Verbilligung des Brotgetreides, die seit August 1921 
abgebaut wurden, und für 1922 nur noch 1 Milliarde betragen, wurde 
dieser Preisanstieg verlangsamt. Es ist deswegen vom sozialhygienischen 


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W. E. Hilgcrs, 


Standpunkte aus eine erfreuliche Tatsache, daß sich die inländische Kauf* 
kraft der Mark besonders gegenüber den Lebensmitteln noch gehalten hat. 

Wie schon oben ausgeführt worden ist, hat sich die Entlohnung den 
Preisen der Lebensmittel angepaßt, so daß bei dem heutigen Stande der 
Ernährungsfrage, wo volkswirtschaftliche und hygienische Gesichtspunkte 
eng miteinander verbunden sind, die Nahrungsmittel in den öffentlichen 
Speisestellen relativ billig zur Verfügung stehen. Leider ist das aber für 
weite Volkskreise, die nicht entlohnt werden, nicht der Fall, so daß z. B. 
für die Studenten der billige Palästramittagstisch der einzige Ausweg aus 
drohender chronischer Unterernährung ist. 

Zur Frage der Wiederauffütterung ist weiterhin wichtig, festzustellen, 
wie die Kaloriendeckung im einzelnen sich zusammensetzt, ob nicht die 
Kohlehydrate gegenüber den teuren Fetten das Übergewicht bekommen 
haben, ob nicht der Hauptcharakter der verschiedenen Kostsätze, die als 
gemischte Kost bezeichnet werden, um das Zitat Kisskalts aus Rubners 
Arbeit zu gebrauchen, sich nicht grundlegend geändert hat. Auch in den 
früheren Arbeiten über Ernährungsbudget, wie z. B. in dem Artikel von 
Schütz (1. c.), ist auf die Herkunft der Kalorien, d. h. ihre Verteilung auf 
Eiweiß, Fett und Kohlehydrate besonderer Wert gelegt. Bei Schütz ent* 
fielen in seinen Berechnungen von der aufgenommenen Kalorienzahl: 

15 Proz. auf Eiweiß, 35 Proz. auf Fett, 50 Proz. auf Kohlehydrate. 

Bei Rubncr: 

19 Proz. auf Eiweiß, 30 Proz. auf Fett, 51 Proz. auf Kohlehydrate. 

Ein Vergleich der einzelnen Speisestellen ergab an Anteilen von Eiweiß, 
Fett und Kohlehydraten an der Kaloriendeckung folgende Durchschnitts* 
prozentzahlen: 


1907 1921 

Volksküche Palästra 

13.1 Proz. 17,9 Proz.Eiweiß 

13,6 „ 28,1 .Fett 

73,3 „ 53,9 „ .Kohlehydrate 

Arbeiterwirtschaft Volksspeisehaus 

16.1 Proz. 20,2 Proz.Eiweiß 

67,0 „ 34,5 „ .Fett 

19,0 „ 61,0 ..Kohlehydrate 


Anmerkung bei der Korrektur. Inzwischen ist die Differenz noch größer 
geworden, die Steigerung der Nahrungsmittclpreise ist nicht in dem Maße gewachsen, 
wie der Wert der Mark gesunken ist. April 1922. 


Restaurant 
29,0 Proz. 
58,3 „ 

18,8 „ 


Restaurant 

13,7 Proz.Eiweiß 

41,0.Fett 

45,2 „ .Kohlehydrate. 


Die gegenübergestellten Zahlen lassen erkennen, daß das Restaurant 
seine Speisendarbietung gegenüber der Friedenszeit erheblich geändert hat. 
Kohlehydrate in den verschiedensten Formen sind als billige Kalorienliefercr 
weitgehend herangezogen, und zwar besonders auf Kosten des Fettes, und 
vor allem des Eiweißes, das um die Hälfte zurückgegangen ist. Das ist 
an und für sich nicht zu bedauern, da ja die Restaurantspeisung vorzüglich 
zur Gaumenreizung dienen sollte, damit der Konsum an Bier, dem eigent* 
liehen Wirteverdienst, gesteigert werden konnte. Unter dem Einfluß der 


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Unsere Ernährungslage nach dem Kriege usw. 


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Kriegsnotwendigkeiten scheint sich auch ein großer Teil des Publikums an 
größeren Genuß von Kohlehydraten gewöhnt zu haben. Immerhin ist die 
Fettdeckung sehr groß und überragt noch die oben erwähnten Prozent* 
zahlen von Rubner und von Schütz. In noch ausgedehnterem Maße ist 
die Änderung der Ernährung bei einem Volksspeisehause ersichtlich. Hier 
ist das teure Fett fast um die Hälfte zurückgegangen, die Kohlehydrate 
sind fast um das Dreifache gestiegen, während der Anteil des Eiweißes 
sogar heraufgegangen ist, was auf ein stärkeres Dargebot von eiweißreichen 
Leguminosen zurückzuführen ist. Die einzelnen Speisezettel/ deren Wieder* 
gäbe ich hier unterlasse, zeigen das deutlich. Ein Vergleich des Studenten* 
mittagstisches der Palästra mit einer Volksküche ist insofern ungenau, als, 
wie schon oben auseinandergesetzt, die Palästra durch die Qüäkerbeihilfe 
erhebliche Zuschüsse bekommt. Die Quäkerzulage betrug für je 100 Studenten 
in einer Woche von 7 Tagen: 


Sterilisierte Milch . 15 Büchsen ä 500 g Reis.18 kg 

Schmalz ...... 9 kg Nudeln.13 „ 

Corned beef .... 2 Büchsen ä 6 kg Zucker.13 „ 

Weizenmehl .... 15 kg Fleischextrakt. 1 „ 

Getrocknete Erbsen 32 „ 


Wenn man bedenkt, daß die wöchentliche Ration an Rohmaterialien 
für je 100 Studenten folgende Tabelle beträgt, 


Fleisch. 

.... 35 kg j 

Kondensierte Milch 

. 20 Büchse 

Fett. 

.... 4 „ 

! „ Sahne . 

. 10 „ 

Kartoffeln. 

. ... 350 „ 

Reis. 

. 40 kg 

Gemüse. 

.... 50 „ 

Fische. 

. 10 

Mehl. 

.... 8 „ 

Zucker. 

. 10 „ 

Erbsen . 

.... 45 „ 

Speck . 

. 9 „ 

Haferflocken . . . 

.... 40 .. 

Schokoladenpulver . . 

. 10 „ 

Graupen. 

.... 40 „ 

; Gurken. 

. 25 „ 


so ist daraus zu ersehen, welche Beihilfe hierdurch geliefert wird. Es ist 
darum nicht verwunderlich, daß die Zahlen gegenüber der Volksküche sogar 
im Vergleich zur Friedenszeit größer sind. Besonders hoch ist der Anteil 
an Fett, was für die durchweg unterernährten Studenten, welche diesen 
Mittagstisch benutzen, besonders wichtig ist. 

Genauere Untersuchungen über den Stand der Unterernährung unserer 
heutigen Studentenschaft liegen nur von Friedberger 12 ) in Greifswald vor, 
also einer kleineren Universitätsstadt, welcher 45 Proz. der Studenten als 
unterernährt berechnet. 

Eine Folge des Krieges ist auch die Verschiebung des Verhältnisses 
zwischen dem animalischen Eiweiß und dem vegetabilischen, das nach 
Kisskalt ungefähr ein Verhältnis von 1:2 darstellen soll. 

Folgende Tabelle wird die Verschiebung verdeutlichen. Die absolute 
Eiweißmenge betrug: 


1907 1921 

ln der Volksküche. 37,3 g ln der Palästra.50,7 g 

ln der Wirtschaft. 39,0 „ Im Volksspeisehaus.37,3 „ 

Im Restaurant. 09,5 „ Im Restaurant .41,4 „ 

\ 

Der entsprechende prozentuale Anteil an animalischem Eiweiß betrug: 


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230 


W. E. Hilgers, 


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1907 


1921 


In 

der Volksküche . . . . 

45 Proz. 

In der Palästra . . . 

. . . 53 Proz. 

In 

der Arbeiterwirtschaft . 

88 „ 

Im Volksspeisehaus . . 

, . . 64 „ 

Im 

Restaurant. 

74 „ 

Im Restaurant . . . . 

. . 68 „ 


Es ist auch hieraus die schon bekannte Tatsache zu ersehen, daß der 
Fleischverbrauch, wie überhaupt der Verbrauch an teurem animalischem 
Eiweiß gegenüber der Friedenszeit zurückgegangen ist. Die Ausnahme bei 
der Palästra ist unscheinbar, da hier dreimal in der Woche billiges Pferde* 
fleisch und das kostenlose Corned beef der Quäker zur Verfügung steht. 
Von besonderer Bedeutung ist es, daß die Fettquote zwar relativ gesunken 
ist, aber absolut sehr hoch steht. Dieses außergewöhnliche hohe Angebot 
an Fett steht vielleicht mit der instinktiven Neigung im Zusammenhang, 
die Fettquote zu steigern, um die durch den Fettmangel bedingten Schädi* 
gungen auszugleichen. 

In der Arbeit von Selter und Nehring (1. c.), welche den statisti* 
sehen Zusammenhang zwischen Ernährung und Tuberkulosesterblichkeit in 
übersichtlichen Kurven zeigten, konnte mit dem Einsetzen der ausländischen 
Speck* und Schmalzzufuhr ein Absinken der Tuberkulosesterblichkeit beob* 
achtet werden. Es besteht kein Zweifel, daß, an dem Speisendargebot 
öffentlicher Speisestellen gemessen, eine erhebliche Besserung der deutschen 
Volkscrnährung für alle Kreise eingesetzt hat, ausgenommen vielleicht für 
jene Bemitleidenswerten, die, im Einkommen auf unterwertigen Kapital* 
zinsen fußend, ihre Kauffähigkeit verloren haben. Im Gegensatz zu be* 
stimmten Kreisen des Mittelstandes ist der Lohnangestellte, der doch den 
größten Teil des Volkes ausmacht, recht wohl in der Lage, sich mit seinen 
gestiegenen Löhnen die nötige Nahrungsmenge, gut zubereitet, zu kaufen. 
Sogar der Eiweiß* und Fettgehalt der Nahrung ist erstaunlich hoch, wenn 
auch der Vorkriegsstand noch nicht erreicht ist. 

In gewisser Weise ist dem notleidenden Mittelstände, in diesem Falle 
den Studenten, dadurch in etwas geholfen, daß sie in der Palästra einen 
besonderen billigen Mittagstisch gefunden haben. 

Daß diese Besserung der Ernährung bereits sichtbare Erfolge hat, zeigen 
deutlich die Schlesinger sehen Zahlen und die allgemeinen Beobachtungen. 
Möge sie auch von Dauer sein! Dann werden vielleicht die Spätfolgen 
der Hungerblockade, welche uns Gottstein in Aussicht stellt, weniger 
schwer ausfallen. 

Ausreichende und zweckentsprechende Ernährung ist das Hauptmittel, 
um die Einbuße an Volkskraft und Volksgesundheit, die uns vier ent» 
behrungsrciche Jahre abnahm, wieder wett zu machen und uns damit den 
Weg zu neuem Aufstieg zu bereiten. 

Literaturzusammenstellung. 

’) v. Drigalski, Hungerblockade und Volksgcsundheit. — Siehe auch Bericht über 
die 42. Versammlung des Vereins für öffcntl. Gesundheitspflege zu Nürnberg am 12. 
und 13. .September 1921 in dieser Zeitschrift 1921, Heft 11. 

2 ) Schlesinger, Wachstumshemmung der Kinder in den Nachkricgsjahrcn. 
Münchener med. W ochenschrift 1920, Nr. 16. 

3 ) Cohn, Das Stillen der Mutter vor, in und nach dem Kriege. Berliner klin. 
Wochenschrift 1921, Nr. 49. 

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Unsere Ernährungslage nach dem Kriege usw. 


231 


4 ) Selter und Nchring, Zeitschrift für Tuberkulose, Bd. 33. 

5 ) K. Wassermann, Volkswirtschaftliche Betrachtungen zur Steigerung der 
Tuberkulosesterblichkeit während des Krieges. Greifswald, Bambergs Verlag, 1920. 

6 ) Kestncr, Deutsche med. Wochenschrift 1920, Nr. 9. 

*) Aron, Berliner klin. Wochenschrift 1920, Nr. 33. 

8 ) Kruse und Hintze, Uber sparsame und doch ausreichende Ernährung, und 
Kruse, Sozialhygienische Mitteilungen, Jahrg. 4, Heft 1. Münchener med. Wochen¬ 
schrift 1920, Nr. 16. 

9 ) Kisskalt, Untersuchungen über das Mittagessen in verschiedenen Wirtschaften 
Berlins. Archiv für Hygiene, Bd. 86. 

10 ) Schütz, Uber das Ernährungsbudget. Zeitschrift für Hygiene, Bd. 83. 
n ) v. Voit, Untersuchung der Kost in einigen offentl. Anstalten. München 1877. 
n ) Fried berger, Untersuchungen über Ernährung und wirtschaftliche Verhältnisse 
des Greifswaldcr Studenten im Sommersemestcr 1920 und im Wintersemester 1920/21. 
Münchener med. Wochenschrift 1921, Nr. 29, S. 901. 


Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes 
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 


Von Landesrat Dr. Karl Vossen in Düsseldorf. 

I. . Die Bedeutung 'aller praktischen Geschlechtskranken* 
fürsorge liegt bekanntlich einmal darin, daß die betreffenden Kranken 
geheilt werden und man sie dadurch vor den schweren Folgen der Krank* 
heit, insbesondere vorzeitiger Invalidität bewahrt. Der Hauptzweck dieser 
Fürsorge besteht aber in zweiter Linie darin, daß sie durch Beseitigung 
der Infektionsquellen die Bekämpfung einer der gefährlichsten Volksseuchen 
zum Ziel hat und damit zu einem sozial* und bevölkerungspolitischen 
Faktor ersten Ranges wird. 

Eine vom Reichsgesundheitsamt für das Jahr 1919 aufgestellte Statistik 1 ) 
hat ergeben, daß auf 10 000 der Reichsbevölkerung 22 Geschlechtskranke 
entfallen. Vergleicht man diese Statistik hinsichtlich der zehn größten 
Städte des Deutschen Reiches mit einer im Jahre 1913 vom Verband 
deutscher Städtestatistiker aufgestellten Statistik derselben zehn Großstädte, 
so ergibt sich zwar zahlenmäßig eine geringe Abnahme der Geschlechts* 
krankheiten von 64 auf 61 geschlechtskranke Personen von 10 000 der 
Bevölkerung dieser Städte. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß die 
Beteiligung der Ärzte und Krankenanstalten an den Meldungen im Jahre 
1913 im allgemeinen größer war als im Jahre 1919. Man darf also aus 
diesen Feststellungen höchstens den Schluß ziehen, daß es vielleicht 
gelungen ist, dem weiteren Anwachsen der Geschlechtskrankheiten Einhalt 
zu tun. Aber der Beharrungszustand, in dem wir uns vorläufig befinden, 
bietet trotzdem ein trauriges Bild. Für die Stadt Hannover werden z. B. 
von dem Direktor des dortigen statistischen Amts auf Grund der Er* 
mittlungen von 1919 folgende Zahlen mitgeteilt 2 ): Von je 100 Männern 
von 15 bis 50 Jahren sind 176 geschlechtlich erkrankt und von 100 Frauen 
47, d. h. also, wenn man annimmt, daß von jenen 100 zurückschauenden 
Männern 15 überhaupt niemals geschlechtskrank gewesen sind, so sind 33 
einmal erkrankt, 30 zweimal neu erkrankt und der Rest 3 und mehrmal. 


l ) Veröffentlichungen des Reichsgesundheitsamts 1921, S. 408. 

*) VgJ. Seutema n n, Archiv für soziale Hygiene und Demographie 1921, Bd. 14, 


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232 


Karl Vossen, 


Was besonders die Syphilis betrifft, so ergibt die Statistik von Hannover, 
daß in der Großstadt jeder fünfte Mann im Alter von 15 bis 50 Jahren 
an Syphilis krank oder krank gewesen ist. Besonders traurig ist, daß in 
der Altersstufe von 21 bis 25 Jahren die Zunahme der Syphilis bei den 
Frauen stärker ist als bei den Männern, namentlich, wenn man bedenkt, 
daß die Frauen für die Verbreitung der Seuche den gefährlicheren Nähr* 
boden abgeben. Hieraus ergibt sich mit erschreckender Deutlichkeit, daß 
ein Nachlassen in der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten für unser 
Volkswohl verhängnisvoll sein würde, namentlich, wenn man die schweren 
Folgen dieser Krankheiten, insbesondere auch für das kommende Geschlecht, 
nicht aus dem Auge läßt. 

II. Der Entwurf eines Reichsgesetzes zur Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten muß daher als eine soziale Tat allerersten 
Ranges bezeichnet werden, falls es ihm gelingen sollte, das überaus schwierige 
Problem dieser schwierigsten aller Seuchenbekämpfungen glücklich zu lösen. 

Nicht gerade zum Vorteil für die rasche Verabschiedung des Entwurfs 
hat man diejenigen Vorschriften, welche sich mit der Seuchenbekämpfung 
als solcher befassen, also die gesundheitlichen und sozialhygienischen Be« 
Stimmungen, durch eine Reihe von Vorschriften ergänzt, die das zwar 
verwandte aber ebenso schwierige Problem der Prostitution betreffen, und 
durchgreifende Änderungen der bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen 
zum Ziele haben. 

Es soll hier nur die erste Gruppe von Bestimmungen behandelt 
werden, welche die direkte Seuchenbekämpfung betreffen. Diese Vor» 
Schriften kann man gliedern in materiell rechtliche Bestimmungen, die in 
die persönliche Freiheit sehr tief einschneiden, z. B. die Behandlungspflicht 
der Kranken, die Anzeigepflicht der Ärzte, das Kurpfuscherverbot u. dgl., 
sowie solche Bestimmungen, die sich mit der praktischen Durchführung 
und Organisation der Seuchenbekämpfung beschäftigen, d. h. insbesondere 
mit der Frage, welche Behörden oder Stellen mit der Handhabung des 
Gesetzes betraut werden sollen und in welcher Weise sich die Tätigkeit 
dieser Stellen entwickeln soll. Der Erfolg des ganzen Gesetzes wird ent* 
scheidend von der richtigen Auswahl und der richtigen praktischen Arbeit 
dieser Stellen abhängen. 

III. Was die praktische Organisation der Seuchenbekämpfu ng 
im Entwurf betrifft, so ist es als sein besonderer Vorzug zu begrüßen, 
daß er an die bestehenden und bewährten Einrichtungen der Beratungs* 
stellen für Geschlechtskranke, wie sie von den Landesversicherungs* 
anstalten auf Anregung des Präsidenten des Reichsversicherungsamts 
Dr. Kaufmann im Jahre 1917 ins Leben gerufen worden sind, im § 14 
angeknüpft hat. In der Begründung des Entwurfs wird bemerkt, daß „die 
vorzüglichen Ergebnisse, die die Tätigkeit dieser Beratungsstellen bisher 
gehabt haben, auf die Notwendigkeit hinweisen, den Ausbau der bestehenden 
und die Begründung neuer Stellen mit allen Mitteln zu fördern.“ 

Um aber den Ausbau in der richtigen Weise vornehmen zu können, 
ist es notwendig, den gegenwärtigen Stand der Beratungsstellen 
einmal etwas genauer ins Auge zu fassen. Hierbei wird sofort eine durch* 
greifende Unterscheidung zu machen sein zwischen denjenigen Landes* 
Versicherungsanstalten, die in ihren Beratungsstellen für Geschlechtskranke 


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Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes usw. 


233 


neben der späteren Überwachung lediglich eine beratende Tätigkeit 
im engeren Sinne des Wortes ausüben, d. h. die Diagnose nachprüfen lassen 
und den Kranken die notwendigen Ratschläge erteilen, wie und wo er sich 
eventuell von seiner Krankheit heilen lassen kann, und denjenigen Landes« 
Versicherungsanstalten andererseits, die darüber hinausgehend neben der 
Beratung den in Betracht kommenden Kranken eine vollständig kosten« 
lose Kur gewähren. Nach den in der Rheinprovinz gemachten prakti« 
sehen Erfahrungen bleibt die ganze Arbeit der Beratungsstellen mehr oder 
weniger unfruchtbar, wenn sie sich lediglich auf die erstgenannten Aufgaben, 
nämlich die Beratung und Überwachung, beschränken, denn wenn auch 
guter Rat teuer ist, der Geschlechtskranke will und muß von seinem Leiden 
befreit werden, nur dann wird er den Weg zur Beratungsstelle finden, und 
nur dann gelingt es auch, die Infektionsquelle, die er darstellt, zu verstopfen 
und der Weiterverbreitung der Seuche entgegen zu arbeiten. In den Bezirken 
der Landesversicherungsanstalten Rheinprovinz und Westfalen werden nicht 
nur die Geschlechtskranken, soweit sie versichert sind, sondern auch soweit 
sie dem Kreise der versicherten Personen wirtschaftlich oder sozial nahe 
stehen und bedürftig sind, einer vollständig kostenlosen, diskreten und 
nach dem Stande der ärztlichen Wissenschaft ausreichenden Kur auf Kosten 
der Landesversicherungsanstalt unterzogen, und zwar durch einen Arzt, den 
sich der Kranke selbst wählen kann. Negativ ausgedrückt erhalten also 
alle diejenigen Geschlechtskranken, welche eine Kur selbst nicht bezahlen 
können, Heilung und Kur, unter Umständen auch in Krankenanstalten, in 
Bädern und Heilstätten, d. h. also eine Kur, wie sie sich in solchem Um« 
fange ein Privatpatient bei den heutigen hohen Kosten für Arzthonorar 
und Arzneimittel kaum in allen Fällen leisten kann. Diese Heilfürsorge 
der Landesversicherungsanstalt wird auf Grund des § 1274 der Reichs« 
Versicherungsordnung als rein freiwillige Maßnahme zur Hebung der gesund« 
heitlichen Verhältnisse der versicherungspflichtigen Bevölkerung übernommen, 
womit die Landesversicherungsanstalt freiwillig und, wie betont werden 
muß, vorläufig eine Aufgabe übernommen hat, die an sich dem Reich 
oder Staat als den Träger der öffentlichen Gesundheitspflege obliegt. Durch 
Abschluß von Verträgen mit den Krankenkassen und anderen Versicherungs« 
trägem, den Sonderanstalten, Knappschaftsvereinen, der Reichsversicherungs« 
anstalt für Angestellte, den Eisenbahnbetriebskrankenkassen usw. ist für 
diejenigen Versicherten, die den genannten Versicherungsträgern angehören, 
eine Behandlungsgemeinschaft mit der Landesversicherungsanstalt Rhein« 
provinz ins Leben gerufen worden, wonach die Fürsorge für sie, also auch 
z. B. für die bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte versicherten 
Angestellten und deren Familienangehörige, von den Beratungsstellen der 
Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz durch Bewilligung einer Kur 
im Einzelfalle sofort praktisch ausgeübt wird. Die Kosten der Kur 
werden alsdann später dem in Frage kommenden Versicherungsträger in 
Rechnung gestellt. Im Jahre 1921 sind auf diese Weise von der Landes« 
Versicherungsanstalt Rheinprovinz für 18 134 Kuren 4 330 286 M. an reinen 
Behandlungskosten aufgewendet worden. Die reinen Kurkosten betrugen 
also durchschnittlich 239,89 M. im Einzelfalle (für 1920 waren für 15 372 
Kuren 2 342 238 M., also je Kur 152,37 M. aufgewendet). Zu der genannten 
Summe traten für 1921 noch 214 827 M. Kosten der Beratungsstelle (per« 


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234 


Karl Vosscn, 


sönliche: für leitenden Arzt und Bureaupersonal und sachliche: für Miete, 
Inventarabschreibung, Neuanschaffungen), sowie 130 600 M. an Kosten der 
Beratung (Blutuntersuchung, Reisekosten, Lohnausfall der Patienten), so 
daß im ganzen für die Geschlechtskrankenfürsorge 4 695 714 M. im Jahre 
1921 in der Rheinprovinz aufgewendet wurden (im Jahre 1920 2 562 023 M.). 
Nach Mitteilungen des Reichsversicherungsamts 1 ) sind im vorhergehenden 
Jahre 1920 rund 7% Millionen Mark von sämtlichen Landesversicherungs* 
anstalten im Interesse der Geschlechtskrankenfürsorge aufgewendet worden. 
Für 1921^ stehen die Gesamtziffern für das Reich noch nicht fest. 

Zusammenfassend muß auf Grund der praktischen Erfahrung in der 
Rheinprovinz gesagt werden, daß eine wirksame Tätigkeit im Kampfe gegen 
die Geschlechtskrankheiten durch die Beratungsstellen nur dann ausgeübt 
werden kann, wenn diese Stellen nicht lediglich beraten, sondern auch 
kostenlose Kuren allen denjenigen Personen gewähren, die selbst 
eine solche Kur nicht bezahlen können. Die weitere Entwicklung 
muß also zu einem entsprechenden Ausbau dieser Organisation bei allen 
Landesversicherungsanstalten in allen Teilen des Reiches führen. 

Der Vollständigkeit halber sei noch hervorgehoben, daß neben der 
Beratung und Behandlung der Geschlechtskranken als dritte Aufgabe der 
Beratungsstellen die genaue Überwachung und Kontrolle der Kranken bis 
zur vollständigen Heilung oder wenigstens bis zur Beseitigung der Ansteckungs* 
gefahr bestehen bleiben muß, wie dies ja gegenwärtig schon in mehr oder 
minder durchgreifender Weise von allen gegenwärtigen Beratungsstellen der 
Landesversicherungsanstalten im ganzen Reiche geschieht. 

IV. Die neuen Bestimmungen des Gesetzentwurfs betreffend 
die Organisation und Tätigkeit der Beratungsstellen lassen sich kurz wie 
folgt zusammenfassen: 

1. § 14 bestimmt, daß im ganzen Reichsgebiet öffentliche Beratungs* 
stellen für Geschlechtskranke in ausreichender Anzahl vorhanden sein 
müssen, und ferner, daß die Voraussetzungen ihrer Zulassung und ihr Auf* 
gabenkreis durch Ausführungsbestimmungen geregelt werden sollen, welche 
die Reichsregierung mit Zustimmung des Reichsrats erläßt. Wir haben es 
hier mit einem Rahmengesetz zu tun, dessen wesentlicher Inhalt erst durch 
die Ausführungsbestimmungen geschaffen werden soll. 

2. In § 8 des Entwurfs wird aber bereits ein wesentlicher Teil des 
Aufgabenkreises der Beratungsstellen festgelegt, indem hier bestimmt wird: 

„Wer eine Person, die an einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen 
Geschlechtskrankheit leidet, ärztlich behandelt, hat der in § 14 bezeichn 
neten Beratungsstelle Anzeige zu erstatten, wenn der Kranke sich 
der ärztlichen Behandlung oder Beobachtung entzieht oder wenn er andere 
infolge seines Berufs oder seiner persönlichen Verhältnisse besonders 
gefährdet. Kommt der Kranke den Anweisungen der Beratungsstelle nicht 
nach, so hat diese der in § 3 bezeichneten Gesundheitsbehörde Kenntnis 
zu gehen.“ 

Lebhaft ist zu begrüßen an dieser Bestimmung, daß die Beratungs* 
stellen und nicht das Gesundheitsamt als diejenige Stelle bezeichnet wird, 
an die der Arzt seine Anzeige richten soll, und daß die in § 3 bezeichnete 

*) Amtliche Nachrichten des Reiehsversieherungsamts von 1921, S. 425. 


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Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes usw. 


235 


Gesundheitsbehörde erst dann in Tätigkeit tritt, wenn den Anweisungen 
der Beratungsstelle seitens des Kranken nicht Folge geleistet wird. Die 
Erfahrungen in der Praxis gehen dahin, daß nur eine freiwillig aufgesuchte 
und in Anspruch genommene Beratungsstelle das Vertrauen des Kranken 
genießt, und daß alle Zwangsmaßnahmen, welcher Art sie auch immer sein 
mögen, bei der Natur der Krankheiten und der Psyche der Erkrankten, 
diese Stelle unbedingt derart diskreditieren würde, daß sie alsbald zum 
Verdorren käme. Die Beratungsstelle bleibt also auch im Entwurf eine 
freiwillig aufgesuchte, ohne Zwangsmittel arbeitende Fürsorgcstelle für alle 
diejenigen Kranken, welche ihre Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Die 
Gesundheitsbehörde (§ 3 des Entwurfs) tritt erst bei den böswilligen 
und leichtfertigen Kranken mit ihren Zwangsmaßnahmen, insbesondere der 
zwangsweisen Unterbringung in einem Krankenhaus, in Tätigkeit. Wie die 
Begründung zum Entwurf mit Recht hervorhebt, soll die Beratungsstelle 
also auch in Zukunft das natürliche Bindeglied zwischen den Kranken und 
dem Arzt einerseits und der Gesundheitsbehörde andererseits werden. 

So glücklich aber auch diese Abgrenzung der behördlichen Organisation 
ist, so wenig befriedigend hat der Entwurf in § 8 die ärztliche Anzeige* 
pflicht selbst geregelt. Es soll in diesem Zusammenhang nur ganz kurz 
hinsichtlich dieser viel umstrittenen Frage darauf hingewiesen werden, 
daß eine praktische Wirksamkeit jener beschränkten Anzeigepflicht des 
Entwurfs wohl nicht beschieden sein wird, weil die Voraussetzungen dieser 
Anzeigepflicht viel zu dehnbar sind und der Beurteilung und dem Gewissen 
des Arztes einen viel zu weiten Spielraum lassen. Sollte in den weiteren 
Verhandlungen des Reichstagsausschusses keine praktisch brauchbare Lösung 
dieser Frage gefunden werden und es bei der beschränkten Meldepflicht 
des Entwurfs verbleiben, so muß zum allermindesten eine scharfe Straf* 
bestimmung des Gesetzes für den Fall der Verletzung selbst jener 
beschränkten Meldepflicht gefordert werden. Diese Forderung wird 
auch von allen gewissenhaften Ärzten in ihrem eigenen Interesse unterstützt 
werden, indem auch für den Arzt die Strafbestimmung dem Kranken 
gegenüber als Erleichterung dient*). 

V. Wie nun im einzelnen die Organisation der Beratungs* 
stellen und ihre Tätigkeit nach dem Gesetz und den Ausführungs* 
Bestimmungen aussehen wird — diese wichtige und für die ganze Wirk* 
samkeit der schönen Bestimmungen des Entwurfs entscheidende Frage —, 
liegt noch vollständig im Dunkeln. Ebenso ist noch ungelöst die hiermit 
unmittelbar im Zusammenhang stehende Frage, wer die finanziellen 
Lasten der Beratungsstellen tragen soll. Es sei gestattet, auf Grund 
einer längeren praktischen Arbeit für diese Fragen in ganz kurzen Um* 
rissen den Weg einer Lösung vorzuschlagen: 


A. Organisation. 

Die auf Grund des §.14 des Entwurfs zu schaffenden Beratungsstellen 
sind die schon bestehenden Beratungsstellen der Landcsversicherungs* 
anstalten und Sonderanstalten an allen größeren Orten des Reichs. 
Außer diesen Beratungsstellen der Landesversicherungsanstalten sind Sonder* 

*) Vgl. v. Zumbusch. Münchener mcd. W ochenschrift l l >22, S. 47S. 


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236 


Karl Vossen, 


Beratungsstellen in Kreisen und Gemeinden (z. B. bei den Wohlfahrtsämtern) 
als besondere Einrichtung dieser Kreise und Gemeinden unzweckmäßig, 
da sie der für die hier fragliche Spezialseuchenbekämpfung notwendigen 
zentralen Organisation entbehren. Auch werden diese Sonderberatungs* 
stellen von den Patienten, die in ihrem Wohnort nur ungern sich als 
geschlechtskrank durch den Besuch einer solchen Kreis* oder Gemeinde* 
beratungssteile zu erkennen geben, nicht gern aufgesucht. Die Kranken 
besuchen erfahrungsgemäß lieber die Beratungsstelle in der nächsten größeren 
Stadt, wo sie unbekannt sind, zumal ihnen auch die Reisekosten vergütet 
werden. 

B. Aufgabenkreis. 

Der Aufgabenkreis der Beratungsstellen wird sein: 

1. Den Kranken kostenlose und streng verschwiegene Beratung zuteil 
werden zu lassen, wobei eine Behandlung der Kranken in der Beratungs* 
stelle nicht stattfinden darf, sondern nur eine Untersuchung, soweit diese 
zur Feststellung der Diagnose und zur richtigen Behandlung des Kranken 
erforderlich ist. (Klinische, serologische und bakteriologische Untersuchung.) 

2. Allen geschlechtskrank befundenen Personen, Versicherten und 
Nichtversicherten, letzteren, soweit sie bedürftig sind, muß eine vollständige 
Kur und Ausheilung ihrer Krankheit durch einen approbierten Arzt gewährt 
werden, den sich der Kranke selbst wählen kann. 

3. Die Beratungsstelle hat eine Statistik der Kranken zu führen, ihre 
Kuren zu überwachen und gegebenenfalls bei böswilligen und leichtsinnigen 
Kranken der Gesundheitsbehörde Kenntnis zu geben. 

C. Kostenverteilung. 

Die Kosten der Geschlechtskrankenfürsorge bei den Beratungsstellen 
zerfallen in 

1. Kosten der Beratungsstellen: 

a) persönliche: Gehälter des leitenden Arztes und des Bureau* 
Personals, 

b) sachliche: Miete, Inventar, Porto usw. 

2. Kosten der Beratung: 

a) Blutuntersuchung nach Wassermann, Sachs*Georgi usw., 

b) Reisekosten, 

c) eventuell Lohnausfall. 

3. Behandlungskosten: 

a) Arztkosten, 

b) Arzneimittelkosten, 

c) eventuell Pflegekosten und Hausgeld. 

ad 1 . b) Die Kosten zu 1 . b), d. h. also die Kosten für die Gestellung 
der notwendigen Räume der Beratungsstellen, für die Beschaffung des 
Inventars, für die Heizung und Beleuchtung der Räume, sowie deren 
Reinigung, obliegen den Städten, Kreisen oder Gemeinden, in deren Bezirk 
die Beratungsstelle errichtet wird. Diese Räume werden in größeren Städten 
unschwer in Verbindung mit dem Wohlfahrtsamt beschafft werden können. 
Auch die entstehenden übrigen Kosten der Instandhaltung werden auf die 
Etats der Wohlfahrtspflege der betreffenden Gemeinden unbedenklich über* 


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Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes usw. 


237 


nommen werden können. Falls der Bezirk der Beratungsstelle, was wohl 
regelmäßig der Fall sein wird, eine größere Anzahl Gemeinden umfaßt, 
könnten, wenn nötig, auch diese Gemeinden, in denen zwar nicht der Sitz 
der Beratungsstelle ist, auf deren Bezirk sich aber die Tätigkeit der Be* 
ratungsstelle erstreckt, entsprechend herangezogen werden. 

ad 1. a) und 2. Die persönlichen Kosten der Beratungsstellen [1. a)], 
sowie die Kosten der Beratung (2.) verteilen sich auf Landesversicherungs* 
anstalt, Sonderanstalt, Reichsversicherungsanstalt, Reich oder Staat im 
Verhältnis der Zahl der Beratungen, je nachdem es sich um beratene 
Personen handelt, die bei einem der genannten Versicherungsträger ver* 
sichert sind oder überhaupt nicht versichert sind. Letzterenfalls entfällt 
der entsprechende Anteil auf Reich oder Staat. 

ad 3. Was die Behandlungskosten (3.) betrifft, so ist zu unters 
scheiden: 

a) Bei Krankenkassenmitgliedern und deren Familienangehöri* 
gen werden diese Kosten gemeinschaftlich getragen von den Krankenkassen 
einerseits und den Landesversicherungsanstalten (Sonderanstalten und Reichs* 
Versicherungsanstalt) andererseits. Bisher ist dieses Verhältnis der Beteiligung 
in den einzelnen Bezirken des Reichs durch Vereinbarungen verschieden 
geregelt: in der Rheinprovinz, Westfalen, Niederbayern, Thüringen und 
Westpreußen tragen z. B. Landesversicherungsanstalt und Krankenkassen 
die Behandlungskosten je zur Hälfte. In Württemberg und im Bezirk der 
Hansastädte werden die Kosten von der Krankenkasse allein getragen unter 
Zuschußleistung des betreffenden Staates, und in Württemberg auch der 
Landesversicherungsanstalt. Bei den meisten anderen Landesversicherungs* 
anstalten werden, wie schon unter III. ausgeführt, Behandlungskosten nur 
in geringem Umfang übernommen, es kommen also in diesen letzteren 
Bezirken nach den bisherigen gesetzlichen Bestimmungen im wesentlichen 
nur die Krankenkassen für die Kosten der Behandlung in Frage. Zweck* 
mäßig erscheint eine Verteilung der Behandlungskosten auf Landes* 
Versicherungsanstalt (Sonderanstalt und Reichsversicherungsanstalt) und 
Krankenkasse je zur Hälfte. 

b) Bei Nichtkrankenkassenmitgliedern übernehmen die Behänd* 
lungskosten Landesversicherungsanstalt, Sonderanstalt und Reichsversiche* 
rungsanstalt, sofern es sich um Personen handelt, die bei diesen Ver* 
Sicherungsträgern versichert sind. 

c) Bei allen Kranken, die weder einer Krankenkasse angehören, 
noch bei den unter b) genannten Versicherungsträgern versichert 
sind, werden die Behandlungskosten von Reich oder Staat getragen, sofern 
der Kranke diese Kosten nicht selbst aufbringen kann (Bedürftigkeit). 
Ferner tragen Reich oder Staat die Behandlungskosten bei denjenigen unter 
a) oder b) fallenden Versicherten, die in Reichs* oder Staatsbetrieben 
beschäftigt sind, oder deren gesundheitliche Fürsorge von Reich oder Staat 
schon jetzt ausgeübt wird (z. B. bei Strafgefangenen), sofern nicht eine 
Krankenkasse für die Kostentragung in Frage kommt (z. B. Eisenbahn* 
betriebskrankenkasse). 

Der hier vorgeschlagene, vielleicht auf den ersten Blick schwierig 
erscheinende Kostenverteilungsplan ist bedingt durch die Verschiedenheit 
der Versicherungsverhältnisse der einzelnen Kranken, laßt sich aber in der 


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238 Karl Vossen, Die Beratungsstellen im Entwurf des Reichsgesetzes usw. 


Praxis, wie die Erfahrungen bei der Rheinprovinz schon jetzt beweisen, 
bei einer halbjährigen Abrechnung unschwer durchführen. In der Rhein* 
provinz ist von den beteiligten Versicherungsträgern ein Vertrauensmänner* 
ausschuß gebildet, dem die nötigen Unterlagen zur Prüfung der Kosten* 
Verteilung vorgelegt werden. 

Gerade die Verteilung der nicht unerheblichen Kosten auf möglichst 
breite und leistungsfähige Schultern wird uns dem Ziel einer freien 
Kur für jeden bedürftigen Geschlechtskranken näher bringen. 
Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, kommen wir in dieser für unser 
Volkswohl entscheidenden Fürsorge keinen Schritt weiter. 


Chronik der Gesundheitspflege. 


Rassenhygiene und Vererbungslehre. 

Von Sanitätsrat Dr. W. Weinberg in Stuttgart. 

Wenn wir eine Chronik des genannten Arbeitsgebietes schreiben sollen, 
so haben wir dabei zu unterscheiden zwischen dem rein wissenschaftlichen 
Gebiet der theoretischen Rassenhygiene und Vererbungslehre und ihrer 
praktischen Anwendung. Die Vererbungslehre kommt hierbei nur insoweit 
in Betracht, als ihre Ergebnisse für die theoretische und praktische Rassen* 
hygiene maßgebend sind. Die Fortschritte, die wir chronistisch verzeichnen 
können, setzen sich zusammen aus dem Auftreten besonders wichtiger 
Einzelarbeiten, der Zusammenfassung des Wissensstandes in Hand* und 
Lehrbüchern, der Gründung von Forschungsanstalten und dem kollektiven 
Arbeiten von Vereinen und Gesellschaften, ln praktischer Hinsicht kommen 
noch hinzu gesetzliche und behördliche Verfügungen, welche die Rassen* 
hygiene zu fördern oder zu schädigen imstande sind; sic fallen unter den 
Begriff der rassenhygienischen Politik. 

Uber einzelne rassenhygienisch beachtenswerte wissenschaftliche Arbeiten 
und Vorgänge ist hier mehrfach berichtet worden. Wenn diese Berichte 
künftighin die Form einer Chronik annehmen sollen, so wird es notwendig 
sein, von einem festen Stande des theoretischen Wissens und der praktischen 
Forderungen auszugehen. Als geeigneten Zeitpunkt hierfür wählen wir den 
Beginn des Weltkrieges. 

Damals beherrschte, wenigstens in Deutschland, der Mendelismus 
restlos die ganze Vererbungslehre. Die Kritik der englischen Biometrik 
konnte als überwunden gelten, die Anfänge neuer Betrachtungsweisen in 
Amerika waren noch nicht genügend bekannt. 

Die Beziehungen zwischen Geschlcchtsbestimmung und Vererbung 
waren durch die Forschungen von Morgan und seiner Schule sowie durch 
Cor re ns klargelegt, durch Lenz auch der ärztlichen Welt übermittelt. 
Neben die Stammbaumforschung war das Bestreben getreten, durch Nach* 
weis bestimmter Erbzahlen das Gelten der Mendelschen Regeln zu be* 
weisen; die Geschwistermethode Weinbergs und die Halbgeschwister* 
methode Ru cd ins wurden in den Dienst dieser Bestrebungen gestellt, und 


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\V. Weinberg, Chronik der Gesundheitspflege. 


239 


Ruedin bemühte sich, im Zusammenarbeiten mit Weinberg, sein umfang* 
reiches Material diesem Zwecke dienstbar zu machen und die Wirkungen 
der einseitigen klinischen Materialauslese auszuschalten. 

Weinberg, der sich schon sofort nach seinem Bekanntwerden mit 
dem Mendelismus im Jahre 1905 mit den Problemen der Polymerie be* 
schäftigt hatte, hatte bereits auf mehrere in dieser Hinsicht deutbare 
Erscheinungen hingewiesen und auch Ruedin diese Deutungsmöglichkeit 
seiner Befunde, die von der Erwartung des einfachen Mendelismus ab* 
wichen, nahegelegt. Durch die Einführung von Erlebenstafeln in die Ver* 
erbungsstatistik konnte eine genauere Feststellung der Erbzahlen erreicht 
werden. 

Die Notwendigkeit der Schaffung von Forschungsinstituten und der 
rassenbiologischen Registrierung der Bevölkerung war erkannt und mehr* 
fach gefordert. 

Auf dem Gebiete der theoretischen Rassenhygiene beschäftigte man 
sich mit der Frage der Wirkung bestimmter Erscheinungen im Sinne einer 
günstigen oder ungünstigen Auslese. 

Hier war noch viel kritische Arbeit zu leisten. Die übertriebenen 
Vorstellungen von der Vermehrung der Geisteskranken, Tuberkulösen und 
Verbrecher waren zwar durch die Kritik von Weinberg, der den Fehler 
der Pearsonschen Vergleiche aufdeckte, auf ihr richtiges Maß zurück* 
geführt, ebenso konnte von ihm die von Lenz übertrieben dargestellte 
Häufigkeit der Syphilis durch Anwendung von Morbiditätstafeln auf ein 
richtigeres Maß zurückgeführt werden. Besondere Besorgnis hatte die 
Zunahme der Abtreibung und die Abnahme der Fruchtbarkeit insbesondere 
bei den höheren Gesellschaftsschichten erregt. 

Das Aussterben der Großstädter infolge Unfruchtbarkeit war lange 
vor Teilhaber durch Böckh in einer wirkungsvollen Natalitätstafel 
demonstriert und auch von mir in einem Vortrage über Fruchtbarkeit in 
München 1913 betont worden. v. Gruber behandelte eingehend die 
Ursachen und Gefahren des Geburtenrückganges. Teilhaber wies ins* 
besondere auf das Aussterben des emanzipierten Judentums hin. 

In praktischer Hinsicht wurde in Deutschland weniger die direkte 
Ausmerzung der Minderwertigen durch Ehehindernisse, Isolierung und 
Unfruchtbarmachung als die Förderung der Fortpflanzung der Hochwertigen 
durch Siedlungswesen und Kinderzulagen betont. Die Erweiterung der 
Indikationen für künstliche Abtreibung, insbesondere auch durch die 
soziale Indikation, fand keine Gegenliebe. 

Die Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene, die sich schon 1911 mit 
diesem Problem beschäftigt hatte, faßte ihre Forderungen in einer Stellung* 
nähme zu dem Geburtenproblem Pfingsten 1914 zusammen. 

Der Weltkrieg unterbrach diese wissenschaftliche und praktische Arbeit 
in jäher Weise, er eröffnete aber allerdings auch ein neues Feld literarischer 
Betätigung, auf das sich insbesondere die Heimkrieger mit Begeisterung 
stürzten. Auf die vielfach lächerlichen Vorschläge zum Ersatz der Geburten 
und namentlich der Knabengeburten sei hier nicht weiter eingegangen. Die 
rein wissenschaftliche Arbeit ging notdürftig weiter, Ruedin brachte 1916 
seine Arbeit über Dementia praecox heraus. Noch im Kriege wurde das 
Deutsche psychiatrische Forschungsinstitut in München gegründet, Ruedin 


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240 


\V. Weinberg, 


eine Abteilung für Vererbungsforschung und Demographie übertragen und 
von Weinberg mit Mitteln der Königl. Bayer. Akademie der Wissenschaften 
in München ein Kataster der württembergischen Geisteskranken angelegt. 
Aber die gesellschaftliche Zusammenarbeit litt Not. Die Gelegenheit, in 
großem Stile Propaganda für eine rassenhygienische Weltanschauung zu machen, 
wurde seitens der dazu am meisten berufenen Deutschen Gesellschaft für 
Rassenhygiene leider versäumt, ihre Arbeit erschöpfte sich in wiederholten 
Satzungsänderungen und dem nicht zur Ausführung gelangten Plane eines 
rassenhygienischen Museums. Die dringende Tagesarbeit beanspruchte aber 
allzusehr auch im Heimatdienst die Kräfte aller. Als eine erfreuliche Er* 
scheinung war die dem deutschen Volke durch die Not erbrachte Lehre 
anzusehen, daß es ohne Alkohol zu leben vermochte, die sinnfälligen 
Äußerungen des Alkoholismus nahmen deutlich ab. Dafür wurden die 
Feldkrieger mit dem Vergnügen des norddeutschen Schnapstrinkens bekannt 
gemacht. Die sinnlos verfrühte und im ganzen unfruchtbare Revolution 
machte dem bescheidenen Erfolg auf diesem Gebiete leider ein Ende. 
Regierungsseitig war auch vorher wenig geschehen. Zwar wurde das 
Geburtenproblem 1915 auf dem Kongreß für Volkswohlfahrt endlich auch 
behördlich entdeckt und die Mutterschaftsversicherung eingeführt, deren 
rassenbiologische Wirkung übrigens problematisch ist. Aber sonst war von 
Konsequenz so wenig etwas zu merken wie auf dem Gebiete des Ernährungs* 
wesens, dessen einseitig agrarische Leitung ebenso verheerend wirkte wie 
die Blockade des Feindbundes. Ob mit der Aushungerung der Städte und „ 
ganzer Länder, wie Sachsen, rassenbiologische Gesichtspunkte verfolgt 
wurden, steht dahin. 

Auf die rassenhygienischen Folgen des Weltkrieges hier näher einzu* 
gehen, muß sich der Chronist versagen. Nur das eine sei betont, sie trafen 
nicht Deutschland und Österreich allein. Die quantitativen Schädigungen 
der Bevölkerung beider Gegner waren annähernd gleich, die Fortpflanzungs* 
kraft Frankreichs wurde sogar stärker gelähmt als die Deutschlands; nur 
England, das mit seinen Mannschaften keine sinnlose Verschwendung trieb, 
wie dies mehrfach bei uns geschah, sondern die Zeit für sich arbeiten ließ, 
kam verhältnismäßig gnädig weg. Die in England registrierte Flucht der 
Rekrutierungskandidaten in die Ehe wäre wohl bei gleicher Gesetzgebung 
auch unsererseits zu bemerken gewesen. 

Der Weltkrieg hat neben dem quantitativen Verlust von 40000000 Leben 
durch Tod und Nichterzeugung allen Nationen eine relative Verminderung 
ihres Bestandes an hochwertigen Individuen gebracht; ob hier große Unter* 
schiede zuungunsten Mitteleuropas und speziell Deutschlands bestehen, ist 
fraglich. 

Groß ist insbesondere auch der Verlust der jugendlichen Leben, auf 
denen die Zukunft der Rasse in besonderem Maße beruht, und vielfach 
wird auf die hohen Verluste der Akademiker hingewiesen. Der Vergleich 
würde aber wesentlich anders ausfallen, wenn man ihm nur die gleich* 
alterigcn Gruppen zugrunde legt. Die jugendlichen Altersklassen haben 
nach einer von mir berechneten und auf einem Kongreß für Volkswirt* 
scluiftliche Fortbildung in Stuttgart 1920 sowie im Anthropologischen Verein 
daselbst 1921 demonstrierten Tafel ungefähr dieselben Verluste aufzu* 
weisen wie die Akademiker. Die negative Auslese des Krieges war eine 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


241 


allgemeine, wirkte aber in den unteren Volksschichten naturgemäß unter 
dem Einfluß des Umsturzes weit gefährlicher. Wir dürfen aber aus 
dieser Feststellung, welche den Einfluß des rassenhygienischen Kriegs* 
Schadens zwar umfangreicher erscheinen läßt als die auch sonst wissen* 
schaftlich unzulässige statistische Betrachtungsweise mit Vernachlässigung 
des Alters, wenigstens den schwachen Trost ziehen, daß die Verarmung 
an geistigen Elementen nicht übertrieben groß eingeschätzt werden darf. 
Eine weit größere Gefahr in dieser Hinsicht stellt der durch die Untätig* 
keit unserer derzeitigen Regierung, bei der ein ernster Wille in keiner 
Weise erkennbar ist, wie durch den Wucher der Agrarier und des Handels 
heraufbeschworene Bolschewismus dar, mit dem meines Erachtens noch 
keineswegs eine endgültige Abrechnung vorliegt. 

Werfen wir, ehe wir auf Einzelheiten eingehen, die Frage auf, ob der 
Umsturz irgend etwas Vorteilhaftes in rassenhygienischer Hinsicht gebracht, 
so kann diese Frage allerdings nicht in jeder Hinsicht grundsätzlich bejaht 
werden. Die Kinderzulagen sind bewilligt, wenn auch deren Höhe von 
fraglicher Bedeutung ist. Der Familienvater erhält auch erhebliche Er* 
leichterungen auf dem Gebiete des Steuerwesens. Eine besonders hohe 
Besteuerung des Junggesellen ist aber noch nicht erreicht, erst jetzt 
eine höhere Besoldung des Verheirateten. Die rassenhygienische Wirkung 
einer solchen Maßregel ist übrigens auch schwer zu berechnen, ganz ab* 
gesehen von der technischen Schwierigkeit, denn sie kann auch für den 
Minderwertigen und Verschwender einen Anreiz zur Verheiratung geben. 
Der Rassenhygiene ist ferner in einem Beirat einer Reichsbehörde Vertretung 
bewilligt, was dabei praktisch herauskommt, steht noch dahin. Das alte 
Regime hatte gar nichts getan, sondern bloß bureaukratisch überlegen 
gelächelt. Das darf nicht übersehen werden. 

Kehren wir zurück zur Weiterentwicklung der rassenhygienischen 
Wissenschaft und der Vererbungslehre. Diese steht unter dem Zeichen 
der Herausgabe einer Reihe von zusammenfassenden Werken. 

Schallmeyers Vererbung und Auslese ist 1918 in dritter, 1921 in 
unveränderter vierter Auflage erschienen, sie stellt auch heute noch ein 
nicht leicht zu übertreffendes Meisterwerk dar. Mit der Vererbungslehre 
in engem Zusammenhänge steht Bauers bereits 1921 in zweiter Auflage 
erschienene Konstitutionslehre, ein neueres Werk desselben Verfassers 
behandelt eingehender die Beziehungen zwischen Konstitution und Ver* 
erbung. Auch die Lehrbücher der Vererbungslehre von Häcker, Bauer 
und Goldschmidt sind in neuen Auflagen erschienen, letzterer hat die 
bereits 1908 von Weinberg aufgcstellte Arbeitshypothese des multiplen 
Allelomorphismus selbständig ausgebaut und mit Beispielen erläutert. Die 
Bedeutung des Mendelismus hat durch die inzwischen namentlich durch 
die Bemühungen von Nachtsheim bekannt gewordenen Untersuchungen 
der Morganschen Schule erhebliche Änderungen erfahren. Die Anschauung 
von der absoluten Gültigkeit der Spaltungsregel, wie der Selbständigkeit der 
Vererbung der einzelnen Erbanlagen ist erschüttert, die Chromosomen 
erscheinen nicht mehr als einheitliche Gebilde, sie sind zwar nach wie vor 
als Träger der Erbsubstanz anzusehen, aber eher ein Hindernis wie Träger 
der selbständigen Vererbung der kleinsten Erbteilchen , der Gene oder 
Idiomeren (Chromomeren), und der Austausch von Idiomeren zwischen zu* 


öffentliche Gesundheitspflege 


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242 


W. Weinberg, 


sammengehörigen Chromosomen vor Eintritt der Spaltung beeinträchtigt 
deren Reinheit. Die Lehre von der fluktuierenden Variabilität kommt 
damit bis zu einem gewissen, vorerst nicht abschätzbaren Grad zu ihrem 
Rechte. Praktisch sind diese Neuentdeckungen, soweit sich das bis jetzt 
übersehen läßt, nur insofern von Bedeutung, als bereits Versuche vorliegen, 
Befunde beim Menschen in diesem Sinne zu deuten und die Aussichten 
einer bewußten Auslese dadurch verringert werden dürften. 

An die Stelle eines größeren Handbuches der Rassenhygiene unter 
Mitwirkung zahlreicher Autoren ist ein seiner Größe nach verhältnismäßig 
bescheidenes Buch von Bauer, Fischer und Lenz getreten. Es wendet 
sich in erster Linie an die Jugend, ist aber darum auch dem Wissenden 
nicht überflüssig. Sein Rahmen ist fast zu eng für den darin zu bewälti* 
genden Stoff. Darunter hat namentlich der rassenkundliche Teil Fischers 
gelitten. Bauer gibt in kurzer und klarer Weise die wichtigsten Ergebnisse 
der experimentellen Vererbungsforschung wieder. Auffallend ist, daß er 
in seinem Literaturteil die Arbeiten von Correns ignoriert, der schon vor 
Lenz Deutschland mit den Beziehungen zwischen Geschlecht und Ver* 
erbung bekannt gemacht hat. Die Darstellung der statistischen Wirkung 
der Panmixie, deren erstmalige Darstellung durch Weinberg ebenfalls 
verschwiegen wird — wie in Bauers Handbuch der-Vererbungslehre —, 
wäre einfacher und mit Raumersparnis zu verbinden gewesen, wenn 
Bauer bei der früher von ihm adoptierten Gametenmethode des genannten 
Autors geblieben wäre; auch die jetzt angewandte ist ja keine originelle 
Leistung. 

Lenz ist der Löwenanteil zugefallen. Er behandelt die Hauptfragen 
der Vererbung beim Menschen wie der theoretischen und praktischen 
Rassenhygiene. An der Darstellung ist das Streben nach Gemeinfaßlich* 
keit besonders hervorzuheben, es scheitert allerdings an einigen Punkten 
an der Schwierigkeit der Probleme wie der Enge des zugemessenen Raumes 
und enthält auch einiges Unrichtige, auf das an anderer Stelle näher ein* 
zugehen ist. Besonders gut geschrieben sind die Kapitel über Vererbung 
bei Augenleiden, Nerven* und Geisteskrankheiten und über die Vererbung 
geistiger Anlagen. Zu kurz sind die Ausführungen über die Methodik, 
und die Bedeutung der Korrelationsmessungen überschätzt Lenz ebenso 
wie das Ergebnis der Arbeit von Peters über die Vererbung physischer 
Eigenschaften. Die Wertlosigkeit ersterer für Vererbungsfragen infolge 
ihrer Abhängigkeit von der Häufigkeit der Anlagen bei vorhandenem 
Dominanzverhältnis hat Referent lange vor Lenz und präziser dargetan, die 
Berechnungen von Peters beruhen auf einer Methode, die zu hohe Werte 
ergibt und daher den Gegensatz zwischen den Korrelationen zwischen 
Verwandten und denen zwischen geistiger Leistung und Umwelt noch 
größer erscheinen läßt als er faktisch ist. Dazu kommt noch der von 
Peters nicht genannte Faktor der Inzucht. Hier hat die sonst so ein* 
schneidende Kritik von Lenz entschieden versagt. Die starke Abhängig* 
keit der geistigen Leistung von Außenfaktoren geht doch aus deren starker 
Veränderlichkeit bei denselben Individuen bei verschiedenen Prüfungen 
deutlicher hervor als aus der Untersuchung der Frage nach der Korre* 
lation zwischen Verlausung und Schulzeugnis. Die ganze Fragestellung 
ist aber falsch, es kann sich nur um die Frage handeln, ob bestimmte 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


243 


Außenfaktoren für das Auftreten bestimmter Merkmale notwendig sind 
oder nicht, und soweit das erstere zutrifft, kann ein Rangunterschied der 
Bedeutung von Vererbung und Umwelt nicht in Frage kommen. Praktisch 
von Wichtigkeit ist hingegen die Frage, inwieweit äußere Umstände die 
Wirkungen der Vererbung zu verdecken imstande sind, dazu gehört auch 
die verschiedene Zuverlässigkeit der Beobachtung. 

In der theoretischen Rassenhygiene behandelt Lenz die Wirkungen der 
natürlichen und sozialen Auslese beim Menschen, nachdem er das Auftreten 
von idioplasmatischen Abänderungen schon unter Vererbung abgehandelt 
hat. Die praktische Seite dieser Probleme scheint er nicht hoch einzu* 
schätzen, vielleicht mit Recht. Denn wenn auch im ganzen die natür* 
liehe wie die soziale Auslese, abgesehen von der Beigabe der Fruchtbar* 
keitsunterschiede, eher rassenhygienisch günstig wirkt, und daher die Zu* 
nähme mancher Erscheinungen, wie der Geisteskrankheiten, die Frage nach 
einer Neuentstehung ihrer Anlagen, insbesondere unter dem Einfluß des 
Alkohols, nahe legt, so ist doch vielleicht eine positive Antwort in diesem 
Sinne nicht notwendig, weil die zunehmende Erschwerung des Kampfes 
ums Dasein die Offenbarung minderwertiger Anlagen auch ohnedies er* 
leichtert. Die qualitativen Wirkungen des Krieges betrachtet Lenz nicht 
mit absolutem Pessimismus. Auch hier sind leider gewisse Ungenauigkeiten 
nicht vermieden worden. Die Darstellung der Fruchtbarkeit der Ver* 
brecher läßt diese mit 3,5 pro Ehe viel zu gering erscheinen, wenn als 
Verglcichsobjekt die mit einer ganz anderen Methode gewonnene Normal* 
zahl 5,7 verglichen wird. Hier wäre die Beachtung meiner Ausführungen 
über die Auslese nach der Fruchtbarkeit, die Lenz wie so manche andere 
der von ihm benutzten Arbeiten des Referenten einfach totgeschwiegen 
hat, entschieden für sein Buch vorteilhaft gewesen. Auch die Fruchtbar* 
keit früherer Zeiten darf nicht nach den Stammtafeln lebender Geschlechter 
beurteilt werden, die alten Kirchenbücher lehren uns, daß auf die Ehe in 
den Städten vor dem Dreißigjährigen Kriege kaum drei, auf dem Lande 
etwa fünf Kinder kamen. Und die verheerenden Wirkungen des Dreißig* 
jährigen Krieges auf die Volkszahl sind eine Tatsache, die mit einem „soll“ 
von einem angehenden Statistiker an dieser Stelle nicht abgetan werden 
durfte. Arbeiten hierüber liegen ja vor. 

Die allzu übermütig spöttischen Bemerkungen, die Lenz bei seiner 
Berechnung des Anteils der Geburtenverhütung in der Ehe über Statistiker 
irtacht, die in vermeintlichem Gegensatz zu ihm auf die dritte Dezimal* 
stelle ebensoviel Wert legen wie auf die dritte Stelle links vom Komma, sind 
bei Schätzungen selbstverständlich durchaus gegenstandslos, und um so ver* 
fehlter, als der Fehler seiner Schätzung nicht bloß in der dritten Dezimal* 
stelle liegt, worüber kein Statistiker außer Lenz ein Wort verlieren würde, 
sondern weit größer ist. Der Ausfall vor dem Kriege durch Verhütung in 
der Ehe beträgt nämlich nicht 2 bis 3, sondern 7,7 bis 8 Millionen Kinder 
pro Jahr und Reich, wenn man die Schätzung des Einflusses der anderen 
Ehehindernisse nach Lenz gelten und mit ihm die vorzeitige Verminderung 
außer Betracht läßt. In Wirklichkeit ist der Ausfall geringer, da die Ehe 
keine 30 Jahre im Durchschnitt dauert. Lenz hatte offenbar das Gefühl, 
daß da etwas nicht stimmt, was ihn aber nicht veranlaßte, seine Rechnung 
nachzuprüfen. 


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244 


W. Weinberg, 


Es ist leider nötig, sich hier und da mit Lenz über Zahlenprobleme 
auseinanderzüsetzen. Seine eigentliche Begabung liegt nicht auf diesem 
Gebiete. Sie tritt besonders da hervor, wo es sich um Veranschaulichung 
und allgemeine Betrachtungen von oft seherischer Größe und daran sich 
anknüpfende Forderungen handelt. Darum stellt auch das Kapitel der 
praktischen Rassenhygiene den wertvollsten Teil seines Buches dar. Wir 
können das anerkennen, auch ohne alles einzelne, was Lenz vorträgt, 
sklavisch aufzunehmen. 

Auf die Einzelheiten des Lenz sehen Programms der Bureaukratisierung 
der Rassenhygiene, worunter ich die gesetzliche Einführung von Ehe? 
hindernissen, Steuergesetze usw. verstehe, soll hier nicht weiter eingegangen 
werden. Sie bieten grundsätzlich nicht sehr viel Neues, und es kommt 
dabei mehr auf das Wie als auf das Was der Darstellung an. An beiden 
wird kaum etwas auszusetzen sein, aber es stellt nicht die Hauptsache dar, 
so sehr dem Deutschen und besonders dem Ostdeutschen das Bureaukrati? 
sieren Freude machen mag, was ja auch aus den ewigen Satzungs? 
Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene hervorgeht, 
und wenn es einmal daran geht, kann man es ja zweckmäßig kaum anders 
machen. Gesetze und Satzungen sind aber da, um umgangen zu werden, 
wo es nottut, besonders allerdings, wenn kein Geist in ihnen herrscht, was 
hier ja nicht in Betracht kommt, um so mehr aber in unserer neuen Gesetz? 
gebung, Wir haben jetzt ja statt der ärmlichen Reste des aufgeklärten 
Despotismus glücklich eine Demokratie ohne Aufklärung und einen sozialen 
Staat ohne soziale Menschen. Und deshalb sind die Aussichten auf gesetz? 
geberische Erfolge zurzeit trostlos. 

Die Hauptsache ist vielmehr in dem enthalten, was unter den Begriff 
der rassenhygienischen Weltanschauung fällt. Unter diesen fällt aus das 
vorzügliche Kapitel über die Damenberufe und die Betonung der Not? 
wendigkeit einer privaten rassenhygienischen Lebensauffassung. Dafür, daß 
Lenz auch die nordische Frage anschneidet, bedurfte es eigentlich kaum 
einer Begründung, Sie läuft, um uns neuzeitlich auszudrücken, in einen 
Schrei nach dem rassenhygienisch orientierten Staatsmann aus. Der müßte 
aber doch wohl auf entsprechend vorbereitete Massen wirken können. 
Ohne eine Überzeugung von der überwiegenden Notwendigkeit einer 
Symbiose der nun einmal in Deutschland vorhandenen Rassen — oder 
einer absoluten, nicht nur sozialen Scheidung derselben — über alle 
politischen und konfessionellen Gegensätze allein ist eine Erneuerung 
Deutschlands, wenn überhaupt noch erhoffbar, nicht zu erwarten. Das 
Geschimpfe der Rechten ist dem ebenso abträglich wie der Unverstand 
der Linken. Die alten Zustände mit ihrem vielfach faulen Protektionismus 
und Schmarotzertum sind nicht in jeder Hinsicht wünschenswert und 
die Gefahr einer Ausnutzung der Rassenhygiene für die keineswegs 
uneigennützigen Zwecke des Ostclbiertums sehr groß. Warum meldet 
sich übrigens Lenz selbst nicht als der ersehnte Staatsmann; gewisse 
Vorbedingungen, insbesondere die der suggestiven Darstellung, sind ihm 
ja nicht abzusprechen, und an Rücksichtslosigkeit in Durchsetzung seiner 
Ziele fehlt es ihm ja auch nicht? Die Unabhängigkeit der nordischen 
Seele vom blonden Typus wird wohl auf manchen nicht unberechtigten 
Widerspruch stoßen. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


245 


Weniger konsequent ist Lenz in der Behandlung der jüdischen Frage 
gewesen, und hierfür wäre eine Begründung eher notwendig, um so eher, 
als sie eine notwendige Ergänzung des nordischen Problems darstellt, und 
zweifellos weit aktueller ist. Dies zu übersehen und zu leugnen, wäre 
Heuchelei. Lenz setzt allerdings auseinander, worin die Erfolge der jüdi* 
sehen Rasse begründet sind, gibt aber kein Mittel an, um ihre Vorherrschaft 
einzuschränken. Daß es mit den Mitteln des Räuberantisemitismus der 
80er Jahre nicht in neuerer Zeit geht, wird er wohl erkannt haben. Die 
Hauptursache liegt wohl darin, daß, abgesehen von der stärkeren geistigen 
Auslese, die Habsucht auch der nordischen Rasse im Blute liegt. Wenn 
aber Lenz die Hanseaten — man kann hinzufügen auch die ostelbischen 
Agrarier — noch als bessere Geschäftsleute wie die Juden ansieht, so muß 
hier entweder ein Irrtum vorliegen oder doch ein Hebel zur Änderung zu 
finden sein. Die Stärkung eines edlen Rassebewußtseins ohne einseitige 
Selbstüberschätzung kann vielleicht dazu beitragen. Notwendig wäre auch 
eine Selbstkritik. Solange wir absolute Stümper und Idioten als Künstler 
und das Gestammel von Analphabeten als deutsche Poesie verherrlichen, ist 
da nichts zu erwarten, und man müßte eben lernen, den äußeren Erfolg 
gering zu achten und sich entsprechend dazu verhalten. Sonst stirbt die 
nordische Seele an eigener Schwäche. 

Schwächlich ist auch die Betonung der Approbation rassehygienischer 
Bestrebungen durch eine Konfession. So erfreulich die Beherrschung der 
Massen in der Frage der Geburtenprävention durch eine Konfession sein 
mag, so kann doch deren Approbation keinen entscheidenden Wert haben. 
Die rassenhygienische Weltanschauung muß davon unabhängig bleiben und 
auch für die Platz haben, die sich zu einer überkonfessionellen Welt* 
anschauung durchgerungen haben, und der Protestantismus mit seiner 
mangelhafteren Massenbeherrschung auch auf dem Gebiete der Geburten* 
frage kann doch nicht lediglich nach diesem Mißerfolg beurteilt werden. 
Seine Mißerfolge sind eben die Folge der kirchlichen Bureaukratisierung 
und Entgeistigung. Eine starke Rasse darf nach der Konfession nicht 
fragen. 

Die Gefahr einer allzu engen Arbeitsgemeinschaft zwischen Rassen* 
hygiene und Kirche liegt in einem Unterliegen der ersteren. Sie muß 
Selbstzweck sein und bleiben und im Bedarfsfall auch ohne die konfessionelle 
Approbation und gegei\ sie ihre Ziele verfolgen. Aber auch die Kirche 
kann sieh nicht restlos in ihren Dienst stellen. Hier liegt ein latenter 
Konfliktstoff, der auch durch das gelegentliche Zusammengehen von Staat 
und Kirche nicht dauernd verdeckt werden kann. Anderenfalls müssen 
wir lediglich die Wiederkehr jener konservativen Lüge befürchten, die mit 
schnöder politischer und religiöser Gesinnungsriecherei ihre keineswegs 
selbstlose Herrschaft zu behaupten suchte und ein erbärmliches Zerrbild 
einer wahrhaft konservativen Weltanschauung darstellte und mit ihrem 
öden Nützlichkeitsprinzip das von Lenz gesehene Aussterben der „nordi* 
sehen Seele“ jedenfalls ganz erheblich förderte. 

Ziemlich gleichzeitig mit diesem Werk ist ein Lehrbuch von Siemens 
erschienen, das, vielfach in Abhängigkeit von Lenzschen Gedankengängen 
befangen, doch in der Darstellung des Stoffs wie in den begrifflichen Aus* 
einandersetzungen eigene Wege verfolgt, und in der Zusammenstellung des 


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246 


\\\ Wcinbe rg, 


Tatsachenmaterials und der Methodik übersichtlicher ist als das Lenz sehe 
Werk* Ihi ganzen hat es mehr analytischen Charakter und geht auf die 
praktischen Probleme weniger ein als das Buch des Bauer#Fischer?Lenz^ 
sehen Dreigestirns, einen Vorzug bietet es in der weniger von Liebe und Hai' 
beeinflußten Anführung der Literatur. Beide Bücher müssen gelesen werden, 
keines von beiden enthebt der Verpflichtung zur kritischen Nachprüfung. 

An die deutsche und besonders an die akademische Jugend wendet 
sich Philalethes Kuhn mit einer Vorlesung „Bedenke, daß du ein deutscher 
Ahnherr bist“; wir vermißten in ihr aber einen gerade hier besonders an 
gebrachten Hinweis auf die Gefahren des Alkoholismus. Derselbe Verfasser 
hat dann in Nürnberg bei der Versammlung des Deutschen Vereins für 
öffentliche Gesundheitspflege die Zukunft unserer Rasse behandelt umi 
dabei das ganze praktische Programm der Rassenhygiene entwickelt, im 
großen Ganzen in so vorzüglicher Weise, daß Lenz diesen Tag als Anbruch 
eines neuen Zeitabschnitts der Weltgeschichte bezeichnetc. In der Dis 
kussion wurde auch die Beseitigung parteipolitischer Bestrebungen in der 
Gesundheitspolitik gefordert. In einem Punkte kann Kuhn nicht beb 
gepflichtet werden. Der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit ist allgemein, 
er kann daher nicht die Folge eines besonderen Mangels an nationalem 
Sinn bei dem deutschen Volke sein. Er ist im wesentlichen die Folge der 
wirtschaftlichen Entwicklung und einer übertriebenen und falsch gerichteten 
individualistischen Weltanschauung. Auch das Individuum muß auf Er? 
haltung seines Stammes Wert legen, wenn es sich selbst schätzt. 

Unter den Einzelarbeiten ist eine solche von Hoffmann hervorzuheben, 
die, aus der Deutschen psychiatrischen Forschungsanstalt stammend, die 
Nachkommenschaft der Schizophrenen und Manischdepressiven untersucht. 
Dem Streben nach Gewinnung von Vergleichszahlen war ein Mangel in 
der Beherrschung der rechnerischen Theorie hinderlich. Hoffmann suchte 
aus der Häufigkeit der Kranken unter den Kindern Anhaltspunkte für den 
Grad der Vererbung bei Dementia praecox, die er als rezessives Merkmal 
auffaßt, zu gewinnen. Dies war grundsätzlich deshalb verfehlt, weil, wie 
ich demnächst zeigen werde, unter dieser Voraussetzung bei gleicher 
Häufigkeit des Merkmals in der Bevölkerung auch konstante Erbzahlen zu 
erwarten sind, gleichgültig, wie groß die Zahl der maßgebenden Erbteilchen 
ist. Ein Versuch Hoffmanns, anderweitige Grenzwerte zu gewinnen, war 
fehlerhaft, weil er nicht mit Wahrscheinlichkeitsrechnung arbeitete. Eine 
Variabilität der erwartungsmäßigen Erbzahlen innerhalb bestimmter Grenzen 
kommt allerdings bei Homomerie mit Rezessivität und bei Heteromerie mit 
Dominanz vor, sie wird aber bedingt durch Fehlen oder Vorhandensein 
von Unterschieden in der Häufigkeit der einzelnen Erbanlagen, die ein 
Merkmal beeinflussen. 

Einer besonderen Bearbeitung bedarf noch das Problem der Verwandten' 
ehen und der Inzucht in der Bevölkerung. Die Voraussetzung der Panmixie. 
mit der vielfach gearbeitet wurde, wird nämlich hinfällig, wenn man die 
Häufigkeit der Blutsverwandtenehen betrachtet, tatsächlich ist ihre Wirkung 
im Sinne der Inzucht gelegen. Auch andere Momente sprechen für Inzucht, 
namentlich auf geistigem Gebiete, was ja auch zu verstehen ist. Der Vor 
Wendung auf der Voraussetzung der Panmixie beruhender Erbformeln sind 
damit gewisse Grenzen gesetzt. 


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Chronik der Gesundheitspflege. 


247 


Das Archiv für soziale Hygiene und Demographie, Bd. 14, Heft 3 bringt 
den Abschluß einer sehr eingehenden Darstellung des Rückgangs der körper* 
liehen Tüchtigkeit in Österreich von 1870 bis 1912 auf Grundlage der 
Rekrutierungslisten. Als Ursache derselben, der insbesondere bei dem 
deutschen Bevölkerungsteil festzustellen war, ist die zunehmende Ver* 
Industrialisierung anzusehen. Endlich hat Weinberg in einigen vorläufigen 
Veröffentlichungen, deren eine bereits 1919 nur v. Gruber und Ruedin 
in Maschinenschrift zuging, auf die verschiedenfache Deutbarkeit derselben 
Erbzahlen im Sinne der Rezessivität oder komplizierten Dominanz hin* 
gewiesen und den Stichtentscheid von der Feststellung der Häufigkeit der 
Verwandtenehen bei Trägern des Merkmals verlangt, die er schon 1912 
als Reagens auf seltene rezessive Anlagen auf Grund seiner 1908 kon* 
struierten Verwandtschaftsformeln erkannt hatte. Die Feststellungen von 
Lenz auf Grund von Ruedins Material bestätigen nun die Rezessivität 
der Dementia praecox*Anlage. Weiterhin hat Weinberg auch eine Theorie 
der Wirkung der Außenfaktoren aufgestellt und gezeigt, wie unter deren 
Einfluß die Gewinnung eines klaren Bildes der Erbregeln erschwert wird. 
Es liegt nahe, anzunehmen, daß der Einfluß der Verwandtenehen von diesem 
Faktor unberührt bleibt, dies trifft jedoch für keine der beiden Grenz* 
hypothesen für den Einfluß der Außenfaktoren zu. Im allgemeinen muß 
man daher mit einem ungeauen Ausschlag der Verwandtschaftsehenreaktion 
rechnen. Daraus folgt, daß die mit ihr sich theoretisch ergebende Möglich* 
keit der Berechnung der Häufigkeit der rezessiven Erbanlage faktisch keine 
genauen Werte dafür ergibt, wo ein Einfluß der Außenfaktoren irgend* 
welcher Art besteht. Ganz abgesehen davon führt auch Inzucht zu dem* 
selben Ergebnis. 

Zu erwähnen ist noch die Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Vererbungs¬ 
wissenschaft im August 1921. Die Verhandlungen sind in der Zeitschrift für induktive 
Abstammungs* und Vererbungslehre und in den Naturwissenschaften berichtet. In 
einem Vortrag über Vererbung beim Menschen behandelte Lenz Stammbaumforschung, 
Statistik und Korrelationslehre, ohne neue Gesichtspunkte vorzubringen. Die Bedenken, 
welche sich gegen die Statistik Vorbringen lassen, sind vom Referenten bereits hervor? 
gehoben — Ausleseerscheinungen, 1913 usw. — und auch privatim Ruedin gegenüber 
geltend gemacht worden. Trotzdem ist die Statistik notwendig, weil nur sie uns die 
Zusammenhänge verschiedener Krankheiten auf erbbiologischer Grundlage klar vor 
Augen zu führen imstande ist. Die Stammbaumliteratur betrifft im wesentlichen nur 
seltene und daher sozial unwichtige Merkmale. Den geringen Wert der Korrelations? 
rechnung hat ebenfalls Referent schon 1908 und später mehrfach betont, und ebenso 
sdion 1912 die Bedeutung der Feststellung rezessiver Merkmale durch eine Statistik 
der Vetternehen. Die Einwände, die Lenz gegen die Tragweite der Geschwister? 
methode erhob, treffen aber ebenso die Vetternehenmethode, auch hier führt Einfluß 
äußerer Faktoren zu zweifelhaften Ergebnissen. Ein Versuch von Just, die Geschwister? 
methode auf ihre Exaktheit experimentell nachzuprüfen, muß als grundsätzlich verfehlt 
betrachtet werden; die Exaktheit einer mathematischen Methode ist nur mathematisch 
prüfbar und dies bereits seitens des Referenten geschehen. Eine kleine theoretische 
Ungenauigkeit der Methode, die unter gewissen Voraussetzungen in Betracht kommt, 
blieb selbstverständlich bei dem Versuche von Just unentdeckt. 

Zu bedauern ist, daß die Diskussionsbemerkungen nicht wiedergegeben sind. 

Nach langer Pause ist das erste Heft des 14. Bandes des Archiv für 
Rassen* und Gesellschaftsbiologie, jetzt im Verlag von Lehmann, erschienen. 
Hoffentlich sind damit die bisherigen Schwierigkeiten für das regelmäßige 
Erscheinen der Zeitschrift beseitigt, die als Neuerung eine umfangreiche 
Zcitschriftenschau bringt. Unter den Abhandlungen sind besonders hervor* 
zuheben ein Nekrolog Schallmeyers aus der Feder v. Grubers, ferner 


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248 W. Weinberg, 

ein kleiner Artikel von Spindler über die Häufigkeit von Verwandten* 
ehen in drei württembergischen Dörfern (2 Proz. Ehen erster Vettern hier 
lassen auf etwa 1 Proz. für ganz Württemberg schließen), sowie eine Unter* 
suchung von Fleischer über sechs Generationen eines Geschlechtes mit 
myotonischer Dystrophie und andere degenerativen Merkmale. 

Nachzutragen ist noch ein Artikel über Familienstatistik im Allgemeinen 
statistischen Archiv von Mayrs von Weinberg, in dem u. a. auf weitere 
Fehler infolge einseitiger Materialauslese hingewiesen wird, insbesondere 
auch bei Betrachtung der Kindersterblichkeit bei nach der Geschwister* 
methode behandeltem Material. Es wird sich als notwendig erweisen, sowohl 
die Nachkommenmethode wie die Geschwistermethode auf dasselbe Material 
anzuwenden, wenn man die Frage einer Auslese rassenbiologisch durch die 
Kindersterblichkeit näher prüfen will. Das württembergische Kataster der 
Geisteskranken liefert hierzu Material. 

Im Gegensatz zu dem neueren Aufschwung der Vererbungs* und rassen* 
hygienischen Literatur ist die Tätigkeit der Deutschen Gesellschaft für 
Rassenhygiene noch immer nicht wieder aufgenommen, hoffen wir, daß 
dies bald anders wird. Auch die Berliner Gesellschaft für Bevölkerungs* 
Politik scheint nach ursprünglich großem Redeschwall im heimischen Sande 
zu verlaufen. 

Im Gegensatz zu dieser und manchen anderen vom rassenhygienischen 
Standpunkt bedauerlichen Erscheinungen, wie die Versuche zur gesetzlichen 
Einführung eines Abtreibungsrechtes, ist das Fortschreiten des Verständnisses 
für Rassenhygiene in Schweden zu verzeichnen. Es hat seinen Ausdruck 
in der Gründung eines Staatsinstituts für Rassenhygiene unter Lundborgs 
Leitung gefunden, dem wir diesen Erfolg seiner mühevollen Lebensarbeit 
von ganzem Herzen gönnen. Außer einem Werke über schwedische Rassen* 
typen mit zahlreichen Abbildungen ist aus seiner Feder eine Arbeit über 
rassenbiologische Übersichten und Perspektiven zu verzeichnen, in dem ins* 
besondere die Gefahren der Industrialisierung hervorgehoben werden. Andere 
Arbeiten desselben Verfassers betreffen die Beziehungen zwischen Rassen* 
typus und Tuberkulose und den ungünstigen Einfluß der Rassenmischung. 

Hier haben wir es mit sozialanthropologischen Arbeiten zu tun. Auf 
die Besprechung der Sozialanthropologie von Plötz müssen wir leider ver* 
zichten, da sie bisher nicht zugänglich war. 

Im ganzen können wir einen erfreulichen Aufschwung der Arbeit im 
Dienste der Rassenhygiene verzeichnen. Möge er andauern und der Be¬ 
wegung auch zu praktischen Erfolgen verhelfen. 

Wir kommen nun noch zur Frage der praktischen rassenhygienischen 
Gesichtspunkte in Gesetzen und gemeinnützigen Betrieben aller Art. 

Ansätze dazu sind in den gesetzlichen Bestimmungen über Bekämpfung 
der Syphilis, der Ausgestaltung der Besoldung und Steuergesetzgebung 
zweifellos vorhanden. Das alte Regime hat in letzterer Hinsicht nichts 
geleistet, der Junggeselle und das kinderlose Ehepaar war noch mehr 
begünstigt wie heute. Es ist grundsätzlich immerhin etwas, daß jetzt 
Kinder* und Frauenzulagen eingeführt sind und die Kinderzahl bei der 
Steuerbemessung berücksichtigt wird. Darüber kann man im Zweifel sein, 
ob die frühzeitige Erreichung eines hohen Gehaltes diesen Vorzug der 
neuzeitlichen Gesetzgebung nicht wieder aufhebt. Wenn sie zu frühzeitiger 

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Chronik der Gesundheitspflege. 


249 


Eheschließung und nicht zu leichtfertiger Vergeudung führt, so kann sie 
als unbedenklich und selbst als nützlich erscheinen. Was hier vorwiegt, 
ist nicht leicht zu entscheiden. 

Hingegen können wir uns von der neuzeitlichen Gestaltung des Schul« 
wesens in rassenhygienischer Hinsicht nicht allzuviel versprechen. Der 
nötige soziale Ausgleich konnte weit eher dadurch erreicht werden, daß 
dem begabtesten Volksschüler die Versetzung in eine höhere Schule erleichtert 
würde, statt daß jetzt die Begabten mit Gewalt mit den Unbegabten 4 Jahre 
lang zusammengepfercht werden. Wer denkt da nicht am Pegasus im Joche! 
Allerdings halten wir auch die Einführung besonderer Begabtenschulen mit 
Unterstreichung des Titels nicht für glücklich, sie laufen Gefahr, zu Brut* 
Stätten der Eitelkeit und Anmaßung zu werden, und die Kriterien, nach 
denen in Berlin die Begabung festgestellt wird, halten wir auf Grund der 
bekanntgegebenen Beispiele doch für höchst fragwürdig. Das sind Dressur« 
ergebnisse auf Mundfertigkeit und keine Proben auf wirkliche Tüchtigkeit. 
Alles gute, was eine wirklich demokratische Regierung leisten könnte, wird 
wett gemacht durch die Preisgabe aller Bestimmungen, welche wie in den 
letzten Jahren den Alkoholismus und damit auch die Gefahr der Geschlechts* 
krankheiten noch einzudämmen imstande waren. Irgend eine Lehre aus 
den Erfahrungen des Krieges wurde bis jetzt nicht gezogen. 

Wir behalten uns ein Eingehen auf einzelne Kapitel der Gesetzgebung 
für das nächste Jahr vor, schon deshalb, weil mit einer sofortigen un» 
kritischen Registrierung von Gesetzen und ministeriellen Sprüchen nicht 
viel gewonnen ist. Übrigens gibt das Buch von Lenz eine Reihe wichtiger 
Hinweise auf notwendige Gesetzesbestimmungen, und man kann nicht 
verlangen, daß die Gesetzgebung von rassenhygienischem Geiste trieft, 
nachdem es bisher an einer entschiedenen rassenhygienischen Propaganda 
gefehlt hat. Das einzige, was etwa noch zu verzeichnen wäre, ist die 
Einsetzung eines rassenhygienischen Beirats im Reichsamt des Innern. Es 
kommt aber sehr darauf an, in welchem Geist er arbeitet, und da er wohl 
ausschließlich aus Berlinern besteht, so ist ein exspektatives Verhalten zu 
seinen Leistungen äußerst angezeigt. 


Wir können diesen Bericht nicht schließen, ohne des Todes von Dr. Riffel in 
Karlsruhe, Dozent der Hygiene, zu gedenken. Er starb, nahezu 90 Jahre alt, am 
11. März 1922. Seine Bemühungen um den Nachweis einer individuellen erblichen 
Anlage zur Tuberkulose durch Familienforschung sind in vier seit 1889 erschienenen 
Schriften niedergelegt. Er. war somit einer der Pioniere der Rassenhygiene. Sein 
Verdienst ist unbestreitbar, wenn er auch in der Unterschätzung der Infektion zu 
weit ging. In einem bericht der Petitionskommission der ersten badischen Kammer 
(N'r. 122, Beilage zum Protokoll der 19. Sitzung derselben am 13. Juli 1912) findet sich 
eine ergötzliche Schilderung seiner Bemühungen um Staatsunterstützung für seine 
Arbeiten und ihre Durchkreuzung durch verschiedene Mcdizinalbureaukratcn, und 
S. 10 insbesondere verweist er auf die manchmal sinnlose Verschwendung in experi« 
mcntellen Laboratorien. So wurde ein 3000 M. kostender Versuch, die Ursache des 
Brechdurchfalls in durch Verfütterung von Herbstzeitlose vergifteter Milch naehzu« 
weisen, dadurch hinfällig, daß die Kühe, was man hätte wissen können, diese über; 
haupt nicht fraßen. Einen offiziellen, bakteriologisch gerichteten Konkurrenten für 
seine Art der Familienforschung bezeichnet er als einen jungen Mann, der den Stand; 
punkt des Ministeriums gegenüber der Tuberkulose genau kannte, und daher auch 
genau wußte, was er zu tun hatte. Riffel war 1848 der Schule entlaufen, um in 
Holstein mitzukämpfen, mußte dann aber, ohne dies zu erreichen, im badischen Heere 
raitmeutern, und erzählte höchst ergötzlich, wie er die Schlacht von Waghäusel mit« 
machte, dann desertierte und wieder in die Schule geschickt wurde. Mit ihm ist ein 
origineller Mensch von aufrechtem Charakter dahingegangen. Ehre seinem Andenken! 


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250 W. Weinberg, Chronik der Gesundheitspflege. 


Literatur. 

Archiv für Rassen* und Gesellschaftsbiologie, Bd. 14, Heft 1, 1922. 

Archiv für soziale Hygiene und Demographie, Bd. 14, Heft 3, 1921. 

Bauer, Konstitutionelle Disposition bei inneren Krankheiten, 1. Aufl. 1917, 2. Aufl. 
1921. Berlin, Springer. 

Bauer, Sieben Vorlesungen über allgemeine Konstitutions* und Vererbungslehre. 
Berlin, Springer, 1921. 

Bauer, Fischer, Lenz, Grundriß der menschlichen Vererbungslehre und Rassen* 
hygiene. 

Hoffmann, Die Nachkommenschaft bei endogenen Psychosen. Berlin, 
Springer, 1921. 

Kuhn, Die Zukunft unserer Rasse. Bericht über die 42. Versammlung des 
Deutschen Vereins für öffentl. Gesundheitspflege. Braunschweig, Vieweg, 1922. 

Lundborg, Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven. Jena, Fischer, 1921. 
Peters, Uber Vererbung physischer Fähigkeiten. Fortschritte der Psvchol., Bd. 3. 
Ruedin, Studien über Vererbung und Neuentstehung geistiger Krankheiten. 
Siemens, Einführung in die allgemeine Konstitutions* und Vererbungspathologie. 
Berlin, Springer, 1921. 

Weinberg, Das Kataster der württembergischen Geisteskranken. Ungedruckt. 
Weinberg, Grundlagen und Kritik der Vererbungsstatistik. Ungedruckt. Außen 
dem Münchener med. Wochenschrift 1920 bis 1922. Deutsches statistisches Zentral* 
blatt 1916. Zeitschrift für Neurologie und Psychiatrie, Bd. 59, 1920. Zeitschrift für 
angewandte Anatomie und Konstitutionslehre, Bd. 6, 1920. 


Besprechungen. 

Denkschrift über die gesundheitlichen Verhältnisse des deutschen Volkes 
im Jahre 1920/21. Herausgegeben vom Reichsgesundheitsamt. Berlin, Reichs* 
druckerei, 1922. 59 S. 

Das Reichsgesundheitsamt hatte im Dezember 1918 eine Denkschrift herausgegeben 
(Verlag G. Stalling, Berlin), die die Schädigungen der Gesundheit des deutschen Volkes 
durch die Kriegsverhältnisse darlegte und wohl den leider nicht erreichten Zweck 
haben sollte, bei den Friedensbedingungen vom Feindbund Rücksicht auf die erbarm* 
liehe gesundheitliche Lage unseres Volkes zu erlangen. Die zweite, jetzt vorliegende 
Denkschrift schildert die weitere Entwicklung der Dinge etwa bis zum Ende des ersten 
Vierteljahres 1921. Die Ergebnisse werden in folgenden Sätzen zusammengestellt: 

„Die Untersuchung über den Gesundheitszustand des deutschen Volkes für die 
Zeit von Ende 1918 bis in das erste Vierteljahr 1921 ergibt somit: 

1. Seit dem zweiten Viertel des Jahres 1920 beginnt eine fortgesetzte Abnahme 
der vordem erheblichen allgemeinen Sterblichkeit, bei der diejenige an Tuberkulose, 
Grippe, Wochenbettfieber eine bedeutende Rolle spielten. Die Zahl der Geburten 
nimmt mit dem zweiten Halbjahr des Jahres 1919 zu, bleibt im Jahre 1920 aber noch 
hinter dem letzten Friedensjahre 1913 zurück. 

2. In den Berichtsjahren übertrafen die Typhus* und Ruhrerkrankungen noch 
wesentlich die Ziffern der Friedenszeit. Hauterkrankungen, Schädigungen der Bauch* 
organc, des Herzens und der Gefäße, des Nervensystems waren noch weit verbreitet. 

3. Die allgemeine Sterblichkeit an Tuberkulose hat sich zwar seit dem Jahre 1919 
vermindert; cs ist aber noch eine sehr wesentliche Steigerung der Ansteckungen mit 
Tuberkulose vorhanden, die sich vorzugsweise auf das frühe Kindesalter erstreckt. 

4. Für eine außerordentliche Zunahme der Geschlechtskrankheiten haben sich 
Anhaltspunkte nicht ergeben. 

5. Der Gesundheitszustand der Kinder jenseits des Säuglingsalters hat besonders 
unter dem Mangel an Milch schwer gelitten und tut sich in gehäufter Skrofulöse, 
Rachitis und Blutarmut kund. 

6. An dem Tiefstand der Volksgesundheit ist vorzugsweise der Nahrungsmangel 
schuld, der zu einer allgemeinen Unterernährung führte. Wohnungs*, Bekleidungs*, 
Kohlen* und Seifennot sowie die Teuerung verschärfen die Lage. 

Die Gesamtbetrachtung läßt für die Berichtszcit also nur bezüglich der Ver* 
minderung der Sterblichkeit und der Steigerung der Geburtenziffern eine Besserung 
der Verhältnisse erkennen. Dieser stehen aber zahlreiche schlimme Zustände gegen* 

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Besprechungen. 


251 


über. Eine weitere Zunahme der erwähnten Ernährungs* und Wirtschaftsschwierig* 
keiten wie auch etwaige Einbrüche von Seuchen können aas sich mühsam behauptende 
Gleichgewicht zerstören. An dieser Auffassung ändert vorderhand die an sich er* 
freuliche Tatsache nichts, daß die Abnahme der allgemeinen Sterblichkeit weiter fort* 
schritt und im April 1921 bereits um 1,3 auf 1000 der Bevölkerung geringer war als 
in demselben Monat des Jahres 1913. Ferner läßt leider die Mitteilung des Gesundheits* 
rates von Bremen, wonach der Ernährungszustand der Schulkinder sich um 65 Proz. 
gehoben hätte, keine Verallgemeinerung zu, noch kann sie gegenüber anders lautenden 
Berichten, z. B. aus Thüringen, als Signal für eine anhaltende Besserung der Ernährungs* 
läge gedeutet werden. Noch immer besteht eine große Knappheit an Milch und anderen 
wichtigen Lebensmitteln und wieder erhebt sich infolge der sinkenden Kaufkraft des 
Geldes, die eine stärkere Einfuhr aus dem Auslande nicht zuläßt, eine neue Teuerungs* 
welle, während die Wohnungs* und Kleidungsnöte sich in keiner Weise geändert haben. 

Ein Versuch, die voraussichtliche Entwicklung des Gesundheitszustandes des 
deutschen Volkes, insbesondere bezüglich seiner Kinder, vorherzusagen, ist wegen der 
Unsicherheit der ihn beeinflussenden Verhältnisse unmöglich. Keinesfalls aber wird 
man die gesundheitliche Zukunft der deutschen Jugend als ungefährdet bezeichnen 
können, sondern nur von einer günstigeren Gestaltung der Lebensbedingungen eine 
glückliche Wendung erwarten dürfen.“ 

Sieht man die Denkschrift im einzelnen durch, so findet man darin eine Menge 
höchst wichtiger und interessanter Einzelangaben, die in ihrer Gesamtheit sich zu 
einem sehr wenig erfreulichen Bilde runden. Die Statistik über die Bevölkerungs* 
bewegung von 1918 bis 1920 ist noch nicht vollständig genug, um allerwege eine 
erschöpfende Darstellung zu gestatten, ln der Zunahme gewisser Krankheiten, z. B. 
des Typhus (1919 in Preußen 19 562 Fälle gegen 8981 im Jahre 1913), der Ruhr, der 
Hauterkrankungen, der Herz* und Gefäßsystemstörungen, der nervösen Leiden, erkennt 
man aber deutliche Folgen noch des Krieges, der Not, der mangelhaften Reinlichkeit, 
der Unterernährung. Die Tuberkulose hat erschreckend um sich gegriffen. Ist die 
Zahl der Todesfälle an dieser Krankheit auch wieder etwas gesunken gegenüber 1918 
als dem schlimmsten Jahre, so ist die Zahl der Infektionen doch nach allen Beob* 
achtungen sehr gestiegen. Allein die Fälle von offener Tuberkulose werden für 1918 
auf 400 000 bis 500 000 geschätzt. Zumal das Kindesalter ist in hohem Maße von 
Tuberkulose ergriffen. Dagegen scheinen die Geschlechtskrankheiten nach den Er* 
hebungen im Winter 1919 doch nicht so gewaltig sich verbreitet zu haben, wie viel* 
fach vermutet wird. 

Die Schilderungen vom Gesundheitszustände der Säuglinge und der Kinder über* 
haupt liefern ein trauriges Gemälde. Nach den Berichten von Entbindungsanstalten 
kommen schon auffallend viele Kinder mangelhaft entwickelt zur Welt. Ihre richtige 
Ernährung macht Schwierigkeiten. Exsudative Diathese, Rachitis, Spasmophilie haben 
sich gemehrt. In München beispielsweise mußten von 18 000 Kindern im zweiten Lebens* 
jahre 15 500 in Fürsorge genommen werden. Die Schulkinder, und zwar bisweilen be* 
sonders die aus den Kreisen des Mittelstandes, sind in der Entwicklung zurückgeblieben, 
blutarm, rachitisch, skrofulös und mit schlechten Zähnen versehen; ihre geistige Leistungs* 
fähigkeit ist gemindert. Die Ernährung der Kinder leidet durch den Milchmangel. 
Gegen 19,8 bis 24,3 Milliarden Liter Milchertrag im Frieden war 1920 nur noch mit 
9,3 Milliarden Liter zu rechnen. Vielfach, nicht nur in Großstädten, standen nur 
0,05 Liter und weniger Milch täglich für den Kopf der Bevölkerung zur Verfügung. 
(Daß trotzdem Inlandsbutter für die Kaufkräftigen in jeder beliebigen Menge erhältlich 
ist, bedeutet eine — in der Denkschrift nicht ausgesprochene — schwere Anklage 
gegen den Reichsernährungsminister.) 

Die Wohnungsnot, verschärft durch Kohlenknapphcit und Kohlcnteuerung, wird 
kurz berührt, ebenso der Kleider* und Wäschemangel, der nach den angeführten Bei* 
spielen die gewöhnlichen Annahmen weit hinter sich läßt. 

Die vom Osten besonders durch Fleckfieber, Cholera, Pocken drohende Seuchen* 
gefahr wird zahlenmäßig belegt. Die Jahre 1920 und 1921 brachten in Deutschland 
allein 1103 und 502 Fleckfiebcrfällc, das Jahr 1920 2095 Pockenfälle (gegen 240 im 
Durchschnitt der fünf letzten Friedensjahre). Die jetzt polnisch gewordenen deutschen 
Ostprovinzen stellen schon richtige Seuchenherde dar, die polnische Kultur zeigt sich 
in zunehmender Verlausung, die leider auch in Deutschland nicht ausgeblieben ist. 

Abel. 


R. Eberstadt. Das Wohnung swesen. Aus Natur und Geisteswelt, Bd. 709. 108 S., 
11 Abbild. Leipzig, B. G. Teubner, 1922. Kart. 10 M., geb. 12 M. 

Ein kurzer Überblick des gesamten Wohnungswesens, vom Anfang der neuesten 
Zeit an bis zu den Verhältnissen der letzten Zeit. Sehr zusammengedrängt, aber von 
der Hand des erfahrenen Verfassers meisterhaft angeordnet. Abel. 


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252 


Besprechungen. 


Richard Standfuss. Bakteriologische Fleischbeschau. 111 S., 11 Abbild., 
3 Tafeln. Berlin 1922. 33 M. und 20 Proz. 

Alles in allem für den Praktiker sicher ein vortreffliches Buch! — Der 
Verf. erfüllt seine Absicht, in das Wurzelgebiet der Fleichvergiftungen einzu* 
dringen, d. h. diejenigen Krankheiten der Schlachttiere namhaft zu machen, welche in 
den Gefahrbereich der Fleischvergiftungen fallen, und deren Fleisch dementsprechend 
einer hoffentlich bald gesetzlich vorgeschriebenen, obligatorischen, bakteriologi* 
sehen Fleischbeschau zuzuführen ist, in glücklicherweise. Er hebt mit Recht die 
Wichtigkeit der Darmerkrankungen von Schiachttieren mehr hervor, als das bislang 
geschehen ist, und verweist darauf, daß nicht nur bestehende septische Erkran* 
Rungen der Tiere, die durch Fleischvergiftungserreger bedingt sind, das Fleisch zur 
Krankheitsursache machen können, sondern daß dasselbe der Fall sein kann, wenn 
die etwa vorhandenen Erreger im Darm oder in einzelnen Organen oder Körperteilen, 
z. B. in der Leber, lokalisiert sind. 

Die Angaben von Standfuss über die Technik der bakteriologischen Fleisch* 
beschau (Entnahme der Proben, Züchtung, Identifizierung der Erreger usw.) sind klar, 
und ihre Befolgung ist im allgemeinen empfehlenswert, wenngleich Verf. hinsichtlich 
der Herstellung der Nährböden und der Vielseitigkeit der „Bunten Reihe“ mir 
etwas zu weit zu gehen scheint. 

Auffällig scheint es, daß Standfuss trotz der in der Einleitung angestellten 
richtigen Beobachtung, daß nur ein wenn auch großer Teil der Fleischvergiftungen 
durch den Genuß von Fleisch, das von kranken Tieren stammt, bedingt wird und 
dementsprechend durch die bakteriologische Fleischbeschau zu verhüten ist, sich doch 
von ihrer obligatorischen Durchführung die gleichen Erfolge verspricht, die die 
Trichinenschau hinsichtlich der Bekämpfung der Trichinose gehabt hat. In diesem 
Punkte, wie übrigens auch bezüglich der Ätiologie der sogenannten Fleischvergiftungen 
und einiger anderer Punkte (Tierversuch an weißen Mäusen usw.), liegen doch wohl 
zwingende Gründe vor, durchaus anderer Ansicht zu sein wie der Verf. 

Was das Kapitel „Botulismus“ in diesem Buche in seiner mehr als unvoll* 
ständigen und manchmal direkt irreführenden (Tierversuch an Katzen) Darstellung 
soll, ist mir nicht verständlich. Ludwig Bitter (Kiel). 


Kleinere Mitteilungen. 

Bibliothek für populäre Vorträge. 

Der Reichsausschuß für hygienische Volksbelehrung hat eine Leih* 
bibliothek für Vortragende errichtet, um deren Bedürfnissen, besonders in Orten 
ohne größere Bibliotheken, zu genügen. Dank dem Entgegenkommen verschiedener 
Verleger (B. G. Teubner, Leipzig; Hirzel, Leipzig, u. a.), ferner zahlreicher Autoren, 
darunter auch Ausländer, die einschlägige Werke oder Sonderabzüge sandten, ist diese 
Bibliothek schon beachtenswert geworden. Freilich bedarf sie ständigen weiteren 
Zuwachses, wenn sie ihrem ausgedehnten Zweck gerecht werden soll. 

Es ergeht daher die Bitte an alle Autoren, die über Hygiene oder ihr naheliegende 
Gebiete (allgemeine Pathologie und allgemeine Therapie, Physiologie, Immunologie, 
Konstitution und Vererbungslehre, sexuelle Erziehung, soziale Fürsorge u. a.) arbeiten, 
Sonderabzüge möglichst in doppelter Zahl an den Reichsausschuß (Dresden* A., 
Ministerium des Innern, 4. Abteilung, Schloßstraße, ehemaliges königl. Schloß) senden 
zu wollen; diese Bitte des Reichsausschusses ist übrigens durch Rundschreiben des 
Reichsministers des Innern an die zuständigen Stellen (Universitäten, Techn. 
Hochschulen, Medizinalämter, Wohlfahrtsstellen u. a.) befürwortet worden. 


Aus dem Berichte des Schweizerischen Gesundheitsamtes über das 
Jahr 1921 ist die starke Verbreitung der Pocken mit 596 Fällen in der Schweiz hervor* 
zuheben, denen in den Jahren 1917 bis 1920 nur 0, 2, 3, 2 Fälle gegenüberstanden. Es 
handelt sich dabei um Epidemien in den Kantonen Basel, Zürich, Glarus und Aargau, 
die teilweise erst spät erkannt wurden, aber meist leicht verliefen, so daß insgesamt 
nur H Todesfälle zu beklagen waren. Der Bericht bemerkt, daß die Impfung nur mehr 
in wenigen Kantonen durchgeführt wird, und befürchtet weitere Pockeneinschleppungen 
in den nächsten Jahren. — Zur Verhütung der Einschleppung von Infektionskrankheiten 
aller Art ist an den Grenzen eine genaue Gesundheitskontrolle der Ein* und Durch* 
Wanderer angeordnet. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 

Die Hygiene des Wassers 

Von 

Prof. Dr. A. Gärtner 

Gesundheitliche Bewertung, Verbesserung und Untersuchung der Wässer. 
Ein Handbuch für Ingenieure, Wasserwerksleiter, Chemiker, 
Bakteriologen, Medizinalbeamte 

Mit 93 Abbildungen und 11 Tafeln. XXII, 952 S. gr. 8° 

Jt 90,—, geb. Jt 10b,— 

MassenerKranKungen 

durch Nahrungs- und Genußmittelvergiftungen 

Von 

Prof. Dr. Georg Mayer 

Mit 6 eingedruckten Abbildungen. 66 S. gr. 8°. J( 6,— 


Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges., Braunschweig 


Prof. Dr. C. Dorno, Davos 

Studie über Licht und Luft des Hochgebirges 

Mit 78 Tabellen sowie 11 Abbild, im Text und 19 im 
Anhang. VIII, 153 S. gr. 4°. 1911. Kart. JC 60,—. 

Physik der Sonnen- und Himmelsstrahlung 

Mit 16 Abbildungen im Text und auf Tafeln. VIII, 126 Seiten. 8°. 1919 
Geheftet JC 18,—, gebunden Jt 24,—. 

(Die Wissenschaft, Bd. 63) 

Klimatologie im Dienste der Medizin 

Mit 11 Abbildungen. IV, 74 Seiten. 8°. 1920. Preis JC 14,—. 

(Sammlung Vieweg, Heft 50) 

Sämtliche Preise erhöhen sich um den Verlags-Teuerungszuschlag. 


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Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn Akt.-Ges. in Braunschweig. 

öm Wasser. 

Chemische Beschaffenheit und Untersuchungsmethoden 

ln physikalischer, chemischer, bakteriologischer und biologischer Hinsicht 
Verwendung für" gewerbL Betriebe. Wasserversorgung und 
Entwässerung von Städten. Selbstreinigung der Gewässer. 
Abwässer und ihre Reinigung. Mineralwässer 

In Verbindung mit ' 

G. AnkJam, P. Borinski, A. Luerssen, B. Pro skauer, A. Reich, G. Schikorra, C. Wcigelt 

berausgegeben von 

Dr. H. BUNTE 

Geheimer Rat, Professor an der Technisches Hochschule Karlsruhe 

Mit 450 Abbildungen. VI, 1274 Seiten, kl.4 0 . 1918. Preis geb. 152,—. 


(Zugleich als XL Band oon Muspratts enzyklopüd. Handbuch der Techn. Chemie erschienenJ 


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Ad. Stöckhardt’s 

Die 

Schule der Chemie 

Schule der Chemie 

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erster Unterricht in der Chemie, 
versinnlicht durch einfache Versuche 

Erste Einführung in die Chemie 


für Jedermann 

Zum Schulgebrauch und 

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zur Selbstbelehrung, insbesondere für 
angehende Apotheker, Landwirte, Gewerbe¬ 

Wilhelm Ostwald 

treibende usw. 

0. Prof, an der Universität Leipzig 

Zweiundzwanzigste Auflage 


Bearbeitet von 

Vierte verbesserte Auflage 

Prof. Dr. Lassar-Cohn 

(16.—20. Tausend) 

Königsberg i. Pr. 


Mit 200 Abbildungen und einer farbigen 
Spektraltafel. XXVI, 533 Seiten. gr.8°. 1920. 

Mit 74 Abbild., XU, 450 Seiten, gr. 8». 1919. 

Mk. 36,—, gebunden Mk. 46.— 

gebunden Mk. 28,— 


Slnüllcbe Preise erhöben sich um den Verlegs-Teneranfunschlag. 


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[entliehe Gesundheitspflege 

mit besonderer Berücksichtigung der 
kommunalen und sozialen Hygiene 


in des Deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 


Unter Mitwirkung von 


Prof. 


listerialrat Prof. Dr. Dieudonne (München); Dr. fl. Elster (Berlin-Friedenau); 
Geh. Rat Prof. Dr. v. Gruber (München); Stadtbaurat Geh. Baurat Hopfner (Cassel); 
if. Dr. Kißkalt (Kiel); Ministerialrat Prof. Dr. Koelsch (München); Beigeordnetem 
f. Dr. Krautwig (Köln); Stadtarzt Geh. San.-Rat Dr. Oebbecke (Breslau); Geh. 

ledizinalrat Dr. Pistor (Hannover); Prof. Dr. Pröbsting (Köln); Prof. Dr. Selter 
anigsberg i. Pr.) ; Reg.- und Geh. Med.-Rat Dr. Solbrig (Breslau); (^eh. Oberbaurat 
.-Ing. Stübben (Berlin); Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Thiele (Dresden); Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Uhlenhuth (Marburg); San.-Rat Dr. Weinberg (Stuttgart) 


herausgegeben von 


Prof. Dr. R. flbel 

Geh. Obermedizinalrat 
Jena 


und 


Dr. S. Merkel 

Obermedizinalrat 

Nürnberg 


Jährlich 12 Hefte. Preis 96 Mark 

Für das Ausland in der Währung des betr. Landes 


Siebenter Jahrgang. 1922. Heft 8 

r Deutschen Vierteljahrsschrift für öffentl. Gesundheitspflege 54. Band) 


V- 



BRAUNSCHWEIG 

DRUCK UND VERLAG VON FRIEDR. VIEWEG & SOHN AKT.-GES. 

1922 


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Inhalt des achten Heftes. 

Seite 


Statistik und Vererbung beim Menschen. Von Sanitätsrat Dr. W. Wein¬ 
berg, Stuttgart...253 

Über den Verlauf der Diphtherie in Schöneberg von 1909 bis 1921. Von 
Dr. Lucia Hahn, Schulärztin im Bereich des Gesundheitsamtes 

Schöneberg. (Mit fünf Abbildungen«). ...... 267 

Chronik der Sozialen Hygiene. V. Organisation und Studien der 
Sozialen Hygiene. Von Dr. Alexander Elster, Berlin.275 

Besprechungen: 

Prof. Dr. A. Bacmeister. Die hausärztliche Behandlung der 

Lungentuberkulose. (Fürbringer, Römhild).283 

A Half Century of Public Health. Jubilee Hlstorical Volume 

ofthe American Public Health Association. (K. Hi ntze, Leipzig). 284 
Hoepfner. Grundbegriffe des Städtebaues. (Korff-Petersen, 

Berlin).285 

Adolf Ringllng. Die Urquellen gesunden Nerven- und Seelen¬ 
lebens, des Willens und des Glückes. (Dresel, Heidelberg). 285 
Dr. med. Rau. Die Geschlechtskrankheiten allgemeinverständlich 

dargestellt. (Dresel, Heidelberg) . ..286 

Alfred Stehr. Grundlegung zur sozialen Hygiene und Politik. 

1. Bd.j Die Entwicklung der Gefühle und das Glück. (Dresel, 

Heidelberg).*..286 

Privatdozent Dr. Simon (Frankfurt a. M.). Spätrachitis und Hunger¬ 
osteopathie. (Solbrig, Breslau).287 

Kreisarzt Dr. Nowack (Cottbus). Beobachtungen bei einer Pocken¬ 
epidemie im Landkreise Gelsenkirchen 1919/20. (Solbrig, 

Breslau).287 

Kreisarzt Dr. Ickert(Mansfeld). Können durch Benutzung gebrauchter 
Moorwannenbäder Krankheiten übertragen werden? (Solbrig, 

Breslau).287 

Lämel. Einführung in die schulärztliche Tätigkeit (Abel) .... 287 

H. Bischoff. Ernährung und Nahrungsmittel. (Abel) . 288 

Dietrich und Kaminer. Handbuch der Balneologie, medizinischen 

Klimatologie und Balneographie. (Abel).288 

Statistische Jahresübersicht über die Bevölkerungsbewegung im 

Kanton Basel-Stadt 1920 . 288 

Kleinere Mitteilungen: 

Sozialhygienische Akademie Charlottenburg .288 


Beiträge werden nur nach dem festen Honorartarif dieser Zeitschrift honoriert 



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Öffentliche Gesundheitspflege 

1922. Heft 8. 


Statistik und Vererbung beim Menschen. 


Von Sanitätsrat Dr. W. Weinberg in Stuttgart 1 ). 


Die Statistik zwingt uns, mit Zahlen und Zahlbegriffen zu arbeiten, 
und das ist immer mißlich, wenn man von vornherein damit zu rechnen 
hat, daß weder die schulmäßige Ausbildung unserer Gelehrten noch auch 
die Auslese unserer Gelehrtenwelt dazu beiträgt, das Verständnis dafür zu 
erleichtern. Trotzdem ist sie als Arbeitsmethode unentbehrlich und die 
Kenntnis ihrer Theorie notwendig, wenn es sich darum handelt, zu exakten 
Ergebnissen zu gelangen, die erhaltenen Ergebnisse richtig zu beurteilen 
und die praktische Bedeutung derselben zu erkennen. Sie kann als Methode 
auch da gar nicht entbehrt werden, wo direkte Versuche mit genau um* 
schriebenen Bedingungen angestellt werden können. 

Ich will zunächst nur darauf hinweisen, daß selbst in der Lehre vom 
Unbelebten, der Physik und Chemie, die Statistik eine erhebliche und ent* 
scheidende Rolle spielt. Die Vorstellungen, welche wir auf Grund der 
kinetischen Gastheorie über die Größe des Moleküls gewonnen haben, die 
onen* und die moderne Atomtheorie, beruhen wesentlich auf statistischen 
Auszählungen und auf dem Vergleich von Erwartung und Erfahrung, und 
auch die Richtigkeit der Voraussetzungen, von denen Gregor Mendel 
ausging, wurde durch statistische Auszählungen bestätigt. Der weitere 
Ausbau der Vererbungslehre beruht außerdem ganz wesentlich auf dem 
Vergleich, der Feststellung der Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung 
zwischen Erwartung und Erfahrung. Die Abweichung gewisser Zahlen* 
Verhältnisse von dem Mendelschema hat uns die Verknüpfung bestimmter 
Erbanlagen kennen gelehrt, und ebenso die Tatsache der Möglichkeit, diese 
Verknüpfung zu sprengen. Die Aufstellung von Hypothesen mit Hilfe der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung und ihrer Theorie hat weiterhin zu fruchtbaren 
Vorstellungen über Häufigkeit, Grad und Art dieser Korrelationen und 
ihrer Sprengung, über den Zusammenhang der Gene und den Bau der 
Chromosomen geführt, endlich zu einer entscheidenden Änderung in unserer 
•Auffassung über die Bedeutung der Chromosomen. Wir haben erkannt, 
daß sie nicht die kleinsten Einheiten der Vererbung, nicht homogen gebaut 
sind und daß sie nicht die Vermittler der unabhängigen Vererbung der 

*) Diese Arbeit wurde bereits 1 ( >21 der ersten Versammlung der Deutschen Gesell? 
schaft für Vererbungskunde vorgelegt, kam aber nicht zur Verlesung. Sie ist nur sehr 
kurz gehalten, weil infolge der sehr eigentümlichen Differenzierung in der Zeit der Auf¬ 
forderung zu Vorträgen mir nur vier, auch sonst durch intensive Arbeit beanspruchte 
Wochen zur Verfügung standen. Ihr Inhalt steht seit l l M9 fest und ist in den wichtig¬ 
sten Teilen seither den Herren v. G ruber und Ruedin bekannt. Eine Unterstützung 
in der Drucklegung der Begründung meiner Gedanken habe ich nicht gefunden; bis 
diese erfolgt, muß ich Interessenten bitten, sich mit mir persönlich ins Benehmen zu 
setzen. 


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16 * 

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254 


W. Weinberg, 


einzelnen Gene darstellcn, sondern ein Hindernis derselben, und diese 
Erkenntnis ist ihrerseits geeignet, auch die Anwendung der Wahrschein* 
lichkeitsrechnung zu beeinflussen. Zweifelsohne sind die wertvollsten und 
dauerhaftesten Ergebnisse da zu erwarten, wo sich Versuch und Statistik 
ergänzen, wie bei den Zuchtversuchen an Tieren und Pflanzen. 

Beim Menschen sind wir im allgemeinen nicht in der Lage, direkte 
zielbewußte und wohlüberlegte Experimente zu machen; wir müssen uns 
vielmehr darauf beschränken, a posteriori diejenigen ungewollten Kreuzungs* 
experimente herauszufinden, welche eine eindeutige Beurteilung ermöglichen, 
oder aus bestimmten statistischen Erscheinungen das Bestehen bestimmter 
Vererbungsregeln zu erkennen. So wird uns das ausschließliche Auftreten 
von Trägern eines Merkmals bei der Kreuzung zweier solcher Träger von 
besonderer Bedeutung ein Beweis für die Rezessivität und gegen die 
Homomerie der ihm zugrunde liegenden Gene sein, die Verteilung der 
beiden Geschlechter wird uns auf die Geschlechtsbedingtheit eines Merk* 
mals, die Häufigkeit der Abstammung seiner Träger aus Ehen naher 
Blutsverwandter auf seine Rezessivität oder Dominanz oder vielleicht, 
vorsichtiger ausgedrückt, auf seine vorwiegende Bedingtheit durch rezessive 
oder dominante Gene hinweisen. 

Um aber ein richtiges Bild von der Tragweite und den Grenzen der 
statistischen Methode zu gewinnen, dürfen wir uns nicht mit der Fest* 
Stellung einiger positiver, sozusagen spielerisch gewonnener Erfolge begnügen. 
Wir müssen uns auch mit den Fehlschlägen und deren Ursachen beschäftigen. 

Zwei Gesichtspunkte sind hier hauptsächlich maßgebend. Einmal sind 
die Gene nicht die einzige Ursache der Lebenserscheinungen, diese werden 
vielmehr auch durch äußere Faktoren beeinflußt. Welcher Art diese äußeren 
Faktoren und wievielartig sie sind, ist von untergeordneter Bedeutung 
gegenüber dem Umstande, daß sie in ihrer Gesamtheit ein Hindernis bilden 
für die Gewinnung exakter Mendelzahlen, indem durch ihre Wirkung Geno* 
typus und Phänotypus nicht zur Deckung gebracht werden können. Das 
zahlenmäßige Problem, das sich hieraus und aus der damit verbundenen 
Bildung von Kreuzungsgemischen ergibt, läuft darauf hinaus, ein Bi